Beiträge von Holger Sambale

    Seit dem RBB-Skandal scheint die private Nutzung des Mitschnittdienstes des DRA, der an die RBB Media GmbH ausgelagert ist, faktisch unmöglich zu sein. Gab es früher bei Rechercheanfragen meist binnen einer Woche eine (oft sehr detaillierte) Antwort, werden Mails seit Jahresanfang 2023 schlichtweg nicht mehr beantwortet. Ich habe es noch ein paar Mal versucht, irgendwann aber entnervt aufgegeben. Schon in der jetzigen Form ist das DRA insofern Geschichte. Es wurden Prioritäten gesetzt. Hauptsache, die Gehälter in der Führungsetage des ÖRR steigen. Die Allgemeinheit kann schauen, wo sie bleibt. Medial behandelt wird das in keiner Weise, es scheint aber auch fast niemanden zu interessieren.

    Wenn das so bleibt, ist es ein enormer Verlust. Ich habe mich dort mit etlichen Raritäten eingedeckt, die aller Voraussicht nach nie (oder zumindest kaum einmal) auf CD erscheinen werden, und so etliches entdeckt, das mir sehr wertvoll ist. Da geht eine wahre Fundgrube verloren.

    Zunächst einmal vielen Dank für die Willkommensgrüße! Ja, es ist lange her, dass ich hier aktiv war...


    Mir gehen bei der Jablonski-Aufnahme von Əmirovs Muğamen zu viele Details verloren, zu viel an Atmosphäre und Stimmungen. Eigentlich hat diese Musik ja auch ihre poetischen, lyrischen, quasi-improvisatorischen Seiten, und die vermisse in der Naxos-Aufnahme. Der Schluss des dritten Muğams z.B. ist eigentlich von einer wundervollen Abendstimmung durchzogen, vor einem leisen, langen h-moll-Sextakkord im Orchester und pochenden Schlagzeugrhythmen hallen Fragmente der Muğam-Thematik nach. Solche Szenen etwa kommen mir in der Naxos-Einspielung zu kurz.


    Zu Qarayev: es gibt sogar noch eine weitere neuere Einspielung von Orchestermusik Qarayevs, und zwar bei Chandos. Kirill Karabyz dirigiert das Bournemouth Symphony Orchestra:



    Was Einspielungen von Qarayevs Ballettsuiten anbelangt, sind wir also gar nicht so schlecht bestückt. Bei Qarayevs späteren Werken, die allerdings auch deutlich herber sind, und komischerweise gerade seinen Sinfonien sah das lange Zeit anders aus. Insofern sind hier die neuen Naxos-CDs sehr willkommen.


    Qarayevs Sinfonie Nr. 2 C-Dur (1946) ist übrigens nach ihrer Uraufführung im Jahre 1946 für Jahrzehnte in der Schublade verschwunden und erst vor zwei Jahren anlässlich Qarayevs 98. Geburtstag erneut aufgeführt worden. Das kann man sich bei YouTube anhören (zusammen mit einer Orchestrierung eines frühen Klavierstücks Qarayevs durch seinen Sohn Fərəc, Jg. 1943):



    Die Sinfonie startet ziemlich genau bei 9:00, es spielt das Staatliche Sinfonieorchester Aserbaidschans unter Leitung von Rauf Abdullayev.

    Kara Karayev war für Aserbaidschan das, was Khatchathurian für Armenien und Andrej Eshpai für die Mari-Republik war, so eine Art Nationalkomponist. Studiert hat er erst in Baku, später dann auch in Moskau bei Schostakowitsch. Die gerade bei Naxos erschienene 1. Symphonie entstand 1943 noch vor dieser Lehrzeit beim großen Meister. Trotzdem ist dessen Einfluß bei den bewegteren Passagen nicht zu überhören, genauso wenig wie Einflüsse von Prokofieff. Die zweisätzige Symphonie wirkt auf mich auch weniger wie eine Symphonie, denn wie eine Ballett-Suite. Sehr farbig orchestriert, teils kräftig zulangend, in den lyrischen Passagen mit berückenden Momenten, insgesamt ein sicher etwas unausgegorenes Werk eines 25-Jährigen, aber sehr gut anhörbar und interessanter als so einiges, was ich in den letzten Tagen an Symphonischem gehört habe. Das Orchester aus Kiev besteht aus durchgängig jungen Musikern und spielt dementsprechend höchstmotiviert. Bin gespannt auf weitere Werke des Komponisten.


    Schön, dass du diese CD ebenfalls gekauft hast! Beide Werke befinden sich in älteren Aufnahmen (die Sinfonie als LP-Transfer) schon länger in meiner Sammlung, aber natürlich habe ich mich über diese Neuerscheinung sehr gefreut und sie mir auch umgehend gekauft. Ja, Qarayevs Erste (in Aserbaidschan schreibt man seinen Namen Qara Qarayev) ist teilweise noch etwas uneinheitlich und speziell im zweiten Satz manchmal ein wenig episodisch, enthält aber zahlreiche sehr schöne Stellen und ist insgesamt sehr hörenswert. Sie trägt übrigens die Widmung "Dem Andenken der Helden des Großen Vaterländischen Krieges", ein deutlicher Verweis auf ihr Entstehungsjahr 1943. Es handelt sich, wenn ich mich gerade recht entsinne, um die erste Sinfonie eines aserbaidschanischen Komponisten überhaupt. In Qarayevs Schaffen ist nach 1960 ein deutlicher Wandel spürbar, wie man etwa im Violinkonzert (und auch in der Dritten Sinfonie, die ebenfalls bei Naxos erhältlich ist) hören kann. Qarayev verwendet hier Zwölftontechnik, ohne ganz auf tonale Bezüge zu verzichten. Ich finde das (recht kompakte) Violinkonzert sehr gelungen, vom eher lyrisch-versponnenen Kopfsatz bin hin zum Finale, das eine Art grotesken Marsch darstellt.


    Was aserbaidschanische (National-) Komponisten anbelangt, wäre sicherlich noch der etwa gleichaltrige Fikrət Əmirov (1922–1984) zu nennen, der sich stärker als Qarayev direkt an aserbaidschanischer Folklore orientiert. Seine sinfonischen Muğamen (in Anlehnung an Formen traditionellen aserbaidschanischen Musizierens benannt) sind wiederum bei Naxos erschienen, wobei ich die alten, leider längst vergriffenen Olympia-CDs mit diesen Werken bevorzuge. Əmirov hat insgesamt eher in freieren Formen und weniger in den klassischen Gattungen komponiert (es gibt allerdings auch eine Sinfonie für Streichorchester sowie ein Klavierkonzert von ihm – erneut Naxos).


    Hier noch kurz die Links auf einige der CDs, auf die ich mich oben bezog:





    Hallo Wolfgang,


    ja, mit "meiner" Aufnahme meinte ich, dass es sich um genau die Einspielung handelt, die ich auf LP habe. So weit ich weiß, hat Hastedt das Werk auch noch in einer anderen Einspielung im Katalog:



    (sehe gerade, dass van Rossum in der Zwischenzeit diese Aufnahme ebenfalls erwähnt hat)


    Bisher kenne ich von Rosenfeld nur das Violinkonzert Nr. 1 und das Violoncellokonzert, das ich mir allerdings bei Gelegenheit mal genauer anhören müsste.


    Viele Grüße
    Holger

    Zitat

    Original von WolfgangZ
    3. Gerhard Rosenfeld (*1931) Nr. 1 (1963) - Kennt das jemand außer van Rossum?


    Hallo Wolfgang,


    ja, ich - und ich kann deine Wertung absolut nachvollziehen: ein tolles Werk voller Spannung und Energie bei gemäßigt moderner Tonsprache. Absolut mitreißende Musik! Der Orchesterklang ist sehr herb und scharf konturiert, die Bläser stehen oftmals im Vordergrund. Ich denke, dass Schostakowitschs Einfluss nicht zu leugnen ist, was aber nicht schlimm ist. Habe es derzeit nur auf LP, aber ich gedenke schon seit längerer Zeit, mir auch mal eine "moderne" Version auf CD zuzulegen, etwa diese hier (im Übrigen genau "meine" Einspielung und sehr günstig):



    Viele Grüße
    Holger

    Hallo Roman,


    schön, dass du einen Thread über Saygun begonnen hast - war auch schon mal so eine Idee von mir, aber nicht realisiert. Ich habe vor einiger Zeit hier mal ein paar Zeilen über diesen Komponisten veröffentlicht, die ich hier sinngemäß noch mal aufgreife.


    Meine Erstbekanntschaft mit Saygun waren seine Sinfonien Nr. 1&2, aber irgendwie ist damals der Funke noch nicht so recht übergesprungen. Das hat sich schlagartig geändert, als ich in einer Rundfunksendung des WDR das von Michael erwähnte Klavierkonzert Nr. 1 kennengelernt habe. Dieses Werk ist ungemein effektvoll und eignet sich zum Kennenlernen von Saygun hervorragend. Bereits der pulsierende Anfang lässt aufhorchen, und wenn der Schlusssatz auch vielleicht etwas kurz geraten sein mag (was ihm zuweilen vorgeworfen wird), so ist dieser Temperamentsausbruch doch ungemein wirkungsvoll. Ich persönlich finde ihn jedenfalls absolut mitreißend. Die von Michael aufgeführte Aufnahme kenne ich übrigens leider (immer noch) nicht, wobei mich allein schon Erkins Sinfonischer Satz sehr interessieren würde. Ich hoffe, sie läuft mir mal bei Ebay über den Weg.


    Mittlerweile habe ich alles, was CPO von Saygun veröffentlich hat. Eine spezielles Faible habe ich für die Spätwerke, u.a. das Klavierkonzert Nr. 2 und die Sinfonie Nr. 5, Werke aus den Jahren 1984/85. Eine meines Erachtens bedenkenswerte Aussage aus den Booklettexten ist, dass in Sayguns Spätwerk Konflikte nicht mehr im Sinne einer Lösung oder zumindest des Versuchs, eine Lösung herbeizuführen, betrachtet werden, sondern unversöhnlich nebeneinander stehen. Die Musik lebt von einer stetigen Spannung, in jedem Moment kann die Stimmung umschlagen (man beachte etwa den langsamen Satz der Fünften Sinfonie!). Das Resultat klingt ziemlich schroff, aber irgendwie ist es schon sehr faszinierend, dieses "Hin- und Hergeworfensein", fast ein Gefühl, dem Leben ausgeliefert zu sein. Das hat ein wenig eine philosophische Dimension, die mir persönlich gefällt.


    Gerade auch der Schluss der Fünften Sinfonie ist dafür sehr bezeichnend: aus einem wilden Getümmel heraus wird die Musik plötzlich binnen Sekunden viel ruhiger, und am Schluss bleibt nur ein e-moll-Akkord in den Hörnern liegen, wie aus weiter Ferne, sicherlich ein Bild der Einsamkeit. Das Zweite Klavierkonzert ruft ähnlich eindrucksvolle musikalische Bilder hervor. Ich zitiere mal Gülsin Onay: "Das zweite Klavierkonzert, das mir gewidmet ist, ist wie eine tiefe und starke Elegie. Saygun hat hier mit äußerst kräftigen orchestralen Mitteln die reichen anatolischen Volksmotive zur Geltung gebracht. Es erscheint mir wie ein Denkmal im Angesicht des Todes: Die Suche nach Erfüllung wird unter der Last der Erdenschwere zur ewigen Ruhe und zu innerem Frieden geführt."


    Ich würde durchaus behaupten wollen, dass Saygun in diesen Werken eine unverwechselbare Stimme hervorgebracht hat, jedenfalls wüsste ich keinen Komponisten, dem diese Musik nun besonders stark ähneln sollte. Sehr ausdrucksstarke, dunkel timbrierte Musik, voller Kraft und Trotz. Was ich auch noch bemerken möchte: wer bei Saygun Postkartenansichten von der Türkei und Klischees sucht, wird enttäuscht werden. Das ist keine Musik, die den gängigen Stereotypen entspricht, und auch, wenn Saygun Folklore einsetzt, dann nicht dekorativ. Seine Musik ist bemerkenswert dunkel und konflikthaft, wie ich bereits andeutete.


    Nun noch ein Wort zu den Türkischen Fünf: abgesehen von Ferid Alnar habe ich von all diesen Komponisten zumindest ein paar Werke in meiner Sammlung. Natürlich ist Saygun ein toller Komponist, der von Michael erwähnte Erkin jedoch ebenfalls (gerade habe ich sein Klavierquintett kennengelernt), und Akses hat zumindest ein faszinierendes Violinkonzert komponiert (andere Werke von ihm sind vielleicht etwas schwächer). Letzten Endes denke ich, dass man auf Kategorisierungen wie "der beste", "der bedeutendste Komponist" etc. ruhigen Gewissens verzichten kann. Mich interessiert so etwas nicht besonders.


    Übrigens hat Hungaroton früher eine ganze Reihe interessanter Aufnahmen türkischer Musik im Sortiment gehabt, die leider, leider heute sehr schwer zu bekommen sind. Sayguns Oratorium "Yunus Emre" war z.B. auch dabei; habe mittlerweile über's Internet eine MP3-Version dieser CD erlangen können; allein schon wegen der niedrigen Bitrate würde ich eine CD aber um Längen vorziehen - wenn sie denn irgendwie erhältlich wäre...


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    bei mir läuft:


    Reinhard Schwarz-Schilling (1904-1985)
    Sinfonie in C (1963)
    Radio-Sinfonie-Orchester Berlin / Reinhard Schwarz-Schilling


    Das Werk ist kürzlich auch bei Naxos herausgekommen, jene Aufnahme liegt mir aber nicht vor. Wie auch immer, dies ist mein Erstkontakt mit Schwarz-Schillings Musik, und sie gefällt mir außerordentlich gut. Sehr gekonnte, eher herbe Musik, die frisch und eigenständig klingt. Nicht ganz einfach in Worte zu fassen! Macht entschieden Lust auf mehr (ich habe noch ein paar Aufnahmen vor mir, u.a. das Violinkonzert und eine Partita für Orchester).


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    bei mir Musik aus Rumänien:


    Pascal Bentoiu (* 1927)
    Sinfonie Nr. 5 op. 26 (1978 )
    Rumänisches Rundfunk-Sinfonieorchester / Paul Popescu


    Eines der interessantesten Werke, die ich in letzter Zeit kennen gelernt habe. Die MGG geht in ihrem Bentoiu-Artikel kurz auf diese Sinfonie ein und schreibt, die Sinfonie durchschreite "die ganze Musikgeschichte von altertümlichen Volks- und Kirchentraditionen bis hin zur Serialität in einer Art kontinuierlicher stilistischer Metamorphose". Diese Beschreibung ist beachtenswert, birgt allerdings das Problem, dass man denken könnte, man habe es mit einer Art Pasticcio zu tun - was definitiv nicht der Fall ist. Vielmehr wird ein anfänglich vorgestelltes, archaisches Thema in der Oboe (zunächst nur von einem Orgelpunkt auf a begleitet) immer weiter verwandelt, Gegenstimmen kommen hinzu, die Instrumentierung wird üppiger (nach etwa einer Viertelstunde setzt sogar eine Orgel ein). Dabei wird auch die Tonsprache immer avancierter, insofern ist der "Gang durch die Musikgeschichte" eben zutreffend (man findet aber keine platten Imitationen von Barockmusik oder dergleichen, höchstens gewisse Anklänge!). Am Ende der einsätzigen, knapp 23-minütigen Sinfonie ist dann sozusagen die Jetztzeit erreicht, und letztlich bleibt aus dem Klanggetümmel nur ein tiefes a liegen - der Kreis schließt sich. Besonders hervorzuheben ist, dass die Sinfonie trotz allem sehr homogen und in sich geschlossen wirkt. Fantastisches Stück!


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    bei mir läuft gerade:


    Bjambasuren Scharaw (* 1952)
    Sinfonie Nr. 2 mit Chor (1987)
    Akademische Lyssenko-Kapelle / Staatliches Philharmonisches Orchester Litauens / Gintaras Rinkevicius


    Das Stück höre ich in letzter Zeit ziemlich oft. Mongolische Sinfonik, mir war der Komponist vorher völlig unbekannt. Der Chor erfüllt hier eher koloristische Aufgaben, wird als Klangfarbe eingesetzt (wie übrigens auch diverse wilde Schlagzeuggewitter). Überhaupt ist das gut 20-minütige Werk ausgesprochen farbig und wartet mit kräftigem Nationalkolorit auf. Quasi improvisatorische Passagen, Pentatonik, von Quintparallelen geprägte Harmonik erzeugen eine sehr spezielle Stimmung. Meiner Meinung nach besticht die Sinfonie durch ihre atmosphärische Dichte. Kein besonders modernes Werk, das ich klar in der Tradition sowjetischer Sinfonik sehen würde. Mir gefällt's.


    Viele Grüße
    Holger


    P. S.
    Hallo Wulf, Alan Bush ist mir auch ein Begriff - ich kenne seine Sinfonien Nr. 1&2, von denen die erste bei weiterem das schwierigere, avanciertere Werk ist. Die Zweite heißt "Nottingham Symphony" und bietet einige schöne Naturschilderungen. Bushs Violinkonzert kenne ich nicht; er muss auch ein monumentales Klavierkonzert mit einem politisch inspirierten Schlusschor komponiert haben. Eventuell werde ich in einiger Zeit eine Aufnahme davon erhalten.

    Hallo Gurnemanz,


    ich hab's ja oben schon angedeutet:


    Ich werde mich, da offenbar Interesse besteht, in den nächsten Tagen / Wochen mal wieder etwas intensiver mit Weinberg auseinandersetzen und dann einen dementsprechenden Beitrag verfassen bzw. wohl sogar einen eignenen Weinberg-Thread eröffnen. Dazu möchte ich aber erst in diverse Werke hereingehört haben und nicht (so wie oben) alles aus dem Gedächtnis schreiben. Das, was ich oben geschrieben habe, kann ich mehr oder minder ad hoc extemporieren, es ist deswegen aber noch lange kein herausragender Beitrag, wie ich finde - dazu müsste alles schon noch etwas exakter und stringenter argumentiert sein. In dieser Hinsicht bin ich mit mir selbst in den letzten Jahren sowieso recht streng geworden. Dies auszuführen, würde meinen Beitrag hier allerdings erheblich sprengen.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo Wulf,


    naja, ich glaube, ich berichte an anderer Stelle bei Gelegenheit mal etwas ausführlicher über Weinberg, das war jetzt wirklich nur das, was mir spontan eingefallen ist (sollte eigentlich auch gar nicht so lang werden)!


    Ich habe sowieso vor, über diverse Komponisten mal ein bisschen mehr zu schreiben - Weinberg, Tischtschenko, Boris Tschaikowski usw. Mal schauen, wann ich dazu komme!


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo Wulf, hallo Gurnemanz,


    naja, zu Weinberg kann ich auch einiges beitragen (ich würde in diesem Fall nachdrücklich dazu raten, seinen Namen auf diese Art und Weise zu schreiben - schließlich war er gebürtiger Pole, und schrieb sich dort Weinberg; "Vainberg" ist die englische Transkription der kyrillischen Umschrift, also quasi einmal im Kreis gedreht und dabei nicht an den Ursprung zurückgekehrt, oder so ähnlich...).


    Eigentlich müsste ich jetzt sehr viel mehr schreiben, das mache ich demnächst mal (ich kenne fast alles, was es von Weinberg mal im Handel gab, und so wenig ist das gar nicht). Ein kurzer Abriss seines Schaffens soll erst mal genügen: er begann eigentlich alles andere als traditionell, die ersten Werke sind kaum tonal zu nennen (oder vielleicht gerade so). Nach der Flucht in die Sowjetunion (Weinberg war polnischer Jude - seine Familie wurde von den Nationalsozialisten ermordet) änderte sich dies aber schlagartig, und die Werke aus den 1940ern, 1950ern und frühen 1960ern sind genau diejenigen, die Schostakowitsch wohl am nächsten stehen, und hier ist auch der von Wulf genannte lyrische Tonfall zu vernehmen (Cellokonzert ist ein Paradebeispiel).


    In den 1960ern öffnete er sich dann aber deutlich moderneren Einflüssen: man findet Experimente mit Dodekaphonie und Aleatorik, aber in einem traditionellen Rahmen. Weinberg ist mal als konservativer Modernist bezeichnet worden - wahrscheinlich bezieht sich das auf diese Werke. Das Zwölfte Streichquartett ist z. B. im Wesentlichen zwölftönig, so weit ich weiß. Die meisten Werke gehen aber letztlich nicht so weit. Hervorzuheben ist z. B. die Sinfonie Nr. 12, dem Andenken Schostakowitschs gewidmet - ein sehr ernsthaftes Werk. Sehr beeindruckend hier der Schluss, wenn die Musik auf ein vielleicht etwas lichteres, erschöpftes Ende in D-Dur hinzusteuern scheint, um letztlich mit drei regelrecht herausgehauenen tiefen C's zu enden - ein sehr düsterer, katastrophischer Schluss.


    Das von Wulf angesprochene versöhnliche Element findet man nun nicht mehr grundsätzlich; zum Beispiel ist das Streichquartett Nr. 16 (zum Andenken an seine Schwester, die wie erwähnt im 3. Reich ermordet wurde, komponiert) ein erschütterndes Werk, gerade das trostlose, unglaublich resignative und depressive Ende. Weinbergs Werke dieser Zeit haben mit Schostakowitsch längst nicht mehr so viel zu tun, die Musik ist im Vergleich zu früheren Werken auch viel schwieriger zu erfassen, längst nicht mehr so unmittelbar zugänglich - abstrakter, komplexer.


    Ich glaube, man darf seine Sinfonien Nr. 17-19 als sein Opus Summum betrachten. Sie bilden eine Trilogie "An der Schwelle des Krieges". Alle drei Sinfonien tragen Titel. Sinfonie Nr. 17 heißt "Erinnerung", ein bedrückendes Werk, das in kreischenden Dissonanzen und dumpfen Schlägen kulminiert. Die Achtzehnte, "Krieg, kein Wort ist grausamer" ist für Chor und Orchester geschrieben. Vier Sätze, davon drei mit Chor, schildern die Tragödie des Kriegs. Der erste Choreinsatz "Sie begruben ihn in der Erde" ist ausgezeichnet, eine Begräbnisszene. Der letzte Satz ist der kürzeste und für Chor a cappella komponiert: "Krieg, kein Wort ist grausamer", also der Titel der Sinfonie, ein dunkler, lichtloser Abgesang. Die Sinfonie Nr. 19 ist ganz anders geartet: sie ist mit "Der strahlende Mai" betitelt, natürlich ein Hinweis auf das Ende des 2. Weltkriegs. Für mich persönlich ist der Schluss dieser (eigentlich viel positiveren) Sinfonie eine der bewegendsten Stellen in Weinbergs Oeuvre überhaupt: die Musik hat hier ihren Frieden gefunden, leise erklingt eine Art Hirtenflöte, und mit einem E-Dur-Akkord in sehr weiter Lage verdämmert die Musik in der Stille. Dieser (wirklich sehr versöhnliche und hoffnungsvolle) Schluss hat nach den vorangegangen Schrecknissen eine unglaubliche Wirkung.


    Offenbar hat Weinberg damit gesagt, was er sagen wollte - seine nach dieser Sinfonie entstandenen Werke, unter anderem vier Kammersinfonien, sind nämlich ganz anders geraten: neoklassizistisch, ja teilweise wirklich heiter, viel unkomplizierter und völlig tonal. Vielleicht ist die Komposition jener sinfonischen Trilogie ja eine Art persönliche Befreiung für ihn gewesen.


    So viel erst mal zum Thema Weinberg.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo!


    Agon, ich danke dir für den Link - eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, die Internetseite der Jungen Welt, einer Zeitung, die ich durchaus interessant finde, auf einen Nachruf hin zu überprüfen, bin aber irgendwie davon abgekommen. Von daher ist es schön, dass du auf diesen Artikel abseits der gängigen Nachrufe hinweist.


    Allerdings enthält er zumindest ein sachliches Defizit: die Mendelssohn-Variationen sind nämlich keinesfalls in den 1980ern, sondern bereits 1971/72 entstanden. Damit verschiebt sich die Aussage über einen stilistischen Umbruch auch etwas. Ich mache mir über eine etwaige Kategorisierung von Kochans Ouevre schon länger Gedanken und finde diese Aufgabe nicht so einfach, wie es zunächst scheinen mag. Vielleicht ist eine Einteilung gemäß Jahrzehnten hilfreich.


    Ein paar persönliche Anmerkungen möchte ich mir noch erlauben.


    Die Mendelssohn-Variationen sind das letzte Werk Kochans, das ich vor seinem Tod gehört habe - und zwar in genau der Woche, in der er auch verstorben ist. Gestern habe ich sie noch einmal gehört, in der Tat ein fantastisches Werk.


    Die Edition von Berlin Classics habe ich natürlich auch, und Kochans Zweite Sinfonie ist in der Tat ganz vorzüglich. Wagner-Régenys Einleitung und Ode ist ein Werk, das ich ebenfalls sehr gerne mag (und dementsprechend oft höre).


    Mit Kochans politischen Ansichten habe ich persönlich nicht das geringste Problem.


    Viele Grüße
    Holger


    Hallo calaf,


    das geht mir ähnlich. Wenn die Musik wenigstens einigermaßen inspiriert wäre... Naja, habe derzeit keine Zeit, mich im entsprechenden Thread zu äußern, aber ich werde das demnächst schon noch tun. Bin ehrlich gesagt alles andere als ein Anhänger Schmidt-Kowalskis.


    Ich habe gerade hingegen was wirklich Interessantes gehört:


    Johann Cilensek
    1913-1998
    Konzertstück für Trompete und Orchester (1987)
    Uwe Komischke, Trompete / Flämisches RSO / Hans Rotman


    Beinahe wäre mir diese CD (Label: kreuzberg records) entgangen, jpc hat sie vor kurzem aus dem Angebot gestrichen. Auch beim Verlag war nichts mehr zu machen, aber zum Glück gibt's ja auch noch Ebay... Allein schon wegen des Konzertstücks für Trompete (ebenfalls enthalten: Sinfonietta und langsamer Satz aus der 2. Sinfonie) eine sehr lohnenswerte Anschaffung.


    Cilensek wählt eine viersätzige Form, in der alle Sätze mehr oder weniger ineinander übergehen. Das ist im Grunde genommen keine tonale Musik (wenngleich tonale Anklänge durchaus auftreten können), was aber gar nichts ausmacht. Die Musik ist mal philosophisch und nachdenklich (etwa im ersten Satz, einer Art erweiterten Solokadenz), mal vital und kraftvoll - so etwa kurz vor Schluss, wenn sich die Motive zu einem Hymnus verdichten. Besonders interessant finde ich im gesamten Stück den Einsatz des Schlagzeugs: statt bloßer Rhythmik sorgt es für vielfältige Klangfarben und trägt entscheidend zur spezifischen Atmosphäre dieser Komposition bei. Und die Trompetenstimme ist ohnehin bemerkenswert vielgestaltig und differenziert.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    ohne Platzierung, das geht einfach nicht:


    Nikolai Mjaskowski (1881-1950): "Alastor", Sinfonische Dichtung nach Shelley op. 14 (1912/13) - habe ich erst kürzlich kennen gelernt, faszinierend durch die drückend-düstere Atmosphäre
    Ludolf Nielsen (1876-1939): "Hjortholm", Tonbild op. 53 (1923) - Beschwörung einer mittelalterlichen Burg mit archaischen Wendungen
    Andrei Petrow (1930-2006): "Der Meister und Margarita", Sinfonische Fantasie nach Bulgakow (1984/85) - tolles Werk, die Musik ist ungemein ausdrucksstark und suggestiv
    Adolfs Skulte (1909-2000): Wellen (1934) - sehr atmosphärische, stark impressionistisch angehauchte Wellenschildung aus Lettland
    Otar Taktakischwili (1924-1989): "Der Mzyri", Sinfonische Dichtung nach Lermontow (1956) - der sterbende Mzyri (Klosternovize) in der Mittagshitze wird von Taktakischwili durch eine drückende, regelrecht dahinsiechende Musik dargestellt
    Boris Tschaikowski (1925-1996): Der Wind von Sibirien (1984) - die karge Landschaft von Sibirien setzt Tschaikowski sehr eindrucksvoll und überhaupt nicht pittoresk in Musik um
    Boris Tschaikowski (1925-1996): "Der Jüngling", Sinfonisches Poem nach Dostojewski (1984) - Dostojewskis Jüngling hat Tschaikowski hier zu einem sehr verinnerlichten, bewegenden Werk inspiriert
    Geirr Tveitt (1908-1981): "Nykken", Sinfonisches Bild op. 187 (1956) - Tveitts Wassermann beschwört die mysteriös verfremdete Atmosphäre eines norwegischen Weihers herauf


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    als ich eben bei Wikipedia vorbeischaute, musste ich mit einiger Betroffenheit zur Kenntnis nehmen, dass der von mir sehr geschätzte Komponist Günter Kochan gestern im Alter von 78 Jahren verstorben ist.


    Ich weiß nicht, wie vielen Mitgliedern seine Musik wirklich bekannt ist (ein paar dürften es schon sein); ich persönlich habe sie jedenfalls in den letzten Jahren sehr zu schätzen gelernt: hoch expressiv und packend, nicht unbedingt avantgardistisch, aber doch durchaus modern. Ich habe mir mittlerweile einige seiner Werke auch als Partitur zugelegt, weil ich diese hoch interessante Musik gerne näher studieren möchte.


    Kochan ist in der DDR eine Größe gewesen; dass er heute etwas in Vergessenheit geraten ist, liegt sicherlich auch an seiner eindeutigen politischen Positionierung, die aber bei der Bewertung seiner Musik keine Rolle spielen sollte. Werke wie die Zweite, Vierte oder Fünfte Sinfonie, die Kantate "Die Asche von Birkenau" oder die beiden Musiken für Orchester ("In Memoriam" und "Und ich lächle im Dunklen dem Leben") sind einfach sehr hörenswert, wie ich finde.


    Da ich im Moment leider wenig Zeit finde, folgt eine angemessene Würdigung später; vorerst begnüge ich mich mit diesem Hinweis.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo Wolfgang!


    Kannst du mir sagen, wo genau Simpson den Begriff Zwölftontechnik oder Reihe verwendet? Ich weiß, dass er in seinen Erläuterungen zur Neunten darauf hinweist, dass er zu Beginn durch die gesamte chromatische Skala moduliert, aber wo er explizit auf Reihentechnik verweist, weiß ich gerade nicht. Ist mir bisher auch nicht aufgefallen... Ich habe eher eine Aussage (des Booklets) im Kopf, dass Simpson noch ein paar frühe Sinfonien geschrieben haben soll, von denen wohl mindestens eine in Reihentechnik komponiert worden sein, diese aber vernichtet habe. Diese Aussage wird dort mit einem Tenor getätigt, der suggeriert, dass Reihentechnik für Simpson letztlich untypisch ist (was meine Höreindrücke bestätigt).


    Deine Aussage mit der Zahlenmystik habe ich so verstanden, wie du es jetzt noch mal erläutert hast - sicherlich ist deine Skepsis per se berechtigt, aber wie gesagt: ich bin der Meinung, dass in diesem Falle die besondere Beachtung gerade dieser Sinfonie ihre Berechtigung hat oder zumindest plausibel ist. Das impliziert aber kein negatives Urteil über die übrigen Sinfonien, bei Weitem nicht! Ich finde ja auch die Elfte sehr ansprechend, die Zehnte sowieso... Es ist eben ein rundum interessanter Werkzyklus.


    Was die Sinfonie in der Gegenwart betrifft: ich habe deinen Beitrag schon heute mittag kurz überflogen und ein wenig darüber nachgedacht. Wenn ich alles aufschreiben würde, was mir dazu einfällt, würde es jetzt doch sehr lang werden und vor allem vom Thema Simpson völlig abweichen. Daher nur ein paar ganz kurze Bemerkungen: wenn ich einen lebenden Sinfoniker von Format benennen sollte, dann vielleicht vor allem Boris Tischtschenko. Der kommt nun aus der Schostakowitsch-Tradition und somit wiederum aus einem anderen Umfeld.


    Die Anzahl seiner nummerierten Sinfonien beträgt zwar "nur" sieben, aber er hat noch (mindestens) neun weitere programmatische Sinfonien komponiert, und sein zweites Violinkonzert trägt den (angesichts des Gehalts dieser Komposition ungemein gerechtfertigten) Untertitel "Violinsinfonie", sodass hier insgesamt siebzehn Werke zu Buche stehen, die ich ungemein spannend finde. Die Siebte gibt's zum Beispiel bei Naxos zu kaufen, die Sechste habe ich kürzlich kennengelernt und fand sie hervorragend. Leider nicht auf CD erhältlich ist die Vierte - vielleicht sein Opus Magnum, ein monströses Werk von 93 Minuten Spieldauer, das ein riesiges Orchester erfordert (unter anderem mit elf Schlagzeugern) und die Rezitation eines Turgenjew-Gedichts mit einbezieht. Ganz aktuell ist sein Zyklus von fünf Sinfonien nach Dantes Göttlicher Komödie; die letzte davon hat er erst 2005 fertig gestellt. Große, kraftvolle Werke, die vielleicht an den späten Schostakowitsch anknüpfen; auf jeden Fall eine ganz eigene, unverwechselbare Stimme. Vielleicht werde ich demnächst mehr zu ihm schreiben, er wird im März nämlich siebzig Jahre alt.


    Überhaupt gibt es besonders ein Russland und Skandinavien eine Reihe von profilierten Sinfonikern - um eine differenzierte Bewertung abzugeben, bräuchte ich aber wirklich mehr Raum. Es scheint aber einen generellen Trend hin zur Sinfonie zu geben, zumindest in einer bestimmten Gruppe von Komponisten. Jemand wie Peteris Vasks hatte vor 1990 keine einzige Sinfonie geschrieben, mittlerweile sind's drei; Arvo Pärt hat letztes Jahr eine neue Sinfonie komponiert (37 Jahre nach seiner Dritten) und so weiter. Es gibt derzeit viel, nur ist es nicht ganz einfach, den Überblick zu behalten und vor allem eine Einordnung, eine Relevanz zu erkennen. In Finnland wäre z.B. Kalevi Aho zu nennen, der einige sehr gute Sinfonien komponiert hat (ich nenne mal seine Achte, mit solistischer Orgel, oder seine naturinspirierte Zwölfte), in anderen dagegen leider etwas arg in Routine verfällt. (Obwohl, speziell zum Thema Routine gibt es ja noch Leif Segerstam, der Sinfonien wie Sand am Meer produziert und mitterweile bei der schier unglaublichen Zahl von 215 Sinfonien (sicherlich schon wieder veraltet) angelangt ist... Zwei davon habe ich sogar, tue mich mit einer definitiven Einschätzung aber schwer.)


    Ich persönlich habe mittlerweile wenigstens die 1980er Jahre etwas besser im Blickfeld; was sich derzeit abspielt, ist durchaus aufregend und spannend zu verfolgen, aber für eine echte Bewertung der Lage fehlt wohl noch etwas die Distanz.


    Eine subjektive Wertung, wie du sie im Falle Pettersson / Simpson beschreibst, ist natürlich völlig legitim. Mir persönlich geht es ehrlich gesagt so, dass ich sehr viel Musik sehr gern mag: mal ist es eben Simpsons abstrahierte Weltsicht, die ich hören möchte, mal Petterssons Leidensweg... Ich kann mich da nicht festlegen. Ich bin offen gestanden auch ein ziemlich begeisterungsfähiger Hörer, dem ganz oft das am besten gefällt, was er gerade hört. Eine gewisse Präferenz habe ich für Musik, die in irgendeiner Weise zum Nachdenken anregt, sei es durch ihren Aufbau oder ihren emotionalen, vielleicht sogar philosophischen Gehalt.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    ich stimme Wolfgang insofern zu, als dass ich bei meiner ersten Begegnung mit Simpson (wie oben erwähnt, es war die Elfte) auch vor allem an Carl Nielsen denken musste. Zum Thema Beethoven hat sich Wulf ja schon geäußert - ich persönlich finde, dass man einen gewissen beethovenesken Einschlag in Simpsons Musik nicht leugnen kann. Zum Beispiel gibt es zwischen Simpsons Zehnter und der Hammerklaviersonate ja nicht nur strukturelle, formale Paralellen, sondern sogar das Hauptthema des ersten Satzes nimmt offenbar Bezug auf Beethovens Opus 106. Was genau das Beethovensche dieser Musik ausmacht, ist für mich schwierig zu sagen. Ich müsste mich noch intensiver damit auseinandersetzen, um zu einer schlüssigen Antwort zu gelangen.


    Ich halte den Hinweis auf Inspirationsquellen bei Simpsons Musik für sehr wichtig, denn es scheint mir so, als wäre Simpsons Musik ohne diesen Hintergrund überhaupt nicht denkbar. Sein Schaffen ist meiner Ansicht nach stark von der Beschäftigung mit "älterer" Musik geprägt, reflektiert diese, betrachtet einzelne markante Aspekte wie durch ein Prisma. Dass man dies nicht in jedem Falle sofort bemerkt, spricht eben dafür, dass Simpson eine eigenständige kreative Persönlichkeit war mit einem bemerkenswerten kompositorischen Profil, sodass die genannten Einflüsse letztlich wirklich integriert, in die Musik Simpsons eingeschmolzen werden und keine Fremdkörper aus anderen musikalischen Welten bleiben. Für mich ist das eine sehr "gebildete", kluge Musik.


    Ich wüsste nicht, dass Simpson Zwölftontechnik im Schönberg'schen Sinne anwendet, z.B. ist der Hinweis auf die chromatische Skala zu Beginn der Neunten Sinfonie ja auch nicht im reihentechnischen Sinne zu verstehen. Simpson geht eben vom anfänglichen dis aus in Quartabständen die chromatische Skala in den Grundtönen durch, um beim erneuten Erreichen des "dis" zu einem ersten Höhepunkt zu gelangen. Das ist eine Art Evolution, die für Simpsons Musik sehr charakterisch ist - nach und nach setzen sich die Motivfragmente zu einem großen Komplex zusammen. Die umgekehrte Vorgehensweise findet man übrigens genau so - etwa am Schluss der Neunten Sinfonie. Manchmal verwendet Simpson auch Zwölftonakkorde, aber wie gesagt: davon, dass er sich an echter Reihentechnik orientiert, weiß ich nichts. Mir scheint die Handhabung seiner motivischen Partikel jedenfalls recht frei zu sein.


    Speziell zu der Neunten Sinfonie: ich glaube nicht, dass die allgemeine Wertschätzung gerade dieser Sinfonie unbedingt etwas mit "Zahlenmystik" oder dergleichen zu tun hat. Ich möchte folgende Aspekte einmal herausstellen: zunächst ist diese Sinfonie ein für Simpson sehr charakteristisches Werk - die Grundzüge seiner Musik kann man hier sehr gut nachvollziehen - in Ansätzen habe ich das ja schon dargestellt. Zweitens ist die Sinfonie ein emotional ungemein ansprechendes Werk, etwa durch die beiden großen Klangballungen im ersten und letzten Satz und die finale Leere, "als starre man in die Weite des Weltalls" (so ähnlich wird es ja im Beiheft beschrieben). Wie ich bereits erwähnt habe, halte ich überhaupt diese kosmischen Assoziationen für sehr charakterisch für Simpsons Musik. Das geht übrigens wieder in die Richtung dessen, was ich mit "intelligenter Musik" meine - Musik, die vom geistigen Horizont ihres Schöpfers geprägt ist.


    Schlussendlich noch ein paar Worte zum Thema Pettersson und Co. Erstens muss ich sagen, dass ich persönlich wenig von Thesen wie "der letzte Sinfoniker" et al. halte - die Sinfonie an und für sich ist sicherlich eine der Musikgattungen, die mich besonders interessieren, und ich kenne wirklich etliche (sehr gute) Sinfonien auch nach Pettersson und Simpson. Von einer These à la "Die Sinfonie ist tot" kann meiner Ansicht nach einfach keine Rede sein.


    Mir liegt der Vergleich Simpson - Pettersson allerdings auch ohne diesen Hintergrund schwer im Magen. Das hat mehrere Gründe: zum einen leuchtet es mir einfach nicht ein, warum ich mich im Sinne eines Vergleichs festlegen sollte auf einen Komponisten oder dergleichen - lieber versuche ich, einen Komponisten wie Simpson als bemerkenswerte Erscheinung wahrzunehmen und zu versuchen, seine Eigenheiten zu ergründen. Das gleiche mache ich auch mit Pettersson (dessen Sinfonien ich derzeit erkunde). Was mich an der Musik des 20. Jahrhunderts besonders fasziniert, ist eben die Vielfalt. Warum einen Favoriten benennen, wenn man so viele verschiedene Sachen hören kann, die alle ihren eigenen Reiz haben...


    Ich glaube aber auch, dass Pettersson und Simpson ganz unterschiedlich an Musik herangehen, vielleicht zu unterschiedlich, um sie miteinander zu vergleichen. Zumindest im Falle von Pettersson bin ich vielleicht noch nicht hinreichend mit seiner Musik vertraut, aber es scheint mir doch etwas in die folgende Richtung zu gehen: Petterssons Musik handelt offensichtlich viel vom Leiden, ist wohl von seiner persönlichen Krankheit geprägt, spricht vielleicht sogar die Probleme der Menschheit an (ich meine, ein derartigen Zitat Petterssons im Hinterkopf zu haben).


    Das ist aber nicht das, was Simpson motiviert: seine Musik geht von einer objektiveren Position aus, bewegt sich auf einer abstrakteren Ebene. Nicht der Mensch, sondern der Kosmos ist das Thema dieser Musik, könnte man wohl etwas plakativ formulieren. Man betrachte nur einmal die Sechste und Siebte Sinfonie: in der Sechsten setzt sich Simpson ja bekanntlich mit der Entstehung eines menschlichen Lebens auseinander - aber wie er das tut, mit der "DNA"-Musik, ist eben eine andere Ebene, als sich mit einem Menschen als emotionalem Wesen zu beschäftigen. Selbst der "optimistische" Schluss (in D-Dur) ist irgendwie vor allem eine Apotheose auf die elementare Energie, die Lebenskraft an und für sich, und kaum die Darstellung eines glücklichen Werdegangs oder dergleichen, wie ich finde. Thema ist nicht der Mensch in seinen Gefühlen und als Privatperson, sondern das elementare Leben.


    Die Siebte Sinfonie ist viel dunkler und konfliktbeladener. Aber ist es nicht so, dass Simpson hier vor allem die Konflikte und Antagonismen an und für sich schildert und weniger die Probleme oder das Leiden des Menschen (wie es Pettersson vielleicht tut)? Ich denke, ein Trauermarsch wie in Petterssons Sechster Sinfonie wäre in Simpsons Musikverständnis einfach nicht möglich. Jemand schrieb mir einmal, Simpsons Musik sei "Architektur" - nun ja, auf jeden Fall (auch) ein Spiel mit Formen, mit Motiven und Ideen. Subjektives ist hier jedenfalls kaum von Belang. Deswegen tue ich mich auch schwer damit, Simpson als "optimistischen" Sinfoniker zu begreifen; ich glaube, das sind nicht die Kategorien, die diese Musik nun unbedingt begreifbar machen.


    So weit meine Gedanken zu dieser Thematik! Schade, dass ich derzeit so wenig Zeit habe, eigentlich müsste ich ein paar Gedanken noch näher ausführen... Habe mich schon kurz gefasst, ist aber doch alles ziemlich umfänglich geworden.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    von Rheinberger kenne ich zwei Werke, die mir beide gut gefallen:


    Zunächst seine "Florentiner" Sinfonie in F-Dur op.87. Dieses Werk kenne ich sogar schon recht lange, was einen recht simplen Grund hat: die hier in der Nähe ansässige Nordwestdeutsche Philharmonie hat dieses Werk aufgenommen, und da sie ihre CD-Aufnahmen meist bei Konzerten anbietet (die Anzahl ist ja überschaubar), ist mir Rheinbergers Sinfonie eben schon recht früh in die Hände gefallen.


    Ich habe sie jetzt seit einiger Zeit nicht mehr gehört, aber doch vieles noch recht lebhaft in Erinnerung: zum einen ist dies wohl seine "zweite" Sinfonie (allerdings verzichtet er auf die Nummerierung). Sein Erstling heißt meiner Erinnerung nach "Wallensteins Lager" und muss eine Art Tondichtung in Sinfonieform sein. Die Florentiner Sinfonie hat auch einen gewissen programmatischen Hintergrund (sie ist von einer Florenz-Reise inspiriert); die Sätze der (mit kleinen Besonderheiten) "klassisch viersätzigen" Sinfonie tragen allerdings keine deskriptiven Titel.


    Der erste Satz ist jedenfalls ein ungemein kraftvolles Allegro con fuoco, das in der Solopauke beginnt: ein rhythmisches Motiv wird vorgestellt, das den Satz prägt. An zweiter Stelle steht ein ausgedehntes Adagio, das wohl von dem Besuch einer Klosterzelle inspiriert wurde - zweifelsohne eine sehr atmosphärische und gelungene Musik. Es folgt interessanterweise ein Menuett (die Sinfonie ist ja aus den Jahren 1874/75!), wobei Rheinberger es als "Menuetto pastorale" bezeichnet hat und wohl eben gerade pastorale Stimmungen evozieren will. Das ausgelassene Finale bezieht sich auf die Eindrücke einer Florentinischen Nacht.


    Ein recht umfangreiches (über 50 Minuten Spieldauer) und m.E. empfehlenswertes Werk. Das Beiheft erwähnt Kritik von Zeitgenossen und gewisse Schwächen (Menuett zu lang?), die ich seinerzeit aber nicht so wahrgenommen habe. Ich müsste mir das Werk mal wieder anhören, um diese Behauptungen zu überprüfen. Jedenfalls ist hier die erwähnte CD, mit Alun Francis am Pult, Label ist Carus:



    Das zweite Werk Rheinbergers, das ich kenne, ist seine Sonata für Violoncello und Klavier in C-Dur: ich habe aber keine Aufnahme davon (obwohl ich weiß, dass es eine gab/gibt), sondern nur die Noten, die ich mir vor ein paar Jahren eben mal zu Gemüte geführt habe. Das Stück ist dreisätzig; mir haben besonders die sehr schwungvollen, von Elan erfüllten Ecksätze sehr gut gefallen.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo Wulf,


    danke für diesen Thread - ich habe kürzlich mal nach einem solchen gesucht, bin aber damals noch nicht fündig geworden.


    Ich selbst muss gestehen, dass ich noch nicht besonders viel aus Australien kenne, bin bloß kürzlich mit ein paar Werken in Berührung gekommen, die bei mir zum Teil eher gemischte Gefühle hervorgerufen haben. Ich schildere mal das, was mir im Gedächtnis geblieben ist:


    Ziemlich interessant fand ich Peter Sculthorpe - ich kenne ein Klavierkonzert, das ich mir aber noch mal anhören müsste, und eine mehrsätzige "Music for Federation" für Orchester. Letztere hat ein ziemlich prägnantes, kantiges Hauptthema, das leider gegen Ende etwas arg süßlich behandelt wird (nun, das soll wohl die "Federation" darstellen). Aber trotzdem fand ich diese (nicht besonders moderne) Musik ingesamt so ansprechend, dass ich mich bei Gelegenheit näher damit beschäftigen werde. Zusammen mit Sculthorpe habe ich ein Konzert für zwei Klaviere und Orchester von Malcolm Williamson kennen gelernt, das ich auch recht ansprechend fand - es ist neoklassizistisch geprägt und nicht ohne Esprit.


    Nun muss ich gestehen, dass der dritte australische Komponist, dem ich bisher begegnet bin, mich alles andere als begeistert hat: es handelt sich um einen gewissen Ross Edwards, Jahrgang 1943. Was ich von ihm gehört habe, fand ich ehrlich gesagt ausgesprochen langweilig. Seine erste Sinfonie habe ich nach etwa acht Minuten wogender e-moll-Akkorde wieder ausgestellt, und was ich sonst so gehört habe, war leider auch nicht viel interessanter. Es soll wohl in Richtung Naturmystik gehen... Musikalisch ist es aber doch größtenteils sehr konservativ und meiner Ansicht nach höchstens solide. Ich will nicht ausschließen, dass ich mich dabei auch täuschen kann, aber ich hatte nach ein paar Werken keine größere Lust mehr, mir das alles zu Gemüte zu führen.


    Besonders viel kenne ich also nicht. Deine Beschreibung der Musik Antills (den ich vorher noch nicht kannte) hört sich aber gar nicht übel an, ich werde mir diesen Komponisten mal vormerken.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo Achim,


    meine persönliche Vermutung ist, dass genau dann die Versandkosten erlassen werden, wenn der Wert der Bestellung plus potentieller Versandkosten 50 Euro überschreiten würde, bei dir also 47,95 Euro + 2,99 Euro = 50,94 Euro ==> Versandkosten entfallen. Definitiv weiß ich das allerdings nicht, ist nur eine Hypothese von mir (habe bereits ähnliche Erfahrungen gemacht...).


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    ich höre gerade eine Neuerwerbung:


    German Galynin (1922-1966)
    Sonaten-Triade für Klavier (1939-41, rev. 1963)
    Olga Solowjewa, Klavier


    Die CD ist (wahrscheinlich noch) nicht bei jpc erhältlich; ich habe mein Exemplar direkt über den Verlag (Toccata Classics) bekommen. Die junge russische Pianistin Olga Solowjewa hat hier eine Auswahl der Klaviermusik Galynins eingespielt - Galynin ist wohl einigen Mitgliedern hier bekannt, ein Komponist, dessen Leben von jahrelanger (Nerven-) Krankheit überschattet war und der mit nur 44 Jahren einen tödlichen Herzinfarkt erlitt. Da die CD mit "Piano Music, Volume One" betitelt ist, wird es wohl in ansehbarer Zeit eine weitere Galynin-CD geben, worauf ich mich schon freue.


    Galynins bekannteste Komposition ist sein Klavierkonzert Nr.1, ein ungemein frisches und lebendiges Werk - Schostakowitsch hat es sehr geschätzt. Das Beiheft weist darauf hin, dass von diesem Werk mindestens fünf (!) verschiedene Einspielungen existieren; das war mir gar nicht bewusst (ich wusste von zweien).


    Die Sonaten-Triade besteht aus drei einsätzigen Klaviersonaten, die Galynin in sehr jungen Jahren komponierte und später revidierte und zu eben diesem Zyklus zusammenfasste. Auch wenn man nun natürlich die revidierte Fassung vorliegen hat, erstaunt die Gewandtheit und Sicherheit, der Humor dieser Musik. Schostakowitsch ist ein klares Vorbild. Olga Solowjewas Interpretation erscheint mir sehr überzeugend.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    bei mir läuft:


    Tristan Keuris (1946-1996)
    "Laudi", Eine Sinfonie für Mezzosopran, Bariton, zwei gemischte Chöre und Orchester mit obligatem Solo-Altsaxophon (1992/93)
    Jard van Nees (Mezzosopran), David Pittman-Jennings (Bariton) / John-Edward Kelly (Altsaxophon) / Groot Omroepkoor / Radio Filharmonisch Orkest / David Porcelijn


    Tristan Keuris, der niederländische Komponist, hat dieses Werk als "Sinfonie" bezeichnet, was auf Grund ihres "sinfonischen" Anspruches auch durchaus gerechtfertigt ist. Man könnte das Werk aber auch als Oratorium betrachten. Es besteht aus sieben Sätzen nach Gedichten von Gabriele D'Annunzio. Sowie ich mich informieren konnte, behandeln diese den Lauf des Jahres (insbesondere der Jahreszeiten). Dies geschieht sehr subtil, mit teils pastellhaften Klängen, an anderen Stellen jedoch auch sehr leidenschaftlich (so im vierten Satz "Terra, vale!", also "Lebwohl, Erde!"). Der Schlusssatz, "I Pastori", stellt den Abschied vom Sommer dar und bringt das Werk zu einem von Wehmut und Abschiedsstimmung erfüllten Ende.


    Die Sinfonie ist wohl als "freitonal" zu bezeichnen, Moll-Klänge dominieren das Klangbild. Irgendwie wirkt diese Musik trotz ihrer Expressivität letztlich doch eher klassizistisch-ausbalanciert. Ich persönlich finde "Laudi" großartig - bei "Klassik heute" stellt Benjamin Gunnar Cohrs es in eine Reihe "mit Mahlers Lied von der Erde, Debussys Martyre de St. Sébastien, Messiaens Turangalîla und Respighis verkannter Kantate La Primavera" (Zitat B. G. Cohrs). Dies zu beurteilen, fühle ich mich nicht kompetent genug, aber ich möchte das Stück doch wärmstens empfehlen.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo Wulf,


    das ist natürlich kein Problem!


    Ich habe mich gerade hierdurch inspirieren lassen und folgendes Werk gehört:


    Janis Ivanovs (1906-1983)
    Sinfonie Nr.21 c-moll (1983, orch. Juris Karlsons)
    Lettisches NSO / Wassili Sinaiski


    Das ist also Ivanovs' sinfonisches Schlusswort. Die Sache ist, dass ich mir nicht ganz darüber im Klaren bin, wie viel davon Ivanovs nun selbst vollenden konnte und welchen Anteil sein Schüler Juris Karlsons besitzt. Zumindest für die Instrumentation muss letzterer zum Teil verantwortlich sein; so liest es sich auf den Seiten des Lettischen Musikinformationszentrums.


    Die Sinfonie ist ein Dreisätzer: aus den unerklärlichen, misteriösen unbegleiteten Klanglinien der langsamen Einleitung entwickelt sich ein impulsives Allegro - besonders charakteristisch die aufsteigenden c-moll-Dreiklangsbrechungen in den Blechbläsern. Am Ende beruhigt sich die Musik wieder, und die langsame Einleitung (übrigens in As-Dur, sozusagen der zweiten Haupttonart der Sinfonie) wird wieder aufgegriffen.


    Der zweite Satz beginnt mit einem klagenden a-moll-Akkord. Was folgt, ist eine Elegie, die von einer schnellen, aufgewühlten Passage wesentlich unterbrochen wird. Das Finale stellt schließlich noch einmal drängende Konflikte in den Vordergrund: hier wirken besonders die heroisch-monolithischen Akkordblöcke in den tiefen Lagen, die aus einer kurzen langsamen Einleitung gewonnen werden, sehr einprägsam. Am Ende wird noch einmal die langsame Einleitung des Kopfsatzes in Erinnerung gerufen, bevor ein lauter As-Dur-Akkord die Sinfonie zu einem abrupten Ende bringt.


    Ich halte es nicht für unmöglich, dass Karlsons im Schlusssatz eben nicht nur orchestriert hat, aber dies ist nur eine Vermutung. Auch so wirkt die Sinfonie auf mich sehr geschlossen. Die Kontraste zwischen Ruhe und unruhigem Vorwärtsdrang sind ungemein interessant, und auch der plötzliche Schluss wirkt vor diesem Hintergrund eigentlich sogar irgendwie konsequent - als ein Abbild der inneren Konflikte und Umschwünge des Stückes. Daher ist es für mich letzten Endes uninteressant, ob das nun "originaler Ivanovs" ist oder nicht - die Lösung überzeugt. Summa summarum eine Musik zwischen Introspektion und Auseinandersetzung mit der "Außenwelt", Innehalten und energischer Aktivität, Ruhe und Rastlosigkeit.


    Für mich ist das - obwohl die Tonsprache im Jahre 1983 alles andere als modern war - eine sehr zeitgemäße Musik, weil ihre Grundhaltung eben der Moderne zu entstammen scheint. Es mag ein wenig arg pathetisch klingen, aber für mich spiegelt diese Musik mit relativ konservativen Ausdrucksmitteln doch ein Stück weit das Leben in unserer Zeit wieder, oder zumindest ein Lebensgefühl, das ich persönlich nachvollziehen kann.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo Wulf,



    schön, dass dir die Musik gefällt - Ivanovs ist meines Erachtens ein exzellenter Komponist, der es schaffte, in 21 Sinfonien (die letzte hat er nicht mehr selbst fertigstellen können) eine sehr große stilistische Bandbreite abzudecken. Er begann mit national getönter, melancholischer Naturromantik (Nr.1-3), dann Einflüssen von Im- und Expressionismus (Nr.4&5), um Ende der 1940er Jahre ganz offensichtlich auf die Forderungen des "Sozialistischen Realismus" einzugehen, was zwei wundervolle, helle und folkloristisch geprägte Sinfonien hervorbrachte.


    Danach wird die Tonsprache wieder düsterer, und in den Sinfonien der 1960er Jahre arbeitet Ivanovs mit Zwölftonreihen (ohne die Tonalität zu verlassen). Seine späten Sinfonien, zu denen die Fünfzehnte gehört, sind meiner Ansicht nach seine Meisterwerke: dunkel und kraftvoll, fließende Melodik, tragisches Pathos - diese Werke sind (vom Komponisten Margeris Zarins) sogar mit griechischen Tragödien verglichen worden.


    Die Fünfzehnte gehört zu seinen stärksten Werken. Ich verstehe ihren Titel ehrlich gesagt nicht ("Die Sinfonie selbst"?), aber das tut nichts zur Sache, weil das Stück einfach klasse ist. Von den flüchtigen Anfangsakkorden über das kraftstrotzende, zornige Scherzo bis hin zu den düster verlöschenden Schlusstakten überzeugt mich diese Sinfonie sehr.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    heute erstmals gehört:


    Boris Tischtschenko (*1939)
    Sinfonie Nr.4 op.61 (1974)
    Leningrader Philharmoniker / Gennadi Roschdestwenski


    Bei dieser Aufnahme, an die ich gerade kürzlich gekommen bin, handelt es sich um einen Livemitschnitt, ich weiß aber nicht, aus welchem Jahr. Das Werk selbst ist monströs: mit 93 Minuten Spieldauer dürfte es sich um Tischtschenkos längste Sinfonie handeln. Sie ist fünfsätzig, wobei die ersten vier Sätze jeweils rund 20 Minuten Spieldauer einnehmen, das Finale dann "nur" noch neun.


    Der erste Satz ist recht zerklüftet und arbeitet mit charakteristischen Akkordfolgen in teils extremen Lagen. Was dann an zweiter Stelle folgt, ist ein völlig verrücktes Scherzo: heftige Schlagzeuggewitter, schrille Dissonanzen, Posaunenglissandi - eine Rhythmusorgie in brachialster Form. Der langsame Satz an dritter Stelle ist monologisierend, Motivfetzen werden unbegleitet in den Raum gestellt.


    Auf Onno van Rijens Seite steht, dass diese Sinfonie für Erzähler und Orchester komponiert sei - man muss allerdings bis zum vierten Satz warten, bis jener zum (kurzen) Einsatz kommt. Auf eine bewegte Orchestereinleitung folgt die Rezitation, und danach verblüffenderweise ganz traditionelle, nahezu ungetrübte Harmonik. Das Ganze wird enorm gesteigert duch Blechbläser, Glocken und schließlich eine Orgel. Das Finale bietet dann einen fast ein wenig augenzwinkernden, grundsätzlich positiven Abschluss.


    Das ist natürlich eine Monumentalsinfonie par excellence, aber - im Gegensatz zum Cholminow von heute morgen - ganz bestimmt nicht das, was man mit sowjetischer offizieller Musik assoziieren würde. Tischtschenko inkorporiert moderne Kompositionstechniken (z.B. Aleatorik, Cluster usw.), Geräusche, scheut aber auch traditionelle Harmonik nicht - so wird der Hörer zwischenzeitlich mit aggressivsten Dissonanzbildungen konfrontiert, aber die Sinfonie endet in C-Dur.


    Es ist schon ein sehr interessantes Werk, das Tischtschenkos immense Begabung sehr deutlich dokumentiert.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo Peter,


    Zitat

    Original von pbrixius
    Du findest Deinen Beitrag im Thread Russische Komponisten des 20. Jahrhunderts.


    danke, dass du mir die Recherchearbeit abgenommen hast! Der Thread sollte vielleicht mal wiederbelebt werden. Allerdings, wenn ich an den Boris Tschaikowski-Beitrag denke, ufert es schon wieder etwas aus, weil ich über den Komponisten eben eine ganze Menge sagen könnte. Das ist viel Arbeit und ich bin mir nicht sicher, wann ich genügend Zeit und Muße dafür finde.


    Bei mir läuft jetzt gerade etwas "traditionell Sowjetisches":


    Alexander Cholminow (*1925)
    "Die Sturmgeborenen", Sinfonische Dichtung nach Nikolai Ostrowski (1960)
    SO Moskau / Veronika Dudarowa


    Das dürfte nun aber schon ein Beispiel für den vermeintlichen (!) sowjetischen "Einheitsstil" sein - sehr konservativ, pathetisch und höchstwahrscheinlich mit politischem Bezug. Ich kenne zwar den Roman "Die Sturmgeborenen" (der im Übrigen unvollendet blieb) nicht, wohl aber Ostrowskis "Wie der Stahl gehärtet wurde", das ja als Paradebeispiel für den Sozialistischen Realismus in der Literatur galt (ich habe das Buch vor einiger Zeit mal gelesen). Cholminows Sinfonische Dichtung ist formal ein groß angelegtes Sonatenallegro in c-moll mit langsamer Einleitung und lyrischem Seitenthema in den Celli, also ganz konventionell, aber doch nett gemacht. Stellenweise klingt Schostakowitschs Elfte an, aber in deutlich abschwächter Version. So stürmisch, wie der Titel suggerieren mag, ist die Musik jedenfalls nicht.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo Michael,


    Zitat

    Original von Michael Schlechtriem
    Aber eigenartig ist das schon, denn das Cellokonzert ist aus den frühen bis mittleren 60er Jahren.
    Mir ist bekannt, daß es erst sehr spät gedruckt wurde, schwer zu bekommen ist und der Cellist, der es in den USA spielen wollte, nur Photokopien bekam, genau wie ich im Falle des Miaskowsky-Konzertes.


    Insofern kann das mit der Drucklegung des Konzertes im Jahr 1979 trotzdem hinkommen..........


    laut MGG ist das Cellokonzert Nr.1 1963 komponiert und 1975 gedruckt worden, das klingt - auch vor dem Hintergrund dessen, was du berichtest - plausibel.



    Zitat

    Interessant, wir sollten einen Thread über unbekannte sowjetische Komponisten aufmachen.....


    So ein Thread muss hier irgendwo herumliegen: ich weiß genau, dass ich dort einiges über Eschpai gesagt habe und zu meiner Schande weiß ich auch sehr genau, dass ich dort einen längeren Beitrag über Boris Tschaikowski angekündigt habe, den ich allerdings bis heute nicht realisiert habe... Müsste man mal nach suchen, aber ich lege mich jetzt erst mal schlafen. Habe gerade noch sehr günstig eine Taktakischwili-LP bei Ebay ersteigert (hervorragend, weil mich meine bisherigen 128 kbps-MP3s klanglich nicht so zufrieden stellen), also ist die Welt jetzt erst mal in Ordnung... ;)


    Gute Nacht!
    Holger

    Hallo Michael,


    Brilliant ist editorisch eine Katastrophe, und zwar generell, aber ich meine, Onno hätte das schon viel früher auf seiner Seite stehen gehabt (als ich die CD bekommen habe, gab es die Brilliant-Box auch noch gar nicht).


    Ich bin jetzt mal auf Nummer Sicher gegangen und habe die MGG konsultiert - dort ist tatsächlich ein Cellokonzert Nr.2, komponiert 1969 und 1979 im Druck erschienen, verzeichnet. Den dortigen Wlassow-Artikel hat Sigrid Neef geschrieben. Allerdings ist im Werkverzeichnis die Pathetische Sinfonie wiederum nicht erwähnt (die Information über das Entstehungsjahr habe ich aus einer anderen Quelle).


    Ich bin mir jetzt nicht so ganz sicher, ob ich das glauben soll, denn selbst die MGG macht ja Fehler, und das nicht zu knapp, aber ein Indiz ist es auf jeden Fall, gerade, dass das Jahr der Drucklegung angegeben ist.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo Michael,


    Zitat

    Original von Michael Schlechtriem
    Im Falle von Wlassow finde ich Rostropowitschs Erinnerungen eigentlich als ziemlich gemein.
    Soooo nett war der gute Rostro, Slawa, oder wie man Ihn immer nennt, nun doch nicht.


    ich denke, es ist nachvollziehbar, wie Rostropowitsch zu der Kurkonzert-Aussage kommt - eben durch die Popularmusik-Anspielungen Wlassows, die aber im Rahmen eines doch deutlich ambitionierteren Werkes stehen. Wenn Rostropowitsch sagen würde: "stellenweise könnte man an einer Kurhauskonzert denken", würde ich ihm schon eher recht geben. Insgesamt betrachtet ist das Cellokonzert allerdings deutlich anpruchsvoller. Dass die Passage danach, in welcher er berichtet, wie Wlassow ihn dazu gedrängt habe, ein Stück von sich zu spielen, irgendwie recht despektierlich ist, finde ich auch.


    Ich habe es ja schon oben angedeutet - auf mich hinterlässt das Buch einen insgesamt zwiespältigen Eindruck. Auch, wenn man Rostropowitschs Lebensumstände berücksichtigt, sind manche seiner Aussagen schon ziemlich erstaunlich, um es positiv zu formulieren. Als "nett" würde ich das auch nicht bezeichnen.


    Vor allem ist das Bild der sowjetischen Musikszene, das er zeichnet, irgendwie nicht ganz kompatibel mit dem, was ich bisher an Musik kennenlernen konnte. Ich kann das jetzt nicht so lang ausführen, auch, weil ich mich dann erst wieder einlesen müsste, aber insgesamt ist das alles viel zu undifferenziert. Es gab eben keinen durchgängigen Einheitsstil in der UdSSR - ich kenne etliches bereits aus den 1960ern, das dagegen spricht. Insofern beinhaltet Rostropowitschs Buch auch Teile, die ich für sehr bedenklich halte. Aber wie gesagt, ich sehe mich gerade außer Stande, das wirklich fundiert auszuführen.


    Kurz, bevor ich's abschicken wollte, sehe ich noch dein zweites Posting: nein, das Wlassow-Konzert habe ich auf einer Russian Disc vorliegen, zusammen mit dem ersten Cellokonzert von Tichon Chrennikow, Wlassows Improvisation und Tschaikowskis Pezzo capriccioso. Der Klang ist eigentlich sehr gut! Ist 1993 erschienen, aber natürlich nicht mehr erhältlich.


    Viele Grüße
    Holger


    Edit: Das mit dem Cellokonzert Nr.1 steht allerdings nicht auf der CD, wie ich gerade herausgefunden habe. Ich meine, ich hätte diese Information damals von der Website von Onno van Rijen übernommen - was nicht unbedingt bedeutet, dass sie korrekt ist, auch dort findet man immer wieder Fehler.