Beiträge von Hosenrolle1

    Komisch, dass ich noch nie einen solchen auf eigenen Erfahrungen basierenden Bericht über einen Vorstellungsbesuch von dir gelesen habe...


    Das liegt daran, dass ich keine geschrieben habe. Und selbst wenn, was tut das zur Sache? Der Unterschied ist nur der, dass ich nicht über Inszenierungen herziehe, weil der Regisseur irgendeinen Ruf hat oder mir ein Bild dieser Inszenierung nicht gefällt.


    Wenn ich eine Inszenierung nicht kenne, dann urteile ich nicht darüber.




    LG,
    Hosenrolle1

    Dazu reichen mir der hinlänglich bekannte Ruf des Regisseurs


    Ich weiß nicht wie du das siehst, aber ich lasse mir generell nicht von anderen vorsagen, was gut und was schlecht ist, sondern bilde mir lieber eine eigene Meinung, basierend auf eigenen Erfahrungen.



    und die verfügbaren Bilder


    Die halt wenig über die ganze Regiearbeit aussagen. Ich finde die Bilder auch nicht gut, aber trotzdem kann es sein, dass er z.B. bei der Personenführung tolle Einfälle hatte, die mir entgehen, weil ich wegen ein paar Kulissen gar nicht hingehe.




    LG,
    Hosenrolle1

    Das erotische Momentum der "Salome" wird ja wohl niemand bestreiten. Das stört mich auch nicht im Mindesten. Aber wieso das heutzutage immer so hanebüchen auf die unterste denkbare Ebene gesenkt werden muss, verstehe ich nicht. Damit es der letzte Vollpfosten kapiert? Das geht doch sinnlicher und subtiler.


    Der Meinung bin ich auch, jedoch geben ja viele Zuseher zu, dass sie nur in die Oper gehen, um "zu entspannen" oder "mal abzuschalten". Soll man dieses Publikum nun überfordern, indem man subtil arbeitet und davon ausgeht, dass das Publikum mitdenkt?


    Andererseits, es gibt auch Stücke, wo Subtilität nicht so angebracht ist, weil da die Gefahr wäre, dass etwas verharmlost wird.



    Was Neuenfels daraus macht, ist Gossenniveau


    Du hast die Inszenierung gesehen?




    LG,
    Hosenrolle1

    Ich fände es irgendwie interessanter, wenn jemand schreiben könnte, wie die Inszenierung aussieht, welche Ideen der Regisseur hatte bezüglich Personenführung und Libretto, wie der Tanz gelöst ist, als diese gefühlt 1.000.000ste Diskussion mit "Ich will dies nicht, ich will das nicht". Dass nicht alle mit dieser Regiearbeit einverstanden sind ist klar, das haben diejenigen schon deutlich gemacht. Ergiebiger (und für mitlesende Gäste sicher lesenswerter) wäre es m.E. aber, wenn man über das Stück spricht, statt den eigenen Standpunkt ständig zu wiederholen.




    LG,
    Hosenrolle1

    Ein egozentrischer Regisseur wie Neuenfels hat offenbar auch keine gute Kinderstube genossen, siehe den von Stimmenliebhaber zitierten Brief Dohnányis. Ich wüsste nicht, wieso es ein Mann wie Christoph von Dohnányi nötig hätte, falsche Gerüchte in die Welt zu setzen. Man fragt sich wirklich, wieso so einer wie Neuenfels zur "Regie-Legende" hochstilisiert wird. Da hapert's ja offenkundig bereits ganz elementar.


    Mozart und manche andere Komponisten waren auch alles andere als vornehm. Da gab es Rüpel, Säufer, Randalierer, und Intriganten. Trotzdem genießen diese Komponisten heute ein hohes Ansehen. Da fragt auch keiner, wieso sie heute hochstilisiert werden. Vielleicht, weil der Regisseur heute noch lebt, die Komponisten aber schon lange tot und Geschichte sind?




    LG,
    Hosenrolle1

    Ich finde das einfach geschmacklos. Das hat auch gar nichts mit Prüderie zu tun. Wo's hinpasst, meinetwegen, aber nicht in Straussens "Salome".


    Ich finde es unpassend, aber nicht geschmacklos.


    Überhaupt, gerade die Salome ist in ihrer ursprünglichen Form alles andere als geschmackvoll; ein abgeschlagenes Haupt zu küssen und davon zu reden, dass das Blut auf den Lippen bitter geschmeckt hat ist jetzt nicht unbedingt appetitlich, oder ein Stiefvater, der auf seine blutjunge Stieftochter steht ...


    Davon abgesehen, die ganze Gesellschaft dort ist dekadent und ausschweifend - ich habe kein Problem damit, wenn das auch gezeigt wird, solange es zum Stück passt und nicht nur wegen der Schockwirkung passiert.




    LG,
    Hosenrolle1

    Knappertsbusch drohte mit Absage in Bayreuth bei der Wieland Wagner Inszenierung des "Parsifal". Die ganze Inszenierung gefiel ihm nicht, er nahm's dennoch hin, bestand aber auf der Taube, die Wieland gestrichen hatte. Wieland lenkte ein, scheinbar, und platzierte die Taube so, dass Kna sie sehen konnte, das Publikum indes nicht. A propos Wieland: für eben diese "Parsifal" Inszenierung erhielt er sogar Morddrohungen. Heute bewundert man eben diese Inszenierung und arbeitet sich an anderen Regisseuren ab. Es scheint, dass das Opernpublikum (anders als das Konzertpublikum) eine besondere Begabung von Intoleranz gepaart mit Roheit hat.


    In einem anderen Thread habe ich aus Joachim Kaisers Buch "Wie ich sie sah ... und wie sie waren" zu diesem Thema etwas zitiert:


    Zitat

    Natürlich hatte Wielands Symbolismus etwas mit seinen Jugend-Erfahrungen, Jugend-Erlebnissen in Bayreuth zu tun. Er hat mir einmal geschildert, wie lächerlich ihm die verkitschten Pompbilder der „Meistersinger“ seiner Jugend-Zeit erschienen waren; wie verrückt es ihm immer vorkam, wenn im letzten Akt der „Götterdämmerung“ kleine Götterpuppen stoisch verbrannten. Richard Wagner selbst habe sich ja in der ersten Ring-Inszenierung des Jahres 1876 nicht an seine Bühnenbild-Tagträume halten können: die Regenbogen-Brücke sei ein klappriges Holzgerüst gewesen und kein herrliches Phantasie-Bild, die Rheintöchter oder der Lindwurm Fafner wären einfach komisch gewesen – und keines Denkmalschutzes wert, weil sie von Anfang an anders ausfielen, als es sich Richard Wagners schöpferische Phantasie einst ausgemalt hatte …
    Das waren natürlich hörenswerte Argumente eines engagierten Regisseurs, der nachgedacht hatte und zu extremen Schlüssen gekommen war. Und als der alte Dirigent Knappertsbusch klagte, man solle sich doch mehr an den heiligen Richard Wagner halten, antwortete Wieland schlau, geschickt und liebenswert: Gut, Knappertsbusch solle ihm einen Regisseur seiner Wahl empfehlen, er würde den Mann nach Bayreuth engagieren. Nur wenn schon historisch und werktreu, dann aber auch richtig. Dann nicht die Stahlsaiten im Orchester, die viel stärker klingen, sondern Darmsaiten. Dann nicht das elektrische Licht, das ganz andere Schatten wirft, sondern Gasbeleuchtung.




    LG,
    Hosenrolle1

    Eine meiner liebsten Aufnahmen mit Mado Robin ist der Auftritt der Puppe Olympia aus "Hoffmanns Erzählungen":


    /EK7qo4PY97Y


    Lieber 9079wolfgang,


    ich habe gerade in meiner Software mit Operngesamtaufnahmen gesucht, aber keine Aufnahme von Les Contes d'Hoffmann mit Mado Robin als Olympia gefunden.
    Auch in dieser Diskografie (http://www.operadis-opera-discography.org.uk/CLOFCONT.HTM) findet sie sich nirgends. Kannst du mir vielleicht sagen, wer in dieser Aufnahme dirigiert hat, oder welche anderen Sänger noch dabei waren? Ich frage nicht, weil ich deine Aussage anzweifle, sondern weil ich mein Programm überprüfen möchte.



    Von Mado Robin finde ich in meinem Programm


    Lakmé (1952 & 1955),
    Lucia di Lammermoor (Querschnitt) (1953?),
    Die Zauberflöte (Querschnitt, franz. Sprache (1961),
    Valses de Vienne (Querschnitt) (1957),
    La Traviata (Querschnitt, franz. Sprache) (1959)
    Rigoletto (Querschnitt, franz. Sprache) (1958?)




    LG,
    Hosenrolle1

    Da wünsche ich dir viel Spaß damit! Ich habe vor einiger Zeit eine komplette, ausführliche Inhaltsangabe inkl. Spoiler gelesen, die verrate ich selbstverständlich nicht, aber mir gefiel "The Force Awakens" doch irgendwie besser. Den zweiten möchte ich mir eigentlich nicht mehr ansehen. Bin gespannt auf deine Meinung!



    Ich schummle jetzt ein bisschen, denn ich habe mir vor knapp 2 Wochen die erste Staffel von "Die Borgias", mit Jeremy Irons gebraucht und relativ günstig auf Blu-ray gekauft. Hier das DVD-Cover:



    Dazu muss ich sagen, dass ich nie ein Freund dieser momentan so zahlreich erscheinenden historischen oder pseudo-historischen Serien war, die ich eher als Softpornos mit etwas besserer Handlung und Gewalt bezeichnen würde. Das Prinzip ist immer gleich: historisches Setting, in dem die Hauptfiguren aber alle perfekt geschminkt sind, viel nackte Haut, viele unnötige Sexszenen und viel übertriebene, explizite Gewalt, dazwischen viel langweiliges Blabla.


    Dennoch habe ich mir gedacht, ich wage einmal einen Versuch mit den Borgias, der Regisseur bzw. Writer ist Neil Jourdan, der auch für "Interview mit einem Vampir" verantwortlich war, und Jeremy Irons als Papst ist auch kein Unbekannter. Ich wollte mich mal wirklich auf so eine Serie einlassen und habe mir die komplette erste Staffel angesehen, ohne vorspulen oder ähnliches. (Mich haben die Borgias am ehesten interessiert, weil ich hoffte, dass vielleicht auch ein bisschen was mit Leonardo Da Vinci oder so vorkommen wird, dass man die Künstler dieser Zeit sieht, irgendwas in der Richtung.


    Nun meine Meinung: diese Serie ist SCHROTT hoch 10! Fürchterlicher, unerträglicher Mist!


    Ich will gar nicht groß ins Detail gehen, aber hier passt gar nichts. Die Serie ist eigentlich nichts anderes als eine Soap Opera, die um 1500 spielt. Die Hauptfiguren natürlich alle wieder total fesch und perfekt hergerichtet, selbst nach einer Schwangerschaft und Geburt bleibt der Körper perfekt und das Gesicht schön geschminkt, die Dialoge sind teilweise extrem kitschig ("Der Donner ängstigt mich, Paolo"), die Musik ist typischer Soap-Opera-Schmalz nach Schema F, und Nackt- und Sexszenen gibt es ebenfalls einige, und jede davon wirkt völlig überflüssig, bringt die Handlung überhaupt nicht weiter, sondern wirkt deplatziert. Gefilmt werden solche Szenen ebenfalls fantasielos und ohne jede Kreativität, und immer FSK16-tauglich.


    Ich habe natürlich keine Doku erwartet, mir war schon vorher klar, dass das eine Unterhaltungsserie ist, in der es erfundene Figuren gibt, historische Tatsachen umgeändert oder weggelassen oder stark verkürzt werden etc., aber das Ganze ist einfach nur unerträglich.


    Die Bildqualität der in HD produzierten Serie ist auf der Blu-ray großartig, speziell die Details in den Kostümen sieht man hier sehr gut, sehr störend wirkt jedoch das Black Crush, das ständig zu sehen ist!




    LG,
    Hosenrolle1

    Also nur mal zur Klarstellung:


    Vom Fach her ist Herr Kollo Sänger. Da ist er berufen, "als Fachmann" etwas zu sagen. Herr Kollo ist aber weder ein Historiker und Wissenschaftler wie Jens-Malte Fischer, der fachlich fundiert über Wagners Antisemitismus und seine historische Rolle urteilen kann, noch ein Musiktheoretiker. Als Historiker ist Herr Kollo kein ausgewiesener Fachmann, sondern Dilettant. Richard Wagner war nicht nur ein hoch bedeutender Komponist, sondern - da rede ich jetzt als "Fachmann" - auch ein bedeutender Musiktheoretiker, für den ich ihn halte und immer gehalten habe. (...) In Sachen Musiktheorie und Ästhetik ist Herr Kollo ebenso wenig ein Fachmann, sondern lediglich Dilettant! Ich wundere mich wirklich, warum Sänger immer wieder meinen, sie seien zu allem und jedem berufen etwas zu sagen, was über ihre eigentliche Fachkompetenz hinausgeht, und es natürlich besser zu wissen als alle wirklichen Fachleute. Das ist einerseits anmaßend und andererseits wird es nur komisch zum Nachteil des Renommees des Betreffenden. Nur merkt derjenige selbst es natürlich nicht, weil er genug "Anhänger" findet.


    Ich bin wahrlich nicht oft Holgers Meinung, aber in diesem Fall stimme ich jedem der zitierten Worte zu.




    LG,
    Hosenrolle1

    Ich möchte mich nicht zu den Freunden von Frau Gilles zählen.


    Nachdem ich jetzt ein paar Seiten von dem wirren Geschreibsel dieser Frau überflogen habe, möchte ich mich dem anschließen. Auszug aus einem dieser "Kritiken":


    Zitat

    Die Gleichgültigkeit, mit der unsere Ministerien mit ihren Mitarbeitern der Verrohung und Verdummung zusehen und im Dschungel falsch geleiteter Subventionen sich eine Fake-Kultur breitgemacht hat, sollte die Wissenden aufwecken, aber sprachlos duckt sich das Publikum vor der 'political correctnes' und die geistige Inzucht bringt weitere Missgeburten zu Lasten der Steuerzahler auf die Bühnen.


    Wunderbar sachliches Niveau! Alle Achtung!
    Wenn man sich mit so etwas identifiziert, dann sagt das m.E. mehr über einen selbst als über das pöhse "Regietheater" aus.




    LG,
    Hosenrolle1

    Ich bin sicher kein Fan von Edith Mathis, höre sie aber dennoch gerne. Als Agathe kann ich sie mir fast gar nicht vorstellen, viel eher als freches Ännchen, oder als Susanne oder Cherubino, nicht als Gräfin. Allerdings kenne ich auch nur die junge Mathis.


    Stichwort Cherubino: ihr "Voi che sapete" gefällt mir durchaus, aber vielleicht können mir die Stimmexperten etwas zu zwei Stellen sagen, die ich nicht verstehe.



    Wenn man auf 2:22 geht, singt sie "fuore di me". Dieses "me" hat eine für mein Empfinden sehr knödelige, aufgedickte Klangfarbe, die überhaupt nicht zur sonst eher hellen, schönen Stimme passt.


    Bei 2:32 singt sie "Non so cos'è", wobei das "cos'è" wiederum plötzlich den Klang so stark verändert. Woran liegt das? Ist das einfach ihre Stimme? Ist das eine nicht optimale Technik? Hat das etwas mit Vokalausgleich oder so zu tun? Bei anderen Sängerinnen, auch bei älteren als Mathis, höre ich diese zwei Stellen meist nicht so, deswegen kann ich mir nicht vorstellen, dass es allein am Text liegt.




    LG,
    Hosenrolle1

    Stimmt, und Cherubino hat gleich zwei, wird da aber verschmäht, weil man den Grafen oder Figaro oder Susanna für interessanter hält.


    Wobei, bei Octavian ist es vielleicht auch, weil er im Titel genannt wird, könnte ich mir denken. Aber trotzdem irgendwie schade.




    LG,
    Hosenrolle1

    Jetzt habe ich mal auf Amazon doch einige Figaro-DVD oder Blu-ray-Cover überflogen, um zu sehen, welche Personen da drauf sind. Tatsächlich habe ich nur zwei gefunden, auf denen man auch Cherubino sieht:



    Ansonsten wird er, soweit ich das gesehen habe, praktisch überall unterschlagen. Würde mich ja interessieren, wie die Produzenten dieser beiden Scheiben hier gerade diese Figur zeigen, statt etwa den titelgebenden Figaro.




    LG,
    Hosenrolle1

    Ich bin natürlich kein Musikwissenschaftler, und kein Komponist der damaligen Zeit, habe in meinem Hosenrollen-Thread aber öfter manche Mozart-Rezitative auf ihre Tonarten und Modulationen hin untersucht. Ein Beispiel für so ein Rezitativ (inkl. von mir im Quintenzirkel eingezeichneter Sprünge):



    Was hier auffällt ist, dass die Tonarten immer weiter nach unten, bis ins "unschöne" As-Dur gehen, das auf der damaligen Stimmung nicht mehr gut klang. In anderen Rezitativen merkt man, dass Mozart As-Dur selten einsetzt, also offenbar möchte er mit solchen Tonarten ungangenehme Dinge ausdrücken. (Klar, Tonarten, die ein bisschen schief klingen, wo sich Töne aneinander reiben, wird man kaum für freudige Empfindungen einsetzen) Man kann m.E. davon ausgehen, dass Komponisten wussten, wie bestimmte Tonarten klingen, und sie daher gezielt eingesetzt haben.




    LG,
    Hosenrolle1

    Relativ bekannt ist die Einteilung der Tonleiter der gleichschwebend/gleichmäßig temperierten Stimmung in 12 Halbtöne zu je 100 Cent. In dieser Stimmung gibt es keine Tonartencharakteristik; die Tonarten unterscheiden sich nur durch die Lage (Tonhöhe) der Grundtöne. (In allen anderen Stimmungen gibt es Farbunterschiede zwischen den Tonarten, die man auch ohne absolutes Gehör zu besitzen wahrnehmen kann.)


    WENN das Orchester bzw. der Solomusiker dem Hörer genau das ermöglicht, was aber leider selten der Fall ist, zumindest ab der Klassik (im Barock legt man jetzt doch viel Wert drauf).


    Wer eben diese Farbunterschiede, die ein wichtiger Teil alter Kompositionen sind, dem Publikum vorenthält, beraubt diese Werke ihrer Schönheit und ihrer Aussage - was aber den meisten sowieso egal ist. Insofern finde ich es gut, dass du dich mit diesem Thema beschäftigst :)




    LG,
    Hosenrolle1

    Und das Frage ich mich immer : woher kommt bei einem Kind wie Cherubino das Interesse an älteren Frauen.


    Naja, Interesse an ALLEN weiblichen Wesen, an der um ein Jahr jüngeren Barbarina genauso wie an Susanna, der Gräfin und wer halt sonst noch da ist :D
    Er ist ja auch kein Verführer im klassischen Sinne, kein Don Giovanni oder so, sondern selbst noch sehr unsicher.


    Normalerweise sollte er dich doch mit anderen Dingen beschäftigen mit denen sich Kinder in seinem Alter beschäftigen.


    Naja, aus heutiger Sicht vielleicht. Damals mussten Kinder aber schnell erwachsen werden, entweder weil sie viele Stunden am Tag zwangsarbeiten und im Dreck leben mussten, oder weil sie (wie hier) adelig waren und eine strenge Erziehung und wenig Freiräume hatten.




    LG,
    Hosenrolle1

    Wobei das Anlehnen auf mich eher wie ein freundschaftliches Kuscheln unter Frauen wirkt ( Und auch die Gräfin und Susanna halten sich in einer Szene liebevoll im Arm... ). Ist die Frage, inwieweit dieses "Interesse" dann erotischer Natur ist, denn Cherubino wirkt hier wirklich sehr, sehr jung!
    Allerdings sieht man auf 0:36 wie er einer der Damen den Strumpf herunterzieht, während diese äußerst offensiv das Kleid anhebt!


    Das war vielleicht missverständlich von mir formuliert: die Annahme, dass in dieser Inszenierung die beiden Frauen ein Interesse an Cherubino haben könnten beruht nicht auf der Anlehn-Szene, sondern auf dieser Strumpfband-Szene, die ich leider nicht erwähnt habe. Das Anlehnen selber kommt mir auch sehr freundschaftlich vor, wobei es m.E. doch auffällig ist, dass BEIDE Frauen sich anlehnen.


    Das mit dem Strumpfband finde ich schon sehr ungewöhnlich. Falls das die Gräfin ist (wovon ich einmal ausgehe), dann glaube ich, dass sie weiß, dass Cherubino solche "Spielereien" gefallen, denn wenn er in dieser Inszenierung tatsächlich als quasi unschuldiger Junge dargestellt wird, würde sie das nicht machen. Die müsste doch befürchten, dass er fragt "Was soll das werden?" :D
    Meine Vermutung ist, dass der Regisseur es vielleicht so macht, dass die Gräfin nicht Susanna ein neues Band holen lässt, sondern ihm eines gibt, das sie selbst schon trägt, und er darf es sich auch noch selbst nehmen.


    Ich gehe mal auf die Homepage der Oper und suche nach weiteren Bildern, Videos und/oder Infos.


    EDIT: nichts. Eine Inhaltsangabe, die vom "Humor" des Stückes und der Musik von Mozart schwärmt (die dort aber nicht zu hören ist), eine Besetzungsangabe, und das war´s. Keine weiteren Videos, keine Fotos, nicht mal die Option, die Seite auf Englisch anzeigen zu lassen, zumindest habe ich keine gefunden.


    In der Beschreibung wird Cherubino als Konkurrent des Grafen bezeichnet. Wie gesagt, ich hoffe wirklich, dass diese Inszenierung mal ganz zu sehen sein wird, sehe aber schwarz :(




    LG,
    Hosenrollle1

    Das ist auch einer der Gründe, warum ich Übersetzungen nicht gut finde. Klar, wenn man sowieso vorhat, eine Oper nur einmal oberflächlich anzuhören, dann sind einem diverse Feinheiten egal, aber wenn man sich genauer damit beschäftigt, dann sind solche Übersetzungen verfälschend und daher absolut unbrauchbar.


    In einer Szene in dem Video sah man Susanna und die Gräfin, die sich an Cherubinos Schulter anlehnen. Also offenbar ist es hier auch so, dass beide Frauen ein gewisses Interesse an ihm haben, im Gegensatz zu anderen Inszenierungen aber wird (soweit man das sehen konnte) aber nicht gefummelt, sondern eher gekuschelt. Ich hoffe, dass es bald mehr zu sehen gibt von dieser Inszenierung!




    LG,
    Hosenrolle1

    Das denke ich schon! Ich glaube, die wurden schon als Kinder darauf gedrillt, was sich schickt und was nicht! Gerade die Spanier...


    Na gut, stimmt auch wieder :)
    Trotzdem wundert mich die "nackte Brust". Mozart war ja bekanntermaßen kein Kind von Traurigkeit, was die Frauen anging, da wäre für mich schon denkbar, dass er wollte, dass zumindest das Oberteil vorne offen ist (ob das auch erlaubt gewesen wäre ist eine andere Frage; vielleicht gingen andere Länder, in denen er aufgeführt wurde damals, anders damit um?).


    Wobei ich mich auch immer wieder Frage, inwieweit der Graf tatsächlich selber glaubt, dass Cherubino da die weiblichen Schlossbewohner in Serie vernascht oder ihn nur als lästigen Mitwisser loswerden will... Oder als Konkurrenten in spe?


    Ich glaube beides, denn wie du schon sagst, er nennt Cherubino auch Verführer. Der Graf will der Einzige sein, dem alle Frauen zur Verfügung stehen (notfalls mit Gewalt), da kann er einen jungen Burschen, der ihm zuvorkommt, nicht brauchen.


    Immerhin nennt er ihn im Originaltext einmal sogar einen "Verführer". Das wird in jeder deutschen Übersetzung, die ich kenne unterschlagen: Als Basilio im ersten Akt von Cherubinos "unbescheidenen" Blicken berichtet, mit denen er bei Tisch die Gräfin bedenkt, erteilt der Graf Basilio den Befehl "Jag den Verführer sofort aus dem Haus!"


    In meiner Übersetzung nennt er ihn Schürzenjäger, aber der Sinn ist schon der gleiche. Nur in der schlechten Filmübersetzung sagt er "der lose Bube".


    Aber als er auf den am Boden liegenden Cherubino eintritt ( vor allen Leuten, wie's aussieht! ), dachte ich echt, ich sehe nicht richtig! Wirkt umso brutaler, da Cherubino hier wirklich äußerst jung und zart aussieht...
    Okay, der Graf ist ja wirklich aggressiv und unberechenbar, aber Cherubino ist, wie gesagt, auch von Adel! Es würde nur Sinn machen, wenn der Graf in seiner Wut nicht mehr Herr seiner Sinne wäre ( was ja auch sein kann. ).


    Ich finde es auf jeden Fall ganz gut, wenn man den Grafen so darstellt, ohne jede Rokoko-Tändelei und Freundlichkeit, damit man diese Bilder im Kopf hat bei seinem "contessa perdono".




    LG,
    Hosenrolle1

    Bei Cherubino denk ich immer warum muß sich der Junge an ältere verheiratete Frauen ranmachen? Hat der keine Erziehung bekommen ?


    Das tut Octavian aber genauso. Und Cherubino ist an allen Frauen interessiert, egal ob jung oder alt, ob verheiratet oder nicht. Verheiratet ist eh nur die Gräfin, und das mit einem Grobian, der fremdgeht. Brave Figuren, die immer schön das tun, was andere von ihnen erwarten, fände ich ziemlich langweilig, da finde ich das Anarchische bei Cherubino irgendwie erfrischend, vor allem weil er die einzige Figur ist, die um der Liebe willen liebt inmitten einer dekadenten, intriganten und verlogenen Gesellschaft. ;)




    LG,
    Hosenrolle1

    Bei Mozart ist das nicht so. Die Figuren lassen mich einfach kalt.


    Das kann ich nachvollziehen, für mich sind die Figuren im Figaro (bis auf Cherubino) oder in Cosi fan tutte auch unsympathisch. Wobei das nicht bedeutet, dass ich mich nicht mit ihnen beschäftige, nur kümmern sie mich eigentlich nicht, was vielleicht auch daran liegt, dass da in den Opern meines Wissens kaum "normale" Figuren vorkommen, sondern eher die "schönen und reichen", die eh ein gutes Leben haben. Ich mag Opernfiguren, die eher etwas zeitloses, modernes haben, keine veralteten Rollenklischees. Siegmund und Sieglinde aus der Walküre sind für mich so ein Beispiel, mit DENEN fühle ich auch mit, die hatten es nicht leicht, sind auch nicht "reich und schön", Siegmund ist gegen die Zwangsehe, und auch sonst sind die beiden recht fortschrittlich, wenn man bedenkt, in welcher Zeit das Ganze geschrieben wurde.


    Oktavian finde ich zum Beispiel sympathischer als Cherubino.


    Wieso das? (Wobei man sagen muss, Cherubino ist 13, Octavian doch um einiges älter)



    LG,
    Hosenrolle1

    Ja, find mikrologisches Reinziehn/Analyse gleichfalls mega-spannend.


    Man verliert ja dabei nicht das Ganze aus den Augen, nur ist gute klassische Musik eben keine "leichte" Musik, sondern steckt voller Raffinessen, voller Details, die man erst findet, wenn man sich sehr genau damit beschäftigt, diskutiert und sich andere Meinungen und Sichtweisen anhört! Das gleiche gilt für gute Regiearbeiten.



    Und dir, Hosenrolle ausdrücklich Dank für deine Erläuterungen zur Intro von „Voi che sapete“ !


    Gerne :)
    Ich hoffe, es war was Interessantes dabei? Auf jeden Fall sieht man hier, wie Mozart mit Motiven arbeitet, selbst in seinen Sinfonien. Ich möchte verstehen, was er da "sagt" in seiner Musik, und nicht einfach nur so hören. Dafür war DIESE Musik, ähnlich wie die Barockmusik, die ebenfalls sehr viel mit rhetorischen Figuren arbeitete, damals nicht gedacht.



    Wobei mir Claus Guths Choreographie dabei sogar noch differenzierter, feiner und ausgefeilter rüberkommt..
    http://www.youtube.com/watch?v=Srf2fa_gimc
    ab ca. 1:06:30


    Da muss ich dir Recht geben. Ich finde, dass es immer noch geschmackvoll bleibt, und nicht zur unnötig obszönen Grapscherei wird, von der ich auch nichts mehr halte. Was mir besonders wichtig ist, ist, dass der Regisseur auf die Musik hört, auf die Motive, oder zumindest auf die Dramaturgie eines Stückes. Wo wird sie wilder, wo ruhiger, wie könnte man diese plötzlichen pulsierenden Achtelnoten in den Bässen umsetzen, was könnten sie bedeuten, usw. usf.
    Und hier habe ich das Gefühl dass Guth durchaus auf die Musik gehört hat und sie auf seine Weise auslegt.



    (mit dem Orchester und Harnoncourt tu ich mich – was diese Nozze betrifft – etwas schwer) ..


    Mit Harnoncourt tu ich mir generell schwer, weil er in seinen Schriften immer wieder propagiert, wie wichtig die historischen Instrumente für die korrekte Aufführung alter Musik sei, sich dann aber mit den Philharmonikern hinsetzt und einen Figaro aufführt. In "Musik als Klangrede" erörtert er genau, wie welche Noten bei Mozart zu spielen sind, und warum moderne Instrumente das nicht können - und dann spielt er mit einem modernen Orchester und meint, darauf angesprochen, dass er versucht, den Klang der alten Instrumente mit den modernen zu imitieren. Redet von der Tonartencharakteristik, wie wichtig die sei, verwendet dann aber Instrumente, bei denen davon nichts mehr zu hören ist. Scheußlich, das! Harnoncourt war damals sicher ein Vorreiter, was HIP angeht, aber er wurde schon längst von vielen anderen überholt.


    Was sein Dirigat angeht, da würde ich auf jeden Fall seine Interviews zu dem Thema empfehlen. Vielleicht mag man es hinterher ebenfalls nicht, aber zumindest könnte man es besser verstehen. Harnoncourt hat da ein paar Argumente, die ich ganz gut finde, etwa die vielen Abstufungen der Tempi bei Mozart, die "Tempodramaturgie", etc.




    LG,
    Hosenrolle1

    Oh, ein neuer Figaro-Trailer, diesmal von der "Opéra Nice Côte d'Azur":



    Leider ziemlich rasch geschnitten, so dass ich öfter und in Zeitlupe schauen musste (Doppelrechtsklick auf das Video -> Wiedergabegeschwindigkeit -> Langsam). Der Graf scheint hier besonders brutal zu sein, läuft mit einer Hacke herum, tritt Cherubino, der auf dem Boden liegt, und geht so auf ihn los, dass Susanna oder die Gräfin dazwischengehen muss.




    LG,
    Hosenrolle1

    Theoretisch wäre seine Arme nackt, weil sie ihm ja die Ärmel hochgeschoben haben... Aber selbst wenn ihm schon das Hemd aufgeknöpft worden sein sollte ( was ja regietechnisch nirgendwo angegeben ist! ), weil sie ihm das Kleid überziehen wollten


    Das ist ja grade das, was mich stutzig macht. Nirgendwo wird gesagt, dass das Oberteil geöffnet wird, es ist nur davon die Rede, dass der Ärmel höher gezogen wird (damit man das Band sieht). Gut, bei Mozart stehen die Regieanweisungen nicht alle in schriftlicher Form da, vieles steckt auch in der Musik, aber trotzdem verstehe ich nicht, warum ihm überhaupt das Hemd vorne geöffnet werden sollte. Vielleicht wollten sie das Hemd ganz ausziehen, damit er besser ins Kleid passt? Dann würde es für mich noch Sinn machen, aber nur ein bisschen geöffnet, das wäre schon sehr unpraktisch.


    Und wie gesagt, ich glaube nicht, dass die Gräfin sowas schwerwiegendes ohne jeden Grund sagt, weil sie ja nicht nur sich selbst, sondern auch Cherubino durch solche Beschreibungen seines Zustands in Bedrängnis bringt. Da Ponte oder Mozart hätten auch irgendwas anderes sagen können, nackte Ärmel, ohne Mantel, offene Haare, irgendsowas. Vielleicht haben die beiden diese Stelle nur reingenommen in der Hoffnung, dass der Bühnen-Cherubino tatsächlich mit aufgeknöpftem Hemd herumläuft? :D



    Hält die Gräfin Cherubino wirklich für so dämlich, dass er in diesem Zustand im Ankleidezimmer verbleiben würde? Selbst, wenn er vor Angst völlig kopflos wäre, glaube ich schon, dass er zumindest noch so weit Herr seiner Sinne wäre, dass er das Hemd wieder zuknöpfen ( wenn nötig ;) ) und die Ärmel wieder herunterziehen würde, oder?


    Gute Frage ... andererseits, ich weiß nicht, ob er als 13 jähriger sein aufgeknöpftes Hemd oder seine Ärmel als "erotischen" Zustand, als verfänglich sieht. Ich meine, es ist ja schon eigenartig genug, dass der Graf auszuckt, weil ein halbes Kind ein aufgeknöpftes Hemd hat.


    Was das Töten des Pagen angeht, ich vergesse immer wieder dass er ja ein Adeliger ist! Vielleicht würde er auf ihn losgehen, aber ich glaube, wirklich töten würde sogar er ihn nicht. Zumal er dann vermutlich nicht nur Probleme mit Cherubinos Eltern hätte (falls denen sowas nicht egal ist), sondern vermutlich auch seine Frau, Susanna und Figaro sich völlig von ihm abwenden würden. Obwohl, die Gräfin sieht ja auch darüber hinweg, dass der Graf auf Kinder steht, also vielleicht wäre ihr ein Kindsmord auch egal, wenn der Graf sich nur schön entschuldigt.




    LG,
    Hosenrolle1