Beiträge von tuonela

    gerade wegen der tatsächlich technisch letztendlich nicht zu erklärenden Klangunterschiede zwischen verschiedenen Geräten (Verstärker, aber auch Quellgeräte) sollte man beim Neukauf das Gerät der Wahl zunächst an der bestehenden Anlage zu Hause probehören; gute Händler lassen sich gerne hierauf ein.


    besser noch: beim Händler probehören - die eigenen Referenzplatten mitnehmen.
    Natürlich ist die Heimakustik dann noch mal was anderes (Bodenart und -belag, Raumgröße und -höhe, Anzahl der Möbel, Bilder ...).


    Ein HiFi-Redakteur muss nicht mit 60 in die Pensi gehen: denn auch bei schlechterem Gehör tun die unhörbaren Obertöne noch genug dazu, klangliche Unterschiede wahrzunehmen ... das tun sie nämlich tatsächlich.

    Für mich ist eine Aufführung des Boléro mit den Wiener Symphonikern unter Georges Prêtre in bleibender Erinnerung. Auf Tonträger ist sie wohl nicht erschienen, ich weiß auch das Jahr nicht mehr, vermutlich war es diese hier, da ich mich auch an Pamela Frank dunkel erinnere:
    http://www.wienerzeitung.at/th…o-hatte-Madrid-Reife.html


    Ich war damals im Konzert. Ein umwerfendes Erlebnis: Prêtre trieb die Symphoniker zu Höchstleistungen in Tempo und Artikulation, er baute das Werk als Weg in eine totale Trance auf. Am Ende war ich richtig "weg".

    "Kapsbergia" nennt sich eine CD mit Auszügen des Libro Terzo d'Intavolatura di Chitarrone aus dem Jahr 1626. Die Notensammlung lag in einer Privatsammlung und war nicht zugänglich. Erst kürzlich wurde sie wieder öffentlich gemacht.
    Los Otros (Hille Perl, Lee Santana, Steve Player) spielen verschiedene Stücke daraus und interpretieren die Melodien recht frei, was der Musik nur zu Gute kommt.


    Dieses Album von Los Otros kenne ich (leider) nicht - dafür aber "Tinto", wo auch eine Reihe von Kapsberger-Stücken enthalten ist:



    Die Lauten-CD "Il Tedesco della Tiorba", gespielt von Paul O'Dette, habe ich noch auf LP; sie ist, dank hm France, auch klanglich großartig. Das war meine erste Begegnung mit Kapsberger.

    im deutschen Sprachraum vertriebene Plätscher"klassik" wird oft "Classics" oder manchmal auch "Kuschelklassik" (o.ä.) genannt ...
    ... meiner Meinung nach hat diese Verniedlichung von Klassik schon mit dem oben erwähnten Waldo de los Rios begonnen. Fand ich immer öde. - Oder waren "Songs" wie "In mir klingt ein Lied" vorher da?

    Man kann sehr viele Werke der klassischen Musik auf youtube oder in online (oder normalen) Radioprogrammen anhören, ohne extra zu zahlen.

    Der "Digitale Konzertsaal" ist etwas ganz anderes als youtube - es handelt sich um Live-Konzerte ... einfach mal auf die Seite gehen.



    Zitat

    Es gibt seit Jahrzehnten Kinder- und Jugendkonzerte, Gesprächskonzerte etc. Ich weiß nicht genau wie man eventuelle Hemmschwellen noch weiter senken soll.

    Zum Beispiel, indem man das Konzerthaus ins Internet bringt. Es ist eine Idee; vor allem sollte es sein: ein Handeln seitens der Musikveranstalter und Konzerthäuser.
    Interessant, dass das niemanden zu interessieren scheint. 8-)

    Das ist zwar eine schöne Einrichtung, aber bevor Deine Zielgruppe für ein Jahresabo € 149 hinblättert, muss sie ja auch erst einmal mächtig "angefüttert" worden sein.


    Das ist wohl doch eher eine Ausrede ;): denn es ist ja nun mal nicht so, dass die "Zielgruppe" - die ja nicht nur Jugendliche umfasst - kein Geld hätte: sie blättert gerne ein Vielfaches von dieser Summe für Tablet, Smartphone und Digitalkamera hin, vom "kleinen" Wägelchen mal ganz zu schweigen.
    Allein was Digicams betrifft, kostet schon eine kleine "Edelkompakte" das Dreifache!

    Fangen wir doch nicht bei den jungen Menschen an - die interessieren sich für das, was ihre Kollegen tun, was die Werbung suggeriert ...


    Fangen wir doch einfach mal bei den Musikern / Orchestern und Konzerthäusern an. Durchaus gibt es Konzertserien für Kinder, das hat heute fast jedes Konzerthaus im Programm: also kindgerecht aufgearbeitete Programme, die den ganz jungen Menschen die Klassik, die Instrumente etc. nahe bringen wollen. Aber was wird für den Jugendlichen getan, was für den "Breitensportler", den Normalsterblichen, der bisher mit Klassik kaum in Berührung kam? der zwar computerisiert ist, aber keinen Zugang hat zur "Elite"?
    Die Berliner Philharmoniker haben einen "Digitalen Konzertsaal", der es Menschen ermöglicht, über ihr Tablet oder ihren PC an Konzerten live teilzunehmen. (Dazu Interviews mit Musikern, Filme, natürlich ein Archiv, das auch mal historisch interessant sein wird ....) Welches Orchester hat das? welches Konzerthaus, welcher Veranstalter - außer der Jeunesse musicale - bietet jungen Menschen, die keine Kleinkinder mehr sind, Zugang zu großer Musik, ohne dabei verzopft zu sein? wer hat "Apps" entwickelt, um diese Menschen über PC und Tablet an sich zu ziehen?
    Wo sind die Ideen?


    Es reicht nun mal heute nicht mehr, sich auf den hohen Ausguck der "hehren klassischen Musik" zurück zu ziehen und alten Zeiten nachzutrauern. Man muss den Menschen entgegen gehen können und mit den Mitteln, die diese in ihrem Leben anwenden, heranziehen.

    "Gerade jetzt" nicht - aber gestern abend wohnte ich übers Internet einem großartigen Konzert der Berliner Philharmoniker mit dem Solisten Menahem Pressler unter Semyon Bychkov bei ...
    http://www.digitalconcerthall.…er-mozart-schostakowitsch


    Pressler war großartig. Mit 90 noch so zu spielen, fantastisch. (Als Zugabe gab's das Nocturne cis-moll op.posth.)
    Schostakowitschs 11. fand ich atemberaubend ... gegenüber der Aufnahme von 1987 etwas schaumgebremster, aber noch präziser und "dämonischer".

    Wer sich für diese Musik interessiert, wird sich für ältere Wortschöpfungen interessieren und nachschlagen - was dank Internet auch heute kein weitreichendes Problem darstellt.


    Ich bin dagegen, Texte zu verneusprachen: da kommt etwas Ähnliches heraus wie das, was ich neulich in der Kirche gehört habe: dass Josef mit seiner Verlobten Maria in seine Heimatstadt Bethlehem ging, um an der von Quirinius angeordneten Volkszählung teilzunehmen und sich in die Steuerlisten einzutragen - weil die Geburt anstand, machten sie in einem Gasthaus Station, mussten aber mit einem Futtertrog vorlieb nehmen ... (so ähnlich jedenfalls)


    Sicher müssen religiöse Texte ab und zu einmal "angepasst" werden - das kann aber auch moderat geschehen. Und das hat nichts mit den einer Musik unterlegten Texten zu tun: denn diese gehören zum Gesamtkonzept des Komponisten. Und "lallen" hat für mich nicht primär kindliche Bedeutung, sondern eher die, dass "Wörter (oder Worte) fehlen". Fehlen bei Kindern oder Menschen ohne Gebiss oder Kranken die Wörter, so fehlen Andächtigen eben die Worte, etwas zu beschreiben, das man nicht beschreiben kann ...


    ... und das ist kein Aspekt des Christentums. Auch das "Dao" kann man nicht beschreiben.


    Für mich ist es keine Frage: Ob jemand gut Bach (oder Händel oder die geistlichen Werke von Faure oder wem auch immer) macht, ist bestimmt nicht von seiner Spiritualität abhängig, sondern von seiner Musikalität, der dahintersteckenden Intelligenz und Sensibilität. Ein wirklich guter Musiker, der ans fliegende Spaghettimonster glaubt, wird vermutlich immer noch einen besseren Bach machen als der einstige Organist meiner Heimatgemeinde, der zwar tief gläubig war, aber dennoch regelmäßig bei jedem vierten oder fünften Takt mal danebenlangte.
    ...
    "Ich kenne einige Kirchenmusiker, die Agnostiker sind ..."


    Das sehe ich etwas anders.
    Immerhin geht es um den geistigen Gehalt der Werke - wenn jemand (scheinbar) rein materiell ausgerichtet ist: dann interpretiert er die Töne, die musikalische Struktur - was ja auch schon was wert ist -, aber noch nicht das, was die Musik aussagen will. Deshalb können der tief gläubige Laienorganist oder das Laienensemble der Kirche durchaus bessere Musik machen als der virtuose Konzertorganist oder geschulte Profichor: wenn der Inhalt empfunden und vermittelt wird, ist dies das Wichtigste.


    Nun ist Glaube aber auch nicht an eine Kirche gebunden: Religionen bieten Interpretationen von Spiritualität, und Kirchen sind Verwalter dieser Religionen. Und da wir spirituelle Wesen sind, ist meine Ansicht, dass auch der strengste Agnostiker in seinem innersten Wesenskern spürt, dass er Geist ist, also "gläubig" ist, selbst wenn er es nicht in seinem Tagesbewusstsein verankert hat. Persönliche Schlussfolgerung: Niemand ist ungläubig ...


    Gruß tuonela


    Das verstehe ich nicht. lieber tuonela. Was ist an der 6. oder 9. Symphonie oder dem "Lied von der Erde" oberflächlich, was den musikalischen Inhalt angeht? Mahler war auch weit mehr als nur ein geschickter Orchestrierer, sondern gehört von seiner innovativen Kompositionsmethodik her zu den Wegbereitern Neuer Musik. (Darüber gibt es eine ganze Flut musikwissenschaftlier Literatur, so daß man es wohl kaum bestreiten kann.) Im Vergleich mit Mahlers Vielfältigkeit ist Bruckner geradezu eindimensional. Obwohl ich Bruckners Musik natürlich auch faszinierend und sehr bewegend finde, ist mir Mahler doch deutlich näher.


    Wenn du richtig liest, liest du, dass ich "für mich (persönlich)" geschrieben habe. Ich ganz persönlich empfinde Mahler als vom Gehalt her oberflächlich, aufgebauscht. (Was sicher auch mit meinem Wohnort zu tun hat.) Das ist jedoch nur meine Ansicht, die niemand teilen muss, und die ich schon gar nicht jemandem oktroyiere.

    Ich war noch nie ein Mahler-"Jünger". Für mich (persönlich) ist er zu oberflächlich im musikalischen Inhalt. Das heißt aber nicht, dass ich ihn für kompositorisch minderwertig halte - im Gegenteil, er war ein großartiger Orchestrierer. Aber seine Musik spricht mich einfach nicht an, außer vielleicht in kurzen Abschnitten. Ganz anders Bruckner ... oft spröde, und wenn man den Eingang findet, taucht man in die Tiefen der eigenen Seele (so meine Empfindung dazu).

    Wenn ich im Opernhaus fortgehe, nachdem man mir das Werk unter seinem wohlklingenden Namen verkauft hat, aber mir stattdessen die irre Fantasie eines überdrehten Regisseurs zeigt, die mit dem Werk überhaupt nichts mehr zu tun hat, ist das schon eine schwierigere Sache. Hier habe ich mein gutes Geld, das mir nicht sehr locker sitzt, für etwas hinausgeworfen, über das ich mich nur ärgern kann.


    War dir der Name des "überdrehten" Regisseurs vorher nicht bekannt? du hast doch Internet. Da würde ein Blick reichen, um sich vorher über die Aufführung zu informieren. Und "werksgetreue" Aufführungen - was immer das sein soll (die Rezeption hat sich seit Werkentstehung verändert, verändert sich dauernd: also gibt es keine Werktreue) - gibt es genügend, auch da kann man das Internet bemühen. Wenn man das will.


    Zitat

    Ich habe es an anderer Stelle schon gesagt, hier jetzt noch einmal: Der ganze Streit wäre wohl nicht, wenn man dem normalen Opernliebhaber, und das ist nach meiner Erfahrung immer noch die - leider meist resignierende - Mehrheit, den ihm entsprechenden Anteil entsprechenden Anteil an vernünftigen Aufführungen gewähren würde. Aber wo findet man in Deutschland und auch in manchen angrenzenden Ländern überhaupt noch werksgetreue Aufführungen?


    Kennst du die "Mehrheit"? woher weißt du, dass sie resigniert ist? - Wäre sie "resigniert", gäbe es diese so verhassten Aufführungen gar nicht mehr: denn das Opernhaus will auch leben und Karten verkaufen.


    Zitat

    Und das Fernsehen sendet inzwischen fast auch nur noch diese arg entstellten Aufführungen. Dürfen wir nur noch Gebühren zahlen, haben aber keine Ansprüche ans Programm?


    Wie "kämpfst" du denn dann gegen die allgemeine Verdummung der TV-Sender, gegen Carmen Nebel & Co, Rosamunde Pilcher & Co? deine Antwort lautet doch sicher: "da schalte ich gar nicht erst ein". Ja, aber dafür zahlst du auch Gebühren. Und nun?


    Zitat

    Was wäre, wenn alle Mensche resignieren würden und nicht mehr um die gerechten Dinge kämpfen würden? Das wäre, wenn wir nicht mehr protestieren, sondern nur noch den Rat befolgen würden: "Dann schalte doch einfach ab oder gehe hinaus, auch wenn du das Geld, das du für andere Zwecke besser hättest verwenden können, schon für so etwas verschleudert hast."


    "Für gerechte Dinge kämpfen": das ist eine nicht ungefährliche Ansicht. In der großen Weltpolitik führt sie oft genug zu Krieg (und den beobachtet man hier im Kleinen auch!).


    Die Frage, die du und andere sich stellen sollten: Was ist gerecht, was ist richtig? das, was ich glaube? das hieße dann, die Meinung der anderen ist automatisch ungerecht und falsch, oder die anderen sind resigniert, vielleicht sind sie auch dumm und ignorant ...


    Natürlich soll man für seine Meinung eintreten. "Ich gegen den Rest der Welt" halte ich nicht für eine geeignete Maßnahme. "Nicht hingehen, nicht kaufen" sind Maßnahmen. Oder selbst was tun und sich direkt an den Intendanten des heimischen Opernhauses wenden.
    Wir sind in unserem Leben mit so vielem konfrontiert, das wir tun oder auch lassen können. Man muss einfach auch mal lassen können.


    Gruß tuonela

    Figarooo ,
    warum gehst du nicht einfach raus, wenn es dir nicht gefällt? Das wäre wenigstens ehrlich.


    Genau das habe ich schon mal angemerkt: Hier wird sich von Etlichen gesuhlt in der eigenen Meinung über das "Regietheater" - aber sie verstehen nicht, dass die Welt sich nicht um ihre Meinung dreht. Die Welt ist groß und weit, und sie hat Platz für verschiedenste Meinungen und Handlungen. Ob das nun in der Politik oder Wirtschaft oder im Privatleben ist: stets gibt es die eine oder die andere oder noch eine Seite. Und es ist schlicht nicht richtig - ich würde es darüber hinaus als "unreif" bezeichnen -, die Ansichten anderer nicht gelten zu lassen.


    Das Schöne an unserem Leben ist doch: Niemand zwingt uns dazu, etwas zu tun, was wir nicht wollen (jedenfalls nicht im Privatleben). Also auch hier: Was mir nicht gefällt, kann ich umgehen - rausgehen aus dem Opernhaus, oder TV abdrehen. - Punkt.


    Auch ein geistliches Werk von Bach kann mich gut "unterhalten", ebenso eine Oper wie z.B. "das Rheingold" von Wagner .
    Unterhaltung ist ja ein Zeitvertreib - und wenn es einem nicht langweilig wird, dann wird man eben gut und interessant unterhalten. Im Barock nannte man es "Ergötzung".


    nee, Ergetzung. 8-)


    Zitat

    Neben der Erbauung und der Belehrung war sie immer ein bewusster und gewollter Bestandteil eines nach den Prinzipien der Rhetorik aufgebauten Musikwerkes.
    Die Idee der Versöhnung zwischen U und E wäre also gar nicht nötig, weil E auch sehr U sein kann.


    Allerdings finde ich Musik immer dann unterhaltend, wenn sie mich zum Hinhören auffordert, und eben nicht zum Weghören. "Nebenbei" kann ich Musik eigentlich gar nicht hören, was z.B. die Konsequenz hat, dass ein Fahrgast in meinem Auto schweigen soll, wenn ich Musik höre. Da ich das aber ausser meiner Familie kaum jemanden zumuten kann, lass ich in solchen Fällen besser die Musikanlage des Autos schweigen.....


    ... was auch der Konzentration auf den Straßenverkehr zugute kommt. (Im Auto - so wir es noch fahren - hören wir eigentlich kaum noch wirklich zu.)
    Nichtsdestotrotz hätte Harnoncourt vielleicht gesagt: es gibt gar keine "U"-Musik, denn bei jeder Musik [die man bewusst, also gerne anhört] muss man hinhören, weil sie ja spricht, etwas aussagt.


    Zitat

    Gegen"versöhnendes" Cross-over im Stile des genannten Geigers würde ich jedoch ganz unversöhnlich ein Veto einlegen, egal ob im Auto oder zu Hause.


    Man kann nicht alles mögen. 8-) Und das ist auch gut so: sonst wäre man glatt über- (manchmal auch unter-)fordert. :D
    Gruß tuonela


    Noch vor 10 Jahren oder so pries Zweitausendeins seine Neuauflagen von Loussiers "Play Bach" (Bach mit Jazz- statt Streichtrio (als ob Streichtrio eine gängige Besetzung für Bachs Musik gewesen wäre...) damit an, dass seinerzeit "Puristen" die Nase rümpften, "Exis mit Rolli und Pfeife aber verzückt in bierfeuchten Jazzkellern mitwippten". Das ist zwar auch nicht richtig egalitär, aber soll vermutlich anti-elitär sein (bzw. die rollitragenden Existenzialisten gegenüber den verstaubten Puristen zur neuen Elite erklären).
    Dass der emphatisch antielitäre Gestus etwas ressentimenthaftes hat, ist kaum zu bestreiten.


    Ob elitär oder anti-elitär: Loussier musizierte nicht nur vor 50 Jahren - sondern noch in diesem Jahrtausend und -hundert.
    Was dafür spricht, dass hier etwas anderes am Werke ist als einfach nur Retro. Egal wie das nun benannt wird.


    Das Schlüsselwort hier heißt aber "aufbauen".
    Wagner hat ja schließlich auch aufgebaut, meist auf Marschner und Weber, doch niemand würde auch nur andeutungsweise ihn als Epigonen verdächtigen.


    Bei Andreas Hallén liegt die Sache anders. Seinen Harald Viking kann jedenfalls ich nicht als Weiterentwicklung empfinden. Die sollte schon vorhanden sein, um als eigenständiger Komponist zu gelten.


    Tja, aufbauen tut aber jeder auf seine Art. Oder vielleicht andersherum - und natürlich rein hypothetisch - formuliert: Wie hätten die "großen" Komponisten komponiert, wenn die Wegbereiter nicht gewesen wären? wenn es kein musikalisches Umfeld gegeben hätte?
    Und auch bei Komponisten, die heute gar keine Bedeutung haben, weil ihnen keine beigemessen wird, muss man vorsichtig sein ... Rezeption ist vielschichtig; und das gilt auch für die Werke, die oft dem "Zeitgeschmack" huldigen mussten, um dem Musiker, der sich in jenen Zeiten selbst um seine Karriere kümmern musste, das Überleben zu sichern. ("Komponisten" gab es in früheren Jahrhunderten nicht - die Musiker waren Komponisten, Interpreten und Pädagogen in Personalunion; man nannte sie "Tonkünstler".)

    Mit dem Begriff der "Epigonen" ist das etwas problematisch ... es handelt sich hier um eine Bewertung von Geschichte, erfolgt nach vielen Jahrzehnten bis -hunderten. Wir sind hier wieder mal bei der "Rezeption"! Denn wer damals oftmals als großer Künstler angesehen wurde, wird heute als "hach, der hat ja bloß nachgeahmt" disqualifiziert. Denn der wirklich Große darf ja nicht nachgeahmt haben ...
    Um nur ein Beispiel herauszugreifen: die Entwicklung des "klassischen" Streichquartetts. Boccherini, Sammartini, Matthias Georg Monn, Johann Georg Albrechtsberger, Leopold Gassmann oder die Mitglieder der Mannheimer Schule waren in Form und Struktur die Wegbereiter dieses Zweigs der Kammermusik, der durch Joseph Haydn dann zu einer festen eigenen Gattung geprägt wurde. Wer war da Epigone? betrachtet man die Geschichte, so waren es letztlich Haydn und Mozart: da sie für ihre Werke auf Vorläufern aufbauten.
    Anderes kleines Beispiel: das Nocturne. Der Engländer John Field war der Wegbereiter dieses romantischen Genrestücks; er war der erste, der seinen Romanzen diesen Titel gab - und war so Vorläufer von Chopin. Dessen Nocturnes haben überlebt, Fields nicht (oder fast nicht). Wer war Epigone?


    Ich würde daher diesen Begriff nicht anwenden - es würde den Komponisten, die durch die Größe Einzelner abseits stehen, aber die die eigentliche Vorarbeit geleistet haben, nicht gerecht werden. (Aus meiner Sicht) ist es nicht richtig, eine Bewertung von unserer heutigen Sichtweise aus vorzunehmen: und der Begriff "Epigone" ist eindeutig wertend.

    Persönlich bin ich an die klassische Musik auch über "Crossover" gekommen, genauer gesagt über "Klassik goes Pop" - so z. B. Waldo de los Rios mit "Song of Joy" oder "Mozart 40".


    Waldo de los Rios ... vorhin habe ich gegrübelt, aber mir fiel der Name nicht ein. Waldo, achje. Den fand ich immer übelst. Aber ich war da schon klassisch vor"gebildet", also zählt diese meine Meinung dann wohl nicht ... wenn jemand über Waldo an Klassik gekommen ist: dann hat er ja immerhin seinen Zweck erfüllt.
    Ob das bei vielen dieser Kaufhausmusik-Kitschigkeiten der Fall ist? oder gar bei den neuzeitlichen "Classics"-Sängern?

    "Officium" war, als die Platte rauskam, ein ziemlicher Millionseller. Und ich glaube auch, dass die Platte die Bekanntheit des Hilliard-Ensambles in Deutschland vorangetrieben hat, letztlich auch den Verkauf von deren Platten beflügelt. Garbarek und die Hilliards sind/waren bei ECM unter Vertrag, und für das Label dürfte "Officium" ein gelungener Coup gewesen sein.


    "Offizium" ist großartig - ich habe die Kombi auch mal live im Konzert gehört, in einer Kirche. Das Hilliard Ensemble kam singend in den Kirchenraum. Irgendwann erklang Garbareks Sax leise, wie aus der Ferne, und erblühte dann erst zu vollem Klang ... das war wie aus einer anderen Welt. Wirklich beeindruckend.


    Streng genommen ist das aber kein "Crossover": es ist eher ein Miteinander unterschiedlicher Epochen/Stile.


    PS: Mir sind die Originale auch lieber. ;)
    Dennoch sehe ich es nicht ganz so - und das ist eben auch "Crossover": Die "Bearbeitung" lebt für sich. So wird ein Loussier nie die originalen Goldberg-Variationen ersetzen. Aber ergänzen. Ebenso ist es mit den Swingle Singers, natürlich! ;)

    Es kommt doch immer darauf an, was ein Musiker kann - und aus dem Genre, das er verarbeitet, macht.
    Ich bin z.B. ein großer Fan von Jacques Loussier, habe etliche seiner CDs - und finde das, was er aus Bach & Co macht, auf seine Art genial. Und das liegt in meinen Augen einerseits daran, dass der Respekt und die Liebe zu den Werken erkennbar ist, andererseits am Können von Loussier.
    Die Goldberg-Variationen mag ich besonders:



    Auch großartig: die legendären "Swingle Singers". Bei ihnen stand - ganz im Gegensatz zu diversen späteren Kopisten - nicht die Stimmakrobatik, sondern das Werk im Vordergrund.



    Was ich nicht ausstehen kann: sind Verkitschungen, "Kaufhausmusik" - egal ob die Werke einfach um"instrumentiert" (sprich: elektronisiert), irgendwie unterlegt, gesungen, stilistisch verändert, gar verkürzt oder sonstwie verarbeitet sind.

    Aber dieser Saal ist für mich so etwas wie ein Olymp der Klassikwelt - ein Klassiker im Bereich der Klassik.

    Das stimmt! Sicher gibt es auch andere akustisch hervorragende Räume, aber der MV ist schon, auch von der Atmosphäre her, etwas Eigenes.



    Ich war übrigens noch nie in Wien....

    Das solltest du nachholen. ;)



    Die Kostüme des Ballets - sollten die "originell" sein ? - empfand ich als unpassend und geradezu von genialer Scheusslichkeit.
    Eine ideale Ausstattung (?) für einen schottischen Pub zu Sylvester (?) - aber völlig unpassend für ein Wiener Ballett von Weltrang.

    Die Kostüme fand ich hingegen ausgezeichnet - im Gegenteil überhaupt nicht scheußlich oder gar unpassend. Als ich las, wer für die Entwürfe verantwortlich zeichnete, war ich ja zuerst etwas skeptisch ... aber das Gegenteil ist eingetroffen. Auch die Inszenierungen haben mir zugesagt (auch wenn ich von Tanz wenig bis nichts verstehe).
    Nur die Live-Darbietung fand ich etwas ruppig, besonders die Dame schmiss ihren Kopf oft recht unelegant zur Seite - nicht ganz passend für den Walzer, in meinen Augen.

    Für mich ist die Sache klar - Aufbau geht nicht mangels Platz: alle CD- und LP-Regale sind schon lange voll, einiges liegt schon offen herum, was ich eigentlich wenig schätze. Also Abbau: Es steht ohnehin viel zu vieles in den Regalen, das ungehört bleibt. Auch im Keller schlummern noch etliche LP-Dubletten (doppelt gekauft, "falls mal eine kaputt geht").

    Johannes Brahms, 5 Gesänge, op. 104


    Nachtwache (2)
    Ruhn sie? rufet das Horn
    des Wächters drüben aus Westen,
    und aus Osten das Horn
    rufet entgegen: Sie ruhn!
    Hörst du, zagendes Herz,
    die flüsternden Stimmen der Engel?
    Lösche die Lampe getrost,
    hülle in Frieden dich ein.

    Text: Friedrich Rückert

    Schubert, Die schöne Müllerin, D795


    Der Müller und der Bach
    Wo ein treues Herze in Liebe vergeht,
    Da welken die Lilien auf jedem Beet,
    Da muß in die Wolken der Vollmond geh’n,
    Damit seine Tränen die Menschen nicht seh’n;
    Da halten die Engelein die Augen sich zu
    Und schluchzen und singen die Seele zur Ruh!
    Und wenn sich die Liebe dem Schmerz entringt,
    Ein Sternlein, ein neues, am Himmel erblinkt,
    Da springen drei Rosen, halb rot und halb weiß,
    Die welken nicht wieder, aus Dornenreis;
    Und die Engelein schneiden die Flügel sich ab
    Und gehn alle Morgen zur Erde herab.
    Ach Bächlein, liebes Bächlein, du meinst es so gut;
    Ach Bächlein, aber weißt du, wie Liebe tut?
    Ach, unten, da unten die kühle Ruh!
    Ach Bächlein, liebes Bächlein, so singe nur zu.

    Ach Herr, lass dein lieb Engelein
    Am letzten End die Seele mein
    In Abrahams Schoss tragen,
    Den Leib in seim Schlafkämmerlein
    Gar sanft ohn eigne Qual und Pein
    Ruhn bis am jüngsten Tage!


    (Schlusschoral Johannes-Passion BWV 245)