Beiträge von ThomasNorderstedt

    Zur Kliegel-Aufnahme ist hier im Thread ja noch nicht so viel zu lesen (das Grau ist nur Pappe, unter der Oberfläche sieht die Aufnahme naxostypisch aus):



    Letzten Sonnabend habe ich mir die Kliegel-Einspielung gekauft. Den Eindruck, dass sich der Kauf gelohnt hat, hat mir das mittlerweile zweimalige Hören nicht verschaffen können. Von daher interessiert mich, wie ihr zu der Kliegel-Aufnahme steht. Gefällt sie euch besser als mir oder stehen die beiden CDs bei euch auch nur im Schrank rum und hört ihr lieber andere Aufnahmen?


    fragt freundlich grüßend
    Thomas

    Zitat

    Original von Michael Schlechtriem
    Mein Problem mit der Rachmaninoff- Sonate besteht darin, daß in diesem Werk ein eher technisch einfacher Cellopart einem wesentlich schwereren Klavierpart gegenübersteht.


    Ein guter "prima vista" Cellist könnte den Cellopart dieser Sonate durchaus fast fehlerfrei vom Blatt spielen, während sich der Klavierpart auf dem "normalem", sehr hohe Anforderungen an den Pianisten stellenden Niveau befindet, welches bei Rachmaninoff üblich ist.


    Mir ist es immer als Cellist ein wenig peinlich, schwelgen zu dürfen(oder halt einfach schöne Melodien spielen zu können), während der Pianist vor allem Schwerstarbeit zu absolvieren hat.


    Lieber Michael,


    dein „Problem“ erstaunt mich. Wahrscheinlich bist du unter deinen Musikerkollegen mit deiner Auffassung nicht allein, ich als Hörer habe allerdings Schwierigkeiten damit, sie nachzuvollziehen und möchte gern versuchen, meine Schwierigkeiten zu begründen:


    Von wesentlicher Bedeutung für meinen Standpunkt ist, dass die Bewältigung des Celloparts sich nicht in der fehlerfreien Wiedergabe der Noten erschöpft (da dürften wir uns schnell einig sein, denke ich). Über die Klaviersonaten von Mozart gibt es das schöne Bonmot von Schnabel, sie seien für Kinder zu leicht, für Pianisten zu schwer. Ohne Rachmaninow mit Mozart gleichsetzen zu wollen, liegt es nahe, dieses Bonmot auf den Cellopart der Rachmaninow-Sonate zu münzen und zu folgern: Die „Arbeit“ für den Cellisten fängt mit der technischen Beherrschung des Stückes erst an. So gesehen ist die Rachmaninow-Sonate nicht leicht, sondern im Gegenteil sogar besonders perfide. Fehlerfreies Spielen genügt hier nicht, um zu beeindrucken. Ja, wenn man schön schwelgt, wird der Applaus nicht ausbleiben. Höre ich aber die sich durchaus deutlich unterscheidenden verschiedenen Aufnahmen der Spitzencellisten, wird schnell klar, dass diese Sonate viel mehr beinhaltet.


    Zum zweiten ist die Sonate eben gerade deshalb schwer, weil der Cellopart und der Pianistenpart so unterschiedliche Anforderungen stellen. Oben ist schon mehrfach die Schwierigkeit der Balancefindung angesprochen worden. Diese besteht aber nicht nur bzgl. der Lautstärke. Es gilt auch die unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade so zum Ausgleich zu bringen oder besser darzubieten, dass sie dem Publikum nicht als Mangel des Stückes auffallen. So kann es durchaus vorkommen, dass der Pianist, auch wenn er sich dynamisch zurückhält, dem Cellisten die Butter vom Brot nimmt (wenn es dem Publikum mal nicht nur aufs Schwelgerische ankommt). Ist ein Pianist wirklich in der Lage, seinen Part nicht nur fehlerlos darzubieten, sondern auch künstlerisch zu gestalten, stellt sich für den Cellisten, will er das Ungleichgewicht vermeiden, die Gretchenfrage: Womit kann ich antworten? Der notierte Cellopart gibt so viel ja gar nicht her. Inwieweit ist es erlaubt, aus den notierten Noten „etwas zu machen“, zu verzieren usw.? Die Antworten der Cellisten auf den in meinem Besitz befindlichen CDs (seit meinem Eröffnungsbeitrag sind einige dazu gekommen) sind – wie gesagt – sehr unterschiedlich. Mir ist es immer wieder eine Freude, ihnen dabei zuzuhören, wie sie einzelne Stellen nutzbar machen, um dem Cellopart das gewisse Extra zu geben (und ihren cellistischen Rang damit zu verdeutlichen).



    Zitat

    Das Schmalzige an Rachmaninoff, falls vorhanden, kann man getrost seinen Interpreten vorwerfen, meiner Meinung nach.


    Schmalzig ist ein Wort mit unscharfem Begriffsinhalt. Heute gehört habe ich die Aufnahme von Rostropowitsch mit Dedyukhin aus dem Jahre 1957 (nach dem Booklet seine einzige Aufnahme der Sonate):


    [am] B000062R5A[/am]


    Rostropowitsch reichert den Cellopart Stück in vielerlei Hinsicht an, spielt sehr ausdrucksstark, vibratoreich. Trotz dieser Ausdrucksstärke würde keiner dieses Spiel, unverkennbar das eines Meisters, schmalzig nennen. Nur kann man darüber diskutieren, ob diese Ausdrucksstärke dem Werk angemessen ist. Oder handelt es sich nur um eine Geschmacksfrage? Mir persönlich jedenfalls liegt dieser ausdrucksintensive Stil in diesem Stück nicht so sehr. Wahrscheinlich, weil es dann doch in die Nähe des Zu-sehr-aufgedonnert-seins gerät.


    Oben habe ich Eggebrecht zitiert: „So wird bei Yo-Yo Ma und seinem Partner Ax aus einem etwas aufgedonnerten Salonstück ein eindringliches Exempel spätromantischer Ensemblekunst.“


    Nun, die Aufnahme von Ma und Ax, aufgenommen 1990, habe ich mittlerweile auch gekauft und heute ebenfalls gehört:



    Sie ist wundervoll! Ma nimmt das Lento zu Beginn des ersten Satzes sehr langsam und feinsinnig und macht damit sogleich deutlich, dass er nicht gewillt ist, die espressivo-Presse anzuschmeißen, sondern sich im Gegenteil den Noten geschmackvoll, ja, erlesen nähern möchte. Und dieses Versprechen löst er ein. Mit nichts wäre sein Spiel falscher beschrieben als mit „schmalzig“. Auch schwelgerisch trifft es nicht. Vielmehr lässt Mas der Sonate eine Belle Epoque-Stimmung zukommen, die mit nostalgisch-feiner Wehmut annäherungsweise umschrieben werden kann. Überdies hat diese Aufnahme das beste Zusammenspiel zu bieten, das ich auf CD gehört habe (neben den oben genannten Aufnahmen besitze ich noch Tortelier/Heidsieck aus 1968, Isserlis ist auf dem Weg zu mir). Ax steht Ma in nichts nach. Er gestaltet seinen Part ebenso geschmackvoll und leidet nicht wie manch einer seiner Kollegen an einer tontechnischen Zurücksetzung. Ganz großartig!





    Leider erinnere ich mich nicht mehr, wo ich das von mir Ausgeführte gelesen habe, so dass ich dir keine Fundstelle nennen kann. Es dürfte darauf aber auch nicht ankommen, denn mir scheint, du hast mich missverstanden, wohl weil ich mich nicht hinreichend deutlich ausgedrückt habe. Ja, ich habe oben geschrieben, dass Rachmaninow die Sonate zur Unterhaltung des Publikums schrieb. Nein, ich meine das nicht negativ (ich dachte, das oben deutlich genug geschrieben zu haben, ich habe ja mehrere Kreisel zur Relativierung des Begriffs Unterhaltungsmusik gedreht, von Unterhaltungsmusik im besten Sinne geschrieben). Keineswegs wollte ich zum Ausdruck bringen, dass Rachmaninow bewusst Musik schrieb, von der er nichts hielt, weil er sich beim Publikum anbiedern wollte, auf das Publikum schielte, wie du schreibst. Ich habe keine Zweifel daran, dass Rachmaninow mit ganzem Herzen sein Bestes in die Musik hineinlegen wollte und dabei schwer mit sich rang.


    Richtig bleibt m. E. aber dennoch, dass es ein Unterschied ist, ob man eine Cellosonate für sich schreibt oder zum Zweck der Aufführung auf einer bevorstehenden Konzertreise.


    Viele Grüße


    Thomas


    Hallo Frank,


    Cellosonatenphasen habe ich auch regelmäßig. Wenn du magst, kannst du ja an Ort und Stelle über die Einspielung berichten: Rachmaninow – Cellosonate op. 19


    Gruß, Thomas

    Zitat

    Original von flotan


    Wolfgang Fortner: Violinkonzert
    Gerhard Taschner, Violine
    Hans Rosbaud & SWF-Orchester Baden-Baden


    Diese CD habe ich schon ein paar Mal fast gekauft. Taschner ist für mich immer noch ein Geiger, den es zu entdecken gibt. Ein bisschen Kammermusik habe ich mit ihm (und Hoelscher, Gieseking). Die finde ich grandios. Für den Kauf einer Konzert-CD hat es bislang noch nicht gereicht. Dabei kenne ich die Konzerte von Pfitzner und Fortner bislang gar nicht. Andererseits: Bruch möchte ich wirklich nicht noch mal haben. So enthält diese CD Anziehendes und Abstoßendes zugleich.


    Was ist, lieber Flotan, magst du ein bisschen Werbung machen und mir verraten, in welche Richtung die Konzerte von Pfitzner und Fortner gehen?


    :hello: Thomas

    Lieber Jacques Rideamus,


    nimm es bitte nicht als Drohung, sondern als Mitteilung. Die geringe Beteiligung im aktuellen Thread ist nur Anlass, nicht Ursache für meinen Entschluss. Ursache ist die Erkenntnis, dass das Ergebnis den Aufwand nicht rechtfertigt. Nüchtern betrachtet hat es auf die Beteiligung in einem Thread nur einen sehr geringen Einfluss, ob er im Rahmen von "Alle sprechen über" gestartet wird.


    Im Übrigen: Die allgemeine Schwächephase nehme auch ich wahr und komme nicht umhin, festzustellen, dass auch bei mir die Lust, sich einzubringen, deutlich geringer geworden ist.


    Wenn jemand den Thread fortsetzen möchte, steht es ihm frei.


    Lieben Gruß


    Thomas

    Leider zeigt der aktuelle Thread, dass die mit "Alle sprechen über" verbundenen Zielsetzungen nicht erreicht werden. Ich muss feststellen, dass von einem "Alle sprechen über Ives´ Unsanswered Question" nicht die Rede sein kann. Sondern es beteiligen sich wie in den vorherigen Runden nur diejenigen, die sich an einem solchen Thread ohnehin beteiligt hätten - es gibt Ausnahmen, die halten sich aber sehr in Grenzen.


    Meiner Meinung nach ist es daher nicht sinnvoll "Alle sprechen oder" fortzuführen.


    Daher werde ich "Alle sprechen über" nicht weiter betreiben.


    Viele Grüße


    Thomas

    Ich habe in den letzten Tagen gekauft:






    Auch gekauft habe ich:



    Eigentlich hatte ich ja nach den vielen schlechten Kritiken vom Kauf dieser CD abgesehen. Nachdem sie hier im Forum allerdings dann doch von einem von mir geschätzten Forianer empfohlen wurde, dachte ich, ich sollte mir ein eigenes Bild machen. Nun, das Anhören der Aufnahme (ich schreibe nur über Schostakowitsch) führte unmittelbar zum Bestellen der links oben genannten CD ...


    Viele Grüße
    Thomas

    Nur kurz als Antwort zu Jacques Rideamus´ Beitrag, um Missverständnissen vorzubeugen (ich habe vor, noch offene Fragen aufzugreifen, habe im Moment aber nur wenig Zeit):


    Im Sinne der o. g. performativen Sichtweise ist ein Zuschauer, der schläft, überhaupt nicht passiv. Im Gegenteil greift er massiv in das Aufführungsereignis ein. Probehalber stelle man sich vor, das gesamte Publikum würde einschlafen. Dieser Vorgang hätte massiven Einfluss auf die Aufführung. Die Akteure auf der Bühne würden auf das schlafende Publikum reagieren. Die Aufführung würde massiv gestört.


    Viele Grüße


    Thomas

    Zitat

    Original von Michael M.


    Aber allmählich bekomme ich ein schlechtes Gewissen und hoffe, dass es morgen gelingt, diesen thread wieder zu der eigentlichen Intention des thread-Starters zurückzuführen.


    Gute Nacht,
    Micha


    Hallo Micha,


    für ein schlechtes Gewissen besteht überhaupt kein Anlasss. Vielmehr verschaffen mir die oben angesprochenen Begriffe der Werktreue und der Grundsubstanz des Werkes die willkommene Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass der Begriff Werktreue nach heutigem theaterwissenschaftlichen Stand problematisch ist, und zwar aus zwei Gründen:


    Zum einen habe ich oben bereits darauf hingewiesen, dass aufgrund der je eigenen Aufführungssituation je eigene Bedeutungen entstehen. Es wird mithin nicht das Werk dargeboten, sondern es ereignet sich eine Aufführung. Der Begriff der Werktreue entstammt der aus Sicht der Performativität überholten Ordnung der Repräsentanz, bei der Aufführung geht es jedoch um die Ordnung der Präsenz, die ganz anderen Beurteilunsmaßstäben unterfällt.


    Zum anderen unterschlägt die Sichtweise von der Werktreue die Zeichenhaftigkeit des Theaters. Das ursprüngliche Werk steckt voller - im Falle der Oper im wesentlichen musikalischer und textlicher - Zeichen. Diese Zeichen - Fischer-Lichte spricht in ihrem Standardwekr "Semiotik des Theaters, Bd. 1 von dem theatralischen Code - müssen von den jeweiligen Akteuren dekodiert und dann wieder in aufführungspraktische Zeichen wie z. B. Sprachzeichen, Kostümzeichen, Verhaltenszeichen wie z. B. Gestik usw. enkodiert werden. Aufgrund dieses Vorgangs kommt das Werk vereinfacht gesprochen nie ungefiltert auf die Bühne, sondern wird die Aufführung auch unabhängig von dem dann noch hinzukommenden Beitrag des Zuschauers im obigen Sinne immer wieder neu und anders.


    Vor diesem Hintergrund ist es sehr naheliegend, das aufzuführende Werk eben doch nur als Material zu verstehen. Es freut mich sehr, dass du, lieber Micha, dich ebenfalls für das Thema interessierst. Ich hatte in meinem Startbeitrag zu diesem Punkt noch einige Absätze mehr geschriebeben, diese aber wieder gelöscht, weil ich befürchtete, für viele hier zu weit zu gehen. Vielleicht schreibe ich sie demnächst neu.


    :hello: Thomas

    Lieber Alviano,


    ich hatte zugesagt, dir etwas zu meinen Überlegungen zum oben genannten Thema mitzuteilen. Entschuldige bitte, dass ich erst jetzt dazu komme. Bevor ich aber einsteige, möchte ich zunächst einmal für alle Interessierten die relevanten Beiträge in Erinnerung rufen:



    Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Lieber Thomas,
    im Sprechtheater geht das wohl etwas leichter; im Musiktheater verlieren die Protagonisten dadurch zu leicht den Kontakt zur musikalischen Leitung. Zumindest besteht eine gewisse Gefahr dazu.
    Ich kenne lediglich ein paar Aufführungen mit den schon bekannten Auftritten durch die Publikumsreihen. Die Musikhochschule hat einmal auf ihrer Probebühne Brittens "Albert Herring" gebracht, und zwar so, daß im zweiten Akt das Publikum an den Rändern der gesamten Spielfläche saß und dadurch "Teilnehmer" der Maifeier wurde. In Menottis "Globolinks" trieben sich die Außerirdischen natürlich im Publikum herum. In Ligetis "Grand Macabre" im Jugendstiltheater fand der Umzug durch die Zuschauerreihen statt etc.
    :hello:



    Zitat

    Original von Gurnemanz


    Möglicherweise paßt die Neuinszenierung in Darmastadt (John Dew) hier hinein; ich habe sie (noch) nicht gesehen, wohl aber Matthias Pfütz, der sie anschaulich besprochen hat:



    Näheres hier.



    Zitat

    Original von Alviano


    Lieber Thomas aus Norderstedt,


    was irgendwie schade ist, was fängst Du denn mit den angebotenen Beispielen an? Mir hat das Überlegen, was so in etwa Deine Frage beantworten könnte, viel Spass gemacht. Das kann ich vom Lesen der neuesten Beiträge hier nicht in jedem Fall behaupten.


    Wie es so meine Art ist, hatte ich eigentlich vor, zunächst die grundlegenden Erkenntnisse der Kulturwissenschaften, speziell der Theaterwissenschaft zur Performativität darzulegen, sodann meine Gedanken dazu zu äußern und auf dieser Basis einige Thesen zur Diskussion zu stellen. Nur musste ich erstens in den letzten Tagen erkennen, dass bei dieser Vorgehensweise mein Beitrag viel zu lang geworden wäre und habe ich zweitens bei nüchterner Betrachtung festgestellt, dass nur wenige Forianer an diesem Thema interessiert sein dürften, so dass Aufwand und Ertrag in keinem gesunden Verhältnis mehr stehen. Zudem sei nicht verschwiegen, dass angesichts des Themas mit derart viel Querschüssen und Störmanövern zu rechnen ist, dass es mir schon jetzt die Freude verleidet, mich hier zu diesem Thema näher zu äußern. Aber wie heißt es so schön: Versprochen ist versprochen. Hier also eine Kurzfassung meines eigentlichen Vorhabens (Verkürzungen in der Darstellung bitte ich mir nachzusehen):


    Die im Titel dieses Threads angesprochene performative Wende bezeichnet die sich in den Kulturwissenschaften seit etwa fünfzehn Jahren immer stärker durchsetzende Erkenntnis von der Besonderheit der jeweiligen Aufführungssituation. Stärker denn je wurden der Zuschauer und sein Beitrag zur Aufführung in den Blick genommen. Man hat erkannt, dass eine Aufführung immer aus der Interaktion zwischen Akteuren und Zuschauern entsteht. Weil die jeweilige Aufführungskonstellation jeweils anders ist, ist die jeweilige Aufführung unwiederholbar und somit auf besondere Weise gegenwärtig. Wegen mit der Aufführungssituation verbundener Präsenzerfahrungen wie z. B. Assoziationen des jeweiligen Zuschauers aufgrund von Aktionen des jeweiligen Akteurs bringt die jeweilige Aufführung zudem eine je eigene Bedeutung hervor. Diese Bedeutungserfahrung ist aufgrund der besonderen Präsenz des Ereignisses besonders intensiv. Wesentlich für eine Aufführung ist somit die Flüchtigkeit sowohl des Ereignisses Aufführung als auch der Bedeutungsentsehung und -erfahrung.


    Soweit ganz kurz zur Ästhetik der Performativen (so der Titel eines zentralen Werkes zu diesem Thema von Fischer-Lichte, das ich hier gern empfehle).


    Mich interessiert an dieser Theorie zurzeit vor allem der Status des Zuschauers. Seine Funktion ist nach der o. g. Theorie eine gänzlich andere als bisher. Bisher war er ein am Bühnengeschehen nicht teilnehmender, passiver Betrachter, dessen Rolle sich auf den intellektuellen Nachvollzug beschränkte. Nach der o. g. Theorie kommt dem Zuschauer eine viel bedeutendere Funktion zu: Indem er die jeweilige Aufführung mit hervorbringt, wirkt er selbst bedeutungskonstituierend. Nicht Passivität, sondern Teilhabe an der Aufführung beschreibt somit seine Rolle.


    Folgerichtig wird der Blick auf den Zuschauer gelenkt und danach gefragt, wie der Zuschauer aktiviert werden kann. Wichtig dabei ist, dass der Zuschauer ohnehin immer an dem ästhetischen Prozess beteiligt ist, weil er als Zuschauer einer Aufführung notwendigerweise aktiv ist. Gleichwohl gibt es Möglichkeiten den Zuschauer noch mehr als im eben genannten Sinne ohnehin immer schon an dem jeweiligen Aufführungsgeschehen teilnehmen zu lassen.


    Nun ist die Idee der Zuschauerpartizipation nicht neu. Z. B. Brecht hat mit seinen Lehrstücken ähnliches theoretisch fundiert. Mitmachtheater, Laientheater verfolgten und verfolgen ähnliche Ziele, wenn auch auf anderer theoretischer Grundlage.


    Vor diesem Hintergrund habe ich mir die Frage gestellt, ob und inwieweit Teilhabe bzw. Aktivierung des Zuschauers in der Oper möglich ist. Davon, dass sie wünschenswert ist, bin ich überzeugt. Für mich soll Oper keine rein unterhaltende, museale Veranstaltung, sondern eine lebendige, mich als im Heute lebenden Menschen ganzheitlich ansprechende Erfahrung sein. Zweifellos führt eine Zuschaueraktivierung zur Verlebendigung des Opernereignisses.


    Mehrere Gesichtspunkte erschweren in der Oper im Vergleich zum Sprechtheater solche Teilhabe bzw. Aktivierung:


    Zuallererst ist zu beachten, dass in der Oper musiziert wird. Edwin hat einen dabei eine wichtige Einschränkung der Möglichkeiten der Regie bereits genannt, indem er darauf hinwies, dass die Musiker den Kontakt zur musikalischen Leitung behalten müssen.


    Wichtiger als die Frage, wie gespielt wird, scheint mir jedoch die Frage, was gespielt wird. Die Oper natürlich, scheint die Antwort zu lauten. Aber ist das wirklich so? Im Theater ist es durchaus üblich, das jeweils gespielte Stück nur als Material anzusehen, mit dem nach Belieben umgegangen werden kann. Es ist interessant sich zu überlegen, ob das in der Oper auch so sein kann.


    Eine Aktivierung der Zuschauer kann dadurch erfolgen, dass man das Bühnengeschehen und den Zuschauer örtlich näher zueinander bringt, entweder indem man die Musiker inkl. der Sänger in den Zuschauerraum oder gar ins Foyer spielen oder indem man die Zuschauer auf der Bühne zuschauen lässt. Solcherlei Beispiele sind oben zu lesen. Bei diesen Vorgehensweisen bleibt der Zuschauer jedoch Zuschauer.


    Eine deutlich stärkere Aktivierung würde der Zuschauer erfahren, wenn er zum Mitmusizierenden würde. So berichtete mir ein Arbeitskollege von einem Opernbesuch in der Arena von Verona. Es wurde Nabucco gegeben. Die Zuschauer wurden aufgefordert, den Gefangenenchor nicht mitzusingen. Aber alle haben es getan! Ein ähnliches Geschehen ist bei der last night of the Proms zu erleben, wenn das Publikum ebenfalls lautstark mitsingt (ja, ich weiß, keine Oper).


    Man stelle sich vor: Es wird der Freischütz gegeben. Der Text und die Noten des Jägerchores werden auf die Bühne projiziert und der Dirigent wendet sich an das Publikum: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, bitte singen Sie mit!“


    Denkbar wäre es auch, das Publikum oder einzelne Zuschauer entscheiden zu lassen, ob bestimmte Teile der Oper gespielt werden, z. B. bei unterschiedlichen Fassungen der Oper.


    Oder man könnte z. B. bei Donizettis Liebestrank auf die Idee kommen, „Una furtiva lagrima“ wegzulassen mit der Bemerkung, das sei viel zu abgeschmackt. Oder man könnte beim Tannhäuser den Chor nicht „Landgraf Herrmann, Heil!“ singen, sondern nur „Landgraf Herrmann“ singen und beim „Heil!“ jeweils schweigen lassen.


    Oder, oder, oder …


    Vor diesem Hintergrund, lieber Alviano, erschienen mir die von mir erlebten Beispiele von Zuschaueraktivierung sehr zurückhaltend. Von daher interessierte mich, was ihr in dieser Hinsicht zu berichten wisst.


    Was fange ich nun mit euren Beispielen an, hast du gefragt. Nun, zunächst stelle ich fest, dass die Opernregisseure sehr zurückhaltend sind. Sodann finde ich, dass es noch sehr viel Potential für die Oper als Aufführung gibt. Mehr Experimentierfreude in diese Richtung wäre mir lieb.


    Viele Grüße


    Thomas

    Zitat

    Original von Zwielicht
    Um den modischen Ausführungen über die Offenheit des Kunstwerks und die Macht des Rezipienten einmal knallharte positivistische Recherche entgegenzusetzen: man schaue sich bei unseren freundlichen Werbepartnern andere CDs des Labels Neos an und stelle fest, dass sie alle in gleicher Weise von der Farbe Weiß dominiert werden - egal ob es sich um Beethoven, Schumann oder Xenakis handelt.


    Viele Grüße


    Bernd


    Spiel-Verderber!


    ;)


    Thomas


    Zwielichts Ausführungen (kaschiert von einem völlig unnötigten :wacky:) möchte ich ergänzen um den Hinweis, dass ein Großteiil des Coverbildes nicht aus dem Bild, sondern aus weißem Hintergrund besteht. Beschäftige ich mich mit dem Weiß dieses Hintergrundes, stelle ich mir die Frage, ob dieses Weiß als Symbol für Leere verstanden werden kann. Setze ich das Weiß als Symbol für die Leere in Bezug zu dem Bild im zwielichtigen Verständnis, stelle ich in einem zweiten Schritt fest, dass die (musikalische) Welt ohne das durch die Kleeblätter symbolisierten Sacre leer wäre.


    Andererseits bietet es sich an, das Weiß nicht als Symbol für die Leere, sondern für die Unschuld zu verstehen (schon wieder dieses Unwort). Die Aufführung des Sacre als Entjungpferung der Musikwelt wäre dann die zentrale Aussage. Zu dieser Aussage besonders stimmig erscheinen sodann die gelben Verbotsbänder.


    Wenn allerdings die Weiße weder als Symbol für die Leere noch für die Unschuld zu verstehen ist, bietet es sich an, diese Weiß in der Eigenschaft als Weiß-heit und somit als versteckten Hinweis auf die persönliche Eigenschaft Weisheit zu verstehen. Dann drängt sich folgende versteckte Bildaussage auf: Es ist weise, sich nicht mit den polizeilich verbotenen Kleeblättern, sprich mit dem Sacre zu beschäftigen. Warum das weise ist? Nun, Alfred würde sagen, weil man ansonsten in Streit gerät und dann Mitglieder verliert.


    Wir sehen, entscheidend ist das Verständnis des Betrachters - wie sieht er das Weiß? Indem aber das Verständnis des Bildes von dem Verständnis des Betrachtes abhängt, entsteht die konkrete Bedeutung des Bildes erst im Moment des Betrachtens und zwar je für den Betrachter unterschiedlich. Es handelt sich somit wegen des innewohnenden Vollzugserfordernisses um ein interaktives Kunstwerk, das von daher nicht gering geschätzt werden darf.


    Herzlichst,


    der Thomas

    Nachdem Walter mich zur Einleitung dieses Threads zitiert (aber ungenannt gelassen) hat, ist es mir ein Bedürfnis, euch mitzuteilen, dass die Stadt Hamburg nun voller Plakate ist, auf denen auf das große Ereignis, was rede ich, auf das Event hingewiesen wird. Eine Homepage gibt es natürlich auch. Jeder mache sich selbst ein Bild:


    "http://www.philharmoniker-event.de/"


    Herzliche Grüße


    Thomas


    Das finde ich eine sehr interessante Beobachtung, die ich zum Anlass genommen habe, mein CD-Archiv zu durchforsten. Folgendes Ergebnis habe ich zu Tage gefördert (gut, dass es Filter gibt): Mit den Berliner Philharmonikern habe ich folgende seit 1995 aufgenommene Aufnahmen:


    Abbado:
    - Gheorghiu, Alagna: Verdi per due
    - Alagna: Verdi Arias
    - Quasthoff, v. Otter: Des Knaben Wunderhorn


    Rattle:
    - Mahler 5
    - Mahler 10


    Boulez:
    - Psalmensinfonie
    - Sinfonie in 3 Sätzen


    Nott:
    - Ligetiv, diverses aus Teldec Ligeti Project II und IV


    Wand:
    - Bruckner 4
    - Bruckner 9


    Eine sehr dürftige Ausbeute für einen Sammler wie mich. Wie Wolfgang besitze ich aus den früheren Jahrzehnten unverhältnismäßig mehr Aufnahmen der Berliner Philharmoniker. Der oben immer wieder angeführte Aspekt, aus Marketinggesichtspunkten sie die Wahl Rattles weiterhin gut, ist für mich also nicht zutreffend. Ebenso ist mein nachlassendes Interesse mit der Klassik-CD-Krise zu erklären, denn ich kaufe weiterhin viele CDs.


    Also doch ein Verlust der Vorrangstellung? Für mich ist diese Frage auf Grund der eben dargelegten Erkenntnis deutlich zu bejahen.


    Die Berliner Philharmoniker produzieren in den letzten 15 Jahren schlicht zu wenig Aufnahmen, die ich für kaufenswert halte.


    Viele Grüße


    Thomas

    Liebe Freunde,


    es ist mir eine Ehre, den verdienten Sieger vorzustellen:


    Ives: Unanswered Question


    Gestern am späten Abend gingen noch zwei Vorschläge ein, der eine davon brachte Jacques Rideamus´ Vorschlag den Sieg.


    Herzlichen Glückwunsch, Jacques!


    Hier das Gesamtergebnis


    6 Ives: Unanswered Question
    -----------------------------------------------------
    5 Bartok: Klavierkonzert Nr. 2
    5 Haydn: Streichquartett op.76,4 "Sonnenaufgang"
    5 Mendelssohn Bartholdy: Ein Sommernachtstraum op. 61 (komplette Bühnenmusik)
    4 Berlioz: Les nuits d'été, op. 7
    4 Brahms : Klarinettensonaten op. 20
    4 Poulenc: Konzert für Orgel, Streicher & Pauken
    3 Hindemith: Konzert für Orchester op. 38 (1925)
    3 Poulenc: Concert champetre für Cembalo und Orchester
    3 Reger: Klavierkonzert op.114
    3 Schönberg: Pierrot Lunaire
    3 Tschaikowsky: Klaviertrio a-moll, op. 50
    3 Varese: Amériques
    3 Vaughan Williams: The Lark Ascending
    2 Grieg: Suite "Aus Holbergs Zeit", op. 40
    2 Hartmann: Sinfonie Nr. 6
    2 Martinu: Doppelkonzert für Klavier, Pauken & Orchester
    2 Saint-Saens: 3. Violinkonzert
    2 Schumann: Kreisleriana
    -----------------------------------------------------------------------
    1 Bartok: Sonate für Violine und Klavier Nr. 1 (1921)
    1 Berg: 3 Orchesterstücke op. 6
    1 Prokofjew: Alexander Newsky
    1 Prokofjew: Symphonie Nr.2 in d-Moll, Op.40
    1 Rossini: Stabat Mater
    1 Schostakowitsch: Bratschensonate
    1 Simpson: Sinfonie Nr. 9
    0 Schostakowitsch: Violinsonate


    Mit Stichen abgegrenzt ist einerseits der Gewinner und sind andererseits die Vorschläge, die in der nächsten Runde mangels Interesses keine Berücksichtigung mehr finden werden.


    Mitgemacht haben 15 Taminos. Insgesamt abgegeben wurden 71 Stimmen.


    Viele Grüße


    Thomas

    Hallo Alviano,


    da findest du ja recht starke Worte zur Qualität von Arabella. Ich selbst kannte die Oper noch nicht, bis ich sie vor rund zwei Wochen in Hamburg gesehen habe. Musikalisch hat mich am meisten die Diskrepanz zwischen dem wagnerisch singenden Mandyka und dem operettennahen Rest gestört. Das ging nicht zusammen, fand ich.


    Die Inszenierung von bzw. nach Sven-Eric Bechtolf, es handelt sich um eine Ko-Produktion mit der Wiener Staatsoper, rechtfertigt den Besuch ebenfalls nicht. Meine Mutter, die ich an diesem Abend begleiten durfte, kommentierte beim Hinausgehen: "Na, immerhin ist keiner gestorben, ist ja auch schon was."


    Bezeichnenderweise wurde hier im Forum ja auch zur (identischen) Wiener Inszenierung geschwiegen.


    Auf der Homepage der Staatsoper Hamburg gibt es drei Bilder und ein kleines Video, aus dem man weitere Eindrücken gewinnen mag - oder auch nicht: "http://www.hamburgische-staatsoper.de/_auffuehrungen/performance.php?event=75177"


    Viele Grüße
    Thomas

    Zitat

    Original von rolo betman
    weiter geht es mit diesem Neuerwerb :



    Dmitri Schostakowitsch, Symphonien Nr 1 & 15
    Orchesrta Sinfonica di Milano, Oleg Caetani


    Lieber Avatar-Zwilling,


    darf ich dich um Mitteilung bitten, ob sich der Kauf gelohnt hat? Ich habe schon viel Gutes über Caetanis Schostakowitsch gelesen, aber noch keine Aufnahme von ihm gehört.



    Viele Grüße
    Thomas

    Vor einigen Tagen habe ich ein Familienkonzert des NDR-Sinfonieorchesters besucht, das auch regelmäßig hervorragende Familienkonzerte gibt:


    "http://www4.ndr.de/sinfonieorchester/education/ndr_familienkonzerte/index.html"


    Absolut begeister hat mich, meine Frau und meine Kinder das Werk von Nathaniel Stookey: "The composer is dead" oder auf gut deutsch: "Der Komponist ist tot".


    Fragt man sich nach Orchesterwerken, in denen einem das Orchester vorgestellt wird, denkt man typischerweise an Britten. Stookey hat nun ein Werk geschaffen, das sich ohne Zweifel zu einem Klassiker im Bereich der Familienkonzerte entwickeln wird.


    Das Orchester will beginnen, da unterbricht ein Detektiv: "Halt! Hier ist ein Mord geschehen. Ich muss ermitteln." Nur ein Aufhänger natürlich, um durch die Orchesterreihen schlendern und nacheinander die jeweiligen Orchestergruppen vorstellen zu können, die jeweils in für sie typischer Weise antworten und pointiert, musikerwitzartig charakterisiert werden. Meine Jungs fanden das Ganze hochgradig unterhaltsam - das war es auch für uns Erwachsene - und spannend. Dafür, dass am Ende alles gut ausgeht, ist ebenfalls gesorgt.


    Von mir also eine ganz dicke Empfehlung. Wenn das Stück irgendwo bei euch läuft, dann schnappt euch irgendein Kind aus eurer Umgebung und hin da!


    Beim googlen findet man schnell weitere Informationen. Hier nur noch ein kurzer Hinweis auf den Abendblatt-Artikel: "http://www.abendblatt.de/daten/2008/11/12/970440.html"


    Viele Grüße
    Thomas

    Zitat

    Original von Pius


    Insbesondere ein nicht namentlich genannter Frankfurter Moderatorenkollege wollte ja eigentlich seine Eindrücke seines Schosta14-Vergleichhörens dort einstellen. :boese2:


    Viele Grüße,
    Pius.


    Wahrscheinlich wartet er, bis ich endlich mal mit den Sätzen durch bin. ;)


    Maticus jedenfalls hat mir per PN mitgeteilt, dass er mit uns, wenn wir mit den Sätzen durch sind, gern noch verschiedene Aufnahmen besprechen bzw. vergleichen möchte


    Viele Grüße


    Thomas

    An dieser Stelle vielleicht eine ernst gemeinte Frage:


    In letzter Zeit habe ich ein wenig in theaterwissenschaftlichen Büchern gelesen. Thema Nr. 1 ist da (noch immer) das Performative. Sehr vereinfacht ausgedrückt geht es um die Besonderheit der Aufführungssituation in mehrfacher Hinsicht, u. a. neben der Betonung der Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit des jeweiligen Geschehens um die Interaktion zwischen Bühnengeschehen und Publikum, das als Teil derAufführung verstanden wird.


    Diese Interaktion wird im Sprechtheater ja durchaus durch verschiedene Methoden zu intensivieren versucht. So läuft zurzeit z. B. mal wieder im Hamburger Schauspielhaus der Faust, bei dem die Bühne sich da befindet, wo normalerweise das Publikum sitzt und umgekehrt.


    Was ich mich nun frage, ist, ob eine solche bewusste Einbeziehung auch in der Oper probiert worden ist und wenn ja, in welcher Weise.


    MIr fällt eigentlich nur Konwitschnys Don Carlos ein, der das Bühnengeschehen deutlich in den Bereich des Publikums verlagert und das Publikum auf diese Weise mitnimmt. Aber sonst?


    :hello:
    Thomas