Beiträge von Swjatoslaw

    Als Bestandteil der gerade laufenden Trauungszeremonie in der Westminster Abbey gab es eine Uraufführung eines Werks für Chor und Orgel von John Rutter - ein von mir insbesondere wegen seines herrlichen "Requiems" hochgeschätzter englischer Komponist. Weiß jemand von Euch Näheres über dieses heute uraufgeführte Chorwerk?


    Ich gönne John Rutter diese Aufmerksamkeit sehr: mehrere Milliarden Menschen weltweit an den Fernsehschirmen lauschen einer seiner Kompositionen. Und auch bei Tamino sollte dies vielleicht zum Anlass genommen werden, diesen Thread hier wieder zu pflegen.

    Nach der Pause brach Keith Jarrett in der Staatsoper Hamburg am 23. Oktober 1982 endgültig alle Grenzen auf: so etwas hatte ich überhaupt noch nie gesehen. Er improvisierte frei mit beiden Händen in den Saiten des Steinway-Flügels, wechselte wieder zu den Tasten, spielte dann teilweise mit einer Hand in den Tasten, mit der anderen Hand zupfte er in den Saiten (und mit welcher "Treffsicherheit"!), stampfte wie wild mit den Füßen auf das Parkett der Bühne, sang wie wild mit, bis dann die kritische Szene kam: das Publikum spendete mittendrin entfesselten Applaus (Keith Jarrett reagierte üblicherweise auf irgendeinen Mucks aus dem Publikum sofort mit dem Abbruch des Konzerts!). Jarrett zeigte sich hiervon aber sogar beflügelt, klatschte zweimal während seiner Traktierung der Tasten wild in die Hände, beantwortete also den Applaus, kehrte wieder in die Saiten des Flügels zurück, wendete sich dem zarten Anfangsthema seiner Improvisation zurück, sprang noch ein paar Mal zwischen Saiten und Tastatur hin und her - um schließlich hingehauchte, ganz sanfte dissonante Akkorde auf den Tasten zu spielen, die zuallerletzt in einem C sowohl in der linken wie auch in der rechten Hand endeten. Entfesselter, fassungsloser Applaus. Sowie "Somewhere over the Rainbow" als Zugabe - in, wie auch der NDR-Jazzredakteur Michael Naura bei seiner Abmoderation sagte, der besten Interpretation, die es seit Judy Garland jemals gegeben hat. Noch drei weitere Zugaben (u.a. ein völlig in seine rhythmischen Bestandteile zerlegtes, kaum noch wiederzuerkennendes "All the things you are"): und ein Publikum, das staunend, atem- und sprachlos zurückblieb.

    Atemlos habe ich jetzt den ersten Teil des Keith Jarrett-Solo-Konzerts von 1982 zweimal vor den Boxen sitzend nacherlebt - und verstehe noch weniger, warum dieses vom NDR live gesendete Material nie als CD erschien. Das ist ja wohl absolut die Quadratur des Solo-Klavierspiels gewesen, was Jarrett dort vollbracht hat.


    Okay - ich mäßige mich. Ich habe gelernt, dass völlige Begeisterung nicht unbedingt immer kommuniziert werden muss. Folglich sage ich einfach mal nur: das Hamburg-Concert von Jarrett war sau-, sau-, saumäßig gut!

    Und jetzt folgt ein Schatz, den ich hüte und auf den ich stolz bin. Mein erstes Solo-Konzert von Keith Jarrett in der Staatsoper Hamburg vom 23. Oktober 1982 (es folgte für mich ein weiteres: nämlich einige Jahre später in einem Kino - ja, tatsächlich: in einem Kino! - in Uelzen).


    In Hamburg 1982 saß ich im Saal erste Reihe Mitte - direkt vor Keith Jarrett. Meine Mutter bekam den Auftrag, das live im Radio übertragene Konzert für mich auf Tonband mitzuschneiden und sie erledigte diese Aufgabe bravourös (unter Herausschneiden aller Nachrichten in der Konzertpause, Verkehrsfunk etc.). Noch heute klingt dieses frei improvisierte Solo-Konzert für mich besser als jedes veröffentlichte Jarrett-Konzert. Mir ist schleierhaft, warum es nie herauskam. Genauso, wie mir rätselhaft erscheint, warum Köln solch einen Kultstatus erlangen konnte. Bremen, Lausanne, Kyoto sind weit besser. Am besten ist aber (wohlgemerkt: für mich, nur für mich, und nur, weil ich dabei war) Hamburg. Der Meister at his best.

    @Swiatloslaw

    Du meinst sicherlich Kondrashin statt Mrawinski, denn der hat die 4. nie angefasst.


    Du hast absolut Recht, lieber s.bummer. Ich habe Kondrashin und Mrawinsky deswegen miteinander verwechselt, weil dies die einzige Aufnahme zu dem verabredeten Hörvergleich mit meinen Freunden war, die ich nicht selbst mitgebracht habe. Sie wurde von ihnen beigesteuert. Also Kondrashin, nicht Mrawinsky. Sorry, sorry, sorry!

    Auch Dir frohe Ostern, lieber Willi!


    Mariss Jansons soll ja einmal im Operngraben einen Herzinfarkt erlitten und trotz irrsinniger Schmerzen weiterdirigiert haben. Unvorstellbar - und auch unverantwortlich. Aber das zeigt, wie sehr er sich der Musik hingibt und für sie aufopfert.


    Du hast natürlich Recht: live ist immer ein ganz anderes Ding. Wobei man - um bei der Schostakowitsch-Sinfonie Nr. 4 zu bleiben - dazu sagen muss, dass jedenfalls Rattle und Haitink, die wir mit Jansons verglichen haben, ebenfalls Studio-Aufnahmen vorlegten. Insofern herrschten für diese drei "gleiche Bedingungen". Und Rattles Version mit dem CBSO aus dem Jahr 1994 ist einfach - bitte: wie immer nur meine ganz persönliche Meinung - um Längen intensiver und eindringlicher als die Jansons-Einspielung mit dem SOBR aus dem Jahr 2004.

    Habe diesen Thread wegen Swjatoslaws Beitrag zur "Moldau" gerade gesucht und gefunden.


    Da Joseph auf meinen Beitrag zur Jansons-Aufnahme der "Moldau" Bezug genommen hat, darf ich diesen Beitrag vielleicht hier verlinken:
    Heute erst gekauft (Klassik 2011)


    Obwohl ich 16 CDs von ihm im Regal habe (zum Teil handelt es sich um Geschenke von Freunden, also nichts, was ich mir aus "eigenem Antrieb" heraus gekauft hätte), habe ich mich doch bisher eigentlich nie so richtig für Jansons interessiert. Seine 10 CD-Box mit den Schostakowitsch-Sinfonien plus einigen Suiten habe ich mir vor Jahren deswegen gekauft, weil ich mir quasi "Mrawinsky in DDD-Tonqualität" erhoffte. Schließlich war Mariss Jansons der Assistent von Mrawinsky in Leningrad. Und außerdem wirken die St. Petersburger Philharmoniker immerhin auch bei dieser Gesamtaufnahme mit (nämlich bei der "Leningrader" Sinfonie). Das Ergebnis war enttäuschend. Als ich mal mit Freunden einen Hörvergleich des ersten Satzes der Sinfonie Nr. 4 gemacht habe (wir legten Mrawinsky, Rattle, Haitink und Jansons auf), landete Jansons nach allgemeiner Meinung weit abgeschlagen auf dem letzten Platz. In die Schostakowitsch-Box habe ich seitdem so gut wie nie wieder hineingehört. Und wenn ich mir mal die Tschaikowsky-Sinfonien aus Oslo (bei Chandos erschienen) aufgelegt habe - ich habe die Nr. 1, 3 und 4 in meiner Sammlung -, verstand ich auch nie, was die damalige Euphorie um diese hochgerühmten Einspielungen ausgelöst haben könnte. Aber wie in meinem oben verlinkten Posting bereits gesagt: ich bin, aufgeweckt durch eine sehr gelungene Aufnahme der "Moldau", gerade dabei, meine Haltung zu Jansons zu überprüfen.

    Nachdem mir schon der Beethoven-Zyklus von Sir Charles Mackerras mit dem Scottish Chamber Orchestra sehr, sehr gut gefallen hat, teste ich ihn - einen der besten Dirigenten tschechischer Musik - jetzt weiter auf nicht-tschechischem Terrain aus:

    Und was soll ich sagen? Seine Neunte von Schubert ist einfach eine Wucht! Beim zweiten Satz fliegen einem ja fast die Ohren weg!


    Ob ich nun den "Vollendungsversuch" der "Unvollendeten", der auf dieser Doppel-CD geboten wird, gutheißen kann, weiß ich noch nicht. Momentan erfreue ich mich einfach mal an einer fulminanten Deutung der Sinfonie Nr. 9.

    Heute frisch geliefert:

    Der Erwerb der Jansons-CD hat folgende Bewandtnis: ich besuche gelegentlich mal mittags ein Restaurant, welches hervorragende Fischspezialitäten serviert. Leider dudelt dort grundsätzlich in ziemlicher Lautstärke KlassikRadio. In aller Regel völlig unerträglich, diese Häppchen-Klassik. Aber manchmal eben auch ein interessanter blindfold test für mich, wenn nämlich erst nach einem Werk die Aufführenden genannt werden. Das ist dann schon eine gute Gelegenheit, meine Urteile und Vorurteile zu testen. Neulich war ich mal hin und weg vom feurigen Dirigat der Mozart-Sinfonie Nr. 39 (es wurde natürlich nicht die komplette Sinfonie gespielt, sondern nur der letzte Satz). In der Abmoderation wurde der Dirigent genannt: Leonard Bernstein. Okay, Urteil bestätigt. Als irgendwann mal "Sheherazade" in einer völlig unerträglichen Interpretation auf kitschigstem Niveau lief, dachte ich mir: das ist bestimmt Karajan. Aber Pustekuchen! Riccardo Chailly war der Dirigent. Huch! Ein von mir hochgeschätzter Bruckner- und Mahler-Dirigent...


    "Die Moldau" ist natürlich Kernrepertoire bei KlassikRadio. Aber letzte Woche hielt es mich in eben diesem Fischlokal nicht auf meinem Sitz, als eine mir bisher unbekannte Aufnahme dieses Werks lief. Völlig irre! Ich stellte mich, meinen Fisch kalt werden lassend, direkt vor die Boxen, um ja den Namen des Dirigenten nicht zu verpassen. Genannt wurde: Mariss Jansons mit dem Oslo Philharmonic Orchestra! Mariss Jansons: ein Dirigent, über den ich eigentlich bisher kaum eine Meinung hatte. Assistent von Jewgenij Mrawinsky in Leningrad war er, deshalb steht seine Schostakowitsch-Box bei mir im Regal wie auch seine Rachmaninow-Sinfonien und dazu noch die Tschaikowsky-Sinfonien Nr. 1, 3 und 4 (ebenfalls mit dem Oslo Philharmonic Orchestra). Hineingehört habe ich allerdings seit vielen Jahren kaum in diese CDs. Ich werde da wohl in Zukunft eine etwas andere Haltung an den Tag legen müssen :D

    Welch ein guter Pianist Furtwängler war, war mir bisher hauptsächlich durch die Hugo Wolf-Lieder mit Elisabeth Schwarzkopf bekannt

    bei welchen Furtwängler am Flügel begleitet. Gestern habe ich mir allerdings seit längerem mal wieder das in dieser Box

    enthaltene Brandenburgische Konzert Nr. 5 von Bach angehört: mit Furtwängler nicht nur als Dirigent, sondern auch als Solist am Klavier (die beiden anderen Solisten sind Willi Boskovsky, Violine, und Josef Niedermayr, Flöte). Das ist wirklich hörenswert, was Furtwängler dort am Flügel leistet! Er hat einen wunderschönen Anschlag, holt herrlich die Nebenstimmen in der linken Hand heraus und macht die ausgedehnte Solokadenz des Klaviers im 1. Satz zu einem echten Ereignis. Selbstverständlich mit viel agogischer Freiheit, wie man es von ihm kennt.

    gewiss ist bloß, dass du selbst nicht weisst, worüber du im Posting Nr. 221 reden kannst, sonst würdest du nicht ellenlange Zitate hineinkopieren, um dich dahinter zu verstecken .. im Gegensatz zu dir verlasse ich mich auf meinen Eindruck ...


    Gewiss ist Folgendes: ich war von den Rattle-Aufführungen der Matthäus-Passion im Jahr 2010 in Birmingham, Berlin und Salzburg in Berlin dabei. Nicht in Birmingham und nicht in Salzburg. Folglich zitiere ich Kritikerstimmen von den Birminghamer und den Salzburger Aufführungen, weil ich in Birmingham und in Salzburg nicht dabei war und mir folglich keine eigene Meinung über diese Aufführungen bilden konnte. Wobei diese Kritikermeinungen absolut mit meinen eigenen Eindrücken von den Berliner Aufführungen übereinstimmen.


    Du hingegen warst nirgends dabei. Nicht in Birmingham, nicht in Berlin, nicht in Salzburg: nirgends. Du warst einfach absolut nirgends dabei. Du kannst keine einzige dieser Aufführungen aus einer eigenen Wahrnehmung heraus beurteilen. Folglich weiß ich nicht, worin Dein "Eindruck", den Du erwähnst, bestehen soll. Wenn Du hier irgendwas über eine "Matthäus-Pension" faselst, die es Deiner "Meinung" nach am 06.03.2010 in Birmingham gegeben haben soll, fragt man sich als Leser Deiner Zeilen natürlich zwangsläufig, woher Du Dein "Wissen" nimmst. Da Du doch gar nicht dabei warst. Und Du musst Dir schon gefallen lassen, dass Leute, die Rattle kennen, sehr erstaunt sind über solche Sprüche von jemandem, der allenfalls mal ein Foto von Rattle in der Zeitung gesehen hat, sonst aber keine Ahnung hat, wovon er redet.


    Solltest Du jemals irgendeine Rattle-Aufführung besuchen, können Willi und ich und alle anderen, die wissen, wovon sie sprechen, anschließend gern in einen Dialog mit Dir einsteigen. Mal sehen, was Du uns dann über Deine Rattle-"Eindrücke" zu sagen hast. Bis dahin gilt allerdings das gute alte Dieter Nuhr-Zitat.


    Für mich die Überaufnahme schlechthin des Werks. Otto Edelmann fällt allerdings unter den Solisten deutlich ab, ich würde ihm vielleicht eine 2 geben. Anton Dermota und Elisabeth Grümmer hingegen singen geradezu überirdisch schön. Der Chor und das Orchester vollbringen unter Furtwänglers Leitung eine Leistung, wie es sie vielleicht nie zuvor gegeben hat und auch nie wieder geben wird.


    Zu den Strichen: diese beruhen nur teilweise auf Entscheidungen Furtwänglers. Das Bandmaterial, auf welchem diese Aufführung aufgezeichnet wurde, war an einigen Stellen so schadhaft, dass es nicht veröffentlicht werden konnte. Furtwängler hat also in jenem Konzert weit mehr von Bachs Meisterwerk aufgeführt, als es auf dem EMI-Album zu hören ist.

    Karfreitag werde ich abends in die Oper gehen und Billy Budd sehen.


    Viel Spaß heute Abend bei "Billy Budd", liebe Marnie! Die Oper ist toll: ich habe sie mal in Hamburg (dirigiert von Simone Young) in der Staatsoper gehört.


    Auch Dir, lieber Willi, viel Vergnügen bei Mitsuko Uchida sowie bei Deinen eigenen Choraktivitäten!


    Herzliche Grüße Euch allen!
    Schöne Ostertage!
    Swjatoslaw

    Und die Matthäus-Passion vom 06.03.10 (Birmingham) geriet unter Rattle zur Matthäus-Pension.


    Cooler Spruch. Ist der von Dir?


    Ich zitiere mal die Rezension der von Dir erwähnten Rattle-Aufführung der "Matthäus-Passion" vom März 2010 in Birmingham mit dem CBSO, Mark Padmore, Thomas Quasthoff u.a. aus der "Birmingham Post". Der Rezensent Christopher Morley war im Gegensatz zu Dir im Saal anwesend und weiß somit, wovon er redet:


    "Making a triumphant return to the orchestra he brought to international class, to one of the world’s finest concert-halls he did so much to create, and to the city whose centre has accordingly been regenerated, Sir Simon Rattle bestrode Symphony Hall like a colossus at the weekend.


    Yet there was no sense of ego as two packed houses (not a spare ticket to be had) greeted their hero adoringly. We were soon reassured that music-making was the essence of the matter: that music was in fact Bach’s St Matthew Passion one of the greatest works in the history of artistic creation – and one which is not normally in Rattle’s repertoire.


    So he brought to the piece a bright-eyed freshness, pointing up the dance-rhythm templates which lie behind so many of these movements as they describe, comment and reflect upon the awesome events surrounding Christ’s crucifixion. I have rarely heard the CBSO and its huge CBSO Chorus deliver with such lightness of touch (much credit to Simon Halsey for his choral training – and his direction of the brilliant CBSO Children’s Chorus).


    Surtitles assisted listeners’ understanding of the flow of the narrative, and a decidedly dramatic style of stage-presentation (Rattle conducts a Peter Sellars production of the work at this year’s Salzburg Easter Festival) added an extra element of communication. Engagement from the soloists was vivid, baritone Thomas Quasthoff particularly involved, but outstanding among them all was Mark Padmore. Singing the huge part of the Evangelist without a score, his presence compelled throughout all three hours of the performance: even when not singing himself, he was constantly immersed, and frequently outraged, at the unfolding of this terrible story.


    And, piquantly, he was unconsciously paying tribute to another great Evangelist, the internationally-renowned tenor Philip Langridge, who had died on Friday night, to the immense sadness of music-lovers the world over.


    Dedicating Saturday’s performance to Langridge, Rattle remembered that he had sung with the CBSO over 100 times, and was very much a member of “the CBSO family”. And as the lightness of performance moved towards the eventual sustained outpouring of pent-up grief in the huge final chorus, our reaction to the crucifixion was mingled with fond thoughts of Philip.


    Rating: 5/5"


    Quelle: http://www.birminghampost.net/…hony-hall-65233-26012741/



    Zu den Aufführungen des Werks einen Monat später mit den Berliner Philharmonikern sowie derselben Sängerriege in der Philharmonie in Berlin (von denen ich eine glücklicherweise miterleben durfte) sowie in Salzburg bei den Osterfestspielen mag meine bescheidene Meinung hier möglicherweise niemanden interessieren. Auch diesbezüglich zitiere ich also einfach mal einen Rezensenten, nämlich Ulrich Weinzierl aus der "WELT":


    "Simon Rattles Osterwunder mit Bachs "Matthäuspassion"
    Eine szenische Aufführung in Salzburg


    Diese Musik hält fast alles aus. John Neumeier hat daraus Ballett gemacht, Götz Friedrich Theater, um allein die bekanntesten szenischen Verwerter zu nennen. Doch was der amerikanische Starregisseur Peter Sellars völlig uneitel auf die Bühne Salzburger Großen Festspielhauses bringt und bald in die Berliner Philharmonie transferieren wird, heißt exotischer, bescheidener, vielleicht auch weltfrommer: eine "Ritualisierung". Es handelt sich um Intensivierung des musikalisch und sprachlich Erzählten: durch Blicke, Berührungen, Binnenspannungen, also um buchstäbliches Mitgefühl, das gezeigt und erzeugt wird. Angst und Verzweiflung, Liebe und Verrat sind zu sehen und zu spüren.


    Gewiss ein gewagtes Unterfangen, obgleich der Aufwand - freilich bloß zum Schein - gering wirkt. Wandern Gesangssolisten und Choristen, naturgemäß ohne Noten, durchs Orchester und den Saal, ist äußerte Akkuratesse geboten. Es drohen Chaos und geschmäcklerische Arrangements, die sich am Geist des Kunstwerks versündigen. Dank minimalistischer Gestaltung entgeht Sellars der Gefahr souverän. Nur ganz selten entsteht der Eindruck des Überflüssigen: Pontius Pilatus auf dem Seitenrang müsste nicht so tun, als würde er wirklich seine Hände säubern, wenn er sie metaphorisch in Unschuld wäscht. Illustrierende Verdoppelungen verstärken nicht, sie schwächen. Der Judaskuss als echter Kuss - Lippen auf Lippen, nicht Wange an Wange - sorgt hingegen für leise und darum legitime Irritation.


    Eine einsame Glühbirne hängt von der Decke und über dem Geschehen. Auf dem gestuften Boden: Quader und Würfel aus hellem Holz, keine sonstigen Requisiten. Ihre Funktion ergibt sich aus dem Gebrauch: als Sitzgelegenheit, Abendmahltisch, Opferblock, Sarkophag. Sir Simon Rattle teilte die Berliner Philharmoniker in zwei Orchester, den Berliner Rundfunkchor in zwei Chöre, positionierte dazwischen die Continuo-Gruppe mit Cello, Orgel, Laute und Theorbe. Die Absicht, historische Raumklangverhältnisse nachzubilden, gelingt vorzüglich. Der in alle Himmelsrichtungen dirigierende Rattle nimmt Bach leicht, beinah beschwingt und duftig. Klarheit und Transparenz ersetzen wuchtiges Pathos mühelos, Prägnanz und Präzision des Chores sind phänomenal. Die vergebliche Rettungsattacke "Lasst ihn, haltet, bindet nicht!" treibt Tränen in die Augen, und den im Piano gehauchten Choral "Wenn ich einmal soll scheiden" hat man wahrscheinlich noch nie so betörend und so schön gehört.


    Mit Mark Padmore verfügt die Produktion über den derzeit wohl besten Evangelisten. Strahlend hell, dramatisch im Lyrischen und voll ausdrucksstarker Poesie, modelliert er den Text geradezu. Zudem hat Padmore die Aufgabe, die Gestalt Jesus und deren Leiden mit knappen gestischen Andeutungen zu verkörpern - die Rezitative des Herrn werden vom Bariton Christian Gerhaher gesungen.


    Seltsam genug: Die gewaltige Matthäus-Passion wird hier ganz intim dargeboten, wie Kammermusik, als Kammerspiel. In den Instrumentalsoli, vor allem des Geigers Daniel Stabrawa, Albert Mayers mit der Oboe d'amore und von Hille Perl an der Viola da gamba, scheinen sich die Instrumente in menschliche Stimmen zu verwandeln, die mit den Sängern ins Zwiegespräch treten. Auf dem Weg zum spirituellen Erlebnis offenbart sich das Heilige als das zutiefst Humane."


    Quelle: http://www.welt.de/die-welt/ku…chs-Matthaeuspassion.html


    Auch so ein absolut zeitloses Lied ...


    Lieber Joseph,
    das ist ein Supertipp, musikalisch in den Feiertag einzusteigen! The Byrds waren eine klasse Band, zumal in denjenigen Jahren, als David Crosby noch dazugehörte. David Crosby gehört zu meinen Lieblingsmusikern überhaupt, wenn wir über Pop und Rock reden. Seine Gemeinschaftskomposition mit Roger McGuinn "Eight miles high" ist wohl einer der besten Songs der Rockgeschichte. Ich habe David Crosby mal in Hamburg mit seiner damaligen Band CPR (Crosby Raymond Pevar) "Eight miles high" in einer bestimmt 20- oder gar 25-minütigen Version live spielen sehen. Das war eine "Schlacht" der beiden Gitarrensolisten ohnegleichen. Gitarristisch noch eins drauf bei diesem Song setzte natürlich der Gitarrenvirtuose schlechthin: Leo Kottke, der in den 80er Jahren ebenfalls "Eight miles high" in seinen Hamburger Konzerten auf der setlist hatte.


    Der von Dir erwähnte Bob Dylan-Song "Mr. Tambourine Man" gefällt mir in der Byrds-Version auch sehr gut. Besser, als wenn Dylan ihn selbst singt (das geht mir übrigens mit eigentlich jedem seiner Songs so). Ich höre mir gerade "Mr. Tambourine Man" in dieser Live-Version der Byrds aus dem Jahr 1970 an:

    Eine wunderbare CD, deren erste sieben Titel live eingespielt wurden. "Eight miles high" ist auch auf dieser CD 16 Minuten lang - und das, obwohl mitten in den Song hineingeblendet wird (eine Unart, die damals bei Live-LPs üblich war).
    Frohe Ostertage wünscht
    Swjatoslaw

    Franz Schubert: Die Winterreise (zweimal Prey, sodann Hotter und Peter Anders)


    Lieber Thomas,
    bei Schuberts "Winterreise" bin nun wiederum ich befangen. Das Klavierspiel auf dieser CD

    ist so dermaßen überragend, dass - für mich ganz persönlich - keine andere Einspielung des Werks auch nur annähernd an diese Philips-CD heranreicht.


    Auch Dir ganz, ganz tolle Ostertage!
    Herzliche Grüße
    Dein Swjatoslaw

    Ein herrlicher "Running Gag" in diesem Forum. Aber auf die Dauer recht ermüdend!
    Furtwängler, der alles mit der "dunklen Soße des deutschen Klanges" (FAZ vom 9.4.) übergoß als Übervater.
    Wirklich lustig!!
    Aber könnten wir mal wieder ernsthaft debatiieren? So mal nach Ostern? Wenn das Lamm verdaut ist?
    Gruß S.


    Ich weiß nicht, was "debatiieren" ist. Debattieren können wir vielleicht ab dem Moment ernsthaft, in welchem bestimmte Leute einfach mal zurück zu ihrer durchaus vorhandenen Sachkenntnis gelangen, statt hier Texte wie den oben zitierten von sich zu geben.

    Ritualisiert gibt es bei mir seit Jahren zu Ostern nur eine einzige Klassik-CD zu hören - und das in voller Lautstärke. Ohne diese CD ist Ostern nicht Ostern.


    Würde man mich fragen, welche drei Tonträger ich auf die berühmte einsame Insel mitnähme, dann wäre diese Aufnahme die an Nummer 2 genannte. Nummer 1 wäre die Beethoven-Sinfonie Nr. 9 in dem Furtwängler-Mitschnitt vom März 1942. Nummer 3 wäre die beste Jazz-CD aller Zeiten, nämlich "Kind of blue" von Miles Davis (mit Bill Evans, John Coltrane u.a.). Nummer 2 wäre aber definitiv "meine Oster-CD". Nämlich diese unfassbar schöne, herrliche, einfach unübertreffliche Aufnahme der Matthäus-Passion mit Wilhelm Furtwängler, Anton Dermota, Elisabeth Grümmer und dem jungen Dietrich Fischer-Dieskau:

    Swjatoslaw hat die Klemperer- Aufnahme in einem anderen Bruckner-Thread positiv erwähnt. Ja, diese hat zweifellos ihre Stärken, aber der fast paukenlose Klang dort ??? Das geht für meinen Geschmack bei der Sechsten gar nicht !


    Die Sechste mit Klemperer ist für mich eine der großartigsten Bruckner-Aufnahmen überhaupt. Und die einzige Einspielung eines Bruckner-Werks, welches auch in einer Furtwängler-Version vorliegt, bei welcher man vielleicht - wohlgemerkt: vielleicht - darüber diskutieren kann, ob diese Einspielung möglicherweise, vielleicht oder auch eher nur ganz vielleicht, jedenfalls höchstens um Nuancen, Furtwänglers Aufnahme schlagen könnte. Wobei sich eine solche Diskussion ohnehin nur um die Sätze 2 bis 4 drehen kann, da bekanntlich der erste Satz von Furtwängler nicht erhalten geblieben ist. Beim ersten Satz regiert also Klemperer unangefochten.

    Lieber Swjato,
    danke für diesen wertvollen Tip; diese Einspielung habe ich nämlich auch und schon so lange nicht mehr gehört, daß sie sofort geholt und gehört werden muß...


    Hallo, lieber musikwanderer,
    von einem echten Händel-Kenner wie Dir hätte ich auch nichts anderes erwartet, als dass Du Dich für die Chandos Anthems begeisterst. Welch herrliche, geradezu unfassbar schöne Musik - mir ist völlig schleierhaft, warum nicht jeder Dirigent landauf landab diese Werke auf seine Programme setzt.
    Herzliche Grüße
    Dein Swjatoslaw