Beiträge von tuonela

    Sicher kommt es primär auf die Interpretation selbst an - mir ist eine verrauschte Furtwängler-Aufnahme lieber als eine hifihighend-produzierte Einspielung, die mich kalt lässt ...
    ... aber andererseits ist es schon toll, über Elektrostaten ein Streichquartett zu hören und den Eindruck zu haben, es sitzt vor mir im Zimmer.
    Oder, für mich ein eindrückliches Erlebnis, wenn in Gregorio Paniaguas "La Folia" plötzlich Autotüren knallen und ein Auto auf den Zuhörer zufährt und sich dann entfernt.



    Diese hm-Aufnahme wurde von Atr Master Cut Recording neu auf Vinyl gepresst:
    "Ohne jegliche Filter und Begrenzer gelangt die Highspeed-Originalaufnahme direkt auf den Schneidstichel".
    Hörenswert. Ich weiß nicht, obs die Aufnahme noch gibt ...


    Mein lieber Alfred!


    "Schade, daß du wohnest so weit von hier". Ich möchte dich gerne vom Gegenteil überzeugen. Von wegen "Knackern" und "Verzerrungen". Natürlich gibt es das bei Platten, die ich auf Flohmärkten erworben und die mit "Plattenhobeln" abgespielt wurden. Auch bei alten Mono-Aufnahmen aus den 50ern treten Rauschen und Knistern (nicht immer) auf. Aber grundsätzlich klingen mit Referenz-Playern abgespielte Vinyls bedeutend besser als CD-Aufnahmen. Das ist für mich Analog. Ich weiß wovon ich spreche: Warum wohl geben Vinyl-Freaks mehrere tausend Euro für Referenz-Plattenspieler aus? Und warum wohl höre ich trotz 100er CD zu 95% Vinyl? Wegen des besseren, natürlichen Klangs! Meine große Plattensammlung gebe ich niemals her!


    jawoll! :thumbup:
    Natürlich gehört dazu auch ein gutes Stereo-Equipment. (Was nutzt mir eine Kamera mit bestem Vollformat-Sensor, wenn das Objektiv vorne dran Käse ist ...)

    Mein Wissen bei Audio endet vor etwa 10-12 Jahren. Damals konnte ich hörgemäß (Blindtests!) nachweisen, dass bei derselben Aufnahme die LP der CD überlegen war. (Geeignetes HiFi-Equipment vorausgesetzt.)
    Übertrage ich diese Parameter nun aber auf die Fotografie, so sieht die Sache anders aus: Digital ist heute Film und Dia in allen Belangen überlegen.
    Wie sieht das dann also bei Audio aus? hat die CD-Aufnahme einen solchen Sprung gemacht, dass deren Digitaltechnik die analoge LP (die nicht mal die HiFI-Norm erfüllt, aber dennoch rein klanglich in allen Belangen überlegen gewesen ist) in den Schatten stellt?

    Kleine (wahre) Vorweihnachtsgeschichte


    Drei Tage noch, dann ist's soweit!
    es nähert sich die Weihnachtszeit.
    Ja, überall ist es zu sehen,
    wir können gar nicht ihr entgehen.
    Die Menschen hetzen, rennen, fluchen,
    weil sie nicht wissen, was sie suchen.


    Nein, niemand kann das Fest erwarten.
    Das seh ich auch in Nachbars Garten,
    wo schon seit Tagen eingeschnürt
    liegt eine Tanne, der gebührt
    zur Weihnacht, wie es ist so Sitte,
    der Ehrenplatz in Zimmers Mitte.


    Der Nachbar hat sie hingelegt
    und nun an ihrem Stamme sägt
    vergeblich: denn das Holz, das harte,
    hat bisher lediglich 'ne Scharte.
    Doch ohne dass es zugespitzt,
    der Baum dann nicht im Ständer sitzt.


    Da öffnet sich die Gartentüre,
    die Ehefrau wagt sich herfüre:
    sie fragt gewiss, ich nehme an,
    ob sie ihm vielleicht helfen kann?
    Die Antwort kam wohl unumwunden –
    flugs ist die Gattin drin verschwunden.


    Der Nachbar auf dem Boden liegt,
    sich selbst und auch den Baum verbiegt,
    so dass er schier daran zerbricht:
    zusehends färbt sich sein Gesicht.
    Doch endlich hat er's doch geschafft,
    stellt senkrecht ihn mit aller Kraft:


    Der Baum, er misst bestimmt drei Meter,
    in einem Ministänder steht er
    noch eingeschnürt. Wenn er entnetzt,
    erst dann man sich an ihm ergötzt.
    Doch kann ich mir vorstellen nicht,
    dass er dann hält das Gleichgewicht ...


    Ja, selbst so schöne Weihnachtszeiten,
    sie haben wechselvolle Seiten.


    ------
    (Zwei Stunden später)


    Als ich grad sah in Nachbars Garten,
    ich brauchte gar nicht lang zu warten,
    war schon die Tanne umgekippt.
    Dass Nachbar ist darob betrübt,
    man ahnt es auch ganz ohne Wissen.
    Er wird sie liegen lassen müssen.


    Wie wär’s, wenn er draufhin kreiert
    die „Tanne neu“, die liegend ziert
    den Raum? Und später zur Bescherung
    macht man 'ne Tannen-Überquerung.
    Und wenn sie festlich ist geschmückt,
    dann heißt’s: der Nachbar ist verrückt.


    ***********


    Diese kleine Geschichte geschah vor nunmehr zehn Jahren ... inzwischen sind die Weihnachtsbäume des Nachbarn sukzessive kleiner geworden ...


    Ich wünsche allen Taminos und allen Mitlesenden einen schönen 4. Advent!


    herzliche Grüße,
    tuonela

    Mit mehrchörig hat es kaum etwas zu tun - oder ist der Klavier-, Flügelklang an der Anzahl der angeschlagenen Saiten zu unterscheiden (tiefe Töne 1 Saite, mittl. Tonlagen 2 Saiten usw.)?

    das ist bei der Laute sehr wohl der Fall ... ;)



    Auf die Dämpfung kommt es aber entscheidend an. Ich habe MCs (ca. 35 Jahre alt) mit Kantelemusik aus Estland, da wird, wenn überhaupt, nur sehr mäßig gedämpft, sodass es mich schon an's Hackbrett erinnert (=nicht gleich), auch wenn der Anschlag unterschiedlich ist.

    Ich bin mir zu 99,9 % sicher, dass du hier keine Konzertkantele - siehe meine links oben! - gehört hast, sondern eine der zahlreichen corpuslosen Kantelen mit (ca.) 5-15 Saiten, die meistens im Ensemble oder mit Gesang gespielt werden. Richtig? ;)
    So ein Instrument (15-saitig) habe ich auch; es ist allerdings ganz anders zu spielen als die von mir genannte Konzertkantele, die so aussieht:



    http://www.koistinenkantele.co…9S%20kantele/productid/19


    Oben links hast du die Umschaltmechanik, die dem Pedalsystem der Harfe ähnelt, aber eben mit den Händen erfolgen muss (wie im Link der Harfenistin beschrieben); auch die Dämpfung ist anders als bei der Harfe, was mit dem Corpus zu tun hat.


    Ich glaube man wundert sich nicht. Sondern man reagiert.


    Eben nicht.
    Wenn du mit der Verlagerung des Geschäftsfeldes den Laden von "Gelles" meinst: das ist ein Sonderfall, Herr Gelles war vorher schon in anderen Bereichen tätig; sein CD-Geschäft existierte nicht gar so lange. Normalerweise - siehe "Caruso" - bleiben die Geschäftsinhaber, bis es nicht mehr anders geht, und geben dann auf. Manche zwingt auch das Alter. Die ganze Wiedner Hauptstraße hat das gezeigt: die Alteingesessenen haben aufgegeben, und halbjährlich wechselnde Handy-Billigläden kamen. Das ist heute die Realität.


    Wovon ich sprach: das sind nicht die Händler, die können kaum etwas tun. Es geht vielmehr um die Verleger, die CD-Produzenten. Die konnten mit der heutigen Generation kaum ins Geschäft kommen, weil sie bereits tief und fest geschlafen haben, als der Markt im Wandel begriffen war. Als dann der Zug in der Ferne verschwunden war, und der MP3 Player den Markt erobert hatte: da blieb nur noch das Jammern über verlorenes Terrain. Man hört es heute ganz ähnlich von der - nicht ganz so tief entschlafenen - Buchproduktion.


    Der "Kunde" ist einer, dessen (gewandelte) Interessen man herausfinden und umsetzen muss. Von der Erforschung leben heute ganze Geschäftszweige. Aber wenn man das nicht sehen will ("des geht scho no"): dann ist eben irgendwann der Ofen aus. Und dann kommt irgendwann die Zeit für die, die am vorletzten Ast stehen, und das sind die Händler. Dann stellt halt Gramola ein (schickes) E-Bike ins Fenster, an dessen Verkauf er mitverdient. Auch wenn das Bike rein gar nichts mit La Traviata etc. zu tun hat. Das tut er so lange, bis er die Miete am Graben nicht mehr zahlen kann oder will ...


    Wiener Grüße,
    tuonela

    Im Laufe der letzten 20 Jahrzehnte haben folgende Geschäfte das Handtuch geworfen:

    ja, 200 Jahre sind schon eine lange Zeit ... 8-)



    Eine traurige Bilanz - und die Kunden brauchen nicht zu Jammern - sie haben das verursacht

    Haben sie das ganz allein?
    Ich erinnere mich gut an die CD-Preise ... die waren hier in Österreich schon an der oberen Grenze. Gerade Gramola oder EMI. (Was wohl das E-Bike im Gramolafenster soll?) Ich habe CDs dann immer in Deutschland gekauft. Dann kam der MP3-Boom, und nicht dass der CD-Markt darauf gleich adäquat reagiert hätte ... die haben einfach die Marktveränderung verschlafen. So wie die Buchverlage auch. Dann wundern sie sich, dass ihnen die Kunden wegbleiben. Wir haben halt heute eine andere Zeit, mehr "Mobilität" (ob man das nun mag oder nicht), neue Generationen wachsen heran mit neuen Interessen - da muss man sich was einfallen lassen.

    M. E. hat die Kantele vom Klang her mehr Ähnlichkeit mit einem Hackbrett als mit einer Harfe.


    Überhaupt nicht.
    Die Kantele wird mit den Fingern gespielt (allenfalls, bei den kleinen Modellen, noch mit einem Plektron), schon deshalb ähnelt der Klang nicht dem eines klöppelgeschlagenen - und darüber hinaus mehrchörigen - Hackbretts. Der Klang unterscheidet sich von dem einer Harfe schon dadurch, dass die Kantele einen Corpus hat und die Saiten deshalb auch mehr gedämpft werden müssen.

    Die finnische Corpuskantele ist einer Harfe nicht unähnlich (auch wenn sie nicht direkt zur Harfenfamilie gehört, sondern zum Psalterium - aber eine Zither ist sie nicht, wie in wiki geschrieben): Die Konzertkantele besitzt eine Mechanik, die den Pedalen der Harfe entspricht. (Kleinere Kantelen ohne Mechanik haben Umschalter für einzelne Saiten.)
    http://www.youtube.com/watch?v=0JRaBoiN0_A


    Hier schreibt eine japanische Harfenistin und Kantelespielerin über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen beiden Instrumenten:
    http://www.koistinenkantele.co…1314ce24848b506454ac6671d

    Auch wenn ich sicher gegenüber den Bach- und Geistliche Musik-Apologeten ein Sakrileg begehe, muss ich bekennen, dass eine Hürde für die Liebe zu Bachs geistlicher Musik die Rezitative im Predigtton sind. Ich habe das erst heute morgen für mich festgestellt, als ich den Tag mit einer Bachkantate (BWV 97, "In allen meinen Taten") unter Masaaki Suzuki begonnen habe. Ich kann noch nicht definieren, warum mir das als Bruch innerhalb der Musik erscheint, aber für mich ist es eine echte Hürde, was die Wertschätzung der zweifellos vorhandenen Schönheit dieser Musik ist. Und da ich ein Ganzes-Werk-Hörer bin, löst die "Nächster-Track-Taste" das Problem leider auch nicht zufriedenstellend.


    Möglicherweise liegt das daran, dass die Musik dem Text übergeordnet interpretiert wird: die meisten Musiker "leben" den Text nicht. Versuche mal eine Kantate mit Harnoncourt oder Leonhardt, und lass Kurt Equiluz oder einen Knaben (besonders Peter Jelosits) singen. Da gibt es (nach meinem Dafürhalten) eine Einheit zwischen Text und Musik, wodurch das Rez kein "notwendiger, aber lästiger Übergang" zur Arie ist, sondern völlig natürlich erfolgt.


    Dr. Pingel,
    die Kantaten 4-6 habe ich schon sehr oft im Konzert gehört: wenn es 2 Konzerte in Folge gibt. (Nr. 6 finde ich übrigens gar nicht spröde.) Sie werden halt oft weggelassen, weil ein einzelnes Konzert sonst zu lang wird: und mit Nr. 4 kann man schlecht anfangen ...


    Sehr hartnäckig, muss ich sagen. Von Alexander Balus gibt es meines Wissens nur eine Aufnahme (ich habe sie nicht), vom Messisas vielleicht 300.


    "Alexander's Feast" wird auch häufiger aufgeführt; oder die Karmeliter-Vespern (Teile daraus). So ist das halt - auch zum Kapitel "Rezeption" gehörig ... es hat halt in vielen Fällen nichts mit mangelnder Qualität zu tun, wenn Werke weniger aufgeführt werden, sondern es hat sehr oft historische Ursachen.
    Harnoncourt hat übrigens auch andere Oratorien als den "Messiah" eingespielt.

    Ich gehe mal mit gutem Beispiel voran und nenne den Messias von Händel. Hier ist es wichtig zu betonen, dass ich seine Beliebtheit in Relation zu den anderen Oratorien Händels nicht verstehe (also nicht so sehr die "absolute" Beliebtheit), denn dieses Werk wird viel öfter aufgeführt (hier könnte man noch den Weihnachtsbonus anführen) und aufgenommen als alle anderen Oratorien Händels zusammengerechnet. Wieso? Ich verstehe nicht, inwiefern der Messias den anderen Oratorien Händels so überlegen sein sollte? Für meine Ohren ist er das nicht. Bis vielleicht auf das "Halleluja" gibt es keinen Chor, der sich qualitativ oder in der Stimmung weitgehend von denen aus Solomon, Judas Maccabäus, etc.. absetzt. Von der dramatischen Gestalung und der Schönheit der Arien würde ich die Theodora weit über den Messias stellen. Trotzdem wird Theodora fast nie aufgeführt.


    Das ist ganz einfach: Der "Messiah" ist abgenudelt, und das hat historische Ursachen: es war - wie die "Water Musick" - eines der meist gespielten Stücke schon bei den jährlichen Londoner Händel-Aufführungen im 18. Jh. nach dessen Tod, aber auch später bei der Händel-Renaissance im späten 19. Jh. Sowas hält sich bekanntlich hartnäckig, so dass andere Werke (Oratorien) dann irgendwie untergehen. Heute werden sie aber durchaus gespielt und auch eingespielt.


    Wobei ich vorerst nicht ein einzelnes Werk nennen möchte, sondern einen Komponisten: Mendelssohn. Ich finde, er wird überschätzt - warum er so oft gespielt wird, ist mir stets ein Rätsel gewesen und geblieben. (...)

    Da sieht man, wie sinnlos solche threads sind ... sie dienen nur der Aufzählung dessen, was man gerne oder nicht gerne mag. Die Liste kann ellenlang sein - und hinterher ist man so klug als wie zuvor.


    Mendelssohn schätze ich sehr, sein "Rondo capriccioso" habe ich mal gespielt - und was so leicht klingt, nämlich die Leichtigkeit seiner Kompositionen, ist recht schwierig umzusetzen (ich meine nicht die Technik). Bei Mozarts Werken ist dieser Aspekt nicht ganz unähnlich. Mendelssohn ist bestimmt nicht überschätzt, und man kann von Glück sagen, dass die Nachkriegszeit ihm wieder den Stellenwert beigemessen hat, der ihm m.E. zusteht. Irgendwie ist es schwierig, von Mendelssohn etwas nicht zu mögen. - Sehr sehr schön und noch immer unterbewertet sind übrigens auch die Werke seiner Schwester Fanny (ich kenne allerdings nur wenige).

    Hallo Tuonela,


    Rheinbergers "Abendlied" ist ganz große Klasse - ich würde es allerdings als Chorwerk verorten, nicht so sehr als Lied - imho ist ein Lied etwas, daß nur einer singt, nicht aber ein Chor.


    Naja, Schubert hat auch viele Lieder für Chor geschrieben ... allerdings ist Rheinbergers Werk kein Strophenlied, das stimmt. ;)


    Einen schönen Advent wünscht
    tuonela :)

    "Lieblingslieder" - das heißt hier "Lieblings-Interpretation": aber das ist, glaube ich, in diesem thread nicht gemeint.
    Es geht um das eigene Lieblingslied, egal von wem das nun ge- oder verun- staltet wird.


    "Lieblings"lied gibt es ja nun eigentlich nur eines ... bei mir ist es allerdings ein Strauß von Heine-Gedichten, vertont von Schubert: Der Atlas, Ihr Bild, Die Stadt am Meer, Der Doppelgänger.
    Als Chorlied: Rheinbergers "Bleib bei mir, denn es will Abend werden".


    Und warum war Chopin nichts Außergewöhnliches? Wieso muss man Spiegelfugenschreiben, um genial zu sein? Ich finde, der Begriff Genie passt auf Chopin so gut wie auf recht wenige Komponisten. Er hat völlig eigenständig und praktisch ohne Vorbilder eine völlig neue ästhetische Welt kreiert. Fast alles, was Chopin gemacht hat, war völlig neu. Aber nicht nur das, es war auch wirklich sehr, sehr gut und vieles von ihm gehört zu den geliebtesten Musikstücken überhaupt. Was den Gebrauch der Harmonik und Rhytmik angeht, ist Chopin schwer zu überbieten. Dazu ein wunderbares Gefühl für Melodie und Stimmführung....


    Ich habe oben begründet, warum ich mit dem Begriff "Genie" so vorsichtig umgehe. Würde ich Chopin dort hineinpacken - ja, ich mag ihn auch -, was wäre dann mit: Schubert (den Chopin verehrte), Bach (den Chopin auch verehrte), Mozart (und auch den verehrte Chopin), Haydn, Beethoven ... oder Josquin, Händel, Dowland, der unterschätzte Telemann ... [open end ...] ?
    Merkst du was? ;) Richtig:
    Man kann sozusagen alle Komponisten, die einem gefallen, als "Genie" bezeichnen. Das steht einem frei, warum nicht.
    Ich tue das eben nicht.


    Spiegelfugen sind für mich erstmal eher so etwas wie Simultanschach oder 1000 Stellen von Pi auswendiglernen. Bei Bach kommt zwar auch noch Musik dabei heraus, aber bloße technisch-schwierige Hexereien sind noch keine große Kunst.


    Jaha, du schreibst es ja selbst: Knackpunkt bei Bach ist eben der, dass da auch noch Musik bei rauskommt. ;)
    Und der zweite ist der, dass er ganze Stücke schreibt, in die er verschlüsselt religiöse Botschaften einbaut. Das mache mal eben einer nach.
    Das macht Bach eben für mich zum Genie. Jemand anders muss das ja nicht so empfinden. 8-) Damit würdige ich ja nicht all die anderen hervorragenden Komponisten herab.

    Lieber Holger, dieser einleitende Satz scheint mir dann doch wichtiger als die ganze anschließend gegebene Definition, nach welcher man eben immer noch nicht wirklich sagen kann, wer "objektiv" als "Genie" bezeichnet werden darf und wer nicht - ob es Genies in der Musik einmal in hundert Jahren gibt oder ob jeder irgendwie herausragende Komponist als "Genie" bezeichnet werden sollte.


    Eben. ;)
    Wenn etwa Robert Schumann über Chopin (-> sorry, Hasiewicz ;)) sagte: "Hut ab, ihr Herren, ein Genie!" - dann war das seine ganz subjektive Meinung, sehr spontan ausgedrückt übrigens. Alles darüber hinaus Gehende verbleibt in der Betrachtungsweise der später Geborenen.
    Ich selbst wäre mit der Verteilung des Begriffs "Genie" ja sehr, sehr vorsichtig. Es gibt nicht viele Genies (in meinen Augen jedenfalls), da ich den Terminus höher ansetze als "großartig", "fantastisch", "bewundernswert". Sondern ich (subjektiv) definiere ihn als etwas Außergewöhnliches. So war für mich Bach ein Genie: Wer Spiegelfugen so schreiben kann, dass auch der Spiegel anzuhörende Musik ist und keine bloße Notenfolge, und wer ganze musikalische Sätze so verschlüsseln kann, dass ein wirklicher theologischer Sinn dabei herauskommt ( -> Lucia Haselböck: "Du hast mir mein Herz genommen"): das ist für mich schlichtweg außergewöhnlich.


    In meiner Biographie steht, daß Chopin in seiner gesamten (!) Pariser Zeit gerade mal 7 oder 8 Konzerte gegeben hat. Er war ein sehr öffentlichkeitsscheuer Mensch. Damit konnte er sich seinen Lebensunterhalt sicher nicht verdienen.


    Da ging es auch darum, dass Chopin kein "lauter" Spieler war - später auch aufgrund seiner Krankheit. Schon in Liszts Biographie über Chopin kann man lesen, dass er Liszt die Interpretation seiner Etüden neidig war, weil er kein Tastentiger war. Er spielte lieber im kleinen Kreis.
    Konzertgeben war zudem in damaliger Zeit, in Abwesenheit von Managern, eine anstrengende Angelegenheit: Man musste sich um einen Saal, um den Druck der Plakate und Programmzettel, um weitere Teilnehmer (verkleinert die Saalmiete) - und natürlich um die Verteilung der Plakate bemühen. Ich denke nicht, dass es sich finanziell rentierte, Konzerte zu geben, außer man hieß Liszt oder Thalberg, oder man brauchte die Reputation. Chopin brauchte diese nicht: daher blieb er lieber im Salon und unterrichtete - wie die Mehrzahl der "Tonkünstler" damals (so nannte man die Musiker in Personalunion Komponist/Interpret/Pädagoge).


    die Bewertung von Komponisten wechselt ja auch im Laufe der Zeiten. Es gibt welche, die wurden zu Lebzeiten vergöttert und sind heute fast vergessen oder zumindest ungespielt, und es gibt andere, die wurden zu Lebezeiten ignoriert und gelten der Nachwelt als Gigant. Dass Chopin von den Romantikern für ein Genie gehalten wurde, heißt also nichts zwangsläufig, dass man das heute unbedingt genauso zu sehen hat. Bei Chopin habe ich das Gefühl, dass seine Wertschätzung in den letzten 50 Jahren tendenziell(!) eher ein wenig abgenommen als zugenommen hat. Dass er ungeachtet dessen einer der bedeutendsten Klavierkomponisten der Romantik bleibt, steht außer Frage, aber seine Mitwelt hielt ihn natürlich auch für ein Genie AUF dem Klavier, und das können wir heute nur schwer beurteilen (wenn auch glauben) und ist für unsere Wertschätzung nicht so wichtig wie für die Zeitgenossen: Für uns zählt doch eigentlich nur noch der Komponist Chopin, nicht der Interpret Chopin.


    Das Ganze nennt man "Rezeption".
    Und der Begriff "Genie" ist gänzlich subjektiv - wie man auch sehr schön an dieser und vielen anderen Diskussionen im Forum sehen kann ...


    Jetzt verstehe ich leider kein Wort. Wer hat Goethe mit 1933 in Verbindung gebracht?


    der etwas weiter oben postende User Wolfgang Z:

    Zitat

    Wie hätte sich Goethe 1933 und danach verhalten


    Gut, es war ein Versäumnis, nicht ein Zitat eingefügt zu haben. Aber dennoch gilt: etwas genauer lesen - ich habe niemanden als Zitat eingefügt, also auch dich nicht.

    Mit "hätte" beantwortet man keine Fragen: das ist völlig unsinnig. Weder Goethe noch Beethoven noch sonstwer aus der Vergangenheit kann mit dem in Verbindung gebracht werden, was 1933 war. Genau so wenig, wie wir selbst uns damit in Verbindung bringen können.
    Die genannten Persönlichkeiten lebten in ihrer Zeit, mit ihrer Weltanschauung, ihrem politisch-sozialen Umfeld. Wir wiederum wissen von den abgrundtiefen Schrecken jener Zeit: auch wir können uns nicht dort als Un-Wissende hineinversetzen und uns innere Einstellungen und Handlungen vorstellen. Das Ganze ist letztlich in seiner Dimension erschreckend unvorstellbar.


    Lesestoff dazu:
    Helmut Schmidt etc.: Kindheit und Jugend unter Hitler
    Rudolf Vrba: Ich kann nicht vergeben
    Malte Herwig: Die Flakhelfer


    Wir leben JETZT - Goethe und Beethoven sind Vergangenheit. Auch 1933 ist Vergangenheit.
    Was wir tun können, ist etwas anderes: Wir können und müssen wachsam sein gegenüber jeder Regung, die jener Mordzeit gesinnungsmäßig nahe kommt. DAS ist eine wichtige Aufgabe in unserer Zeit. - Die andere wichtig ist: Frieden verbreiten. Und das beginnt in jedem Einzelnen selbst. Wer nicht mit sich selbst im Reinen ist, der kann Frieden auch nicht weiter tragen.

    Mieses Machwerk! Jaha. Wieder ein paar schlaflose Nächte vor mir, oder ich geh zechen.

    Momenterl! immer schön alles lesen, nicht selektiv je nach eigener Meinung:


    Zitat

    Dabei kämen infolge der späteren Eingriffe von "Offenbach-Haien" in die Partituren viele Werke von Offenbach für ihn gar nicht infrage, "weil sie für mich unspielbar sind. Die Partitur von 'Hofmanns Erzählungen' etwa ist ein mieses Machwerk."

    Da ich Booklets als zusätzliche Infoquelle ansehe, kann ich für die LPs und CDs, die ich habe, durchaus feststellen, dass die Mehrzahl der Texte über die bloßen biographischen Daten der Komponisten und das Kompositionsdatum hinaus gehende Infos bieten.
    Spitzenreiter sind für mich die frühen Harnoncourt-Ausgaben, in denen der Dirigent selbst über Zeit, Werke und Aufnahme (!) schreibt. - Überhaupt sind die Aufnahmen der Interpreten Alter Musik (Hogwood, Parrot, Herreweghe, Gardiner, Hilliard Ensemble ... etc.) meistens recht vorbildlich.

    Ja, aber so simpel ist es nicht. Es geht hier mehr um einzelne Werke. Sich ein Werk von einem Komponisten rauszusuchen, den man ohnehin nicht mag, wäre relativ uninteressant. In meinem Eingangspost zu diesem Thread habe ich hingegen fünf konkrete Werke von Komponisten, die ich sehr mag, ausgesucht und als "zu beliebt" bezeichnet - plus Begründung, natürlich.


    Ich bin vom ersten Beitrag ausgegangen, der davon nichts schreibt:

    Zitat

    Und zwar würde mich interessieren, bei welchen Werke der klassischen Musik Ihr Probleme habt, die Popularität nachzuvollziehen?

    Warum, lieber tuonela, sollte Deine persönliche Meinung einige Taminos gegen Dich aufbringen? Als erklärter Strauß- und auch Wagnerfan ist mir klar, daß nicht alle meinen Geschmack teilen. Solange Du Dich nicht verächtlich äußerst, wird und kann Dir das doch niemand übelnehmen?

    upps ;) - auch an Chrissy: ich hatte das bewusst etwas provokativ formuliert. Ich hätte auch schreiben können: "seit vielen Jahren unverändert Harnoncourt-Fan" :D ...



    Zitat

    Ich finde trotz aller Versuche keinen Zugang zu Barockmusik, selbst bei Mozart habe ich mitunter Schwierigkeiten. Und Haydn klingt in seinen Sinfonien für mich eine wie die andere. Das ist falsch, das weiß ich, siehe dazu auch die Meinung von Hanslick zu Bruckner (er hat 1 Sinfonie geschrieben, aber die gleich 9 mal). Bruckner klingt nun für mich immer wieder anders. Es wäre doch schlimm, wenn wir alle den gleichen Geschmack hätten!

    Jaja, der gute Hanslick. Auch schon ein paar Jahre her ... war es nicht Brahms, der nach einer seiner Kritiken geschrieben hatte: "jetzt habe ich sie vor mir, gleich habe ich sie hinter mir"? ;)


    Irgendwie wüsste ich nicht einzelne Werke zu benennen, die mir nicht liegen - wenn ich den Komponisten, der sie schrieb, schätze. Bei Haydn - z. B. - mag ich einfach alles. Ich mag den Witz, die Vielschichtigkeit. Ja, vielleicht könnte man Schuberts Opernwerke als "weniger gelungen" benennen ... aber die Musik ist trotzdem großartig, auch wenns mit den Sujets nicht so ganz geklappt hat. Also auch hier nix. ;)



    Zitat

    Und mit dem Wozzeck geht es mir genauso. Die Musik ist mir persönlich zu sperrig, zu grell, zu ungeschminkt. Vielleicht kommt noch der Moment, wo es bei mir "Klack" macht und ich ihn plötzlich mag. Bei Bruckner hat das ja auch geklappt, bis vor ca 10 Jahren war er für mich ein Grund, ein Abokonzert evtl. zu bummeln. Dann habe ich im Gewandhaus das Abschiedskonzert von Blomstedt mit der 7. Sinfonie gehört, und seitdem kann ich ihn nicht genug hören. Mit der 2. habe ich allerdings auch noch Probleme. Ich bin auch nicht der Vergleichshörer, ich habe nur eine Gesamtausgabe mit den Berlinern unter Karajan, und da kommt Bruckner oft auf den Teller. Nur die 2. habe ich erst einmal angehört, dagegen die 1., die 4. die 7. und die 8. sind jede 3-4 mal im Jahr dran.

    Berg ist nicht mein Fall, also auch der Wozzeck nicht ... und bei Bruckner machte es *plonk*, als ich ihn von Harnoncourt hörte. Total spannend war das plötzlich. Bei der Vorstellung der Fragmente (Finale) der 9. mit den Wienern war ich im Konzert; das war ein wirkliches Erlebnis, gerade auch die Zusammensetzung des Satzes aus den Fragmenten. - Vergleichshörer bin ich auch nicht.


    Womit ich immer noch kein Werk benennen könnte, das mir von einem ansonsten geschätzten Komponisten nicht zusagt ... aber vielleicht finde ich ja noch eins. *grübel* ;)


    Grüße, tuonela


    Und für mich ist das eine der allerbesten Opern überhaupt, Top-5 des Musiktheaters sozusagen! :)


    Ich habe hingegen mit der "Lulu" meiner Probleme, die ich nicht nur wegen ihrer Nicht-Vollendung nicht als ähnlichen Gipfel des Musiktheaters des 20. Jahrhunderts ansehe.


    Und da haben wir genau etwas, was den ganzen thread eigentlich obsolet macht.
    Denn was mir gefällt, gefällt dem Nächsten nicht, und umgekehrt. Ich z.B. schwärme nicht für Wagner und überhaupt nicht für Strauss: das wird einige Taminoforenten bestimmt gegen mich aufbringen. :D - Damit, dass ich für diese Komponisten nicht schwärme, sage ich aber wiederum nichts über deren Qualität aus: sie liegen mir nur eben nicht. Punkt.


    Zum Thema Bruckner: Vor 10 Jahren konnte ich auch nicht allzu viel mit Bruckner anfangen. Dann machte es plötzlich *plonk* - warum auch immer, keine Ahnung -, und das Blatt wendete sich ziemlich spontan. - Ja, vielleicht ist eine Erklärung, dass ich das "Zuhören", die Achtsamkeit beim Musikhören, mehr gelernt habe: und die braucht man bei Bruckner. Er erschließt sich (mir) nicht unbedingt spontan.


    Ja, Musikrezeption ist ein äußerst schwieriges Kapitel - für Hörer und für Rezensenten.