Beiträge von Hans Heukenkamp

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    1891 – 130. Geburtstag von Michail Bulgakow (Schriftsteller)

    Michail Bulgakow wurde heute vor einhundertunddreißig Jahren in Kiew geboren.


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    Während eines Aufenthalts in Moskau pilgerten ein Kollege und ich zu Bulgakows Wohnung an den Moskauer Patriarchenteichen. Es war Mai und heiß. Von der Hitze ermattet, wollten wir an uns am Imbiß auf der kleinen Kleinen Bronnaja mit einem Shigolowskoje-Bier erfrischen. Leider war bis auf warme Aprikosenlimonade alles ausverkauft.

    Wir setzten uns auf eine Bank. Alsbald gesellte sich ein interessanter Herr zu uns und begann ein Gespräch...


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    So hätte es gewesen sein können, war es aber nicht. Meine Würdigung muß anders beginnen:


    Im Januar 1993 oder 1994 suchte ein Kollege mit mir gemeinsam Bulgakows Wohnung an den Patriarchenteichen auf. Es war bitter kalt, unter -30 Grad. Wir sprangen von Hauseingang zu Hauseingang, um dem eisigen Wind, der die Schneekristalle wie Nadeln auf dem nackten Gesicht knistern ließ, zu entkommen. Das hat nicht sehr würdig ausgesehen, und eine Moskauer Dame in Pelzmantel u. -schapka amüsierte sich sichtlich über uns. Wir hatten einen kurzen Wortwechsel. Sie rief uns zu, daß sie sich über den echten Winter freue.


    Wir stiegen die Treppe zur Wohnung hinauf. Das Treppenhaus war voller Graffiti. An einen großen schwarzen Kater, der im Halbdunkel mißtrauisch von der Wand herabschaute, erinnere ich mich noch genau. Merkwürdigerweise hat sich mir der Spruch unter der Figur tief eingeprägt: Ihr redet und redet, aber wer hilft den alten Mütterchen über die Straße?

    Die Wohnungstür war mit Stahlblech beschlagen und verschlossen. Drinnen alles still. Kein Geräusch einer umgeworfenen Schachfigur - nichts von Voland, Behemoth und Korowjew zu hören.

    Wieder auf der Straße, nahmen wir die Szene noch kurz in Augenschein. Die Straßenbahnschienen waren da, das Drehkreuz, an dem die Komsomolzin Annuschka das verhängnisvolle Sonnenblumenöl verschüttet hatte, nicht.

    Vor der Kälte retteten wir uns in das Bistro Margarita an der Ecke Kleine Bronnaja/Maly Kosichinsky, wo wir keine Limonade, sondern heißen Tee bekamen. Das Lokal gibt es heute noch.


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    Bulgakows Roman "Der Meister und Margarita" hat mich eigentlich mein ganzes Leseleben hindurch begleitet. Die halbe Abiturklasse war von der Lektüre entzückt, und wir haben ihn im Deutschunterricht besprochen. Später wurde abends in der Kaserne beim Tee daraus vorgelesen:

    Angetan mit einem blutrot gefütterten weißen Umhang, mit schlurfendem Kavalleristengang erschien eines frühen Morgens, am Vierzehnten des Frühlingsmonats Nissan, im überdachten Säulengang zwischen den beiden Flügeln des Palastes Herodes' des Großen der Prokurator von Judäa, Pontius Pilatus.


    Die Pilatus-Kapitel mit ihrem schweren Zauber hatten es uns jungen Soldaten damals ganz besonders angetan. Das Rosenöl, das der Prokurator so haßte, vermeinten wir, schon bei den ersten Sätzen in der muffigen Stube riechen zu können.

    In jenen Jahren, in denen jede Leseminute dem Barras abgeluchste Zeit war, habe ich alles, dessen ich habhaft werden konnte, gelesen: Die weiße Garde, Die Tage der Turbins, den Theaterroman - Hundeherz in der grünen Luchterhand-Ausgabe erst später als Student.


    Inzwischen liegt der Roman in mehreren Übersetzungen vor. Mit der von Thomas Reschke bin ich aufgewachsen. Seine langen Sätze, seinen Sound, seinen Humor liebe ich sehr. Alexander Nitzbergs Version las ich vor zwei Jahren, die neue von Alexandra Berlina habe ich mir vorgenommen.


    Es hat immer wieder Versuche gegeben, den Roman auf die Bühne zu bringen. Besucht habe ich die Fassung von Heinz Czechowski an der Berliner Volksbühne in der Spielzeit 1986/87 mit Cornelia Schmaus, Rolf Ludwig und Reiner Heise.


    Auf den Versuch von Frank Castorf am selben Haus habe ich dann verzichtet.


    Der MDR hat ein interessantes Interview zu diesem Vorgang geführt und veröffentlicht.


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    Frau Klepsch schreibt oder lässt schreiben: "Unabhängig davon würde ich mich freuen, wenn Christian Thielemann mit seinem weltweit geachteten Profil auch weiterhin der Semperoper künstlerisch verbunden bleibt." Ich habe einen Kopf geschüttelt, als ich das gelesen habe, weil entweder ist es blanker Hohn oder doch ein eindeutiges Unverständnis, wie solche Koryphäen ticken.

    Was die Nichtverlängerung für Thielemann und Theiler an der Dresdner Semperoper bedeutet

    1959 – 62. Geburtstag von Thomas Bading (Schauspieler und Regisseur)

    Thomas Bading hat heute seinen zweiundsechzigsten Geburtstag gefeiert. Während seiner Jahre am Deutschen Theater habe ich ihn sehr geschätzt. Besonders ist er mit in der rasanten Komödie von Georges Feydeau "Wie man Hasen jagt" in Erinnerung geblieben. Das letzte Mal habe ich ihn als Horace Giddens in Lillian Hellmans "The Little Foxes" an der Berliner Schaubühne gesehen. Er ist mit Claudia Geissler verheiratet.

    In den letzten Jahren habe ich die Berliner Theater ein wenig aus dem Auge verloren und folglich auch Thomas Bading, was ich eigentlich bedauere.

    Ich verlinke einen Defa-Trailer zum Film "Sehnsucht", in dem Bading eine Nebenrolle spielte.


    1918 – 103. Geburtstag von Estrongo Nachama (Sänger und Kantor)

    Der Berliner Oberkantor Estrongo Nachama wurde heute vor einhundertunddrei Jahren in Thessaloniki geboren. 1943 nach Auschwitz deportiert, überlebte er das Vernichtungslager, in dem seine ganze Familie ermordet wurde. Am 5. Mai 1945 wurde er im Norden Berlins, wohin der Todesmarsch von KZ-Häftlingen geführt hatte, von der Roten Armee befreit.

    N. wirkte fünfzig Jahre als Kantor der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.



    Den Gesang Estrongo Nachamas habe ich als jugendlicher Radiohörer im RIAS, der die freitägliche Schabbatfeier übertrug, kennengelernt. Es ist der erste Sänger, dessen Stimme und Name sich mir fest eingeprägt hat. Regelmäßig habe ich mit dem kleinen Taschenempfänger, der mir damals zur Verfügung stand, die Übertragung gehört. Daß es sich um geistliche Musik handelte, war mir bewußt. Daß der Oberkantor die Feier leitete, die im Radio gesendet wurde, gab mir eine Ahnung von seiner Autorität und Bedeutung.



    Nachama beschränkte sich nicht auf Westberlin. Er hatte auch gute Kontakte in die DDR. Dort arbeitete er mit dem Magdeburger Domchor zusammen, was ein Defa-Film von 1988 dokumentiert:



    Claudia Keller hat eine Biographie des Ehepaars Lilli und Estrongo Nachama veröffentlicht.


    1761 – 260. Geburtstag von August von Kotzebue (Dramatiker)

    Der Dramatiker, Verleger, Theaterdirektor, Journalist und Diplomat August v. Kotzebue wurde heute vor zweihundertundsechzig Jahren in Weimar geboren. Mir fiel vor ein paar Jahren das gelbe Reclambändchen No. 90 in die Hand, und ich las seine Komödie "Die deutschen Kleinstädter" mit glucksendem Vergnügen.

    Als Dramatiker war er zu Lebzeiten überaus erfolgreich, heute findet man seine Stücke nicht mehr auf den Spielplänen der deutschen Stadttheater.

    K. war bei den fortschrittlichen jungen Leuten seiner Zeit nicht sonderlich beliebt. Auf dem Wartburgfest 1817 warf man seine Schriften ins Feuer. Damals war Literaturkritik noch Handarbeit und mit dem Risiko, sich den Rock anzusengen, verbunden.


    Kotzebue wurde am 23. März 1819 vom Theologiestudenten Karl August Sand ermordet.


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    Gerne würde ich eines von Kotzebues Stücken auf einer Berliner Bühne sehen.


    1948 – 73. Geburtstag von Jeannine Altmeyer (Sängerin)

    Die amerikanische Sopranistin Jeannine Altmeyer wird heute dreiundsiebzig Jahre alt. Frühere Geburtstage wurden hier im Klassikforum schon gewürdigt. Ich höre alle ihrer Wagner-Partien außerordentlich gerne, habe sie aber nicht, wie andere Taminos, live erlebt.

    Unsterblichkeit hat sie mit ihrer Sieglinde und ihrer Gutrune im Cherau-Ring erworben. Mit ihrem damaligen Siegmund, Peter Hofmann, ist sie lebenslang befreundet geblieben.



    Mit dem Paar Altmeyer/Kollo bin ich Ring-sozialisiert, keine andere vergleicht sich ihrer jugendlich-draufgängerischen Brünnhilde mit der herrlichen Schärfe in der Stimme.


    1971 – 50. Geburtstag von Lance Ryan (Sänger)

    Der kanadische Tenor Lance Ryan ist heute fünfzig Jahre alt geworden. Als Tannhäuser habe ich ihn in Hamburg, als Siegfried in der Götterdämmerung in München gesehen. Das war im Dezember 2015.

    In der Szene zwei des Vorspiels treten Siegfried und Brünnhilde aus dem Steingemache auf. S i e g f r i e d ist in vollen Waffen, B r ü n n h i l d e führt ihr Roß beim Zaume. In der Kriegenburg-Inszenierung kniet Brünnhilde (Petra Lang) auf Siegfried und schreibt ihm die Runen auf den halbnackten Leib, taggt ihn, markiert ihn als wehrlos. Ein Gewaltakt, dem Verhältnis der großen Liebenden angemessen. Diese Götterdämmerung ist mir Ryans wegen in deutlicher Erinnerung. Die Schnoddrigkeit, gepaart mit Hilflosigkeit, mit der er in der vierten Szene des zweiten Akts agiert: Doch Frauengroll friedet sich bald. Seine Ignoranz, noch dem eigenen Tod gegenüber - Brünnhilde, heilige Braut gerinnt wie saure Milch zur Parodie.

    Die Kritik an seinem Gesang kenne ich und teile sie zuweilen. Den Akteur Lance Ryan umgibt auf der Bühne ein Kraftfeld, das den Raum gleichsam krümmt und die Blicke auf ihn lenkt.

    Ich hoffe, ihn nach Corona noch auf der Bühne erleben zu können und wäre besonders neugierig auf seinen Herodes.





    Der deutsche Schauspieler Kurt Böwe (28.04.1929 - 14.06.2000) wurde heute vor 92 Jahren in Reetz in der Westpriegnitz geboren.


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    An seinen Kohlhaas im Deutschen Theater möchte ich noch erinnern, den ich als Schüler gesehen habe. Das war mein erster (bewußter) Kontakt mit Kleist. Kein Abenteurer, sondern einer, der aufstöhnt unter der Last, die ihm auf die Schulter gelegt wird, quälte sich da auf der Bühne. Das Entsetzen über einen, der die Gerechtigkeit ohne Maß ausficht, hat sich mir tief eingeprägt.

    Große alte Männer hat das DT gehabt!

    Lieber Fiesco, Dank für den Hinweis auf die CD! Es grüßt Hans

    Liebe Taminos, ich lese, daß Fr. Ludwig die Klytämnestra auf der Bühne verkörpert hat. Bei Youtube kann man sie in Ausschnitten auch als Elektra hören:



    In den Kommentaren darunter heißt es, sie habe diese Partie nie auf der Bühne gesungen. Ist das so?


    Es grüßt Hans

    sieh mich bitte als vollständigen juristischen Laien. War nicht ein Antrag vor dem bayrischen Verfassungsgericht gedacht?

    Lieber astewes, warum sich der Verwaltungsgerichtshof der Sache annahm, weiß ich nicht. So habe ich es dem verlinkten SZ-Artikel entnommen, der den Eilantrag der Initiative "Aufstehen für die Kunst" zuordnet. Es grüßt ein ebensolcher juristischer Laie, Hans.

    Lieber La Roche, die Rezension stand im Kulturteil der SZ, direkt unter dem Loblied auf die Kanzlerkandidatin der Grünen. Der Parsifal ist noch ein paar Tage auf Arte zu sehen. Man sollte ihn nicht verpassen. Es grüßt Hans

    Vielen Dank für die Antwort! Ich bin schon eine Weile um diese CD "rumgeschlichen". Sie landet nun auf der Einkaufsliste. Es grüßt Hans

    Lieber Garaguly, wie haben Dir die Aufnahmen gefallen? Es grüßt Hans