Beiträge von nemorino

    Ein dickes Lob übrigens an "nemorino" für seine ausführlichen Berichte aus der Vergangenheit...

    Vielen Dank an Alfred und Holger für die anerkennenden Worte.

    Wenn man keine Zukunft mehr hat und mit der Gegenwart hadert, dann nimmt man Zuflucht in die Vergangenheit :).


    Ich will hier nur so kurz wie möglich auf einige Aspekte zurückkommen und versuchen, Klarheit bezüglich der "Trauermarsch"-Sonate (As-dur, Nr. 12) zu schaffen. Leider finde ich, trotz eifrigen Suchens, nicht die Quelle, auf die ich meine Aussage in Beitrag #113 stützen kann. Aber ich bin mir sicher, daß ich sie entweder in einem Sachbuch oder einer Musikzeitschrift gelesen habe. Daß die komplette Sonate von EMI veröffentlicht wurde, muß dem nicht entgegenstehen. Ich denke mir, daß Gieseking im Vorfeld seiner Aufnahmen einige Sätze schon mal durchgespielt hatte und diese mitgeschnitten wurden. Nach seinem Tod hat man dann wohl diese "Probeaufnahmen" einfach angehängt, um nicht neben dem Torso der GA auch noch eine Sonate unfertig präsentieren zu müssen. Damit wäre der berechtigte Einwand von Christian B. geklärt:

    Die Sonate No. 12 op. 26 wurde laut Booklet vom 20.-23.10.56 in London komplett aufgenommen und ist in der oben abgebildeten Warner-Box enthalten.
    Ein bisschen rätselhaft sind die Aufnahme-Informationen, so scheint die Sonate op. 28 teilweise in Mono und in Stereo (4. Satz) aufgenommen worden zu sein. Und das hört man auch, wie ich gerade feststelle!

    EMI-Columbia schwankte zwischen 1955 und 1957 ständig zwischen Mono und STEREO. Der Grund dafür war das negative Verhalten von Walter Legge, dem führenden Produzenten der Klassik-Abteilung. Er betrachtete die neue Technik als Störung seiner in langen Jahren entwickelten Aufnahme-Philosophie, die sein unablässiges Bemühen um ein gut ausbalanciertes, aber homogenes Klangbild spiegelte. In Stereo sah er lediglich eine technische Spielerei mit spektakulären Rechts-Links-Effekten, sonst nichts, wohl sein schwerwiegendstes künstlerisches Vorurteil, von dem er nur schwer abzubringen war.

    Jedenfalls begann EMI im Mai 1955 mit ersten Stereo-Experimenten in den Londoner Abbey Studios. Aufgrund von Legges ablehnendem Zaudern gegen Stereo war es ihm ziemlich gleich, "ob ein Werk in Stereo oder Mono aufgenommen wurde, das überließ er dem Zufall. Wenn das (damals einzige) Stereo-Aufnahmegerät nicht verfügbar oder funktionstüchtig war, war das nicht weiter schlimm - dann wurde eben ganz einfach in Mono aufgenommen. Deshalb entstanden zwischen 1955 und 1957 in den Londoner EMI-Studios nur einige wenige Stereo-Produktionen. Erst Anfang 1958 wurde dann endgültig auf STEREO umgestellt, nachdem das dafür nötige Equipment einwandfrei funktionierte."

    Es wird also so gewesen sein, daß die Sonate op. 28 mit der neuen Stereotechnik begonnen und später in Mono komplettiert wurde. Legge war trotz seiner Genialität in Sachen Klassikaufnahmen einfach konservativ und ließ sich nicht leicht umstimmen, ganz im Gegensatz zu den DECCA-Technikern, die bereits ab Ende 1954 alle Neuaufnahmen in Stereo herstellten, sie aber erst ab 1959, nachdem die Abnehmer sich ausreichend mit den neuen Abspielgeräten versorgt hatten, in Stereo auf den Markt brachten. Auch dies ist ein Stück Schallplattengeschichte.

    Da steht aber als Aufnahmeort bei jeder Sonate "Saarbrücken"

    Es handelt sich dabei nicht um die Londoner EMI-Aufnahmen, sondern um Einspielungen von Radio Saarbrücken. Gieseking war seit 1947, wie schon weiter oben gesagt, an der Musikhochschule des Saarlandes tätig.


    LG Nemorino

    Ich fand es schon immer ein wenig befremdlich, daß Walter Gieseking (1895-1956) im Vergleich zu seinen beiden fast gleichaltrigen Kollegen Wilhelm Backhaus (1884-1969) und Wilhelm Kempff (1895-1991) nie so recht gewürdigt wurde, obwohl er ein Künstler vom gleichen Kaliber war. Das mag z.T. daran gelegen haben, daß Gieseking bereits im Alter von 60 Jahren verstorben ist, auch, daß sein früher Tod mit der Einführung der neuen Stereo-Technik zusammenfiel, so daß er davon kaum noch profitieren konnte. Hinzu kam, daß Gieseking, im Gegensatz zu seinen beiden Konkurrenten, die gleich ihm in Deutschland geblieben waren, von seiten der Alliierten Steine wegen seiner angeblichen NS-Vergangenheit in den Weg gelegt wurden, obwohl er nachweislich weder der NSDAP noch einer ihrer Gliederungen angehört hat. Ihm wurden im wesentlichen einige unbedachte, regimefreundliche Äußerungen während er Nazi-Zeit zum Verhängnis. Zunächst bekam er Auftrittsverbot, das erst Ende 1947 aufgehoben wurde, und dann wurde ihm 1948 eine gewünschte Konzertreise in die USA, wo er vor dem Zweiten Weltkrieg große Erfolge gefeiert hatte, verweigert. Schuld an dem Einreiseverbot waren nicht nur die akribischen US-Behörden, sondern auch massive Proteste von prominenten Künstlern, wie Rubinstein, Horowitz und Heifetz, die Asyl in den USA gesucht und gefunden hatten. Da mag, was die beiden Erstgenannten betrifft, auch Konkurrenzneid mitgespielt haben, denn Giesekings Ruf als Klavierspieler war in Amerika unangefochten, und viele seiner verbliebenen Anhänger warten ungeduldig auf seinen ersten Nachkriegsauftritt. Aber Künstler sind eben auch nur Menschen, und die Vorbehalte gegen deutsche Künstler waren, zumal der Krieg noch in frischer Erinnerung war, auch in der Bevölkerung weit verbreitet. Kurz und gut: Gieseking konnte erst 1953 wieder in den USA auftreten, und seine Konzerte in der ausverkauften Carnegie Hall in New York waren, trotz einiger Proteste vor seinem ersten Konzertabend, ein voller Erfolg.


    1947 hatte sich Gieseking, um freier arbeiten zu können, im damals autonomen Saargebiet niedergelassen, das von den Franzosen beherrscht war. Diese waren dem Künstler freundlich gesonnen, vielleicht auch, weil er in Lyon zur Welt gekommen war. Von 1947 bis zu seinem Tod wirkte er als Professor und Leiter einer Meisterklasse am Staatlichen Konservatorium Saarbrücken. Aber er galt (und gilt noch heute) in Frankreich als überragender Debussy- und Ravel-Spieler. Seine Aufnahmen mit Werken dieser Komponisten gelten noch heute bei vielen Kennern als Geheimtip.


    Gieseking kam 1895 in Lyon zur Welt und wuchs in Südfrankreich auf. 1911 zog er mit seinen Eltern nach Hannover, und dort erhielt er von 1912 bis 1917 Klavierunterricht bei dem berühmten Musikpädagogen Karl Leimer. Nach dem Ersten Weltkrieg begann er seine Laufbahn als Konzertpianist, die ihn weltweit bekannt machte. Zum Verhängnis wurde ihm, daß er in der Nazi-Zeit nicht emigrierte, sondern seine Karriere in Deutschland und, schlimmer noch, in den von Deutschland besetzten Ländern fortsetzte. Das wurde ihm nach Kriegsende von den Alliierten, besonders den Amerikanern, als Kollaboration und Nähe zum Nazi-Regime angekreidet. Es folgte, wie bereits erwähnt, ein weltweites Auftrittsverbot, das ihm schwer zu schaffen machte. Seine Kollegen Kempff und Backhaus hingegen blieben weitgehend unbehelligt, obwohl auch sie das Land nicht verlassen hatten.

    Schon kurz nach Kriegsende knüpfte der englische Musikproduzent Walter Legge, der beim EMI-Konzern in leitender Position tätig war und das Philharmonia Orchestra London gegründet hatte, erste Verbindungen zu Gieseking. Ab 1951 entstand eine Fülle von Aufnahme für das EMI-Label Columbia, darunter Klavierkonzerte von Mozart, Beethoven, Schumann und Franck sowie das gesamte Klavierwerk Mozarts (alles in Mono), und schließlich begann Legge mit einer Gesamtaufnahme der 32 Klaviersonaten Beethovens, die aber leider durch den plötzlichen Tod des Pianisten am 26. Oktober 1956 unvollendet blieb. Lediglich 21 Sonaten wurden eingespielt. Am 23. Oktober nahm man noch die beiden ersten Sätze der As-dur-Sonate Nr. 12 auf, während man den dritten Satz "Marcia funebre sulla morte d'un eroe" und das Finale für den folgenden Tag geplant hatte. Dazu kam es nicht mehr: Gieseking, der an den Spätfolgen einer Pankreas-Erkrankung litt, mußte unerwartet in ein Londoner Hospital eingeliefert werden und wurde notoperiert, doch zwei Tage später starb er, knapp 61-jährig. Er wurde in seinem Wohnort Wiesbaden beigesetzt.


    Aus dem geplanten und nicht zu Ende geführten Beethoven-Sonatenzyklus gibt es u.a. eine Einzel-CD mit den Sonaten 8-10, 13 & 14, und dies sogar in STEREO, obwohl der Produzent Walter Legge der neuen Technik sehr reserviert gegenüberstand:
    Play Piano Sonatas 8, 9, 10, 13, 14 - Beethoven by Walter Gieseking on  Amazon Music


    Leider konnte ich keine Abbildung der Original-CD aus der Serie "Laser" finden. Doch der Inhalt ist identisch.


    LG Nemorino

    Das hat mich beflügelt und ich habe mir diese Aufnahme inzwischen bestellt.

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    Ich kann Dir dazu nur gratulieren, lieber Alfred! Nach langer Pause habe ich mir heute früh das Konzert Nr. 4 mit Gieseking/Galliera angehört, ein wirklicher Genuß. Der Pianist ist in Hochform, und Galliera war einer der einfühlsamsten "Begleiter" im Konzertsektor, den man sich vorstellen kann. Der Stereo-Klang ist gut, kann allerdings mit den DECCA-Produktionen aus dieser Zeit nicht ganz mithalten. Aber im Vergleich mit der älteren Aufnahme unter Karajan von 1951 ist diese hier deutlich vorzuziehen. Die Karajan-Aufnahme entstand mit 4 anderen Werken an einem einzigen Tag im Juni 1951, und das hört man ihr an. Da ist mehr Routine als Inspiration im Spiel.


    An der Stelle gleich noch ein Dankeschön an Norbert für seine mühevolle Arbeit. :thumbup:


    Bei der Gelegenheit möchte ich noch einmal auf die umfangreiche Gieseking-Edition von Warner Classics hinweisen, die sämtliche EMI/Columbia-Einspielungen mit dem Künstler auf 48 CDs enthält. Eine Fundgrube für jeden Gieseking-Verehrer und alle Freunde souveränen Klavierspiels:


    Ich hatte die Box kurz nach ihrem Erscheinen im November 2018 schon einmal vorgestellt, doch damals fehlte der Zugriff auf jpc.


    LG Nemorino

    Wilhelm Backhaus, Wilhelm Kempff und Walter Gieseking waren die unumstrittenen Klaviergiganten in der Kriegs- und Nachkriegszeit im deutschen Sprach- und Kulturraum.

    Wilhelm Backhaus hatte die Beethoven-Konzerte Nr. 2 bis 5 bereits in den frühen 50er Jahren für die LP aufgenommen, die Konzerte Nr. 2, 4 & 5 mit Clemens Krauss, Nr. 3 mit Karl Böhm, auf DECCA-Platten, in Mono. 1958/59 folgte dann die GA mit Schmidt-Isserstedt in STEREO.

    Wilhelm Kempff spielte die 5 Konzerte 1952/53 mit dem Dirigenten Paul van Kempen für die DGG ein, es gibt viele Musikfreunde, die diese Mono-Versionen der späteren STEREO-GA mit Ferdinand Leitner vorziehen. In beiden Fällen spielt Kempff eigene Kadenzen, die handwerklich ganz gut geraten sind, aber (mich) wenig überzeugen.

    Walter Gieseking schließlich hat die Konzerte Nr. 4 & 5 im Sommer 1951 mit Herbert von Karajan für EMI/Columbia aufgenommen und das Konzert Nr. 1 mit Rafael Kubelik 1948 ebenfalls für EMI/Columbia. Der Name des Dirigenten wurde aus vertraglichen Gründen während der gesamten LP-Zeit unterdrückt und wurde erstmals auf einer CD-Ausgabe von 2004 öffentlich gemacht.

    Gieseking war mit den Aufnahmen unter Karajan nicht zufrieden und nahm 1955 die Konzerte Nr. 4 & 5 nochmals auf, diesmal unter Alceo Galliera, in STEREO. Diese Aufnahmen sind deutlich besser gelungen und rechtfertigen die Neueinspielung.


    Doch nun zurück zum Klavierkonzert Nr. 1. Meine Lieblingsaufnahmen sind trotz erdrückender Konkurrenz bis heute diese geblieben:

      

    Svjatoslav Richter (Klavier) mit dem Boston Symphony Orchestra, Dirigent: Charles Münch. Die Studio-Produktion entstand während des ersten USA-Besuchs des russischen Meisterpianisten im November 1960.

    Meine zweite Lieblingsaufnahme ist diese:


    Beethoven: Piano Concerto No.1 / Triple Concerto by Anne-Sophie Mutter

    Christoph Eschenbach und die Berliner Philharmoniker, Dirigent: Herbert von Karajan (Aufnahme: 12/1966).

    Eine ungewöhnliche Interpretation, das frühe Konzert eher aus der Sicht des späten Beethoven, mit majestätischen Tempi, der zweite Satz nimmt nicht weniger als 14 Minuten in Anspruch. Trotzdem verstehen es Solist und Dirigent, die Spannung durchgehend aufrechtzuerhalten. Eine wunderbar klingende, auch tontechnisch großartige Aufnahme. Ich habe sie schon früher lobend erwähnt.


    LG Nemorino

    Es ist ein DECCA 4 CD Box der Serie "granCONCERTO"

    Lieber Alfred,


    vermutlich meinst Du diese Box:


    Die gibt es gebraucht, sehr gut bei Medimops für relativ kleines Geld. Oder, wer den ganzen "Beethoven-Backhaus", allerdings ohne jede Textbeilage bevorzugt, dem sei zu dieser Membran-Ausgabe geraten:


    Auch die gibt es noch auf dem Gebrauchtmarkt. Ich besitze die DECCA-Box, es handelt sich bei den Konzerten sämtlich um STEREO-Produktionen aus den Jahren 1958/59, aufgenommen in den legendären Sofiensälen in Wien. Die Aufnahmen wurden lange Zeit als Referenz gehandelt, Kempffs neue Stereo-Aufnahmen bei der DGG erschienen Anfang der 1960er Jahre, mit Ferdinand Leitner am Pult und den Berliner Philharmonikern. Backhaus spielt Beethovens Original-Kadenzen (mit Ausnahme bei Nr. 3, da fügt er im Kopfsatz die Kadenz von Carl Reinecke ein).


    LG nach Wien

    Nemorino

    Dirigent und Besetzung sind über jeden Zweifel erhaben.

    Lieber Alfred,


    gerne würde ich eine Antwort schreiben, aber obwohl ich ziemlich hitzeresistent bin, kann ich mich heute nicht konzentrieren. Mein Thermometer zeigte um 16.00 Uhr 40,2° C, und jetzt sind es noch stolze 34°. Da muß ich einfach pausieren. Sobald wieder Normalität einkehrt, komme ich auf das Thema zurück.


    LG nach Wien

    Nemorino

    Daß Ferenc Fricsay ein herausragender Mozart-Dirigent war, hat er nicht nur durch seine Gesamtaufnahmen der Opern "Die Entführung aus dem Serail", "Die Zauberflöte", "Don Giovanni" und "Le Nozze di Figaro" hinreichend bewiesen (alle DGG, die beiden letztgenannten liegen in STEREO vor), sondern auch durch seine Aufnahmen diverser Sinfonien und Klavierkonzerte, die hier weiter oben mehrfach gewürdigt wurden. Es gibt aber noch eine Kostbarkeit, die meist vergessen wird zu erwähnen, das Klarinettenkonzert KV 622. Im September 1957, wenige Wochen vor der offiziellen Umstellung auf STEREO bei der DGG, hat er es mit dem Solisten Heinrich Geuser in Berlin aufgezeichnet, zusammen mit dem Klarinettenkonzert Nr. 1 von C.M. von Weber:

    Es handelt sich um eine originale DGG-Produktion, die erste LP-Ausgabe sah so aus und ist in meiner Sammlung:

    MOZART / WEBER: Klarinetten-Konzerte - Geuser/Fricsay (DGG LPEM 19130 /  Mono) | eBay.de


    Zu bewundern ist Fricsays schlanke und sensible Führung des Orchesters, zu dem der etwas "dicke" Ton des Klarinettisten einen Kontrast darstellt, der aber nicht negativ ins Gewicht fällt, weil Geuser an sich ein ausgezeichneter Solist war. Er gehörte aber einer älteren Schule an, und deshalb wünscht man sich an seine Stelle eher Karl Leister, den langjährigen ersten Klarinettisten der Berliner Philharmoniker, der später das Mozart-Konzert mit verschiedenen Dirigenten, u.a. Kubelik und Marriner, eingespielt hat.


    Immerhin ist es erfreulich, daß es diese Aufnahme noch gibt. Trotz Monotechnik klingt sie transparent und tonschön. ES gibt sie auch in dieser umfangreichen 45 CD-Box, die sämtliche DGG-Aufnahmen des Dirigenten aus der Zeit von 1949 bis 1961 umfaßt:


    LG Nemorino

    Es mag nicht allgemein bekannt sein, aber Ferenc Fricsay hat insgesamt zwei Aufführungen von Haydns "Jahreszeiten" hinterlassen, einmal die von Alfred im vorherigen Eintrag genannte Studio-Produktion von 1952, und eine weitere aus den Tagen, als er bereits schwer erkrankt war und seine Arbeit aufgrund dessen erheblich einschränken mußte. Sie wurde erstmals auf LP im Rahmen der FRICSAY EDITION Ende der 1970er Jahre veröffentlicht und später dann auf CD in die Box "ferenc fricsay - a life in music" übernommen:

    Fricsay-Edition, Serie 2/Vol.10 - Haydn: Die Jahreszeiten [Vinyl Schallplatte] [3 LP Box-Set]     51hfnlPUQvL._SL500_AA300_.jpg


    Es handelt sich um ein Live-Konzert in der Jesus-Christus-Kirche, Berlin-Dahlem, vom 11. November 1961, das vom Sender Freies Berlin (SFB) mitgeschnitten und später in Lizenz von der Deutschen Grammophon Gesellschaft herausgegeben wurde. Es dürfte sich dabei um einen der letzten öffentlichen Auftritte Fricsays handeln, nachdem er im September 1961 noch die neuerbaute Deutsche Oper Berlin mit Mozarts DON GIOVANNI eröffnet hatte. Als Solisten wirken mit: Maria Stader (Hanne), Ernst Haefliger (Lukas) und Josef Greindl (Baß). Nur der letztgenannte war auch in der früheren Studio-Aufnahme dabei, während die anderen Partien mit Elfride Trötschel und Walther Ludwig besetzt waren. Klangtechnisch ist der Mitschnitt recht gut gelungen. Einen Vergleich mit der Studioproduktion kann ich nicht anstellen, weil mir dieser nicht vorliegt.


    LG Nemorino

    Vor einigen Tagen zeigte jemand die hier gezeigte Doppel Cd im Forum. Das Übel nahm seinen Lauf: Einerseits am Klassik- (und somit auch Haydn-Trip, andrerseits gefesselt von einem Interesse an Ansermet, liess sich der Kauf nich länger vermeiden.

    Ich bekenne mich schuldig, lieber Alfred, der Übeltäter war ich! :untertauch:

    Und jetzt habe ich gleich noch einen Angriff auf Dein Portemonnaie vor und möchte es mit dieser CD verschlanken:

    Sie enthält die Sinfonien Nr. 22 (Philosoph) & 90, sowie Haydns Trompetenkonzert (Solist: Paolo Longinotti), und als Zugabe gibt's obendrauf noch das Trompetenkonzert von J.N. Hummel (mit dem Solisten Michel Cuvit). Und Ansermet in Höchstform!!

    Alles glänzend aufbereitete STEREO-Aufnahmen aus den Jahren 1957 (Haydn-Konzert), 1965 (Sinfonien) und 1968 (Hummel).


    LG Nemorino

    In den USA dürfte man vermutlich Bernstein und seiner Nréw Yorker Einspielung den Vorzug gegeben haben (?) Wie das weltweit ausgesehen hat weiß ich nicht.

    Da kann ich, wenn auch nur mit ziemlich alten Zahlen, aushelfen. Auf eine Anfrage eines Musikjournalisten im Jahr 1999 bei der DGG nach den Verkaufszahlen der Beethoven-Sinfonien mit Karajan bzw. Bernstein kam folgende lapidare Antwort:

    "Für Karajans drei Beethoven-Zyklen (gemeint sind die mit den Berliner Philharmonikern 1962, 1977 & 1985) liegen keine aktuellen Zahlen vor; alle zusammen dürften aber inzwischen die 4 Millionen-Grenze deutlich überschritten haben. Von Bernsteins Wiener Zyklus 1978/79 (veröffentlicht 1980) wurden bis Ende 1987 weltweit 88.982 Stück verkauft."

    Ob darin auch die Einzelplatten enthalten sind, geht aus den Angaben nicht hervor. Also nur ein kleiner Klecks gegen Karajans Brocken. Und der Abstand dürfte sich inzwischen vielleicht verändert haben, aber es ist kaum anzunehmen, daß Bernstein bei diesem Stand jemals die Aufholjagd

    gewinnen konnte, obwohl sich beide an Charisma und dirigentischer Könnerschaft ziemlich gleich waren.

    Eine beste Einspielung anhand von Verkaufszahlen auszumachen, hieße zu verkennen, dass ein Erfolg am Markt nur zu oft von Marktdurchdringung des Labels, von seinem Marketing, von der Presse und vom Starkult befördert wird und überhaupt nichts mit der musikalischen Qualität und interpretatorischen Leistung zu tun haben muss.

    Das ist eine Binsenweisheit.


    LG Nemorino

    Herbert von Karajan (1951/55)


    In den vergangenen Wochen war in diversen Beethoven-Threads immer wieder von Karajans erster Gesamtschau der Beethoven-Sinfonien die Rede, die in den Jahren zwischen 1951 und 1955 in London (Nr. 1-8) und Wien (Nr. 9) mit dem PHILHARMONIA ORCHESTRA entstand, das der englische Musikproduzent Walter Legge 1945, kurz nach Kriegsende, gegründet hatte.

    Da die Aufnahmen (mit Ausnahme der Achten) noch in Mono produziert wurden, gerieten sie nach der Einführung der revolutionären Stereotechnik (ab ca. 1955) rasch ins Abseits und nach der sensationellen Neuaufnahme der Beethoven-Sinfonien durch Karajan in den Jahren 1961/62 bei der Deutschen Grammophon Gesellschaft, die tontechnisch auf dem damals höchstmöglichen Standard verwirklicht wurde, vorübergehend beinahe in Vergessenheit.

    Vorausschicken möchte ich noch, daß der Plattenkonzern Columbia/EMI ursprünglich gar nicht an eine Gesamtaufnahme gedacht hatte, als er im November 1951 mit der Aufnahme der Siebten den Reigen eröffnete. So entstanden die übrigen Sinfonien während diverser Aufenthalte Karajans in London in unregelmäßigen Abständen: Nr. 3 (11/1952), Nr. 6 (7/1953), Nr. 2 & 4 (11/1953), Nr. 5 (8/1954) und Nr. 8 (5/1955, STEREO), sämtlich in der Kingsway Hall, während die Neunte anläßlich einer Konzertreise nach Wien im dortigen Großen Saal des Musikvereins (7/1955) aufgezeichet wurde, weil der Philharmonia Chorus noch nicht existierte und Karajan über eine enge Verbindung zu dem Wiener Chor der Gesellschaft der Musikfreunde verfügte. Damit war nach fast vier Jahren der Kreis geschlossen. Die Aufnahmen wurden einzeln veröffentlicht, weil schon allein wegen der damaligen Plattenpreise eine 7 LP-Kassette für die meisten Musikfreunde unerschwinglich gewesen wäre. Die Aufnahmen wurden von Kritik und Käufern sehr freundlich aufgenommen. Vor allem die "Eroica", die "Pastorale" und die Siebente galten bei ihrem Erscheinen als sensationelle Paradebeispiele und wurden enthusiastisch gefeiert.

    Selbst Karajan-Zweifler wie der Musikkritiker Klaus Umbach bescheinigten den Aufnahmen einen hohen Stellenwert, und Ulrich Schreiber stellte sie später auf eine Stufe mit den bahnbrechenden Aufnahmen von Erich Kleiber, Hermann Scherchen und Carl Schuricht, weil Karajan es verstand, "ohne Zugeständnisse an die damals vorherrschenden Aufführungstraditionen die Spannung der Sinfonien von Beethoven von innen heraus zu entwickeln und von spätromantischem Ballast zu befreien (im Gegensatz zu seinen späteren bei der DGG)".


    Der 2007 verstorbene Musikkritiker der "Süddeutschen Zeitung", Karl Schumann, hat anläßlich der Wiederveröffentlichung des Londoner Zyklus 1978 in einem Essay dazu wie folgt Stellung genommen: "Die Londoner Beethoven-Aufnahmen entstanden in den frühen 1950ern, als der Markt nach dem verheerenden Krieg nach neuen Aufnahmen verlangte, die nicht zuletzt auch aufgrund der technischen Entwicklung (die erste Langspielplatte erschien 1949) erforderlich waren. Karajans Auslegung der Beethoven-Sinfonien überfiel ein Publikum, das an den heroisch-titanesken Aspekt gewöhnt war und sich nun einer bacchantischen, von Rhythmus und Wohllaut geprägten Interpretation ausgesetzt fand. Sie orientiert sich an der Genauigkeit und vollendet sich in einem Klang, dessen Spektrum von äußerster Wucht bis zu subtilen, impressionistischen Nuancen reicht. Karajan hat wieder ins Bewußtsein gebracht, wie differenziert Beethovens Orchestersatz in seiner vermeintlichen Einfachheit ist, wieviele klangmalerische Valeurs beispielsweise in der Pastorale zu finden sind - die farbige Auslegung der Sechsten wurde nachdrücklich bestaunt - , welcher Überfluß an farbigen Details eine streng klassisch angelegte Partitur wie die der Vierten oder Achten enthält und welche Klangmagie sich in der Ekstase des Chorfinales der Neunten äußert. Karajans rasche Tempi bekunden die Abkehr von der spätromantischen Breite und Subjektivität, basieren auf einer klaren, objektiven Erfassung des Metrums und steigern die Bewegung mitunter ins Tänzerische (7. Sinfonie!). Das Finale der Eroica gibt seine Herkunft aus der Ballettmusik zu erkennen, die 1. und 2. Sinfonie deuten mit flinker Grazie die Nähe zu Haydn und Mozart an. Lockerheit der orchestralen Präzision und durchsichtige Gliederung bestimmen die Fünfte, bei der es deutlich weniger um dräuendes Schicksalspathos als um klangvolle Darlegung der motivischen Arbeit und der thematischen Zusammenhänge geht. Die langsamen Sätze lassen Karajans Lyrismus hervortreten. Nach Wiener Brauch wird der Klang von den Primgeigen aus aufgebaut und aus dem Piano als dynamischem Grundwert in jenem weitausschwingenden Legato entfaltet, das ein Charakteristikum des jungen Karajan ist, der die langsamen Sätze zu Arien für großes Orchester werden läßt. Die Spätromantik drang auf das, was hinter den Noten steht; der Sensualist und Positivist Karajan pocht auf das, was in den Noten aufgezeichnet ist. Hinzu tritt das Österreichische im Weltmann Karajan: das sinnliche Element der Wiener Musizierschule, die Vorliebe für den runden, warmen Klang, die Freude am Streicher-Legato und die Auffassung, daß Musik vorab ein Wohlgefallen sein müsse."


    Der Nachfolger von Walter Legge als EMI-Produzent, der Inder Suvi Raj Grubb, meint in seiner Biographie, daß der Londoner Karajan-Zyklus "für mich immer noch die beste Einspielung dieser Werke mit Herbert von Karajan ist, ausgezeichnet durch geballte Intensität und Leidenschaftlichkeit des Gefühls ebenso wie durch sichere Gestaltung der musikalischen Architektur. In der Exposition der Eroica z.B. wird das erste Nebenthema nacheinander von Oboe, Klarinette, Flöte und ersten Geigen gespielt, während Celli und Bässe im Staccato ein Fragment des Hauptthemas spielen: Auf der Aufnahme ist jedes Detail glasklar zu hören und jedes Instrument hat dieselbe Intensität und Präsenz und die ihm eigene Klangfarbe und Wärme. In keiner anderen mir bekannten Aufnahme klingt der Wechsel der Instrumente so lebendig und natürlich."


    Für Karajans Londoner Beethoven spricht auch die Tatsache, daß die Aufnahmen nie ganz aus den internationalen Katalogen verschwunden sind, trotz der über 70 Jahre, die sie auf dem Buckel haben. Und seit Einführung der CD ist der Zyklus in diversen Auflagen sowohl komplett als auch in Einzel-CDs immer wieder neu veröffentlicht worden, zuletzt in dieser, wohl klangtechnisch (zumindest bis heute) bestmöglichen Verfassung, zusammen mit weiteren Beethoven-Aufnahmen Karajans aus dieser Zeit:


    LG Nemorino

    Ich greife nur ungern korrigierend ein.

    Das geht mir genauso, aber die "Siebte in Mono mit dem Philharmonia Orchestra" hat Karajan im Oktober 1951 in der Londoner Kingsway Hall eingespielt. Sie war der Auftakt des ersten Beethoven-Zyklus aus London unter Karajan.

    Hier kann man erleben was "edles Mono" bedeutet, wenn es von erstklassigen Balance Ingenieren ausgereizt wird.

    Produzent war der legendäre Walter Legge, als erster Toningenieur fungierte Douglas Larter. Beide waren für den gesamten Zyklus verantwortlich, der seinen krönenden Abschluß mit der Aufnahme der Neunten im Juli 1955 im Großen Musikvereinssaal in Wien fand. Karajan war mit dem Londoner Orchester nach Wien gereist, um dort mit dem "Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde" den Zyklus zu vollenden, weil es zu dem Zeitpunkt den Philharmonia Chorus noch nicht gab. Der wurde erst im Februar 1957 gegründet und von Walter Legge dem Bayreuther Chorleiter Wilhelm Pitz anvertraut.


    Ich habe diesen ersten Zyklus, der mit Ausnahme der Achten, die im Mai 1955 in London in Stereo produziert wurde, stets hoch geschätzt und später auch auf CDs angeschafft, doch was die Siebte betrifft, so setze ich noch immer die Stereo-Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern von 1959 (DECCA) an die oberste Stelle aller Karajan-Versionen des Werks.


    LG Nemorino

    Otto Klemperer ist für mich der Anfang meiner Klassiklaufbahn

    Lieber Wolfgang,


    auch da treffen sich unsere Lebensläufe: Meine allererste Fünfte war Klemperer/Philharmonia - eine 25 cm-LP, die mir, dem völlig ahnungslosen Anfänger, im Musikhaus Tonger Köln empfohlen wurde. Ich war damals 16 und kannte Klemperer gar nicht, aber ich habe mich schnell entschieden: es war damals die einzige Version auf einer 25 cm-Platte, und die kostete "nur" DM 13,50, günstig gegen die üblichen 30 cm-Platten.

    Klemperer (EMI, 1955) - an der Aufnahme würde ich bekanntlichen Gründen kein Interesse zeigen. Aber was unterscheidet diese Aufnahme von der Stereoaufnahme von 1959 mit dem Philharmonia Orchestra ?

    Natürlich war es eine Monoplatte, aber Stereo spielte für mich damals noch keine Rolle, ich hatte nur einen Mono-Plattenspieler. Es war jedenfalls eine machtvolle Interpretation, heute würde ich sagen ein typischer Klemperer, auf der Hülle war der Komponist als Titan zu sehen, und so klang auch die Aufnahme, von fast beängstigender Wucht und einem triumphalen Schluß.

    Als dann in den 1960ern Stereo seinen Siegeszug antrat, habe ich mir natürlich gleich Klemperers neue Fünfte in der neuen Technik gekauft, diesmal als 30 cm-LP für 25 DM, und war echt enttäuscht. Gegen die 1955er Version war sie lahm, fast schwerfällig, kein Vergleich zu der mitreißenden Vorgängerin, die für mich bis heute noch als Leitbild dient. Natürlich habe ich als großer Klemperer-Fan sämtliche Beethoven-Sinfonien auf CD, auch die beiden von 1955 und 1959, aber die letztere habe ich als CD bis heute noch nie im Player gehabt. Es gibt eigentlich kaum etwas von Klemperer, was nicht in meiner Sammlung ist, außer Live-Mitschnitten und Vorkriegsaufnahmen.


    Natürlich kann ich Dir den ganzen Beethoven-Klemperer empfehlen, am besten in dieser auch recht günstigen Ausgabe:

    Einzeln gibt es die Fünfte in STEREO (1959) in dieser Kombination:

    oder die von 1955 in Mono in dieser Zusammenstellung:

    Die beiden Versionen unterscheiden sich nicht nur in den Tempi, sondern auch in der Dynamik. Zum Vergleich hier die Spielzeiten:

    1955 (Mono): 1. Satz 8.04 /2. 10.03 /3. 5.39 /4. 11.06 Min.

    1959 (Stereo): 1.Satz 8.58 /2. 11.14 /3. 6.15 /4. 13.20 Min.

    In beiden Aufnahmen bringt Klemperer die Wiederholungen im 1. und 4. Satz. Man sieht auf den ersten Blick, wie der Dirigent in seiner 1959er Aufnahme auf die Bremse tritt.


    Liebe Grüße nach Bonn und noch schönen Feiertag

    Nemorino

    Ist schon verbessert, danke!


    Bei der Gelegenheit noch eine alte Kritik aus FonoForum 3/2003: "Karajan hat um 1960 in Wien einige seiner besten Aufnahmen gemacht. Seine Neigung zum luxuriösen Breitwand-Sound wurde dabei von der luftigen, bei aller Fülle auf Transparenz bedachten Technik sehr vorteilhaft kompensiert. Im berühmten Sofiensaal entstand die federnde Wiedergabe von Beethovens Siebter, die die Bezeichnung >con brio< vom Finalsatz kompromißlos auf das ganze Werk überträgt."

    Wir stehen also mit unserem Urteil nicht allein. Erwähnenswert ist noch, daß die auf der von Dir abgebildeten CD eine der schönsten Aufnahmen von Haydns Nr. 104 enthalten ist, auch diese Aufnahme hat Karajan später nicht mehr getopt.


    LG Nemorino

    Die habe ich auch und finde sie sehr gut, die Kritiken bei jpc sind aber schlecht

    Lieber kalli,


    sie ist gut, egal, was die Leute bei jpc schreiben. Es gibt auch Musikfreunde, die unserer Meinung sind: Lies mal den Beitrag #286 auf Seite 10 von teleton in diesem Thread! In einer anderen Kritik, die mir vorliegt, heißt es: "Karajans Aufnahme entstand 1959 mit den Wiener Philharmonikern. Sie ist im Vergleich - das kann man so sagen - seine mit Abstand beste Aufnahme dieser Sinfonie, künstlerisch, klanglich, und das Orchester spielt prachtvoll."

    LG Nemorino




    Vom Gesamteindruck empfand ich die Aufnahme sehr gut, wenngleich nicht ins letzte Detail überzeigen. Mir fehlt das allerletzte Feuer.

    Schon mehrfach habe ich hier an diversen Stellen auf die schönste und (für mich) einzig wahre Karajan-Aufnahme der Siebenten hingewiesen, offensichtlich vergeblich. Sie entstand im März 1959 in den Wiener Sofiensälen. Produzent war der legendäre John Culshaw, der für seine heraussragende Tontechnik weltberühmt war, und das zu Recht. Es gibt sie in verschiedenen Ausgaben:

          


    Herbert von Karajan dirigiert die Wiener Philharmoniker.


    Es ist die mit Abstand überzeugendste Version der Sinfonie, die uns Karajan hinterlassen hat. Nach meiner Meinung kann man dagegen seine sämtlichen Berliner Studioaufnahmen (1962, 1977, 1984) glatt in die Tonne hauen, und die von 1951 aus London hat, da Mono, klangtechnisch keine Chance. Nicht nur die Tontechniker haben hier wahre Wunder vollbracht, das Orchester spielt auf allerhöchstem Niveau, und Wiens historischer Sofiensaal war nicht ohne Grund für die DECCA der beste Aufnahmeort der Welt. Ich habe diese alte, aber wunderbar ausgeglichene und mit schier idealer Transparenz und Tiefe ausgestattete Aufnahme bereits in der Original-RCA-Ausgabe auf LP besessen (sie steht noch heute bei mir im Schrank):

    Vienna Philharmonic Orchestra | Herbert von Karajan ‧ Beethoven – Symphony  No. 7 In A – Vinyl (LP, Stereo), 1959 [r10894489] | Discogs


    Nicht vergessen möchte ich den Hinweis, daß dies Karajans einzige Stereo-Aufnahme der Siebenten mit den Wiener Philharmonikern ist, was ihr zusätzlich noch einen besonderen Stellenwert gibt.


    LG Nemorino

    Aus gegebenem Anlaß (siehe #19) kam aus dieser Box heute zum Vergleich die Sinfonie Nr. 83 ("The Hen") in den Player:

    Eine erstaunlich gut klingende Stereo-Produktion aus dem Jahr 1962. Ansermet und Haydn - eine ideale Kombination. Die Wiener Klassik scheint Ansermet am Herzen gelegen zu haben, siehe seine Beethoven-Aufnahmen.


    LG Nemorino

    ich mag beide Aufnahmen, finde den Fricsay aber noch einen Tacken spannender, allein aufgrund seiner Dichte.

    Da bin ich völlig mit Dir einig, nur einen Tausch würde ich gerne machen: Wenn nur Leonie Rysanek statt der zuverlässigen, aber etwas robusten Annelies Kupper Fricsays Senta gewesen wäre. Auch ich habe beide Aufnahmen in Regal und möchte keine davon entbehren:


    LG Nemorino

    Was mich sehr wundert ist, warum in diesem Thread noch nicht die Sprache auf seinen "Fliegenden Holländer" gekommen ist, der trotz seines Alters (1952) hervorragend klingt

    Hallo Orffeus,


    in meiner Sammlung befinden sich sämtliche Opernaufnahmen Fricsays, vom "Blaubart" über Fidelio und die Mozart-Opern bis zum "Holländer", den ich in dieser Version besitze:

    Wagner: Der fliegende Holländer (Gesamtaufnahme)


    Wie gesagt, leider nur in Mono, aber das nimmt man bei der Besetzung und diesem Dirigenten gerne in Kauf. Es gibt eine vergleichbar gute Aufnahme, die wiederum von einem Ungarn dirigiert wurde, von Antal Dorati (DECCA) aus 1960. Die ist schon in Stereo produziert.


    LG Nemorino

    Es spielt das Columbia, Orchester, von dem immer gern behauptet wird, es sei speziell für Bruno Walter in aller Eile zusammengestellt worden und daher eher mittelmässeig. Strafen schon die Aufnahmen unter Walter diese Aussage Lügen, so auch die Tatsache, daß der Perfektionist Szell bereit ist, mit dem Orchester zusammenzuarbeiten

    Lieber Alfred,


    entgegen weitverbreiteter Meinung war das Columbia Symphony Orchestra nie eine eigenständige Körperschaft und auch kein ständig existierendes Orchester. Es wurde von der US-Plattenfirma CBS je nach Bedarf zusammengestellt. Der Vorteil für die Plattenfirma bestand darin, sich über bestehende Verträge hinwegzusetzen, und die Musiker wurden für die entsprechende Aufnahme nicht von ihrem Stamm-Orchester bzw. dessen Träger, sondern von der Plattenfirma einzeln bezahlt, ein nicht zu verachtendes Nebenverdienst.

    Wenn CBS eine Aufnahme an der Ostküste machte, so wurden die Musiker aus dem New York Philharmonic, dem MET-Orchestra und teilweise aus Toscaninis NBC Orchestra rekrutiert.

    Fanden jedoch die Aufnahmen an der Westküste (sprich: Kalifornien) statt, so holte man sich die Musiker vornehmlich aus dem Los Angeles PO, dem San Francisco PO und auch nicht selten aus bestehenden Filmorchestern in Hollywood. So entstanden sämtliche Spätaufnahmen mit Bruno Walter in den Jahren 1958/60 hauptsächlich mit Mitgliedern des LAPO, die aber aus vertraglichen Gründen als "Columbia Symphony Orchestra" firmierten. Um dem greisen Dirigenten lange Wege zu ersparen, fanden die Aufnahmen in der American Legion Hall in Hollywood statt, nur wenige Kilometer von Walters Wohnsitz in Beverly Hills entfernt.

    George Szell, der etliche Mozart-Klavierkonzerte mit dem Pianisten Robert Casadesus aufnahm, dirigierte in allen Fällen sein Cleveland Orchestra, das sich aber, wohl aus Kostengründen, bei einigen Aufnahmen Columbia SO nannte. Denn in allen Fällen war das Aufnahmeteam wie auch der Aufnahmeort, die Severence Hall in Cleveland, Ohio, identisch. Als "Columbia SO" kamen Sondertarife zur Anwendung.

    Ähnlich verfuhr auch die zweite US-Plattenriese, RCA Victor, bei seinen Aufnahmen. Je nach Bedarf kam das "RCA Victor Symphony Orchestra" oder das "RCA Opera Orchestra" zum Einsatz. Dahinter versteckten sich ganz unterschiedliche Formationen.


    LG Nemorino

    Hallo Orffeus,


    Gratulation zu Deinem Neuerwerb, ein echtes Schnäppchen!


    Wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf: Die "Probe und Aufführung der Moldau" ist, wie schon gesagt, großartig, aber leider nur Mono.


    Es gibt noch eine deutlich besser klingende, 1960 in STEREO produzierte "Moldau" mit den Berliner Philharmonikern. Hier ist sie dabei:

    Diese etwas willkürliche Zusammenstellung, die aber einen guten Überblick über das Repertoire Fricsays ermöglichte, gab es sowohl auf LP als auch auf CD. Mit ein bißchen Glück wirst Du sicher fündig.


    LG Nemorino

    das bei HELIODOR eingespielte Klavierkonzert Nr. 3 von BEETHOVEN, wie auch MOZARTs Konzertrondos KV 382 und 386 mit der famosen und unvergeßlichen ANNIE FISCHER mit dem BAYERISCHEN STAATSORCHESTER.

    Lieber wok,


    es handelt sich in Wahrheit um eine Original-DGG-Produktion von 1959, die erstmals so auf den Plattenmarkt kam:

    Beethoven : Klavierkonzert Nr. 3 : Annie Fischer / Fricsay : Deutsche Grammophon

    Nach Fricsays Tod und dem Abgang der Produktionsleiterin Prof. Elsa Schiller hat man, kurzsichtig wie man war, fast die gesamten Fricsay-Aufnahmen ab 1965/66 auf dem Billig-Label HELIODOR verramscht, sogar solche Perlen wie die oben abgebildete. Vor einiger Zeit sah ich ein Video mit David Hurwitz, da besprach er einige Beethoven-Alben mit den 5 Klavierkonzerten. Auf einmal zauberte er aus seinem Regal die obige Aufnahme hervor und überschlug sich fast in Lobeshymnen! Es sei die allerbeste, die himmlischste Version des 3. Konzertes, die er in seinem Leben gehört hätte.

    Erst gegen Ende der 1970er Jahre entsann man sich bei der Deutschen Grammophon des großen Künstlers Ferenc Fricsay und widmete ihm eine umfangreiche LP-Edition "FERENC-FRICSAY-PORTRAIT", in auffälliger silberner Hülle, die im Midprice-Segment angeboten wurden. Unser neues Mitglied Orffeus hat kürzlich daraus die Aufnahme des Till Eulenspiegel von Richard Strauss (1950) vorgestellt. Trotz Mono noch heute ein Spitzenprodukt!

    FERENC FRICSAY im Fernsehen mit einer Einstudierung des "Zauberlehrling"

    Da gibt es mit ein wenig Glück noch folgendes "Schmankerl" zu ergattern:


    Fricsay probt und dirigiert Smetanas "Moldau" mit dem SO des Süddeutschen Rundfunks (1960). Auch diese Aufführung mitsamt der Probe wurde seinerzeit in der ARD gezeigt. Die Probe allein ist die CD wert, es ist eine Pracht, wie locker Fricsay mit dem Orchester probt und zwischendurch auch mal Witze macht, und sein ungarisch gefärbtes Deutsch läßt zusätzlich Freude aufkommen.

    Ferenc Fricsay war ein weltweit bekannter und berühmter Künstler. So berichtete der Südafrikaner Tully Potter seinerzeit: "Als ich 18 wurde, bekam ich zu meinem Geburtstag Geld geschenkt. Davon kaufte ich mir die ersten drei Klassik-LPs meines Lebens, und zwar Dvoraks 'Neue Welt', Tschaikowskys 'Pathétique' und die 'Scheherazade' von Rimsky. Das war in Rosebank, einem Vorort von Johannesburg, Ende 1960. Völlig ahnungslos ging ich zur Kasse, da sagte der Ladenbesitzer: 'Mit der DGG kann man nichts falsch machen, und mit Fricsay erst recht nicht'. Ich ahnte damals gar nicht, daß ich in meiner jugendlichen Art gleich in der Spitzenklasse gelandet war. Fricsay hatte den Rimsky mit dem RSO Berlin aufgenommen, die anderen Werke mit den Berliner Philharmonikern, und der Dvorak war eine brandneue Einspielung, die gerade erst in den Läden Südafrikas aufgetaucht war."

    Im Jahr 1974 gründete der Berliner Politiker und ehemalige Berliner Kultur-Staatssekretär Lutz von Pufendorf die Ferenc-Fricsay-Gesellschaft, die sich um die Verbreitung des musikalischen und schriftlichen Nachlasses des Dirigenten kümmert und bis heute tätig ist. Zum Schluß erlaube ich mir ein persönliches Wort: Im Vergleich zu seinem fast gleichaltrigen Landsmann Georg Solti ist dieser in erster Linie ein Technokrat, Fricsay dagegen ein Vollblutmusiker mit Herzblut und einer Wärme, die seinem Kollegen auf weite Strecken abgeht.


    LG Nemorino

    Wo sind denn die Friscay-Beethoven-Aufnahmen noch greifbar?

    Wenn es Dir speziell um die Beethoven-Sinfonien geht, lieber Holger, die sind gebraucht noch relativ günstig in diesem 2 CD-Album zu haben (jpc hat sie z.Zt. nicht im Angebot):

    Sinf Nr.3+5+7+8

    Da ist die EROICA dabei, aber es fehlen die Sinfonien Nr. 1 & 8 (Mono) und die Neunte (Stereo), die aber auch gebraucht bei diversen Anbietern erhältlich sind.

    Der ganze FRICSAY (d.h. alle seine DGG Konzert-Aufnahmen) gibt es in einer 45 CD-Box, und wirklich alles kann man in einem Schuber mit insgesamt 86 CDs erwerben, alles gebraucht. Ziemlich teuer, aber kein Vergleich zu dem ESOTERIC-Angebot:D!


    LG Nemorino

    Immer wieder frage ich mich, warum so bedeutende Dirigenten wie Herbert von Karajan oder Karl Böhm, beide gebürtige Österreicher, der erstgenannte sogar in Salzburg zur Welt gekommen, so wenige bzw. fast keine Aufnahmen von Mozarts Klavierkonzerten hinterlassen haben. Schließlich gehört diese Werkgruppe zu den wichtigsten des Salzburger Komponisten, und auch wenn einige Pianisten, wie Anda, Barenboim, Ashkenazy und Perahia, es vorgezogen haben, ihr eigener Dirigent zu sein, so fällt doch dem Dirigenten in Mozarts Klavierkonzerten eine herausragende Rolle zu. Außerdem sind die Werke, vom Klavierpart abgesehen, so reichhaltig an instrumentalen Passagen, daß jeder Dirigent vor großen Herausforderungen steht, wenn er sich auf die "Begleitung" einläßt.

    Soweit ich es übersehe, haben von den großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts nur George Szell (mit Casadesus) und Claudio Abbado (mit Gulda und Rudolf Serkin) sich eingehend und nachhaltig mit Mozarts Klavierkonzerten beschäftigt, während von Karajan nur die Konzerte Nr. 20 (mit Clara Haskil, live), Nr. 21 (mit Dinu Lipatti, live) sowie Nr. 23 & 24 (mit Walter Gieseking) vorliegen, alles Mono-Aufnahmen aus den 1950er Jahren. Bei Karl Böhm sieht es nicht viel besser aus. Es gibt eine Aufnahme von Nr. 27 (1955, mit Wilhelm Backhaus) sowie die Nr. 19 & 23 mit Mauricio Pollini (1975), und schließlich noch einmal Nr. 27 mit Emil Gilels (1974). Es mag noch ein paar Mitschnitte aus Salzburg geben, aber insgesamt ist das eine sehr magere Ausbeute für einen Musiker, der zu Lebzeiten als "Mozart-Papst" gerühmt und gefeiert wurde.


    Was mögen die Gründe sein? Als Géza Anda in den 1960er Jahren daranging, die erste GA der Mozart-Konzerte für die DGG aufzunehmen, wollte er keinen Dirigenten neben sich haben, weil er befürchtete, damit die Chance zu vergeben, seine ganz eigenen Vorstellungen dieser Werke zu verwirklichen. Karajan, der damals bei der DGG unter Vertrag stand, wäre sicher für Anda ein gänzlich ungeeigneter Partner gewesen. Dafür waren beide zu ausgeprägte, eigenwillige Persönlichkeiten. Gulda wollte von Karajan nichts wissen, aber ich denke, daß eine Zusammenarbeit mit Wilhelm Kempff durchaus im Rahmen des Möglichen gelegen hätte. Aber der hat wohl lieber mit Ferdinand Leitner gearbeitet.

    Was Karl Böhm betrifft, so hätte ich mir einen großartigen Zyklus mit Mauricio Pollini vorstellen können, der wie Böhm vertraglich an die DGG gebunden war. Daß diese einmalige Möglichkeit nicht genutzt wurde, ist mir ziemlich unverständlich. Stattdessen machte Abbado in den 70ern einige Aufnahmen mit dem stets wankelmütigen, unberechenbaren Friedrich Gulda, und zu Beginn der 1980er Jahre kam es dann zu der Kombination Serkin/Abbado, aber leider konnte dieser geplante Zyklus nicht mehr zu Ende geführt werden.


    Lag es an Böhm, mangels Interesse an einer solch gewaltigen Aufgabe, oder lag es an der Deutschen Grammophon, die mit Anda eine ausgezeichnete Gesamtaufnahme im Angebot hatte und die Kosten für eine zweite scheute? Wie ich sehe, hat Böhm sämtliche Bläserkonzerte Mozarts für die DGG eingespielt, die ja musikalisch längst nicht so reichhaltig sind wie die Klavierkonzerte. Auch Karajan hat sich mehrfach den Bläserkonzerten gewidmet, erst bei der EMI, später bei der DGG (Hornkonzerte).


    Jedenfalls bleibt es rätselhaft, warum weder Böhm noch Karajan ein essentielles Interesse an Mozarts Klavierkonzerten gezeigt haben, denn beide Dirigenten wären auf dem Gipfel ihrer Karriere (1960-1980) leicht in der Lage gewesen, ihre Plattenfirma zu einer solchen GA zu veranlassen. Vor allem Karajan wurde lange Jahre bei der DG jeder Wunsch erfüllt, aber auch Böhm verfügte über ein dichtes Netzwerk zu Decca, DGG und den Wiener Philharmonikern, die bestimmt gerne bereit gewesen wären, ihrem väterlichen Freund und Gönner zu Gefallen zu sein.


    LG Nemorino

    bei dieser Preisgestaltung geht für mich das Augenmaß verloren

    Allerdings, lieber Holger! Ich glaube nicht, daß die Gesamtauflage in den dreistelligen Bereich vordringt, zumal bei einer Aufnahme, die mehr als 60 Jahre alt ist und dessen Dirigent, bei aller Berühmtheit, den meisten jüngeren Musikfreunden kein Begriff mehr ist. Ich weiß wirklich nicht, welche "Käuferschicht" man damit erreichen will.


    Ich komme jetzt noch einmal auf Fricsays Beethoven-Sinfonien zurück, die sich nicht nur aufnahmetechnisch, sondern auch interpretatorisch sehr voneinander unterscheiden. Die Sinfonien Nr. 1 & 8 wurden, wie gesagt, 1953 in Mono eingespielt; danach folgte eine schöpferische Pause von fünf Jahren, bis Fricsay seine Arbeit an dem geplanten Beethoven-Zyklus mit den Aufnahmen der Neunten und der EROICA fortsetzte. Inzwischen hatte die Stereophonie Einzug gehalten, aber Fricsays Interpretationsstil hatte noch keine umfassende Wandlung erfahren. Wie in den jugendfrischen Aufzeichnungen von Nr. 1 & 8 ließ auch hier der Dirigent die Zügel locker, es wurde kein Schnelldurchmarsch à la Toscanini, aber Fricsays Auslegung war weit von Klemperers majestätischer Lesart entfernt. Im Gegenteil, vor allem die Dritte weist durchgehend lebhafte Tempi auf, besonders in den Sätzen eins und vier. Ähnliches ereignet sich bei der Neunten, wobei Fricsays Liebe zu den Details immer wieder durchscheint.

    Doch dann erfolgt ein harter Einschnitt: Fricsays Krankheit bricht Ende 1958 aus, und er muß fast zehn Monate warten, bevor er wieder ans Dirigentpult treten kann. Er nimmt auch seine Arbeit an den Beethoven-Sinfonien wieder auf, und so folgt 1960 die Aufnahme der Siebenten. Die zeigt einen ganz neuen, völlig verwandelten Fricsay: Die Tempi werden deutlich langsamer, fast getragen, und in der "Apotheose des Tanzes" sind fast alle Spuren von Tanz und Lebensfreude von einer beinahe greifbaren Melancholie überlagert, die der Aufnahme eine ganz unverwechselbare, aber faszinierende Note vermittelt. Zum Vergleich habe ich einmal die zwei Jahre später entstandene Karajan-Aufnahme mit demselben Orchester herangezogen, und da ergeben sich folgende Spielzeiten:

    Fricsay: 1. Satz 13.10 /2. 9.56 /3. 8.37 /4. 7.25 Min.

    Karajan: 1. Satz 11.22 /2. 7.57 /3. 7.48/4. 6.35 Min.

    bei, soweit in feststellen kann, gleicher Behandlung der Wiederholungen.

    Noch eklatanter zeigt sich das bei der ein Jahr später, 1961, enstandenen Fünften:

    Fricsay: 1. Satz 9.10 /2. 13.15/3. 6.23/4. 9.30 Min.

    Karajan: 1. Satz 7.14/2. 10.01/3. 4.55/4. 8.56 Min.

    Inzwischen war Fricsays Erkrankung erneut ausgebrochen, seine Kräfte ließen rasch nach, und so mußte der Zyklus mitten im Entstehen abgebrochen werden und blieb als Torso zurück.


    Übrigens zeigt sich eine ganz ähnliche Entwicklung bei Fricsays Mozart-Sinfonien. So hat er beispielsweise die Nr. 29 KV 201 (1955) und Nr. 41 KV 551 (1953) mit dem RIAS Symphonie-Orchester in Mono aufgenommen. Nach seiner ersten Krankheitsphase kam es bei einem Besuch in Wien noch zu den Aufnahmen der Sinfonien Nr. 29, 39-41 mit den Wiener Symphonikern, deren Interpretationsstil sich deutlich von seinen früheren Berliner Aufnahmen unterscheidet. Auch hier liegt ein Hauch von Melancholie, man möchte fast sagen: Abschiedsstimmung, über seinen tiefschürfenden Auslegungen, die den Werken einen ganz eigenen, stimmungsvollen Charakter verleihen. Ich halte diese späten Mozart-Sinfonien aus Wien für sein ganz persönliches Mozart-Vermächtnis, mit keinen mir sonst vorliegenden Aufnahmen vergleichbar. Es gibt sie noch in diesem 2 CD-Album:


    LG Nemorino

    Das Klavierkonzert Nr. 22 KV 467 hat sich bei mir stets besonderer Beliebtheit erfreut, und deshalb habe ich mir, was sonst bei mir nicht häufig der Fall ist, eine Neuaufnahme dieses Werks zugelegt, mit einem mir bisher nur namentlich bekannten Solisten, Jan-Efflam Bavouzet:


    Zugegeben, eine schöne, nicht nur gut klingende, sondern auch künstlerisch sehr ansprechende Aufnahme, die aber keine neuen Erkenntnisse über das Werk vermitteln konnte. Auch die (mir unbekannte) Manchester Camerata unter Gábor Takács-Nagy vermittelt Spielfreude und ist, wenn auch klein, so doch ausgezeichnet besetzt. Meinen absoluten Favoriten, die Aufnahme Mitsuko Uchida mit dem ECO unter Jeffrey Tate hat sie jedenfalls nicht vom Thron gestoßen, was auch für das Konzert Nr. 23 gilt.


    LG Nemorino

    Ferenc Fricsay (1912-1963) zählte zu der großen Riege ungarischer Dirigenten, die die Musikwelt im 20. Jahrhundert enorm bereichert haben.


    Seine steile Nachkriegskarriere begann im blockierten Berlin, im Jahr 1948, wo er mit einigen Konzerten sowie der ersten Nachkriegsaufführung von Verdis DON CARLOS (im Admiralspalast) so großes Aufsehen erregte, daß ihm die Deutsche Grammophon Gesellschaft auf der Stelle einen Exklusivvertrag anbot. Die Folge war eine Fülle von Aufnahmen auf der soeben eingeführten Langspielplatte, die den Namen des Dirigenten bald auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machte. Für den Plattenkäufer der 1950er Jahre wurde der Name FRICSAY rasch zu einem Qualitätssiegel.


    Ich will mich hier aus gegebenem Anlaß (siehe Thread: Beethoven: Sinfonie Nr.7) auf seine Beethoven-Aufnahmen beschränken, die er bei der DGG herausgebracht hat. Den Anfang machten die Sinfonien Nr. 1 & 8, die er 1953 in der West-Berliner Jesus-Christus-Kirche einspielte, natürlich noch in Mono. Obwohl die Platte durchaus Furore machte, riet ihm die damalige Produktionsleiterin der DGG, Frau Prof. Elsa Schiller, mit einem kompletten Zyklus noch eine Weile zu warten, damit er seine künstlerischen Fähigkeiten weiter vervollkommnen könnte. Deshalb wurde das Projekt zunächst einmal gestoppt, und erst 1957, nachdem die Stereophonie ihren Einzug auch bei der DGG gehalten hatte, beschäftigte sich Fricsay wieder mit der Fortsetzung des Zyklus, indem er zunächst um die Jahreswende 1957/58 Beethovens Neunte in die Rillen bannte. Diese Aufnahme übertraf alle Erwartungen sowohl bei der Kritik als auch bei den Käufern und wurde zu einem durchschlagenden Erfolg:

    Seit der Erstveröffentlichung 1958 ist diese Aufnahme praktisch nie aus dem DGG-Katalog verschwunden, und für nicht wenige Musikfreunde wird sie noch heute als Geheimtip gehandelt. Und das gilt nicht nur für den künstlerischen Teil, sondern auch für die großartige Leistung der Tontechniker, die hier ihrem Namen alle Ehre gemacht haben.

    1958 folgte zunächst die Aufnahme der EROICA, die ebenfalls den Ruf des Dirigenten festigte. Doch dann kam der erste Einbruch: Fricsay erkrankte Ende 1958 schwer, man diagnostizierte Magenkrebs. Der Dirigent mußte ein fast einjährige küsntlerische Pause einlegen, bevor er wieder an die Öffentlichkeit trat und seine Aufnahmetätigkeit fortführen konnte. So kam es 1960 zur Einspielung der Siebenten, und ein Jahr später konnte noch die Fünfte produziert werden. Doch dann brach die eingedämmte Krankheit erneut aus, Fricsay konnte zwar noch die wiedererstandene Deutsche Oper in Berlin (mit Mozarts "Don Giovanni") eröffnen, aber danach war es nicht mehr möglich, den Zyklus mit den fehlenden Sinfonien Nr. 2, 4 & 6 zu vollenden. Auch die Nr. 1 & 8, die Fricsay (siehe oben) 1953 in Mono aufgenommen hatte, sollten durch neue Stereoversionen ersetzt werden. Leider kam es nicht mehr dazu: am 20. Februar 1963 starb der große Künstler an den Folgen seiner Krebserkrankung in Basel. Nicht nur der Beethoven-Zyklus, auch viele weiterreichende Pläne wurden dadurch zunichte gemacht. Ein reiches, aber viel zu kurzes Leben war zu Ende gegangen.


    Man kann darüber spekulieren, ob die Karriere von Herbert von Karajan, der schon in der ersten Krankheitsperiode Fricsays einen Vertrag mit der DGG abschloß, genauso verlaufen wäre, wie sie schließlich verlaufen ist. Jedenfalls hatte er in Deutschland, vor allem in West-Berlin, und bei den Salzburger Festspielen einen Konkurrenten verloren, der seiner ebenbürtig war, und sein spektakulärer Beethoven-Zykus von 1962 wäre wahrscheinlich erst Jahre später auf den Markt gekommen.


    Zum Schluß noch eine erfreuliche Nachricht: Fricsays Beethoven-Aufnahmen der Sinfonien 3, 5 & 7 erscheinen in wenigen Tagen, am 15. Juni 2026, auf zwei "Esoteric SACDs" (was auch immer das heißen mag) neu, in dieser Aufmachung:

    Die Freude schwindet allerdings, wenn man den Preis für das 2 CD-Album liest: stolze 150 €! Da fragt man sich ernsthaft, wer dieses Album wohl kaufen soll!


    LG Nemorino

    Es könnte sein, dass ich von Friscay die 5. habe, wenn sie in der älteren Friscay-Box der DGG drin ist.

    Lieber Holger,


    wenn Du diese Box meinst, so wirst Du die Beethoven 5 nicht finden:

    A Life in Music von Ferenc Fricsay | CD | Zustand sehr gut Bild 1 von 2

    Sie ist, außer in teuren Japan-Einzelausgaben, z.Zt. nur in dieser 45 CD-Box enthalten:


    Doch hier geht es ja um Beethovens Siebente, deshalb werde ich über Fricsay in dessen eigenem Thread etwas schreiben. Fritz Reiners aufregende, leidenschaftliche Interpretation findest Du auf dieser CD:

    die ich zu den besten in meiner Sammlung zähle. Doch man kann beim besten Willen nicht alles haben, sonst müßte man alle paar Jahre das Haus vergrößern :)


    LG Nemorino :hello:

    Rosbaud habe ich bis jetzt bei Haydn nicht gehört, da müsste ich mal reinhören. Ich gehe mal davon aus, dass die CD die du angezeigt hast die 48 enthält.

    Lieber MusicFan9976,


    wie gesagt, die Nr. 48 ist in dem Album drin. Hans Rosbaud war ab 1950 Leiter des Südwestfunk-Orchesters Baden-Baden und setzte sich, neben seinem Wirken auf dem Gebiet der Neuen Musik, vornehmlich für die Werke Joseph Haydns ein. Die DGG nahm 1956/57 zwei der späten Haydn-Sinfonien mit Rosbaud und den Berliner Philharmonikern auf, die damals als richtungweisend gefeiert wurden. Es gibt sie auch auf CD:

    Als willkommene Zugabe enthält sie noch Mozarts Violinkonzert Nr. 4 KV 218 mit dem jungen Wolfgang Schneiderhan.


    Hans Rosbaud, 1895 in Graz geboren, zählte nach dem Krieg zu den Initiatoren der "Donaueschinger Musiktage", die sich der modernen Klassik widmeten. Dort arbeitete er u.a. mit Karlheinz Stockhausen und Pierre Boulez zusammen.


    LG Nemorino