Beiträge von Bachianer

    Ich z.B. sage das, nachdem ich die Johannespassion in vier verschiedenen Chören mitaufgeführt habe.

    Hallo Dr. Pingel,


    die Bach´sche Johannespassion eine "Quasi-Oper"? Schwieriges Kapitel. Dazu müsste ein neuer Thread aufgemacht werden. Empfehlenswert:


    Martin Geck: "Denn alles findet bei Bach statt", Verlag J.B. Metzler,Stuttgart, 2000.

    Hallo Fiesco,

    mir geht es nicht darum Geschmacksurteile zu kritisieren. Jeder kann Wagners Texte und Musik schön finden, oder auch nicht. Das ist eine subjektive Angelegenheit. Ich wollte nur darauf hinweisen, dass schon zu Wagners Lebenszeit eine erbitterte Auseinandersetzung über seine Texte und deren Vertonungen stattfand mit Brahms und Joachim an der Spitze, die bis heute noch nicht abgeklungen ist.

    So ganz stimmt das nicht. Die meisten Wagner-Opern habe ich durchaus gehört, aber meist nur einmal. Andere Faktoren kamen in meiner musikalischen Sozialisation dazwischen: das Singen Alter Musik, die Entdeckung Monteverdis und Cavallis und danach die Entdeckung Janaceks. Aber vieles in der Musik Wagners hat mich schon beeindruckt, etwa der Parsifal vor Jahren in Gelsenkirchen. Auf der anderen Seite ist bei Wagner oft des Vielen zu viel: zu viel Götter, zu viel Harfen, zu viel Tuben, zu viel Helden, zu viel Nornen, zu viel Stabreime, zu viel Mannen, zu viel...

    Ich wette, dass er selbst bei der Triangel sechs Stück vorgeschrieben hat.

    Hallo Dr. Pingel,


    herzlichen Glückwunsch! Sehr gekonnt hast du hier die mehr als berechtigte Wagnerkritik eingebracht. Wagnerkritiker, oder besser formuliert "Kritiker der Gesamtkunstwerkideologie" gibt es seit Bestehen dieser Ideologie in der Musikwelt zu Hauf, nur, die schreiben hier nicht...aus gutem Grund. Auch J. Brahms hat sich nach seiner vernichtenden Kritik an Wagners Werken: "Scheisszeug" (1860) absolut zuückgehalten, im Gegensatz zu seinen "neudeutschen" Antipoden.


    https://www.br.de/mediathek/po…mponisten-im-clinch/42183


    Vielleicht sollte man hier ein negatives "Wagner - Opernranking" einbringen, welches ist die schrecklichste Wagneroper. Absoluter "Spitzenreiter" ist da für mich die Oper "Rheingold".


    https://operone.de/libretto/wagnrhde.html


    Wer derartigen Schwachsinn schreibt und dann noch vertont, dem ist nicht mehr zu helfen.

    Hinsichtlich de Titels "Englische Suiten" gibt es erstaunliche Entdeckungen. Der gute Forkel wird nun doch nicht fantasiert haben, sondern war gut informiert.

    "Hauptverdächtigter" ist ein Cyrill Wich (1694 - 1756), ab 1719 britischer-braunschweig-lüneburgischer Gesandter in Hamburg. Diese Stelle hatte schon sein Vater, sodass Cyrill Wich in Hamburg aufgewachsen ist. Vermutlich war Vincent Lübeck sein Cembalolehrer. Schon Mattheson widmete dem "gran virtuoso Signore Cyrillo Wich" seine Sonate für 2 Cembali. Es stellte sich nunmehr die Frage: wie konnte JS Bach den Herrn Wich kennenlernen? Die Antwort ist recht einfach, da Bach sich bekanntlich um die Organistenstelle an St. Jacobi bewarb. Nur, die Datenlage für die Anwesenheit Bachs in Hamburg war sehr dürftig. Abgereist ist er am 23.11 1720, ohne das Probespiel abzuleisten. In Köthen ist er noch am 11.08.1720 anwesend. Er könnte folglich gut 3 Monate in Hamburg verbracht haben. Insofern könnte der Hinweis "Fait pour les Anglois", der in einer Abschrift dieser Suiten von JC Bach (also sein jüngster Sohn) schon seine Richtigkeit haben.

    Das alles ist in dem Artikel "Bach in Hamburg" von Dr. B. Koska, Bach Archiv Leipzig, Bach-Jahrbuch 2021 ausführlich nachzulesen.

    Eine Möglichkeit, wo Mozart die Melodie zu "Ach Gott, vom Himmel sieh darein" kennengelernt haben könnte, war sein Besuch in Leipzig, als er mit Thomaskantor Doles in der Thomaskirche war und dort auch die Orgel gespielt hat...

    Das wär eine Möglichkeit.

    Mozart hat dort nicht nur Orgel gespielt, sondern bekam auch Bach´sche Chormusik (Motetten) geboten. Vielleicht hat Doles ihm dabei den Eingangschor von BWV 2 "Ach Gott, vom Himmel sieh darein" vorgeführt. Dieser hochpolyphone, streng motettische Satz bedarf keine solistisch agierenden Instrumente, alles "colla parte". 4 Posaunen konnte Doles leicht auftreiben.

    Lieber moderato.

    vielen Dank für den Hinweis. Den hatte ich glatt übersehen.

    Nur, aus KV 620b einen Hinweis auf die Kenntnis von BWV 544 zu schließen ist aus meiner Sicht typische "MuWi-Fantasie", incl. die Verbindung zur Choralmelodie. Dass Mozart BWV 544 kannte ist sehr gut möglich, aber auch Bach hat kein Choralvorspiel über diese Choralmelodie komponiert. Es gibt da zwar BWV 741, welches unter "Jugendwerke, Zweifelhaftes und mangelhaft Überliefertes" läuft. Das wird Mozart mit Sicherheit nicht gekannt haben.

    Mozart muss diese Choralmelodie irgendwie kennengelernt haben (versteckte Lutheraner in Wien?) und sie für polyphone Ausarbeitungen sehr geeignet angesehen. Warum er diese Melodie, polyphon ausgearbeitet in die Zauberflöte eingeführt hat bleibt der Fantasie überlassen.

    Hallo moderato.

    die "protestantische Choralmelodie" ist der Lutherchoral "Ach Gott vom Himmel sieh darein", ein reformatorisches Kampflied. Was JSB daraus gemacht hat, kann man oben in dem Link nachhören. Nach meinem Gehör kommt Mozarts Stück nicht an das Bach´sche ran.

    Wie Mozart an diese Melodie im katholischen Wien herangekommen ist weiss man nicht. Dass er o.a. Kantate BWV 2 kannte/gehört hat ist recht unwahrscheinlich.

    Das ist interessant, dass hier in Wirklichkeit so viel Unklarheit herrscht. Ich kenne das nur als klares Stück von Bach ... Hat man denn keine Idee, wie Ringk auf diese Zuordnung zu Bach kommt. Hätte er Vorteile davon gehabt, das Stück Bach und nicht Kellner zuzuschreiben?

    Die Handschrift Ringks befindet sich in einem Konvolut "Mus.ms.Bach P 595" der Stabi Berlin. Woher dieser Konvolut stammt ist unbekannt, er wurde 1859 von der Stabi erworben. Darin befinden sich mehrere Bachwerke von unterschiedlichen Schreibern (Anonym, Agricola, Ringk). Man weiß aber nicht, ob dieser Konvolut ursprünglich so war, oder erst später zusammengestellt wurde. Auch die Wasserzeichen der Blätter sind unterschiedlich. In diesem Konvolut befinden sich auch Orgelwerke Ringks. Auch die jeweilige Titulatur der Werke wirft Zweifel auf.

    Nein, Ringk hätte keinerlei Vorteile einer Bachzuschreibung gehabt.

    Also: vielleicht von Bach, Kellner, bedingt durch eine Kopiernachlässigkeit.

    darunter auch die berühmte d-Moll Toccata und Fuge BWV 565, die wir hier mit dem Loussier Trio live auf einem nicht näher datierten Konzert erleben können. Ich finde, durchaus rauschhaft .... Was der alte Bach davon halten würde ...... Wer weiß das schon?

    Ein sehr rauschhaftes Stück.

    Was der alte Bach davon halten würde? Schwierige Frage. Möglicherweise wird er sich an den Kopf fassen und denken: "das habe ich komponiert?"

    Die Quellenlage von BWV 565 ist äusserst dürftig. Es gibt weder ein Bach´sches Originalmanuskript, noch eines von seinen Söhnen/Schülern. Das einzige Manuskript aus dem 18. Jhdt. stammt von einem Organisten Ringk (1717 - 1772, Organist in Berlin) der mit Sicherheit kein Bachschüler war. Alle weiteren Abschriften stammen aus dem 19. Jhdt und sind wahrscheinlich Kopien der Ringk-Handschrift.

    Ringk war Schüler von Johann Peter Kellner, der auch kein Bachschüler war, aber seine Musik sehr hoch schätzte. Er hat mehrere Abschriften von Bachwerken getätigt, aber auch selber viel komponiert (als Organist in Gräfenroda).

    Es stellt sich nunmehr die Frage: Bach oder Kellner? Stilistisch könnten auch Zweifel an Bachs Autorschaft hochkommen, hingegen würde das Werk gut stilistisch zu Kellner passen.

    Das wird sicher so sein! Ich meine aber (Stelle weiß ich leider nicht mehr) gelesen zu haben, dass Vater Bach zum Beispiel Silbermannflügel ablehnte ... So neutral war er also nicht gegenüber dem Instrument der Aufführung. Das wäre ja auch sehr verwunderlich .... :)

    JSB hat den Silbermannflügel, den er ja in Potsdam vor Friedrich II bespielte nicht generell abgelehnt, sondern einige technische Schwächen moniert. Selbiges gilt für CPEB und die Hammerflügel. Hervorragend geeignet für das persönliche Spiel vor wenigen Zuhörern, aber nicht als Konzertinstrument. Das hat er zum 1. Mal ausdrücklich in dem "Concerto doppio a Cembalo concertato, Fortepiano concertato, acc. da due Corni, due Flauti, due Violini, Violetta e Basso", Wq 47 (1788, sein Todesjahr!!) verlangt. Alle seine vorherigen Tasteninstrumentkonzerte haben die Vorschrift "Cembalo concertato". Nun rätselt die Musikwelt, welches Fortepiano er damit wohl gemeint hat. Ich habe vor einiger Zeit ein englisches Fortepiano in die Diskussion gebracht, z.B. Broadwood, da diese Instrumente "konzertgeeigneter" waren als die deutschen. Auch, weil die Beziehungen zwischen Hamburg und GB sehr eng waren. Diese Vorstellung gewinnt an Zuspruch.

    Von wegen "neutral" gegenüber dem Instrument der Aufführung (besser gesagt des Spielens): Clavierübung II (also italienisches Konzert, französische Ouverture) und Clavierübung IV (Goldbergvatiationen) verlangen ein "Cembalo a due tastaturi", von wegen ein moderner Konzertflügel!!

    Naja, vielleicht Altersweisheit. An Bach kommt auch ein Pollini nicht vorbei.

    Wann lernen Interpreten, Veranstalter, dass das WTC I und II nicht dafür komponiert wurden um daraus ein Konzertprogramm zu stricken. Selbiges gilt auch für die Kunst der Fuge. Das hält auch der beste Kenner nicht konzentriert durch.


    "Das Wohltemperirte Clavier oder Præludia, und Fugen durch alle Tone und Semitonia, so wohl tertiam majorem oder Ut Re Mi anlangend, als auch tertiam minorem oder Re Mi Fa betreffend. Zum Nutzen und Gebrauch der Lehrbegierigen Musicalischen Jugend, als auch derer in diesem studio schon habil seyenden besonderem Zeitvertreib auffgesetzet und verfertiget von Johann Sebastian Bach. p. t: Hochfürstlich Anhalt-Cöthenischen Capel-Meistern und Directore derer Camer Musiquen. Anno 1722."


    Originaler Bachtext!

    "Da wirst Du recht haben, aber wo gehen denn die Leute hin? Ich denke, Konzerte auf einem historischen Cembalo sind etwas für einen kleinen Kreis von Liebhabern. Als Pollini in Bonn Konzerte gab, war die Beethovenhalle ausgebucht ..... Die Präsenz dieser historischen Einspielungen ist heute für den Sammler gegeben, aber das Gros der Klassikhörer wird diese Dinge nicht wahrnehmen .... Leider!"


    Nur, was hat denn der Pollini da geboten? Vermutlich sein Übliches: Beethoven, Schubert, Chopin rauf und runter, ab und zu etwas Modernes. Bach? Mozart? Fast nie!

    Da er ein sehr bekannter, renommierter Viruose ist, sind seine Konzerte, ich will es einmal freundlich ausdrücken, auch ein gesellschaftliches Ereignis...da wollte man doch dabei sein.

    Der kleinere Saal für einen Cembaloabend mit Gustav Leonhard war auch voll.....mit Kennern/Liebhabern dieser Musik oder mit jungen Zuhörern, die diese Musik kennenlernen wollten.

    ch denke, dass es eher den Musikmarkt widerspiegelt. Jeder Pianist lernt schon recht früh Werke von Bach zu interpretieren. Die wenigsten werden Cembalisten und so sieht die Repräsentanz Bachscher Werke eben auch aus. Das meiste wird auf einem Konzertflügel eingespielt. Ich gebe Dir recht, dass dadurch ein ganzer Aspekt dieser Werke verloren geht.

    Das denke ich eher weniger. Seit Jahrzehnten gibt es nunmehr die Bachwerke auf "nicht-modernen Flügeln" auf unzähligen CD´s zu kaufen. Auch wird ein Cembalo-Profi schon lange nicht mehr über die Pianistenlaufbahn ausgebildet. Ich vermute, dass dieses Verhalten auf einem Virtuosenkult beruht, wie bei den Fußballfans. Der/die ist berühmt, also muss das Spiel herausragend sein. Wer´s glaubt wird selig.


    Rauschhafte Bachsche Werke. Da greife ich jetzt mal zum Sohnenmann, der erfreulicherweise ja denselben Nachnamen trägt :) . Ein Komponist, der mir bisher doch ein ziemliches Geheimnis ist, auch, wenn ich immer wieder beeindruckt werde. Sein Klavierwerk ist vom Umfang gigantisch, für mich kaum durchschaubar, und immer, wenn ich reinhöre, von unerhörter Qualität (es wird sicher Ausnahmen geben, die kenne ich jetzt aber nicht). Er war auch ein Improvisator, also erwarten wir Rauschhaftes .... :)

    Du ahnst sicherlich, dass mich Sohnemann CPEB schon seit langem sehr beeindruckt. Natürlich gibt es auch da Ausnahmen, Routinewerke (um Kohle zu machen oder Schülern Spielmaterial zu liefern). Das gibt es bei allen "Großmeistern"!! Spanyi und ich stehen für die Aufnahmen sämtlicher Klavierwerke in einem engen Kontakt.

    Wq 59,6 auf einem Broadwood kannte ich bislang nicht. Danke! Auf meinem Broadwood klingt das sehr ähnlich (nur so perfekt spiele ich leider nicht).

    Aber das ist natürlich auch ein Argument, diese Werke heute auf einem modernen Flügel zu spielen. Man muss sich eben nur klar darüber sein, was man gewinnt und was man verliert

    Völlig richtig.

    Das Verwunderliche bei einem Thraed "rauschhafte Klavierwerke Bachs" ist, dass seitenweise Aufnahmen auf modernen Flügeln präsentiert wurden als ob es keine weiteren Tasteninstrumente für Bachinterpretationen gäbe. Das sagt Einiges über die Verfasser aus.

    Beethoven war es bei seinen frühen Sonaten egal, ob man die auf einem "modernen" Fortepiano oder auf einem Cembalo spielte (gibt auch Schallplattenaufnahmen davon)

    Nur Beethoven? Das gilt doch verstärkt für Haydn und Mozart. Geht man weiter zurück wird es noch komplizierter. Da kommt nämlich sofort das Clavichord mit ins Spiel. Also: Cembalo, Fortepiano, Clavichord standen zur Wahl, je nach Verfügbarkeit des Spielers.

    Hat sich schon heute jemand von den "Nurhörern" Gedanken gemacht, warum es den den damaligen Komponisten völlig egal war auf welchem Instrument das Werk gespielt wird? Ein Argument war sicherlich: die Noten müssen verkauft werden, also sind Instrumentvorschriften eher störend. Ein weiteres Argument war jedoch: die musikalischen Inhalte sind unabhängig von dem gewählten Instrument, sie werden sowieso gespielt und gehört.

    Das sind, für dieses Forum, die lästigen Gedankengänge eines Spielers, der täglich vor der "qualvollen" Wahl ^^steht, auf welchem Instrument spiele ich heute die Haydnsonate?

    Trotz meines hohen Alters (83) verbringe ich meine musikalische Zeit mehr mit Spielen (wo man ja sehr genau hinhört) als mit Hören. Dafür steht mir ein großes 2-manualiges Cembalo (mit 16´) und ein Broadwood Tafelklavier, original erhalten, aus dem Jahr 1810 zur Verfügung. Das bringt einem den klassischen Originalklang sehr viel näher als der moderne Konzertflügel. Die Dorfkirche hat eine sehr gute 2-manualige Orgel mit Pedal

    A propos BWV 565: die Cordellaaufnahme ist hervorragend. Schade, dass ihm kein Cembalo mit 16´zur Verfügung stand. Den hätte man für die Toccata und den Schluss gut einsetzen können.....Auf der Orgel ist der 16´im Hauptwerk sowie so immer dabei. Die steht mir in der Dorfkirche immer zur Verfügung (so es die Temperaturen erlauben).

    Die "Rauschhaftigkeit" eines Klavierstückes liegt an der Komposition, nicht am Instrument. Ob der jeweilige Interpret "rauschhaft" spielt oder nicht, ist seine Sache.

    Auf ein Problem bei der Interpretation Bachscher Klavierwerke möchte ich jedoch hinweisen. Die meisten TN hier sind offensichtlich stark von den Klangvorstellungen des späten 19. Jhdts beeinflusst. Gleich ob Bach, Händel, Mozart, Beethoven, Chopin, Liszt, Brahms, uvam. alles wird auf dem modernen Konzertflügel präsentiert. Man stelle sich nun einmal vor, ein heutiger Cembalovirtuose würde die Beethoven Sonaten, Chopin Preludes, Brahmsvariationen auf einem Cembalo einspielen, es ist doch auch ein Klavierinstrument. Der würde doch zu Recht laut ausgelacht. Bei Bach spielt das offensichtlich keine Rolle, er wird "unseren" Klangvorstellungen angepasst. Bachs Klangvorstellungen spielen da keine Rolle. Schade!

    Man kann eigentlich leicht sehen, dass ein zweimanualiges Cembalo ein Überkreuzen der Hände ohne gegenseitige Störungen erlaubt, was mit einem einmanualigen Konzertflügel nicht ohne zusätzliche Überlegung möglich ist. Ich meine gelesen zu haben, dass jeder Pianist auf einem modernen Instrument da irgendwelche Kompromisse schließen muss (besonders bei den Goldbergs). Ob einen das nun wirklich stören muss, sei dahingestellt....

    Richtig!

    Sehr erschwerend kommt hinzu, dass Bach bei den Variationen "a 2 Clav" (es sind immerhin 10 von 30) die Vorstellung von 2 unterschiedlichen Klangfarben hatte, die Spieler/Hörer mitbekommen sollen. Das geht auf einem einmanualigen Konzertflügel nicht, die hat er schlicht und ergreifend nicht! Als Hörer empfinde ich dies als großen Nachteil.

    Die alte Diskussion mal wieder! ^^ Bach selber hat transkribiert was das Zeug hält und ohne Grenzen - Orchesterstücke für Orgel usw. usw. Also kann man Bach auch auf einem modernen Konzertflügel spielen. Das ist dann lediglich eine weitere Transkription. :P

    Bekannt, bekannt.

    Natürlich darf/kann man bachsche Klavierstücke getrost auf dem Hausklavier/modernem Konzertflügel spielen und aufnehmen.....reine Geschmackssache. Es hat mich nur gewundert, dass in einem Thread "rauschhafte ...." ausschließlich Aufnahmen auf modernen Konzertflügeln gebracht wurden und keine auf Cembalos, also ein Instrument das Bach kannte und bespielte. Das sagt einiges über die Konsumenten aus.

    Es ist schon erstaunlich: "rauschhafte Interpretationen bachscher Klavierstücke" werden hier auf Instrumenten vorgestellt, welche Bach nicht gekannt hat: der moderne Flügel. Bekannt ist jedoch, dass Bach das Instrument vorgeschrieben hat: das 2-manualige Cembalo (Goldbergvariationen; Clavierübung II, also das italienische Konzert; die Partiten. Dazu zählen dann auch logischerweise die englischen Suiten mit ihren konzertanten Praeludien.

    Das Ergebnis dieser Interpretationen auf dem modernen Flügel ist hinlänglich bekannt: Fortissimo wird vermieden, Anschlagsvariationen ohne Ende, harmonische Härten werden schön kaschiert, uvam. All das ist auf einem Cembalo nicht möglich. Der Klang ist gleichbleibend scharf, harmonische Härten fallen deutlich in das Ohr, Anschlagsvariationen gibt es nicht.

    Eines der "rauschhaftesten" bachschen Klavierstücke ist die Gigue aus der 6. englischen Suite in d-moll (BWV 811). Sie ist wohl leider den "Coverwedlern" hier nicht bekannt.

    Beispiel auf modernem Flügel:

    Cembalobeispiel:

    Die harmonischen Härten sind teilweise brutal, auch selten bei Bach.

    Vielen Dank Bachianer für die Information. Durch das Forum wurde ich angeregt, bei den Werken, die ich mir so anhöre nach Datierungen für die Komposition zu suchen, was ich früher nie gemacht hatte. Ich finde es nun interessant zu sehen, was so gleichzeitg entstanden ist und nicht nur die Chronologie der Werke eines einzelnen Komponisten zu sehen. Leider ist es mir von der Ratkowska CD nur gelungen, die Polonaisen zu datieren. Da ich bloß einen Download habe, war ärgerlicherweise das Booklet nicht dabei ... Gibt es das irgendwo als pdf im Netz?

    Datierungen von Kompositionen sind ein großes Problem, es sei denn, der Komponist hat ein Datum auf das Manuskript gesetzt. Schon eine Drucklegung aus der Zeit (mit Jahreszahl) kann Zweifel aufwerfen, da man nicht weiß, ob der Komponist nicht ältere Werke dort eingebracht hat (CPEB´s in Druck gegebene "Kenner, Liebhaberwerke" sind ein gutes Beispiel hierfür). Eine Ausnahme sind Werkverzeichnisse von den Komponisten erstellt, Beispiele: CPEB oder Mozart nach KV449).

    Die Werke Goldbergs sind schwer zu datieren, da sie fast alle nur in Kopien überliefert sind. Dort ist zwar der Komponist angegeben, aber ohne Datum. Seine frühesten Werke sind die beiden Kantaten. Dort hat man in JS Bachs Originalschrift eine Violinstimme gefunden. Also müssen diese Kantaten zu JSB`s Lebzeiten entstanden sein. Für alle weiteren Kompositionen bleibt eine Datierung der Fantasie der Muwis überlassen ;).

    Eine Booklet-pdf habe ich leider auch nicht gefunden. Es gibt aber auch keinerlei Datierung an.

    Hallo astewes,

    die bislang überlieferten Werke Goldbergs sind alle in Noten und CD´s veröffentlicht. Es hält sich in Grenzen, da er sehr jung gestorben ist. Die letzte "Entdeckung" (Sonate F-Dur für Cembalo, von Ratkowska eingespielt) stammt übrigens von mir. Das Bach Archiv bat mich, die umgangreiche, handgeschriebenen Clavierwerke aus dem Kulukundisdossier zu durchsuchen und ggfls. einzuordnen. Da tauchte dann, nach längerem Forschen diese Goldbergsonate auf. Mein Name taucht dann ja auf dem booklet der Ratkowska-CD auf.

    Die übrigen Goldbergwerke:

    https://www.jpc.de/jpcng/class…rio-sonaten/hnum/10682531

    https://www.jpc.de/jpcng/class…s-dur-d-moll/hnum/8097293

    : Geistliche deutsche Barockmusik, CD

    "Die auf der gezeigten CD (leider bereits gestrichen) enthalten die Werkeverzeichnis Nummern Wq 71 - Wq75 und ein frühes Werk aus 1732, welches einst Johann Sebastian Bach zugeschrieben wurde (BWV 1020)"


    Über die Autorschaft dieses Werks, ob JSB oder CPEB, gibt es seit Jahrzehnten eine Auseinandersetzung. Diese Sonate liegt in 3 Abschriften vor:

    a) aus dem Nachlass von Brahms: Komponistenangabe: JSB. Kopist: JH Michel (Hamburg), viele Jahre als Kopist von CPEB tätig.

    b) Kopie aus der Sammlung des JG Schicht, Thomaskantor und Enkelschüler von JSB. Komponistenangabe: "Del Sign. Bach". Dieses Exemplar dürfte wohl eine Kopie einer im Breitkopfkatalog 1763 angegebenen Handschrift sein. Komponistenangabe: "Sonata del Sigr. C:P:E: Bach".

    c) Kopie des Wieners Anton Werner aus Mitte des 19. Jhdts. Komponistenangabe: "comp. da G. Seb. Bach".

    Alle Kopien weisen signifikante Unterschiede auf und enthalten etliche Fehler.

    Viele Jahrzehnte galt diese Sonate als ein Werk von JSB. Deswegen wurde es in das BWV als Nr. 1020 aufgenommen.

    Danach kamen die Beurteilungen der "berühmt-berüchtigten" Stilanalysten. Diese stellten dann lapidar fest, dass der Kompositionsstil dieser Sonate nichts mit dem "ach-so bekannten" Stil JS Bachs zu tun hat, und deswegen nicht von ihm sein konnte, und....schwupps! wurde CPEB als Komponist eingeführt. Diese Stilanalysten hatten jedoch übersehen, dass JS Bachs gesicherte Flötensonate Es-Dur, BWV 1031 auch nichts mit dem "ach so bekannten" Stil Bachs zu tun hat, sondern große Stilähnlichkeiten mit BWV 1020 hat.

    Neuerdings neigt sich die Komponistenzuordnung dieser Sonate wieder stark zu JSB hin.

    Hallo @ patebino,

    nicht dafür, die Bachschüler sind so mein kleines Steckenpferd.

    Die MDG-Döling-Aufnahme der Goldbergkonzerte habe ich schon lange. Sie waren damals die einzige Möglichkeit. Interpretatorisch hatte ich so meine Zweifel und war sehr froh, dass die Ratkowska sie jetzt auch eingespielt hat. Aus meiner Sicht: hervorragend.

    Die Solowerke mit Ratkowska werden dir große Freude bereiten. Ohne meine Hilfe wäre diese Gesamtaufnahme nicht erfolgt. Im booklet bedankt sich Alina auch dafür.

    Falls du selbst spielst, ist Üben angesagt. Spätestens beim Schlusssatz der D-Dur-Sonate wird es "ungemütlich". Er ist für Liebhaber kaum beherrschbar.