Beiträge von Hans Heukenkamp

    Matthias Koziorowski - Tenor


    Am 1.6. habe ich in Halle Strauss' Ariadne auf Naxos besucht. In einer munteren Inszenierung stand dort Matthias Koziorowski als Tanzmeister und Brighella auf der Bühne.

    Mir fiel die Stimme schon in seiner ersten Passage im Vorspiel auf: Die Oper ist langweilig über die Begriffe, und was die Einfälle anlangt, so steckt in meinem linken Schuhabsatz mehr Melodie als in dieser ganzen »Ariadne auf Naxos«.

    Sein "mehr Melodie" hatte einen heldenhaften Strahl, der aufhorchen ließ.

    In der Oper, dem zweiten Akt, stach er akustisch mit jugendlich hellem Tenor aus dem Kreise seiner erprobten Freunde heraus, so daß ich kurzzeitig vermutete, ihm würde Zerbinettas Gunst zuteil.


    Hörbeispiele sind noch rar. Leider habe ich keines von der Ariadne gefunden, deshalb verweise ich auf zwei Teile aus Neues vom Tage von Paul Hindemith.


    und


    Koziorowskis künstlerische Biografie verlinke ich, ohne sie zu kopieren.

    Der »Rosenkavalier« von Richard Strauss ist bisher in Berlin noch nicht aufgeführt worden und dürfte auch sobald auf keine unserer Bühnen gelangen.

    Ich las einen netten Bericht über einen Sonderzug zum Rosenkavalier nach Dresden.


    Im Opernzug von Artur Fürst. Erschienen im „Berliner Tagblatt“ vom 6.3.1911.



    Dazu paßt natürlich das Gemälde von Robert Sterl.


    Robert_Sterl_Schuch_dirigiert_Rosenkavalier.jpg


    Auf der Bühne sieht man Ochs und den Notar, vermute ich.

    Rosenkavalier, 8.6.2019, Komische Oper Berlin


    Leider ist der Trailer der Komischen Oper von so trüber Qualität, daß ich ihn nicht verlinken möchte.

    Er sollte aber niemanden vom Besuch der dreizehn Jahre alten Homoki-Inszenierung abhalten.

    Am Pfingstsonnabend war die Oper in der Behrenstraße gut gefüllt, und das Publikum durchaus erwartungsvoll.

    Das Terzett im letzten Akt - die Kulisse/Welt steht kopf - endet mit der Marschallin auf der leeren Bühne, die sich mühsam, schmerzverzerrten Gesichts, der Perücke und des Reifrocks entledigt, während das junge Paar aus dem Off singt. Das geht nicht auf. Emanzipation ist bei Strauss und Hofmannsthal der jungen Sophie vorbehalten. Die Fürstin weiß ja schon im ersten Akt, welche Rolle sie spielen muß: ... daß man's ertragt. Und in dem "Wie" - da liegt der ganze Unterschied. Dies Korsett kann der Regisseur nicht abstreifen, alles spricht gegen seine Sicht.

    Dabei weiß er, daß Ochs und die Marschallin beide Figuren der alten Zeit sind, die endgültig verrinnt. Wie die beiden damit klarkommen - darin liegt der ganze Unterschied.

    Aber die Inszenierung macht Spaß. Jens Larsen gibt Ochs wirklich täppisch und wenig jovial. Der große Mann ist stark und ziemlich gefährlich. Daß der schmächtige Octavian Karolina Gumos' einen Stich gegen ihn macht, erscheint fast unwahrscheinlich. Schon das Mariandel packt er so fest, daß sie sich heimlich das schmerzende Handgelenk reiben muß.

    Mir hat Larsen auch stimmlich gut gefallen, er meistert den gesamten Umfang der Partie.

    Die Marschallin singt Johanni van Oostrum, die ich am Haus schon als Eva in den Meistersingern gesehen habe. Sie muß sich gelegentlich gegen das zeitweilig sehr laute Orchester unter Ainars Rubikis mühen, ist aber eine souveräne Dame. Ihr werden mehrere Regieeinfälle zu teil, etwa der, daß sie der italienische Sänger beim Lever in erkennbare Unruhe versetzt und aus dem Saal fliehen läßt, den sie völlig verwandelt mit Reifrock und hoher Perücke wieder betritt. Beide wird sie erst am Ende ablegen.

    Das Palais der Fürstin hat hundert Augen. Sehr witzig hat der Regisseur das in Szene gesetzt. Jeder weiß, wer bei der Marschallin schläft und der kecke Mohr versucht sogar, einen Blick auf den sich hinter dem Bett bergenden Grafen Rofrano zu erhaschen. Marie-Theres lockt Quinquin mit einem Croissant, das dieser aber nie erwischt. In der nächsten Szene wird es der hungrige Baron umstandslos verzehren. Das Leichte, die sanft-heitere Frivolität des morgenlichen Augenblicks gelingt den Aktricen schön, und der Regisseur würzt mit ein wenig Slapstick um den störenden Degen nach. Karolina Gumos ist als zarter Octavian sehr überzeugend. Ganz fließend-souverän singt sie den jungen Liebhaber und forciert auch nicht, wenn die Musik aus dem Graben sie übertönt.

    Als Octavian in Kadettenuniform mit flacher Mütze die silberne Rose übergibt, bleibt im Hause Faninal die Zeit stehen. Das Personal erstarrt dornröschenhaft, den beiden Teenagern geschieht unterdes märchenhaft Alltägliches. Vera-Lotte Böckers Sophie verfügt über leuchtende Höhen und wehrhaften Trotz, dessen der Baron mit grobem Zugriff Herr zu werden sucht.

    Im dritten Akt kracht es entschieden zu viel. An den Donnerschlägen des Gewitters, die jede Wendung auf der Szene begleiten, hatten die Tontechniker zu viel Vergnügen. Das Mariandel und der Baron quälen sich ein wenig durch ihr Rendezvous im Beisl. Richtig verführerisch agiert die doppelt travestierte Fr. Gumos nicht, ihr Octavian sammelt eher verteidigende Erfahrungen.

    Endlich ist Ochs abserviert. Sein kluger Vorschlag, ihn in den Bund aufzunehmen, um die Situation zu konservieren, die Zeit anzuhalten, wird natürlich nicht angenommen. Weil Homoki die Feldmarschallin nicht gehen lassen will, muß sie Faninals Arm abweisen, um dann allein ihre Exuvien ablegen zu können.

    Als das Terzett erklingt, wird noch einmal deutlich, daß die Komische Oper drei wunderbare Sängerinnen für diesen Rosenkavalier auf die Bühne gebracht hat.

    Meine nächste Ariadne wird wieder die mit Böhm sein, mit Kollo und der Trudeliese, mit Gruberova und der wunderbaren Janowitz.

    Lieber La Roche,

    die Inszenierung in Glyndebourne ist in der Tat einfach schrecklich langweilig. Krankenhausbetten, die seit Jahr und Tag auf den Theaterbühnen hin- u. herrollen, sind nicht sehr originell und gesungen wurde auch nicht überragend. Ich habe das komplette Video gesehen, werde das aber sicher nicht wiederholen.

    Meine nächste Ariadne ist die in Halle, die ich am 1.6. besuchen werde.

    Es grüßt Hans.

    Am 1. Juni werde ich die Ariadne in Halle hören. Gerade bekam ich Nachricht, daß die Karte für mich bereitliegt.

    So klingt das Opernjahr aus für mich mit der Ariadne in Halle, dem Rosenkavalier, dem Tristan und der Toten Stadt in Berlin und dem Lohengrin in Bayreuth.

    Das ist - um es im Bundesliga-Jargon zu sagen - ein schönes Restprogramm.

    Zu Rachel Willis-Sørensen


    RWS habe ich am 12.11.2017 als Elsa in der Deutschen Oper Berlin gehört. Petra Lang war ihr Widerpart. Die Herren waren Günther Groissböck, Klaus Florian Vogt und Simon Neal.

    Im Fühjahr 2016 muß ich sie dort auch gesehen haben (mit Michael Weinius als Lohengrin), aber den Besetzungszettel habe ich nicht mehr gefunden.

    Sie hat mir als Elsa ausgesprochen gut gefallen. Die Stimme mit viel Kraft und Volumen, ihr Spiel engagiert und frisch.


    So sang sie in Zürich:

    Die Wagner-Woche an der Deutschen Oper endete gestern abend mit dem Lohengrin in der Inszenierung von Kasper Holten. Mit der verbinde ich viel, denn sie hat mich zum regelmäßigen Operngänger gemacht. Deshalb habe ich sie über die Jahre auch regelmäßig besucht, und es ist sicher die Opern-Inszenierung, in der ich am häufigsten gewesen bin. In der nächsten Saison steht sie nicht mehr auf dem Spielplan. Gestern war die letzte Vorstellung für dieses Jahr.


    Mir ist gestern abend deutlich geworden, wie sehr wir Berliner mit der Besetzung der Titelpartie in den letzten Jahren verwöhnt worden sind. Michael Weinius, Peter Seiffert und Klaus Florian Vogt haben sie gesungen. Alle drei haben mich - jeder mit seiner Art zu gestalten, begeistert. Gestern sang Daniel Johansson, der weder mich, noch die meisten Zuhörer überzeugen konnte. Er agierte wie der Landpfarrer von der Scheldemündung und war mit der Rolle auch sängerisch überfordert. In allen dramatischen Phasen rutschte die Stimme ins Jammern ab, und er war durchaus nicht höhensicher. Er mag bessere Tage haben, der gestrige war kein guter.

    Auch Camilla Nylunds Elsa hat mich wenig begeistert. Mit der Blondhaarperücke sah sie zwar hinreißend aus, spielte aber einfallslos mit viel leerer Gestik und großen Armbewegungen. Sie sang sicher, ohne mitreißend zu sein. Im ersten Rang sitzend habe ich sie als recht leise empfunden.

    Das helle Paar - beide weiß gewandet - also enttäuschend. Die Gegenspieler, Ortrud und Telramund, aus anderem Holz geschnitzt. Anna Smirnovas Ortrud mit Wut und Mut zur Häßlichkeit gespielt, die Schrillheit nicht zurücknehmend, sondern als dramatisches Mittel eingesetzt - das war beeindruckend und wurde vom Publikum beklatscht. An John Lundgren fiel mir das starke Verschleifen der Konsonanten im ersten Akt auf. Als er seine Anklage vorbringt, muß er präsize sprechen. Es ist ja sein Fall! Der liest ja keine amtliche Bekanntmachung vor! Den zweiten Akt meistert er besser, und der Saal dankte es ihm.

    Derek Welton hat an der DOB immer ein Heimspiel. Sein Heerrufer vorzüglich verständlich, vielleicht ein bißchen zu viel Schöngesang. Ich mag die Heerrufer gerne etwas blechern und die ja nur geborgte Autorität verdeutlichend. Bleibt König Heinrich, den Andreas Bauer Kanabas gesungen hat. Das war solide und hat gefallen.

    Überragend - wie eigentlich immer - der Chor der Deutschen Oper. Diese Wucht, dieser Schalldruck im Rang!

    Donald Runnicles am Pult wurde vor dem dritten Akt mit viel Beifall begrüßt. Die Bläser in den Proszeniumslogen sind ihm gestern abend ausgerissen.


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    Nun, da die Inszenierung pausiert, ziehe ich meine eigene kleine Bilanz. Die drei eingangs genannten Tenöre haben mich immer begeistert. Die schönsten Elsas waren Rachel Willis-Sørensen und Annette Dasch. Als Telramund habe ich Simon Neal und Thomas Johannes Mayer immer gern gesehen und Anna Smirnovas Ortrud war immer aufregend. Als König Heinrich blieb Günther Groissböck unübertroffen.

    Holtens Idee, den Lohengrin als Spektakel der Oberklasse zu deuten, die die Vorhänge schließt, wenns politisch wird, hat mich bei jedem Besuch wieder überzeugt. Ich werde den Lohengrin auf dem Spielplan vermissen, auch wenn ich denke, daß ihm eine Pause guttun wird.

    Lieber Gerhard, die Kostüme waren vll. etwas historisierend, aber die Präzision bei Knöpfen, Troddeln, Kordeln, Schärpen und Schulterstücken mag dem unbarmherzigen Auge der Kameras geschuldet sein. Beeindruckt hat mich die Kargheit der Requisite. Stuhl, Bett, zwei Gitter, eine Christusfigur im Altarraum der Kapelle - das genügte.

    Fr. Pieczonka in der Rolle der Madame de Lidione hat mich ebenfalls sehr bewegt. Das lächelnde Gottvertrauen, mit dem die Katastrophe geradezu angezogen wird, war erschütternd. Es grüßt Hans

    Lieber Ralf Reck, mich zog es gestern in die Karmeliterinnen aus New York, sonst wäre ich wohl auch zu Peter Seiffert gegangen, der in der Tat ein Liebling des Berliner Publikums ist. Sicher liegt es daran, daß er immer "liefert". Wenn er besetzt ist, wird es ein guter Abend. Das wissen die Operngänger.

    Schön, daß Du Deine Eindrücke ausführlich geschildert hast! Die vorherige Vorstellung aus der Serie hatte ich ja selbst besucht.

    Ich mag die Inszenierung von Kirsten Harms gern. Sie hat viele überzeugende Bilder gefunden. Eins will ich nennen: Wie sich - mittels Hebebühne - die gesamte Thüringer Gesellschaft über den einsamen Tannhäuser erhebt, ist treffend.

    Die Vorstellung war nur mäßig verkauft. Bevor es dunkel im Saal wurde, empfahl die freundliche Mitarbeiterin, die die Programme anbietet, nach vorne aufzurutschen. Ich blieb in meiner Reihe im ersten Rang, die ich dann ganz für mich allein hatte.


    Ausgesprochen gut hat mir die Ouvertüre gefallen. Das Orchester mußte sich nicht wamlaufen. Unter dem Dirigat von Axel Kober ging es sicher und zügig voran. Iain Paterson sang den Holländer zurückhaltend, gelegentlich zu leise, aber mit einigen schönen Momenten. Das Publikum schien aber mehrheitlich unzufrieden zu sein. Der Beifall für ihn fiel schwach aus. Catherine Foster hingegen wurde bejubelt. Sentas Ballade hätte ich mir zupackender und mit stärkerem gesanglichen Ausdruck gewünscht, aber im Verlauf des zweiten Akts wurde die Stimme dann freier. Die Begeisterung anderer Besucher kann ich aber nicht teilen.

    Falk Struckmann sang den Daland charakteristisch und solide, durchdrang das Orchester aber nicht immer. Gideon Poppes Steuermann riß die Latte im "Südwind! Südwind!" einmal. Charaktertenor Thomas Blondelle sang Erik, der in dieser Inszenierung in den Mittelpunkt gerückt wird und die Bühne nie verläßt, durchaus rollendeckend. Er paßt gut in das Konzept dieser Inszenierung, die den schwachen Erik am Ende zum Mord bereit zeigt.


    Der Höhepunkt des Abends war für mich der Chor zu Beginn des dritten Aktes: spannend choreographiert und mit großer Durchschlagskraft singend. Die Bravos beim Schlußapplaus waren gerechtfertigt.


    Obwohl ich den Schluß von Christian Spucks Inszenierung, bei dem Senta durch Eriks Messer stirbt, ärgerlich finde, sind ihre Fragen nach Gewalt und ihrer ritualisierten Bändigung interessant. Zum Verhältnis zwischen Senta und Holländer sagt Spuck aber nichts neues.