Beiträge von Barezzi

    Zitat

    Original von pt_concours
    Hallo,


    in der aktuellen Ausgabe der ZEIT findet sich ein Interview mit M.Pollini, welches ich merkwürdigerweise nicht auf der Internet-Seite der Zeitung finden konnte.
    ?(
    Neben Fragen der künstlerischen Entwicklung einst und heute geht es auch im die politische Situation in Italien.


    Gruß pt_concours


    Es dauert manchmal etwas, bis die Zeit das dann auch ins Netz stellt - manchmal macht sie´s scheinbar gar nicht... ?(
    Aber na ja: Ist ja eh i.V.z. anderen Zeitungen schon ein sozialer Service =)
    (nein, ich bin immer noch Pauker und kein Mitarbeiter :beatnik: )


    also denn: here we are


    Aber Vorsicht: contains politics :pfeif:


    :hello:
    Stefan

    Das ist auch eine hoch sensible und wichtige Angelegenheit.


    das wohltemperierte Ei ist eine der Hauptsorgen eines Thronfolgers, wie folgendem Bericht zu entnehmen ist:


    "Prinz Charles: Auf der Suche nach dem perfekten Frühstücks-Ei (London) -
    Prinz Charles ist angeblich auf der Suche nach dem idealen Frühstücks-Ei. Das behauptet zumindest der britische TV-Moderator und Autor Jeremy Paxman in seinem Buch "On Royalty". Laut englischen Medienberichten hat der Prinz nämlich eine Abneigung gegen zu weich sowie zu hart gekochte Eier. Deshalb lässt er sich von seiner Küche bis zu sieben unterschiedlich lange gekochte Eier servieren, um dann sein ideales Ei herauszupicken. Eine Sprecherin von Charles lehnte einen Kommentar zu dieser angeblichen Marotte ihres Chefs übrigens ab. Sie sagte, bei der Eierfrage handele es sich um eine persönliche Angelegenheit des Prinzen, zu der man nicht Stellung nehmen könne.
    "


    :D :hello:
    Stefan

    Zitat

    Original von Ulli


    Das Gefühl habe ich indes nicht... der Übergang moll-Dur ist doch eher schleichend und wird sehr unauffällig vom Solofagott eingeleitet.


    Na ja - so ein Werk müsste doch düster enden und nicht irgendwann so umschwenken, egal wie glatt die Übergänge sein sollten... :boese2:


    :hello:
    Stefan

    Zitat

    Original von Pius


    Das empfinde ich ganz anders. Der Dur-Schluß kommt mir merkwürdig unverbindlich vor, vielleicht gar etwas ironisch. Ulli verlich den 3. Satz mal mit einem außer Kontrolle geratenem Karussell - das schien mir ein gutes Bild dafür zu sein.


    Hallo Jungs,


    also mir kam das immer so vor, als müsste er zum Ende des an sich schon sehr provokativen Werks zumindest irgendwann mal etwas versöhnlichere Töne anschlagen und wirkt daher so ein bisschen wie das überflüssige Finale von Don Giovanni mit Friede Freude Eierkraulen und so - suspekt ist mir das auf jeden Fall (hab auch immer das Gefühl, dass mitten im Satz ein derber Bruch stattfindet) und erinnert auch schon irgendwie an überdrehte Kinder kurz vor der Ernüchterung :beatnik:


    :hello:
    Stefan

    Zitat

    Original von Philhellene
    Ähnlich kritisch sehe ich einige sprachliche Veränderungen, die nicht direkt das Vokabular betreffen, sondern Kollokationen und Grammatik: Das "Sinn machen" ist ja leider nicht mehr auszurotten, ich habe mittlerweile aufgegeben, dezente Hinweise zu streuen, da es selbst für Germanistik-Universitätsprofessoren die gängige Phrase ist, um auszusagen, dass etwas sinnvoll sei... :rolleyes:


    Oh ja, das ist wirklich seltsam und schrecklich, dass selbst viele Geisteswissenschaftler sich da reinvergaloppieren (oder eventuell gerade deswegen, weil sie auch viel Englisch lesen?!), von BWLern und anderen Professoren, die gern chic, aber häufig klassisch ungebildet sind sprechen wir hier besser mal nicht... :rolleyes:
    Zu was führt das ganze? M. Barezzi ist sich selber schon fast nicht mehr sicher, wie er sprechen soll und schreckt jedes Mal auf, wenn es darauf ankommt, Sinn zuzuschreiben und schwankt zwischen "haben" und "machen"; denn auch "das hat Sinn" ist irgendwie ein Modeausdruck bei Jugendlichen jewesen, der mir nicht gefiel...


    :hello:
    Stefan


    PS: Lernen wir doch lieber ordentliches Englisch und bemühen uns um gutes Deutsch als beide total zu verunstalten und zu mischen... :boese2:

    Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Dennoch investiere ich stets jährlich 10 % meines "Klassiketats" in
    Werke, die mich interessieren - aber mir nicht wirklich liegen.


    Davon geht aber bei Dir wohl auch der Großteil ins 20. Jahrhundert oder andere Nach-Renaissance-Randrepertoire... :D


    :hello:
    Stefan

    Hallo Alex,


    herzlichen Dank für die vielen Tipps zum Thema Logik!
    (Ich empfand Deine ausführlichen Anmerkungen nicht gerade als langes Gelaber ;) )


    Zitat

    Original von Graf Wetter vom Strahl
    Übrigens sind alle bisher erschienen 5 Detel-Bände exzellent, nur eben sehr stark komprimiert. Man wird nie ohne ergänzende Lehrbücher auskommen, die die Problematiken im Einzelnen auffächern.


    Das fällt beim Lesen durchaus auf - es ist seehr komprimiert, quasi wie eine Vokabelliste, die man so lernen kann wie sie dasteht ;)


    Zitat

    Zwei weitere, abschließende Bände sollen im Reclam-Detel für die Praktische Philosophie folgen.


    Der Autor hat in seinem Vorbemerkungen auf diese Bücher hingewiesen, hab mich nur gewundert, dass immer noch nichts erschienen bzw. angekündigt ist; da Reclam nun eine Reihe mit praktischer Philosophie herausgebracht hat (Kolleg Praktische Philosophie; bisher 4 Bände) dachte ich, dass es eventuell daran scheitern könnte...
    Außerdem sind ja die Theoriewerke quasi in einem Schwung erschienen...


    Reclam hat ja sogar noch weitere Werke zum Thema im Programm
    -> k.A., wo da die Schnittstellen und Unterschiede sind... ?(


    Zitat

    Original von Heliaster
    @ Barezzi:
    Ich lese gerade Teil 4, allerdings ohne die anderen Teile zu kennen (zwar nicht optimal, aber aus gegebenem Anlass).

    Ließt sich eigentlich relativ gut und verständlich, wenn auch sehr trocken...


    Das ist denke ich gar kein Problem - selbst im ersten Teil verweist er dauernd auf die weiteren :D
    Ganz perfekt kann man´s also wohl nur machen, wenn man´s mehrfach komplett liest oder immer wieder die Querverweise verfolgt...


    :hello:
    Stefan

    Also gut - machen wir den Spaß nach einiger Zeit noch mal und zwar mit etwas geänderten Rahmenbedingungen:


    1 Beethoven
    2 Mozart
    3 Haydn

    4 Schostakowitsch
    5 Verdi
    6 Händel
    7 Dvorak


    und falls man doch die Top 10 haben will:


    8 Mahler
    9 Vivaldi
    10 Mendelssohn


    Bei den Top 5 hat sich scheinbar wenig verändert - Mozart hat wohl mal eben Haydn überholt und das obwohl ich heute viel Gutes von Letzterem gehört habe...


    :hello:
    Stefan

    Zitat

    Original von Pius
    Hmmm... denn kenne ich glaube ich. Wir tun ihm aber einen Gefallen, indem wir ihn im 19. Jahrhundert antreten lassen (in beiden threads wäre gegen die Spielregeln), denn mit dem, was vor 1800 seiner Feder entsprang, hätte er Mühe, hier in die Top 10 zu kommen.


    Viele Grüße,
    Pius.


    Na gut, Du bist der Boss und unfair wäre es ja - aber bei mir würde er es mit dem bis (= ex Def. der Jahrhunderte, die ich normalerweise ignoriere) incl. 1800 komponierten auf jeden Fall unter die ersten 3 schaffen! :yes:
    Sind ja dann bereits die ersten Streichquartette dabei sowie einige ordentliche Klaviersonaten, die Klaviertrios (insb. das 3. :D ), eine Symphonie, ein Klavierkonzert (oder 2, wenn man freundlich sein will) und so...


    :hello:
    Stefan


    Die Weihnachtskonzerte gibt´s bei Amazon übrigens noch mal ein Stückchen günstiger (momentan für 6,47 €): [ama]B000V1V0WU[/ama]


    :hello:
    Stefan


    Merci Dir für den Tipp! :]
    Hab ihn gerade noch rechtzeitig gelesen...
    Die interessante Doku kannte ich noch gar nicht - sie war mal erfrischend anders gemacht, wenngleich das Kernthema natürlich weniger erfrischend genannt werden muss... :wacky:


    :hello:
    Stefan

    Auch das Thema Kraus war der Zeit in ihrer dieswöchigen Musikbeilage einen Artikel wert:


    Offen für das Unvorhersehbare
    Joseph Martin Kraus stand immer im Schatten von Mozart. Aber sein 250. Geburtstag vor zwei Jahren hat einen wahren Kraus-Boom ausgelöst VON JAN BRACHMANN


    Musikalische Gedenkjahre sind Wunderkerzen des Betriebs. Meist herrscht große Aufregung, veranstaltet wird viel, aber mit dem Fortschreiten des Kalenders ist alles abgefackelt und vorbei: Folgenlos die Anstrengungen, die Einsichten, die Leistungen. Doch ausgerechnet das Jahr 2006 scheint andere Kräfte freigesetzt zu haben – nicht als Mozart-Jahr, sondern als Jahr des 250. Geburtstages von Joseph Martin Kraus. Die Zahl der CDs mit Werken des 1792 in Stockholm verstorbenen Hofkapellmeisters des Schwedenkönigs Gustav III. wächst mit jedem Jahr. Das Schwedische Kammerorchester unter Petter Sundkvist hat seine Gesamtaufnahme aller bislang bekannten Sinfonien von Kraus abgeschlossen und im vergangenen Jahr mit Schauspielund Ballettmusiken fortgesetzt. Das Klavierwerk liegt mittlerweile in drei Versionen vor, sogar die klavierbegleitete Kammermusik gibt es in zwei Ausgaben. Besonders aufwendig und geglückt sind die in diesem Jahr erschienenen Produktionen von Kraus’ Schauspielmusik zu Molières Amphytrion und die Kantaten für Solosopran.
    Der CD-Markt lebt von allerlei belanglosen Ausgrabungen und Wiederentdeckungen. Im Fall von Kraus ist dabei aber ein OEuvre zutage getreten, das die musikalische Landschaft des späten 18. Jahrhunderts um einen markanten Höhenzug bereichert. Kraus hatte das Glück, auf dem liberalen Jesuitengymnasium in Mannheim eine Bildung in Kunst, Philosophie und Sprachen zu erhalten, von der Haydn und Mozart nur hätten träumen können. Sie befähigte ihn später, an den geistigen Debatten seiner Zeit auch publizistisch teilzunehmen, was man sonst von keinem Komponisten vergleichbaren Ranges in dieser Epoche sagen kann. In dieser Doppelbegabung weist er auf E.T.A. Hoffmann und Robert Schumann voraus.
    Ab 1773 studierte Kraus Jura in Erfurt und wurde dort vom Organisten Johann Christian Kittel, einem der letzten Schüler Johann Sebastian Bachs, in Komposition unterrichtet. Die Spannung zwischen katholischer Herkunft und evangelischem Umfeld hielt bei Kraus ein Leben lang, zum Schluss am lutherischen Hof in Schweden, und hat zu der Originalität seines Oratoriums Der Tod Jesu beigetragen. Denn dieses Stück vereinigt katholische und protestantische Gattungstraditionen der Passion zu einer quasi ökumenischen Karfreitagsmusik. Zudem feite Kraus die Schulung in der Bach-Tradition vor der Verachtung kontrapunktischer Kunst, in der sich die aufgeklärte Ästhetik mit ihrem Diktat von Einfachheit und Natürlichkeit so gefiel.
    Kraus, der später den Kontakt zu den Dichtern des Göttinger Hainbunds suchte und Texte von Matthias Claudius vertonte, empfand die Simplizität des Rationalismus als geistig verzwergt. Kompositorisch wie essayistisch entwickelte er sich zu einem Kritiker der Aufklärung und ihrer simplen Entgegensetzung von Religion und Vernunft oder der kurzsichtigen Identifikation von Vernunft und Natur. Kraus, von Haydn als »eines der größten Genies, die ich je gekannt habe« bezeichnet, teilt mit diesem die Begabung für den Witz und mit Mozart das Gespür für seelische Abgründe, wenngleich er – als Bewunderer Glucks – weniger ins Intime als ins Große und Erhabene zielt.
    In der Kammer- und Klaviermusik jedoch haben seine Formen häufig den Charakter zufälliger Fragmentfolgen, die an ihren Bruchstellen – schon fast romantisch – aufs Unendliche weisen. Auch darin zeigt sich der Kritiker am geschlossenen System des Rationalismus. Kraus’ Formenwelt ist offen fürs Unvorhersehbare. Wenn man so will, zeigt sich darin eine Welt, die dem Eingriff Gottes jederzeit offen steht, eine Welt als Schöpfung, nicht als gesetzmäßiger Kosmos. Und dieser Eingriff kann von tragischer Unbegreiflichkeit gezeichnet sein.
    Die Ouvertüre zu Voltaires Tragödie Olympie ist so ein düster-zerklüftetes Stück. Stilgeschichtlich steht es zwischen Mozarts Don Giovanni und Beethovens Coriolan-Ouvertüre. Deutlich erkennbar ist die Absicht, die Sonatenform in einen dramatischen Prozess zu überführen, der von der Dynamik der klassischen Tragödie inspiriert ist. Die Aufnahme mit dem ensemble l’arte del mondo lässt an Schärfe nichts zu wünschen übrig.
    Dass es uns heute an stilistischer Differenzierung des Hörens fehlt, merkt man bei dieser CD besonders an der Kantate La Primavera. Gerhart Darmstadt, Präsident der Internationalen Kraus-Gesellschaft und als Cellist Mitwirkender bei dieser Aufnahme, schreibt im Beiheft der CD, dass es sich hier um eine Verballhornung des italienischen Gesangsstils handle, was er mit vielen analytischen Details begründet. Hört man aber der Sopranistin Simone Kermes zu, geht man vor dem Charme dieser Musik in die Knie. Allein schon der anfängliche Ausruf »Oh Dio, Fileno, oh Dio!« jagt einem Wonneschauer über Brust und Rücken. Mit fast schon veristischen Mitteln des Hauchens und Bebens belebt Kermes Text und Musik und lässt gar keine ironische Distanz erkennen.
    Auf das Schmeichlerische verlassen sich Engelhardt und l’arte del mondo auch bei Amphytrion. Die Nacht- und Morgenstimmungen atmen die pastellzarte Atmosphäre von Haydns Tageszeiten- Sinfonien, nur dass Kraus – der Schwedenkönig war nicht geizig – reichlich Bläser verwenden durfte, die auf dieser Aufnahme in einem fast romantischen Mischklang in die Streicher getaucht werden. Die mozartische Grazie der Melodik verbindet sich mit der streng bemessenen Prosodie Molières zu einer wiegenden Schlichtheit, die mehr mit dem bürgerlichen Singspiel als mit dem hochadligen Divertissement zu tun hat. Eine szenische Realisierung dieser Musik wäre reizvoll. Im Berliner Konzerthaus macht Lothar Zagrosek, der 2006 in Stuttgart Kraus’ Oper Aeneas in Carthago aufgeführt hatte, kein Geheimnis daraus, dass ihn Kraus als Sinfoniker und Musikdramatiker weiter beschäftigt. Da kommt, glücklicherweise, wohl noch einiges auf uns zu.


    Joseph Martin Kraus: La Primavera
    Simone Kermes, Sopran; l’arte del mondo,
    Ltg.: Werner Ehrhardt (Edition Phoenix 101)


    Joseph Martin Kraus: Amphytrion
    Chantal Santon, Sopran; Georg Poplutz, Tenor;
    Bonner Kammerchor, l’arte del mondo
    Ltg.: Werner Ehrhardt (Edition Phoenix 111)


    :hello:
    Stefan

    Allen Freunden von Olivier Messiaen sei der Artikel von Claus Spahn in der aktuellen Zeit ans Herz gelegt:


    Musik in milchweiß gesprenkeltem Orange
    Der Komponist Olivier Messiaen war Mystiker, Außenseiter und Weltversöhner. Am 10. Dezember jährt sich sein Geburtstag zum 100. Mal VON CLAUS SPAHN


    Wer die großen CD-Boxen mit den gesammelten Kompositionen von Olivier Messiaen zur Hand nimmt und sich an langen Herbstabenden Stück für Stück durch das Gesamtwerk des französischen Komponisten hört, macht eine eigentümliche Erfahrung. Messiaen, dessen Geburtstag sich am 10. Dezember zum 100. Mal jährt, hat ekstatische Orchestermusik geschrieben, visionär farbschillernde Orgel- und Klavierwerke, rauschhafte Oratorien. Er war ein strenggläubiger Katholik, und es gibt nur wenige Werke in seinem OEuvre, die kein religiöses Thema behandeln. Was hat der Franzose in seiner Musik nicht alles zur Darstellung gebracht: die Farben des himmlischen Jerusalem und die Streiflichter des ewigen Lebens. Er hat über das Mysterium der Heiligen Dreifaltigkeit meditiert und imaginäre Blicke auf das Jesuskind geworfen, er hat die Natur als Gottes vollkommene Schöpfung geschaut und eine Oper über den heiligen Franziskus geschrieben. Aber seltsam: Je näher man all den Werken tritt und je höher sich die himmlischen Herrlichkeiten vor einem türmen, umso unnahbarer erscheinen sie. Messiaen dient dem Hörer Gottes Pracht nicht an. Er predigt nicht für die Gemeinde, sondern lebt ganz nach innen gekehrt in seinen Visionen. Man zweifelt mitunter sogar, ob seine Musik überhaupt einen Adressaten hat, so abgekapselt wirkt sie, so versunken in sich selbst. Wie in einer Schüttelkugel, hinter Glas und in Flüssigkeit geborgen, kommen einem die pfingstlichen Erscheinungen vor, die Messiaen in Töne gesetzt hat. Manchmal fallen sie auch so kitschig wie das Schneegestöber im Glas aus, dann stieben die Farbklangkristalle knallbunt durcheinander. Man kann als Hörer mit dem Fingerknöchel ans Glas der wundersamen Messiaen schen Schüttelkugeln klopfen, Einlass gewähren sie nicht.
    Die beredtsten Auskunftgeber in der Musik scheinen die Vögel zu sein. Um die ganze Welt ist Messiaen gereist, um ihren Gesang aufzuzeichnen und in Noten und Musik zu verwandeln. Den größten Teil seines Schaffens durchschwärmen sie mit gezackter Melodik und vertrackten Rhythmen. Manche Kompositionen speisen sich ausschließlich aus ihrem Ruf. Aber was tönt da eigentlich, wenn der Pirol anschlägt, die Alpendohle schreit, der Mittelmeersteinschmätzer tiriliert? Ist es zwitschernder Surrealismus? Ist es die der Natur abgelauschte Stimme Gottes? Oder bleibt das Vogelgeschrei am Ende doch immer nur Vogelgeschrei? Der Messiaen- Schüler Pierre Boulez hat erst kürzlich wieder in einem Interview bei dem Thema verächtlich abgewinkt: Vögel imitieren? Da ziehe er nicht mit, das sei etwas fürs breite Publikum.
    Messiaen war Synästhetiker. Er hat die Klänge beim Komponieren als differenzierte Farb kom binatio nen vor sich gesehen. Es sei eine der Tragödien seines Lebens, erklärte er einmal, dass das Publikum diese Wahrnehmungsebene nicht mit ihm teile: »Ich kann noch so reichlich Farben in meiner Musik verwenden, die Leute hören, aber sie se hen nichts.« Umso glühender fallen seine Werk kommentare aus. Sie fließen geradezu über vor Metaphern und überbordend detaillierten Bildbeschreibungen. In seinem Riesenoratorium La Transfiguration de Notre-Seigneur Jésus-Christ (»Die Verklärung unseres Herrn Jesus Christus«) etwa imaginiert er in einer Passage einen Refrain, »dessen Harmonien von grün gestreiftem Blau über Diamant, Smaragd und Pupurviolett bis zu rot und gold geflecktem Schwarz reichen, bei deutlicher Dominanz von milchweiß gesprenkeltem Orange«. Das Stück ist in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre entstanden, als die Beatniks ihre Drogenexperimente intensivierten. Muss ihnen der gottestrunkene Franzose nicht hochgradig naturstoned vorgekommen sein?
    Ein Künstler-Ich auf dem großen Glaubenstrip war Messiaen trotzdem nicht. Der Musikwissenschaftler Theo Hirsbrunner hat das in seinem Messiaen- Buch treffend klargestellt: Der Mensch und Künstler Messiaen lösche sich selbst in seinen Naturbeobachtungen fast vollständig aus, er schreibe nicht Naturlyrik im romantischen Geiste, bei der sich das Individuum in seiner Einsamkeit in die Natur projiziere. Die Natur bleibe bei Messiaen mit sich allein. Und deshalb sei ein Werk wie der Catalogue d’oiseaux nichts anderes als die Zurücknahme von Beethovens Pastoral-Symphonie. Beethoven schwebte »Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei« vor, bei Messiaen sei es genau umgekehrt.
    Wobei er sich die Farben für seine »Malerei« mit avanciertesten Kompositionstechniken gewinnt. Hochbewusst, auf der Höhe seiner Zeit (und weit darüber hinaus) reflektiert er über den Zeitbegriff in der Musik, über Tonsysteme, Klangfarbe und Rhythmus. Er hat sich seinen eigenen, die abendländische Tonalität hinter sich lassenden, melodisch-harmonischen Kosmos aus speziellen Modi geschaffen – Tonfolgen, die Parallelen zu Arnold Schönbergs Zwölftonreihen aufweisen, aber auch mittelalterlichen und außereuropäischen Skalen nahestehen. Er hat – insbesondere von indischer Musik inspiriert – irreguläre Rhythmen ertüftelt, die durch minimale Hinzufügungen von Notenwerten oder Verkürzungen die herkömmlichen Taktschemata und metrischen Schwerpunktbildungen außer Kraft setzen und so gleichsam die Zeit in einen Schwebezustand versetzen. Messiaens Naivität geht einher mit elaborierter Materialorganisation und einem ausgefuchsten kompositorischen Kalkül. Das ist nach wie vor die große Irritation, die von seinem OEuvre ausgeht: wie einer kindlich staunen kann auf so hohem ästhetischen Niveau.
    In die Gebirgshöhen der Dauphiné bei Grenoble haben ihn viele seiner Erkundungsgänge geführt. Dort ist er aufgewachsen und zu Hause gewesen. Dort begreift er etwa, auf eine Gletscherlandschaft blickend, den Unterschied »zwischen dem schwachen Glanz des Schnees und der strahlenden Herrlichkeit der Sonne« und bringt das Licht in Verbindung mit dem Leuchten Christi bei dessen Verklärung auf dem galiläischen Berg Tabor. Oder er durchwandert die Canyons Amerikas und schreibt sich die Eindrücke im Orchesterwerk Des Canyons aux étoiles … (»Von den Canyons zu den Sternen …«) von der Seele: ein hundertminütiges Klangpanorama wird es am Ende, erschlagend in seiner landschaftlichen Monumentalität, atemberaubend in den Perspektivwechseln zwischen jäh aufragenden Akkordklippen, metallisch gleißender Himmelsschau und schrundigem Schluchtendunkel.
    Auch hier nimmt Messiaen in jeder Felsabbruchkante und jedem zwitschernden Vo gel Gottes Schöpfergröße wahr, über allem liegt übernatürlicher Glanz. Die Wüste, in der die große Windmaschine faucht, ist keine trostlose Ödnis, sondern ein friedvoller Ort der Meditation, in der die Seele frei wird »für die inneren Gespräche des Geistes«. Im donnergrollenden, angsteinflößenden Abstieg in den Kessel von Cedar Breaks, einer der schwärzesten und apokalyptischsten Passagen im gesamten Schaffen Mes si aens, symbolisiert die Furcht für den Komponisten »eine der sieben Gaben des Heiligen Geistes«. Immer und überall führt ein Weg zu Höherem, zum ewigen Licht. Auch Des Canyons aux étoiles … endet mit einer Paradiesvision: Im Zion Park in Utah bimmeln die Glöckchen des himmlischen Jerusalem.
    Was ist das nur für eine eigenwillige Künstlerfigur, die das 20. Jahrhundert da hervorgebracht hat? Mit seinen religiösen Utopien steht dieser Olivier Messiaen vollkommen quer zu der Zeit, in die er geboren wurde. Die Menschheitskatastrophen, die seine Epoche geprägt haben, finden in seinen Werken kaum Widerhall. Allenfalls auf sein berühmtes Quatuor pour la fin du temps (»Quartett für das Ende der Zeiten«), das er als Kriegsgefangener 1941 in einem Lager bei Görlitz komponiert hat, wirft die politische Gegenwart einen erkennbaren Schatten. Messiaens Werke erzählen davon, dass die Welt auf unerschütterbare Weise gut ist. Kein Pulverdampf und kein Ascheregen der Kriege, keine Giftwolke der Naturzerstörung kann das Licht, das von oben kommt, verdunkeln.
    Musik ist für ihn die weltversöhnende, alle Wunden heilende Kunstform. In der Nachkriegsmoderne stand er mit dieser Vorstellung weit und breit alleine. Womöglich ist das aus heutiger Sicht das eigentlich Avantgardistische seines Wirkens und weniger die kompositionstechnischen Innovationen, für die er gerühmt wurde und die ihn als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts erscheinen lassen. Seine 1949 in Darmstadt präsentierte Klavieretüde Mode de Valeurs et d’Intensités gilt als Gründungsstück der seriellen Musik. Messiaen hat den Blick über den Horizont der abendländischen Musik hinaus gerichtet, als von Weltmusik noch niemand sprach. Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen und Iannis Xenakis gehörten zu seinen Schülern, er war Mentor des Musique-concrète-Pioniers Pierre Henry.
    Pierre Boulez sagt: »Uns hat damals die technische Seite seines Komponierens interessiert. « Aber ist die nicht inzwischen historisch geworden? Liegt das Provozierende nicht viel mehr in der frommen Weltversöhnungsgeste? Er selbst hat sein Credo so formuliert: »Ich weiß nicht, ob ich eine Ästhetik habe, aber ich kann sagen, dass meine Vorliebe einer farblich schillernden, verfeinerten, ja wollüstigen Musik gehört, einer Musik in der Art von Kirchenfenstern, in denen Komplementärfarben in wirbelnde Bewegung geraten, einer Musik, die die Begrenzungen der Zeit und ihre Allgegenwart spürbar werden lässt, die von den Auferstandenen, den göttlichen und übernatürlichen Mysterien handelt, einer Musik, die einem theologischen Regenbogen gleicht.«
    Der eklatante Widerspruch zwischen einer rationalen, materialistischen, komplexen Moderne und Messiaens naiv farbenfrohen Himmelsvisionen klafft bis heute. Wunderschön wölbt sich Messiaens theologischer Regenbogen auch über die Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts. Man müsste nur an diesen Regenbogen glauben. Aber wer kann das schon – außer dem Komponisten selbst?


    Olivier Messiaen: Das Gesamtwerk
    Mit Pierre Laurent Aimard, Pierre Boulez,
    Myung Whun Chung, Ivonne Loriod u.v.a.
    32 CDs, DG 480 1333


    Olivier Messiaen: Werke für Orchester
    SWR-Sinfonieorchester, Ltg.: Sylvain Cambreling,
    8 CDs, Hänssler Classic 93.225


    Olivier Messiaen: Transfiguration …, Visions
    de l’Amen, Des Canyons aux étoiles u. a.

    Reinbert de Leeuw u.v.a.
    6 CDs, Naïve 2218682179


    :hello:
    Stefan

    Zitat

    Original von Wulf
    Also, ich find die nicht schlecht...die Interpretation ist auch gelungen.
    Sehr geschmeidig und so....



    :hello:
    Wulf


    :D
    Dazu passt auch der Text zur CD:


    "Tine Thing Helseth gewährt uns überraschende, faszinierende Einblicke [...] Die Trompeterin verfügt nicht nur über eine atemberaubende Technik und einen völlig mühelosen Ansatz, sondern [...] Schönheit."


    :angel:


    :hello:
    Stefan

    Zitat

    Original von DonBasilio
    Heute beim lokalen Buchhändler in der CD-Abteilung, wider Erwarten :D was gefunden [wieder viele neue schöne Sachen]


    Sag mal, muss der frisch gebackene Familienmensch nicht irgendwann sparen? ;)
    Dachte immer, das exzessive Hobbypflegen ist das Privileg von uns Junggesellen... :pfeif:


    :hello:
    Stefan

    Bidde bidde!


    Zitat

    Original von Fairy Queen
    Bei Sartre im Hinblick auf Freud blicke ich noch nciht so 100%ig durch, vielleicht hat jemand eine offizielle deutsche Übersetzung der "mauvaise foi" zur Hand, das würde schon helfen.


    Also man könnte mauvaise foi wohl mit Unaufrichtigkeit, Selbsttäuschung, Doppelmoral oder so übersetzen.
    (Die fittere Französin dürftest ansonsten ja Du sein :D )
    Der Mensch ist ja im Existenzialismus zur Freiheit berufen (oder verdammt); trotzdem handelt er nicht gerade immer besonders vernünftig und verantwortungsbewusst, eben weil man sich gern was vormacht. So jedenfalls hab ich das verstanden...
    -> google mal ein bisschen im Netz, dann findest Du sicherlich mehr!
    Habe über Freud und Sartre Kolloquium gemacht (vor 11 1/2 Jahren... :rolleyes: ), aber richtig verglichen dann doch nie (man musste ja eigentlich nur beide separat kennen lernen und außerdem waren ja dann noch C. G. Jung und Marx mit im Themenboot)...


    :hello:
    Stefan

    So, jetzt einmal vergleichhören - 3 repertoirähnliche Recitals buhlen im Weihnachtsgeschäft um die Gunst des Hörers:


    Top:




    Flop:



    Kann mit dieser Konkurrenz überhaupt nicht mithalten - i.V.z. den Anderen viel unsauberer, beliebig interpretiert etc.


    -> ansonsten könnte man sich natürlich grundsätzlich fragen, warum die Mozart-Klassiker jedes Jahr dutzendfach im Paket aufgenommen werden müssen ;)


    :hello:
    Stefan

    Habe eben in die neue CD reingehört (und den Videotrailer gesehen): also das ist doch schon mal was! :yes:
    Tolle Stimme, engagierte Interpretationen :jubel:
    Einzig ihre deutsche Aussprache könnte einige Übungen vertragen :stumm: :angel:


    Fazit: Die CD klingt im Unterschied zum bösen Wort des Threadtitels nicht hässlich (und das Cover sieht dieses Mal endlich auch nicht so aus :D )!


    :hello:
    Stefan

    Zitat

    Original von Fairy Queen
    5. Besteht der Unterschied zwischen dem "glücksbegriff der Epikuräer und Stoiker darin, das Epikur die Freuden des Lebens auf das notwendige Mindestmass reduzieren will, um einen Zustand des Glücks zu erreicehn udn jeden Exzess ablehnt; während in der Stoa dieses Freuden von Beginn an gar nicht existent sind udn es vielmehr darum geht, eigene Bedürfnisse auszublenden und sich bestmöglich an die äusseren Umstände anzupassen?


    Für Epikur ganz wichtig: Unlust vermeiden!
    Denke mal, dass z.B. das Kopfweh am Tag nach der Sauforgie eben so viel Unlust mit sich bringt, dass es die Lust zuvor überkompensieren würde -> also trinkt man halt nicht maßlos...
    Gegen Lust ohne Reue sollte er sicherlich nichts gehabt haben oder?!


    :hello:
    Stefan