Beiträge von Hans Heukenkamp

    Lieber Michael, ich antworte hier, weil dieser Thread wohl zur Diskussion gedacht ist.

    Deinen Bericht von der Toten Stadt in Lübeck habe ich heute erst gelesen. Sehr amüsant, was Du erlebt hast! Aber das Zähneknirschen bei einem Teil des doch ein wenig geprellten Publikums dürfte verzeihlich sein. Ich freue mich jedenfalls, daß die Nominierung der Leinsdorf-Aufnahme ein Echo gefunden hat. Es grüßt Hans

    Ich möche die Leinsdorf-Einspielung von Korngolds "Die tote Stadt" von 1975 nominieren. Ihre Bedeutung besteht darin, daß sie eine wesentliche Voraussetzung der (kleinen) Korngold-Renaissance abgibt, die seit ein paar Jahren auf europäischen Opernbühnen zu beobachten ist. Die Uraufführung der Oper jährt sich im Dezember 2020 zum hundertsten Mal.



    René Kollo singt einen heldischen und gefährlichen Paul mit der ihm eigenen Gabe, den dramatischen Antrieb des Protagonisten freizulegen.

    Cäsar taucht mit dem U-Boot an Ägyptens Küste auf. Es entsteigen seine Bodyguards und Curio, sein Lieutenant. Die Römer sehen mit grün-gelb gefärbten Haaren und Feuerwehruniformen recht schräg aus.

    Die Ägypter, die Pompejus' Kopf als Begrüßungsgeschenk bringen, erinnern mit ihren Tollen, prächtigen Bärten und Krummsäbeln an radikal-islamische Milizionäre.

    Peter Konwitschny hat den Cäsar ironisch, amüsant und klamaukig, ohne Rücksicht auf politische Korrektheit, inszeniert. Die Bühne stammt von Helmut Brade und ist ausgesprochen gut gelungen. Palmen, Pyramiden und ein großer Vollmond sind die prägenden Elemente, ein bißchen Reisekatalog, ein bißchen Scherenschnitt aus Buntpapier.

    Grga Peroš gibt einen öligen Cäsar, der sich mit Ptolemäus (Michael Zehe) sicher auf einen politischen Deal, die Herrschaft in Ägypten betreffend, geeinigt hätte, wenn da nicht die Damen, Cornelia (Svitlana Slyvia) und Cleopatra (Vanessa Waldhart) - die zuweilen recht zerbinettig klingt - wären, die ihn, die Handlung treibend, daran hindern.

    Sextus ist ein echtes Kind, das auf der Bühne herumtollt und ein Auge auf Mutti hat. Seine Partie ist auf den toten Pompejus übergegangen, der von Jake Arditti mit interessantem Countertenor gesungen wird.

    Ptolemäus und Cäsar nehmen sich nicht viel. Letzterer hat den Vorteil, Cleopatra auf seiner Seite zu haben. Der ägyptische König betreibt die Ermordung des römischen Feldherrn allerdings recht stümperhaft, und seine Leute sind auch nicht die Hellsten.

    Die lustigste Szene ist die, in der Cäsar aus Cleopatras Gemach fliehen muß, weil die Mörder unterwegs sind. Während er davon singt, mit heller Waffe zu kämpfen, durchwühlt er den Kleiderschrank der Schönen, um sich für die Flucht zu tarnen und rauscht, als er das passende Kleid endlich gefunden und angezogen hat, recht tuntig ab.

    Als alle ägyptischen Schurken tot sind, schnappt sich Cäsar Sextus und taucht mit dem U-Boot wieder unter. Cornelia und Cleopatra bleiben klagend zurück.

    Nach all den riesigen spätromatischen Orchestern, die ich in den letzten Wochen gehört habe, hatte ich meinen Spaß an dem kleinen Barockorchester unter Michael Hofstetter, in dem allerhand interessante Zupfinstrumente zu sehen und zu hören waren.


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    Das Haus war nicht voll, aber das Publikum seinem Ensemble hörbar gewogen.

    Lieber Ralf, da es dem Meister selbst nicht gelang, Dich für seine Oper zu gewinnen, bliebe auch ich wohl erfolglos, wenn ich es versuchte. Mich fesselt die Tote Stadt, und da ich das Empfinden habe, noch nicht "fertig" mit ihr zu sein, reise ich ihr nach und gebe jeweils einen kurzen Bericht, was deren Häufung hier im Forum erklärt.

    Es grüßt Hans

    Lieber Fiesco, auch in Halle wird deutsch gesungen. Ich lasse mich überraschen. Es grüßt Hans

    Ich wills, ich wills versuchen...


    Am Ende läßt die Regisseurin, Luise Kautz, Paul, Norbert Ernst, für einen kurzen Moment vom Haken. Auch wenn er die Zeile "Ich wills, ich wills versuchen." nicht spricht - sie fehlt also an diesem Abend - deutet sie an, daß Paul der Heimsuchung durch die Marienerscheinung entkommen sein könnte. Langsam, Stück für Stück, räumt er seine Devotionalien, ihre Bilder und den blonden Zopf in das kleine Biedermeierschränkchen, das im ersten und dritten Akt im Zentrum des Bühnenbilds steht.

    Mit letzten Einsatz singt der Tenor Pauls Reprise von "Glück, das mir verblieb", bevor beide - Paul und Ernst - Brügge und Bühne erschöpft verlassen.

    Ernst schlug sich gut in der Partie des Witwers, die ihm sicher alles abverlangt. Er konnte darauf vertrauen, daß ihn das Orchester jederzeit unterstützt. Der junge Sergi Roca stellte es ganz in den Dienst der Sänger, ließ aber in allen Zwischenspielen Dynamik und Pracht der Korngoldschen Musik klingen. Mir hat das sehr zugesagt: Wildheit und Wahn waren wirklich zu hören.

    Die Regie konnte sich auf eine reine Hausbesetzung einstellen und hat das genutzt. Paul und Marietta (Agnieszka Hauzer), werden in eine kleinbürgerliche Szene, staffiert mit passendem Inventar und zu weichem Bett, gestellt, für die ihre Konstitution wie gemacht ist. Er - ganz unheldisch und nicht eben schlank - gibt einen biederen Mann, dessen Welt einen Riß bekommen hat, sie - nicht unelegant, aber bemüht, deutlich jünger zu wirken - eine Marietta, die das unstete Leben einer Bohemienne wohl gegen eine bürgerliche Ehe tauschen würde. Hauzers Sopran springt nicht leicht an, und die Höhen geraten bei vernehmlichem Vibrato recht dramatisch. Aber Ernst und Hauzer sind in dieser Inszenierung optimal besetzt, was das kühle Kieler Publikum auch honoriert.

    Das Programmheft zitiert zu Tagträumen aus den Wiener Vorlesungen (1915/16 u. 1916/17) zur Einführung in die Psychoanalyse von Freud, die auch meine Lektüre auf der Fahrt nach und von Kiel waren. Und die Regisseurin verzichtet darauf, die Symbolik, die Akzentverschiebungen und Verfremdungen, die in der Oper vorhanden sind, noch mit eigenen Kreationen dieser Art anzureichern. Sie streicht sogar die letzten Angstschreie Mariettas, “Du tust mir weh!” und läßt Paul Marietta mit einem Kissen ersticken und nicht mit jener Haarflechte erdrosseln, die sie Sekunden zuvor für eine obszöne Provokation verwendet hatte.


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    Meiner Liebe entgehst du nicht

    Luise Kautz gelingt eine stimmige und durchaus klug charakterisierende Inszenierung, in der der manifeste Traum des zweiten und dritten Akts die eigentliche Realität im Leben des Witwers ist.

    Paul, dessen breiter Ehering auffallend im Bühnenlicht glitzert, ist an die verstorbene Marie gekettet, wie der Rudersklave an die versinkende Galeere. Löst er sich nicht, ertrinkt er. Ihre Erscheinung ist sein Martyrium, das Ende des ersten Akts eine Verhörsituation. Zusammengesunken sitzt der Mann auf seinem Stuhl, von grellem Licht geblendet. Die Hände reiben immer wieder über Körper und Gliedmaßen - so, als müsse er sich seiner blanken physischen Existenz versichern.

    Das "Unsre Liebe war, ist und wird sein." wird zur Todesdrohung, ist kein Glücksversprechen und wahrscheinlich nie eines gewesen.

    Tomohiro Takada singt Frank/Fritz idiomatisch mit konzentriert geführtem Bariton, Tatia Jibladze eine gelegentlich etwas rauhe Brigitta.

    Es ist angemessen, dieser Oper, deren Uraufführung sich in diesem Jahr zum einhundertsten Mal jährt, besondere Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen.


    Für die Premiere in Schwerin am 3. April habe ich mir jedenfalls eine Karte gekauft.

    Ich habe seinerzeit in Wien bei der Premiere unserer aktuellen Inszenierung (ist schon einige Jährchen her) Stephen Gould als Paul gehört, danach Klaus Florian Vogt...


    Ich liebe diese Oper ...

    Me too!


    Dank für den Hinweis auf Stephen Gould. Mir war entgangen, daß er den Paul gesungen hat. Einen YT-Schnipsel, der aus dem Covent Garden stammt und gute zehn Jahre alt ist, habe ich inzwischen auch gefunden:



    Es grüßt Hans

    Angesichts der Renaissance, die die Oper ggw. erlebt, würde ich gern zusammentragen, wen man als Paul auf der Bühne erleben kann.


    Ich habe in den letzten gut zwei Jahren gehört und gesehen:


    • Norbert Ernst in Kiel
    • Klaus Florian Vogt in Hamburg
    • Jonas Kaufmann in München
    • Aleš Briscein dreimal in Berlin
    • Burkhard Fritz in Dresden

    Orchestral ist diese Aufnahme sehr überzeugend. Auch hier - wie schon in der oben besprochenen Holst-Aufnahme - zeigt sich Londoner Brillianz. Der Orchestersound hat mich richtig gefangen genommen. Obwohl beide Aufnahmen in zwei verschiedenen Konzerten im Abstand von zwei Jahren aufgenommen worden sind, bleibt das Orchesterniveau gleichmäßig hoch.

    Die Sängerriege in der "Florentinischen Tragödie" hat mir sehr zugesagt, besonders Albert Dohmen. In den Maeterlinckliedern singt hier Petra Lang. Das ging andernorts mit anderer Besetzung auch schon treffender. Mir fällt gerade nur nicht ein, in welcher Aufnahme das war. Tut mir Leid. Ich habe die Lieder schon ewig nicht mehr gehört, aber beim Anhören der heutigen Aufnahme wusste ich sofort, dass es da gesanglich Besseres gibt. Ich weiß eben nur nicht mehr genau, welche Aufnahme mir da im Hinterkopf herumspukt. Aber schon beim ersten Lied, bei den "Drei Schwestern" (das ich sehr mag) wurde es mir klar.


    Grüße

    Garaguly

    Ich bedanke mich herzlich! Dieser Zemlinsky dürfte noch gut in mein Regal passen, denke ich. Es grüßt Hans

    Berlin hat eine große russische Community. Wann immer an einem der Berliner Opernhäuser eine Aufführung mit Bezug zur russischen Kultur auf dem Plan steht, ist sie unter den Zuschauern zahlreich vertreten. Ich erinnere mich an den von Dmitri Tscherniakov im Winter 2018 inszenierten Tristan. In der ersten Pause passierte ich eine eifrig telefonierende junge Dame und schnappte einen Satz ihres Gesprächs auf: "Мне это не нравится".

    Tscherniakov hat Prokofjews "Die Verlobung im Kloster" zu den Festtagen der Staatsoper im Frühjahr diesen Jahres inszeniert. Am letzten Sonnabend besuchte ich die fünfte Vorstellung. Gegenüber der Premierenbesetzung gab es wenige Umbesetzungen. Luisa wurde von Nina Minasyan anstelle von Aida Garifullina gesungen. Die musikalische Leitung hatte Alexander Vitlin statt Daniel Barenboim.


    Lingua franca in den Umgängen und Garderoben der Staatsoper war an diesem Abend russisch. Mit Vergnügen habe ich die Garderoben der Damen geschaut - Kühnheit im Schicklichen wird gewagt. Mir gefällt das. Fällt der Blick allerdings auf Sportschuhe - ungesäubert nach dem letzten Trail-Run - kann man sicher sein, daß ihre Trägerin "наши" ist.


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    In seiner Inszenierung hat Tscherniakov die Komödie allen romantischen Beiwerks entkleidet. Kein Sevilla, keine nächtlichen Ständchen unter dem Fenster der Angebeteten, keine Dienerschar, keine Mönche, kein Kloster - statt dessen ein Nebengelaß der Staatsoper, in dem überzählige Stuhlreihen stehen und wo sich eine Selbsthilfegruppe von Opernsüchtigen trifft, die hoffen, sich mit Hilfe eines Moderators (Maxim Paster) von dieser Abhängigkeit lösen zu können.

    Damit das gelingt, wollen die Teilnehmer eine Oper in der italienischen Buffo-Manier einstudieren, und die Wahl ist auf Prokofjews Verlobung im Kloster gefallen. Die Teilnehmer finden sich wie von selbst in die Rollen, und schon geht es los.


    Es ist eigentlich erstaunlich, wie gut sich diese Über-Ebene hat einfügen lassen. Prokofjews lockende, flirrende und ironisierende Musik fördert das Vorhaben. Niemand verläßt die Bühne. Alle nehmen jederzeit an der Handlung - Selbsthilfegruppe oder Oper - teil. Wenn die Duenna (Violeta Urmana) und Luisa ihre kleine Intrige spinnen, in deren Ergebnis der Fischhändler Mendoza (Goran Jurić) um die Hand der Schönen geprellt und von der Amme geschnappt wird, sitzt der Bedauernswerte amüsiert und erwartungsfroh neben den beiden Frauen. Immerhin trägt er im Alltag Bart, denn ohne den geht es in der Handlung nicht. Jurić ist ein großartiger Baß-Buffo, hat Freude am Spiel und eine mächtige, warme Stimme.

    In Prokofjews und Mendelsons Libretto, das auf der Erfolgskomödie "Die Duenna" des Iren Sheridan aufbaut, hat der Kleinadlige Sevillano Don Jerome (Stephan Rügamer) einen wenig tauglichen Sohn Don Ferdinand (Andrey Zhilikhovsky) und eine hübsche, lebenslustige Tochter Luisa, die vom Habenichts Don Antonio (Bogdan Volkov) umworben und der Duenna bewacht wird. Jerome will seine Tochter, die Antonio liebt, dem Fischhändler geben. Ferdinand fürchtet die vom Vater gewünschte Verbindung, weil Antonio dann wieder um Donna Clara (Anna Goryachova) werben würde, die er selbst begehrt. Nach einigem Hin u. Her, der kleinen Intrige und einer Flucht ins nahegelegenen Kloster, finden die Paare in der erhofften Konstellation zusammen und verloben sich. Auch Mendoza fügt sich in sein Schicksal und findet sich mit der Duenna, die nicht jung, aber überaus klug und vernünftig ist, ab.

    Den Regisseur interessiert die Komödienhandlung nicht besonders, die Übergänge der Akteurs aus dem Alltag ins Spiel und retour umso mehr. Die an der Oper Leidenden sind einander wirklich gewogen. Mit großer Anteilnahme wird Spiel und Gesang des jeweils Anderen aufgenommen. In Momenten, in denen die Komödie verlassen und den Kollegen der Rücken zugekehrt wird, weicht das heitere Gesicht dem müden, fordert der Alltag sein Recht. Mir fiel das besonders an Urmana, die sich an diesem Abend als große Komödiantin erweist, auf.

    Im Zentrum aller Aktion steht aber Stephan Rügamer, Don Jerome. Dem scheint die Partie auf den Leib geschrieben zu sein. So souverän singt und spielt er. Im Alltag geht er seit dreißig Jahren jeden Abend in die Oper und versucht nun, seine Ehe zu retten, indem er die Opernsucht bekämpft. In der Komödie muß er sich von der Duenna und der widerspenstigen Tochter austricksen lassen, macht gute Miene zum bösen Spiel und schmeißt am Ende eine riesige Verlobungsparty, deren Gäste, der Chor der Staatsoper, in Opernkostümen auftreten. Alle sind da: Agathe und Lohengrin (mit Schwan), Brünnhilde (mit Brünne) und Salome (mit dem Kopf des Jochanaan), Elektra (mit Beil), Siegfried und Cio-Cio-San. Wen die Oper einmal hat, den gibt sie nicht wieder frei.


    Mir - einem Prokofjew-Neuling - hat die Musik sehr zugesagt. Es wurde großartig gesungen. Volkovs Tenor leuchtete stellenweise. Seinen Lenski würde ich gerne hören. Die drei Damen, Minasyan, Urmana und Goryachova, wußten zu gefallen. Lauri Vasar - Amfortas in Tscherniakovs Parsifal am Haus - sang einen distanzierten Don Carlos, den adligen Freund und Begleiter des Mendoza. Andrey Zhilikhovsky einen überaus eifersüchtigen und bockigen Ferdinand.


    Die Verlobung verging wie im Flug. Ich habe mich sehr amüsiert und denke, daß Mendoza es letztendlich am besten getroffen hat.