Hallo,
Vasks ist ein Komponist, dessen Musik ich generell betrachtet sehr gerne höre - vor allem auf Grund ihres emotionalen Gehaltes. Manchmal, aber das ist jetzt eine sehr persönliche Aussage, wirkt sie auf mich einfach tröstlich.
Es mag sein, dass man Einflüsse von Mahler, Schostakowitsch oder Chatschaturjan in dieser Musik ausmachen kann - aber der Eindruck, den man durch diese Namen vermittelt bekommt, trügt letztlich. Vor allem lebt Vasks' Musik nämlich von jenen leicht archaisch anmutenden, nicht selten auch offenbar religiös inspirierten weiten Melodiebögen. Das Chaos, das diesen gegenübersteht, stellt Vasks dagegen sehr oft durch Aleatorik dar. Nichtsdestotrotz dürfte seine Musik auch für den moderneunerfahrenen Hörer relativ leicht fassbar sein, ist sie doch fast grundsätzlich tonal oder modal fundiert und sehr melodisch gehalten.
Ich persönlich halte sein Violinkonzert für sein bestes Werk, jedenfalls für das Werk, in welchem mir sein Konzept des Gegenüberstellens von "Gut und Böse" (ich habe ja gewisse Hemmungen, dies so scheinbar simplifiziert darzustellen, doch Vasks' Denkweise scheint sich tatsächlich überwiegend in diesen Kategorien zu bewegen) am überzeugendsten realisiert zu sein scheint. Ich gebe allerdings gerne zu, dass ich keinen besonders umfassenden Überblick über sein Schaffen besitze.
"Fernes Licht" überzeugt vor allem durch seine Emotionalität - eine mehr als halbstündige sehr intensive Klage, mit weiten Monologe der Violine. Übrigens besteht das Orchester hier ausschließlich aus Streichern. Weite Teile des Konzertes stehen mehr oder weniger eindeutig in a-moll. Mehrere Aspekte erscheinen mir bemerkenswert: zum einen das athmosphärische Sirren des Beginns, wie Lichtreflexe, die undeutlich am Horizont schimmern. Daraus entstehen langsam Strukturen, die dann zu den erwähnten ausschweifenden melodischen Linien führen.
Weiterhin ist der Höhepunkt des Konzerts meiner Ansicht nach sehr bewegend: eine Art schneller Walzer, der dissonant verzerrt wird und in einen schmerzerfüllten langen Tremolo-Akkord mündet. Wenn danach nur ein hohes "a" im äußersten Piano erklingt, als wäre dies alles, was nach den Konflikten übrig geblieben ist, dann wirkt die Trauer dieser Musik auf mich persönlich schon unmittelbar. Übrigens besteht der Schluss wiederum aus den sirrenden, fluoreszierenden Klängen des Beginns in der Solovioline - das Konzert erstirbt in der Stille.
In anderem Werken geht Vasks ganz ähnlich vor, was teilweise auch zu sehr bemerkenswerten Resultaten führt: die Kantilene des Cellokonzertes ist zum Beispiel ein ganz vortrefflicher Einfall, und wenn im Schlusssatz das oben bereits erwähnte lettische Volkslied erklingt, wirkt die Musik auf mich wirklich unheimlich befreiend.
Nun mag aber bereits angeklungen sein, dass ich Vasks trotz allem nicht nur positiv gegenüber stehe. Was mich zum Teil recht nachdenklich stimmt, sind folgende Überlegungen: zunächst habe ich den Eindruck, dass Vasks sich manchmal stark an einem gewissen Schema orientiert, dass sich vieles vielleicht über Gebühr gleicht. Nun ist es ja durchaus positiv, wenn ein Komponist eine eigene Stimme entwickelt. Andererseits ist Vasks so ein Fall, bei dem ich eben manchmal denke, dass er seinen Tonfall doch sehr über gewisse Parameter und Eigenheiten definiert, die auf Kosten einer schärferen Profilierung des einzelnen Werks gehen. Als ob ein Schema immer wieder mit neuem Inhalt zu füllen sei.
Weiterhin finde ich, dass Vasks' Musik letztlich doch recht schlicht gebaut ist - weniger in musikalischer Hinsicht als vielmehr in ideeller. Sie scheint mir eben gerade auf den ewigen Dualismus von Gut und Böse hinauszulaufen, und das ist natürlich eine Position, wie man sie sich simpler kaum vorstellen kann. Außerdem muss ich gestehen, dass mir seine Kommentare zum Teil durch ihre stark moralisierende Tendenz wenig zusagen.
Ich muss in diesem Zusammenhang ganz ehrlich gestehen, dass ich nicht selten erhebliche Probleme damit habe, seine eigenen Interpretationen in seiner Musik wiederzufinden. Lese ich etwa weiter oben, das Violinkonzert führe von Gefährdung zu Hoffnung, so kann ich nur beteuern, dass ich das schlicht und einfach nicht höre. Für mich ist das Ende dieses Werks letztlich tief traurig, ein Verdämmern in der Ferne. Ich selbst würde dies so interpretieren, dass das Ferne Licht, das Vasks im Titel anspricht, am Ende Illusion bleibt oder zumindest unerreichbar erscheint. In diesem Punkt scheint die Ansicht des Komponisten aber erheblich von der meinigen abzuweichen.
Um eine Art kleines Fazit zu ziehen: ich höre Vasks' Musik generell ausgesprochen gerne, und es hat mal eine Phase in meinem Leben gegeben, in der ich fast täglich sein Violinkonzert gehört habe - die CD ist dementsprechend übrigens recht mitgenommen... Ich empfehle gerade dieses Werk mit Nachdruck weiter. Trotzdem lassen seine ästhetischen bzw. ideellen Positionierungen bei mir gewisse Fragen offen. Natürlich nur meine persönliche Einschätzung! Es gibt jedenfalls nicht viele Komponisten, die ich selbst so ambivalent sehe wie ihn.
Viele Grüße
Holger
