Beiträge von Holger Sambale

    Hallo,


    Vasks ist ein Komponist, dessen Musik ich generell betrachtet sehr gerne höre - vor allem auf Grund ihres emotionalen Gehaltes. Manchmal, aber das ist jetzt eine sehr persönliche Aussage, wirkt sie auf mich einfach tröstlich.


    Es mag sein, dass man Einflüsse von Mahler, Schostakowitsch oder Chatschaturjan in dieser Musik ausmachen kann - aber der Eindruck, den man durch diese Namen vermittelt bekommt, trügt letztlich. Vor allem lebt Vasks' Musik nämlich von jenen leicht archaisch anmutenden, nicht selten auch offenbar religiös inspirierten weiten Melodiebögen. Das Chaos, das diesen gegenübersteht, stellt Vasks dagegen sehr oft durch Aleatorik dar. Nichtsdestotrotz dürfte seine Musik auch für den moderneunerfahrenen Hörer relativ leicht fassbar sein, ist sie doch fast grundsätzlich tonal oder modal fundiert und sehr melodisch gehalten.


    Ich persönlich halte sein Violinkonzert für sein bestes Werk, jedenfalls für das Werk, in welchem mir sein Konzept des Gegenüberstellens von "Gut und Böse" (ich habe ja gewisse Hemmungen, dies so scheinbar simplifiziert darzustellen, doch Vasks' Denkweise scheint sich tatsächlich überwiegend in diesen Kategorien zu bewegen) am überzeugendsten realisiert zu sein scheint. Ich gebe allerdings gerne zu, dass ich keinen besonders umfassenden Überblick über sein Schaffen besitze.


    "Fernes Licht" überzeugt vor allem durch seine Emotionalität - eine mehr als halbstündige sehr intensive Klage, mit weiten Monologe der Violine. Übrigens besteht das Orchester hier ausschließlich aus Streichern. Weite Teile des Konzertes stehen mehr oder weniger eindeutig in a-moll. Mehrere Aspekte erscheinen mir bemerkenswert: zum einen das athmosphärische Sirren des Beginns, wie Lichtreflexe, die undeutlich am Horizont schimmern. Daraus entstehen langsam Strukturen, die dann zu den erwähnten ausschweifenden melodischen Linien führen.


    Weiterhin ist der Höhepunkt des Konzerts meiner Ansicht nach sehr bewegend: eine Art schneller Walzer, der dissonant verzerrt wird und in einen schmerzerfüllten langen Tremolo-Akkord mündet. Wenn danach nur ein hohes "a" im äußersten Piano erklingt, als wäre dies alles, was nach den Konflikten übrig geblieben ist, dann wirkt die Trauer dieser Musik auf mich persönlich schon unmittelbar. Übrigens besteht der Schluss wiederum aus den sirrenden, fluoreszierenden Klängen des Beginns in der Solovioline - das Konzert erstirbt in der Stille.


    In anderem Werken geht Vasks ganz ähnlich vor, was teilweise auch zu sehr bemerkenswerten Resultaten führt: die Kantilene des Cellokonzertes ist zum Beispiel ein ganz vortrefflicher Einfall, und wenn im Schlusssatz das oben bereits erwähnte lettische Volkslied erklingt, wirkt die Musik auf mich wirklich unheimlich befreiend.


    Nun mag aber bereits angeklungen sein, dass ich Vasks trotz allem nicht nur positiv gegenüber stehe. Was mich zum Teil recht nachdenklich stimmt, sind folgende Überlegungen: zunächst habe ich den Eindruck, dass Vasks sich manchmal stark an einem gewissen Schema orientiert, dass sich vieles vielleicht über Gebühr gleicht. Nun ist es ja durchaus positiv, wenn ein Komponist eine eigene Stimme entwickelt. Andererseits ist Vasks so ein Fall, bei dem ich eben manchmal denke, dass er seinen Tonfall doch sehr über gewisse Parameter und Eigenheiten definiert, die auf Kosten einer schärferen Profilierung des einzelnen Werks gehen. Als ob ein Schema immer wieder mit neuem Inhalt zu füllen sei.


    Weiterhin finde ich, dass Vasks' Musik letztlich doch recht schlicht gebaut ist - weniger in musikalischer Hinsicht als vielmehr in ideeller. Sie scheint mir eben gerade auf den ewigen Dualismus von Gut und Böse hinauszulaufen, und das ist natürlich eine Position, wie man sie sich simpler kaum vorstellen kann. Außerdem muss ich gestehen, dass mir seine Kommentare zum Teil durch ihre stark moralisierende Tendenz wenig zusagen.


    Ich muss in diesem Zusammenhang ganz ehrlich gestehen, dass ich nicht selten erhebliche Probleme damit habe, seine eigenen Interpretationen in seiner Musik wiederzufinden. Lese ich etwa weiter oben, das Violinkonzert führe von Gefährdung zu Hoffnung, so kann ich nur beteuern, dass ich das schlicht und einfach nicht höre. Für mich ist das Ende dieses Werks letztlich tief traurig, ein Verdämmern in der Ferne. Ich selbst würde dies so interpretieren, dass das Ferne Licht, das Vasks im Titel anspricht, am Ende Illusion bleibt oder zumindest unerreichbar erscheint. In diesem Punkt scheint die Ansicht des Komponisten aber erheblich von der meinigen abzuweichen.


    Um eine Art kleines Fazit zu ziehen: ich höre Vasks' Musik generell ausgesprochen gerne, und es hat mal eine Phase in meinem Leben gegeben, in der ich fast täglich sein Violinkonzert gehört habe - die CD ist dementsprechend übrigens recht mitgenommen... Ich empfehle gerade dieses Werk mit Nachdruck weiter. Trotzdem lassen seine ästhetischen bzw. ideellen Positionierungen bei mir gewisse Fragen offen. Natürlich nur meine persönliche Einschätzung! Es gibt jedenfalls nicht viele Komponisten, die ich selbst so ambivalent sehe wie ihn.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    ich höre gerade:



    Johann Cilensek (1913-1998 )
    Konzertstück für Klavier und Orchester (1966)
    Dieter Zechlin, Klavier / Staatskapelle Weimar / Gerhard Pflüger


    Dieses Werk höre ich öfters und finde es sehr gut. Es ist schon ein weiter Weg, den Cilensek in den 12 Jahren seit der Komposition seiner Ersten Sinfonie (1954) zurückgelegt hat - dort noch Hindemith-Nachfolge, hier eigentlich keine tonale Bindung mehr, stattdessen Experimente mit Zwölftontechnik und Serialismus. Eine ungemein kernige, rhythmisch geprägte und kraftvolle Musik, dramatisch und ausdrucksstark. Drei Sätze (Fantasie, Adagio und Tokkata) formieren sich zu einem sehr facettenreichen und vielgestaltigen Werk von knapp 20 Minuten Dauer. Empfehlenswert!


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    ich habe mir heute abend doch mal eine Stunde Zeit genommen, um mir folgendes Werk zu Gemüte zu führen:



    Allan Pettersson (1911-1980)
    Sinfonie Nr.6 (1963-66)
    Deutsches Symphonie-Orchester Berlin / Manfred Trojahn


    Mit Sicherheit eines der erschütterndsten Werke, die ich jemals gehört habe. Die Sinfonie ist einsätzig, dauert aber eine volle Stunde. Davon kann man allerdings fast eine halbe Stunde als "Schluss" der Sinfonie begreifen, ein allmähliches Ersterben, eine Art schwarzer Sog. Die Traurigkeit und Verstörtheit dieser Musik ist schwer beschreibbar. Immer wieder Gesten der Auflehnung, des Kampfes, am Ende jedoch nur finsterste Resignation. Sicherlich hat Petterssons schwere Krankheit deutliche Spuren in dieser Musik hinterlassen.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    ich höre gerade erstmals:


    Nikolai Mjaskowski (1881-1950)
    "Der Kreml bei Nacht", Kantate-Nocturne für Sopran, Tenor und Orchester op.75 (1947)
    Staatliche Sinfonie-Kapelle Russlands / Gennadi Roschdestwenski


    Das ist (natürlich) nicht in der Swetlanow-Box enthalten, sondern es handelt sich um einen Konzertmitschnitt aus dem Jahre 2005. Ich wüsste auch nicht, dass das Werk jemals aufgenommen wurde. Es dauert knapp 20 Minuten und ist in seiner lyrischen, leicht balladesken Stimmung meiner Ansicht nach sehr reizvoll. Dass Mjaskowski ausgerechnet dieses Werk im Jahre 1948 negativ ausgelegt wurde, zeigt die Verrücktheiten der damaligen Ereignisse. Übrigens: bei der Staatlichen Sinfonie-Kapelle Russlands handelt es sich um einen Chor und ein Orchester, und letzteres dürfte unter seinem früheren Namen (Sinfonieorchester des sowjetischen Kulturministeriums) besser bekannt sein.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    gerade ist ein neuer Komponist in den Fokus meines Interesses gerückt:



    Allan Pettersson (1911-1980)
    Sinfonie Nr.2 (1952/53)
    BBC Scottish Symphony Orchestra / Alun Francis


    Pettersson, ein Schwede, der den Großteil seiner Sinfonien als schwer kranker Mann schrieb, ist ja heute kein Unbekannter mehr; in meiner Diskographie fehlte er indes bislang. Die Zweite Sinfonie ist ja bereits nicht eben unmittelbar zugänglich - allein schon die Ausdehnung (einsätzig, aber über eine Dreiviertelstunde lang) wirkt recht sperrig. Ich finde die Musik aber, was meine ersten Eindrücke betrifft, durchaus ansprechend. Sehr emotional, oft in sich gekehrt, fast wie zusammengekauert. Mal schauen, was sein Sinfonienzyklus noch so alles zu bieten hat.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    ich habe mich in den letzten Stunden mit folgender Musik beschäftigt:


    Murad Kaschlajew (*1931)
    Suite Nr.2 aus dem Ballett "Gorjanka (Das Mädchen aus den Bergen)" (1967)
    SO des Kirow-Theaters / Dschemal Dalgat


    Genauer gesagt habe ich die LP digitalisiert und höre gerade Probe. Kaschlajew ist ein dagestanischer Komponist; die vorliegende Ballettmusik ist recht traditionell (sehr stark Richtung Chatschaturjan). Sehr dominante folkloristische Prägung, besonders markant die kernigen Rhythmen dieser effektvollen, sofort ins Ohr gehenden Suite (Gesamtspielzeit rund 50 Minuten). Musik, die man durchaus als typisch sowjetisch bezeichnen kann, was nicht negativ zu verstehen ist.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    um ein weiteres sehr interessantes, aber völlig unbekanntes Klavierkonzert zu nennen:


    Alemdar Karamanow (1934-2007)
    Klavierkonzert Nr.1 (1958 )


    Ich glaube, das Dritte Klavierkonzert dieses Komponisten gab es mal auf CD; ich habe es noch nicht. Dagegen ist das erste Klavierkonzert wohl nie auf CD erhältlich gewesen - die Einspielung, die mir vorliegt, muss ein Livemitschnitt sein. Ich habe ihn auf privatem Wege erhalten, die Interpreten sind mir unbekannt.


    Das Werk hat es allerdings ziemlich in sich: ein Einsätzer von nicht einmal 13 Minuten Dauer, in denen eine Menge los ist. Der extrem vitale Charakter, die Arbeit mit sehr kurzen, folkloristisch wirkenden Motiven erinnert ein wenig an Schtschedrins Erstes Klavierkonzert, das einige Jahre zuvor entstand, auch Prokofjews Erstes Klavierkonzert könnte man mit dem Werk in Verbindung bringen. Jedoch birgt Karamanows Werk gewisse Turbulenzen: die Fröhlichkeit wirkt überdreht, ja fast grell verzerrt. Das Konzert teilt sich in mehrere kleine Abschnitte, Folklorismen und lyrisch-gesangliche, romantisierende Themen wechseln sich in einem bunten Panorama mit stellenweise eher ruppigen Gesten ab. Am Schluss mündet das Werk in eine Wiederaufnahme des Anfangs, um dann mit einem wilden Orchesterwirbel und einem regelrechten "Absturz" (Posaunenglissandi nebst Trommelschlag) zu enden. Ein Werk, das zunächst viele Charakteristika sowjetischer "Jugendkonzerte / -concertinos" (von denen es ja in jener Zeit eine Menge gab) erfüllt, diese jedoch in der Totale betrachtet bemerkenswert übersteigert und mit Zwischentönen versehen präsentiert.


    Als sowjetisches Werk ist das Konzert für seine Entstehungszeit sehr ungewöhnlich und auf jeden Fall auch sehr hörenswert. Virtuos und gut komponiert ist es sowieso...


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    ich höre:


    Finn Mortensen (1922-1983)
    Sinfonie op.5 (1953)
    Osloer Philharmoniker / Mariss Jansons


    Von diesem Komponisten höre ich hiermit zum ersten Mal Musik; vorher kannte ich noch nicht einmal seinen Namen. Mortensen war Norweger, was sich allerdings gar nicht in seiner Musik manifestiert - keinerlei Folklorismen. Ich habe bei meinen Recherchen öfters gelesen, dass Mortensen in seinen frühen Werken eher neoklassizistisch orientiert gewesen sei (später war er offenbar vorwiegend an zeitgenössischen Kompositionstechniken orientiert; seine Werke der 1970er bezeichnete er z.B. als "neoseriell"); allerdings klingt diese Sinfonie für meine Ohren nicht besonders neoklassizistisch. Ich würde sie eher in Richtung Expressionismus einordnen. Auf jeden Fall ein recht ambitioniertes, ausdrucksstarkes Werk.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    bei mir sind heute ein paar antiquarische Partituren eingetroffen - allesamt von Werken, die ich auf Schallplatte besitze (und sehr schätze):


    Ernst Hermann Meyer (1905-1988 )
    Sinfonie für Streicher (1946/47, 1958 )
    Divertimento concertante für Orchester (1973)
    "Kontraste, Konflikte", Sinfonia für Orchester (1977)


    Siegfried Köhler (1927-1984)
    Violinkonzert op.64 (1979-81)


    Im Falle des Violinkonzertes von Siegfried Köhler handelt es sich um einen Abzug des Manuskripts für den Verlag. Noch im Nachhinein sind handschriftliche Änderungen, größtenteils Streichungen, vorgenommen worden - ich konnte noch nicht genau identifizieren, ob das auch Köhlers Schrift ist oder ob jemand anderes dafür verantwortlich ist (oder beides gemischt). Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass Köhler die Striche veranlasst haben wird. Offenbar wurde diese Fassung auch für die Schallplattenaufnahme (die aus dem Jahre 1984 stammt) verwendet - alle Änderungen, die ich auf den ersten Blick gesehen habe, stimmen jedenfalls mit der Einspielung überein, so weit ich diese im Kopf habe (ich kenne das Konzert allerdings ziemlich gut, ist eines meiner Lieblingsviolinkonzerte). Angefügt ist noch die Solostimme in der Druckversion, Edition Peters. Die meisten Änderungen finden sich hier wieder. Schon sehr, sehr interessant...


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    ich bin - wie vermutlich bekannt - auch ein erklärter Simpson-Begeisterter. Vielleicht erkläre ich kurz, wie ich auf diesen Komponisten gekommen bin: ich habe vor einigen Jahren, als ich noch dabei war, mir selbst das Internet quasi zu "erschließen", auf der Homepage von Hyperion Simpsons Elfte als Neuerscheinung gelistet gesehen. Damals war ich noch eher "Moderne-skeptisch" (was sich mittlerweile ja doch ein wenig gewandelt hat), aber ich habe einfach mal in die Hörprobe hereingehört. Es handelte sich um einen Ausschnitt aus dem Schlusssatz (die hymnische Steigerung kurz vor dem Ende), und ehrlich gesagt hat mich diese Musik völlig elektrisiert. Kurze Zeit später habe ich mir die CD gekauft. Danach wollte ich mir immer schon alle Sinfonien zulegen, bin aber darüber hinweggekommen. Erst, als ich im Herbst des Jahres 2006 mein Studium in Bielefeld aufgenommen habe, habe ich in einer der ersten Wochen einfach mal jpc einen Besuch abgestattet - als ich dort für 50 Euro die Gesamteinspielung herumliegen sah, musste ich sie mir einfach kaufen. Und die Box war wirklich jeden Cent wert...


    Wolfgang, deine Liste ist insofern leicht irreführend, als dass die Sinfonien, von denen du schreibst, sie seien für "Kammerorchester" komponiert, nicht wirklich für Kammerorchester geschrieben sind. Zum Teil hat Simpson hier eben die Beethovensche Orchesterbesetzung gewählt, was für modernere Verhältnisse vielleicht eher dezent erscheinen mag, aber unter dem Begriff "Kammerorchester" verstehe ich etwas anderes. Keine der Simpson-Sinfonien ist wirklich für Kammerorchester geschrieben, das möchte ich hier noch einmal nachdrücklich betonen.


    Ich finde eigentlich alle Simpson-Sinfonien sehr stark. Natürlich gibt es aber auch Werke unter ihnen, zu denen ich eine besondere Affinität besitze, vielleicht, weil ich mich mit ihnen intensiver beschäftigt habe als mit anderen. Die Elfte wäre so ein Fall - wie erwähnt mein erster Kontakt mit seiner Musik. Ich habe dieses Werk seinerzeit sehr, sehr oft gehört, und es ist mir daher schon besonders vertraut. Den Höhepunkt des Finales, wenn sich allmählich ein Thema aus dem ersten Satz wie eine Hymne ausbreitet, finde ich nach wie vor sehr eindrucksvoll.


    Die Neunte Sinfonie ist einfach monumental - übrigens zitiert Simpson in dieser Sinfonie Bruckner offenbar wörtlich. Ich muss an dieser Stelle ja zu meiner Schande gestehen, dass Bruckner nicht eben zu meinen Lieblingskomponisten gehört und ich seine Musik nicht besonders gut kenne. Es soll sich aber um eine Passage aus der Dritten Sinfonie handeln. Ich finde die Energie, die Simpson an den beiden großen Höhepunkten der Komposition auflädt - nämlich kurz vor Ende des 1. "Satzes" und der gigantische Höhepunkt im 3. Satz, bevor alles in sich zusammenbricht -, einfach umwerfend. Das hat fast schon kosmische Dimensionen... Über den Schluss, eine langsame, leise Coda, die aus Themenfragmenten und "leeren" Skalen zusammengesetzt ist, sagt Simpson ja selbst "and drifts away into space", was mir eine sehr angemessene Beschreibung zu sein scheint - ich persönlich habe bei dieser Musik auch immer das Gefühl, als verliere sich die Sinfonie in den unendlichen Weiten des Weltalls. Nun, ich gerate ein wenig ins Schwärmen, aber es ist einfach so, dass mir diese Musik unheimlich gut gefällt.


    Die "kosmischen" Eindrücke vermögen übrigens wenig zu verwundern, wenn man bedenkt, dass Simpson ein begeisterter Hobbyastronom war. Ich finde, das hört man seiner Musik durchaus an. Etwas anderes möchte ich auch noch thematisieren: und zwar die Rolle der Zitate in seiner Musik. Simpson hat sich in seinen Werken sehr oft auf andere Komponisten bezogen (unter den Streichquartetten gibt es sogar drei Werke, die sich auf Beethovens Rasumowski-Quartette beziehen). Das hört man z.B. auch in der Vierten Sinfonie (Scherzo - Beethoven, Haydn) oder in der Zehnten, zu der ich gleich noch ein paar Worte verlieren möchte. Man sollte sich allerdings davor hüten, Simpsons Zitate als bloße Einsprengsel oder dergleichen zu betrachten. Ich würde seine Art, sich auf ältere Werke zu beziehen, eher als Versuch betrachten, aus den jeweiligen Werken gewissermaßen die Essenz zu ziehen, sie auf ihre Charakteristika und Eigenart zu reduzieren. Diese stellt Simpson dann in den Kontext seiner ureigenen Tonsprache - völlig organisch und höchst selbstständig.


    Die Zehnte Sinfonie hat zum Beispiel einiges mit Beethovens Hammerklaviersonate gemeinsam - ihre Struktur, das regelrecht "auffahrende" Hauptthema... Nicht zu vergessen die gewaltige Fuge am Ende, die in elementarer Gewalt kulminiert. Auch dies eine meiner Lieblingssinfonien. Nennen möchte ich für mich persönlich noch die Siebte, ein besonders konfliktreiches Werk. Das Beiheft interpretiert den Schluss dieser Sinfonie wie folgt: "Hier findet kein abschließender Sieg statt, und negative Kräfte wird es immer in der Welt geben. Man muss sich ihnen stellen und sich mit ihnen auseinandersetzen." Es ist diese philosophische Komponente, die für mich die Beschäftigung mit Simpson besonders reizvoll macht.


    Übrigens finde ich, dass sich Simpsons Musik nicht besonders "englisch" anhört, vielleicht eher in Richtung Skandinavien. Ich selbst höre durchaus gern englische Musik, jedoch ist habe ich das Gefühl, dass das letzte Bisschen, was mir bei vielen englischen Komponisten letztlich öfters fehlt, weshalb ich ihre Musik manchmal eben "nur" nett finde, bei Simpson gerade vorhanden ist. Um Missverständnisse zu vermeiden: das ist natürlich eine höchst persönliche Aussage, die sich vor allem auf meinen eigenen Musikgeschmack bezieht.


    Vielleicht schreibe ich später noch ein wenig mehr...


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    eben gehört:


    Janis Ivanovs (1906-1983)
    Sinfonie Nr.7 c-moll (1953)
    Lettisches NSO / Leonids Vigners


    Damit ist meine Sammlung der 21 Ivanovs-Sinfonien komplett - und die Siebte ist wirklich ein besonders lohnenswertes Werk. Sie stammt aus jener Periode, in der Ivanovs sich mit dem, was in der UdSSR damals unter "Sozialistischer Realismus" verstanden wurde, zu arrangieren versuchte. Ich kenne drei größere Werke jener Zeit: die Sechste und Siebte Sinfonie sowie das Violinkonzert. Alle drei Stücke zeichnen sich durch besondere Schönheit, fließende Melodik, volkstümliche Thematik und eine helle, optimistische Grundhaltung aus. Man sieht die lettische Natur beim Hören geradezu vor sich... Natürlich ist das sehr, sehr traditionelle Musik, aber so überzeugend gemacht, dass es wirklich eine Freude ist, zuzuhören.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    bei mir was ganz Neues:


    László Dubrovay (*1943)
    Ungarische Rhapsodie für Klarinette und Orchester (2008 )
    Ákos Ács, Klarinette / Budapest Festival Orchester / Iván Fischer


    Live-Mitschnitt, den der Ungarische Rundfunk eben gesendet hat - das wollte ich mir nicht entgehen lassen und habe natürlich mitgeschnitten. Ich bin allerdings ein wenig überrascht von der Musik - vor dem Hintergrund, dass Dubrovay, den ich vorher übrigens selbst nicht kannte, unter anderem bei Stockhausen studiert hat, hätte ich erheblich modernere Klänge erwartet. Da es sich um eine Auftragskomposition handelt, mag es sein, dass Dubrovay hier bewusst "publikumstauglich" komponiert hat - jedenfalls ist das Werk eigentlich im Großen und Ganzen ziemlich traditionell gehalten. Es ist nicht nur bemerkenswert, dass das Stück eigentlich tonal gehalten ist; auch sein Aufbau ist ganz der Tradition verpflichtet: auf eine ganz "rhapsodisch-frei" gehaltene, elegisch sinnierende langsame Einleitung folgt ein schneller Hauptteil mit einem bemerkenswert schmissigen, sehr eingängigen Hauptthema. Das Ganze ist kräftig mit ungarischem Kolorit versehen. Nun, ein durchaus hörenswertes und effektvolles Stück, wie ich finde.


    Viele Grüße
    Holger


    Hallo,


    dazu muss ich sagen, dass bei jpc offenbar kürzlich irgendetwas falsch gelaufen sein muss: auf einmal waren nämlich diverseste alte, längst vergriffene CDs wieder gelistet (z.B. von Olympia). Trotz eines gewissen Misstrauens habe ich welche davon bestellt - sozusagen testweise. Natürlich habe ich letztlich doch keine bekommen. Da muss also irgendein Problem aufgetreten sein.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    meine neue Mjaskowski-Box hat sogleich eine gewisse Sucht hervorgerufen - es handelt sich um eines der Orchesterwerke, die ich vorher noch nicht kannte:



    Nikolai Mjaskowski (1881-1950)
    Slawische Rhapsodie op.71 (1946)
    Staatliches Sinfonieorchester Russlands / Jewgeni Swetlanow


    Das Werk ist auch betitelt als "Ouvertürenfantasie auf altslawische Themen aus dem 16. Jahrhundert". Was mich daran so fasziniert, ist der archaische, dunkle Charakter der Musik - modal geprägt, irgendwie urtümlich und düster. Für Mjaskowskis Tonsprache übrigens auffallend effektvoll, gerade die Instrumentation ist ungewöhnlich reichhaltig (z.B. mit Klavier). Das ebenso majestätische wie elegische Eingangsthema dominiert das Werk bis hin zu den furiosen, wilden Schlusstakten. Naja, vielleicht ein Gelegenheitswerk, aber eins, das mich emotional doch sehr anspricht.


    Viele Grüße
    Holger


    Hallo Manfred,


    Mjaskowski steht ja sogar als Lieblingskomponist in meinem Profil, ich schätze ihn sehr... ich kannte seine 27 Sinfonien schon vorher, nur hatte ich ein ganz paar noch nicht mit Swetlanow, und einige der kleineren Orchesterstücke fehlten mir noch. Daher der Kauf dieser Box. Über Mjaskowskis Tonsprache habe ich mich hier schon öfters ausgelassen; mir fehlt gerade ein bisschen die Zeit. Daher verweise ich einfach mal auf eine alte Diskussion:


    Nikolai Mjaskowski - Russlands vergessener Komponist


    Dort habe ich auch einen etwas ausführlicheren Beitrag verfasst.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    nun also meine Reaktion auf den Fünf-Euro-Gutschein... Ich habe lange gerungen, mir die folgende Box zuzulegen, weil ich so viel davon schon habe, aber andererseits wollte ich den Rest, den ich noch nicht oder eben in anderen Einspielungen besitze, doch unbedingt auch noch haben. Also habe ich mir die Mjaskowski-Box mit Swetlanow gekauft:



    Sicherlich wird sich jpc darüber gefreut haben, so eine Bestellung ausgelöst zu haben, aber das musste jetzt einfach sein.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo Matthias,


    damit hast du absolut Recht. Die DDR-Komponistenlandschaft war in der Tat sehr breit gefächert; von einem Einheitsstil kann überhaupt keine Rede sein - selbst Anfang der 1950er Jahre. Hinzu kommen bei etlichen Komponisten erstaunliche stilistische Wandlungen (man höre sich z.B. einmal Werke von Johannes Paul Thilman aus den 1950ern und aus den späten 1960ern an - was für ein Unterschied!). Das ist alles viel zu komplex und vielschichtig, als dass man es in ein paar Sätzen zusammenfassen könnte.


    Ich glaube mittlerweile, dass das hier weit verbreitete Zerrbild eines hohl-pathetischen Sozialistischen Realismus eigentlich nie flächendeckend existierte. Das Thema ist hoch interessant und auch recht diffizil, weil die Art und Weise, wie in der Sowjetunion zunächst Sozialistischer Realismus definiert bzw. wahrgenommen und umgesetzt wurde, schon recht bemerkenswert ist. Darüber kann man vielleicht später mal diskutieren. In der DDR hat es Derartiges offensichtlich nie im großen Stil gegeben. Gersters Festouvertüre ist vielleicht ein Beispiel, ja. Wobei der Fall Gerster auch ein gewisses Diskussionspotential hat: ich habe früher aus DDR-Literatur der frühen 1960er Jahre den Namen Gerster wie Donnerhall vernommen. Nachdem ich nun einige seiner Werke kennengelernt habe und sehr viel andere Musik aus der DDR kenne, erscheint mir dies aber überhaupt nicht gerechtfertigt. Gerster war innerhalb der DDR-Komponistenszene sicherlich keine herausragende Erscheinung. Das zeigt auch seine Kantate "Eisenkombinat Ost": früher hat mich ihr Impetus noch durchaus angesprochen; heutzutage finde ich das Werk recht blass und plump. Ich weiß nicht, ob du Meyers ungefähr gleichzeitig entstandenes "Mansfelder Oratorium" kennst - Klassen besser... Das hat richtig Spaß beim Zuhören gemacht; trotz des teilweise recht platten Textes gelingt Meyer eine ungemein spannende und intelligente Umsetzung des Sujets, die vor allen Dingen frei von Platitüden und Formelhaftem ist, ganz im Gegensatz zu Gersters Komposition.


    Deine Einschätzung Meyers teile ich im Übrigen voll und ganz. Schon eines seiner ersten größeren Orchesterwerke zu DDR-Zeiten, die Sinfonie für Streicher, eigentlich bereits 1946/47 komponiert, aber 1958 wohl recht umfassend revidiert, ist ein sehr scharfsinniges Werk. Und dass spätere Kompositionen wie "Kontraste, Konflikte" oder das schmerzliche "Berliner Divertimento" mit "offiziell" gearteter Parteimusik nichts zu tun haben, liegt einfach auf der Hand - insofern man bereit ist, sich die Werke einfach mal unvoreingenommen anzuhören. Und selbst in explizit politischen Werken findet man so viel Hervorragendes - etwa in "Dem Neugeborenen. Ein Oktoberpoem", einer Kantate, in der dargestellt wird, wie die Eltern ihrem neugeborenen Kind die Veränderung der Welt erklären, ein höchst poetisches und sehr bewegendes Werk, das ich ungemein schätze.


    Sehr spannend finde ich, dass sich in der DDR - wie du sagst - "Modernes" und Bekenntnis zur Partei bzw. zum Kommunismus keinesfalls ausschlossen. Siehe Paul Dessau als Paradebeispiel, und auch ein Günter Kochan ist vielleicht nicht gerade ein Avantgardist, jedoch in der Wahl seiner Mittel deutlich über das hinausgehend, was meist als Musik des Sozialismus apostrophiert wird. Nur als Beispiele! Es scheint auch, als habe es zum Teil eine wirkliche intellektuelle Auseinandersetzungen mit sozialistischen Inhalten auf musikalischer Ebene gegeben, etwa durch Bezug zu Marx und der Idee, so etwas wie "dialektisch" geprägte Musik zu schreiben - Vergleichbares ist mir aus der Sowjetunion eigentlich gar nicht bekannt.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo Medard,


    jetzt also doch etwas ausführlicher!


    Grundsätzlich ist dieses Projekt höchst begrüßenswert, weil wirklich viel sehr Gutes in den Archiven schlummert. Das sieht man ja etwa am Geißler, oder an dem auf der gleichen CD enthaltenen Cilensek. Es ist für mich unverständlich, warum Berlin Classics Derartiges nicht schon früher gemacht hat, aber besser spät als nie.


    Meine Kritik entzündet sich dann tatsächlich am Beiheft. Dort wird als Konzept vorgestellt, man habe keine repräsentative Auswahl treffen wollen, sondern vor allem bisher nicht Veröffentlichtes, nicht Erhältliches der Öffentlichkeit zugänglich machen wollen. Das ist sehr lobenswert, wenn es denn mal in die Tat umgesetzt worden wäre! Ich glaube, die gesamte erste CD (Eisler, Dessau) ist von Berlin Classics auf verschiedenen CDs ohnehin auf dem Markt. Die beiden Dessau-Stücke (die ich persönlich exzellent finde) gibt es z.B. zusammen mit den Bach-Variationen und der Orchestermusik Nr.4 sowieso auf CD, in genau der gleichen Aufnahme. Und im Falle von Wagner-Régenys (ebenfalls sehr hörenswerter) Einleitung und Ode wird ein und dieselbe Einspielung jetzt zum dritten Mal auf CD veröffentlicht. Andererseits wird etwa angemerkt, man habe ein Werk wie die Vierte Sinfonie von Günter Kochan nicht aufnehmen wollen, weil sie ja sowieso auf CD veröffentlicht worden wäre. Naja, diese CD ist seit langem vom Markt - ich habe sie drei Jahre lang gesucht, und zwar vergebens. Vor wenigen Monaten war jemand so freundlich, mir die originale Nova-LP auf CD zu überspielen, sodass ich endlich dieses großartige Werk kennenlernen durfte. Vor diesem Hintergrund animiert mich die Umsetzung des vermeintlichen Konzepts schon zu leichtem Kopfschütteln.


    Dann aber auch der Text selbst: ich habe ihn zugegebenermaßen nur überflogen, weil es irgendwie grauenhaft ist, so viel Vorurteile auf einem Haufen zu lesen. Da wird ein hochpotenter Komponist wie Ernst Hermann Meyer - ich kenne fast sein gesamtes Orchesterschaffen und Kammermusik! - mal eben als "heute weithin vergessener Exponent der damaligen Kulturpolitik" abgetan, was eine groteske Aussage ist: Meyer war mit Sicherheit glühender Kommunist, aber seine Musik mehr oder weniger als Mainstream-Sozialistischen Realismus zu disqualifizieren, ist völliger Unfug. Seine Musik ist sehr durchdacht, ebenso kraftvoll wie intelligent und meidet vordergründiges Pathos geradezu. Werke wie das Violinkonzert, das ich für eines der besten Violinkonzerte des 20. Jahrhunderts halte (und damit bin ich noch nicht mal allein, habe kürzlich mit einem anderen Sammler gesprochen, der eine ganz ähnliche Meinung hatte), übrigens ein Werk über die Vergänglichkeit des menschlichen Seins, haben mit dem Bild, das dort auf diese Weise erzeugt wird, einfach gar nichts zu tun.


    Genauso Butting: seiner Neunte Sinfonie wird ein "angestrengter Tonfall" attributiert. Also, ich kannte dieses Werk schon vorher, mich hat die Vitalität, polyphone Durchdringung und rhythmische Kraft immer fasziniert, und darauf, dass diese Musik angeblich angestrengt klingen soll, bin ich trotz mehrjährigen Hörens nicht gekommen! Und so viel Pathos wie behauptet enthält sie auch nicht. Was Cilensek betrifft, findet man wieder so ein kleines Ärgernis: es wird moniert, der seinerzeitige Beitextautor Harry Goldschmidt habe dessen Vierte Sinfonie nicht in den Kontext Hindemiths oder Bartóks stellen wollen. Das mag sein! Allerdings frage ich mich umgekehrt, wieso der Autor des vorliegenden Textes verzichtet, darauf hinzuweisen, dass das Finale auf einem Volks- bzw. Kinderlied aufbaut (was Goldschmidt erwähnt). Das ist m.E. genau der Punkt: hier soll eben keine unvoreingenommene Diskussion über die Musik erfolgen, sondern eine gewisse ideologische Intention (nunmehr eben von anderer Seite) schwingt recht unverhohlen mit.


    Zu der Angelegenheit mit der vermeintlichen Provokation Geißlers habe ich mich schon geäußert. Ich weiß, dass Gerhard Wohlgemuths zwölftöniges erstes Streichquartett im Jahre 1960 für Aufregung suchte, also war Geißler nicht der erste, der dodekaphone Verfahren verwendete (andere taten das schon in den 1950ern; Geißlers Zweite soll allerdings die erste strikt zwölftönige DDR-Sinfonie sein). Und was den leisen Schluss betrifft: Günter Kochan hat in seinem Konzert für Orchester 1962 ebenfalls einen leisen Schluss komponiert, der damals für Diskussionen sorgte. Nun entstand Geißlers Sinfonie aber etwas später (nach meinen Informationen übrigens 1962-64), und damals hatten sich die Wogen wohl schon wieder etwas geglättet. Man sollte auch nicht vergessen, dass Geißler in den 1970ern explizit politische Werke komponierte, die ganz auf Parteilinie lagen. Das war zu diesem Zeitpunkt sicherlich keine "Pflicht" mehr. Vor diesem Hintergrund habe ich meine Probleme damit, Geißler als eine Art kleinen Dissidenten zu betrachten. Ich persönlich glaube eher, dass er eben ein Komponist war, der sich für modernere Kompositionstechniken begeisterte und somit vielleicht zeitweise etwas in Widerspruch zur "herrschenden Doktrin" kam, ohne jedoch ein Oppositioneller zu sein, das kann ich mir ehrlich gesagt nicht so recht vorstellen.


    Zum Schluss aber auch noch die uneingeschränkt positive Darstellung Wagner-Régenys als "Enklave innerhalb der Hochschule", so Georg Katzer. Ich kenne mich damit nicht zu 100 Prozent aus, aber meines Wissens hat gerade auch ein Komponist wie Paul Dessau für die avantgardistischen Tendenzen in der DDR-Musik eine wichtige Rolle gespielt. Ich habe sowieso meine Probleme damit, jemanden wie Wagner-Régeny als Heroen des freien Geistes (heimlicher Zwölftonunterricht und ähnliche Anekdötchen) dargestellt zu sehen - nicht nur, weil ich seine singuläre Stellung nicht recht einsehe, sondern auch, weil ich nun schon mehrfach über gewisse Verstrickungen Wagner-Régenys im Dritten Reich gelesen habe (z.B. hat Edwin diesbezügliche Andeutungen gemacht). Das ist für mich nun eigentlich kein Problem - aber wenn sein Name natürlich so gebraucht wird, dann ruft das bei mir schon Stirnrunzeln hervor!


    Ich hätte mir eine unvoreingenommene Darstellung der großartigen Komponistenszene der DDR gewünscht. Das liefert diese Box aber nicht, sondern eben leider sehr viel Tendenziöses. Da wird geschaut, was ins eigene Konzept passt, und was nicht passt, wird eben passend gemacht.


    So weit meine Meinung!


    Viele Grüße
    Holger


    P.S. Ist ja ganz schön lang geworden...


    Hallo Medard,


    sehr gute Wahl, wenn du mich fragst... Hatte meine Meinung zu diesem Werk ja kürzlich an dieser Stelle kundgetan. Ich habe mittlerweile ziemlich viel von diesem Komponisten und finde ihn hochinteressant. Es ist natürlich generell sehr begrüßenswert, dass Berlin Classics jetzt doch endlich mal ein paar Schätze zu heben gewillt ist, hat ja lange genug gedauert. Allerdings hat die Edition auch ein paar Schwachstellen - dazu äußere ich mich vielleicht später mal. An dieser Stelle nur kurz ein Aspekt: wenn Geißler im Beiheft fast als eine Art Regimekritiker (Schluss der zweiten Sinfonie als Provokation? naja) dargestellt wird, ist das nach allem, was ich weiß, ziemlich falsch. Wohl aber war er ein Komponist, der an neueren Kompositionstechniken sehr interessiert war und damit vielleicht zum Teil auch den Rahmen des "Erlaubten" (was sowieso stark zeitbezogen zu betrachten ist!) sprengte. Das führt hier jedoch zu weit... Ich hoffe, dir gefällt die Musik!


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    dann will ich hier mal eine meiner Neuerwerbungen vorstellen - komme derzeit nicht dazu, alles unter "Heute gekauft" zu notieren:



    Qara Qarayev (1918-1982)
    Sinfonie Nr.3 für Kammerorchester (1965)
    Russisches PO / Dmitri Jablonski


    Erst mal verstehe ich nicht so ganz, weshalb Naxos "Kara Karayev" schreibt, was die (englische) Transskription aus dem Kyrillischen darstellt - in Aserbaidschan ist mittlerweile ja ein lateinisches Alphabet eingeführt worden, und somit müsste man korrekterweise "Qara Qarayev" schreiben. Die Dritte Sinfonie kannte ich - wie alle auf dieser CD eingespielten Werke - schon vorher aus sowjetischen Aufnahmen. Da mir diese Musik sehr gefällt, habe ich mir die CD natürlich gekauft und möchte sie gerne weiterempfehlen. Die Dritte Sinfonie - als Kompositionsdatum wird auf der CD 1964 angegeben, ich hatte vorher 1965 als Information - arbeitet mit Zwölftontechnik, und zwar auf eine sehr faszinierende und erfrischende Art und Weise, zumal Qarayev trotzdem nicht auf aserbaidschanische Einflüsse verzichtet. Die vier Sätze sind alle recht knapp gehalten (zwischen sechs und sieben Minuten) und in einem eher lakonischen, kammermusikalisch geprägten Tonfall geschrieben. Beim ersten Hören war ich ziemlich verblüfft, als ich die nonchalanten staccato-Einleitungstakte hörte; mittlerweile finde ich diese Musik sehr originell und übrigens gar nicht "typisch sowjetisch", was auch immer man darunter verstehen mag.


    Viele Grüße
    Holger

    Zitat

    Original von Frank1970
    Kennst du eigentlich Werke von Geirr Tveitt? Dessen 4. Klavierkonzert habe ich vor kurzem in der hervorragenden Naxos-Einspielung kennen gelernt. Auch wenn mich das Werk nach dem Ersthören noch nicht ganz so begeistert hat, wie z.B. die Merikanto Klavierkonzerte 2 und 3, so ist es doch auf jeden Fall faszinierende Musik, von der ich mir vorstellen könnte, dass sie auch dir gefällt. Musik, die auch genug Potential bietet, dass ich mir vorstellen könnte, dass sie mir bei wiederholtem Hören dann immer besser gefällt! :)


    Hallo Frank,


    ich bin zwar nicht Wolfgang, aber ein wenig fühle ich mich doch angesprochen - ich kenne Tveitts Viertes Klavierkonzert schon lange und schätze es sehr. Vielleicht nicht der ideale Einstieg in Tveitts Klangwelt, es ist jedenfalls sein "modernestes" Werk (ich persönlich würde mit dem Fünften Klavierkonzert anfangen, das ist vielleicht einfacher, weil melodiöser und effektvoller, oder nimm doch die Hardanger-Suiten, die gehen sofort ins Ohr und sind auch toll gemacht), aber das Vierte ist schon ein geniales Stück. Tveitt stellt hier das Nordlicht musikalisch dar, und die Palette an schillernden Klangfarben und Stimmungen ist unglaublich reichhaltig. Eine persönlich angehauchte Bemerkung: wenn ich im Winter im Dunklen vor die Tür gehe und die Sterne am Himmel sehe, geht mir ganz oft der Anfang des Finales von Tveitts Viertem Klavierkonzert durch den Kopf - dessen tiefe Ruhe und stille, von Wehmut erfüllte Schönheit verbunden mit einem Gefühl unendlicher Ferne sind irgendwie so charakteristisch für den Nachthimmel... Naja! Eben eines der Werke, für die ich schwärme...


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    gestern erhalten:



    Paul Dessau (1894-1979)
    "In memoriam Bertolt Brecht" für Orchester (1956/57)
    Gewandhausorchester Leipzig / Paul Dessau
    Bach-Variationen für Orchester (1963)
    Gewandhausorchester Leipzig / Paul Dessau
    "Meer der Stürme", Orchestermusik Nr.2 (1967)
    RSO Leipzig / Herbert Kegel
    Orchestermusik Nr.4 (1973)
    Staatskapelle Berlin / Günther Herbig
    Wollte ich mir schon länger zulegen, und habe ich auch schon längst durchgehört. Ich finde Dessaus Musik ziemlich brillant - die Bach-Variationen (in denen Themen von Carl Philipp Emanuel und Johann Sebastian Bach verarbeitet werden) oder "Meer der Stürme" sind schon irgendwie geniale Werke.



    Boris Tischtschenko (*1939)
    Klavierkonzert op.21 (1962)
    Boris Tischtschenko, Klavier / PO Leningrad / Igor Blaschkow
    Harfenkonzert op.69 (1977)
    Irina Donskaja, Harfe / Petersburger Kammerorchester / Eduard Serow
    Das Harfenkonzert kenne ich schon länger (auch in dieser Einspielung); es ist sehr empfehlenswert. Das Klavierkonzert ist ein frühes Werk. Ich muss sagen, dass die Klangqualität vorsichtig formuliert eher mäßig ist. Das ist aber bei Northern Flowers, einem Petersburger Label nichts Ungewöhnliches. In diesen Fällen bin ich eben froh, überhaupt eine Aufnahme zu besitzen.



    Ahmed Adnan Saygun (1907-1991)
    Sonatine für Klavier op.15 (1938 )
    „Incis Buch“ für Klavier op.10 (1934)
    „Aus Anatolien“, Drei Klavierstücke op.25 (1945)
    Zwölf Präludien über Aksak-Rhythmen für Klavier op.45 (1967)
    Zehn Skizzen über Aksak-Rhythmen für Klavier op.58 (1976)
    Zeynep Üçbasaran, Klavier
    Darauf bin ich auch mal gespannt. Die beiden Klavierkonzerte von Saygun sind hoch empfehlenswert, mal schauen, wie sich die Soloklaviermusik so anhört...


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    ich habe eben folgendes Werk zum ersten Mal gehört:


    Aleksi Matschawariani (1913-1995)
    Sinfonie Nr.7 "Gelati" für Chor und Orchester nach Worten von David dem Erbauer (1989)
    Irina Aleksidse, Alt / Chor und Orchester der Georgischen Staatsoper / Wachtang Matschawariani


    Ein Konzertmitschnitt vom 23. Oktober 2007 - Ausschnitte daraus bietet Wachtang Matschawariani, Sohn des Komponisten und Dirigent, auch auf seiner Homepage zum Download an. Ich habe glücklicherweise eine Aufnahme der gesamten Sinfonie vorliegen, ein Livemitschnitt, was sich natürlich auf die Tonqualität (Nebengeräusche!) auswirkt. Nichtsdestotrotz bin ich sehr erfreut darüber, nunmehr alle sieben Sinfonien Matschawarianis in Einspielungen vorliegen zu haben.


    Die Siebte Sinfonie ist mit "Gelati" untertitelt, was der Name eines georgischen Klosters ist (Ursprung des Namens ist übrigens "Genati", Geburt). In diesem Kloster liegt der oben genannte David der Erbauer, ein georgischer König im 11./12. Jahrhundert, begraben. Die Sinfonie ist sehr monumental, breit und episch-lyrisch angelegt. Sie dauert insgesamt etwa eine Stunde, wobei der erste und dritte Satz jeweils 20, der zweite und vierte Satz jeweils 10 Minuten dauern. Die Musiksprache ist stark vom Chorsatz geprägt. Ein nationaler georgischer Tonfall ist klar zu vernehmen, allerdings nicht im pittoresken Sinne (Volkstanz etc.), sondern abstrahierter, philosophischer. Sehr interessantes Werk!


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    ich höre:



    Stephen Albert (1941-1992)
    Violinkonzert "In Concordiam" (1986, rev. 1988 )
    Ilkka Talvi, Violine / Seattle Symphony / Gerard Schwarz


    Ich habe mal gelesen - wo, weiß ich gerade nicht -, dass diese Komposition Albert ziemliche Mühe gemacht haben muss. Davon zeugt nicht zuletzt die zwei Jahre nach der Vollendung erstellte Revision. "In Concordiam" heißt ungefähr "Zur Eintracht" (der Akkusativ im Lateinischen ist hier ja im Sinne einer Richtungsangabe zu verstehen). Tatsächlich ist das einsätzige Werk so konzipiert, dass sich die zu Beginn relativ disparaten Elemente (Trompetenstöße, eine Solokadenz etc.) zu einer Einheit, zu Harmonie zusammenfügen. Das thematische Material ist für Stephen Albert sehr typisch; sein Stil ist ungemein persönlich und von hohem Wiedererkennungswert. Wenngleich das Violinkonzert nicht so dramatisch-expressiv ist wie sein Cellokonzert und nicht die herbstliche Lyrik des Klarinettenkonzertes ausstrahlt, ist es doch eine sehr interessante, bei mehrmaligem Hören immer einprägsamere Komposition. Albert ist übrigens generell sehr empfehlenswert.


    Viele Grüße
    Holger


    Hallo Johannes,


    schön, dass dir die Simpson-Sinfonien so gut gefallen - meine Meinung darüber ist ja bekannt. Ich finde allerdings, dass "leichtgewichtig" ein etwas problematisches Adjektiv für die Vierte ist, denn es handelt sich zweifelsohne um ein sehr durchdachtes und vortrefflich komponiertes Werk. Der Unterschied zur Fünften Sinfonie ist eben die Grundhaltung: die Vierte Sinfonie ist im Großen und Ganzen ein eher sonniges, freundliches Werk. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Musik sehr substanzreich ist. Ich glaube, das meinst du ohnehin, wollte es nur noch mal klarstellen. Sicherlich ist die Fünfte aber auch ein Meisterwerk, wobei Simpson meiner Ansicht nach viele Meisterwerke geschaffen hat. Es verhält sich mit diesen beiden Sinfonien in etwa so wie mit der Sechsten und Siebten: auch hier ist die Sechste ein tendenziell optimistisches Werk, vielleicht insgesamt etwas dramatischer als die Vierte; nichtsdestotrotz ist die Siebte erheblich stärker an Konflikten und Problemen orientiert (übrigens ein faszinierendes Werk, die Spannung beginnt schon mit den bissig-aggressiven Anfangstakten).


    Referenzen zu Komponisten früherer Zeiten sind bei Simpson gar nicht so selten: das hat er auch in einer Reihe von Streichquartetten gemacht (in Anlehnung an Beethovens Rasumowski-Quartette), in der Neunten Sinfonie zitiert er an einer Stelle Bruckner, und die Zehnte (übrigens ein sehr komplexes und schroffes Werk) ist an Beethovens Hammerklaviersonate orientiert. Allerdings finden diese Referenzen auf einer eher abstrakten Ebene statt; die Musik ist völlig eigenständig und ungeheuer intelligent gemacht. Ich persönlich finde übrigens, dass mit der Vierten Sinfonie Simpsons reife Sinfonien erst so richtig losgehen, auch wenn die ersten drei allesamt sehr hörenswert sind. Das Beiheft verweist ja etwa darauf, dass er hier mit für ihn neuen harmonischen Mitteln arbeitet.


    Ich habe ja vor kurzem mal meine Lieblingskomponisten nach Ländern aufgestellt und mich dabei geweigert, mich auf eine bestimmte Reihenfolge bzw. Rangordnung festzulegen, weil ich das irgendwie ein bisschen despektierlich und auch vereinfachend finde: so wird man wohl kaum den einzelnen Komponisten in ihrer Besonderheit gerecht. Im Falle England muss ich allerdings doch einräumen, dass Simpson bei mir persönlich schon deutlich an vorderster Stelle steht.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    jetzt zum Abschluss des Tages noch mal was ganz anderes:



    Fritz Geißler (1921-1984)
    Sinfonie Nr.2 (1962-64)
    Gewandhausorchester Leipzig / Václav Neumann


    Diese Box mit CD-Veröffentlichungen aus dem Nova-Schallplattenkatalog der DDR ist neu erschienen, ein an und für sich sehr begrüßenswertes Projekt, auch wenn ich ein paar kritische Anmerkungen hätte - vielleicht mal an anderer Stelle. Allein wegen Geißlers famoser Zweiter Sinfonie lohnt sich die Anschaffung schon. So weit ich gelesen habe, wohl die erste zwölftönige Sinfonie der DDR-Musikgeschichte - ich wäre bei dieser Aussage aber ein wenig vorsichtig. Ein ganz seltsam (nicht negativ gemeint) aufgebautes Werk - die ersten drei Sätze sind ungewöhnlich knapp, erster und zweiter Satz dauern jeweils gut fünf Minuten, das Scherzo nur zwei. Zentrum der Komposition wird so das sehr umfangreiche Finale, das mit fast 17 Minuten länger dauert als die übrigen Sätze zusammen.


    Dies schlägt sich auch in der Tonsprache nieder: während die ersten Sätze besonders durch knappe, sehr durchsichtig und apart instrumentierte Musik bestechen, stellt das Finale in dramaturgischer Hinsicht den Höhepunkt der Sinfonie dar. Es ist mit "Sieben Variationen und ein Epilog über eine Grundgestalt" betitelt. Die Grundgestalt ist zwölftönig. Was Geißler in den Variationen daraus macht, ist schon meisterhaft und sehr beeindruckend. So werden unter anderem verschiedene Tonfälle angedeutet - Walzer, Serenade... Kurz vor dem Ende eine wahnsinnige Steigerung, die Musik ist ein einziges dramatisches Ringen, ein Kampf, der eine positive Lösung andeutet, aber nicht realisiert, sondern immer wieder mit wüsten Dissonanzen bewirft. Dies kulminiert in einem mehrfach wiederholten Akkord. Danach bleiben nur noch Schemen der Musik übrig, jedoch ohne deshalb besonders resignativ zu wirken.


    Klasse Werk, ich bin begeistert. Die Einspielung ist aber auch sehr, sehr gut. Durchhörbar und differenziert, dabei sehr spannungsvoll - so macht Neumann die Sinfonie zu einem echten Erlebnis. Kann ich uneingeschränkt empfehlen!


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo,


    jetzt habe ich mir ein Stück aufgelegt, das mir schon seit Tagen immer wieder durch den Kopf geht:


    Georgi Swiridow (1915-1998 )
    "Triptychon", Kleine Sinfonie (1965)
    Ostankino SO / Wladimir Fedossejew


    Eine wirklich sehr kleine Sinfonie, dauert gerade mal neun Minuten. Die drei Sätze sind auch nicht wirklich sinfonisch angelegt, sondern eher Miniaturen, Stimmungsbilder. Der erste Satz basiert auf einem versonnenen, leise wiegenden Thema, melancholisch und zurückgenommen. Der zweite Satz ist nur sehr kurz (anderthalb Minuten), liefert aber die größten Klangmassierungen des Werkes. Ausgehend von schweren Linien der Blechbläser kommt es zum Einsatz des vollen Orchesters (Con tutta la forza un poco maestoso). Der dritte Satz, einen Halbton höher als die beiden vorherigen in gis-moll komponiert, präsentiert eine fließende, volkstümliche Melodie, die in einem zweiten Abschnitt mit zunehmender Introspektion konfrontiert wird: vor dem Hintergrund leiser Trommelschläge erklingen in den Holzbläsern klagende melodische Floskeln. Kurz unterbrochen von einer Reminiszenz an das Hauptthema wie aus der Ferne entschwindet die Musik dergestalt in der Stille. Die Einprägsamkeit der Melodik und die atmosphärische Dichte, aber auch die Authentizität der Klangsprache machen dieses Stück für mich zu einem sehr gern gehörten Bestandteil meiner Sammlung.


    Viele Grüße
    Holger

    Hallo!


    Ich höre gerade zum zweiten Mal hintereinander ein für mich neues Werk aus Lettland:


    Janis Ivanovs (1906-1983)
    Sinfonie Nr.19 B-Dur (1979)
    Lettisches NSO / Wassili Sinaiski


    Ein LP-Transfer, der ziemliche Nebengeräusche aufweist, werde ihn wohl noch mal eigenhändig bereinigen. Die Sinfonie hat vier Sätze, von denen das an zweiter Stelle stehende Scherzo mit knapp sechs Minuten den kürzesten Umfang besitzt. Sehr charakteristisch und prägnant ist die einleitenden Tonfolge, die vom Fagott vor dem Hintergrund einer tremolierten Quarte (F-B) vorstellt wird. Ihre majestätische Ruhe ist charakteristisch für den weiteren Verlauf des Kopfsatzes sowie der gesamten Sinfonie. Immer wieder wird das Klangbild von wuchtigen, kantigen Blechbläserakkorden geprägt, die sehr monumental klingen.


    Überhaupt ist die Sinfonie ist recht groß angelegt, vor allem, was die ausschweifenden, raumgreifenden melodischen Linien angeht. Episch-heroische Wendungen, die aber keinesfalls platt wirken, charakterisieren ihre Tonsprache. Wenngleich B-Dur als Haupttonart erkennbar ist, tendiert die Musik oft genug eher nach Moll. Ihren Höhepunkt findet die Sinfonie in den erhaben-kraftvollen Klanggipfeln des Finalsatzes. Am Ende kehrt der Beginn des Kopfsatzes wieder, und die Musik verklingt ruhig, aber sehr eindrucksvoll. Tolles Werk! Übrigens ist Ivanovs' eigener Stil, den ich im Moment nur sehr schwer in Worte fassen kann (er hat auf jeden Fall einige sehr charakteristische melodische Wendungen und wohl auch rhythmische und vor allem harmonische Eigenheiten), hier sehr stark ausgeprägt. Seine Sinfonien sind mit griechischen Tragödien verglichen worden, was mir durchaus passend erscheint.


    Viele Grüße
    Holger

    Zitat

    Original von teleton
    Diese CD hatte ich gekauft um auch das Cellokonzert Nr.2 kennenzulernen. Dieses steht an Gehalt, dem Ersten aber deutlich nach und konnte mich nicht so groß begeistern.


    Hallo Wolfgang,


    naja! Sagen wir's mal so: das zweite Cellokonzert ist womöglich spröder als das erste, nicht so unmittelbar zugänglich, ich weiß nicht. Ich kenne es und mag es schon sehr gerne. Den zweiten, langsamen Teil des ersten Satzes finde ich zum Beispiel sehr gelungen. Aber dass du behauptest, es stehe an Gehalt dem ersten Konzert nach, ist nicht richtig. Es ist mit Sicherheit kein qualitativ schlechteres Werk, und nebenbei gesagt vor allem wohl für den Cellisten sehr schwierig (ich kenne die Noten allerdings nicht). Am ersten habe ich mich übrigens in früheren Tagen sogar selbst mal versucht...


    Viele Grüße
    Holger

    Zitat

    Original von Reinhard
    Damit habe ich nun die Grundlage für den einen oder anderen Beitrag in diesem Thread gelegt:



    Wobei ich sagen muß, daß ich hier unser Werbepartner etwas schwer getan hat, ein Monat verging von Bestellung bis zur Lieferung des richtigen Modells. Beim Geld abbuchen war man wesentlich schneller :boese2:


    Hallo Reinhard,


    seltsam, ich habe davon bereits zwei und bei mir dauerte die Lieferung jeweils nicht einmal eine Woche... da muss wohl etwas bei dir schief gelaufen sein.


    Um nicht komplett vom Thema abzukommen: ich habe heute eine Schallplatte bekommen mit zwei sowjetischen Werken für Streichquartett: Suite aus der Filmmusik zu "Peter der Große" (1943) von Wladimir Schtscherbatschow (1889-1952) und das Streichquartett h-moll von Erik Sapajew (1932-1963). Sapajew gehörte dem Volksstamm der Mari an, dessen berühmtester Komponist sicherlich Andrei Eschpai ist. Sapajew seinerseits schrieb die erste Mari-Oper, die er allerdings unvollendet hinterließ. Wann genau sein Streichquartett entstand, weiß ich nicht. Es spielt das Tanejew-Quartett (offenbar in seiner Erstbesetzung, ist auch eine 10-Zoll-LP und wahrscheinlich aus den 1950er Jahren).


    Viele Grüße
    Holger