Beiträge von Holger Sambale

    Hallo Michael,


    Zitat

    Original von Michael Schlechtriem
    Im Falle von Wlassow finde ich Rostropowitschs Erinnerungen eigentlich als ziemlich gemein.
    Soooo nett war der gute Rostro, Slawa, oder wie man Ihn immer nennt, nun doch nicht.


    ich denke, es ist nachvollziehbar, wie Rostropowitsch zu der Kurkonzert-Aussage kommt - eben durch die Popularmusik-Anspielungen Wlassows, die aber im Rahmen eines doch deutlich ambitionierteren Werkes stehen. Wenn Rostropowitsch sagen würde: "stellenweise könnte man an einer Kurhauskonzert denken", würde ich ihm schon eher recht geben. Insgesamt betrachtet ist das Cellokonzert allerdings deutlich anpruchsvoller. Dass die Passage danach, in welcher er berichtet, wie Wlassow ihn dazu gedrängt habe, ein Stück von sich zu spielen, irgendwie recht despektierlich ist, finde ich auch.


    Ich habe es ja schon oben angedeutet - auf mich hinterlässt das Buch einen insgesamt zwiespältigen Eindruck. Auch, wenn man Rostropowitschs Lebensumstände berücksichtigt, sind manche seiner Aussagen schon ziemlich erstaunlich, um es positiv zu formulieren. Als "nett" würde ich das auch nicht bezeichnen.


    Vor allem ist das Bild der sowjetischen Musikszene, das er zeichnet, irgendwie nicht ganz kompatibel mit dem, was ich bisher an Musik kennenlernen konnte. Ich kann das jetzt nicht so lang ausführen, auch, weil ich mich dann erst wieder einlesen müsste, aber insgesamt ist das alles viel zu undifferenziert. Es gab eben keinen durchgängigen Einheitsstil in der UdSSR - ich kenne etliches bereits aus den 1960ern, das dagegen spricht. Insofern beinhaltet Rostropowitschs Buch auch Teile, die ich für sehr bedenklich halte. Aber wie gesagt, ich sehe mich gerade außer Stande, das wirklich fundiert auszuführen.


    Kurz, bevor ich's abschicken wollte, sehe ich noch dein zweites Posting: nein, das Wlassow-Konzert habe ich auf einer Russian Disc vorliegen, zusammen mit dem ersten Cellokonzert von Tichon Chrennikow, Wlassows Improvisation und Tschaikowskis Pezzo capriccioso. Der Klang ist eigentlich sehr gut! Ist 1993 erschienen, aber natürlich nicht mehr erhältlich.


    Viele Grüße
    Holger


    Edit: Das mit dem Cellokonzert Nr.1 steht allerdings nicht auf der CD, wie ich gerade herausgefunden habe. Ich meine, ich hätte diese Information damals von der Website von Onno van Rijen übernommen - was nicht unbedingt bedeutet, dass sie korrekt ist, auch dort findet man immer wieder Fehler.

    Hallo Michael,



    jetzt habe ich mir das Konzert zur Probe aber doch mal aufgelegt. Stimmt, es ist gar nicht so übel, hat jedenfalls einigen Schwung... Kneipen"jazz"jargon kann ich nachvollziehen. Französisch klingt es nicht, aber auch nicht unbedingt besonders russisch, wie ich meine. Das ist bei den übrigen Wlassow-Werken, die ich kenne (mit Ausnahme des Akyns) aber auch nicht der Fall - die beiden kleineren Orchesterstücke, die ich oben genannt habe, driften schon eher in Richtung gehobene Unterhaltungsmusik ab. Rostropowitsch spricht beim Cellokonzert von Musik für Kurpromenadenkonzerte, was aber auf jene Stücke noch viel stärker zutrifft. Ich kann mir den recht dissonanten Anfang des Cellokonzerts ehrlich gesagt nicht so recht in einem derartigen Rahmen vorstellen... Jedenfalls, wenn ich an den Kurpark meines Nachbarstädtchens denke und die dortige Klientel! :D


    Die Milhaud-Cellokonzerte muss ich mir demnächst mal besorgen.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo Michael,


    wenn du das Cellokonzert als hübsch bezeichnest, werde ich es mir demnächst mal wieder anhören - man ist ja nicht immer in der richtigen Stimmung für jede Musik, und vielleicht beruht mein eher lauer Eindruck ja auf Derartigem. Auf die Sinfonie bin ich nach deinen Worten nun aber sehr gespannt und freue mich darauf, das Stück dann zu gegebener Zeit kennenlernen zu dürfen!


    Die Geschichten über Wlassow stehen u.a. in "Die Musik und unser Leben", so eine Art Interview-Buch mit Rostropowitsch und Wischnewskaja - ich bin mir sicher, dass du es auch kennst (zumal Rostropowitsch in diesem Buch ebenfalls erwähnt, dass Wlassow sein Nachbar war). Ich finde die Informationen, die Rostropowitsch dort liefert, schon sehr lesenswert, auch wenn ich für mich selbst mit Sicherheit nicht alles zu 100 Prozent übernehme.


    Rostropowitsch meint auch, dass Wlassows Cellokonzert von Milhaud beeinflusst sei - ich kenne Milhauds Musik ganz offen gestanden nicht gut genug, um das beurteilen zu können.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo Johannes, hallo Michael,


    ich habe die Information, dass die Pathetische Sinfonie 1981 entstand - wobei ich zugeben muss, dass mir das Werk selbst unbekannt ist. Ich habe aber ein paar andere Wlassow-Werke, die ich durchaus gemischt beurteilen würde. Dem Cellokonzert (Nr.1?, wobei ich keinerlei Informationen über ein zweites besitze) konnte ich bisher nicht so viel abgewinnen, die Improvisation für Cello und Orchester fand ich da interessanter. Übrigens hatte Rostropowitsch, dem diese Werke wohl gewidmet sind, keine all zu hohe Meinung von Wlassow als Komponist: er bezeichnete ihn als mittelmäßig begabt, aber sehr charmant - eine Ansicht, die ich nicht notwendigerweise übernehmen würde, ich habe das hier eher zu Informationszwecken erwähnt.


    Dann drei Werke für Orchester aus den 1950ern, von denen ich die Festliche Ouvertüre und die Rhapsodie über rumänische Themen für eher banal halte, die Sinfonische Dichtung "Der Akyn singt von Lenin" dagegen für nicht uninteressant. Ein Akyn ist ein kirgisisch-kasachischer Volkssänger - hier ist im Speziellen Toktogul Satylganow gemeint. Dieses Stück ist eher dunkel getönt, und diese eigentümliche Rauheit macht es für mich durchaus hörenswert. Ich bin außerdem mal über eine LP mit Wlassows Streichquartett Nr.3 gestolpert, die ich aber leider zu kaufen versäumt habe.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo Michael,


    ich glaube, Sayguns Klavierkonzerte müssen mittlerweile zwei Mal auf CD erschienen sein: bei Koch (längst vergriffen) und jetzt neu bei CPO (ebenfalls mit Gülsin Onay). Ich kenne die LP, die du hast, nicht, aber eine weitere Einspielung des ersten Klavierkonzertes habe ich mal bei WDR 3 mitgeschnitten (hier spielt wiederum Gülsin Onay, begleitet von der Nordwestdeutschen Philharmonie unter Hikmet Simsek - muss sich um eine Rundfunkaufnahme handeln). Damals hat das Stück bei mir ein akutes "Saygun-Fieber" ausgelöst...


    Wenn du die LP für besonders gut hältst, werde ich mich mal danach umschauen. Habe kürzlich über's Internet auch noch Sayguns Oratorium Yunus Emre bekommen, aber als MP3 und in bedenklicher Komprimierung.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo Michael,



    also, die Köcekce, die du meinst, ist ein eigenständiges Orchesterwerk - kenne ich auch, und ich bin ganz deiner Meinung: tolles Stück! Es stammt aus dem Jahre 1943. Als Erkin seine zweite Sinfonie komponiert hat, wollte er als Schlusssatz etwas Ähnliches komponieren - Hikmet Simsek spricht im Booklet von "einer zweiten Köcekce". Der Satz ist im Charakter sehr ähnlich. So wie ich es verstanden habe, ist Köcekce (übrigens eigentlich mit zwei c cedilles statt c geschrieben, aber ich weiß nicht, wie ich das hier eingebe) ursprünglich nur ein türkischer Tanz. Erkin hat sich eben auf ihn bezogen, und das gleich zwei Mal. Dass das sozusagen die inoffizielle türkische Nationalhymne ist, wusste ich nicht, verständlich ist es aber allemal.




    Danke für den Link - ich kannte das Klavierkonzert nicht. Auf der Hungaroton-CD, die ich (um ehrlich zu sein, als Kopie - hat mir jemand gebrannt) besitze, ist neben der Zweiten Sinfonie und der "ersten Köcekce" (wohl ein Muss für ein Erkin-Portrait) noch die Sinfonia Concertante für Klavier und Orchester eingespielt (mit Verda Erman am Klavier) - ein späteres Werk. Ich habe schon überlegt, ob das Klavierkonzert wohl auch irgendwie zu haben ist, daher ist mir der Link sehr willkommen (ehrlich gesagt hätte ich nicht damit gerechnet, dass man sowas bei YouTube findet!).


    Ich habe auch noch eine Aufnahme von Erkins Streichquartett, aber gerade erst bekommen und noch nicht gehört. Die Köcecke kannte ich übrigens schon vorher von einer Hungaroton-LP, die ich mal spottbillig (ich glaube wirklich, es war nicht mal ein Euro) bei Ebay gekauft habe. Überhaupt haben es mir die türkischen Komponisten in letzter Zeit angetan: da gibt es ja auch noch Necil Kazim Akses und vor allem Ahmed Adnan Saygun. Der hat ebenfalls zwei vorzügliche Klavierkonzerte komponiert - ich nehme an, du wirst sie kennen. Das erste ist natürlich sehr mitreißend, das zweite philosophischer (übrigens erst 1985 komponiert und Gülsin Onay gewidmet). Ich finde beide klasse. Das Cellokonzert natürlich auch... Ist einfach ein großartiger Komponist.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    bei mir läuft:


    Ulvi Cemal Erkin (1906-1972)
    Sinfonie Nr.2 (1948-58 )
    Philharmonisches Orchester Budapest / Hikmet Simsek


    Ein dreisätziges Werk, das sich klar auf türkische Folklore beruft. Auf einen unruhigen Kopfsatz in Sonatenform folgt ein brütendes Adagio; der Schlussatz ist an einen traditionellen türkischen Tanz ("köcekce") angelehnt, ungemein schwungvoll und farbig. Trotz aller Folklorismen spart diese Musik keinesfalls an Dramatik und Spannung, wobei das Finale eher ein Kehraus (jedoch ein sehr gelungener!) ist. Mir gefällt die Sinfonie sehr gut - eine Hungaroton-CD, die wohl längst vergriffen ist. Von Erkins erster Sinfonie kenne ich leider nur das Scherzo, ich wüsste auch von keiner Einspielung.


    Viele Grüße
    Holger


    Hallo Johannes,


    leider ist die CD bei jpc nicht mehr erhältlich - wenn du auf's Cover klickst, erhältst du die entsprechende Mitteilung. Amazon führt sie noch (für 23 Euro), allerdings nicht auf Lager. Ich muss mal schauen, interessieren würde mich die Musik nämlich schon!


    Gerade läuft allerdings etwas anderes:


    Tristan Keuris (1946-1996)
    "Arcade", Sechs Präludien für Orchester (1995)
    Radio Filharmonisch Orkest / David Porcelijn


    Vor ein paar Tagen hatte ich mich schon einmal auf Keuris' Musik bezogen, ich weiß nicht, ob sie hier sonst noch jemandem bekannt ist? Wenn man seinen Namen bei Google eingibt, erhält man unter anderem eine Reihe sehr euphorischer Rezensionen von Christoph Schlüren, denen ich mich anschließen möchte. "Arcade" besteht aus sechs sehr kurzen Präludien, zwischen knapp vier und weniger als einer Minute lang. Kleine, kunstvolle Miniaturen, die alle eine ganz eigene Stimmung und Atmosphäre erzeugen. Keuris' Musik klingt oft so filigran, zerbrechlich und versonnen... Ich muss mir demnächst unbedingt die CD mit der Sinfonie von 1972-74 und dem ersten Violinkonzert zulegen. Einiges, was nicht so leicht zu kaufen ist, habe ich ja schon ausfindig machen können.


    Viele Grüße
    Holger


    Hallo Matthias,


    da kann ich dir nur zustimmen - herrliche Musik! Ich weiß nicht, wie oft ich das Cellokonzert schon gehört habe... Ich habe mir mittlerweile alle CPO-CDs mit Musik von Saygun zugelegt, einfach hervorragend! Relativ neu ist die mit den beiden Klavierkonzerten, ebenfalls sehr zu empfehlen.


    Ich höre gerade jedoch etwas anderes:


    Aman-Durdy Agadschikow (*1937)
    Konzert-Poem für Violine und Orchester (1968/69)
    Alexander Suptel, Violine / Großes RSO der UdSSR / Gennadi Roschdestwenski
    Recht einfach zu charakterisieren: der Komponist stammt aus Turkmenistan und schreibt recht folkloristische, süffige, leicht ins Ohr gehende Musik. Schwungvoll und ansprechend, wie ich finde. Natürlich kein überragendes Meisterwerk, aber ich höre auch so etwas immer wieder gerne.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    es läuft wiederum eine Neuentdeckung von mir:


    Ernest Pingoud (1887-1942)
    Sinfonie Nr.2 op.20 (1921)
    Finnisches RSO / Jukka-Pekka Saraste
    "Prologue" für Orchester op.4 (1915)
    Finnisches RSO / Atso Almila


    Erstkontakt mit diesem Komponisten. Beide Werke sind - so weit ich informiert bin - auf CD nicht greifbar; ich bin aber an Rundfunkmitschnitte gekommen. Die Zweite Sinfonie ist stilistisch gesehen ein recht buntes Werk: Einflüsse von Im- und Expressionismus sind klar zu vernehmen (wie ich es erwartet hatte nach dem, was ich über diesen Komponisten in Erfahrung bringen konnte), aber stellenweise lassen sich auch neoklassizistische Tendenzen erkennen. Die Tonalität wird zumindest stark an ihre Grenzen getrieben, gerade der Schluss ist recht dissonant. Das dreisätzige Werk ist insgesamt eher knapp gehalten.


    Der früher komponierte (und ebenfalls kurz gehaltene) Orchesterprolog ist noch traditioneller, wenngleich die oben geschilderten Tendenzen auch hier schon anklingen, der farbige, versonnene Beginn mag zunächst etwas täuschen. Beides klanglich keine Offenbarung, aber bei solchem Repertoire bin ich erst mal grundsätzlich daran interessiert, es überhaupt kennen zu lernen.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    nachdem ich zwischendurch die Dritte Sinfonie von Edgar Bainton und die Sechste Sinfonie von Louis Glass gehört habe, gibt's jetzt was Georgisches:


    Otar Taktakischwili (1924-1989)
    "Der Mzyri", Sinfonische Dichtung nach Lermontow (1956)
    Staatliches SO der UdSSR / Otar Taktakischwili


    Ich kenne diese Sinfonische Dichtung schon lange, allerdings war die Klangqualität meiner bisherigen Aufnahme einfach grauenhaft. Nun habe ich die gleiche Einspielung endlich in einem vernünftigen LP-Transfer erhalten und bin sehr froh darüber. Düstere und brütende Außenteile umrahmen ein leidenschaftliches, aufgewühltes Allegro mit lyrischem Seitenthema (allerdings wird auch hier stellenweise auf die Musik des Anfangs zurückgegriffen). Ein hervorragendes Werk von etwa 23 Minuten Länge, ziemlich charakteristisch für den frühen Taktakischwili (wenngleich - vermutlich sujetbedingt - dunkler als etwa die beiden Sinfonien, das erste Klavierkonzert oder das Violinconcertino). So weit ich weiß, ist "Mzyri" so eine Art georgisches Äquivalent zu "Novize" (im Kloster).


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo!


    Ich höre gerade einen "Neuzugang" in meiner Sammlung:


    Tristan Keuris (1946-1996)
    Doppelkonzert für zwei Violoncelli und Orchester (1992)
    Gregor Horsch, Ralph Kirschbaum / Radio Filharmonisch Orkest / Pascal Rophé


    Niederländische Musik ist in meiner Sammlung noch nicht so gut vertreten, aber ich kenne mindestens zwei Komponisten, die mich sehr stark interessieren: neben Tristan Keuris handelt es sich um Henk Badings. Durch Erschließung neuer Quellen komme ich gerade peu à peu an interessante Werke: eines davon ist dieses Doppelkonzert. Nun ist die Qualität nicht gerade berauschend, offenbar ein Rundfunkmitschnitt, die Aufnahme hat sogar Aussetzer, aber das Werk an und für sich ist wirklich hinreißend.


    Wenn man Keuris' Zweites Violinkonzert kennt, weiß man ungefähr, womit man es hier zu tun hat: freitonale, irgendwie zerbrechlich klingende Musik mit breiten melodischen Linien - klingt fast romantisch, aber doch zeitgemäß. Eine melancholische, herbstliche Stimmung dominiert. Das Werk ist knapp gehalten, einsätzig und von etwas mehr als 20 Minuten Dauer. Mir gefällt es ausgezeichnet.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    gerade läuft:


    Nodar Gabunia (1933-2000)
    Klaviertrio (1997)
    Storioni Trio


    Ein dreisätziges Werk, das im Grunde genommen recht traditionell komponiert ist. Gabunia, ein Georgier, der als Pianist vielleicht bekannter denn als Komponist ist, schreibt (hier) recht rhapsodisch, mit häufigen Tempo- und Stimmungswechseln - fließendes Melos steht heftigen Ausbrüchen gegenüber. Sicherlich geht seine Musik auch aus der Beschäftigung mit georgischer Folklore hervor, wobei Gabunia Bartók als sein Vorbild ansah. Das Resultat ist jedenfalls ein nicht ganz einfaches, schroffes Trio. Muss ich mir noch öfters anhören, klingt aber interessant.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo Ulli,


    angesichts dieser Situation wäre es in der Tat sinnvoll, den Thread in Unbekannte Meister der Kammermusik des 20. und 21. Jahrhunderts umzutaufen, weil sich sonst Überschneidungen ergeben könnten. Wenn ein Moderator vielleicht so freundlich wäre, dies zu erledigen?


    Ich persönlich glaube, dass Streichquartette allein durchaus das Potential für einen eigenen Thread hätten, aber da die Resonanz auf Kammermusik im Allgemeinen nicht überwältigend ist, ist es wohl doch besser, das Thema auf das ganze Spektrum der Kammermusik auszudehnen.


    Viele Grüße
    Holger


    Ich sehe hier eigentlich kein Problem, ob Quartette oder Kammermusik allgemein. Eher darin, was unbekannt genug ist, in einem Sammelthread abgehandelt zu werden. Der ukrainische Komponist, den Du gerade genannt hast vermutlich schon. Aber Mjaskowski und Tanejew vielleicht eher nicht. Oder doch?


    JR

    Ich antworte mal hier: das muss natürlich im Einzelfall entschieden werden, aber ich selbst kenne etliche Komponisten, für die sich ein eigener Thread mit Sicherheit niemals lohnen würde. Mjaskowski ist ein Grenzfall: hier ist er ja erfreulicherweise nicht mehr so ganz unbekannt, und außerdem hat er auch ein recht umfangreiches Oeuvre hinterlassen (13 Quartette), das eine gesonderte Betrachtung durchaus rechtfertigen würde. Unsicher bin ich mir dennoch, wie viel Resonanz zu erwarten wäre. Als ich diesen Thread eröffnet habe, schwebten mir allerdings eher Namen wie Taktakischwili, Kurzbach, E. H. Meyer, Moyzes oder Peiko vor.

    Hallo!


    Als ich eben ein neues (und meiner Meinung nach ganz exzellentes, aber dazu später) Streichquartett kennengelernte, habe ich überlegt, wo ich meine Eindrücke wohl zum Besten geben sollte und musste feststellen, dass ein geeigneter Thread in diesem Forum anscheinend noch gar nicht existiert. Da es wenig sinnvoll ist, für ein Werk, das vielleicht niemand hier kennt, einen eigenen Thread zu eröffnen, und es sicherlich noch viel mehr Streichquartette gibt, die leider völlig unbekannt und zugleich sehr lohnenswert sind, habe ich mich entschlossen, hiermit selbst zur Tat zu schreiten und einen entsprechenden Thread zu eröffnen. Ich gestehe, dass ich den Titel von den unbekannten Klavierkonzerten abgekupfert habe - so etwas Ähnliches schwebt mir jedoch auch hier vor.


    Mir geht es um das Streichquartett Nr.2 d-moll von Arkadij Filipenko (auch: Filippenko, aber die Schreibweise mit einem "p" scheint die adäquate zu sein). Filipenko war ein ukrainischer Komponist; er lebte von 1912 bis 1983. Zu seinem Oeuvre gehören auch fünf Streichquartette; mindestens zwei davon (unter anderem eben das zweite) sind auf Melodija-Schallplatten erschienen.


    Nun bin ich im Moment damit beschäftigt, mich ein wenig stärker mit der ukrainischen Musikszene auseinanderzusetzen. Manches ist zugegebenermaßen eher provinziell, aber nichtsdestotrotz lohnt es sich, sich mit dieser Musik auseinanderzusetzen. In diesem Rahmen habe ich heute einen ganzen Stapel von Melodijas aus Moskau erhalten, unter anderem eben das Zweite Streichquartett von Filipenko, das eine ganze LP füllt. (Eine LP mit dem dritten Quartett, zusammen mit Ljatoschynskyjs zweitem Streichquartett, ist übrigens auch dabei.)


    Gerade habe ich mir dieses Werk erstmals zu Gemüte geführt und bin schwer begeistert. Es ist recht umfangreich: vier ausgedehte Sätze in der klassischen Anordnung, wobei der Schlussatz ein Andante ist. Gewidmet ist das Quartett den ukrainischen Partisanen. Dazu muss ich ein Wort verlieren: man sollte nicht unbedingt davon ausgehen, dass dies nun zwangsläufig impliziert, dass dieses Werk geschrieben wurde, um den sowjetischen Behörden zu gefallen oder ähnliches. Meine Schwester war im Sommer in der Ukraine auf einer Art Konzertreise - auch heute noch werden die Partisanen dort offenbar flächendeckend als Helden verehrt. Meine Erfahrung ist es mittlerweile, dass man bei solchen Sachen lieber zwei Mal hinschauen und sich gründlich informieren sollte, bevor man alles in gewohnte Schemata einordnet.


    Die Tonsprache des Quartetts ist traditionell und völlig tonal. Filipenko spart auch nicht mit Pathos, das aber meines Erachtens geschmackvoll und wenn, dann passend eingesetzt wird. Volksmelodien oder solchen nachempfundene Themen (das kann man ja nicht immer so deutlich sagen) kommen auch massiv zum Einsatz. Allerdings ist das Werk insgesamt ein sehr ernsthaftes, ausdrucksstarkes Werk, das sich durch einen spannungsvollen Aufbau und vorzüglichen Quartettsatz auszeichnet - alles andere als ein nettes Pasticcio von Volksthemen, um diesen Eindruck zu vermeiden.


    Ein paar Worte zu den einzelnen Sätzen (nach einmaligem Hören kann ich allerdings noch nicht so viel sagen): der erste Satz, Allegro moderato, beginnt mit einem pendelnden Thema, das durch die einzelnen Instrumente wandert, und wird einem eher elegischen Thema gegenübergestellt. Die Durchführung bietet dann Konflikte. Der zweite Satz ist eine Art Klage, die gegen Ende des Satzes an Kraft gewinnt. Das Scherzo ist ein vorzügliches, sehr wildes Stück - hier setzt Filipenko stark folkloristische Anlehnungen ein, die einen ungestümen Presto-Satz bilden. Das Finale ist wohl der emotionale Höhepunkt des Quartetts. Es beginnt als eine Art Trauermarsch, doch im Verlauf des Satzes wird die Stimmung allmählich positiver, um kurz vor Ende in eine Art Hymnus zu münden. Das Ende, wenn die Musik wieder ruhiger wird und schließlich in sanftem D-Dur ätherisch entschwindet, ist fantastisch.


    Ein sehr intensives, meisterhaftes Werk, für das Filipenko den Staatspreis der UdSSR erhielt. Gespielt wird es in meiner Einspielung vom Lyssenko-Quartett. Übrigens bin ich bei dem raren Repertoire, das ich mir aus der Sowjetunion zulege, mit der Interpretationssituation letztlich sehr zufrieden: zwar gibt es meist nur eine einzige Aufnahme des Werks, aber diese ist in der Regel exzellent. Um auf Filipenko zurückzukommen: eigentlich müsste das Stück ja mal auf CD erscheinen. Ich werde die Aufnahme jedenfalls in den nächsten Tagen mit Sicherheit digitalisieren.


    Ich werde an dieser Stelle in den nächsten Monaten weitere unbekannte Streichquartette vorstellen, bin aber auch auf Anregungen anderer Mitglieder gespannt.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    hier läuft:


    Felix Ghlonti (*1927)
    Konzertsinfonie für Violoncello und Orchester "Marienbadische Elegie" (1987)
    Maris Villeruss, Violoncello / Lettisches NSO / Wassili Sinaiski


    Sehr hörenswert, wie ich finde - ein einsätziges Werk von 26 Minuten Dauer. Ghlonti, ein Georgier, schreibt nicht unbedingt sehr modern, aber auch nicht so traditionell wie manche seiner Generationsgenossen aus Georgien. Es ist eine expressive, mit Dissonanzen gesättigte Tonsprache, die tonale Bezüge nicht verleugnet. Natürlich bezieht sich der Titel auf Goethe, wie auch die auf der selben LP enthaltene Konzertsinfonie für Klavier und Orchester "Wanderjahre". Interessanterweise kann ich keinerlei Folklorismen in dieser Musik ausfindig machen. Habe diese Platte heute erst bekommen - im Rahmen einer Lieferung aus Moskau, zusammen mit sieben weiteren Schallplatten. Allesamt sehr interessante Sachen...


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    weil es draußen gerade ein wenig schneit, höre ich mal etwas Passendes:



    Vagn Holmboe (1909-1996)
    Sinfonie Nr.8 op.56 "Sinfonia boreale" (1951)
    SO Aarhus / Owain Arwel Hughes


    Ein dezidiert "nordisches" Werk, herb, schroff und energiegeladen. Von den vier Sätzen bietet nur der langsame dritte (mit elegischem Englischhornsolo) zeitweilig eine echte Ruhepause, die anderen Sätze bestürmen den Hörer mit Konflikten, die durchaus Bilder nordischer Natur evozieren. Holmboe setzt insbesondere das Schlagwerk, aber auch die Blechbläser nicht eben sparsam ein. Die Musik bleibt trotz teils kräftiger Dissonanzen tonal (mit Zentrum e-moll). Es ist kein romantisches Bild des Nordens, das Holmboe hier entwirft, sondern eines, das Ursprünglichkeit und elementare Kraft betont. Eine sehr interessante Sinfonie, wie ich meine.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo Ulli,


    dazu kann ich ein paar Worte sagen. Ich habe hier ein Notenexemplar (Universal Edition) einer gewissen "Sonate oubliée" D 916B von Franz Schubert vorliegen, herausgegeben von Jörg Demus und Roland Sölder. Wie ich den bei jpc hinterlegten Informationen entnehmen kann, spielt Knauer offenbar diese Version. Es handelt sich hierbei um die Klavierstücke C-Dur D 916B sowie c-moll D 916C und das Allegretto c-moll D 900 (als Mittelsatz), ergänzt durch die Herausgeber, wobei die Ergänzungen jeweils de facto sehr gering ausfallen (es handelt sich im Falle der beiden Klavierstücke im Wesentlichen um die Ergänzung der Reprisen, und im Allegretto um einige wenige Takte, die durch Transposition ergänzt wurden).


    Demus / Sölder gehen davon aus, dass D 916B und D 916C als Kopf- und Schlussatz einer Klaviersonate zusammengehören (während das Allegretto als langsamer Satz nur als Empfehlung zu verstehen ist). Ihre Argumentation befindet sich im Vorwort. Ich werde versuchen, diese hier in groben Zügen wiederzugeben.


    Die Erstausgabe im Jahre 1978 ging davon aus, dass es sich bei den Stücken um Klavierstücke handelt, die den Impromptus zugehörig sind und bemerkte, dass sich dem ersten Stück kein Formschema zuordnen ließe. Allerdings sehen Demus / Sölder dieses Stück als Sonatensatz, der in der Durchführung abbricht. Durch eine (sehr kurze) Überleitung, die nach F-Dur moduliert, lassen sie in ihrer Version in Takt 131 eine Unterdominant-Reprise beginnen und verweisen in diesem Zusammenhang etwa auf das Forellenquintett und die Klaviersonaten H-Dur D 575 und A-Dur D 664. Mit Hilfe einer kleineren Modulation am Ende haben sie das Stück so zu einem vollständigen Sonatenallegro ergänzt.


    Das Klavierstück in c-moll ist ebenfalls in Sonatenform komponiert, wobei die Durchführung vollständig ist. Nun beginnt in der Exposition in Takt 39 das Seitenthema in As-Dur, und in der entsprechenden Modulation deutet Schubert ein h enharmonisch als ces um. Bei der Reprise nutzen die Herausgeber dies, um - eben ohne diese Umdeutung - nach C-Dur zu modulieren, wodurch aber ein erheblicher Teil des Satzes in C-Dur steht (mit zwei hinzukomponierten Schlusstakten 80 Takte). Daraus schließen Demus / Sölder:


    Zitat

    Dadurch, daß das Finale nun 80 Takte lang in C-Dur schließt, wird es fast sicher, daß diese beiden Sätze - die ja aus derselben Manuskript-Quelle stammen - als "C-Dur-Sonate" zusammengehören.


    Ich selbst weiß nicht so genau, wie ich dazu stehen soll. Mir fällt gerade kein Werk von Schubert ein, das in Dur steht, aber einen Moll-Finalsatz besitzt (auch wenn dieser ja nun zu einem nicht unwesentlichen Teil doch in C-Dur steht). Was mich auch verblüfft, ist, dass im ersten Satz im Manuskript keine Wiederholung der Exposition vorgesehen ist - Demus / Sölder haben zwar eine solche ergänzend vorgeschlagen, aber so etwas ist bei Schubert doch an und für sich Usus, oder täusche ich mich? Hätte er dies nicht sogleich im Manuskript vermerkt (was er in D 916C nämlich auch getan hat)? Auf jeden Fall gehört das Allegretto sicherlich nicht als langsamer Satz in die "Sonate", was die Herausgeber allerdings auch nicht behaupten. Die Nichtexistenz eines langsamen Satzes spricht jedenfalls nicht unbedingt gegen die Sonaten-Hypothese, wenn man etwa an das Sinfonie-Fragment D 615 denkt.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    jetzt ertönt:


    Petko Stainow (1896-1977)
    Sinfonie Nr.1 a-moll (1945)
    Bulgarisches RSO / Wassil Stefanow


    Viersätziges, formal und auch sonst recht traditionell gehaltenes Werk, das aber durch Schwung und eine kraftvoll-musikantische Grundhaltung gefällt. Bulgarisches Nationalkolorit spielt eine gewichtige Rolle in dieser Musik - ich kenne noch zwei weitere Werke Stainows, unter anderem seine sinfonische Dichtung "Thrakien", die ganz ähnlich klingt. Ein grundsätzlich frisches und optimistisches, unkompliziertes Werk - ich mag es.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    ich habe mir die "Zehnte" vor Jahren auch mal gekauft und muss gestehen, dass ich ziemlich enttäuscht von dem war, was ich zu hören bekam. Das Stück, was als "erster Satz" präsentiert bekommt, klingt einfach nicht wie eine wirkliche Beethoven-Sinfonie. Und schon gar nicht wie eine "Zehnte" - wenn auf die c-moll-Klaviersonate op.13 verwiesen wird, sollte man im Kopf behalten, dass es sich hierbei um ein Werk aus dem Jahre 1798 (!), also aus einer ganz anderen Schaffensperiode, handelt.


    Die ausgiebigen Bläsersoli, wenn ich mich recht erinnere (ich habe die Aufnahme seit Ewigkeiten nicht mehr gehört), fand ich ebenfalls irgendwie wenig "beethovensch". Auch die Form (dieses "langsam - schnell - langsam" erscheint mir für den Kopfsatz einer Beethoven-Sinfonie sehr befremdend). Kurz und gut, das Werk überzeugt mich nicht ansatzweise, und schon gar nicht als Sinfonie Nr.10.


    Gegen die Rekonstruktion von Fragmenten habe ich jedoch an und für sich nichts einzuwenden - als ich etwa 13, 14 Jahre alt war, war ich begeisterter Schubert-Hörer, und es waren gerade die Fragmente, die auf mich einen ganz besonderen Reiz ausübten (nicht zuletzt wegen ihrer Unfertigkeit, das hatte so etwas von Werkstattcharakter - ich habe mir gerne überlegt, wie es hätte weitergehen können).


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    meine musikalischen Vorsätze für's neue Jahr sehen deutlich anders aus als Wolfgangs - für mich geht es nach wie vor darum, so viel Neues wie möglich kennenzulernen. Ich habe in diesem Jahr wahrscheinlich so viel wie noch nie zuvor neu dazubekommen (ich überlege derzeit, wie viele neue CDs ich wohl erhalten habe, aber irgendwie fehlt mir da völlig der Anhaltspunkt), und fast jedes Stück war für mich eine Bereicherung meines musikalischen Horizontes.


    Gerade gestern habe ich zum Beispiel einen LP-Transfer der Sinfonie Nr.11 eines mir vorher völligen unbekannten rumänischen Komponisten (Dimitrie Cuclin) bekommen und bin hoch erfreut darüber. Ich habe auch den Eindruck, dass sich mir erst so peu à peu das Spektrum der Musikwelt erschließt. Nur ein Beispiel: ich habe dieses Jahr auch eine Sinfonie aus der Ukraine bekommen, die mir der Zusender als "klaren Gewinner des Wettbewerbs um die schlechteste sowjetische Sinfonie" präsentiert hat - es handelt sich um die Zweite Sinfonie von Wolodymyr Solotuchyn. Ich glaube fast, er dürfte recht haben - die Sinfonie ist sehr seicht und von (schlechter) Popmusik inspiriert. Allerdings war mir vorher gar nicht so bewusst, dass solche Musik in der Sowjetunion der 1970er Jahre auch eine gewisse Rolle gespielt hat, und somit hat sich auch diese Anschaffung für mich in gewisser Hinsicht gelohnt.


    Eine sehr positive Überraschung war dagegen die Dritte von Orest Jewlachow, Tischtschenkos Lehrer, die einen Stil repräsentiert, der mir bisher von sowjetischen Werken auch noch nicht so geläufig war, sehr stark auf Quarten aufbauend, recht herb, eigentlich gar keine Schostakowitsch-Einflüsse.


    "Zeitverschwendung" ist das alles für mich keinesfalls, sondern eine unglaublich spannende Angelegenheit. Eigentlich kann es im neuen Jahr einfach so weitergehen wie bisher...


    Die Schwerpunkte sind wie immer russische bzw. sowjetische Musik, Werke aus dem Ostblock (insbesondere DDR) und Skandinavisches, aber letzten Endes interessiert mich noch sehr viel mehr. Letztens entpuppte sich etwa Egon Wellesz als erhebliche Bereicherung für meine Sammlung. Einfach die Augen offen halten und sehen, was man bekommt...


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    gerade noch eine Anmerkung zum Thema Dezsö Ránki / Zoltán Kocsis: ich habe vor ein paar Monaten mal im Ungarischen Rundfunk eine Aufführung des Klavierkonzerts Nr.3 von Pál Kadósa mitgeschnitten; ein Konzert vom 5. April 2008 mit Ránki am Klavier und Kocsis am Pult. Zwar habe ich keine Vergleichsmöglichkeiten (ist dieses Stück überhaupt mal auf CD erschienen? habe vorher recherchiert und nichts gefunden), aber die Aufführung finde ich schon ziemlich klasse. Kocsis und Ránki sind ja beide Schüler Kádosas, eines hier wohl eher unbekannten ungarischen Komponisten.


    Übrigens ist Kocsis ja sogar Chefdirigent der Ungarischen Nationalen Philharmoniker, und das bereits seit 1997 - ich möchte mir hier kein Urteil über seine Fähigkeiten als Dirigent erlauben, aber Fakt ist, dass die Programmgestaltung dort wirklich sehr interessant ist. Ich habe schon ein paar mal (zum Teil ganz neue) Werke mitgeschnitten und dabei einige ziemlich überzeugende Sachen kennengelernt (unter anderem eben das oben genannte Klavierkonzert).


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    soeben gehört:


    Hilding Rosenberg (1892-1985)
    Sinfonie Nr.5 "Hortulanus" mit Mezzosopran und Chor (1944)
    Charlotte Hellekant, Mezzosopran / Chor der Stockholmer Konzerthalle / Schwedisches RSO / Stig Westerberg


    Liegt bei mir schon seit einigen Woche ungehört herum; dass ich die Sinfonie ausgerechnet jetzt hervorhole, hat nichts mit ihrem Inhalt (vertont biblische Texte) zu tun, sondern lediglich damit, dass ich in diesen Tagen endlich mal wieder Zeit habe, ausgiebig Musik zu hören. Ich finde auch nicht, dass sich die Musik unbedingt stark religiös anhört - aber einige interessante Klangwirkungen lassen aufhorchen. Die gut dreiviertelstündige Sinfonie besteht aus fünf Sätzen in frei gehandhabter Tonalität. Macht definitiv Lust auf mehr Rosenberg! Übrigens wüsste ich nicht, dass vorliegende Einspielung jemals im Handel erhältlich gewesen wäre; ich habe sie als Rundfunkmitschnitt eines Live-Konzerts aus dem Jahre 1992 von einem Bekannten erhalten.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    bei mir wurde eine (jedenfalls für mich persönlich) empfindliche Lücke in meiner Sammlung geschlossen:



    Ture Rangström (1884-1947)
    Sinfonien Nr.1-4
    Dithyrambe (1909), Intermezzo drammatico (1916-18 ), Frühlingshymne (1942)
    Sinfonieorchester Norrköping / Michail Jurowski
    Seit Ewigkeiten auf meiner "Zu kaufen"-Liste... Ich habe mir schon mal die Sinfonien Nr.1&3 angehört und bin sehr angetan. Mal schauen, was noch so auf mich zukommt!


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    es läuft:


    Borys Ljatoschynskyj (1895-1968 )
    Sinfonie Nr.3 h-moll (1951, rev. 1954)
    Staatliches SO der Ukraine / Wadym Hnedasch


    Diese Sinfonie ist dem 25. Jahrestag der Oktoberrevolution gewidmet; das Beiheft stellt aber auch Bezüge zum Zweiten Weltkrieg her. Egal, vor welchem programmatischen Hintergrund sich das Werk nun abspielt: es handelt sich auf jeden Fall um eine sehr monumentale, epische, heroisch-dramatische Sinfonie. Das eingangs vorgestellte, recht "slawisch" klingende Thema durchzieht als eine Art Motto die gesamte Sinfonie bis hin zur massiven Coda des letzten Satzes. Sehr opulent orchestriert unter Betonung des Blechs. Ich muss gestehen, dass ich für derartige sowjetische Monumentalsinfonik eine gewisse Schwäche habe; und ich habe diese Sinfonie mit großem Vergnügen gehört. Ich finde sie aber auch ziemlich gut gemacht.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo Uwe,


    ohne Berlinskis beeindruckende Leistung schmälern zu wollen: er war zum Zeitpunkt seines Todes kein aktives Mitglied mehr - im Sommer 2007 hat er sich vom Quartettspiel zurückgezogen; sein Nachfolger heißt Wladimir Balschin. So umfasst die "Ära Berlinski" letztlich 62 Jahre. Berlinski blieb dem Quartett danach jedoch als "künstlerischer Berater" erhalten. Kann man auf der Homepage des Borodin-Quartetts, die leicht "ergooglebar" ist, nachlesen... Deswegen ist davon auszugehen, dass das Borodin-Quartett auch in Zukunft bestehen wird. Ich habe übrigens einen Konzertmitschnitt der neuen Besetzung vom 4. Oktober 2007; gespielt werden Mjaskowskis 13. Quartett, Schostakowitschs 1. Quartett und (Pjotr) Tschaikowskis 3. Quartett.


    Was nun das Borodin-Quartett an und für sich betrifft: für mich persönlich ist diese Formation nicht nur wegen ihrer exzellenten Darbietungen, sondern gerade auch wegen der Vielfalt ihres Repertoires interessant. In meiner Sammlung habe ich Aufnahmen des Borodin-Quartetts mit Werken etwa von German Galynin (die beiden Streichquartette) oder Otar Taktakischwili (dessen hervorragendes c-moll-Quartett). Aber auch Klaviertrios haben die Mitglieder eingespielt, und naturgemäß ist hier Berlinski stets beteiligt: etwa Galynins Klaviertrio d-moll (mit Luba Jedlina, übrigens Ehefrau Rostislaw Dubinskis) oder in der gleichen Besetzung das Klaviertrio von Wissarion Schebalin - dieses Stück habe ich übrigens in Form einer uralten 10 Zoll-Schallplatte. Später dann mit Elisabeth Leonskaja Schostakowitschs Klavierquintett und Klaviertrio Nr.2.


    Im Konzert erlebt habe ich das Ensemble freilich nie.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    und noch ein weiteres sowjetisches Streichquartett ungefähr aus der gleichen Zeit hinterher:



    Boris Tschaikowski (1925-1996)
    Streichquartett Nr.5 (1974)
    Ilja Ioff (Violine I), Jelena Raskowa (Violine II), Lidija Kowalenko (Viola), Alexei Massarski (Violoncello)


    Diese Doppel-CD ist recht neu erschienen; für mich war sie ein Muss und ich kann sie nur wärmstens weiterempfehlen - der Preis von 30 Euro ist hier absolut zu verschmerzen, wie ich meine. Im Vergleich zu Tischtschenkos Viertem Quartett ist Tschaikowskis Fünftes Quartett wesentlich konziser; ein einsätziges Werk, das nicht einmal eine Viertelstunde dauert.


    Der emotionale Gehalt dieses Werkes basiert im Wesentlichen auf einer Art Dualismus: Bewegung und Innehalten; Erregung und Beruhigung. Tschaikowski beginnt mit schneidenden Dissonanzen, aus den sich eine beunruhigte pendelnde Bewegung löst. Der Schmerz, der diese Anfangstakte erfüllt, wird nach einer Weile durch eine fallende Geste gelindert; die pendelnde Bewegung bleibt erhalten, wird aber besänftigt und klingt fast tröstlich, nostalgisch. Das sich hier andeutende Konfliktpotential speist das gesamte Werk. Am Ende scheinen sich Schwermut und Resignation durchzusetzen, aber Tschaikowski lässt das Werk letztlich doch zur Ruhe kommen und mit einem friedlichen F-Dur-Akkord ausklingen.


    Übrigens kam mit die Thematik des Quartetts beim ersten Hören sehr bekannt vor: Tschaikowski hat die pendelnde Bewegung und das fallende Motiv nämlich in seiner 1987 komponierten "Musik für Orchester" wiederverwendet, dort in den Sätzen "Weiter Weg" (was sich wohl auf das menschliche Leben, den Lebensweg eben, bezieht) und "Schatten" (hier sogar von solistischen Streichern zitiert).


    In seiner Eindringlichkeit und unmittelbaren Diktion wirkt das Werk auf mich sehr überzeugend. Der Kontrast zwischen aufgewühlter, emotional bewegter Musik und lyrischen Passagen, die durch eine seltene Schönheit und Reinheit des Klangs bestechen, ist für Tschaikowski nicht untypisch; eine gewisse "psychologisierende" Komponente würde ich als durchaus charakteristisch für sein Schaffen ansehen.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    aktuell läuft:


    Boris Tischtschenko (*1939)
    Streichquartett Nr.4 op.77 (1980)
    Glasunow-Quartett


    Gab's mal bei Olympia, zusammen mit dem ersten Streichquartett. Ich höre diese CD zum ersten Mal; während mir das erste Streichquartett letztlich doch unverkennbar ein Schülerwerk zu sein scheint (Tischtschenko war zum Zeitpunkt der Komposition gerade einmal 18 Jahre alt - kein schlechtes Werk, aber zum Teil sehr knapp gehalten und irgendwie noch auf der Suche nach einem eigenen Stil), ist das Vierte ein sehr ambitioniertes Werk. Es besteht aus vier bzw. fünf Sätzen: zwischen drittem und viertem Satz befindet sich ein kurzes, lakonisches Intermezzo von nicht einmal zwei Minuten Dauer. Ansonsten ist dieses Werk freilich keineswegs knapp gehalten: alle Sätze gehen unmittelbar ineinander über, was zu Folge hat, dass das Quartett aus 47 Minuten Musik am Stück besteht.


    Letztlich ein typischer Tischtschenko: kurze, schlichte Motive werden einer stetigen Metamorphose unterworfen, Klangballungen ausgesetzt, um letzlich wieder zu sich selbst zurückzufinden. Dieses Verfahren hat Tischtschenko im Laufe seines Lebens mehr oder weniger perfektioniert. Manchmal klingt dies dann doch etwas arg routiniert (manche Klaviersonaten finde ich beispielsweise eher schwächer), aber sehr oft liefert Tischtschenko wirklich beeindruckende Resultate wie das großartige Violinkonzert Nr.2; und das vorliegende Streichquartett ist sicherlich auch sehr interessant. Emotionaler Höhepunkt des Werks ist der aggressive, wütende dritte Satz. Das Finale wirkt demgegenüber fast etwas harmlos.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    kurz zur Information: ich habe diese CD, und das Booklet vermerkt, dass Wolfgang Boettcher die Komplettierung eines gewissen E. Lewicki (eine flüchtige Google-Recherche legt nahe, dass "E." für Ernst steht) aus dem Jahre 1917 verwendet. Ich zitiere das Beiheft:


    Zitat

    Um Mozartfremde Stileinflüsse zu vermeiden, hatte jener für den Mittelteil des Satzes die Harmoniefolge des entsprechenden Abschnittes aus einem Andante (Klaviersonate KV 333) herangezogen, außerdem bediente sich Lewicki bei der Bearbeitung des Schlussteils eines Gedankens aus dem Klarinettenkonzert KV 622 (Adagio). Geringfügige Korrekturen sowie die Rückversetzung in die Originaltonart B-Dur stammen von Wolfgang Boettcher selbst.


    Das Stück dauert hier siebeneinhalb Minuten; ich muss zugeben, dass ich es derzeit nicht im Kopf habe - die CD besitze ich seit Jahren, aber lange nicht gehört. Das o.g. Zitat klingt für mich allerdings schon etwas seltsam (Thema aus dem Klarinettenkonzert?, Transposition durch Lewicki?).


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    gerade höre ich zum ersten Mal ein Werk des wohl eifrigsten Sinfonikers aller Zeiten:


    Leif Segerstam (*1944)
    Sinfonie Nr.151 "Challenging the risks with Molto ‘FLU-ENTE’, largamente grandioso... al..." (2006)
    BBC Scottish SO / Leif Segerstam


    Soweit ich informiert bin, ist er mittlerweile bei 210 Sinfonien angelangt, naja... Es fällt mir recht schwer, diese Musik adäquat zu beschreiben. Das Werk ist jedenfalls einsätzig und dauert knapp 27 Minuten. Es ist im Grunde genommen völlig atonal und lebt von breiten Klangflächen, die recht üppig instrumentiert sind. Melodische Fragmente sind klar zu vernehmen. Den Titel finde ich recht enigmatisch, wobei sich largamente und grandioso durch die Musik erklären, ebenso molto fluente; was allerdings die Schreibweise "FLU-ENTE" zu bedeuten hat, erschließt sich mir nicht.


    Viele Grüße
    Holger