Beiträge von Zwielicht


    Kann ich nicht nachvollziehen. Eine spätromantisch aufgefasste Jenufa klingt ganz anders, die hab ich schon oft genug gehört. Jedenfalls nicht so transparent, stark perkussiv (und rhythmisch präzise, z.B. beim beschleunigten Tanz vor dem Auftritt der Küsterin im ersten Akt), mit deutlich voneinander abgesetzten Orchestersektionen und zum Glück nicht übermäßig hervorgehobenem Blech wie unter Petrenko. Der Schluss, der m.E. keine romantische Reminiszenz ist, klang in der Tat scharf und angestrengt, so wie es - in der Janacek-Instrumentierung - sein sollte. (Ich habe, wie oben geschrieben, sowohl die Radioübertragung der Premiere wie auch die Aufführung im Nationaltheater gehört - das war mal wieder eine bezüglich der zweifelhaften Qualität von Radioübertragungen erhellende Erfahrung).



    Zitat

    Daß Helga Derneschs Stimme eigentlich nicht mehr vorhanden ist, schadet
    in der Rolle ja nicht allzusehr. Wahrscheinlich war sie in den beiden
    Szenen mit der alten Burya trotzdem Mittelpunkt der Bühne.


    Nein, war sie nicht. Dernesch blieb auch darstellerisch vergleichsweise blass, was natürlich teilweise an der Regie lag. Kein Altersbonus beim höflichen Schlussbeifall.



    Viele Grüße


    Bernd

    Ludwig van Beethoven - zu Unrecht vergessen
    Herbert von Karajan - Ein fast Vergessener


    Angesichts der folgenden real existierenden Threads könnte man tatsächlich auf solche Titel verfallen...


    Joseph Haydn - Il ritorno di Tobia - zu Unrecht vergessen?
    Stina-Britta Melander / eine zu Unrecht Vergessene?
    Zu Unrecht vergessen? Der Komponist Louis "Aimé" Maillart
    Albert Roussel - Zu unrecht vergessen?
    Johann Pachelbel (1653-1706) - Nürnbergs (fast) vergessener Sohn
    Liselotte Maikl - eine der "Vergessenen Stützen" des Ensembles!
    Maurice Duruflé - Der Vergessene Franzose?
    Zu Unrecht vergessen? Der Komponist Louis "Aimé" Maillart
    Felix Mendelssohn Bartholdy: Paulus- ein vergessenes Juwel?
    Ernest Ansermet -Legende zu Lebzeiten - heute vergessen (?)
    WAGNERSÄNGER - Groß und vergessen
    Franz Schreker - ein vergessener Revolutionär?
    Nikolai Mjaskowski - Russlands vergessener Komponist
    Beniamino Gigli - Der vergessene Caruso-Nachfolger (?)
    Giovanni Martinelli - Noch ein Vergessener
    Giovanni Pacini - Opernkomponist in Vergessenheit geraten?
    Nicolae Herlea - Ein Vergessener (?)
    Arthur Rubinstein - vergessener 'Großmeister'?
    Bruno WALTER - ein Vergessener ?
    Bruno Prevedi, vergessener Tenor?
    Alexander Glasunow - Der vergessene Russe?!
    Cheryl Studer - Vergangen und vergessen ?
    fast vergessen, Orazio Frugoni
    Fritz Reiner - Vergessen?
    Alfred Cortot - vergessen??
    Andrew Parrott- Vergessen ?
    Arturo Toscanini - nicht gut oder nur vergessen?
    Josef Traxel, ein Sänger den man nicht vergessen sollte.


    Nanu? Hochgeehrte und viel bewunderte Künstler wie Arturo Toscanini, Bruno Walter, Fritz Reiner, Ernest Ansermet, Artur Rubinstein, Alfred Cortot, Benjamino Gigli vergessen? Gut, dass man sich über das erschreckende Ausmaß dieser Amnesie in Bezug auf Komponisten Gedanken macht, da sollte man auch einen entsprechenden Thread für Interpreten eröffnen:


    Warum wurden Komponisten "vergessen" ?


    Auch das entsprechende Ranking darf nicht fehlen:


    Mein liebster "vergessener" Komponist


    Eine Schande, dass hier wichtige Komponisten ausgeschlossen sind, die deshalb auch der Ehre des Vergessenwerdens anheimfallen sollten, damit man sie wieder ausgraben kann. Ein Anfang ist schon gemacht worden:


    Vergessen Sie Mozart!


    Fürs erste schlage ich die Einrichtung eines Unterforums für vergessene Komponisten und Interpreten ein. Im Idealfall werden zu gegebener Zeit kaum noch Threads außerhalb dieses Unterforums existieren...



    Viele Grüße


    Bernd

    Zitat

    Original von Alviano
    Inga Levants "Salomé" in Stuttgart hatte mir ganz gut gefallen und auch Karaman könnte interessant werden - also: so schlecht ist das doch mit Saarbrücken gar nicht :D.


    Ja, allmählich gewöhn ich mich an die Stadt :D, heute abend bin ich endlich zum erstenmal in der Oper...


    Junghänel hab ich nicht extra gelobt, das hieße ja Eulen nach Athen tragen... ;)



    Viele Grüße


    Bernd

    Zitat

    Original von a.b.
    Gefallen euch die Buchberges wirklich so gut? Mir kam das, was ich bislang hörte, doch rechlich Intonationsgetrübt vor.


    Gerade wollte ich Entsprechendes schreiben - neulich habe ich bei 2001 für 1,99 € das Buchberger-Doppelalbum mit op. 77/103 und den Sieben letzten Worten gekauft und war reichlich ernüchtert.


    Dann doch lieber die guten alten Amadeus-Leute, und das mein ich ernst.



    Viele Grüße


    Bernd



    PS: Die Kodaly-Haydn-Box gibt's ja, kostet allerdings satte 85 € bei jpc:



    Wolfgang Amadeus Mozart: Le nozze di Figaro


    Premiere: 26.9.2009


    Dirigent: Andreas Wolf
    Regie: Inga Levant



    Michael von der Aa: Das Buch der Unruhe
    (Musiktheater für Schauspieler, Ensemble und Film mit Klaus Maria Brandauer -
    Deutsche Erstaufführung)


    Premiere: 30.10.2009


    Dirigent: Christophe Hellmann
    Regie: Michael von der Aa



    Frank Nimsgern: Phantasma
    (Musical - Uraufführung)


    Premiere: 7.11.2009


    Dirigent: Frank Nimsgern
    Regie: Elmar Ottenthal



    Engelbert Humperdinck: Hänsel und Gretel


    Premiere: 19.12.2009


    Dirigent: Toshiyuki Kamioka
    Regie: Andreas Gergen



    John Adams: Doctor Atomic
    (Deutsche Erstaufführung)


    Premiere: 13.2.2010


    Dirigent: Andreas Wolf
    Regie: Immo Karaman



    Franz Schubert: Sakontala
    (Rekonstruktion von Karl Aage Rasmussen - Szenische Uraufführung)


    Premiere: 27.3.2010


    Dirigent: Christophe Hellmann
    Regie: Berthold Schneider



    Giuseppe Verdi: Otello


    Premiere: 15.5.2010


    Dirigent: Toshiyuki Kamioka
    Regie: Olivier Tambosi



    Henry Purcell: Dido and Aeneas


    Premiere: 26.6.2010


    Dirigent: Konrad Junghänel
    Regie: Nigel Lowery




    Gar nicht so übel, allen voran freue ich mich auf Dido and Aeneas mit Junghänel und dem im Forum hochgeschätzten ;) Nigel Lowery, aber auch der neue Adams und die Schubert-Rekonstruktion interessieren mich sehr. Und in die großen Klassiker Figaro und Otello werde ich sicher auch reingehen, Levant und Tambosi sind ja als Regisseure zumindest keine Totalausfälle. Und einmal Kamioka als Dirigent verkrafte ich schon :D.


    Saarbrücken ist übrigens eines der Häuser, die sich ganz vom Repertoiretheater verabschiedet haben - es gibt relativ viele Premieren, aber nur drei weitere Stücke werden wiederaufgenommen: Salome, La traviata und Lohengrin - letzterer in (vermeintlicher) Starbesetzung mit Peter Seiffert, Petra Maria Schnitzer und Michaela Schuster (ab 25.10.2009).



    Viele Grüße


    Bernd

    Liebe Severina,


    manchmal mag auch in diesem Fall das Argument der Geldschraube zutreffen, aber es ist doch auffällig, dass gerade finanziell solvente Häuser wie Zürich oder Barcelona auf eingekaufte Produktionen setzen.


    Ich glaube, dass es hier viel mehr mit dem Sängerstartheater zu tun hat: die Damen und Herren mögen in der Regel keine langen Probenzeiten und möchten sich nicht gerne in riskante (weil noch unbekannte) Regiekonzepte von Neuproduktionen einpassen. Wenn man (Musik-)Theater als lebendige und sich wandelnde Kunstform bevorzugt, ist das Setzen auf das Bewährte, auf den vermeintlich goldenen Mittelweg (den Carsen ja perfekt verkörpert) aber nicht ausschließlich positiv zu werten.


    Wie gesagt: In anderen Häusern mag der Spareffekt eine Rolle spielen, manchmal auch primär der Wille, eine herausragende Produktion nicht dem Vergessen anheimfallen zu lassen. Ich bin glücklich, dass ich in Frankfurt Mitte der 90er eine Reihe großartiger Produktionen aus dem Brüssel der Mortier-Ära sehen konnte - insofern von meiner Seite bestimmt keine vollständige Ablehnung von Koproduktionen. Es kommt immer drauf an.


    Nur - das war u.a. mein Anliegen - sollte man sich nicht mit fremden Federn schmücken: der Zürcher Fall ist in seiner Dreistigkeit besonders eklatant, aber auch bei anderen Opernhäusern muss man oft lange im Kleingedruckten suchen, um den Hinweis zu erhalten, dass es sich bei der vermeintlichen Neuinszenierung um eine Koporoduktion handelt.



    Viele Grüße


    Bernd

    Es wäre fast mal einen eigenen Thread wert, über das Thema der "Neuinszenierungen" zu diskutieren, die eigentlich Übernahmen viel älterer Produktionen sind. Es gibt Opernhäuser wie Barcelona, die fast nur eingekaufte Inszenierungen zeigen. Und Zürich ist da auch nicht schlecht: die "Neuinszenierung" der Tosca ist tatsächlich vor vierzehn (!) Jahren zum erstenmal in Antwerpen und Gent an der Vlaamse Opera gezeigt und seitdem über eine beachtliche Anzahl europäischer Bühnen geschleift worden (u.a. Hamburg, Barcelona, Venedig, Lissabon). Sie gehörte zu einem enorm erfolgreichen Puccini-Zyklus von Carsen Anfang/Mitte der 90er in Antwerpen/Gent, dessen Bestandteile überallhin verkauft worden sind - die "Madama Butterfly" habe ich in Duisburg gesehen, demnächst wird sie wieder dort gespielt.


    Robert Carsen beherrscht dieses Recycling von allen Opernregisseuren wohl am besten: man kann sich kaum noch ein Bild davon machen, wie der Mann aktuell Regie führt, weil seine alten Inszenierungen allüberall koproduziert werden.


    Nun kann man natürlich sagen: besser eine hervorragende und bewährte eingekaufte Inszenierung als eine schlechte neue. Sehe ich bis zu einem gewissen Grad auch so, wenngleich auf der Negativseite eine gewisse weltweite Uniformierung der Regiekonzepte und auch eine ärgerlich geringe Risikobereitschaft zu verbuchen sind. Was allerdings gar nicht geht und fast an Betrug grenzt: wie die Oper Zürich auf ihrer Website sorgfältig jeden Hinweis darauf vermeidet, dass es sich um eine eingekaufte Inszenierung handelt (selbst bei der Biographie Carsens wird der flämische Puccini-Zyklus einfach ausgeblendet). Dass solche Übernahmen natürlich Probenzeiten sparen und Zürich nur auf diese Weise seine enorme Anzahl von Premieren pro Saison schafft, kommt hinzu.


    Viele Medien fallen auf diese Informationspolitik rein, die Neue Zürcher Zeitung allerdings nicht (Ausgabe vom 31.3.09):


    Weniger Turbulenzen als mit der musikalischen Leitung waren mit der Inszenierung von Robert Carsen verbunden – kein Wunder, sind ihre Umrisse doch seit geraumer Zeit bekannt. Die Produktion datiert von 1995, sie ist somit fünf Jahre älter als die letzte Zürcher Neuinszenierung von «Tosca» (die auch schon ein Remake war, nämlich die notfallmässige Übernahme einer Arbeit von Gilbert Deflo aus Madrid). Da darf man zuerst natürlich die Fähigkeit eines Regisseurs bewundern, sein Schaffen mit Gewinn unter die Leute zu bringen; und solange es Intendanten gibt, die eine vierzehn Jahre alte Produktion als neu zu verkaufen wissen, ist wenig dagegen einzuwenden.



    Viele Grüße


    Bernd

    Tja, eigentlich bin ich ja jetzt ganz in der Nähe, aber es ist leider das falsche Datum - an dem verlängerten Wochenende bin ich verreist. :(


    Schon die Termine mit "König Kandaules" lagen für mich alle sehr ungünstig...


    Vor ein paar Wochen habe ich aber mit dem Orchester des Pfalztheaters unter Uwe Sandner eine bemerkenswerte Aufführung von Mahlers Dritter erlebt. Orchester und Dirigent kann auch ich sehr empfehlen!



    Viele Grüße


    Bernd

    Sie stammt leider nicht aus meiner profunden Kenntnis von Person und Werk Boelys - der mir bis vor ein paar Minuten noch gar nicht bekannt war... :O


    Nee, ich habe einfach nach der kompletten Phrase 'Sextuor en re majeur arrange d'apres une symphonie de' gegoogelt, da kommen außer jpc noch zwei, drei andere und vollständigere Ergebnisse raus. (Was waren das früher noch für Zeiten, als nur die wirklichen Kenner solche Fragen beantworten konnten... :D).


    Wenn der Titel eines Tracks zu lang ist, wird er bei jpc einfach abgeschnitten, was in diesem Fall natürlich besonders unglücklich ist.



    Viele Grüße


    Bernd

    Zitat

    Original von Ulli
    Inkludiert lt. jpc neben sicherlich interessanten eigenen Werken von Boely auch das berühmte 'Sextuor en re majeur arrange d'apres une symphonie de'...


    Falls jemand mit dieser wenig hilfreichen Angabe etwas anfangen kann... ?(


    Scheint auch ein eigenes Werk zu sein - vollständig heißt es "...d'après une symphonie de l'auteur".



    Viele Grüße


    Bernd

    Hallo Frank,



    unbestritten. Ich will das auch gar nicht miesmachen, zumal Eure Assoziationen nah am Werk sind. Wie Rappy sagt, es gibt mehr als eine Zugangsmöglichkeit.


    Aber es steht bei Programmusik und gerade auch bei Strauss immer der Vorwurf im Raum, hier werde an einer literarischen Vorlage entlangkomponiert, ohne dass der Komponist irgendwelche formale Gestaltungskraft aufbringen müsse. Und das verkennt m.E. die besondere Leistung bei solchen Werken: die überlieferten Formen (Sonatensatz, Rondo, Variation etc.) - ohne sie aufzugeben - so zu variieren, dass sie die elementaren Strukturen eines "Programms" zur Geltung bringen.


    Die Weigerung, zum Till ein detailliertes Programm vorzulegen, entspringt möglicherweise auch Straussens Befürchtung, er könne als bloßer Programmusiker verkannt werden (auch Mahler hat ja die Programme seiner frühen Sinfonien später zurückgezogen).



    Viele Grüße


    Bernd

    Zitat

    Original von Alviano
    Silke Leupold interessiert mich nicht wirklich, das gleiche gilt für Vera Nemirova und beim Premierentermin von "Daphne" könnte ich mir gut vorstellen, das ich in einem gänzlich anderen Opernhaus sitzen werde, wo ein Stück Premiere hat, das mir besser gefällt, als die Strauss-Oper (zumal die Besetzung der Tenorpartien mit Daniel Behle und Lance Ryan :wacky: mich nicht sonderlich anzieht) und dessen Regisseur mehr meiner Linie entspricht, als Claus Guth.


    Lieber Alviano,


    gerade bei Daphne macht mich die eigentümliche Musik auch eher ratlos, aber in der einzigen Inszenierung, die ich vor Jahren gesehen habe, ist Peter Konwitschny in Essen eine wirklich berührende und gewissermaßen faire Auseinandersetzung mit dem Stück gelungen. Frau Leupold inszeniert hier in Saarbrücken übrigens gerade die mir völlig unbekannte Alessandro-Scarlatti-Oper Il tigrane, da werde ich wohl mal reingehen. Von Nemirova habe ich noch nichts gesehen.



    Zitat

    Harry Kupfer hat tatsächlich wohl länger keine Premieren mehr gemacht, in dieser Saison steht noch sein "Palestrina" in Frankfurt an, mal abwarten, wies wird. Seine Inszenierungen mochte ich immer ganz gerne, aber das ist natürlich auch schon einige Zeit her.


    Auf Nel freue ich mich - ich hatte die Stuttgarter Aufführungen alle versäumt, Keith Warner arbeitet solide, auch kein Aufreger, bleibt David Bösch, da bin ich gespannt.


    In Palestrina von Kupfer/Petrenko werde ich auch gehen, ebenso vermutlich in den Hartmann. Von Bösch habe ich den Sommernachtstraum in Essen gesehen, der war nicht übel. Schade, dass er in München ausgerechnet den Liebestrank macht - mit Donizettis "komischen" Opern stehe ich noch mehr auf Kriegsfuß als mit seinen tragischen, die geben mir absolut nichts...



    Zitat

    So nebenbei: auch in Bamberg gibts jetzt Oper - "La Bohème", wenn ich nicht irre...


    Das gehört zur sog. Bamberger Sommeroper, die alle zwei Jahre stattfindet. Die Vorstellungen werden im Rahmen eines Sänger- und Orchesterworkshops für junge Musiker aus ganz Europa erarbeitet. Vor zwei Jahren gab's eine Kombination aus Puccinis Mantel und Leoncavallos Bajazzo. Hat mir gut gefallen, auch wenn es noch etwas an Professionalität fehlte. Das Haus ist auch ein bisschen klein für diese Stücke.


    Letztes Jahr ist man mal wieder auf die sinnvolle Idee gekommen, an der Bamberger Wirkungsstätte E.T.A. Hoffmanns eine seiner Opern aufzuführen, nämlich Aurora. Durch eine provinzielle Bearbeitung und ein eher lustloses polnisches Orchester ist diese Chance allerdings vertan worden.


    Jetzt im Juli gibt es aber die erste Bamberger Opernproduktion, an der die Bamberger Symphoniker unter ihrem Chefdirigenten Jonathan Nott mitwirken: Haydns L'isola disabitata, u.a. mit Vivica Genaux und Christiane Karg, die im Münchner Palestrina einen wunderbaren Ighino gesungen hat. Regie führt der mir unbekannte Designer und Bühnenbildner Peter Schmidt. Wenn möglich, werde ich eine Aufführung besuchen - zumal meine Kenntnisse des Haydn'schen Opernwerks dringend einer Vertiefung bedürfen...



    Viele Grüße


    Bernd


    Kein übles Programm, nur bei der Auswahl der Regisseure finde ich Loebes "mittlere" Linie auf die Dauer etwas überraschungsarm. Was die Möglichkeit hervorragender Produktionen natürlich nicht ausschließt.


    Täuscht mich mein Eindruck, oder war Harry Kupfer wirklich für einige Jahre von der Bildfläche verschwunden, inszeniert jetzt aber munter allerorts wieder Neuproduktionen? Ob ich mich darüber freuen soll...



    Viele Grüße


    Bernd

    Zitat

    Original von rappy
    Es gibt ja auch kein genaues Programm des Komponisten, von daher kann man nur spekulieren.


    Ja, eben. Ich finde, Ihr nehmt das mit der Programmusik zu wörtlich. Richard Strauss konnte zwar auch die Speisekarte einschließlich aller Zutaten komponieren, wenn er wollte, aber Don Juan ist doch etwas avancierter. Nicht umsonst hat Strauss das Gedicht von Lenau vorangestellt, das ja keineswegs eine Ballade ist, also keine Handlung erzählt. Natürlich kann man verschiedene Teile der Tondichtung mit archetypischen Situationen analogisieren: Liebesgeständnis, Kampf, Absturz usw. Man hört auch, wie der Charakter Don Juans musikalisch in allen Facetten gezeigt wird. Aber es geht m.E. zu weit, hier eine musikalisch abgeschilderte Handlung zu erkennen. Selbst mit den verschiedenen Aspekten der Lenau-Dichtung kann man Straussens Don Juan nicht durchgehend zur Deckung bringen. Für mich ist das Werk eher eine Synthese aus abstrakteren musikalischen Formen (Anklänge an Sonatensatz und Rondo, ohne das ein oder andere wirklich zu sein) und den programmusikalischen Aspekten.


    Der Schluss des Werkes ist in diesem Sinne ebenso vieldeutig, deutet natürlich auf den Tod voraus, meint aber sicher auch - wie Lenaus Metapher vom "verzehrten Brennstoff" nahelegt - die Impotenz des Helden.



    Viele Grüße


    Bernd



    PS: Die Debatte über Rappys Signatur hab ich ja schon lange kommen sehen... :wacky: Der Satz zeigt, dass Strauss (zumindest zeitweise) an einer weitverbreiteten Form des Vulgär-Nietzscheanismus teilhatte, die man allerdings nicht zwangsläufig protofaschistisch deuten muss. Straussens politische Kontur war die eines Opportunisten, nicht die eines Ideologen. Der dezidierte Atheismus stellte allerdings eine Konstante dar - Strauss hat ja nie auch nur ein Stück Sakralmusik komponiert. Das halte ich allerdings per se nicht für verwerflich. Die Wahl des Satzes als Signatur, die ja immer auch Identifikation meint, finde ich dennoch nicht sehr glücklich... ;)

    Ich war in der Vorstellung am letzten Samstag (18. April). Zunächst kurz die Liste der Verantwortlichen und Mitwirkenden:


    Musikalische Leitung: Kirill Petrenko
    Inszenierung: Barbara Frey
    Bühne: Bettina Meyer
    Kostüme: Bettina Walter
    Chöre: Andrés Máspero


    Die alte Buryja: Helga Dernesch
    Laca Klemen: Stefan Margita
    Stewa Buryja: Pavel Cernoch
    Die Küsterin Buryja: Deborah Polaski
    Jenufa: Eva-Maria Westbroek
    Altgesell: Christian Rieger
    Dorfrichter: Christoph Stephinger
    Frau des Dorfrichters: Heike Grötzinger
    Karolka: Lana Kos



    Das war die erste Opernarbeit von Barbara Frey, einer renommierten Schauspielregisseurin und designierten Intendantin des Zürcher Schauspielhauses. Man erlebte beileibe keine unmusikalische Regie - schon am Anfang setzte Lacas Schnitzen am Peitschenstiel (mit dem verhängnisvollen Messer) ein Pendant zum Klopfen des Xylophons. Auch sonst hat Frey oft genau auf die Musik gehört. Trotzdem hat mich die Inszenierung durch eine gewisse Unentschiedenheit eher enttäuscht.


    Überlegt, aber wenig beeindruckend das Bühnenbild von Bettina Meyer: eine stilisierte Felsenlandschaft signalisiert Natur, im Hintergrund drehen sich Windräder (statt der Mühle), Ambiente und Kostüme verweisen vorsichtig aktualisierend auf eine provinzielle postsozialistische Gegenwart. Im zweiten Akt wird auf die Felsen ein von vorne einsehbarer, sehr kleiner Innenraum gestellt, in dem sich das tragische Geschehen abspielt - naturalistisch ärmlich eingerichtet, mit Sperrholzmöbeln, kleinem Fernseher usw. Im dritten Akt fallen die Grenzen zwischen Außen- und Innenwelt: das Interieur ist zwar noch da, aber die Wände der Stube sind verschwunden.


    Frey inszeniert überwiegend am Text entlang, durchweg professionell, aber mit anscheinend absichtlich begrenztem Gesten- und Bewegungsrepertoire. Man sieht überwiegend nach innen gekehrte Menschen, oft traurig oder verzweifelt dasitzend. Jenufa wirkt von Anfang an gezeichnet und wird von Akt zu Akt älter, gleicht sich immer mehr - auch in puncto Kleidung - der Küsterin an. Die oben vom Opernfreund erwähnte Ähnlichkeit der beiden zentralen Frauenfiguren hat wohl kaum etwas mit "Sängerinnen-Eitelkeit" zu tun, sondern war eine bewusste Entscheidung der Regie.


    Oft wird "Jenufa" - entgegen der im Stück angelegten Dramaturgie - zu einem effektvollen Soloabend für die Darstellerin der Küsterin, ich erinnere mich noch an Aufführungen mit Anja Silja in Frankfurt. Dies wurde hier dezidiert vermieden, Deborah Polaski zeigte eine selbst beim Kindesmord sehr kontrollierte Küsterin, die allenfalls andeutungsweise aus der Rolle fiel - etwa wenn sie ihre Ziehtochter im zweiten Akt anschreit, ihr Kind sei tot. Ein nicht uninteressantes Konzept, aber theatralisch hat mich das alles nicht überzeugt: Die Grenzen zwischen der bewussten gestischen Zurückhaltung und der bloßen Konvention sind fließend, die enorme Tragik und Spannung des zweiten Akts erlebte man szenisch wie durch eine Milchglasscheibe, die Beziehungen zwischen den Personen bleiben unklar, die ganze komplexe Figurenkonstellation ist unterbeleuchtet (trotz Echoeffekten: Stewa wird im dritten Akt ähnlich zu Boden gefällt wie die Küsterin am Endes des zweiten Akts, der verkrampften Umarmung Jenufas und der Küsterin im zweiten Akt entspricht die innige vor dem Abgang der Küsterin im dritten Akt). Auch den leicht stilisiert choreographierten Chorszenen fehlte die Dringlichkeit.


    Sängerisch war das eine ausgezeichnete, wenngleich nicht überragende Aufführung. Eva-Maria Westbroek meisterte ihre Partie in allen Lagen souverän, mir fehlte ein wenig das individuelle Timbre (das Elisabeth Söderström in der Mackerras-Einspielung so wunderbar hören lässt). Deborah Polaski hatte bei der Premiere, die ich im Radio gehört habe, keinen guten Tag, die Abnützungserscheinungen ihrer Stimme waren unüberhörbar. Am Samstag dagegen präsentierte sie sich in ausgezeichneter Verfassung: sie sang die Rolle ohne das hier häufig zu hörende veristische Schrei- und Stöhntheater, büßte deswegen aber nicht an Ausdruckskraft ein. Zweimal gelangen ihr sogar richtig beherrschte Piani in der Höhe. Für den erkrankten Joseph Kaiser war als Stewa Pavel Cernoch eingesprungen und machte seine Sache gut. Herausragend, sängerisch brillant und differenziert charakterisierend Stefan Margita als Laca. Sehr gut auch die Besetzung der Nebenrollen. Nur bei der 70jährigen Helga Dernesch fragte man sich, ob eine so verdiente Sängerin sich das noch antun muss. Auch bei einer kleineren Rolle sollte doch wenigstens ab und zu die richtige Tonhöhe getroffen werden.


    Die Leistung des Abends lieferte zweifellos Kirill Petrenko mit dem blendend aufgelegten Orchester: natürlich in der Urfassung einschließlich der von Janacek gestrichenen Teile der Erzählung der Küsterin im ersten Akt. Das Dirigat war genau das Gegenteil von "lärmend" und "breiig" (Opernfreund im letzten Beitrag) - ungemein geschärft, rhythmisch präzise, hart und doch federnd im Klang, flexibel in den Tempi. Ich stelle es ohne weiteres über dasjenige von Mackerras bei der Decca-Einspielung - wenn man die letzten Takte des zweiten Akts vergleicht, hört man bei Mackerras ein mit viel Orchesterpedal versehenes, dröhnendes Pathos, bei Petrenko ein schnelles fiebriges Hämmern. Brillant der Paukist und - bei seinem großen Solo im zweiten Akt - der Konzertmeister. Ungeheuer spannend und bewegend die enorm langen Generalpausen, etwa nachdem Jenufa die Nachricht vom Tod ihres Kindes erfahren hat oder vor dem Schlussduett Jenufa-Laca. Wenn dieses musikalische Gestaltungsmittel eine szenische Entsprechung gefunden hätte, wäre es eine großartige Prouktion geworden. So fehlte leider Entscheidendes. Das konzentriert lauschende Publikum im fast ausverkauften Haus zeigte sich allerdings begeistert.


    Wer einen visuellen und akustischen Eindruck bekommen möchte, kann sich hier (Foto- bzw. Videokamera rechts anklicken) oder hier per Fotogalerie, Video und "Opern-TV" informieren.



    Viele Grüße


    Bernd

    Zitat

    Original von Kirschblüte (bzw. "Ruhrnachrichten")
    ESSEN Zur Entlastung der Werkstätten präsentiert das Aalto-Musiktheater in der Spielzeit 09/10 ausnahmsweise nur vier Neuproduktionen.


    Das wird ja allmählich zur Seuche (vgl. Staatsopern in Dresden und Wien sowie die Deutsche Oper Berlin) - nur vier Premieren in einer Saison halte ich nach wie vor für ein Armutszeugnis. Wie man im Beitrag von Gurnemanz lesen kann, bringt das wesentlich kleinere Staatstheater in Darmstadt immerhin neun Premieren auf die Bühne des Großen Hauses.



    Zitat

    Wagners "Siegfried" fügt dem "Ring der Nibelungen" das dritte Teilstück zu, und "Die Csárdásfürstin" von Kálmán verspricht einen unterhaltsamen Abend voller mitreißender Musik und einer Gratwanderung zwischen ausgelassener Lebenslust und Fin-de-Siècle-Stimmung. "Siegfried" und "Lulu" kommen auf die Bühne des Aalto-Musiktheaters.


    Wohin denn sonst? ?(


    Die vierte Neuproduktion ist übrigens Henzes "Elegie für junge Liebende", dirigiert von Noam Zur. Bei "Siegfried" führt Anselm Weber Regie.



    Zitat

    Einen richtigen Schatz hat das Aalto-Theater mit Bergs "Lulu" ausgegraben. 1953 fand die deutsche Erstaufführung in Essen statt, nun kehrt das Stück um die verführerische, geheimnisvolle und gefährliche Hauptfigur in einer Neuinszenierung in die Ruhrstadt zurück.


    "Ausgegraben" :D. Hört sich ja fast so an, als sei "Lulu" seit 1953 weltweit nicht mehr gespielt worden...



    Viele Grüße


    Bernd

    Hallo Christian,


    Zitat

    Original von Christian B.
    tatsächlich ist das Andante in Abbados Aufnahme mit dem CSO über 15Minuten lang, das dürfte eins der längsten Andantes überhaupt sein! Allerdings steht hier das Andante wie früher üblich an dritter Stelle. Nach den ersten beiden Sätzen mit ihren voranpeitschenden Rhythmen erscheint mir ein etwas langameres Andante durchaus sinnvoll. Umgekehrt wirkt es folgerichtig, dass Abbado in seiner zweiten Einspielung das Tempo des Andantes anzeiht, da es hier an zweiter Stelle steht und das Scherzo erst danach kommt.


    das ist zweifellos richtig, aber selbst bei der Satzreihenfolge der älteren Einspielung darf m.E. das Andante kein Ruhepol sein, sondern nur ein Intermezzo (von der Funktion her nicht unähnlich dem Adagietto der Fünften oder sogar der ebenfalls mit Andante bezeichneten zweiten Nachtmusik in der Siebten). Ich kann mich ja durchaus manchmal an sehr langsam genommenen Adagio-Sätzen erfreuen, aber wenn Mahler Andante moderato hinschreibt, dann meint er auch ein gehendes Tempo (Ich weiß schon, warum ich mir keinen Sinopoli-Mahler anhöre... Auch das Andante comodo der Neunten wird häufig zum Adagio verlangsamt, ich sage nur Chailly...). Von der Tempofrage abgesehen, lässt Abbado beim Andante in der Berliner Aufnahme auch schlanker phrasieren, das gefällt mir gut.



    Zitat

    Meine Einschätzung oben bezog sich vor allem auf den ersten Satz, im Unterschied zu der Berliner Aufnahme werden hier die Glocken usw. nicht so sehr in den Vordergrund gerückt, das sehe ich anders als Du: mit den Berlinern setzt Abbado in der eingeschobenen Idylle mehr retardierende Akzente, so meine ich zumindest, man müsste mal im Detail prüfen, ob er sich auch mehr Zeit nimmt, das habe ich noch nicht getan.


    Ich muss das auch nochmal im Detail überprüfen, war aber immer wieder überrascht, mit wie wenig Rubato Abbado die Idylle der Durchführung dirigiert.



    Zitat

    Ich war insgesamt schlichtweg sehr positiv von der brillanten Klangqualität der 80er Aufnahme mit dem CSO überrascht - dagegen wirkt die Berliner Aufnahme, was bspw. die STreicher betrifft, um einiges flacher. Man kann auch sagen: weniger brilliant. Aber die Brillianz der CSO-Aufnahme ist der unglabulichen Gewalt dieses Werkes sehr angemessen! Ob das konventioneller ist? Vielleicht auch eine Frage der Rezeptionsgeschichte der 6.ten.


    Ich bin da selbst gespalten. Einige der in Berlin aufgenommenen Mahler-Abbado-Einspielungen (außer 6 auch 7 und 9) wirken klanglich tatsächlich nicht übermäßig brillant, auch dynamisch etwas gedeckelt. Aufnahmetechnisch besser ist die mit den Berlinern in London aufgenommene Dritte.


    Auch wenn ich normalerweise die xte Einspielung derselben Werke durch denselben Dirigenten nicht brauche, nutze ich die Gelegenheit, mal wieder für die Luzerner Mahler-Aufnahmen Abbados Werbung zu machen, die es allerdings bis auf die Zweite nur als DVD gibt. Die Sechste zieht Abbado nicht ganz so konsequent durch in Berlin, erlaubt sich wieder mehr Brillanz. Also tendenziell eine Synthese aus Chicago und Berlin, aber näher an Berlin (insb. im Andante):





    Viele Grüße


    Bernd

    Da kann ich mich Martin nur anschließen (sowohl seinem letzten wie seinem vorletzten Posting). Ich bin auch gar kein "Fan" der von mir - trotz einiger Merkwürdigkeiten in der jüngsten Vergangenheit - geschätzten Frau Kasarova. Zudem schrieb ich ja, Kasarova sei in der Rolle der Charlotte "mindestens genausogut" wie Garanca gewesen - "hinhauen" ist was anderes.


    Also nochmal anders formuliert: Ich fand Frau Garanca als Charlotte vorzüglich, sängerisch und darstellerisch. Nur den von Martin angesprochenen "stimmlichen Gestaltungswillen" habe ich ebenfalls ein wenig vermisst, der ist m.E. eine Stärke von V. Kasarova. Wenn ich in die Zukunft schaue, ist mir allerdings für Kasarova banger als für Garanca...



    Viele Grüße


    Bernd

    Zitat

    Original von Joschi Krakhofer
    Balsam für die geschundene Seele.... :stumm: :untertauch: :D


    Die Inszenierung oder der Artikel? :D


    Der Autor versucht ja ein Phänomen herauszuarbeiten, das wir hier auch schon besprochen haben: Was heute den "Staubis" als wunderbar originalgetreue Inszenierung erscheint, war 1957 den Rezensenten zu wenig weihevoll und spiegelt bei genauem Hinsehen aus heutiger Sicht eher das Wagner- und Weltbild der 50er Jahre wider als irgendwelche Intentionen des Komponisten.



    Viele Grüße


    Bernd

    Auf den Opernbühnen ist der Trend zum Ur-Boris von 1869 ungebrochen: ich kann mich täuschen, aber fast die Hälfte der Neuinszenierungen in den letzten 10-15 Jahren dürfte die 1869er-"Ur"-Fassung bevorzugt haben, den Rest teilen sich die 1872er-"Original"Fassung und irgendwelche Mischfassungen aus "Ur" und "Original". Ob der Rimsky-Boris außerhalb des Moskauer Bolschoi-Theaters noch irgendwo gespielt wird, weiß ich nicht.


    Für den 1869er-Boris spricht neben dem Basilius-Kathedralenbild seine ungeheuer konzise Form, auch sparen die Opernhäuser gleich eine Sängerin für den Polenakt ein, bei dem man sich streiten kann, ob er eine Bereicherung bedeutet. Trotzdem vermisse ich sehr das abschließende Revolutionsbild. Und die Klage des Gottesnarren - da stimme ich Gurnemanz zu - ist ganz am Ende der Oper am richtigen Platz.



    Viele Grüße


    Bernd

    Kurzer Hinweis auf zwei CD-Wiederveröffentlichungen mit Haydn-Sinfonien. (Ich denke mal, das hier ist der geeignete Thread für solche Hinweise? Oder sollte man vielleicht einen zusätzlichen aufmachen, in dem es um verschiedene Interpretationsansätze bei Haydn-Sinfonien und die diversen Gesamt- und Teileinspielungen geht?)


    Zum einen erscheinen in diesen Tagen bei Sony recht preiswert sieben CDs mit diversen Sinfonien, eingespielt 1993/94 vom Ensemble Tafelmusik unter Bruno Weil:




    J. Haydn: Sinfonien Nr. 41-47, 50-52, 64, 65, 82-90
    Tafelmusik
    Dirigent: Bruno Weil


    Das ist eine etwas seltsame Auswahl: Viele, aber nicht alle Sturm-und-Drang-Sinfonien, dazu Nr. 64, die Pariser und nur ein Teil der Werke zwischen Paris und London. Riecht stark nach einem ursprünglich umfangreicher geplanten Aufnahmevorhaben, das dann vorzeitig abgebrochen wurde.


    Wie dem auch sei: Die Hörschnipsel deuten einen sehr straffen und kantigen HIP-Haydn an. Klingt attraktiv - gerade bei den Sturm-und-Drang-Werken dominiert ja sonst mehr die auf Klangschönheit abzielende HIP-Konkurrenz (Brüggen, Pinnock, tendenziell wohl auch Hogwood).




    Claudio Abbado hat Ende der 80er, Anfang der 90er einige der Londoner Sinfonien mit dem Chamber Orchestra of Europe eingespielt, die jetzt halbwegs preiswert auf 4 CDs wiederveröffentlicht werden:




    J. Haydn: Sinfonien Nr. 93, 96, 98, 100-103, Sinfonia concertante
    Chamber Orchestra of Europe
    Dirigent Claudio Abbado


    Komische Auswahl, wahrscheinlich ist auch hier ein größeres Projekt abgebrochen worden (irgendwie war bei Haydn lange Zeit der Wurm drin, man erinnere sich an die abgewürgten Gesamtaufnahmen von Goodman und Hogwood). Ich kenne drei der Londoner Sinfonien mit Abbado und finde, dass diese Aufnahmen schöne Realisierungen dieser Werke mit einem konventionellen Orchester sind.



    Viele Grüße


    Bernd

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    Original von Jacques Rideamus
    Vielleicht war der Coverdesigner aber auch der Meinung, dass es sich bei dieser Aufnahme um des Kaisers neue Kleider handelt.


    Werden Zinmans Mahler-Einspielungen nicht alle mit Hodler-Bildern verziert? Passt immerhin zeitlich genau, und der Schweizer Hodler ist ein Tribut an die Zürcher Interpreten.


    Titel des Bildes: "Jüngling vom Weib bewundert". Passt wiederum nicht ganz, weil im Adagietto der Sinfonie bekanntlich ein nicht mehr ganz so junger Mann ein Weib bewundert... :wacky:



    Viele Grüße


    Bernd

    Hallo Manfred,


    da ist meine kleine Provokation ja doch noch aufgegangen. :D



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    Original von timmiju
    Jedes der Werke von D.S. hat einen eigenen historischen Hintergrund, der sowohl Großartiges, wie auch manchmal Plakatives erklärt. Aber ich denke du wolltest nur einmal einen Joke setzen.


    Ja klar, überwiegend war das ein Joke. Wobei mich der enorme Kontrast gereizt hat: In den 1770ern war es der Gattung Sinfonie einfach nicht in die Wiege gelegt, dass es mal zu solch weltanschaulich aufgeladenen und erzwungenen Vertretern wie Schostakowitschs Zwölfter kommen sollte...


    (Die Frage der Wertung ist dabei sekundär. Ich weiß die historischen und biographischen Kontexte der von mir hochgeschätzten Schostakowitsch-Sinfonien durchaus zu würdigen, aber bei der Zwölften schlägt mir das Pendel allzusehr in Richtung Plakativität und Simplizität aus.)



    Zitat

    Aber nichtsdestotrotz - auch die Sinfonie Nr. 66 von Haydn ist wahrlich kein Überflieger, sondern reiht sich in eine Vielzahl gefälliger Werke ein.


    Ein Überflieger ist sie bestimmt nicht, trotzdem sehe ich das etwas anders. "Einreihen" und "gefällig" trifft es meiner Meinung nach nicht. An solchen Werken kann man sehr schön sehen, wie Haydn mit der noch jungen Gattung und ihren Konventionen experimentiert, über sie reflektiert, Möglichkeiten austestet, erweitert und zurücknimmt. Wenn man, wie wir das hier versuchen, die Haydn-Sinfonien nach und nach alle im Zusammenhang hört, wird deutlich, dass es Haydn um mehr geht, als bloß ein gefälliges Werk nach dem anderen abzuliefern.



    Viele Grüße


    Bernd

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    Original von Hildebrandt
    Allerdings war da immer noch Kleinorgelei zu hören.
    Warum traut sich niemand, ein großes Instrument zu verwenden?


    Dem Manne kann geholfen werden :D:





    In seiner Amsterdamer Aufnahme von 1966 lässt Bach-Purist Eugen Jochum die große Orgel des Concertgebouw fast ungehemmt agieren. Beim Barrabam!-Ruf erzielt das volle Werk des Instruments gemeinsam mit den nur 120 Choristen eine markerschütternde Wirkung...etc. blabla :D


    Freut mich, dass ich Deine Neuanschaffungsliste um einen weiteren Posten verlängern durfte... :untertauch:



    Zurück zum Ernst des Lebens und des Threadthemas: Ich habe mir kürzlich noch einmal ausschnittsweise die Jochum-Matthäuspassion reingezogen, weil's meine erste war, und da hängt man ja dran. Es ging aber gar nicht mehr: Die verschleppten Tempi (ganz schlimm die breiigen Choräle), die nicht vorhandene Phrasierung, das Wechselbad zwischen den monumentalen Chören und den dünnen Solopartien vergällen mir die Interpretation inzwischen vollständig, trotz einiger verdienter Sänger (Giebel, Haefliger, Crass).



    Viele Grüße


    Bernd

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    Original von Christian B.
    Die Aufnahme selbst finde ich fantastisch, im Vergelich zur späteren Live-Einspielung mit den Berlinern nimmt Abbado das Werk geschlossener und verliert sich nicht so sehr in den lyrischen Einschüben (1. Satz).


    Hm, da bin ich anderer Meinung. Auch ich finde die Chicago-Einspielung (lange Zeit meine liebste) musikalisch sehr gut, orchestral virtuos, aufnahmetechnisch hervorragend. Aber es ist gegenüber der Berliner (und der Luzerner) Aufnahme die konventionellere Interpretation, stärker auf Brillanz und Effekt bedacht. In Berlin hat Abbado ein faszinierendes Konzept einer eher verinnerlichten, "klassizistischen" Sechsten verwirklicht. Auch finde ich hier im Gegensatz zu Chicago die lyrischen Episoden im ersten Satz eben nicht ausgewalzt, sondern sehr strikt "durchdirigiert". Das gilt vor allem auch für das Andante, in Berlin wunderschön fließend, in Chicago der schwächste Satz.



    Viele Grüße


    Bernd

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    Original von Operngernhörer
    Ich muß Dir etwas wiedersprechen. Wenn ich Karten für die Winterreise erwerbe, so will ich auch die Winterreise hören, evtl. auch gut vorgetragen sehen.


    Lieber Operngernhörer,


    das ist ja ok und wirft in diesem Fall auch gar keine Probleme auf: wer eine Karte für eine szenische Interpretation der Winterreise erwirbt, weiß in der Regel, was er tut. Wer den "normalen" Liederabend möchte, kann eben dafür Karten kaufen. Verwechslungsgefahr sollte nicht bestehen. Ich mag (im Prinzip, nicht immer im Einzelfall) beides.



    Viele Grüße


    Bernd