Beiträge von Leiermann

    Na, das hört sich doch alles prima an!


    Umso mehr freue ich mich auf Freitag. Dann nämlich spielt Wang die KK 1+2 von Schostakowitsch mit dem NDR-Elphi-Orchester unter dem neuen Chef Alan Gilbert, dessen offiziellen Antritt mit einem interessanten Programm ich vorgestern in der Elphi verfolgen durfte.


    Jedenfalls erwarte ich von Wang nichts weniger als ein mitreißendes Feuerwerk, was sonst. Schön, wenn die Erwartungen hoch sein dürfen. :jubel:

    Zu Beginn dieses Jahres hörte ich George Crumbs Streichquartett "Black angels" im Konzert - darin gibt es eine eher unheimlich-beängstigende Begegnung mit "elektrischen" Insekten, hinter deren lautmalerischem BEFALL die Vorstellung des EINFALLS amerikanischer Hubschrauber in Vietnam im Waffengeschwirr aufscheint.

    Und wenn hier die Opernhäuser jetzt auf die Gültigkeit der Verträge mit Herrn Domingo hinweisen, bevor überhaupt irgendetwas bewiesen ist (die Untersuchung an der Oper in San Francisco läuft ja noch), dann entspricht das meinen Gerechtigkeitsempfinden weit mehr als wenn Opernhäuser in den USA vorauseilend seine geplanten Auftritte absagen.


    Und mit allgemeinen Hinweisen auf die Gender-Ungerechtigkeit im Gründungsmythos der Musik kommt man der Wahrheitsfindung im Fall Domingo sicherlich keinen Schritt näher. (Ich hatte ja unter Hinweis auf das Lied aus "Pagagnini" darauf hingewiesen, dass solche Texte natürlich beim Interpreten auch "durchsuppen". Auf die Idee, dass die Musik selbst auch die Wurzel allen Übels sein könnte, bin ich freilich nicht gekommen, das muss ich der Dame lassen. Aber alle Versuche der Verbannung von Kunstwerken der europäischen Kunst aufgrund solcher Gender-Aspekte lehne ich ab. Man darf und soll sich damit kritisch auseinandersetzen, soll aber deshalb nicht die eigene europäische Kunst und Kultur aufgeben. Der "Erbe"-Begriff erscheint mir hier immer wichtiger. Auch vorher habe ich bereits gesagt, dass man auf den Antisemitismus bei Wagner und Pfitzner hinweisen muss, deshlab aber natürlich trotzdem ihre Werke weiterspielen soll - bei Wagner ist das heute noch so, bei Pfitzner, der in diesem Jahr 150. Geburtstag und 70. Todestag hatte, eigentlich gar nicht mehr, der ist der Verdammung anheimgefallen...)

    Kann ich alles nur unterschreiben. Danke. :thumbup:

    Da das hier eine Hommage ist: Mit dem NDR-Sinfonieorchester hat Eschenbach 2013 für diese Aufnahme einen Grammy erhalten:


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    Da ich keine fundierten Interpretationsvergleiche anstellen kann, ist das allerdings keine Empfehlung. Für mich einfach "nur" eine schöne Aufnahme.

    Lieber Christian!

    Ich bin Dir für diesen Beitrag (wie auch für Deine vorherigen Beiträge in diesem Thread) ausgesprochen dankbar. Leider gibt es in dieser unsäglichen Diskussion nur wenig vergleichbar klare und integre Stimmen.
    Ehrlich gesagt, bin ich froh, dass ich mich schnell wieder aus diesen Auseinandersetzungen, in denen mehreren Diskutanten nicht mal klar ist, um was es eigentlich geht, zurückgezogen habe. Man muss wirklich nicht in jede Bataille1) reiten. Aber meine Zustimmung und meinen Zuspruch wollte ich Dir nicht gänzlich vorenthalten. Du hast beides verdient!

    Same here. Ich hatte vorhin hier nicht noch einmal geschrieben, weil ich meine Meinung zuvor bereits eingebracht hatte und mich nur hätte wiederholen können. Aber meine Solidarität mit euch Zweien zeige ich dann doch gern.

    Ich habe zufällig in dieses Thema hineingeschaut und mir überlegt, ob ich überhaupt dazu etwas sagen soll. aber das muss ich loswerden:

    Ich komme mir in diesem Thema wie unter Klatschtanten in einem Dorf vor. Da wird am Ende des Dorfes ein Gerücht (denn was da war, ist ja noch lange nicht bewiesen) losgetreten und dann "die Sau durchs Dorf getrieben". Aus dem Schneeball wird eine Lawine und der viele, die unschuldig waren, sind zu Tode gehetzt worden. Ähnlich konnte man ja im Mittelalter seine Nachbarinnen als "Hexen" verklagen, wenn man sie nicht leiden konnte. Ich finde es einfach in diesem Forum unwürdig, wenn sich Leute in aller Öffentlichkeit schon am Aufbauschen beteiligen, ehe die Geschehnisse als Tatsachen auf dem Tisch liegen, nur weil einige unbedingt etwas schreiben müssen.


    Gerhard

    Lieber Gerhard, ich weiß nicht, ob das bei dir mit eingeschlossen ist: Aber es wird mittlerweile hier nicht nur eine Sau durchs Dorf getrieben. Hier mehrten sich Stimmen, die eine einseitige Diskreditierung der vorgebrachten Anschuldigungen mindestens suggerierten. Auch das hat mir sehr missfallen. Ich wünschte, du könntest dich da anschließen.

    Das Thema finde ich selbst grundsätzlich durchaus diskussionswürdig im Forum. Unappetitlich - klar. In mindestens einem Sinne sicherlich, wenngleich man noch nicht weiß, in welchem. Aber für mich kein Grund, es zu tabuisieren.

    Nur: Ich hüte mich, momentan da auch nur irgendwas zu bewerten oder beurteilen. Der Stand der Dinge taugt noch nicht für wertende Aussagen. Wenn ich nicht weiß, was dran ist, mag ich doch weder mit Vermutungen in die eine noch in die andere Richtung aufwarten. Domingo gehört m.E. vor Vorurteilen genauso geschützt wie diejenigen, die jetzt Vorwürfe gegen ihn erheben. Wenn das Ganze jetzt schon so eskaliert, geraten beide "Parteien" unter einen Druck, der zumindest für eine Seite eine weitere Unmenschlichkeit bedeutet.

    Fakt ist, dass es sowohl Fälle von sexueller Nötigung/Belästigung/Gewalt unter Ausnutzung eines Machtgefälles gibt als auch die Vortäuschung/Unterschiebung solcher Taten. Und wohl auch Mischformen bzw. differenziertere Abstufungen. Warum in diesem Fall sich nicht zurückhalten und abwarten, ob die Wahrheit ans Licht kommt? Dann weiß man vielleicht irgendwann, worüber hier überhaupt geredet wird.

    Bitte keine Erbsenzählerei. Bei 7 Seiten Gesamtlänge des Impromptus gibt es tatsächlich manche wenige Stellen, wo Finger 3 in das Melodiegeschehen eingreifen kann. Es sind jedoch momentane Ausnahmen. Selbiges gilt für die Hilfestellung der linken Hand bei den Sextolen. Die überwiegende Anzahl an Takten bietet das jedoch nicht. Auch der bekannte stumme Fingerwechsel hilft selten. Da stehst Du schon in Takt 2 vor dem Problem wie man mit 5 auf B (ganze Note) dann mit 5 auf Ges gelangen soll, und das im Legato. Ähnliche Stellen treten jedoch sehr viel häufiger auf.

    Aus Deiner Sicht. Andere könnten zu der Ansicht gelangen, dass gebrochene Akkorde, gleich ob in Mittel- oder Basslage das Ergebnis von "Komponistenfaulheit" ist. Man muss sich ja dabei nicht viel einfallen lassen......runterdudeln. Neben endlosem Akkordgedudel, wahlweise Akkordballungen gäbe es ja noch weitere harmonische Grundierungen/Begleitungen, die vielleicht etwas mehr Nachdenken erfordern.

    Du bist ja witzig. Erst schreibst du, es müsse einiges klargestellt werden, und dann stellst du falsche Formulierungen in den Raum.

    Der dritte rechte Finger z.B. kann bei der Melodiegestaltung ausgesprochen wertvoll sein. Das als "Erbsenzählerei" zu bezeichnen, riefe bei Pianisten, die stets um einen sinnvollen Fingersatz kämpfen, wohl nur Unverständnis hervor. Und gerade WEIL die Melodie in der rechten Hand mit den gebrochenen Akkorden unter Vorgabe des Legatos korrespondiert/zusammenwirkt, sind diese Möglichkeiten von enormer Bedeutung. Und dass der stumme Fingerwechsel "selten" hülfe... - was soll das? Ich sehe hier bei mir allein auf der ersten Seite fünf (!) Stellen. Was auch immer du mit deiner Faszination an den Fingersätzen bei diesem Impromptu verbindest: Aber genau im zweiten Takt gibt es doch die Möglichkeit, ein Fingerlegato von b nach ges zu spielen. Die übersiehst du wohl schlicht und ergreifend. Insofern zeichnest du ein pianistisch falsches Bild, weil du dir über die Möglichkeiten gar nicht klar bist.


    Zu der Akkordfrage: Sofern du keine verbesserte Bearbeitung des Impromptu lieferst, ist deine Kritik aus meiner Sicht eine noch "faulere" Geschichte als Schuberts eingesetzte Mittel.

    Das ist mal ein Fall, wo ich mit Helmut Hoffmann 100% übereinstimme! :) :thumbup: Immer, wenn es eine "tragende" Melodiestimme geben muss, klingt der Hammerflügel wie ein unvollkommenes Instrument. Dafür gibt es auch eine Erklärung: den Sustain-Effekt, der einfach bei diesen Instrumenten mangelhaft ist. Deshalb "singt" das Instrument nicht - es klopft! Der Klang wird basslastig - der Bass hebelt die nicht tragungsfähige Melodie - das Klangbild baut sich von unten nach oben auf statt andersherum. Das ist auch musikalisch-semantisch eine Verkehrung, wie es vom Klaviersatz her eigentlich sein soll. Genau deshalb - dies ist dafür ein schönes Beispiel - ist die These der Originalklang-Enthusiasten, dass nur der Hammerflügel "authentisch" sei, auch theoretisch nicht haltbar. :D


    Schöne Grüße

    Holger

    Sehe und empfinde ich auch so. Ein Hoch auf die Entwicklung des Klavierbaus. "Steinways" haben durchaus ein paar Vorteile.

    Die Frage nach "Authentizität" interessiert mich persönlich recht wenig, sofern sie in eine "ideologische" Richtung zielt. Aber auch ansonsten halte ich sie für grundsätzlich hochproblematisch.

    Hier muss leider einiges klargestellt werden:

    1. die angeblich "hölzern wirkende linke Hand" unter der melodischen Oberlinie ist die rechte! Die linke Hand ist durch "Pfundakkorde" (halbe, ganze Noten) permanent gebunden und kann zu keiner Sekunde einen Beitrag zu dem Sextolengedudel der Mittelstimme leisten. Die rechte Hand hat folglich 2 Aufgaben zu erfüllen: a) die Melodie. Dafür stehen ihr genau 2 Finger zur Verfügung, nämlich 4 und 5, also die nicht unbedingt beweglichsten. Die Melodie besteht ebenfalls aus "Pfundnoten", überwiegend im Legato. Da kommt Freude beim Spieler auf, wenn er legato mit 5 auf 5 spielen muss. b) Für das Sextolengedudel stehen maximal 4 Finger zur Verfügung, nämlich 1; 2; 3; und ggfls 4, falls die Melodie den 4. Finger freigibt.

    Stimmt so nicht. Der dritte rechte Finger lässt sich an manchen Stellen sehr schön in die Gestaltung der Oberstimme einbinden: Es sind drei. (Zudem: Nicht nur deswegen kommt als Pianist bei diesem Stück Freude auf, sondern auch, weil es die fantastische Erfindung stummer Fingerwechsel gibt.) Es gibt an ein paar wenigen Stellen übrigens auch die Möglichkeit für die linke Hand, sich an den Sextolen zu beteiligen. "zu keiner Sekunde" ist also falsch.

    Und zum Schluss möchte ich eine Lanze für die Erfindung gebrochener Akkordstrukturen brechen. Dieses Stück würde sich deutlich schlechter anhören, würde man Blockakkorde spielen. Die gebrochen gespielte Mittellage ist für die Satzweise ästhetisch völlig stimmig.

    Schöne Überlegung von ihm, das als Zugabe aufzuführen. Habe es mir gerade angesehen, leider ruckelt das WLAN hier in der Ferienwohnung. Das Publikum jedenfalls nimmt den Dialog mit der Stille offenbar willig auf. Der Applaus danach ist eher zögerlich/spärlich, ich persönlich hätte im Saal darauf wohl gänzlich verzichtet in dem Glauben, das könne als angemessen und respektvoll aufgefasst werden.

    Dem Inhaltsverzeichnis nach ist Klassik hier kein Muss. Deshalb fehlt natürlich unbedingt noch DAS Mondalbum der Rockmusik schlechthin:


    Pink Floyd - The dark side of the moon


    Das Album erwies sich als einer der größten Langzeit-Seller der Pophistorie. Texter Roger Waters gab allerdings Jahre nach der Veröffentlichung zu, er habe sich gewundert, damit beim Publikum "durchgekommen" zu sein. Und in der Tat fiele es mir schwer, etwas Großartiges an den auf Tiefsinn gebürsteten Lyrics zu finden. Sie dienten aber in ihrer bedeutungsschwangeren Vagheit einer ganzen Flower-Power-Generation als zeitgemäße Projektionsfläche für (dunkle ;)) Ahnungen und philosophisch aufgeladene Lebensgefühle (fast) aller Art.

    Beispielhaft hierfür der Text des das Album beschließenden "Eclipse":


    All that you touch
    All that you see
    All that you taste
    All you feel.
    All that you love
    All that you hate
    All you distrust
    All you save.
    All that you give
    All that you deal
    All that you buy,
    beg, borrow or steal.
    All you create
    All you destroy
    All that you do
    All that you say.
    All that you eat
    And everyone you meet
    All that you slight
    And everyone you fight.
    All that is now
    All that is gone
    All that's to come
    and everything under
    the sun is in tune
    but the sun
    is eclipsed by the moon.


    'There is no dark side
    of the moon really.
    Matter of fact
    it's all dark.'

    Lieber Helmut, danke dass du dich hier eingeschaltet hast!

    Das Hauptkriterium für deine Unterscheidung scheint mir im Umgang mit der Textvorlage/den Textvorlagen zu liegen. Der Begriff 'Interpretation' hängt bei dir offenbar daran, ob die "Grundstruktur" dieser Vorlage(n) in der künstlerischen Darbietung gewahrt bleibt.

    Mir drängen sich da Zweifel auf. Warum hat ein Wiederholungszeichen für dich keinen Wert im Sinne der "Grundstruktur"? Die Gesamtform des Stückes wird dadurch doch elementar verändert, oder nicht? Und warum sollte es für dich als Hörer ein Unterschied sein, wenn ein Pianist z.B. eine Passage bewusst oder unfreiwillig (durch Verspielen) verändert? Müsstest du ihm nicht im ersten Falle seinen Status als "Interpret" absprechen, im zweiten Falle aber trotz identischem Klangergebnis zugestehen? Ist diese Art des "Interpretseins" demnach eine Frage der inneren Haltung? Wenn ja: Dann wäre es plötzlich keine Frage mehr der Wahrung der "Grundstruktur", sondern ginge um etwas ganz Anderes...


    Ich vermute, dass ich selbst keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen einem Opernregisseur wie Zeffirelli und Brendel in dem Sinne machen würde, dass beide in ihrem eigenen Wirkungsbereich Text-Vorlagen interpretieren, indem sie sie auf künstlerische Weise zu etwas Neuem transformieren. Die Art der Vorlagen und der Interpretation weist zwar wesentliche Unterschiede auf, aber schon VOR der Frage nach RT oder Nicht-RT: Dem geschuldet, dass der Regisseur in der Regel nicht am transitorischen Akt einer Aufführung teilnimmt, sondern selbst eine neue Art von "Vorlage" erstellen und realisieren muss: das Regiekonzept bzw. dessen konkrete Ausarbeitung während der Proben vor der Premiere. Und diese neue und notwendigerweise individuelle "Vorlage" muss ja u.a. deshalb künstlerisch gefertigt werden, weil das Libretto schon einmal für sich interpretationsbedürftig ist, dann natürlich ebenfalls das Zusammenspiel von musikalischem und Handlungsgeschehen gestaltet werden muss und dabei natürlich auch noch viele "offene Räume" auf dem Spielfeld besetzt werden müssen, die explizit weder im Libretto noch in der Partitur eine Rolle spielen.

    Ich zweifle nicht daran, dass Inhalte, die mit Homosexualität zu tun haben, sich auf Grund ihrer gesellschaftlichen/politischen Brisanz mitunter als "versteckte Andeutung" auch in Opernlibretti finden. Wie auch weitere Inhalte, die man zu bestimmten Zeiten oder an bestimmten Orten nicht offen darstellen wollte, weil man z.B. "Ärger" befürchtete. Insofern wäre es für mich ein nachvollziehbarer Ansatz, solchen Andeutungen mal gezielt auf die Spur zu kommen. Wenn sowas gut gemacht ist, kann das doch sehr erhellend sein.

    Ohne zuviel zu verraten: Auch die Loy-Strauss-Daphne an der Staatsoper, eine Übernahme aus Basel, würde hier vermutlich kontrovers diskutiert werden ... Mir jedenfalls hat sie gefallen und ich überlege, ob ich in dieser letzten(!) Serie die Gelegenheit nutze, um sie mir noch einmal anzuschauen. Immerhin, auch die die Besetzung mit Karg, Cutler und Schade kann sich m.E. durchaus hören und sehen lassen.

    Um mal mit Amfortas zu sprechen: Handelt es sich um eine "verbotene Frucht des RTs"?;)

    Jedenfalls: Nach deiner Andeutung ist die Spannung eher noch größer geworden...:):thumbup:

    Solltest du dich ebenfalls noch für Freitag entscheiden, sag gerne mal Bescheid!

    Nachdem ich schon seit Wochen kaum mal klassische Musik gehört habe geschweige denn mit Muße in ein Konzert o.Ä. gegangen wäre, muss diese Askese langsam mal ein Ende haben. Deshalb eben für die nächsten drei Tage Theaterkarten und einen Opernbesuch festgemacht.

    Am Freitag lasse ich mich also von der "Daphne"-Inszenierung der Hamburger Staatsoper überraschen. Ich erinnere mich, dass es zu einer anderen Inszenierung hier im Forum neulich mal einigermaßen kontrovers zuging. Bin jedenfalls gespannt.

    Das verstehe ich nicht. Was soll daran "Geschmacksfrage" sein? Und warum soll und muss sich das überhaupt ausschließen? Liszt war dies alles und noch viel mehr.

    Dieses Fass, lieber Stimmenliebhaber, lohnt es m.E. nicht aufzumachen. Wir sind uns wahrscheinlich fast alle hier einig, dass es Sachverhalte und Urteile gibt, die sich auch ohne naturwissenschaftliche Herleitung bewahrheiten können.

    Zu bestreiten, dass Liszt ein bedeutender Komponist und Virtuose war, und sich dabei auf den eigenen "Geschmack" zu berufen, empfände ich als eine echte Belanglosigkeit, auf die es sich nicht einzugehen lohnte. "Wunderkind" oder nicht - um diesen Begriff würde ich mich ebenfalls nicht "streiten".

    Worin Liszts Qualitäten nun genauer zu sehen sind, unter welchen ästhetischen Prämissen sein Schaffen sicherlich auch kritisch in Augenschein genommen werden kann, das wäre für mein Verständnis durchaus verhandelbar. "Verhandelbar" heißt aber natürlich nicht, dass man sich dabei langweiligerweise einfach auf seinen persönlichen Geschmack berufen könnte. So funktioniert das nicht.

    Ein Murray Perahia meinte, dass seine frühe Auseinandersetzung mit der "Hammerkalviersonate" unreif gewesen sei, weswegen er dieses Werk 2 Jahrzehnte nicht anfasste und sich erst im Alter dieses wieder vornahm. Der Ratschlag, sich weiterzuentwickeln, ist bei den teilweise eklatanten musikalischen Mängeln bei Buniatishvili nur als guter Rat gemeint.

    Und was mich betrifft, der diesen "Rat" (er war ja eher in Form eines Wunsches verfasst) hier geschrieben hat: Ich wäre in der Tat nicht so vermessen und würde Frau Buniatishvili allen Ernstes einen Karriere-Hinweis geben wollen. Es ist halt nicht mehr und nicht weniger als mein persönlicher Eindruck, dass ihre Interpretationen, die ich in den letzten Monaten zu Gehör bekommen habe, stark auf die Sentimentalisierung des Augenblicks setzen - auf Kosten des großen Zusammenhangs und -halts, der auch der Reflexion bedarf.

    Wenn ich die Dame nach einem Konzert träfe, würde ich eher den Teufel tun, als ihr einen Rat zu geben. Dennoch sehe ich im Forum einen Ort, an dem solche persönlichen Einschätzungen ganz normal sind bzw. zu unser aller Austausch dazugehören wie das Salz in der ansonsten verwässernden Interpretationssuppe.

    Dass aber einerseits hier meine Überheblichkeit und Arroganz sowie Vergleiche mit anderen Pianisten kritisiert werden, dann aber Frau Buniatishvili in eine Rangliste gepresst (Top 5 aller lebenden Pianisten oder so ähnlich?) und Lisitsas Liszt-Rhapsodie zur Referenz-Einspielung erhoben wird - das passt prinzipiell überhaupt nicht zusammen für mich.

    Ich wünsche Leiermann, daß er sich geschmacklich noch ein wenig weiterentwickelt und womöglich dann bei der emotionalen Auseinandersetzung mit Musik zu überzeugenderen Qualitätsurteilen kommt als bisher.

    Tut mir leid, dass dich das so ärgert. Aber auch ich kann ebenso wie du nur das schreiben, wovon ich überzeugt bin. Ich sehe keinen Grund dafür, dass das ins Lächerliche gezogen wird.

    na ja, im Vergleich zu Lisitsa, die m.E. die Referenz für dieses Stück spielt (it est: die beste Version von allen), ist das buchstabiert.


    Du hast allerdings recht mit der Lang Lang-Version: das Grauen pur. Da ist nun gar nichts richtig! Ich weiß nicht, wie ich ihn jemals als ernst zu nehmenden Pianisten klassifizieren konnte.

    Ich hatte mir neulich auch die drei eingestellten Videos von Lisitsa, Buniatishvili und Lang Lang angehört - davon Lisitsa klar am besten für meine Ohren. Das ist nicht nur beeindruckend (was hat die für tolle Hände!), sondern auch mit Verve und Ausdruck. Danach hörte ich allerdings dann noch Brendel, der eine noch überzeugendere Handschrift offenbarte.

    Leider konnte ich den Vergleichen bislang noch nicht weiter folgen. Aber toll, was Holger hier mal wieder alles anbietet. :thumbup:

    Ich habe den entsprechenden thread zu Kurt Böhme noch einmal vollständig durchgelesen und dort - wie ganz offensichtlich die Moderatoren dieses Forums auch - keinen zu beanstandenden Beitrag des Users "Stimmenliebhaber" gefunden.

    Lieber Melomane, das entspricht auch meiner Wahrnehmung und Einschätzung. Ich wüsste nicht, was in dem Thread für einen Ausschluss sprechen könnte.

    Vorweg: Ich bin neu hier und betrachte das Ganze natürlich lediglich aus äußerst beschränktem und erfahrungsarmem Blickwinkel. Ich möchte auch kein Wort über Nemorino verlieren - u.a. weil es bislang keine gemeinsamen Berührungspunkte gab.


    Ich möchte aber etwas zu Stimmenliebhaber sagen: Er gehörte für mich bislang zu den Taminos, die mir eine lesende UND schreibende Teilnahme am Forum schmackhaft gemacht haben, weil er einen sehr breiten musikalischen Erfahrungsschatz sowie bewundernswerte und vor allem anregende Kompetenzen zur sachlichen Vertiefung einbringt, von denen ich profitiere. Und ganz egoistisch ausgedrückt: Ich bin hier, UM genau von Mitgliedern wie ihm zu profitieren.


    Ein Ausschluss Stimmenliebhabers wäre für mich von daher wirklich bedauerlich.

    Lieber MDM, ich für meinen Teil lasse mich mittlerweile vom Verlangen treiben. Das führt zwar dazu, dass ich immer so ca. fünf bis sieben Bücher gleichzeitig lese und (zumal ich wenig Zeit habe) somit auch nur langsam vorankomme, aber an den Büchern, die mich wirklich einnehmen, bleibe ich dann auch mit Freude dran.

    Ich lese auch recht häufig einfach mal quer und fragmentarisch - wo es mich gerade hingetrieben hat.

    Früher hatte ich manchmal so komische Pläne, was ich alles eigentlich noch so lesen "müsste". Das funktioniert aber gar nicht bei mir bzw. wirkt hemmend. Insofern kultiviere ich auch durchaus Einseitigkeiten und stehe zu meinen monströsen Bildungslücken. :pfeif::yes:

    Vielen Dank, lieber Ralf, für die geschilderten Eindrücke! Ich hatte erst noch überlegt, ob ich spontan hingehe, entschied mich aber dann als gebürtiger Bremer doch für das Pokalhalbfinale. Zudem hatte ich in den online zu lesenden Kritiken kaum etwas gefunden, das mir größere Lust auf diesen Hamburger "Fidelio" gemacht hätte. Kent Nagano z.B. hat hinsichtlich der musikalischen Leitung schon einiges abbekommen, was wenig schmeichelhaft ist.

    Umso besser, dass es gestern genau anders war! Deine Beurteilung ("Rausch", "dynamische[...] Bandbreite") liest sich wirklich geradezu konträr. Sehr erfreulich. Und das heißt, dass ich mir einen Besuch 2020 natürlich nicht abschminke, denn auch sängerisch scheint es ja hörenswert zu sein (Besetzungswechsel mal außen vor). Katharina Konradi ist mir in der jüngeren Vergangenheit auch schon zwei- bis dreimal positiv aufgefallen - bin gespannt, wie die sich entwickelt.

    (...)Dann lese ich hier Vergleiche mit Altmeistern wie Rubinstein, Richter, Horowitz, Gieseking, Paderewski etc. Was soll das? (...)

    Durch Vergleiche lerne ich persönlich sehr viel dazu. Und sie befördern auch die Geschmacksbildung enorm. Ob das Vergleiche von jungen mit älteren Künstlern betrifft, ist dabei zunächst einmal nicht von grundsätzlichem Belang. Aber klar: Es wäre Buniatishvili zu wünschen, dass sie sich gerade über die geistige Auseinandersetzung mit Musik in den nächsten Jahrzehnten noch deutlich weiterentwickelt und womöglich dann auch zu überzeugenderen Ergebnissen kommt als beim Schubert-Album.

    Das as-Moll/As-Dur-Impromtu gehört für mich übrigens auch zu den verhältnismäßig gelungeneren Stücken darauf, gerade beim Mittelteil findet sie da einen Ton, der mich aufhorchen ließ, weil er nicht diese etwas zu vordergründig angelegte Plakativität ausstrahlt, die ich am Album an vielen Stellen leider nicht mag.

    Objekte des Massentourismus sind die meisten innerstädtischen Kunstdenkmäler heute, sie es zur Unkenntlichkeit reastaurierte wie die Wartburg (die allerdings außerhalb Eisnachs) oder gut erhaltene wie die historische Innenstadt von Florenz. Und dieser Massentourismus nagt an den Kunstwerken. Viele Fresken mögen die Feuchtigkeitsausdünstungen der Unmengen von Glotzneugierigen nicht (klever Museusee haben Hygrostaten istalliert und kapen ab einem bestimmten Grad an Luftfeuchtigkeit den Zutritt, wie etwa der Adlerturm in Trient). Die Ghiberti-Türen im Florentiner Baptistrium sind schon seit Ewigkeit in der Dom-Opera, da der Autoverkehr sie frisch gereinigte Bronzen umgehend wieder schwärzt. Das Arno-Hochwasser in den 1960ern hat einig Giotto-Fresken in Mitleidenschaft gezogen. Sowas führt zu Restauratorendebatten, ob man ein Erhalt des Status Quo betreiben soll oder tatsächlich wiederherstellen. Das sind dann interne Fachdebatten. Ob unsere Wahrnehmung alter Kunstwerke immer so richtig ist, sei dahingestellt. Da in Kirchen immer schon viele Kerzen abgefackelt wurden ist eine Veränderung der Kunstwerke durch entsprechende Ablagerungen unausweichlich. Restauriert, resp. reinigt man die Bilder geht ein Aufschrei durch die Liebhaberschaft (etwa die Restaurierung der Sixtinischen Kapelle oder die Fresken Andrea Orcagnas).


    Mich hat's immer verdrossen, wenn man in einer kleinen Gruppe von Kunsthistorikern oder Kunstliebhabern vom Marketingerzeugten Massenandrang beläästigt wurde, Menschen, die sich nicht die Bohne für das interessieren, vor das man sie führt. Bestes Beispiel: Botticellis Gburt der Venus. Mitte der 1980er Jahre aufwendig restauriert uind in den Uffizien ausgestellt. Daneben ein Fernseher mit den Erklärungen zu Bild und Restaurierung. Mit sowas hält man in der Tat den Platz vorm Gemälde frei. Denn der Fernseher war umlagert, das Original nicht. Mehr solcher grünen Elefanten bitte neben gute Kunstwerke.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Lieber Thomas, deine Bemerkung zu Botticellis Gemälde belustigt mich gerade etwas. Vor ein paar Tagen stand ich vor ihm - und kann mich an keinen Bildschirm daneben erinnern. Ich glaube dir gern, dass da einer installiert ist, aber bei mir war dann der Effekt genau anders: Beachtung fand lediglich das Gemälde, und das nicht zu knapp. Wir hatten im Vorfeld übrigens dafür gesorgt, ganz früh eingelassen zu werden, sodass ich den Raum wirklich fast für mich allein hatte.


    Ich verstehe Alfreds Bedenken hinsichtlich des kulturellen Verlustes, der jetzt zu beklagen ist, durchaus, ohne (kunst)historisch beschlagen zu sein. Reproduktion ist für mich etwas anderes und per se Defizitäreres als die ebenfalls ja problematischen Aspekte von Erhaltung und Restaurierung. Dennoch natürlich (!) kein Grund, der gegen einen Wiederaufbau spricht.

    Lieber Holger, auch diese Besprechung habe ich mit großem Interesse und Wohlgefallen gelesen. Vielen Dank für deine sehr anregende Arbeit! Sie verdeutlicht m.E. nachvollziehbar, welche Schwierigkeiten Interpreten von Schuberts letzter Sonate lösen müssen und wie komplex sie sind. Und es wird auch klar, welchen Spielraum es bei diesen Lösungen gibt, denn z.B. die Akzentuierung des "Tröstlichen" halte ich - ohne Ushidas Einspielung zu kennen - für grundsätzlich gut denkbar, solange dies nicht die Verharmlosung der Abgründigkeit bedeutet.