Beiträge von Hans Heukenkamp

    Dafür habe ich noch einen anderen Tipp: Michael Blümke hat in seiner gewohnt unverblümten Art eine wertende Sortierung von zwei dutzend Aufnahmen der "Vier letzten Lieder" im Rondo 2014 veröffentlicht. Ich würde manches Urteil etwas anders formulieren, aber kann ihm durchaus im wesentlichen folgen. Seine Urteile werden hier unter den Taminos sicher Anstoß erregen. Gerade auch bei Dir. Aber -so leid es mir tut- da wäre ich auf seiner Seite!


    https://www.rondomagazin.de/artikel.php?artikel_id=1394

    Lieber Caruso, vielen Dank für diesen Hinweis! Habe den Artikel mit großem Interesse gelesen. Es grüßt Hans

    Die beiden ersten Szenen des letzten Akts der Götterdämmerung spielen im Wald, und vom Wald ist an mehreren Stellen die Rede.


    Auf Waldjagd zog ich aus,

    doch Wasserwild zeigte sich nur.

    War ich dazu recht beraten,

    drei wilde Wasservögel

    hätt' ich euch wohl gefangen,

    die dort auf dem Rheine mir sangen,

    erschlagen würd' ich noch heut'.




    Wann dann die Flur vom Frost befreit,

    und wiederkehrt die Sommerszeit,
    was einst in langer Wintersnacht
    das alte Buch mir kund gemacht,
    das schallte laut in Waldes Pracht,
    das hört ich hell erklingen:
    im Wald dort auf der Vogelweid
    da lernt ich auch das Singen.

    An der Stelle des Videos war ich noch nicht nicht. Ich hatte mir nur mal eben die Mannesszene angeschaut und angehört. Im Vergleich mit der Platte geht da natürlich die Post ab. Gleichfalls nahm ich mir die von Hans genannte "Götterdämmerung" nach langer Zeit wieder einmal vor und blieb etwas ratlos zurück. Ich hatte seinerzeit in Dresden die konzertante Aufführung besucht, die sich an die Einspielung anschloss. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, dann machte er durch seine Jugend als Hagen großen Eindruck. Er war nicht das stimmlich gepanzerte Schlachtross. Er versuchte sich mit einem intellektuell gefärbten Konzept. Das finde ich nun nicht so wieder. :( Vielmehr fallen mir viele Ungenauigkeiten auf. Die Höhe, die auch Hagen hat, ist gepresst und unsauber. Es gibt auch einige Ausspracheschnitzer, die hätten korrigiert werden können. Eingedenk der Tatsache, dass es sich um ein Rollendebüt handelt, ist die Leistung durchaus sehr respektabel. Ich kann also gut nachvollziehen, warum Hans diesem Hagen soviel abgewinnen kann. Jetzt will ich noch nachhören, was Salminen als Fafner hermacht. Es ist mir in der "Götterdämmerung" wieder sehr bewusst geworden, dass dieser "Ring" nicht der meine ist. :(

    Lieber Rheingold, das ist interessant! Gerade habe ich mir die Gibichungenhalle wieder vorgenommen, um zu hören, ob ich Deine Kritikpunkte ausmachen kann. Vielleicht lohnt es sogar, hier einen Gesprächsfaden zu dieser Aufnahme zu eröffnen. Aber ich bin natürlich parteiisch, weil ich diese Aufnahme sehr liebgewonnen habe. Es grüßt Hans

    Seine erste Hagen-Einspielung fasziniert mich noch immer ungemein:


    Lieber Stimmenliebhaber, auch mir geht das so. Seine Stimme gleicht einer schwarzen Gewitterwolke, die im Verlauf der Handlung den Himmel immer stärker verhüllt. Ich suche noch nach einem sprachlichen Ausdruck für die Schmiegsamkeit des Basses und die Schönheit des Gesangs, die er unter Janowski zeigt. Es grüßt Hans

    Lieber Kapellmeister, Fr. Zhidkova bin ich durchaus gewogen und habe keinerlei Abneigung in meine Kritik legen wollen. Vielleicht saß ich zu weit von der Bühne entfernt (Reihe 25). Es grüßt Hans

    Eichendorffs Zwielicht spukte mir den ganzen Abend durch den Kopf. Waren Bühnenbild und Maske von Rauch/Loy letztes Jahr im Kino für mich schon bemerkenswert, konnte ich die Bühne in diesem Jahr selbst in Augenschein nehmen.


    Dämmrung will die Flügel spreiten

    Schaurig rühren sich die Bäume

    Wolken ziehn wie schwere Träume -

    Was will dieses Graun bedeuten?


    Das tiefe Blau einer Augustnacht prägt die Szene. Man wartet geradezu auf das Zirpen der Grillen, das gut zur Inszenierung passen würde. Ein Blitz zuckt durch die Schwüle. Er ist nur ein paar Millisekunden lang, aber während der heftige Reiz in den Sehnerven abklingt, entfaltet sich das Zauberreich der Feen. Man muß still sein und darf sie nicht stören. Läßt man sich in ihren Kreis ziehen, bleibt die Zeit stehen und die eine Nacht, die man im Feenreich verbringt, bedeutet hundert Jahre in der Menschenwelt. Wer dann morgens aus dem Wald taumelt, erkennt die Welt nicht mehr wieder und an die Liebsten, die er doch gestern noch gesehen hat, erinnern nur noch ihre Grabsteine.


    Hast ein Reh du lieb vor andern,

    Laß es nicht alleine grasen,

    Jäger ziehn im Wald und blasen,

    Stimmen hin und wider wandern.


    Das Bühnenbild ist überwältigend! Die Augen wandern und saugen sich an den Details fest: An der feinen rein-weißen Faser, die an jedem Schilfhalm schimmert, an der südlichen Silhouette der nächtlichen Bäume und an der dichten Buschigkeit des Terrains der ersten Szene des zweiten Akts.

    Neo Rauch überschreitet die Grenzen des klassischen Illusionstheaters überhaupt nicht. Die Büsche werden bewegt, um eine trunken machende Wandlung der nächtlichen Landschaft zu erreichen, und der Eindruck des Wolkenzugs wird erzeugt, indem langsam wechselnde Ausschnitte des nächtlichen Himmels auf eine Gaze projiziert werden. Eine Zauberei im August!


    Hast du einen Freund hienieden,

    Trau ihm nicht zu dieser Stunde,

    Freundlich wohl mit Aug' und Munde,

    Sinnt er Krieg im tück'schen Frieden.


    Fr. Zhidkova war für Fr. Pankratova erst am Vormittag eingesprungen. Das Publikum dankte ihr den Einsatz enthusiastisch nach dem ersten Akt, weil sie ihre Chance genutzt und die Vorstellung gerettet hatte. Eine wirklich gute Ortrud war sie nicht. Sie konnte auch mit der Inszenierung nicht vertraut sein und war wohl nur eingewiesen worden, was sie in den Kernszenen zu tun hatte. Die kultivierte Tücke und Boshaftigkeit, die Waltraud Meier in Szene gesetzt hat, konnte sie nicht darstellen. Während der letzten Takte des zweiten Akts, als Ortrud in dieser Inszenierung sardonisch auf das helle Paar, das zum Münster schreitet, blicken muß, taucht sie gar nicht auf.

    Um sich stimmlich auf der großen Bühne durchzusetzen, verzichtete Zhidkova auf jede Verständlichkeit. Ihre Aufgabe war umso schwieriger, als Tomasz Konieczny ausfiel, der ihr sonst sicher eine Stütze hätte sein können.

    Ich habe mich schon bei "Dank, König, dir, daß du zu richten kamst!" gefragt, ob Konieczny nicht schon beim Einsingen gemerkt hat, daß er den Abend nicht durchstehen würde. Seine Höhen waren völlig weg, und zuweilen hauchte er seinen Text. Ein Telramund, der schon im ersten Akt stehend k.o. war. Egils Silins, der schon zu Beginn des zweiten Akts bereit stand, um vom Rand den Telramund zu singen und so als Heerrufer die nächtliche Verschwörung von Ortrud und Telramund scheinbar belauschte, was der Handlung einen ganz eigentümlichen Twist hätte geben können, übernahm dann in der Szene vor dem Münster für Konieczny. Es ging allerdings in diesen Momenten recht chaotisch zu. Einsätze wurden verpaßt und ein paar Zeilen blieben bei der folgenden Aufholjagd ungesungen. Aber es ist zu bewundern, wie Plan C oder D umgesetzt wurden, um den Abend zu retten.


    Was heut' müde gehet unter,

    Hebt sich morgen neu geboren.

    Manches bleibt in Nacht verloren -

    Hüte dich, bleib wach und munter!


    Selbst Klaus Florian Vogt war nicht so souverän, wie sonst in dieser Partie. Seine Stimme paßt hervorragend in die Märchenwelt, die Yuval Sharon auf die Bühne gebracht hat, aber mir schien, als hätte selbst er gelegentlich forcieren müssen, was ich die vielen Male, die ich ihn in Berlin als Lohengrin gehört habe, nie erlebte. Die Bayreuther Besetzungslotterie hatte Camilla Nylund als Elsa am dritten August bestimmt. Jüngst, zur Wagner-Woche an der Deutschen Oper Berlin, habe ich sie als Elsa gesehen und bin nicht recht glücklich damit geworden.

    In den Mädchentraum, den Sharon inszeniert hat, paßt sie als Typ eigentlich nicht. Zu gerne hätte ich Fr. Dasch gesehen, aber die war nur am 29. Juli eingesprungen. Zwischen Nylund und Vogt entstand keinerlei dramatische Spannung, und ihrem Spiel mußte mein Blick in die nächtliche Landschaft ausweichen. Sie hat routiniert gesungen, aber dem sängerisch problematischen Abend kein Glanzlicht aufgesetzt.


    Der Atmosphäre des Festspielhauses wirkt. Der Beifall war groß. Alle, auch Christian Thielemann, bedankten sich ausdrücklich beim Souffleur oder der Souffleuse. Ich ahnte den Zauber von Sharons Inszenierung, die aber an diesem Abend deutlich unter den Problemen der Protagonisten litt. Die vielen Besetzungswechsel - geplant, oder ungeplant - beeinträchtigen das Musiktheater enorm, und die Details bleiben auf der Strecke.

    Lieber Holger,


    mit meinen Bemerkungen zu Kratzers Tannhäuser wollte ich keine Kritik an Identitätspolitik üben, die ich durchaus für bigott halte, sondern nur darauf eingehen, daß der Regisseur sie zu einem wesentlichen Element einer daran gescheiterten Inszenierung gemacht hat.

    Zwischen Popkultur und Postmoderne kann ich keinen grundsätzlichen Gegensatz erkennen. Die Betonung von Gruppenidentitäten ist ein wesentliches Element der Popkultur, der inzwischen leitkulturelle Funktionen zugefallen sind.

    Deinem letzten Absatz stimme ich zu. Schau Dir doch Frau Davidsen in vollem Ornat beim Sängerwettstreit an! Was hätte man aus diesem chaotischen Wechselbad von Gefühlen, durch das sie gezogen wird, mit dieser Sängerin/Schauspielerin machen können! Es gibt nicht viele Helden auf der Bühne, die sich auf der Szene von der geliebten Frau nicht nur abwenden, sondern auch auch noch ad hoc eine Apologie vorbringen. Warum hat Kratzer da nicht zugepackt?

    Es grüßt Hans


    Lieber Holger,

    der zitierte Satz eröffnet den Artikel von Fr. Kostner, den ich verlinkt habe. Dessen erster Absatz ist für jeden lesbar. Leider sind Quellen im Internet zunehmend hinter Bezahlschranken verborgen.

    Den Begriff "Affirmation" wollte ich durchaus nicht sprachwissenschaftlich verwenden, sondern meine Kritik an der leitkultur-kompatiblen Inszenierung in ihm bündeln.

    Das Verhandeln auf dem Theater, von dem Hacks spricht, habe ich immer als Angelegenheit großer Ernsthaftigkeit - mit der man ja auch eine Komödie auf die Bühne bringen muß, daß es gut wird - verstanden.

    Diese Ernsthaftigkeit hatte ich erhofft, habe sie aber vermißt. Es grüßt Hans