Für mich selbst als Musikhörer sind sowohl Herbert von Karajan als auch Leonard Bernstein weitestgehend irrelevant. Vielleicht sehe ich sie deshalb aus einer etwas anderen Perspektive, aus der ich Herbert „Riefenstahl“ von Karajan gerade wegen seiner hier zu Recht oft kritisierten künstlerischen Eigenschaften eine signifikantere Position in der Kulturgeeschichte beimesse als Leonard „Dionysos“ Bernstein.
Aus dieser – die rein musikalischen Qualitäten konsequent ignorierenden – Sichtweise ist Bernstein „nur“ ein Ausnahme-Vollblutmusiker und Komponist, also (Klischeealarm!) ein neues Modell in der Reihe Wagner-Mahler. Karajan erscheint zwar als „Nurdirigent“ in einer (m.E. Untergeordneten) Kategorie, in ihm kristallisieren sich dafür einige Tendenzen, die nicht nur in der Musikgeschichte große Bedeutung hatten und noch haben. Karajan steht hier für den konsequenten Willen zur Stilisierung, zur Perfektionierung der Natur, zur Selbstüberhöhung, zur Umwidmung der Kunst zur Ersatzreligion des profitmaximierenden Bürgers – mit Kollateralschäden im Bereich der politischen Ideologie und der künstlerischen Entwicklung.
Um das Ganze an einem Beispiel festzumachen: Bernsteins Video-Neunte aus Berlin ist eine subjektiv ekstatische Lesart, wie sie z.B. schon Furtwängler vorgelegt hatte (wenn auch politisch unter umgekehrten Vorzeichen). Karajans 1984er Video-Neunte ist demgegenüber in ihrer starren Inszenierung und auf die Spitze getriebenen Monumental-Sakralisierung der Höhepunkt einer langen, aus meiner Sicht nicht besonders glücklichen Entwicklung.
Der paradigmatische Charakter seines audiovisuellen Spätwerks ergibt sich dabei gerade aus meiner Unterstellung, dieses sei nicht nur Marketing und Eitelkeit, sondern Ausdruck eines ernsthaften künstlerischen Strebens gewesen, das (Aristoteles lässt grüßen) mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln die Natur auf dem Weg zu ihrem Telos ein gutes Stück über die Schwächen des Fleisches hinaustreiben wollte. Dabei gelangen ihm durchaus eindrucksvolle Bild- und Tonsequenzen, das soll hier nicht unter den Tisch fallen. Aber was Karajan uns bietet, ist eben das Kunstwerk als Pontifikalrequiem, der Künstler als (bis zur maschinenhaften Erstarrung) „perfektes“ Sprachrohr der in einem wohllautvollen Ideenreich angesiedelten künstlerischen ewigen Wahrheit, alles glanzvoll zubereitet für die selbstüberhöhende Anbetung durch den philharmonischen Abonnenten und den sich zum meditativen Eingang in die besser Welt sich in sein Heimkino zurückziehenden Heim-Konsumenten. (Ich gebe zu, in diese Richtung durchaus empfänglich zu sein...)
Damit ist Karajan (wie auch in seiner politischen Vergangenheit) nicht nur beispielhaft für einige charakteristische Züge der Nachkriegsgesellschaft, sondern in ihm finden auch Tendenzen ihre (aus meiner Sicht in ihrer Perversität faszinierende) Erfüllung, die in der Kunstgeschichte über lange Zeiträume wirksam waren. In ihm lösen sie sich im eh schon musealisierten und durchritualisierten klassischen Konzertbetrieb am Ende von jeder Entwicklung und werden zu – Gottesdiensten.
Dabei ist schon das Konzept des Künstlers als Sprachrohr des Göttlichen etc. nix Neues, und dieses Sendungsbewusstsein hat so manches große Kunstwerk hervorbringen helfen. Und Ritualisierung und Stilisierung sind auch nicht per se was Böses, sondern eine Lebensnotwendigkeit – nur läuft eben irgendwo eine Grenze...
Aber ich werte schon wieder. Jedenfalls ist Karajan für mich als Laborstudie dieser Entwicklungen immer noch interessanter als Bernstein. Es wäre sicher auch lohnend, dieses aristotelische Element mal durch die Kunstgeschichte zu verfolgen – in meiner Lektüre mache ich das auch; aber zu detaillierten Ausführen reicht's halt noch nicht: vielleicht können ja kundigere Forianer diese Lücke füllen. Ich wär' jedenfalls sehr dankbar!
Aus der kunsthedonistischen Fankurve grüßt
Flo