Beiträge von Christian B.

    Man kann diese Systeme doch gar nicht vergleichen. Ich persönlich bin für mich zu dem Schluss gekommen, dass eine gut recherchierte und gut geschriebene oder gut gemachte Reportage einen größeren Erkenntnisgewinn verspricht als diese unzähligen willkürlichen Stimmen auf einem Portal wie X. Wobei ich das OSINT-Netzwerk dort schon sehr spannend finde. Aber letztlich geht eine starke Reportage viel mehr in die Tiefe. Bestes Beispiel: V13 von Emmanuel Carrère. Ein Buch, das aus einer Reportage für eine Zeitschrift hervorging. Sehr bewegende Lektüre. Eine entsprechende Qualität ist auch bei Dokus und Reportagen möglich.

    Dank youtube sind einige interessante und längst vergriffenen Aufnahmen dieses ungewöhnlichen Pianisten wieder verfügbar, darunter eine faszinierende Einspielung der C-Dur Fantasie (Stretta!) und ein Konzertmitschnitt von Chopins Sonate op. 58, die ich Ende der 80er Jahre auch einmal live von Shukov gehört habe - im dritten Satz meiselt er das Thema heraus wie sonst kaum ein Pianist. Ich bin immer wieder erstaunt, wie so ein schmächtiger Mensch solch einen voluminösen Klang entfalten kann:



    Sein Programm auf dem Klavier-Festival Ruhr am 1.7.24 finde ich spannend:


    Maurice Ravel Sonatine | Valses nobles et sentimentales | Gaspard de la nuit
    Franz Liszt Années de Pèlerinage: Deuxième année „Italie“ S 161


    Habe gerade noch einmal nachgelesen, wie wir über ihn vor ein paar Jahren anlässlich seines Gewinns des Chopin Wettbewers diskutiert haben.

    Seine Chopin-Scherzi (2021) habe ich gerne gehört, rein klanglich sind seine Aufnahmen immer eine Freude: funkelnd und vom Ton her abgerundet und eher 'warm'.

    Moderatoren wie Lanz und Welke bringen dem ÖRR hohe Marktanteile und Einschaltquoten. Es wurde kürzlich vom "Zukunftsrat" der Sender ein umfassender Reformvorschlag präsentiert, der die Quotenfixierung des ÖRR in Frage stellt. Das ist eine interessante Entwicklung:


    https://m.dwdl.de/a/96442


    Zitat:


    „Und dann gibt der Zukunftsrat der Politik und den Anstalten noch ganz Grundsätzliches mit auf den Weg: Der Erfolg von ARD, ZDF und Deutschlandradio bemesse sich nicht in erster Linie quantitativ nach der Nutzung. Die vorrangige Fixierung auf das, was beim Publikum kurzfristig funktioniert, gefährde sogar die Erfüllung des Angebotsauftrags und mindere mittelfristig die Akzeptanz. Befreit von Marktlogiken sollen und müssen die Öffentlich-Rechtlichen ein "ganz eigenes Angebot schaffen, das sich deutlicher von privatwirtschaftlichen Medien unterscheidet", so der Zukunftsrat in seinem Bericht. "Die Öffentlich-Rechtlichen müssen überdurchschnittlich innovativ sein und Standards für hochwertige und substanzielle Angebote setzen. Nicht überwiegend Altbewährtes, sondern mehr Neues, Kühnes ist gefragt – im linearen und ganz besonders im nonlinearen Bereich."


    Ich bin sehr gespannt, ob diese tiefgreifenden Reformvorschläge ansatzweise umgesetzt werden. Das muss man im Auge behalten.


    Viele Grüße, Christian

    Was für ein starkes Programm - viele erstrangige Pianisten, die ich noch nie live gehört habe. Für mich ist die Anreise leider sehr weit - man müsste dann ja eigentlich länger dort bleiben, um nicht nur ein Konzert mitzunehmen.

    Unter diesen Umständen können wir natürlich auch die a-moll-Sonate problemlos als Ausbruch schierer Heiterkeit deklarieren.

    Ich staune auch immer wieder über die Popularität der Moments musicaux D.780.

    Wahrscheinlich verdankt sie sich allein dem tänzerischen dritten Stück in f-Moll.


    Der Rest und vor allem das letzte Stück in As-Dur (!) lässt jegliche Vergnügungen weit hinter sich. Die Monotonie dieses langen Stücks (bei Sviatoslav Richter 11:45) wirkt auf mich ausgesprochen hoffnungslos und deprimierend. Das Stück führt nirgendwo hin. Das ist schon sehr radikal komponiert.


    Pianistisch gilt D.780 auch als eher einfach, aber was heißt das schon bei Schubert?

    Ashkenazy macht im zweiten Satz den Unterschied zwischen p und ppp sehr gut hörbar!

    Die Aufnahme hatte ich gar nicht mehr im Kopf.


    Im weiteren Verlauf ist dann ja sogar zwischen pp und ppp zu differenzieren. Hier allerdings ahnt man den Unterschied nur noch, wenn man die Noten kennt. Und zwar bei allen mir bekannten Interpreten.


    Insofern finde ich schon, dass auch diese vermeintlich „leichte“ Sonate genügend Herausforderungen bietet ;-)


    Viele Grüße und Danke für den Hinweis auf Ashkenazy!

    (Gewisse ppp-Stellen im Andante hätte ich mir in Radu Lupus eindrücklicher Interpretation noch leiser gewünscht.)


    Vielen Dank für das Video mit den mitlaufenden Noten, die ich von dieser Sonate nicht besitze. Ein ppp ist schwer zu realisieren, auch in D.960 gibt es am Ende der Durchführung so eine Stelle, die nur wenige Pianisten anzudeuten vermögen. Hier hätte ich kein ppp vermutet, insofern sind die Noten aufschlussreich. Zudem steht ja auch noch Sordini, also mit Dämpfer. Die schnell zu spielenden, punktierte Bewegung erschwert wohl die Umsetzung. Bei Richter finde ich es am besten, wobei er den Satz auch am langsamsten spielt.

    Ich freue mich gerade sehr über die Oscar-Nomminierungen. Wer ihn noch nicht gesehen hat, sollte sich DAS LEHRERZIMMER von Ilker Çatak jetzt anschauen. Mut zahlt sich manchmal doch aus. Und sehr fasziniernd ist natürlich auch Sandra Hüller in der französischen Produktion!


    Hier geht‘s zur Pressemitteilung des Produzentenverbandes:

    https://www.produzentinnenverb…lles/oscar-berlinale-2024

    Also hoffe ich auf Spielberg, der ja zu Kubrick (s. "A. I.") eine Beziehung hat.

    Darauf bin ich auch schon sehr gespannt! Dass ein Meister wie Ridley Scott sich an Napoleon verhebt, hat mich überrascht. Immerhin ist das der Mann, der Alien, Blade Runner und Gladiator gedreht hat. In Deutschland haben sich Napoleon ca. 1 Mio Besucher im Kino angesehen. Das ist einerseits durchaus beachtlich, andererseits für einen Film dieser Größenordnung mit so einer Marketingkampagne natürlich viel zu wenig. Da wurden bestimmt eher 3 Mio erwartet oder erhofft. Das IMDB Ranking liegt bei 6.5/10, was gar nicht so schlecht ist. Gladiator und Alien (1979) haben jeweils 8,5/10 - das sind absolute Spitzenwerte, die sehr selten erreicht werden.

    Wie hätte das funktionieren sollen?

    Auf Wikipedia werden zwei Biografien als Quelle genannt. Schwer vorstellbar bei seinem schmalen Repertoire. Viel interessanter als diese Frage - ich war selber erstaunt davon zu lesen - ist aber die oben eingestellte Doku von Eric Schulz, die hier direkt noch nicht verlinkt war. Absolut sehenswert!

    Vielleicht wurde diese sehenswerte Doku hier noch nicht eingestellt, man sollte sie kennen, bevor man ihn einen Blender nennt. Das ist natürlich Unsinn:



    Man kann das Video offenbar nur direkt auf youtube ansehen. Vor allem die legendären Stuttgarter Proben sind sehr sehenswert und auch was Kollegen wie M. Gielen und Manfred Honeck über ihn sagen.

    Immer die gleichen Werke, das erinnert an ein Gefängnis ohne Fluchtmöglichkeit. Es gibt wohl noch Mitschnitte der zweiten Brahms-Symphonie und 2014 ist eine Aufführung von Mahlers Lied von der Erde aufgetaucht.


    Auf Wikipedia habe ich soeben gelesen, dass die Berliner ihn als Nachfolger Karajans haben wollten, was er jedoch ablehnte.

    Eigentlich unfassbar, dass es ihm mit nur neun (!) Studioeinspielungen gelungen ist, so einen Ruf aufzubauen. Im Vergleich dazu hat ABM ja am Fließband produziert ;-)


    Es gab auch kaum Kleiber-Konzerte, in die man gehen konnte, ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass ich in den 90er Jahren in München irgendwo mal eine Ankündigung gesehen hätte. Das wäre mir aufgefallen. Ich habe nur immer mal wieder in der Zeitung von sehr abgelegenen Konzerten gelesen, die Kleiber irgendwo am Ende der Welt dirigiert hat. Zum Beispiel auf Las Palmas! Was oder wer auch immer ihn dorthin eingeladen hat. Das Konzert soll toll gewesen sein, so damals die FAZ. Es wurde auch gemunkelt, dass ihn der Medienmogul Leo Kirch für ein Konzert zu seinem Geburtstag engagiert hat. Kirch war wohl ein Liebhaber klassischer Musik, viele Aufzeichnungen klassischer Musik sind in einer seiner Firmen entstanden und werden heute noch von der Unitel GmbH vertrieben, die aus der Insolvenzmasse hervorging.


    Der oben verlinkte Spiegel-Artikel ist ja ganz wunderbar, vielen Dank! Den kannte ich noch nicht.

    Ich sehe in Kleiber einen selbstgefälligen, zerrissenen, sich selbst Inszenierenden Dirigenten, der es schaffte Aufmerksamkeit auf sich zu fokussieren, durch seine Launen, seine Absagen, sein sich "rar" machend.

    Anlässlich der Besprechung des Neujahrskonzertes unter Thielemann hat Alfred auf diesen Thread verwiesen, in dem sich lange Zeit nichts mehr getan hat. Allerdings gab es seitdem auch keine Veröffentlichungen mehr, die dazu einen Anlass gegeben hätten. Ich habe mir jetzt mal wieder Kleibers Aufnahme von Beethoven 4. Sinfonie angehört und muss sagen, dass diese nichts von ihrer Funken sprühenden Energie verloren hat. Ich verstehe gar nicht, warum Alfred diese Aufnahmen lächerlich nennt? Auch klanglich finde ich sie ganz wunderbar.


    Für mich persönlich ist sein Repertoire allerdings zu begrenzt.


    So unterschiedlich sind Einschätzungen.

    In der Tat dirigiert Thielemann einige der Werke - so auch den Donauwalzer - als das was sie in der VORLIEGENDEN Form auch sind: KONZERTWALZER

    Sie sind NICHT zum tanzen gedacht !!

    Sie sind subtiler zu interpretieren und näher an der "ernsten" "klassischen Musik"

    nicht bei Interpreten.

    Unter Thielemann spielen die Philharmoniker die zweite und dritte Viertel des Walzers ja eben gerade nicht subtil, sondern wie abgehackt und jede Viertel alleinstehend. Höre das nur ich so??? Bei Kleiber klingt das viel geschmeidiger, auch feiner und klanglich mehr zugespitzt. Ich bin kein Kleiber-Verehrer, dafür hat er zu wenig dirigiert in dem von mir geschätzten Repertoire, aber bei ihm sind diese Walzer elektrisierend.

    Wie schon weiter oben gesagt kann ich die Begeisterung über Thielemanns Donauwalzer nicht nachvollziehen. Er dirigiert bereits den Walzer-Rhythmus weniger fließend und wie buchstabiert - nicht gegen den Strich, aber im Vergleich zu Kleiber 1989 weit weniger mitreißend. Aber ich bin auf dem Gebiet nun wahrlich kein Experte. Die anderen Stücke des Konzerts werde ich noch anhören, bin natürlich besonders auf die Bruckner-Entdeckung gespannt. Viele Grüße, Christian

    Man sollte sich dessen bewusst sein, daß Schuchter einen etwas anderen Zugang zu Schubert hat, als etliche andere Pianisten: Er spielt entspannt und unverkrampft - ohne aufgesetzt oder überbetonte Affekte. Das mag mancher vermissen.

    Lieber Alfred, ich habe die Einspielungen von Schuchter auch eher unauffällig in Erinnerung, aber hörenswert und in ihrer Ausgeglichenheit auch durchaus angenehm. Vermisst habe ich nichts, aber mitgerissen war ich auch nicht. Die Frage ist für mich, ob Schuchters Zurückhaltung eine stringente gestalterischen Entscheidung ist oder schlichtweg Indifferenz?


    Der von mir geschätzte Bernd Stremmel beurteilt seine Aufnahme von D. 960 sehr streng:

    "I wechselnde Tempi, enggefasste Dynamik, Pianist greift kaum auf die vom Notentext angebotenen Möglichkeiten zurück, T. 167-172 technisch nicht ganz bewältigt, II sehr nüchtern, schwerfällig, Musik tritt auf der Stelle, III Scherzo durchgespielt, ohne dynamische Differenzierung, wenig geschmeidig, Trio etwas langsamer, IV zögerlich bemüht, Klavierspiel kaum auf höchstem Niveau"

    Inzwischen wurde AN DER SCHÖNEN BLAUEN DONAU als Single vorab veröffentlicht (bspw. auf Spotify). Da ich das Konzert mit Thielemann nicht gesehen habe, war ich jetzt sehr gespannt. Aber ich muss sagen, dass ich die Ausführung dieses schönen, langen Walzers buchstabiert und vom Rhythmus etwas abgehackt finde.

    Kein Vergleich mit dem viel geschmeidigeren Kleiber 1989.


    Dieser Thread wird aber - wie berits angekündigt - in wenigen Stunden in den Tritsch-Tratsch-Bereich verschoben, wo er dann - nach angemessener Frist - gelöscht wird.

    Wieso denn das? Ich höre mich gerade erst ein und warte auf die Veröffentlichung des Konzerts nächste Woche. Seit einiger Zeit mal wieder ein sehr lebendiger thread. Da ist noch Musik drin ;-)

    es war eie fiktive Konstruktion von mir. Vermutlich und hoffentlich . gibt es solche aufführungen gar nicht.

    Ich empfehle Dir die Lektüre des bewegenden autobiografischen Buchs ANLEITUNG EIN ANDERER ZU WERDEN von Edouard Louis, ein (inzwischen nicht nur) in Frankreich gefeierter Autor, der wortwörtlich aus der Gosse (eine Kohleabbauregion) kommt und der über eine Theateraufführung an seiner "Hilfsschule" (vielleicht war es auch eine Mittelschule, das müsste ich nachlesen) einen Weg in ein völlig anderes Leben gefunden hat. Das Buch ist Dir teilweise vermutlich zu vulgär - darüber kann man ja hinweglesen -, aber es gibt kein besseres Beispiel, warum Kultur nicht nur der konservativen, gebildeten Gesellschaft zur Selbstergötzung dienlich sein sollte. Und warum Theater an Hilfsschulen etwas im Menschen bewegen kann.


    Viele Grüße

    Christian

    Ja klar, aber er bezieht sich doch ausdrücklich auf das Tempo der ersten drei (Klavier-)Takte in Bezug zum folgenden Hauptthema der Bläser. Und da sind alle Aufnahmen, die ich aus seiner Liste gehört habe, langsamer.

    Ich habe es so verstanden, dass er sich hier nur auf das "Vergessen des Ausrufezeichens" der Holzbläser bezieht, wobei ich gar nicht ganz begreife, was er mit Ausrufezeichen in diesem Zusammenhang eigentlich genau meint.


    Ansonsten schätze ich - wie anderswo schon mal gesagt - seine instruktiven und genauen Hinweise sehr, ohne dabei immer seinen Urteilen folgen zu wollen.


    Die von ihm empfohlenen frühe Arrau-Aufnahme aus den 40er Jahren ist übrigens sehr hörenswert. Auch Rubinstein ist toll. Man landet doch immer wieder bei den alten Meistern, ob man will oder nicht ;-)

    Das finde ich etwas merkwürdig: Ich habe eben in fast alle diese Aufnahmen reingehört, und der einzige, der beinahe im selben Tempo bleibt, ist Matacic mit Svjatoslav Richter. Insofern stimmt die Liste, die Bernd Stremmel da aufstellt, nicht.

    Seine Aufstellung bezieht sich wohl nicht auf die ganze Einleitung, sondern auf die Ausführung der Passage mit den Holzbläsern.