Beiträge von Barockbassflo

    Ich würde ja liebend gerne, aber von London nach Wien ist halt doch nicht so der allernächste Weg...


    Aber wenn die CD jetzt erhältlich ist kann ich sie ja bestellen und mir dann selbst ein Bild machen - ich bin jedenfalls schon sehr gespannt, denn ich mag die Dritte sehr gerne und fand es eigentlich immer schade, dass sie nicht noch viel länger dauert...


    Zum Thema "Spekulationen" denke ich, dass wir uns da heute eine sehr entspannte Sicht der Dinge leisten können: immerhin macht die CD eine riesige Bandbreite von Versionen möglich, so dass niemand wie zu Schalks und Löwes Zeiten gezwungen ist, sich auf Bearbeitungen zu beschränken. Was kann es da schaden, wenn ein - nach meinem persönlichen Eindruck aus der Zeit meiner Mitwirkung in seinem Orchester - wirklich genialer und von Bruckner besessener Musiker in seiner Nische einen lebendigen Farbtupfer setzt - deswegen wird doch nicht gleich die kritische Bruckner-Gesamtausgabe eingestampft oder die Aufführung der authentischen Bruckner-Fassungen verboten!


    Außerdem war es ja in der Musikgeschichte - und nicht im schlechtesten Teil der Musikgeschichte - zeitweise üblich, Stücke zu bearbeiten und umzumodeln. Ich kann daher nicht verstehen, warum man sich in unserer heutigen, mit einem unermesslichen Angebot gesegneten Zeit über Herrn Marthés künstlerisches Streben ernsthaft erregen kann.


    Ich verdanke ihm jedenfalls sehr viel und bin sehr dankbar für das, was er tut - was nicht ausschließt, dass ich auch z.B. Herrn Cohrs sehr dankbar bin für das, was er tut (den text+kritik Band zum Finale der neunten habe ich jedenfalls mit Begeisterung mehrmals gelesen).


    Es ist eben keine Frage von entweder-oder, glücklicherweise!


    Sowohl-als-auchlerische Grüße,
    Flo

    Für mich (ich besitze daneben noch Aufnahmen dieser Sonate von Backhaus, Kempff, Rubinstein, Gilels und Horowitz) ist die Aufnahme von Ronald Brautigam mein aktueller Favorit:



    Horowitz kommt knapp dahinter ins Ziel - zwar kann sich sein Steinway in Bezug auf den Reichtum des klanglichen Spektrums bei weitem nicht mit Brautigams McNulty nach Walter messen, aber dafür gestaltet er das zweite Thema ruhiger, Brautigam ist mir hier ein wenig zu sehr auf Akzente bedacht.


    Insgesamt kann ich mich aber an der Brautigam-Aufnahme weit intensiver erfreuen als an der oben aufgeführten "Konkurrenz".


    Originalklänglerische Grüße,
    Flo


    Am Wochenende habe ich diese wunderschöne Erasmus-Biographie von Johan Huizinga in einem antiquarisch erworbenem Exemplar der dritten Auflage von 1936 (die letzte vom Autor selbst versorgte) gelesen.


    Im Moment scheint das Buch in deutscher Übersetzung nicht erhältlich zu sein, aber antiquarisch sind auch im Web einige Exemplare auf Deutsch erhältlich.


    Ein hochinteressantes, in typischer Huizinga-Manier in ganz wundervoller, reicher und doch konzentrierter Sprache verfasstes Werk, das seinem Objekt kritisch gegenübersteht ohne dabei das Augenmaß zu verlieren. Ein echter Genuss, er zum Nachdenken über die Rolle des "Intellektuellen" in der Gesellschaft, zur moralischen Verantwortung des Sachkundigen und zur kulturellen Entwicklung Europas anregt - und ich finde, unsere Zeit steht im Vergleich zur Renaissance gar nicht so schlecht da...


    Unabhängig davon ist es schön, in diesem Werk nicht "nur" eine wissenschaftliche Biographie zu finden, sondern zusätzlich ein eigenständiges kleines Kunstwerk auf dem geistigen Niveau seines Protagonisten.


    Für Interessierte lohnt es sich sicher, mal bei zvab.com vorbeizuschaun...


    Flo

    Lieber Herbert,


    ich habe mir 1991 oder '92 die damals gerade herauskommende RCA Gold Seal Toscanini Collection einschließlich der VHS-Kassetten gekauft und das meiste davon auch tatsächlich gehört, vieles mehrfach und immer mit einer gewissen Faszination. Ich habe mir sogar hauptsächlich wegen dieser CDs einen Equalizer gekauft um ihre Schrillheit und Aggressivität zu mäßigen.


    Was mich an ihm fasziniert ist sein konstanter Hochdruck, aber mich überzeugt daran wirklich nur der Wille, nicht das Resultat - eine geniale, stellenweise das Werk illumnierende Karikatur.


    Wobei mir seine Brahms-Symphonien wirklich gefallen, was allerdings nicht für das Doppelkonzert gilt (aber da bin ich durch die Schneiderhan/Starker/Fricsay-Aufnahme wohl für alles andere verdorben).


    Trotzdem studiere ich ihn immer wieder, eben weil er mich wegen seiner Radikalität interessiert - aber wenn ich die Musik hören will wende ich mich anderen Aufnahmen zu...


    Nix für ungut,
    Flo

    Zitat

    Frei nach Lichtenberg ("Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen, und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?") könnte man auch fragen, wie die Relation ist, wenn ein Musikwerk und ein Kopf zusammen stoßen. Bei mir habe ich jedenfalls zuerst immer den Verdacht, es liege an mir


    Lieber alfons,


    diesen Disclaimer hätte ich auch noch vorausschicken sollen - meine volle Zustimmung hierzu!
    Flo

    Auf freundlichen Hinweis setze ich meine Ausführungen zu Toscaninis Traviata-Einspielung von 1946 nun unvermittelt in diesen Toscanini-Thread.


    Die Aufnahme ist meines Wissens wegen der gewählten Tempi sehr umstritten. Es lässt sich auch in der Tat nicht leugnen, dass insbesondere die Protagonistin Licia Albanese bei ihren Koloraturen jenseits der Grenzen ihrer Möglichkeiten getrieben wird. Auch Jan Peerce als Alfredo und der junge Robert Merrill als Germont können sich nie frei entfalten, sondern bleiben eingezwängt in Toscaninis eisern vorwärtsdrängenden Impetus.


    Im Resultat ergibt sich keine "schöne" Aufnahme, dafür eine kompromisslos intensive. Und obwohl ich nicht anstehe, viele Details als "unmusikalisch" zu empfinden berührt mich die Aufnahme insgesamt doch sehr.


    Ich denke, dass der Grund dafür in dem Umstand zu suchen ist, dass Toscanini zwar die Grenzen seiner Musiker überschreitet und dadurch ein nicht besonders frei sich entfaltendes Ergebnis erzielt, das jedoch seinen manischen Ausdruckswillen hinter der verhetzten Fassade spürbar macht - für mich kommuniziert sich nicht sosehr die tatsächliche Aufnahme, sondern vielmehr der dahinerstehende Ausdruckswille.


    Aus diesem Grund möchte ich diese Platte auch auf gar keinen Fall missen.


    A domani,
    Flo

    Zitat

    obwohl ich mir nicht viel aus Mendelssohn mache, gehören drei seiner Werke zu meinen Favoriten: Hebriden-Ouvertüre, die "Schottische", die "Italienische". Eine Erklärung dafür hab ich nicht.


    Tja, Erklärung habe ich leider auch keine - hinsichtlich der Hebriden-Ouvertüre sind wir uns jedenfalls einig, ob nun mit oder ohne Erklärung. Die "Italienische" mag ich auch recht gern (vor allem in der Aufnahme mit Leopold Stokowski 1977), aber sie fällt für mich doch weit zurück hinter die "Reformationssymphonie" (mein Mendelssohn-Favorit) und die "Lobgesang"-Symphonie.


    De gustibus...


    Herzlicher Gruß,
    Flo

    Ich hätte die folgenden heiligen Kühe anzubieten:


    Mahler: Symphonien Nr. 1 und 4
    Mendelssohn: Symphonie Nr. 3 "Schottische"
    Mozart: Zauberflöte
    Richard Strauss: Till Eulenspiegel und Die Frau ohne Schatten
    Schostakowitsch: Symphonien Nr. 5 und 7
    Tschaikowsky: Symphonie Nr. 6
    Wagner: Tristan


    Flo

    Ich würde von Jacobs' Messiah nicht zuviel erwarten: das Konzert in Freiburg auf dem diese Aufnahme basiert war sehr unausgeglichen: die Männer waren in Ordnung, aber nicht außergewöhnlich (auch Zazzo war weniger eindrucksvoll als z.B. beim Saul), die Frauen übergehe ich mit taktvollem Schweigen, dafür waren der Chor und das Orchester geradezu ideal. Vor allem der Chor war atemberaubend.


    Aber ich bezweifle stark, dass HM genügend in der Trickkiste hat um die Damen auf das Niveau des Chores zu heben.


    Ich war nach dem Konzert jedenfalls sehr enttäuscht dass so eine wunderbare Chor- und Orchesterleistung durch problematische Solisten beeinträchtigt wurde.


    Gespannt bin ich natürlich trotzdem.


    Herzlich,
    Flo

    Lieber Alfred,


    ja, zu auflösungsstarkes Equipment kann üble Folgen haben - die Anschaffung eines ARCAM CD 192 und eines elektrostatischen STAX Kopfhörers haben jedenfalls mehrere hundert meiner CDs unerträglich gemacht - zum Teil aus aufnahmetechnischen Gründen, zum Teil aber auch deswegen, weil die Defizite der musikalischen Leistungen viel deutlicher Herauskommen - es ist schon erschütternd, wie schlecht die Intonation bei den Wiener und Berliner Philharmonikern bis in die 80er Jahre sein konnte.


    Auf der anderen Seite können wirklich gute Aufnahmen ihren Wert auf hochauflösendem Gerät so richtig entfalten: gerade das hochkomplexe Obertonspektrum alter Instrumente kommt eigentlich nur auf solchem Gerät richtig heraus.


    Mittlerweile wechsle ich zwischen verschiedenen Qualitätsstufen für die Wiedergabe je nach Qualität der Aufnahme - Tintners Bruckner bei NAXOS klingt jedenfalls mit meinen 20 EUR Philips Kopfhörern am besten, weil die den Klang fast LP-haft ins Warme verfärben und die feineren Details gnädig zudecken.


    Und Furtwänglers Aufnahmen klingen eigentlich dann am besten, wenn ich den CD-Spieler an ein altes Röhrenradio anschließe...


    Aber es bleibt schon erstaunlich, wieviel es mit hochauflösenden Kopfhöhrern an einem guten CD-Player auf einmal bei altbekannten Aufnahmen zu entdecken gibt - ich hoffe nur, dass die positiven Erfahrungen überwiegen!


    Herzlich,
    Flo

    Mir fällt die Antwort auf diese Frage ebenfalls nicht schwer:


    Ronald Brautigam.


    Erst vor kurzem ist die dritte Folge in seinem im Entstehen begriffenen Beethoven-Zyklus bei BIS erschienen, womit die Sonaten 1 - 11 sowie 19 und 20 vorliegen. Er verwendet dabei ein Fortepiano von Paul McNulty nach Walter & Sohn ca. 1802, dem die Aufnahmetechnik auch die volle Entfaltung seines Klangreichtums ermöglicht.


    Und der ist in Worten kaum zu beschreiben - ich kann jedenfalls die jeweils nächste Folge kaum erwarten um mich daran zu ergötzen. Allein der nachtschwarze, knorrige und volle Bass dieses Instruments ist eine Offenbarung - die Oktavtremoli im Kopfsatz der Pathétique kommen so erst so richtig zu Geltung und voller dramatischer Entfaltung. Auch die großen klanglichen Unterschiede zwischen den Registern und den verschiedenen dynamsichen Graden machen das Hörerlebnis erheblich reicher und differenzierter als bei einem modernen Flügel, der im direkten Vergleich geradezu steril anmutet.


    Und der klanglichen Wunder sind viel mehr als nur ein knorriger Beethoven'scher Schicksalsbass - das reiche Obertonspektrum jeweils beim Anschlag eines Tons ist auch für eine Fülle magischer Momente gut - viele Albertibässe und Arpeggien verwandeln sich dadurch in eine schimmernde Klangwolke auf der die Obertonspitzen der Anschläge wie glitzernde Schaumkronen vorbeischweben.


    Ein pianissimo wird dadurch zu einem wirklichen Flüstern - das Anschlagsgeräusch sorgt für den wispernden Charakter.


    Hinzu kommt, dass Ronald Brautigam auch Musiker genug ist, um diese reiche Palette voll auszuschöpfen ohne in Effekthaschereien oder Maniriertheiten abzugleiten. Er spielt einen Beethoven zügiger, aber frei und organisch mit dem Melos fluktuierender Tempi, artikuliert seinen Vortrag äußerst beredt, kann lange Bögen gestalten und ist in den stillen Momenten genauso gewachsen wie donnernden Fortes oder bukolischer Heiterkeit. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Beethoven selbst so gespielt haben könnte (was ich mir zB bei dem von mir sehr hoch verehrten Wilhelm Kempff nicht denken kann).


    Auch die neue Folge bestätigt diesen Höreindruck und ich kann nur hoffen, dass er seinen Zyklus bald abschließen wird.


    Herzlich,
    Flo

    Ich würde in diesem Zusammenhang gerne die geneigten Leser auf ein echtes Schnäppchen aufmerksam machen: die Gesamteinspielung der Nocturnes bei Brilliant Classics mit Bart van Oort auf einem herrlichen Pleyel (aus den 1840er Jahren IIRC), der klanglich den 1836er Pleyel auf Michèle Boegners Einspielung weit in den Schatten stellt.


    Ein unglaublich weicher, dunkler, subtiler und differenzierter Klavierklang: je leiser, desto voller und das Forte wird nicht heller oder metallischer als das Piano, was sehr gut zum Charakter dieser Stücke passt.


    Zur Interpretation kann ich nicht viel sagen, da ich kein Chopin-Kenner bin. Aber schon das Klangerlebnis als solches ist die paar Euros für die zwei Brilliant CDs ganz sicher wert!


    Und es würde mich natürlich brennendst interessieren, was die forumseigenen Chopinkenner zu dieser Einspielung zu sagen haben - ich ziehe sie jedenfalls Rubinstein um Längen vor.


    HG,
    Flo

    @ Norbert:


    Diese Aufnahme der II. Mahler gibt es in der RCA "Stokowski Stereo Collection" - und das Alter stimmt auch, denn sie entstand 1974.


    Ich habe diese Aufnahme schon länger nicht mehr gehört, muss aber sagen, dass sie mir im Gegensatz zur herrschenden Meinung nicht übermäßig gefällt. Obwohl ich im Grunde ein großer Stokowski-Verehrer bin - aber es gibt immer wieder Intonationsprobleme, auch die dynamische Disziplin lässt zu wünschen übrig und insgesamt wirkt das Stück sehr statisch - aber wie gesagt, die Mehrheit der Stokowski-Fans betet diese Aufnahme an - ich bevorzuge dann doch die IV. Mendelssohn die er als 95jähriger aufgenommen hat oder seine Eroica von 1974, die ich für eine der gelungensten Einspielungen dieses Werks überhaupt halte.


    Und natürlich sein Debussy und Ravel.


    In der EMI-Serie "Classical Archives" gibt es überdies eine faszinierende DVD mit Beethoven V und Schubert 8 von 1969 und Wagner Meisersinger-Vorspiel und Debussy Prelude von 1972, demselben Konzert aus dem auch die umwerfende CALA-CD mit der I. Brahms kommt, die für mich den Gipfelpunkt der Stokowski-Schwelgerei darstellt.


    HG,
    Flo

    Zitat

    Im übrigen: Die geliebten Stücke nutzen sich für mich nicht ab, wenn ich sie immer wieder mit anderen Akzentuierungen hören kann. Das ist ein Reichtum, eine Fülle, die man genießen kann.


    Eine Aussage, die sich zum Einstieg in dieses Forum geradzu anbietet, so dass ich zunächst hier ein Häufchen fallenlassen will bevor ich dann brav meinen Beitrag zum Vorstellungsthread verfassen werde.


    Ich kann nur voll beipflichten.


    Es ist immer wieder verblüffend für mich, wie "anders" Stücke in verschiedenen Interpretationen klingen können - ich hielt z.B. den langsamen Satz von Beethovens dritter Violinsonate solange für ein ziemlich wenig bemerkenswertes Stück bis mich dann Hilary Hahn in einem Münchener Sonatenabend in geradezu schockierender Weise eines Besseren belehrt hat und mir die Ohren öffnete für die brucknersche Tiefe dieses so bescheiden anmutenden Satzes.


    Ähnliches gilt für die Einspielung des vierten und fünften Beethoven'schen Klavierkonzerts durch Herrn Schoonderwoerd und das Ensemble Cristofori - Stücke die ich seit ich denken kann immer und immer und immer wieder gehört habe und doch kaum wiedererkenne, so sehr blitzen und funkeln die Reflexe dieser neuen Drehung des Brillanten, ganz im Sinne Schubert/Bruchmanns "wenn der Mensch zum See geworden/ in der Seele Wogenspiele/ fallen aus des Himmels Pforten/ Sterne ach gar viele, viele".


    Gut, kein dichterisches Meisterwerk, aber treffend und von Schubert in eines der anrührendsten und beseligendsten Lieder verwandelt die ich kenne.


    Oder die Einspielung der Vierten Bruckner unter Herreweghe: eine Offenbarung an klanglicher Subtilität, Reichtum der Schattierungen, Ausgewogenheit des Ensembleklanges und ein Bruckner ganz ohne strahlenden Blechbläserglanz, dafür warm, rund und reich.


    Schon der erste Celloton im langsamen Satz wird da zum Ereignis - seitdem höre ich nicht nur dieses Stück mit anderen Ohren.


    Womit ich mich erstmal zum Schreiben meiner Selbstvorstellung zurückziehe.


    Melodienselige Grüße,
    Flo