Beiträge von nemorino

    Aber jetzt ist sie - leider - sehr teuer......sonst hätte ich sie gekauft.....gerade wegen der Neunten.

    Hallo kalli,


    wenn Du nach wie vor an Leibowitz' Beethoven interessiert bist, so empfehle ich Dir, die Angebote (auch bei Ebay) im Auge zu behalten. Anfang Januar gab es die CD mit den Sinfonien Nr. 4 & 7 nur einmal im Angebot, für "schlappe" 457 Euro! Da sind mir die Tränen gekommen, aber schon drei Wochen konnte man sie in England "gebraucht, sehr gut" für 19,90 € kaufen. Da habe ich natürlich sofort zugeschlagen. Deshalb ist Geduld angesagt, manchmal muß man gar nicht lange warten.


    LG Nemorino

    Vom Klang der Chesky -Ausgabe auf CD war ich von Anfang an angetan. Als ich diese im Jahre 2009 kaufte, war gerade diese angesagt ... und preiswert.

    Lieber Wolfgang,


    ich habe mir natürlich Deinen Eröffnungsbeitrag noch einmal zu Gemüte geführt und festgestellt, daß unsere Eindrücke weitgehend deckungsgleich sind. Vom künstlerischen und historischen Wert der Aufnahmen einmal abgesehen, ist auch die klangliche Realisation durch CHESKY schlicht makellos. Wenn 60 Jahre alte Aufnahmen so klingen, kann ich auf manches digitale Hochglanzprodukt neueren Datums gerne verzichten.


    Gruß nach Bonn,

    Nemorino

    Ruth (Rut) Siewert, Alt

    Lieber Rüdiger,


    danke für die Ergänzung. Über Ruth Siewert haben wir uns im letzten Frühjahr in einem anderen Thread ausgetauscht. Nach dem Solistenquartett verdient aber auch die Beecham Choral Society genannt zu werden, die damals zeitgleich mit dem Royal Philharmonic Orchestra von Sir Thomas Beecham gegründet und bis zu seinem Tod 1961 geführt wurde. Das Ensemble hat bei vielen bekannten Aufnahmen mitgewirkt, so z.B. bei Beechams Aufnahmen von Beethovens C-dur-Messe op. 87 sowie den Auszügen aus dem Ballett "Die Ruinen von Athen" (beide EMI). Ob die Chorvereinigung heute noch existiert, eventuell unter einem anderen Namen, ist mir nicht bekannt.


    LG Nemorino

    Das Beethoven-Jahr 2020, noch in frischer Erinnerung, hat mich dazu veranlaßt, mich vordringlich einmal wieder intensiv mit den Sinfonien des Jubilars zu beschäftigen. Und dabei stieß ich natürlich früher oder später auch auf die berühmte Gesamtaufnahme mit René Leibowitz (1913-1972) und dem Royal Philharmonic Orchestra aus dem Jahr 1961. Diese legendäre Ausgabe wurde bei ihrem ersten Erscheinen von der Musikwelt kaum beachtet, es gab praktische keine Resonanz in den deutschen Fono-Zeitschriften, und auch der Käufer-Zuspruch hielt sich in engen Grenzen.

    Das hatte Gründe: Erstens waren die 7 LPs in keinem Fachgeschäft zu finden, weil es sich um eine Sonderfertigung der RCA für das Magazin "Reader's Digest" handelte und damit nur den Lesern dieser Zeitschrift, die in Deutschland unter dem Namen DAS BESTE vertrieben wurde (und wird), zugänglich war.

    Zweitens war der polnisch-französische Dirigent hierzulande praktisch ein Unbekannter. Als die Kassette 1962 erschien, habe ich unter meinen Freunden und Kollegen, unter denen sich etliche Klassikliebhaber befanden, seinen Namen genannt und stieß nur auf Schulterzucken und Unverständnis. Keiner kannte ihn, und auch in einschlägigen Lexika war nichts über ihn zu finden.

    Und drittens war es damals noch ein Novum, Beethovens Sinfonien-Kosmos geschlossen in einer Box, von einem Dirigenten mit einem Orchester, anzutreffen. Eine 30 cm-LP kostete zu dieser Zeit im Geschäft preisgebunden 25 DM, so daß man für eine Kassette mit 7 LP stolze 175 Mark hätte hinblättern müssen. Wer konnte sich das leisten?

    Auch die Leibowitz-Kassette kostete immerhin ca. 90 DM, doch ich habe sie mir damals gekauft (obwohl ich sie mir eigentlich nicht leisten konnte:)). Sie befindet sich noch heute in meiner LP-Sammlung:

    Classical Music Forums - Talk Classical

    Zwei Jahre später kam dann die sensationelle Karajan-GA mit den Berliner Philharmonikern auf den Markt, zum Subskriptionspreis! Sicher nicht nur, aber auch eine Antwort des Plattenriesen DGG auf die Leibowitz-Ausgabe von Reader's Digest, die übrigens nur recht kurze Zeit zu haben war.

    Dann wurde es ziemlich still um diese Edition. Es wurde zwar immer wieder über die Leibowitz-Aufnahmen geredet und geschrieben, aber zu hören bekam man sie nicht, auch nicht im Rundfunk. Mehr als zwanzig Jahre gingen ins Land, bevor im Jahr 1985 die Münchner Firma "Internationale Schallplatten Robert Hens GmbH" eine Neuauflage, allerdings nur auf LP, in Lizenz herausbrachte.

    Dann allerdings war der Bann gebrochen: Die Musikkritik überschlug sich fast in wahren Lobeshymnen über diese "bahnbrechende" Interpretation, die für sich in Anspruch nehmen konnte, durchgängig die Metronomvorschriften des Komponisten beachtet zu haben, wie sie Rudolf Kolisch 1942 in seiner Schrift "Tempo and Character in Beethoven's Music" dargelegt hatte.

    Es sollte aber nicht unerwähnt bleiben, daß sich schon früher Dirigenten wie Toscanini, Scherchen, Erich Kleiber und Schuricht in ihren Plattenaufzeichnungen an Beethovens Angaben orientiert hatten, aber das waren allesamt Einzelausgaben in Mono und damit technisch nicht mehr aktuell, während Leibowitz seine wegweisenden Interpretationen durchgängig in der neuen STEREO-Technik vorlegen konnte.

    Als in den späten 1980er Jahren das Schweizer Label MENUET endlich die Leibowitz-Beethoven-Aufnahmen einzeln auf CD veröffentlichte, allerdings nur in AAD-Remastering, habe ich mir diese gekauft, bin aber mit der Klangqualität nie so recht glücklich geworden. So habe ich mir im Nachgang zum Beethoven-Jubiläum 2020 den Luxus erlaubt, den ganzen Zyklus in den Ausgaben des US-Labels CHESKY neu anzuschaffen. Man gönnt sich ja sonst nichts^^!


    Beethoven: Symphonies Nos. 1 & 3 by Ren???? Leibowitz (1990-01-01) Leonore-Ouvertüre / Sinfonien 2, 5  Sinfonien 4 und 7 Sinfonien 6 und 8 Beethoven: Symphony No. 9 by Rene Leibowitz (1990-01-01)


    Ich muß sagen: Es hat sich gelohnt! Mein Gehör ist zugegebenermaßen nicht mehr das beste, aber den Unterschied habe ich auf Anhieb feststellen können! Die Chesky-Ausgaben klingen wesentlich transparenter und haben deutlich mehr Brillanz. Auf der Rückseite der CDs heißt es zu Recht: "CHESKY RECORDS: YOU CAN HEAR THE DIFFERENCE.Transferred using a customized state of the art Ampex tube tape recorder and an extraordinary analog to digital converter with 20 bit and 128 times oversampling/digital filter, in an effort to achieve the finest quality sound." Die Aufnahmen klingen in der Tat ganz hervorragend und sind selbst für verwöhnte Hörer auch klanglich empfehlenswert, von der musikalischen Seite einmal ganz abgesehen.


    Aus Anlaß der ersten Wiederveröffentlichung (auf LP) im Jahr 1985 schrieb FonoForum: ".... ihren singulären Rang nimmt diese Interpretation dadurch ein, daß der 1972 im Alter von 59 Jahren verstorbene Dirigent sich bei seinen Tempi an den Metronom-Angaben Beethovens orientierte. Der Initiative der Fa. Robert Hens ist es zu verdanken, daß diese, neben Scherchens Einspielung bedeutendste GA der Beethoven-Sinfonien endlich wieder zugänglich ist. Auch wenn es Leibowitz ... bei Annäherungswerten beläßt, so reicht die allgemeine Orientierung doch völlig aus, um festzustellen, daß es besser wäre, wenn manche Dirigenten das Tempo weniger nach Gefühl wählen würden. Hier nämlich ergießt sich nicht eine dirigierende Seele, sondern es wird, den Partituranweisungen folgend, dirigiert. Das Beethovens Vorstellungen entsprechende Tempo verdichtet die Ereignisabfolge, rückt Formteile näher zusammen und stiftet einen sinnvollen Zusammenhang noch zwischen den kleinsten Partikeln. Das akustische Ereignis sind jetzt die Steigerungen, Überbietungen, Konfrontationen des musikalischen Textes, in denen der Prozeß selber, das Schicksal, das dem thematischen Material widerfährt, zum Ausdruck kommt. Besonders erhellend ist das bei den als weniger typisch geltenden geradzahligen Sinfonien. Der Typus der Beethovenschen Dynamik ist für den durch die Oberfläche der Klanggestalt dringenden Blick des Dirigenten hier ebenso evident wie bei den 'typischen Sinfonien', denen wiederum diese Auffassung das in Mode gekommene 'streaming con brio' nimmt.

    Was soll man an Details nennen? Etwa den großartigen Aufbau des Themas in der Durchführung der Vierten bis hinab zur gesichtslosen großen Terz, aus der sich dann der Fortgang wieder aufbaut; die geglückte Synthese von Großanlage und den ansonsten oft beiläufig anmutenden motivischen Floskeln in der Pastorale; oder den dritten Satz der Neunten, der im richtigen Tempo nicht erhabene Langeweile verbreitet, sondern eine ständig neue Gestalten ausprägende Variation darstellt? -

    Es ist einfach ein 'Muß', das diese Kassette für jeden darstellt, der Beethoven richtig hören will."

    Und unter der Überschrift "BEETHOVEN VOM ZWÖLFTÖNER" schrieb der SPIEGEL in seiner Ausgabe vom 25.11.1985: ".... dies ist, so Theodor W. Adorno, 'endlich ein Korrektiv des herrschenden kommerziellen Unwesens', eine Kriegserklärung an 'Dirigentenexhibitionismus' und an Beethoven als 'Gipsabguß': die neun Sinfonien, wie sie der Zwölfton-Komponist René Leibowitz mehr analysiert als dirigiert hat. (Nun) hat die rührige Firma Hens, München, das Wertpaket mit 7 Stereoplatten in Privatpressung noch einmal aufgelegt - ein Schock für das philharmonische Establishment. Denn radikaler als Leibowitz (....) dürfte noch kein Dirigent die Schönfärberei gängiger Beethoven-Feiern entlarvt haben. Wo Karajan klingendes Design bietet und Bernstein in Emotionen wühlt, bleibt Leibowitz bei der Sache: Alle thematischen Strukturen werden rigoros trocken gelegt, die rhythmischen eisern durchgehalten. So erlebt Beethoven sein längst fälliges Comeback als Avantgardist."


    Selbstverständlich ist die Zeit seit den Leibowitz-Aufnahmen nicht stehengeblieben, es gibt heute eine erkleckliche Anzahl "moderner" Beethoven-Aufnahmen, mit und ohne historische Instrumente, aber das historische Verdienst um eine neue Sicht auf Beethovens Werk durch René Leibowitz dürfte auch heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später, unbestritten sein.


    LG Nemorino

    Ganz herzlichen Dank an Herrn Heiko Bockstiegel, der mit seinem gestrigen Leserbrief an das Tamino-Klassikforum endlich Aufklärung über die "Berliner Symphoniker" geschaffen hat!


    Ehrlich gesagt, ich hatte schon immer meine Zweifel, daß das von der ELECTROLA in unzähligen Aufnahmen der 1950/60er Jahre genannte Orchester "Berliner Symphoniker" identisch sei mit dem "Symphonischen Orchester Berlin" (SOB), das 1966 gegründet und zunächst von C.A. Bünte geführt wurde. Dieses Orchester habe ich im Gründungsjahr in der Bonner Beethovenhalle live erlebt, es begleitete da die unvergessene Elly Ney bei Beethovens Fünftem Klavierkonzert. Ich erinnere mich noch sehr genau, daß es Probleme bei den Holzbläsern gab.

    Ich habe mich stets gefragt, wie ein 1966 gegründetes Orchester bereits in den 50er Jahren bei Electrola Aufnahmen machen konnte, dazu noch überwiegend unter Wilhelm Schüchter, später häufig mit Berislav Klobucar. Vor allem fiel mir häufig ins Auge, daß auf den Original-Platten dieser Zeit zunächst meist von einem ungenannten Orchester bzw. einem "großen Opernorchester" die Rede war, was mich persönlich sehr gestört hat, weil man als Sammler natürlich gerne wüßte, wer oder was sich dahinter verbirgt. Zudem ist die Bezeichnung "Großes Opernorchester" eine ominöse Sache, wo hört das kleine Opernorchester auf und fängt das große an? Diese Frage drängte sich mir immer wieder auf. Später dann, beginnend in der Abenddämmerung der Schallplatte, und dann auf CD, wurden dann meist die "Berliner Symphoniker" als ausführendes Ensemble genannt. Dank Herrn Bockstiegel ist nun dieses Rätsel, das mich über Jahrzehnte beschäftigt hat, endlich gelöst. Auch via Google oder sonstwo im Internet gab es jemals eine Aufschlüsselung darüber. Es handelte sich also um ein sogenanntes "ad-hoc-Orchester", ähnlich wie in den USA das "Columbia Symphony Orchestra" der CBS, das meist im Zusammenhang mit Bruno Walter genannt wird, oder das "RCA Victor Symphony Orchestra", das unter diversen Dirigenten für die RCA Aufnahmen gemacht hat. Eigentlich hätte man die Formation "Electrola-Sinfonie-Orchester Berlin" nennen können, damit wären alle Zweifel behoben gewesen. Es wird wahrscheinlich juristische Gründe gehabt haben, daß man die Anonymität vorgezogen hat.

    Auf alle Fälle handelte es sich um ein hochwertiges Ensemble, dem man nicht anmerkte, daß die Musiker bei Bedarf via Telefon herbeigerufen wurden.


    Eine, unter unzähligen anderen, besonders schöne und erwähnenswerte Aufnahme mit den "Berliner Symphonikern" ist dieser deutsch gesungene Messias unter Prof. Karl Forster, der auf EURODISC veröffentlicht wurde und noch immer einen Ehrenplatz in meiner LP-Sammlung einnimmt:

    Bildergebnis für karl forster messias

    Es gibt sogar eine Ausgabe auf CD, die gebraucht noch immer im Handel ist.


    LG Nemorino

    Beethovens 7. ist auch in dieser empfehlenswerten, aber auch vergriffenen, Box vorhanden

    Lieber Norbert,


    danke für den Hinweis. Auch diese Icon-Box gibt es noch gebraucht zu kaufen. Wer vorwiegend an Colin Davis interessiert ist, sollte zu dieser greifen, wer aber außerdem noch George Szells Schubert-Vermächtnis kennenlernen möchte, dem empfehle ich das 2 CD-Album. Diese, im Vergleich zur früheren CBS-Einspielung, verhältnismäßig wenig bekannte Aufnahme der "großen C-Dur" ist nach meiner Einschätzung nicht nur klanglich, sondern auch künstlerisch der älteren überlegen. Sie klingt nicht so "preußisch-zackig", sondern weit mehr "wienerisch" und hat eine ungeheure Dramatik.


    LG Nemorino

    sehr oft habe ich dem Messias von Händel in seiner Interpretation gelauscht ( eine ziemlich alte Aufnahme, aber auch mit guten Sängern)

    Hallo, Klassikfan1,


    Sir Colin Davis hat Händels "Messiah" mehrmals eingespielt, doch ich denke, daß Du diese Aufnahme aus dem Jahr 1966 meinst:

    Bildergebnis für sir colin davis handel messiah

    Mit dieser Einspielung habe ich den englischen Dirigenten m.W. erstmals kennengelernt. Und zwar empfahl Ulrich Schreiber in seinem "Schallplatten-Jahrbuch" von 1973 sie als "bahnbrechend": " .... gibt es .... in der derzeitigen Händel-Diskographie nur einen einzigen Glücksfall: die Aufnahme des Messias unter Colin Davis. Aufgrund der von Julian Herbage verantworteten 'Originalausgabe' des Messias gelingt es Davis, seine streng an der zeitgenössischen Aufführungspraxis orientierte Interpretation mit solcher Frische und Spontaneität in Klang umzusetzen, daß Händels Meisterwerk wie von jahrhundertealter Schlacke befreit wirkt."

    Natürlich ist seitdem viel Wasser den Rhein bzw. die Donau heruntergeflossen, aber die Aufnahme hat trotz neuerer, vielleicht noch "authentischerer" Auslegungen nichts von ihrem Wert und ihrer Frische verloren. Und auch klangtechnisch ist sie durchaus noch konkurrenzfähig. Die Qualität der Solisten hast Du bereits hervorgehoben, sie können sich mit allen mir bekannten "Solistenquartetten" messen.


    Ansonsten kommt Sir Colin Davis, einmal abgesehen von seinen gerühmten Berlioz-Aufnahmen, einigen frühen Mozart-Sinfonien (mit der Staatskapelle Dresden) sowie als "Begleiter" von Claudio Arrau bei den Beethoven-Konzerten, in meiner Sammlung nur wenig vor.


    Auf eine Aufnahme möchte ich hier allerdings noch aufmerksam machen, und das vor allem, weil sie kaum jemals erwähnt und im deutschen Sprachraum auch wenig bis gar nicht bekannt sein dürfte. Es handelt sich um Beethovens Siebente, eine frühe Aufnahme des Dirigenten aus dem Jahr 1961, die ich vor vielen Jahren rein zufällig, nämlich wegen der in dem 2 CD-Album enthaltenen späten EMI-Aufnahme von Schuberts Großer C-dur-Sinfonie (Nr. 9) unter George Szell , erworben habe und schnell feststellte, welches Juwel ich da so ganz nebenbei mitgenommen hatte. Eine selten spannende, bis zum letzten durchdachte Interpretation, die ich zu den besten mir bekannten zähle. Ich weiß, daß der große Urwaldfluß hier (aus gutem Grund) in Ungnade gefallen ist, aber trotzdem erlaube ich mir den Hinweis, daß man die Box, die offiziell längst vergriffen ist, dort noch zu einem einigermaßen moderaten Preis erwerben kann:


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    Ein paar Jahre später wurde die Aufnahme in dem renommierten britischen "Penguin Guide" ausführlich besprochen und gewürdigt. Ich möchte sie hier allen Colin-Davis-Verehrern zur Kenntnis bringen: ".... eine wahrhaft großartige Leistung, die im gleichen Atemzug mit der berühmten von Carlos Kleiber (DGG) genannt werden kann. In dem neuen Remastering klingt sie ganz wunderbar, und die Interpretation ist ohne Tadel. Besonders sind die Holzbläser zu loben, die vor allem in den Ecksätzen herrliche Leistungen erbringen. Selten ist Davis eine solch ideale Umsetzung einer Partitur gelungen, es ist eine Interpretation, die sich wirklich überzeugend von Takt zu Takt weiterentwickelt. Nur die langsame Einleitung zu Kopfsatz kommt ein wenig glanzlos, doch von da an ist alles wirklich makellos. Köstlich sind die punktierten Rhythmen, sie haben sowohl Stil als auch Kraft. Der zweite Satz wird in ruhigem Tempo genommen, wirkt großartig kontrolliert, und das nicht nur in den detaillierten Phrasen, sondern im gesamten architektonischen Aufbau. Das Scherzo erklingt mit echt allen Wiederholungen, auch hier sind die Holzbläser wieder über alles Lob erhaben. Das Finale nimmt Davis überraschend schnell, es ist so aufregend, daß man schier atemlos lauscht und dem glanzvollen Schluß entgegenfiebert. Insgesamt eine unvergeßliche, einzigartige Interpretation."

    Ich kann mich dieser Kritik nur Wort für Wort anschließen, nicht ohne hinzuzfügen, daß das Royal Philharmonic Orchestra ganz großartig spielt und sich keine Nuance entgehen läßt.


    LG Nemorino

    Nicht nur als Agathe im "Freischütz" und als Marschallin im "Rosenkavalier" ist uns Elisabeth Grümmer in lebhafter, ja wehmütiger Erinnerung geblieben, sie war auch eine ganz wundervolle Contessa in Mozarts "Le Nozze di Figaro".

    In dieser Partie, die sie leider nie in einer kompletten Studio-Aufnahme originalsprachlich singen konnte (durfte), weil das wohl "Her Master's Voice" erfolgreich zu verhindern wußte, habe ich sie gleich dreimal: Einmal italienisch gesungen in einer EMI-Electrola-Produktion vom 7.10.1955:

    Bildergebnis für elisabeth grümmer opernarien


    außerdem in einer deutsch gesungenen Rundfunkaufnahme vom NWDR Köln (Mai 1951):

    Bildergebnis für fricsay le nozze die figaro köln



    und schließlich in einem deutsch gesungenen Querschnitt, wiederum von EMI-Electrola:

    Bildergebnis für grümmer prey figaros hochzeit

    ebenfalls aus dem Jahr 1955, alle in Mono. Später wurde er in diversen LP-Ausgaben wiederveröffentlicht, u.a. hier:Bildergebnis für grümmer prey figaros hochzeit

    Ich persönlich finde ihre deutsch gesungene Arie der Gräfin (Hör' mein Flehen, o Gott der Liebe) aus dem 2. Akt in diesem letztgenannten Querschnitt ganz einfach gesanglich als ihre (mir bekannte) schönste Aufzeichnung dieses herrlichen Stücks, trotz der deutschen Sprache. Leider scheint diese Version nicht auf CD übertragen zu sein. Schade.


    LG Nemorino

    Vielleicht habe ich es ja übersehen, aber diese interessante 10 CD-Box "Elisabeth Grümmer - die schönste Stimme der Romantik" ist in diesem Thread noch gar nicht genannt worden:

    Die schönste Stimme der Romantik81rO565p%2BhL._SX450_.jpg


    Für jeden Grümmer-Fan (wozu ich mich zähle) eine lohnende Anschaffung.


    Der weiter oben als LP gezeigte "Rosenkavalier"-Querschnitt von ELECTROLA ist ebenfalls auf CD erhältlich, und zwar in zwei verschiedenen Editionen:

    Der Rosenkavalier (Auszüge)    Strauss: Der Rosenkavalier (Electrola-Querschnitt)

    Die zuerst gezeigte CD gibt es beim ehemaligen Werbepartner, der aus nachvollziehbaren Gründen hier nicht mehr genannt werden soll, für einen geradezu lächerlich günstigen Preis (fast geschenkt!). Ebenso ist das 10 CD-Album dort noch erhältlich.


    Der gesamte Keilberth-FREISCHÜTZ wurde lt. meiner Textbeilage am 23.4. (Köln) und 12.-14.9.1958 (Grunewaldkirche Berlin) produziert. Auf einer Recital-CD habe ich in meiner Sammlung die Arie "Kommt ein schlanker Bursch' gegangen" mit Erika Köth, die wurde am 22.4.1958 (mono) aufgezeichnet. Die Geschichte der zwei Aufnahmeorte war mir bisher gar nicht geläufig. Danke an Rüdiger (Rheingold1876) und Carlo für die interessanten Informationen.


    LG Nemorino

    nichts Neues mehr zu Henze und Auber. Wenn Anna Moffo das non-plus-ultra ist, dann braucht es keine Wiederbelebungsversuche.

    Lieber Orfeo,


    zu den Henze- und Auber-Fassungen vermag ich in der Tat nichts Neues beizutragen, weil sie mir unbekannt sind.


    Wie Du zu der Auffassung kommst, daß ich Anna Moffo als Non-plus-ultra der Manon (bei Massenet und Puccini) betrachte, erschließt sich mir nicht. Sie stand 1963, als die Aufnahmen gemacht wurden, im kurzen Zenit ihrer Laufbahn, und sicher ist sie eine gute Besetzung, aber ich halte sie keineswegs als die beste aller Manons, die alle ihre Vorgängerinnen und Nachfolgerinnen in den Schatten stellt. Sowohl Janine Micheau (Decca) und vor allem Victoria de los Angeles (EMI) machen ihr bei Massenet den Rang streitig, was bei Puccini zumindest für Licia Albanese (RCA), Maria Callas und Montserrat Caballé (beide EMI) ebenso zutrifft. Anna Moffo hat in ihrer frühen Karriere IMO einige sehr gute Rollenporträts geformt, wozu auch ihre Manon-Darstellungen zählen. Was nach ca. Mitte der 1960er Jahre kam, fand meinen Beifall nicht mehr.


    LG Nemorino

    Viel Kluges und Interessantes ist in diesem Thread über "L'Histoire du Chevalier Des Grieux et de Manon Lescaut" des Abbé Antoine-Francois Prévost und die bekanntesten Vertonungen des Stoffes durch Jules Massenet und Giacomo Puccini zu erfahren, so daß es müßig wäre, hier noch detailliert auf die Geschichte und ihre Auswirkungen einzugehen. Das haben die Vorredner ausgiebig besorgt.


    Ich möchte aber in diesem Zusammenhang auf eine interessante Ausgabe der RCA aus dem Jahr 1963 aufmerksam machen, die, soweit ich auf die Schnelle feststellen konnte, bisher hier keine Erwähnung erfahren hat. Ich besaß die Ausgabe mit dem deutschen Titel "Ein Porträt der Manon" bereits auf diesem Doppel-LP-Album:

    ANNA MOFFO...LP...FALSTAFF-GROSSER QUERSCHNITT-ITALIENISCH Gesungen- - EUR  9,99 | PicClick DE

    Es enthält die wichtigsten Szenen der Oper MANON von Massenet sowie von Puccinis MANON LESCAUT. Beide Komponisten lehnen sich an Prévosts Roman an. Während Puccini allerdings der zentralen Szene im Priesterseminar von St. Sulpice keine Bedeutung beimißt, steht sie bei seinem französischen Kollegen im Zentrum der Handlung. Dieser wiederum läßt "seine" Manon bereits auf dem Weg nach Le Havre am Straßenrand sterben, während Puccinis tragischer Heldin die Deportation nach Amerika nicht erspart bleibt.

    Die beiden repräsentativen Auszüge, denen jede eine ganze LP gewidmet ist, sind hochkarätig besetzt. Im Mittelpunkt steht Anna Moffo, die sowohl bei Massenet als auch bei Puccini die Titelfigur verkörpert. Sie stand damals auf dem Höhepunkt ihrer leider recht kurzen Karriere und ist sowohl sängerisch wie schauspielerisch eine schier ideale Besetzung.

    Lescaut wird in beiden Querschnitten von dem Bariton Robert Kerns dargestellt, auch er macht seine Sache gut. Als De Grieux fungiert in Massenets Vertonung Giuseppe di Stefano, und auch an seiner Darstellung gibt es wenig zu bemängeln, wenn man davon absieht, daß er zum Zeitpunkt der Aufnahme seine beste Zeit schon hinter sich hatte. Doch das kann er durch seine glänzende Gesangstechnik weitgehend ausgleichen. Wenig Begeisterung erweckt bei mir Flaviano Labò als De Grieux im Puccini-Querschnitt. Warum hat man hier ausgerechnet auf ihn zurückgegriffen? Auch hier befleißigt er sich wieder eines Forte-Einheitssingens, das auf die Dauer ermüdet und frustriert. Die übrigen Partien sind gut bis sehr gut besetzt. Besonders möchte ich noch Anna di Stasio als Rosette in der Massenet-Fassung erwähnen.

    Kein Geringerer als der französisch-polnische Dirigent und Musikwissenschaftler René Leibowitz (1913-1972)


    RENE LEIBOWITZ


    leitet den Chor und das Orchester der RCA Italiana, die sich vornehmlich aus Kräften der Römischen Oper zusammensetzen. Leibowitz ist den meisten Musikfreunden, vor allem den Plattensammlern, als der Dirigent des legendären Beethoven-Sinfonien-Zyklus von 1961 bekannt geworden, in dem er sich konsequent sehr eng an die Metronomvorschriften des Komponisten anlehnt und Beethovens Sinfonien von alten Schlacken und den Hörgewohnheiten und Traditionen des 19. Jahrhunderts befreit.

    Das verdienstvolle Label TESTAMENT hat zwischenzeitlich diese Aufnahmen in einem 2 CD-Album wieder zugänglich gemacht, zusammen mit Auszügen aus den Opern "La Traviata", "Madama Butterfly" (Puccini), "La Traviata" (Verdi) und "Lucia di Lammermoor" (Donizetti), in denen Anna Moffo jeweils die weibliche Hauptrolle singt:


    A Portrait of Manon - Great Love Duets with Anna Moffo - Anna Moffo,  Puccini, Massenet, Verdi, Donizetti, Leibowitz: Amazon.de: Musik


    Sie sei allen Freunden der Sängerin sowie vor allem den Interessenten an den beiden berühmtesten MANON-Vertonungen empfohlen.


    LG Nemorino

    Hier noch ein bibliographischer Hinweis: Die Novelle "Der Ausflug der toten Mädchen" ist im Jahr 2018 neu erschienen, in dieser Ausgabe



    Der Ausflug der toten Mädchen: und andere Erzählungen: Amazon.de: Seghers,  Anna: Bücher

    von "atb", Berlin (Aufbau-Taschenbuch), zusammen mit anderen Erzählungen der Autorin.


    Besonders interessant scheinen mir allerdings die im Anhang veröffentlichten zeitgenössischen Rezensionen zu sein, die nach der Erstausgabe des Aurora-Verlags, New York City, im Jahr 1946 in diversen Zeitschriften erschienen sind. Für alle, die Anna Seghers und im besonderen ihre Novelle von den "toten Mädchen" schätzen, lohnenswerte Einblicke.


    LG Nemorino

    Zugegeben, ich kenne Franco Bonisolli nur von seinen späten Aufnahmen, die hier oft gerühmten aus seiner Frühzeit sind mir unbekannt.


    In meiner Sammlung befindet sich nur eine Recital-CD mit diesem Sänger:

    Verdi Favorites

    "Verdi Favorites", und mein Eindruck ist, daß Bonisolli hier exemplarisch vorführt, wie man Verdi nicht singen soll! Deshalb ist sie für mich nur als negatives Demonstrationsobjekt brauchbar. Jürgen Kesting hat es in seinem Standard-Werk "Die großen Sänger" auf den Punkt gebracht: "Bonisolli fürchtet nur das Piano - und sonst nichts auf der Welt!" Welche Labsal, wenn man sich danach dem Genuß einer Verdi-CD mit Carlo Bergonzi hingibt! Per aspera ad astra ....

    Das Cover ist übrigens (für mich) ein Zeugnis von äußerster Geschmacklosigkeit. Soll Franco Bonisolli hier als "männliche Domina" vorgeführt werden?:no:


    Auf LP besaß ich die berühmt-berüchtigte TROVATORE-GA unter Herbert von Karajan (EMI), in der - neben einer noch immer sehr guten Leontyne Price als Leonora - Franco Bonisolli den Manrico singt. Lassen wir noch einmal Jürgen Kesting zu Wort kommen: "..... der Tenor ist der schwächste Punkt einer unausgewogenen Besetzung. Allenfalls über eine Oktave ist die Stimme gleichmäßig getönt .... (dann) beginnen die Schwächen: der Tonanschlag ist träge und matt, Phrasen schwingen nicht, ihre Enden flachen ab, Vokale werden verfärbt. Das erste C in der Stretta wird auf einem oa-Vokal, dem indifferenziertesten aller Laute, gebrüllt. Die Phrasierung ist ohne jede Eleganz, versagt in Erschöpfungsmomenten sogar ganz ...." (HiFi-Stereophonie 1979).

    Ich hatte mir die Aufnahme seinerzeit mit hohen Erwartungen gekauft, sie aber gleich nach dem ersten Hören "entsorgt". Ich hatte sie vor allem wegen Karajan gekauft, aber er kann mit seinem Elite-Orchester da auch nicht viel retten, und Leontyne Price habe ich zum Glück in zwei weiteren, wesentlich besseren Trovatore-Aufnahmen, mit Arturo Basile (RCA, 1959), und Zubin Mehta (RCA, 1969), in denen sie deutlich frischer singt als in Karajans Version von 1978.


    LG Nemorino

    Das Leben dieser Schriftstellerin ist ein deutsches Schicksal wie es nicht deutscher sein kann.

    Lieber Rüdiger,


    Du bringst es mit diesem Satz auf den Punkt.


    Übrigens ganz herzlichen Dank für Deinen Beitrag 8! Ich habe ihn mit großem Interesse gelesen. Du hattest also sogar persönlichen Kontakt zu der Schriftstellerin. So etwas vergißt man nicht. Danke auch für die Bilder von ihrer Grabstätte und die Links zur Gesamtausgabe ihrer Werke sowie zum Anna-Seghers-Museum. Ich wußte gar nicht, daß es existiert und habe mir gleich hier einiges angeschaut, denn der Weg nach Berlin ist (für mich) einfach zu weit (ca. 650 km). Paris liegt deutlich näher:).


    Hier im Westen wurde Anna Seghers besonders ihr Verhalten nach dem 17. Juni 1953 zum Vorwurf gemacht. Aber, wie gesagt, darüber möchte ich nicht urteilen. Sie hatte die Nazi-Diktatur am eigenen Leib erfahren und erlitten, das wird sie geprägt haben. Daß ihr die DDR ideologisch näher stand als der Faschismus, ist keine Frage. Inwieweit sie aber mit dem "real existierenden Sozialismus" konform gegangen ist, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Doch ihr persönliches Schicksal wird sie davon abgehalten haben, sich, trotz ihrer internationalen Reputation, zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Das war vor allem in den 1950er Jahren ein großes Risiko.


    Interessant war übrigens zu erfahren, daß ihr Geburtshaus in Mainz noch existiert. Ich dachte, es sei den Bomben des 2. Weltkriegs zum Opfer gefallen.


    LG Nemorino

    Ich hatte auch an Dürrematts Requiem auf den Kriminalroman gedacht in seiner sonderbaren Verbindung zum Film "Es geschah am hellichten Tag". Dickens sollte auch sein. Auf ein ganz bemerkenswertes Stück Literatur stieß ich neulich: "Tante Henriette", ein Skizze des weitgehend unbekannten Grimm-Bruders Ferdinand

    Lieber Rüdiger,


    es ist in der Tat, um mit Fontane zu sprechen, "ein weites Feld". Von Dürrenmatt besitze ich den großartigen Kriminalroman "Der Richter und sein Henker", der wäre auch eine Besprechung wert.

    Aber braucht immer viel Vorbereitung, und wegen der geringen Resonanz fragt man sich, ob es wirklich Sinn macht, seine Zeit hier zu investieren. Ich freue mich aber, daß JLang durch den "Tamino Bücherwurm" auf Anna Seghers aufmerksam wurde.

    Ironie des Schicksals: Ich bin durch meinen Vater auf diese Autorin gekommen, der sie in Grund und Boden verdammte und nie eine Zeile von ihr angerührt hat. Gerade das hat mich aufhorchen lassen, und so habe ich mir nacheinander "Das siebte Kreuz", "Transit" und "Der Aufstand der Fischer von St. Barbara" angeschafft, sowie die Erzählungen. Anfangs hatte ich ein wenig Probleme mit ihrer Sprache, aber wenn man sich eingelesen hat, ist man total gefesselt, nicht nur von den Themen, sondern auch von ihrem ganz eigenen Stil. Und von kommunistischer Infiltration habe ich gar nichts bemerkt, nur von ihrem sozialen und menschlichen Engagement.

    Über die Haltung von Anna Seghers in der DDR will und kann ich mir kein Urteil erlauben, ich denke aber, daß MRR nicht fehlgeht, wenn er meint, daß sie von großer Angst beherrscht wurde. Schließlich hatte sie ja ein schlimmes Schicksal hinter sich.


    LG Nemorino

    Gerade die zu biedere Achte finde ich mit Karajan nicht so prickelnd. Im viel zu gemütlichen Menuett kommt er gar nicht aus den Schuhen.

    Lieber Wolfgang,


    da kann ich Dir nur 100 %ig zustimmen! Auch die Erste scheint mir nicht zu den Spitzenaufnahmen zu zählen, die Zweite hingegen finde ich in Karajans Auslegung hervorragend.

    Noch ein Wort zur EROICA: Vergessen habe ich gestern Bernsteins CBS-Einspielung mit dem New York Philharmonic Orchestra, die ist auch ganz große Klasse. Schon die ersten Orchesterschläge lassen aufhorchen, und dann folgt eine Interpretation von fantastischer Qualität. Da ich diese Aufnahme (auf Deine Empfehlung:)) noch nicht lange besitze, war sie mir nicht so im Ohr wie die anderen von mir genannten.

    Was die Siebte angeht, so kenne ich wenig Aufnahmen, die den Tanz auf dem Vulkan besser und eindrucksvoller gestalten, als Karajan.

    Auch das kann ich nur unterstreichen, wobei mir die in #964 genannte mit den Wiener Philharmonikern noch mehr liegt als die Berliner Siebte aus der 1962er Ausgabe. Da beeindruckt mich vor allem der 2. Satz (Allegretto). Eine Darbietung von einzigartiger Schönheit und Konzentration, mit herrlichen Streicher-Pianissimi. Aber die Berliner Version ist ebenfalls hochkarätig. Mir ist schleierhaft, wie man ausgerechnet das Allegretto als Katastrophe bezeichnet. Da würde mich eine nähere Erklärung schon interessieren.

    Karajans Aufnahmen der Pastorale schätze ich ausserordentlich, eben weil die wie aus einem Guß gestaltet sind.

    Ich weiß, lieber Wolfgang, da gehen unsere Geschmäcker ein wenig auseinander, aber keinesfalls habe ich den Eindruck, daß Karajan diese Sinfonie nicht leiden kann. Ich finde, daß gerade die Pastorale viele Auslegungsmöglichkeiten zuläßt, mir liegt mehr die gemächliche Art eines Furtwängler oder Böhm, doch Karajans Lesart hat durchaus ihre Berechtigung. Die 1984er Aufnahme kenne ich allerdings nicht, ich habe nur die von 1952 (London, mono), 1962 und 1977 (beide DGG).


    LG nach Bonn,

    Nemorino :hello:

    Ist mir unbegreiflich, dass Karajans Pastroale so häufig als Referenz bezeichnet wird.

    Lieber Patrik,


    als Referenz würde ich Karajans Pastorale (in keiner mir bekannten Einspielung) auch niemals bezeichnen. Wie schon in meinem vorigen Beitrag gesagt, halte ich sie, neben der Nr. 8, für die schwächste Version in seiner berühmten GA von 1961/62. Doch es mag schon Leute geben, die seinem Geschwindigkeitsmarsch Positives abgewinnen, ich zähle nicht dazu. Doch als Alternative scheint mir diese Auslegung durchaus ihre Berechtigung zu haben, auch wenn sie mir in weiten Teilen nicht zusagt, sondern eher befremdlich vorkommt.

    Ohne jetzt ins Detail gehen zu wollen, kann ich es verstehen, wenn man den berühmten Karajan-Zyklus von 1961/62 heutzutage nicht mehr als das Nonplusultra ansehen mag, der er in den 60er Jahren gewesen sein mag.

    Da gebe ich Dir völlig recht, lieber Joseph. Der Zyklus hat inzwischen mehr als ein halbes Jahrhundert "auf dem Buckel", aber ihm seine Meriten abzusprechen halte ich gleichfalls für ungerecht. Nicht ohne Grund hat sie der Thread-Eröffner, der auch der Administrator dieses Forums ist, im Jahr 2004 an die Spitze seines ersten Beitrags gestellt. Mich verblüfft, wenn ich von der musikalischen Seite einmal absehe, noch heute die großartige Klangtechnik, die zum Zeitpunkt des Erscheinens wahrscheinlich als sensationell angesehen wurde.

    Wenn mich heute ein Klassik-Neuling fragen würde, welchen Beethoven-Zyklus er sich als erstes zulegen sollte, so würde ich spontan höchstwahrscheinlich "Karajan 1962" oder "Konwitschny" sagen. Dabei ist mir bewußt, daß es seitdem unzählige neue Zyklen gibt, die sicher gleichwertig oder vielleicht sogar besser sind. Doch der "Karajan-Beethoven" von 1962 hat nun einmal inzwischen eine Art "Klassiker-Status", und das nicht ganz zu Unrecht.


    LG Nemorino

    Ich möchte nicht bestreiten, dass Karajan ein großer Dirigent des 20. Jahrhundert war

    Oh, oh, oh, das klingt, wenn man anschließend Deine weiteren Ausführungen liest, so ähnlich wie wenn weiland Marcel Reich-Ranicki im Literarischen Quartett leidenschaftlich ausrief: Fabelhaft, - aber falsch!


    Kann es nicht sein, daß sich hinter diesem Satz ein Karajan-Verächter versteckt? Denn so über seinen weltberühmten Beethoven-Zyklus von 1961/62 zu urteilen wie es hier geschieht (die Lobesworte für die Sinfonien Nr. 1 & 2 scheinen mir eher ein Feigenblatt zu sein), halte ich schon mehr als gewagt.


    Selbstverständlich kann der beste Dirigent der Welt (wenn es so etwas überhaupt geben würde) nicht zu allen Sinfonien Beethovens den gleich guten Zugang haben, und es gibt auch keinen Dirigenten, der nicht von seiner Tagesform und -stimmung in irgendeiner Weise beeinflußt wird.


    Herbert von Karajan hat erstmals bereits in den Jahren 1951-1955 für EMI-Columbia Beethovens Neune aufgenommen (mit Ausnahme der 8. alle in Mono), und, wenn man von der klanglichen Seite absieht, vielleicht sogar damit seine überzeugendste Auslegung dieses Kosmos abgeliefert, während seine späteren Remakes von 1976/77 und 1983/85 (digital) außer ein paar technischen Verbesserungen nicht mehr viel Neues gebracht haben, zum Teil sogar hinter seinen früheren Versionen zurückblieben.


    Doch nun "in medias res":

    das Allegro con brio der dritten Sinfonie ist aber schon kaputt geeilt.

    Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, die EROICA überzeugend darzustellen: entweder breit und majestätisch oder aber lebhaft, straff und dynamisch. Wichtig ist nur, daß der Dirigent konsequent bei einer dieser Linien bleibt und nicht durch unangebrachte Modifikationen und Temposchwankungen seine eigene Persönlichkeit in den Vordergrund zu stellen.

    Es bleibt eine unbestrittene Tatsache, daß Beethoven durch seine ursprüngliche Begeisterung für Napoleon zur Kompositionen der Sinfonie angeregt wurde. Daß er später, nachdem sich der Korse zum Kaiser aufgeschwungen hatte, davon abrückte, ist ebenfalls bekannt. Ist es zu weit hergeholt, wenn man annimmt, daß sich der Komponist weit mehr von den spontanen, blitzartigen und zuschlagenden Aktionen des jungen Generals beeindrucken ließ als von der aufgesetzten majestätischen Pose, die er später einzunehmen pflegte? Deshalb scheint mir ein durchgehend flottes Tempo (vom Trauermarsch einmal abgesehen) das folgenrichtigste zu sein. In ihren inzwischen legendären Darlegungen haben sich, lange vor Karajan, u.a. Erich Kleiber, Toscanini, Scherchen, Münch und Schuricht konsequent zu dieser Auffassung bekannt, und später, 1961, hat René Leibowitz in seiner Aufnahme, die sich sehr eng an Beethovens Metronomvorschriften anlehnte, ebenfalls straffe Tempi bevorzugt. In diesem Sinne hat Karajan eine in sich vollkommen schlüssige Interpretation vorgelegt und hat vor allem seine einmal eingenommene Auffassung ohne alle Mätzchen durchgehalten. Nichts wird verwischt, sondern jede Phrase ist klar artikuliert.

    Das einschüchternde Allegro con brio der Fünften ist vollkommen misslungen, da das einfach nur abgehetzt ist.

    Sorry, die Aussage kann ich einfach nicht ernst nehmen! Von den über 30 Versionen der Fünften, die mir vorliegen, hat (nach meiner persönlichen Meinung) keiner, auch Karajan selbst nicht, den Sinn dieser Sinfonie besser getroffen als er in seiner Aufnahme von 1962. Sie ist wie aus einem Guß, vom ersten Ton des Schicksalsmotivs angefangen bis zum triumphalen, schier überschäumenden Schluß. Lediglich Bernstein hat in seiner frühen CBS-Aufnahme eine ähnlich überzeugende Version vorgelegt.

    Bei Pastorale merkt man an, dass Karajan sie nicht leiden konnte.

    Falsch! Ich persönlich schätze seine mir bekannten vier Auslegungen der Pastorale auch nicht sonderlich, aber nirgends gewinne ich den Eindruck, daß er "sie nicht leiden konnte". Er lenkte vielmehr, wie z.B. auch Cluytens oder Monteux, seine Aufmerksamkeit weniger auf die verborgenen Schönheiten und malerischen Naturschilderungen des Werks, sondern auf die Werkgestalt. Auch mir ist sein Tempo in dieser Sinfonie zu rasch und eilend; an anderer Stelle habe ich gesagt, daß er die herrliche Frühlingslandschaft mit einem Turbo-Porsche an sich vorbeifliegen läßt (was Furtwängler, Bruno Walter oder Karl Böhm nie in den Sinn gekommen wäre), aber auch ohne die Beachtung jeder Blume und jedes blühenden Strauches am Wegesrand kann man m.E. die Natur genießen. Ich selber ziehe da auch die gemächliche Art vor.

    Die wunderbare, fröhliche Siebte ist im Tempo gänzlich misslungen. Das Allegretto ist leider eine Katastrophe. Die Achte ist wiederum ein Pluspunkt der ganzen Einspielung.

    Auch das halte ich für ein sehr einseitiges Urteil, was die Siebte betrifft, während ich Karajans Achte noch nie sonderlich geschätzt habe. Da ziehe ich bei weitem Scherchen, Leibowitz und Schuricht vor.

    Die schönste Siebte hat Karajan für meinen Geschmack mit seiner DECCA-Aufnahme von 1959 mit den Wiener Philharmonikern vorgelegt, übrigens seine einzige Stereo-Aufnahme mit den Wienern überhaupt:

    Herbert von KARAJAN: BEETHOVEN Symphony No.7 HAYDN 104 Wiener Philharmoniker  CD | eBay

    Die krönende Neunte ist zwar nicht schlecht, aber andernorts und von anderswoher grandioser eingespielt worden. Das zeigt sich besonders anhand des ersten Satzes der Neunten Sinfonie - hohle Pathos pur. Nichts von dem heiligen Ernst, der Wut und der Verzweiflung und erst recht gar nichts von dem grimmigen Humor und der Ruppigkeit Beethovens kommt durch - Karajan, das spürt man, ist nicht wirklich mit dem Herzen dabei. Selbst die Solisten und der Chor sind leider nicht überzeugend.

    Grandioser vielleicht, aber "besser"? Ich spüre kein "hohles Pathos" im Kopfsatz, und noch weniger, daß Karajan "nicht wirklich mit dem Herzen dabei" ist. Und die Solisten (Janowitz, Rössel-Majdan, Kmentt und Berry) sind, zumindest was Janowitz und Berry angeht, allererste Sahne, und der oft verschmähte Wiener Singverein überzeugt in allen Lagen. 1962, zum Zeitpunkt der Aufnahme, galt dieser Chor (obwohl oder weil er aus Laien besteht), als einer der besten in Europa überhaupt. Das mag sich später geändert haben.

    Vielmehr verfestigt sich der Eindruck, dass nicht der Komponist und seine Musik, sondern vielmehr der Interpret und die Befriedigung seiner Eitelkeit im Vordergrund stehen.

    Diesen Satz habe ich in der Vergangenheit bereits x-mal an anderer Stelle gelesen oder gehört, aber durch ständige Wiederholung wird er auch nicht wahrer. Wie verträgt er sich übrigens mit dem eingangs zitierten Satz? War er nun ein "großer Dirigent des 20. Jahrhunderts", oder doch vor allem ein Blender und Schaumschläger, der die Musik nur zur Selbstdarstellung mißbraucht hat?


    LG Nemorino

    Lieber Rüdiger,


    ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, daß sich hier überhaupt jemand für diese wunderbare Erzählung interessiert. Umso erfreuter war ich über Deinen Eintrag.

    Mich fasziniert neben der Sprache der Umgang mit der Zeit.

    Ja, nie hat Anna Seghers sprachlich mehr berührt als in dieser Geschichte, die gleich beim ersten Lesen einen unauslöschlichen Eindruck auf mich gemacht hat. Auch die Personen und ihre unterschiedlichen, schrecklichen Schicksale sind so lebensnah beschrieben, daß man sie fast vor sich zu sehen glaubt.


    Das Hörbuch kenne ich leider nicht. Da es sich um eine gekürzte Fassung handelt und ich lieber lese als einem Erzähler zuhöre, habe ich es (bisher) nicht gekauft. Aber ich habe heute in die Probe hineingehört und erstmals die Stimme von Anna Seghers vernommen. Es stimmt, den Mainzer Tonfall kann sie nicht verleugnen.


    Für mich ist "Der Ausflug der toten Mädchen" eine der schönsten Novellen in deutscher Sprache. Es ist schade, daß die literarischen Erzeugnisse hier so wenig Anklang finden. Ich hatte bereits weitere Bücher vorstellen wollen, z.B. Falladas "Wolf unter Wölfen", "Die Nacht von Lissabon" von Erich Maria Remarque und Carl Zuckmayers "Fastnachtsbeichte", doch die bisherige spärliche Beteiligung beim "Bücherwurm" hat mich nachdenklich gemacht, ob das überhaupt eine lohnende Beschäftigung ist.


    LG Nemorino

    Kennen- und auf der Stelle schätzen gelernt habe ich Renato Bruson in dieser Aufnahme:

    La Traviata (Ltd.Deluxe Edition) - Muti, Riccardo, Scotto, R., Kraus, a.,  Bruson, R., Verdi, Giuseppe: Amazon.de: Musik

    Da singt er in guter (Renata Scotto) bis exquisiter Gesellschaft (Alfred Kraus) den Vater Germont, menschlich eine jämmerliche, musikalisch eine großartige Rolle. Bruson singt mit balsamischer Stimme und einem Feingefühl sondergleichen, so daß man stellenweise versucht ist, seinen Scheinargumenten zu erliegen.


    Auch der Renato in UN BALLO DE MASCERA (unter Solti, DECCA) ist kaum zu überbieten.


    LG Nemorino

    Im mexikanischen Exil, wohin die Schriftstellerin aus Mainz wegen ihrer jüdischen Herkunft vertrieben wurde, schrieb Anna Seghers im Jahr 1944 die Erzählung DER AUSFLUG DER TOTEN MÄDCHEN, nach meinem Empfinden eines ihrer zentralen Werke, auf gleicher künstlerischer Höhe wie ihr berühmter Roman "Das siebte Kreuz", der sie weltbekannt gemacht hat.

    Buchners Schulbibliothek der Moderne: Der Ausflug der toten Mädchen. Texte und Interpretationen: 7  Der Ausflug der toten Mädchen: und andere Erzählungen (Allemand)

    Die von den Nazis aus Europa vertriebene und durch lange Krankheit geschwächte „Netty“ (das ist der eigentliche Vorname von Anna Seghers) wird während eines Spazierganges in einem mexikanischen Dorf, das der Exilantin Zuflucht gewährt hat, auf ein von einer weißen Mauer umgebenes Haus aufmerksam, wo sie in einer Fata Morgana einen Schulausflug von vor dem Ersten Weltkrieg wieder erlebt. Denn vor dem kleinen Lokal, wo sie Rast macht, entdeckt sie im Garten zwei Mädchen auf einer Wippschaukel, die in ihr die Erinnerung an diesen Ausflug wachrufen, der von ihrer Vaterstadt Mainz in den benachbarten Rheingau führte. Sie sieht zwei ihrer liebsten Schulfreundinnen, Marianne und Leni, vor sich, die in der Gartenwirtschaft, wo sie sich zu einer Kaffeepause eingefunden haben, bevor der Dampfer sie nach Mainz zurückbringen soll, sich voller Lebensfreude auf einer Wippschaukel vergnügen.


    Im Zentrum ihrer Novelle steht die schier unverbrüchliche Freundschaft zwischen Leni und Marianne. Leni vermittelt zwischen Marianne, dem hübschesten Mädchen der Klasse, und Otto Fresenius, ihrem idealistischen Freund aus der Unterprima, der als Kriegsfreiwilliger bereits 1914 in Frankreich fällt. Marianne trauert lange, heiratet später aber Gustav Liebig, der SS-Mann ist und den Mann ihrer Freundin Leni denunziert, weil der sich geweigert hat, in die SS einzutreten.

    Er wird in einer illegalen Druckerei der KPD bei der Herstellung verbotener Flugblätter verhaftet. Leni ebenfalls. Sie verhungert im zweiten Kriegswinter in einem Frauen-KZ.

    Marianne, inzwischen selber überzeugte Anhängerin der Nazi-Partei, weigert sich, Lenis Kind retten zu helfen. Dadurch entgeht es dem Bombardement auf Mainz, in dem Marianne und einige ihrer Schulkameradinnen umkommen. Das Kind wird durch die Nazi-Behörden in ein abgelegenes Erziehungsheim eingewiesen. Dort überlebt es.


    Die Geschichte weiterer Figuren:

    Fräulein Mees, eine ältliche, leicht, aber entengleich hinkende Lehrerin, trägt immer ein großes Kreuz auf ihrer Brust, weswegen die Mädchen über sie lächeln, aber sie bleibt ihrem Glauben treu und sammelt trotz aller Schikanen und Bedrohungen der Nazis für die Bekennende Kirche.

    Fräulein Sichel, eine jüdische Lehrerin, wird im Dritten Reich von einer sie ehemals bewundernden Schülerin von einer Bank verjagt, als "Judensau" beschimpft und schließlich nach Polen deportiert, wo eine ihrer Schülerinnen (Sophie Meier) in ihren Armen stirbt.

    Lore bringt sich mit Schlafpulver um, weil ein abgewiesener nazistischer Liebhaber sie wegen Rassenschande mit dem KZ bedroht.

    Ida, deren Bräutigam vor Verdun fiel, wird Krankenschwester und Diakonissin. Sie ist aus ideologischen Gründen gegen "falsches" Mitleid mit Kriegsgefangenen, kommt aber schicksalhaft beim gleichen Bombardement wie diese ums Leben.

    Die immer hilfsbereite Gerda wird Lehrerin und heiratet den Lehrer Neeb, der aus Angst um seine Stelle gegen Gerdas Willen zum Tag der Nationalen Arbeit, dem 1. Mai, die Hakenkreuzfahne in sein Fenster hängt. Gerda, die mit den Nazis nichts zu tun haben möchte, begeht in ihrer Verzweiflung Selbstmord.

    Lotte hört nach bei Anlegen des Ausflugsschiffes die Glocken des Doms zur Abendandacht läuten und beeilt sich, weil sie diese gerne mitfeiern möchte. Später tritt sie in das Frauenkloster Nonnenwerth auf einer Rheininsel bei Bonn ein. Von dort flieht sie mit ihren Mitschwestern vor den Nazis ins benachbarte Holland, doch auch dort wird sie vom Schicksal schließlich eingeholt, nachdem deutsche Truppen im Mai 1940 das kleine Land überfallen und besetzt haben.


    Netty überlebt den Krieg als einzige ihrer Klasse. Alle anderen kommen in den Wirren des Krieges und durch die Repressalien der Nazis um. Nach der Rückkehr vom Ausflug gehen die Mädchen durch das noch unversehrte Mainz nach Hause. Gerade als Netty ihre Mutter auf dem Balkon ihres Hauses entdeckt, von wo sie ihr entgegen winkt, endet ihre visionäre Erinnerung. Sie vergißt aber nicht, daß Fräulein Sichel sie vor dem Heimgang bittet, einen Aufsatz über diesen Schulausflug zu schreiben.


    Dann ist sie wieder in Mexiko und findet sich auf der Bank vor der Pulqueria des Dorfes wieder.


    Ein zentraler Satz der Erzählung scheint mir zu sein: "daß die Schicksale der Knaben und Mädchen zusammen das Schicksal der Heimat, des Volkes ausmachen, daß darum über kurz oder lang das Leid oder Glück ihrer Klassenfreundinnen sie selbst beschatten oder besonnen könnte."


    Hätte Anna Seghers nur diese eine Novelle geschrieben, so wäre ihr ein Platz unter den Autoren des 20. Jahrhunderts sicher.


    Nemorino

    Lieber Fiesco,


    über Geschmack läßt sich bekanntlich nicht (oder gar trefflich) streiten, aber wenn ich von einer "maßstäblichen Aufnahme" sprach, so hatte das seinen Grund nicht darin, weil ich (der nur ein musikliebender Laie ist) das so sehe. So hat z.B. der nicht ganz unbekannte, inzwischen verstorbene Musikwissenschaftler Ulrich Schreiber sie seinerzeit als "Jahrhundertaufnahme" gelobt, und wer ihn und seine Bücher kennt, weiß, daß er mit Lobpreisungen stets sehr sparsam umgegangen ist. Natürlich ist das jetzt schon ein paar Jahre her, aber das muß den Rang der Aufnahme nicht unbedingt schmälern, zumal ja wahrlich nicht ein paar Dutzend davon auf dem Markt auf dem Markt angeboten werden. Der englische "Penguin Guide", immerhin eine weltweit renommierte und vielbeachtete Fachzeitschrift, verleiht jährlich einer Handvoll Aufnahmen eine besondere Auszeichnung. Brittens "Faust"-Aufnahme zählt dazu:

    Robert Schumann / Johann Wolfgang von Goethe, Dietrich Fischer-Dieskau,  Benjamin Britten, English Chamber Orchestra, Elizabeth Harwood, Peter  Pears, John Shirley-Quirk - Schumann - Scenes from Goethe's Faust (2004,  CD) | Discogs

    Das muß Dich natürlich nicht hindern, andere Aufnahmen zu bevorzugen. Ich wollte damit nur sagen, daß meine Wortwahl wohlüberlegt und nicht "locker vom Hocker" kam.


    LG Nemorino

    Spannend finde ich bei der 1. Sinfonie Brahms, das in 4. Satz Beethovens 5. c moll erklingt.

    Also, sonnig oder nicht sonnig, von Beethovens Fünfter vermag ich darin noch nicht einmal Spurenelemente zu erkennen. Hingegen unverkennbar, ganz ohne jede Anstrengung, einen wehmütigen Anklang an das Freudenthema im Finalsatz der Neunten. Und da bin ich nun wahrlich nicht der erste, dem das ins Ohr fällt: Als Brahms seinerzeit darauf angesprochen wurde, kam ein ganz widerwilliges Einverständnis: "Jawohl, und noch merkwürdiger ist, daß das sogar jeder Esel hört". Vielleicht ist es ja gerade deshalb auch mir gleich eingefallen:D.


    LG Nemorino

    Bisher aber schient sich niemand weiter darauf eingelassen zu haben, das inspirierte, durchdachte und spannende Dirigieren von Cluytens in Beehovens PASTORALE anzuhören.

    Lieber Caruso41,


    ich hatte seine Interpretation der Pastorale länger nicht gehört, sonst würde er in meiner Aufstellung #197 nicht fehlen!

    Daß ich diesen Dirigenten sehr hoch schätze, geht u.a. auch aus meinem Beitrag 31 in "Beethovens Werke - was sind eue Lieblingsinterpretationen" hervor, wo ich seine Version von Beethovens Zweiter besonders hervorgehoben habe:

    Cluytens sollte nicht ungenannt bleiben, der überhaupt eine sehr überzeugende GA mit den Berliner Philharmonikern vorgelegt hat, die erste in Stereo mit diesem Orchester überhaupt (1958-61).

    Warner Classics, der EMI-Nachfolger, hat sie inzwischen (auf dem Label "Erato") neu herausgegeben:


    Beethoven: Sinfonien Nr. 1-9/Ouvertüren

    Cluytens gefällt mir in der "Pastorale" sogar noch eine Spur besser als sein Landsmann Pierre Monteux, der etwa zur gleichen Zeit die Sechste mit den Wiener Philharmonikern (Decca/RCA) eingespielt hat. Beide geben dem Werk eine Prise französischen Esprit, wobei mir Cluytens (ich weiß, er ist eigentlich Belgier) die Stimmung des Werkes noch feinnerviger zu treffen scheint. In einer alten Rezension lobt ein ungenannter Kritiker ".... die unproblematische, farbenprächtige Sechste von Cluytens mit den Berliner Philharmonikern, ganz 'undeutsch', aber hochmusikalisch."


    LG Nemorino