Beiträge von Barockbassflo

    Zitat

    Original von heldenbariton
    die schon erwähnte Eintönigkeit in manchem Liedvortrag.


    ...ein Vorwurf, den ich schlicht nicht nachvollziehen kann. Gut, wenn einem noch die Ohren klingen vom konsonantenreich überstilisierten Vortrag weit berühmterer Kollegen - aber sobald der Überlastungstinnitus sich gelegt hat erschließt sich zumindest mir ein unerschöpflicher Reichtum feinster Nuancen. Allerdings ein Reichtum innerhalb der Grenzen einer gut geführten, die Grenzen vollen Wohlklangs nie überschreitenden Stimmführung. Aber eintönig? Mir klingt das, wie wenn man einem wunderbaren Frühlingstag den Mangel an Wolkenbrüchen vorwerfen wollte...


    Ich verkauf' gerade so ziemlich alle meine historischen Aufnahmen weil ich den Mist nicht mehr hören kann, aber Heinrich der Große thront unangefochten und erfüllt mir alle musikalischen Herzenswünsche. Stimmt schon: Dauerseligkeit ist auch wieder eintönig...


    Ich versteh's echt nicht!


    :hello:
    Flo

    Christoph Martin Wieland


    Der Goldene Spiegel oder die Könige von Scheschian


    Bisher der Tiefpunkt in seinem mir bekannten Oeuvre. Langatmig, langweilig, umständlich, windelweich und monoton. Aber das Projekt ist die Lektüre des Gesamtwerks (naja, der gesamten Ausgabe letzter Hand), also heißt es durchhalten...


    Ist es jetzt schade oder beruhigend, dass auch Wieland mal ein paar schwache Stunden hatte?


    ;)
    Flo

    Medards Ausführungen reizen mich aufs Äußerste, den Anschluss an selbige aus der kunsthedonistischen Fankurve zu versuchen. Vorab muss ich gestehen, mit der zitierten Literatur nicht vertraut zu sein, was ich aber umgehend nachholen werde.


    Mich verblüfft die Anschlussfähigkeit der Karajan’schen Ästhetik nicht, ich halte sie auch nicht nur für „kalte Perfektion“ (selbst gemessen an den damaligen technischen Standards, die ich bekanntlich für aus heutiger Perspektive ziemlich medioker halte). Karajan bedient mit seiner „Unbedingtheit“, mit der Ersetzung des realen, erdenrestpeinlichen Körpers durch das wehrhaft-monumentale Ideal (das gelegentlich auch ätherisch zart in Klang übersetzt werden kann) nicht nur die von Medard dargelegte Generationenprägung, sondern auch Bedürfnisse und Tendenzen, die einen weiteren Rahmen abstecken. Und m.E. trotz ihres totalitären Kerns und ihrer Einseitigkeit nicht ausschließlich negativ zu bewerten sind. Denn das Erstreben von Dauer, die Sehnsucht nach „Perfektion“ im Sinne einer Vollendung, einer definitiven Antwort, eines – Jargonalarm! – Legitimationsunterbrechers ist etwas, das sicher nicht nur ich in mir selbst wiederfinde. Wie wäre Orientierung in der Welt, im Alltag oder in der Kunst ohne solche Kristallisationen möglich? Auch das Bedürfnis nach Hochglanz, nach Kuschelsound, nach „affirmativer“, daseinsbejahender, die Sonnenseite hervorhebender Kunst und künstlerischer Gestaltung ist etwas, mit dem ich mich zutiefst identifizieren kann. Und ich denke, dass die Auswüchse der Unbedingten nicht unbedingt zwingende, aber doch organische Auswüchse einer Tradition sind, die auch Bach und Beethoven zu ihren schönsten Leistungen befeuert hat.


    Nur: das nimmt nichts weg vom totalitären Kern. Wer abgrenzt und Klarheit schafft (die er braucht) grenzt aus und tut „dem Anderen“ (Derrida lässt grüßen) Gewalt an – und es gibt nix, was man dagegen tun könnte. Außer diesen Prozess zu reflektieren und in der nächsten Runde weiter zu greifen – und das ist etwas, was die Karajan’sche Ästhetik konsequent verweigert (von Durchbrüchen des Menschlichen in einigen ganz späten Aufnahmen mal abgesehen).


    Interessant für mich persönlich ist dabei auch, dass ich die Abstrahierung von Karajans Kunstidealen in mir selbst als ein Grundbedürfnis erkenne, Karajans Ton- und Bildkonserven mir aber ausschließlich die gefährliche Zielrichtung dieses Ideals erfahrbar machen. Was an seiner Bedeutung als „Phänomen“ nichts ändert, ganz im Gegenteil…


    :hello:
    Flo

    Ich bekomme von der Berichterstattung nur Ausschnitte mit - ZEIT, FAZ und NZZ vor allem - und finde sie vielleicht deswegen weniger ärgerlich als nachdenkenswert.


    Dieses sich in Strömen ergießende Verehrungsbedürfnis - einer hat sogar, möglicherweise war's sogar in der NZZ, entdeckt dass es "nur" einen Parteibeitritt gab und zwar - Überraschung - als Eintrittskarte für Ulm...


    Aber dahinter liegt mehr, und durchaus nicht nur Belangloses. Stilisierung, auch Selbststilisierung, Glättung, Beschönigung, ein bisschen Falschheit und Lüge: ohne geht's nicht, nicht im Leben, nicht in der Kunst, nicht für's Individuum, nicht für soziale Gebilde.


    Aus dieser Perspektive ist Karajan für mich wesentlich interessanter als aus musikalischer, aber auch da führt er eine gerade der Musik seiner meistgespielten Komponisten auch (! nicht ausschließlich, aber eben doch!) innewohnende Tendenz zum Gipfel und ad absurdum - für mich, für andere bleibt's halt beim Gipfel.


    Und dieses wunderbar umfassende Paket: die adelige Geburt, der Parteieintritt, die Wirtschaftswundermedienkarriere, die schnellen Autos und die göttliche Kunst, alles mit geföhnter Tolle: ich find' den Mann so sehr die Krönung einer Entwicklung, dass er einen Wert als Studienobjekt hat, der auch der aktuellen Flut des Geschreibsels einen gewissen Reiz und Erkenntniswert verleiht.



    :hello:
    Flo

    Irgendwie hat mich die Faszination Mittelalter gepackt, deswegen geht es jetzt - nach Abschluss des ersten Bandes des Handbuchs der bayerischen Geschichte - erstmal weiter mit den entsprechenden Kapiteln aus Johannes Hirschbergers (leicht betulichem) Werk zur Geschichte der Philosophie:



    Für die Darstellung der mittelalterlichen Philosphie ist Platon-Bewunderung und nachdrückliches Warnen vor Nietzsches Gefährlichkeit allerdings wohl eher eine Empfehlung...



    :hello:
    Flo

    Für mich selbst als Musikhörer sind sowohl Herbert von Karajan als auch Leonard Bernstein weitestgehend irrelevant. Vielleicht sehe ich sie deshalb aus einer etwas anderen Perspektive, aus der ich Herbert „Riefenstahl“ von Karajan gerade wegen seiner hier zu Recht oft kritisierten künstlerischen Eigenschaften eine signifikantere Position in der Kulturgeeschichte beimesse als Leonard „Dionysos“ Bernstein.


    Aus dieser – die rein musikalischen Qualitäten konsequent ignorierenden – Sichtweise ist Bernstein „nur“ ein Ausnahme-Vollblutmusiker und Komponist, also (Klischeealarm!) ein neues Modell in der Reihe Wagner-Mahler. Karajan erscheint zwar als „Nurdirigent“ in einer (m.E. Untergeordneten) Kategorie, in ihm kristallisieren sich dafür einige Tendenzen, die nicht nur in der Musikgeschichte große Bedeutung hatten und noch haben. Karajan steht hier für den konsequenten Willen zur Stilisierung, zur Perfektionierung der Natur, zur Selbstüberhöhung, zur Umwidmung der Kunst zur Ersatzreligion des profitmaximierenden Bürgers – mit Kollateralschäden im Bereich der politischen Ideologie und der künstlerischen Entwicklung.


    Um das Ganze an einem Beispiel festzumachen: Bernsteins Video-Neunte aus Berlin ist eine subjektiv ekstatische Lesart, wie sie z.B. schon Furtwängler vorgelegt hatte (wenn auch politisch unter umgekehrten Vorzeichen). Karajans 1984er Video-Neunte ist demgegenüber in ihrer starren Inszenierung und auf die Spitze getriebenen Monumental-Sakralisierung der Höhepunkt einer langen, aus meiner Sicht nicht besonders glücklichen Entwicklung.


    Der paradigmatische Charakter seines audiovisuellen Spätwerks ergibt sich dabei gerade aus meiner Unterstellung, dieses sei nicht nur Marketing und Eitelkeit, sondern Ausdruck eines ernsthaften künstlerischen Strebens gewesen, das (Aristoteles lässt grüßen) mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln die Natur auf dem Weg zu ihrem Telos ein gutes Stück über die Schwächen des Fleisches hinaustreiben wollte. Dabei gelangen ihm durchaus eindrucksvolle Bild- und Tonsequenzen, das soll hier nicht unter den Tisch fallen. Aber was Karajan uns bietet, ist eben das Kunstwerk als Pontifikalrequiem, der Künstler als (bis zur maschinenhaften Erstarrung) „perfektes“ Sprachrohr der in einem wohllautvollen Ideenreich angesiedelten künstlerischen ewigen Wahrheit, alles glanzvoll zubereitet für die selbstüberhöhende Anbetung durch den philharmonischen Abonnenten und den sich zum meditativen Eingang in die besser Welt sich in sein Heimkino zurückziehenden Heim-Konsumenten. (Ich gebe zu, in diese Richtung durchaus empfänglich zu sein...)


    Damit ist Karajan (wie auch in seiner politischen Vergangenheit) nicht nur beispielhaft für einige charakteristische Züge der Nachkriegsgesellschaft, sondern in ihm finden auch Tendenzen ihre (aus meiner Sicht in ihrer Perversität faszinierende) Erfüllung, die in der Kunstgeschichte über lange Zeiträume wirksam waren. In ihm lösen sie sich im eh schon musealisierten und durchritualisierten klassischen Konzertbetrieb am Ende von jeder Entwicklung und werden zu – Gottesdiensten.


    Dabei ist schon das Konzept des Künstlers als Sprachrohr des Göttlichen etc. nix Neues, und dieses Sendungsbewusstsein hat so manches große Kunstwerk hervorbringen helfen. Und Ritualisierung und Stilisierung sind auch nicht per se was Böses, sondern eine Lebensnotwendigkeit – nur läuft eben irgendwo eine Grenze...


    Aber ich werte schon wieder. Jedenfalls ist Karajan für mich als Laborstudie dieser Entwicklungen immer noch interessanter als Bernstein. Es wäre sicher auch lohnend, dieses aristotelische Element mal durch die Kunstgeschichte zu verfolgen – in meiner Lektüre mache ich das auch; aber zu detaillierten Ausführen reicht's halt noch nicht: vielleicht können ja kundigere Forianer diese Lücke füllen. Ich wär' jedenfalls sehr dankbar!


    Aus der kunsthedonistischen Fankurve grüßt
    Flo

    Lieber Medard,


    warum sich schämen?


    Ich würde Malina sogar nicht mit Mulitplikatoren auf eine andere Intensitätsstufe heben, sondern einer anderen Kategorie von Literatur zuordnen - ich habe dieses Buch jetzt vier oder fünfmal gelesen und konnte damit nichts, nichts, nichts aber auch überhaupt garnichts anfangen. Der Gantenbein ist halt verspielter, souveräner, mehr in Szene gesetzt im Sinne einer Bewältigung als Bachmanns Breughel-hafter Höllensturz in den Mauerspalt.


    Weswegen ich Dir - solltest Du das haben sagen wollen - sicher darin zustimme, dass Malina das intensivere, tiefer greifende, reichere Buch ist. Aber was helfen mir Schatzesfluten, wenn ich nur drin ertrinke. Außerdem passt der Überlebenskünstler Gantenbein einfach besser in die kunsthedonistische Fankurve!


    :untertauch:


    Steht's jetzt wieder 1:1?
    :D


    Lieber Paul?,


    das Tagebuch 66-70 war für mich eine sehr positive Überraschung, obwohl ich selbstredend viel erwartet hatte. Es ist gar kein Tagebuch im eigentlichen Sinne, es ist eher ein stark reflexionslastiger, von zur Selbstbetrachtung anhaltenden Passagen z.B. in Gestalt von Fragebögen unterbrochenes, auch einige novellenhafte Elemente beinhaltendes Buch, das ich mit großem Gewinn schon mehrmals gelesen habe. Immer wieder zum Nachdenken anregend.


    :hello:
    Flo

    Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Aber eine Pointe dieser Oratorien (und auch der Zauberflöte) ist die "Erhabenheit" oder "Verklärung des Alltäglichen". Die bürgerliche Ehe wird hymnisch mit "Mann und Weib und Weib und Mann reichen an die Gottheit an" besungen, Papageno muß kein Geweihter werden, er darf seinen schlichten Lebensstil pflegen und das ist auch gut so. All die kleinen alltäglichen Dinge der Jahreszeiten, alle Kreaturen der Schöpfung verdienen Haydns (und unseren) Respekt. Das ist natürlich affirmativ. Aber damit nicht automatisch reaktionär.


    :jubel: :jubel: :jubel:


    Lieber Johannes,


    SEHR schön auf den Punkt gebracht! Zusätzlich spüre ich bei Haydn - darin ist er Stifter m.E. nicht unähnlich - ein gewisses Gefühl von Dankbarkeit. Das könnte auch eine "Erklärung" für die mangelnde Wucht z.B. des "Die Himmel erzählen" sein: Haydn freut sich halt, da bleibt für Beethoven'sches Rumtitanisieren einfach keine Zeit...


    ;)
    Flo

    Hier gibt es in herrlichstem Sonnenschein ein bisschen bayerische Frühgeschichte:


    Handbuch der bayerischen Geschichte, Band I: Das Stammesherzogtum


    [am]978-3406073229[/am]


    Für mich historisch nur lückenhaft Beschlagenen eine faszinierende Lektüre - ich wusste z.B. nicht, dass bereits 757 in Compiégne einmal ziemlich gründlich kapituliert wurde...


    Ziemlich kränkend für das bayerische Selbstbewusstsein (ich gehöre auch zu denen, für die die Antarktis kurz nach Köln beginnt ;) ist auch die Tatsache, dass wir auch so traditionsbewussten "Mir san Mir-Bajuwaren" irgendwann im 6. Jahrhundert von irgendwoher auf der Brennsuppe dahergeschwommen sind. Ein Skandal. Woraus ich lerne: Wissen ist ganz schlecht für tiefverinnerliche Stammesarroganz. Schnüff. Darf ich jetzt eigentlich noch CSU wählen?


    :untertauch:
    Flo

    Im Brockhaus von 1809 ist im Nachtragsband zu lesen:


    "Joseph Haydn: dieser allgemein verehrte würdige Greis verlebt jetzt in stiller Abgeschiedenheit den Abend seiner Tage in einer der Vorstädte Wiens, nachdem er schon seit einiger Zeit ganz von seiner Muse Abschied genommen hat. Wer kennt nicht die neuern genialischen Werke dieses großen Tonkünstlers, dessen Verdiensten in Paris wie in London so glorreich geopfert worden ist? Die Schöpfung, die Vier Jahreszeiten, die für Vocal-Musik ganz meisterhaft durchgeführten Sieben letzten Worte des Erlösers (welche er vorher blos für Instrumental-Musik gesetzt hatte) – bedarf es wohl mehr als einer bloßen Erwähnung, um seine gewiß zahllosen Freunde zur innigsten Verehrung dieses würdigen Greises hinzureißen? Eine der ausgezeichnetsten Ehrenbezeigungen, die ihm zu Wien widerfuhr, dürfen wir nicht übergehen. Die Dilettanten-Gesellschaft im Universitäts-Gebäude konnte den Schluß ihrer Winterconcerts im März 1808 nicht würdiger feiern, als durch Aufführung des Haydnschen Meisterwerks: die Schöpfung. Dies geschah unter Salieri¼s Direction, und sie hatten das seltene Vergnügen, den würdigen Schöpfer dieser Schöpfung, Vater Haydn, dabei gegenwärtig zu sehn. Die Rührung des Greises bei seinem Empfange, wobei besonders seine Freunde und Schüler, ein Fürst Lobkowitz, eine Fürstin Esterhazy, die Fräuleins Spielmann und Kurzbeck, ein Beethoven, Collin u. m. stets um ihn herum waren, machte den außerordentlichsten Eindruck. Bei der Aufführung selbst war er in öfterer Bewegung; aber bei dem erschütternden Eintritt der Stelle: »Es ward Licht« stürzten ihm die Thränen über die Wangen: er hob die Arme gen Himmel mit den Worten: Nicht von mir, von dort kommt Alles! – Nur bis zum Schluß der ersten Abtheilung hielt er aus, und unter den enthusiastischsten Beifalls-Aeußerungen der Anwesenden wurde er hinweggetragen. Es geschah dies gerade vier Tage vor seinem 76sten Geburtstage."


    :hello:
    Flo
    (der die "Schöpfung" nicht übermäßig schätzt, Haydn aber sehr)

    Nach


    Liszt: Consolation Nr. 3


    jetzt Bach/Busoni: Nun komm der Heiden Heiland


    mit



    Wladimir Horowitz, aufgenommen im April 1985


    ;(


    Wie unsäglich viel Emotion liegt schon allein in diesen Klängen, die er zu magisch irisierenden Wolken zu gestalten wusste. Und dann diese Meisterschaft in feinsten Schattierungen, in atemberaubenden Dichteveränderungen auf kleinstem Raum - so emotional, so reich.


    :jubel: :jubel: :jubel:


    Im Wohnzimmer aufgenommen - der Hammerklavierfreund kommt also auf seine Obertonrechnung :D .


    Es gibt Dinge, die einen tief dankbar machen, dass man leben darf.


    :yes:
    Flo

    Zitat

    Original von georgius1988
    Was ist den von dieser Box zu halten?



    Ich kann mich dem Chor der Empfehlungen nur anschließen. Insbesondere unter den ersten 40 Nummern gibt es so manches Kleinod zu entdecken - die letzten 40 lassen mich im Vergleich ziemlich kalt...


    Die Einspielungen sind meist zumindest adäquat, gelegentlich gibt es grobe Schnitzer (da hört man die Hektik), aber viel öfter gibt es ein sehr inspiriertes, von der Freude an der Musik getragenes Musizieren; da kann ich auch die modernen Instrumente, die moderne Sitzordnung und das hallige Klangbild akzeptieren.


    Klingt vielleicht nicht so, aber einer der Kernbestandteile meiner Sammlung.


    :hello:
    Flo

    Auf einen Rutsch wäre die Lektüre zu deprimierend geworden, deswegen habe ich sie mir eingeteilt und soeben abgeschlossen:


    Fritz Stern: Kulturpessimismus als politische Gefahr




    Ein höchst lehrreiches, aufwühlendes, zum Nachdenken anregendes Buch, zu dem ich sicher wieder zurückkehren werde:


    "Was diesen Menschen [Paul de Lagarde, Julius Langbehn und Arthur Moeller van den Bruck] von ihrer Umwelt unterschied, waren nicht nur ihr Denken und Leben, sondern auch die eigentümliche Spannung, die zwischen ihrem Denken, ihrem Wesen und ihrer Kultur bestand, sowie die Art und Weise, in der sich diese Spannung äußerte. In bezug auf sie lassen sich die herkömmlichen sozialen Kategorien nicht anwenden, denn sie waren Intellektuelle faute de mieux, Intellektuelle, der Arbeit vorwiegend vom Gefühl und nur ganz selten vom Verstand bestimmt war; sie waren Künstler ohne Talent zu schöpferischem Ausdruck, Propheten ohne Gott. Sie verkörperten und förderten, was sie bekämpfen und verhindern wollten: den kulturellen Zerfall und den Zusammenbruch der Ordnung im modernen Deutschland. Sie waren die Ankläger, aber unwissentlich auch ein Zeugnis dessen, was sie anklagten. Infolgedessen kämpften sie stets mit sich selbst, auch wenn sie gegen andere kämpften."


    Nur gut, dass der Künstler ohne Talent nicht zwangsläufig zur Gefahr für die Menschheit wird...


    Nachdenkliche Grüße aus der kunsthedonistischen Fankurve,
    Flo

    Albrecht von Haller (1708-1777)


    Die Alpen (1729)


    "(...)
    Ein junger Schäfer stimmt indessen seine Leier,
    Dazu er ganz entzückt ein neues Liedgen singt,
    Natur und Liebe gießt in ihn ein heimlich Feuer,
    Das in den Adern glimmt und nie die Müh erzwingt;
    Die Kunst hat keinen Theil an seinen Hirten-Liedern,
    Im ungeschmückten Lied malt er den freien Sinn;
    Auch wann er dichten soll, bleibt er bei seinen Widern,
    Und seine Muse spricht wie seine Schäferin;
    Sein Lehrer ist sein Herz, sein Phöbus seine Schöne,
    Die Rührung macht den Vers und nicht gezählte Töne.
    (...)"


    :jubel:
    Flo

    Ich muss gestehen, von Kleist neben der Begegnung mit dem zerbrochenen Krug damals im Deutschunterricht bisher nur einige der hier enthaltenen Novellen zu kennen:



    Ich kann aber nicht sagen, dass die Marquise von O., der Kohlhaas oder die G'schicht von der heiligen Caecilie mir Lust auf mehr gemacht hätte. Mir ist da zuviel Druck drin, zuviel Kampf und Krampf, zuviel titanisches Wollen, quasi zuviel Beethoven und zuwenig Corelli. Gewalttätig ist das Wort. Ich fühle mich bei ihm ein wenig wie eine Kartoffel im Dampfdrucktopf. Nichts für mich, der Gute.


    :hello:
    Flo

    Lieber oper337,


    zu Bruckner - mir einst unsäglich nahe - äußere ich mich nicht mehr; aber Brigitta habe ich gelesen, Oberplan hin, St. Florian her. Und das Suizid-Thema bei Stifter sollte man auch mit größter Vorsicht anfassen, denke ich. Deswegen halte ich mich auch zurück, tendiere aber eher zu Hochachtung gegenüber diesem Schritt.


    Zu Brigitta: ich muss einerseits gestehen, so angetan gewesen zu sein, dass ich mich nicht bremsen konnte und gleich noch den "Waldsteig" gelesen habe. Andererseits fand ich die gute Brigitta bei allem guten Willen, bei aller Kompatibilität mit meinem Aktenmenschen-Kunsthedonismus, bei allen sprachlichen Perlen: am Ende bin ich mindestens so stark peinlich berührt wie entzückt. Was es mir reizvoll erscheinen lässt, die Wirkung dieser Erzählung auf meinen weltflüchtigen Geist näher zu untersuchen. Weit komme ich dabei allerdings nicht, denn ich verwickle mich bei der Abgrenzung gegen andere Stifter-Werke in Widersprüche mit mir selbst. Sage ich, dass Brigitta an einem extrem unglaubwürdigen, in seinem Räuberpistolen-Charakter mit dem Libretto zu Il Trovatore auf einer Höhe stehenden Plot krankt (dieses lächerliche, über Jahrzehnte ausgedehnte Sichnichterkennen von Brigitta und dem Major!) und mir deswegen einen schalen Nachgeschmack bereitet, dann tue ich mich schwer, die Nachkommenschaften oder den Nachsommer oder Kalkstein oder die Mappe noch zu rechtfertigen. Denn plausibler sind die zentralen Handlungselemente dort auch nicht. Nur, dass ich im Nachsommer die Transfer- und Projektionsleistung erbringen kann, die aus der Räuberpistole ein über sich hinausweisendes, mich in die gewünschte Richtung aus der Prosa des Alltags entführendes Zeichen macht. Sogar im Waldsteig funktioniert das, da ist mir die so liebenswürdig vertrottelte Hauptperson einfach enorm sympathisch...


    Ich werde Brigitta ein wenig Zeit gönnen und dann eine erneute Lektüre vornehmen. Danke jedenfalls für die Anregung zu erneuter Stifter-Lektüre!


    :hello:
    Flo

    Wieder widme ich mich Otto von Simson: Peter Paul Rubens, Zabern 1996 [sorry, war eine Schlamperei von mir]




    Ein wundervoll lesbares, die Gratwanderung zwischen zu wenig Denkfutter und den Leser ermüdender Überinterpretation mit Grazie zu einem Genuss machendes, den sowieso schon heiß geliebten Maler mir immer noch näher bringendes Werk.


    Und dann dieser Rubens: was für ein Mensch! Was für ein Maler! Was für ein Leben!

    Nach Adalbert Stifters "Brigitta" sowie seinem "Waldsteig" gab es


    Gustav Sack
    Ein verbummelter Student
    S. Fischer, 1917


    - ein ziemlich düsterer, in den ausgedehnten Bewusstseinsstrom-Passagen recht psychedelisch anmutender, faszinierender Roman.


    Und jetzt widme ich mich Otto von Simson: Peter Paul Rubens, Zabern 2003 & mittlerweile anscheinend vergriffen.



    :hello:
    Flo

    Nach längerer Abstinenz läuft mal wieder der Alte mit dem Alten:


    Ludwig van Beethoven
    Klaviersonate Nr. 27 in e-moll, op.90,


    gespielt von Wilhelm Backhaus, eine der letzten Aufnahmen des 85jährigen, entstanden 1969.



    Vor allem die Kontraste zwischen den Momenten zerfasernder Getriebenheit und ängstlicher Stille im Kopfsatz ist - durch freien Umgang mit dem Tempo und ein paar technische Schwächen in den turbulenteren Passagen - wunderbar getroffen. Worauf ein von innen leuchtendes "Gesangvoll, mit innigster Empfindung" folgt, gekrönt von einem lakonisch-abgeklärtem dritten Satz, gelassen entschwebend.


    Meine (neben op. 31 Nr. 1 - ja, Nr. 1 - ) liebste Beethoven-Klaviersonate.


    :jubel:
    F

    Nach der hochanregenden, in der nächsten Zeit noch mehrmals zu wiederholenden Lektüre von


    Siegfried J. Schmidt
    Geschichten und Diskurse


    ,


    dessen Schlussfolgerungen ich - wenn ich's könnte - gerne in die Musikanalyse-Debatte einbringen würde,



    lese ich jetzt gerade


    Jonathan Culler
    Dekonstruktion


    ,


    Beide Bücher kann ich an der "Postmoderne" Interessierten sehr warm empfehlen.


    Eher weniger gilt dies für


    ,


    das eher zähflüssig zu lesen ist (wenn auch interessant).


    :hello:
    Flo

    Lieber oper337,


    ich bin mir nicht so sicher, ob Stifter so geradeaus "an das Gute geglaubt" hat - der ganze Witiko scheint mir eher auf den Dämpfen über dem brodelnden Vulkan zu schweben als als in elysischen Gefilden.


    Aber das mit dem Neuplatonismus ist eine sympathische Idee, wenn ich so in meinen 1898er Jubiläumsbrockhaus schaue, der da als Grundgedanken dieser spätantiken Richtung angibt: "(...) der mystische Grundgedanke der religiösen Sehnsucht, der den Abgrund zwischen der unendlichen, rein geistig und transcendent gedachten Gottheit und dem in die böse Materie versenkten Einzelgeiste durch ein System von Zwischenexistenzen auszufüllen suchte (...)".


    In dem von mir weiter oben schon einmal zitierten Buch "Stifter und Stifterforschung im 21. Jahrhundert" findet sich übrigens auch ein Beitrag von Werner M. Bauer: "Adalbert Stifter und die Elementa philosophiae des Josef Calasanz Likawetz", in der Stifter eher in die Kant-Tradition der Aufklärung eingereiht wird (wobei man ja auch dem guten Kant höhlengleisnerischen Idealismus nachgesagt hat gelegentlich).


    Wie dem auch sei, Stifter hat vieles zu geben.


    :hello:
    Flo


    Lieber oper 337,


    Brigitta und Der Blick vom Stephansturm kenne ich noch nicht; die Bunten Steine lagen mir allerdings relativ schwer im Magen, so dass ich Sie dem Stifter-Einsteiger eher nicht empfehlen würde (rein subjektiv gesprochen). Die Bunten Steine werden für mich auch immer schwächer. Die Vorrede ist schlicht großartig, darauf kann man sich eine kunsthedonistische Lebenseinstellung zimmern, in der es sich gar behaglich hausen lässt. Granit würde ich dem Einsteiger noch am ehesten empfehlen, wenn ich dann nicht besser gleich mit Die Mappe meines Urgroßvaters anfangen würde.


    Kalkstein ist m.E. der Höhepunkt der Bunten Steine, so recht eine Erzählung für den späten Abend, wenn der Raum tief wird, die Fragen kommen und der Druck der wachsenden Stille die Stimmen der Toten in den inneren Monolog hineinhebt.


    Die verbleibenden Erzählungen (Turmalin, Bergkristall, Katzensilber und Bergmilch) waren für mich recht herbe Enttäuschungen - aber ich werde mich ihnen zu gegebener Zeit noch einmal widmen. Vielleicht ändert sich dann meine Meinung.


    LG,
    Flo

    Ich bin jetzt „durch“ mit Gerard Reves Briefwechsel „Mutig voran“ mit Bert und Netty de Groot – natürlich viel Blabla über Auflagen, Werbung, Buchumschläge, Vorschüsse, Royalties. Dazwischen aber auch echte Perlen auf dem Niveau seiner Bücher. Und ein Brief vom 1. August 1987 geht ausführlich ein auf das Werk von seinem Lieblingskonkurrenten Herrie Mulles. Unter anderem ist dort zu lesen (schnell hingeschlampte Rohübersetzung von mir):


    „Das Hauptmerkmal des Werks von Kollege M. [Harry Mulisch, BBF] ist zugleich auch der Schlüssel zu seinem Erfolg: ein zwar geleckter und klischeemäßiger, dabei aber sehr zielgerichteter Sprachgebrauch in dem Sinn, dass die Sprache genauso oberflächlich ist wie das Mitgeteilte. Es geht im Hinblick auf den Erfolg nicht darum, tiefsinniges Werk zu schaffen, nur darum, dass das Werk den Eindruck erweckt, tiefsinnig zu sein. Ein Idiot der M. liest bekommt das Gefühl, ein Gelehrter zu sein der über alles mitreden kann. Alle Türen die von M. aufgestoßen werden stehen schon seit undenklichen Zeiten offen. Auch das Fehlen eines Themas ist ein Vorteil. Bei mir entdeckt der Leser zu seinem Schrecken, wer er selbst ist: ein Kinderschänder, ein Mörder, ein Sadist, usw. Aber wer will das erkennen? Man muss da Lust drauf haben. Ich sage den Menschen, dass sie die ewige Hölle verdienen und dass es sehr zweifelhaft ist, ob uns Gott durch seine Gnade erlöst hat. Mulisch sagt dem Leser, dass er, im Hinblick auf den Imperialismus und die internationalen Konzerne das Recht hat, gleich doppelt betrügerisch Sozialhilfe zu kassieren und dass er verrückt ist, wenn er dann noch seine Miete und die Stromrechnung bezahlt. Zurecht schreibt Kollege W.F. Hermans dass Kollege H.M. Ein Optimist ist. Doch ist das Werk von H.M. Veraltet, weil es leidenden Menschen nichts gibt. Es ist Werk für Menschen, die das Leben „super“ finden.“


    Und so weiter und so fort.


    Winkewinke,
    F