Beiträge von Bachianer

    Hallo querstand,

    eine Aufführung des 5. Brandenburger Konzerts in einem großen Saal bereitet immer und überall große Probleme. Das kann man auch deutlich in der Aufnahme des hr-Orchesters hören. Sie hinterlässt beim Hörer den Eindruck das sei ein Flötenkonzert. Erst bei der Kadenz im 1. Satz stellt der Hörer deutlich fest, dass auch das Cembalo ein obligates Konzertinstrument ist.

    Vor Jahrzehnten haben wir versucht dieses Problem zu lösen. Das Konzert sollte in der Riesenaula der Uni aufgeführt werden. Hörversuche mit Teilnehmern, die sich auf den letzten Sitzreihen postiert hatten gaben genau dieses Ergebnis, und das ohne großes Publikum. Also, was tun? Lösung, (die das etwas verbesserte) war: Positionierung des Cembalos vor den Dirigenten, Öffnung des Instrumentendeckels so, dass er als Schallverbreiter wirken konnte.

    Fazit: das Konzert gehört nicht in einen großen Konzertsaal.

    Wir sollten doch froh sein, wenn Mozarts Musik zunehmend in allen Facetten ihrer emotionalen Bandbreite ausgeleuchtet wird. Warum sollte man schicksalhafte Schwere, rastloses Drängen, aufgewühltes Fragen etc. allenfalls einem Beethoven zugestehen? Es wird Zeit, Mozart aus der weichgespülten Hätschelei herauszuholen.


    Aber ja, Veränderung des Gewohnten, das Kratzen an der als für immer sicher geglaubten Konstante eines braven bis süßlichen Mozartbildes, macht Manchem Angst, gerade in einer Zeit zunehmender Ungewissheiten.

    Wie schrieb schon der Berliner Hofkapellmeister Johann Friedrich Reichardt (1752 - 1814) so spöttisch: "Mozart war ein großes Genie. Aber das Gemozarte hat jetzt schier kein Ende". ^^

    Das trifft auch auf dieses Forum zu.

    Herzlichen Dank @ querstand. Du hast mir viel Schreibarbeit erspart. Als Clavierspieler macht man bei HWV442 spätestens nach der 10. Variation die Noten zu......Danke, das reicht. Leider kennen wir den mittelmäßigen Clavierschüler Händels nicht, für den er diesen Übungsmist geschrieben hat.

    Dein Hinweis auf Graupner ist sehr berechtigt. Auf die Chaconne seiner Suite in A-Dur (GWV149) habe ich vor einiger Zeit hingewiesen und sie mit Bach verglichen (und als ebenbürtig dazu bezeichnet).

    Da gibt es neben "Briliant" auch noch weitere Verlage, die hochinteressante Tasteninstrumentwerke veröffentlichen, so z.B. "Capriccio".


    https://www.jpc.de/jpcng/class…klavier-solo/hnum/9018234



    Da sind die Clavierwerke von JAP SCHULZ (1746 - 1800), also eines Zeitgenossen Mozarts aufgenommen. Wie man da sehr gut hören kann, hat Schulz nicht nur "Der Mond ist aufgegangen" komponiert.

    https://www.youtube.com/results?search_query=JAP+Schulz

    Das Variationswerk kann man auf "youtube" anhören (siehe oben). Thema + 4 Vatiationen (in g-moll!!), weder "Ohrwurm" noch "Gemozarte", eben Norddeutschland!

    Nein! Bach hatte weder ein 2. Gesicht noch eine Kristallkugel. Die 8-Füße eines 2-manualgen Cembalos (untere/obere Tastatur) klingen (je nach Bauart) sehr unterschiedlich (vor allem, wenn man oben den sog. Lautenzug einsetzt). Genau das will Bach dem Spieler/Hörer vermitteln. Auf einem Steinway ist das nicht machbar.

    Man muss sich nicht zwangsweise heute daran halten, alles reine Geschmacksfrage. Ironie on: man könnte ja auch heute den Odin in Wagners Walküre (Wagners Stimmenbezeichnzng: Bariton) durch einen Kastraten ersetzen. Die Begeisterung der Wagnerianer wird sicherlich riesig sein :D

    Tja, das Hauptthema der Zauberflötenouvertüre und die Clementisonate....wohl ein Dauerthema. Wer hat von wem geklaut??? Aufmerksamen Spielern/Hörern fällt da sofort ein weiterer Komponist ein: JS Bach, WTC II, Fuge in Es-Dur, also wie de Ouvertürentonart.

    Man mache aus Mozarts Achteln wieder eine ganze Note, folge den Bachschen polyphonen Einsätzen...und schon hat man den Ouvertürenbeginn.

    Mozart war eben doch ein "göttliches Genie"....:D

    Das Wohltemperierte Klavier, Teil 2, BWV 870-893: Fuge Es-Dur, BWV 876

    "Why do pianists play Bach´s Goldberg Variations? Against Bach´s intent?

    Mit Sicherheit!

    Man lese nur die Titelseite des Erstdrucks dieses Werks:

    "Clavier Übung bestehend in einer Aria mit verschiedenen Veraenderungen VORS CLAVICIMBAL MIT 2 MANUALEN"!!

    Bach wollte hier weder eine Orgel, noch ein Clavichord, noch ein Pianoforte (gleich welchen Jahrgangs), noch ein Clavizimbel mit 1 Manual.

    Daß aber jetzt Bachs Musik explizit Einfluß auf das Führen des MWV genommen haben soll, kapiere ich (leider) noch immer nicht.

    Mozart ist Frühjahr 1781 nach Wien gezogen. Das MWZ ist 1784 begonnen worden. Genau in diesen 3 Jahren entstanden die engen, freundschaftlichen Beziehungen zwischen Mozart und van Swieten, die Mozart in die Lage brachten die Werke der Bachs und Händel intensiv kennenzulernen und zu studieren (siehe Mozarts Umschreibungen von Fugen aus WTC für Streichquartett). Das hat ihn dazu gebracht, seine früheren Werke kritischer zu betrachten, anders als früher zu komponieren. Der Beschluss "ab KV449" war sicherlich ein unkontrollierter Schnellhieb (sagt ein AH einer schlagenden Verbindung:)) plus "Faulheit".

    Ich glaube dennoch nicht, daß Mozart hier Zäsur betrieben hat - das würde ja bedeuten, daß alles vor 449 Schrott wäre: da fällt schonmal das Gros der Soloclavierwerke einfach weg.

    Sicherlich war diese Entscheidung eine "Augenblickszäsur", beruhend jedoch auf den musikalischen Erfahrungen der letzten Jahre. Es erheben sich jedoch sofort folgende Fragen:

    - lagen Mozart nach seinem Umzug nach Wien alle Frühwerke de facto noch vor?

    - welche dieser "Frühwerke" stammen denn wirklich von W. Mozart? Sie liegen zwar in W.Mozarts Handschrift vor, aber was stammt davon von Papa Leopold? Der hat ja viel getan um seinen Sohn als Wunderkind aller Welt vozuführen. Und Wunderkinder komponieren eben auch.

    Natürlich sind nicht alle Werke vor KV449 "Schrott". Viele der frühen Clavierwerke (KV1-5; vor allem KV15a - 15z;15aa - 15ss) sind zwar kein Schrott, aber musikalisch unbedeutend. Auch seine frühen Claviervariationen sind Schülerwerke, nicht mehr. Heutige Spieler/Hörer (wenn es die überhaupt noch gibt) vermissen die nicht.

    Mir ist ehrlich gesagt nicht ganz klar, wie Mozarts spontane Bachaffinität im Zusammenhang mit dem MVZ stehen soll. Vielleicht magst Du dies näher erläutern?

    Da gäbe es mehrere Argumente:

    - (fast) jeder Mensch durchläuft in seinem Leben mehrere Phasen, die auf unterschiedlichen Einflüssen (berufliche, private...) basieren. Das passiert nicht nur Dir und mir, sondern auch eben Genies wie Mozart. Die Folgen jener Phasen sind Beschlüsse, Handlungen, die mit früheren Entscheidungen, Handlungen, die mit früheren Entscheidungen getroffen wurden, aufräumen bzw. abschaffen.

    - Mozart lernt Anfang der 1780er durch van Swieten Werke der Bachs (JS+CPE), Händels kennen, Werke, die er bislang nicht oder nur sehr rudimentär kannte. Die Folgen: viele Kompositionen von Fugen, Kanons (oft nur als Skizzen überliefert). Interessante weitere Folge: 1788 führt Mozart in Wien 3mal das CPEB-Oratorium "Auferstehung und Himmelfahrt Christi" auf, er mit Partitur, Umlauff am Flügel. Danach wird ein Bild des Komponisten durch den Saal gereicht und mit großem Beifall bedacht. Da haben die Wiener (Ausnahmen bestätigen die Regel!) etwas völlig Neues in unbekanntem Musikstyl gehört. Bei seinem Besuch in Leipzig werden ihm in St. Thomä Motetten und Kantaten von JSB vorgeführt. Mozart lässt sich die Partituren bringen und sagt "davon kann man nur lernen".

    - Das sind für mich Argumente, die deutlich auf das Aufräumen/Abschaffen früherer Handlungen/Werke sprechen. Man sehe sich nur das KVZ mit den Nummern 1 - ......) an: nett, recht schön, aber nur Schülerarbeiten, ohne jegliche musikalische Bedeutung, meist auch langweilig. Das hat Mozart durch den "Bachschock" im Alter gelernt und seinen Kompositionsstyl gewaltig verändert (auch hier: Ausnahmen bestätigen die Regel).

    Mozartfans mögen mich nun totschlagen :P

    Bach - Mozart - Händel

    Gut, dass Du das gebracht hast, denn da ist Vieles mehr oder weniger schon geschrieben worden.

    Wir werden uns wahrscheinlich über das Thema MVZ/KVZ nicht einigen. Du hältst das Weglassen vieler Hunderte an Mozartwerken im MWZ als "Faulheit", ich als "Bachschock". Beweisen können wir beide nichts. Wir sind halt musikalisch sehr unterschiedlich geprägt worden. Also: Jedem das Seine!

    Da gibt es einen Brief von Mozart an Nannerl (20.04.1782):

    "..Die Ursach daß diese Fuge (KV 394) auf die Welt gekommen , wirklich, meine liebe Konstanze...Baron van suiten zu dem ich alle Sonntage gehe, hat mir alle Werke des Händls und Sebastian Bach (nachdem ich sie ihm durchgespiellt) ...nach hause gegeben....als eine konstanze die fugen hörte, ward sie ganz verliebt darein;- sie will nichts als fugen hören, besonders aber (in diesem fach) nichts als Händl und Bach...."

    Danach folgt noch ein klassischer Verriss der Werke von Eberlin ("seine klavierfugen sind lauter in die länge gezogene versettl").

    Da sollten doch die Alarmglocken läuten!

    Dieses sicherlich spannende Thema interessiert offensichtlich nur uns beide.

    Gibt es einen gesicherten Hinweis, dass Mozart durch Constanze zum Anlegen seines WV getrieben wurde? Falls ja, ist das noch lange keine Erklärung für das Weglassen der Werke von KV1 bis KV448. Faulheit/Zeitmangel wäre da ein Grund (aber nicht beweisbar). Ansonsten ist er ein herrliches "Argument" um von einem für Mozartfans unangenehmen Thema wegzukommen. Das geschieht nunmehr seit langer Zeit. Claro, Mozart starb leider sehr jung. Er hätte in einem höheren Alter das rangehen können, wie CPEB oder Brahms. Die haben da den Kamin gefüttert.

    Du gehst sehr stark von Mozarts Opernschaffen aus. Da ich grundsätzlich kein Opernfan bin (typisch für einen norddeutsch beeinflussten Musikliebhaber^^), kann ich da nicht mithalten. 80 Jahre Tasteninstrumentspieler lassen einen auf die Instrumentalwerke konzentrieren. Und da sieht die "Mozartwelt" doch anders aus als die von Opernfans.

    Mozart war gut darin, irgendwo Aufgeschnapptes für seine Zwecke zu verbraten; das könnte auch hier der Fall gewesen sein. Die erhaltenen Skizzenblätter bezeugen, daß Mozart komplexe - insbesondere kontrapunktische oder kanonische - Textstrukturen sich hart erarbeiten musste und nicht so einfach aus dem Ärmel geschüttelt hat. Insofern ist klar, daß Mozart bei einem Orgelimprovisationswettbewerb schnell der Unterlegene war.


    Mozart ist nicht gleich Mozart; es gibt kein Schema F: er hat in den 1770ern anders komponiert als 1780 oder 1790. Das erkennt man an KV 175, besonders am neu komponierten Schlusssatz, der stilistisch komplett aus dem Rahmen fällt (1773 vs. 1782)

    Hier wird ein wichtiges Thema angeschrieben: warum komponierte Mozart ab 1782 anders als vorher?

    Zuvor etwas Grundsätzliches: ab ca 1730 entwickelten sich in Zentraleuropa 2 völlig differenzierte Musikstyle:

    - Mannheim, Wien, Italien, Musterbeispiel JC Bach

    - Mitte/Norddeutschland, Skandinavien, England, Musterbeispiel CPE Bach

    Beide Stylrichtungen verdrängten (mehr oder weniger) die alte, kontrapunktische Schreibweise und ersetzten sie durch "schöne" Melodien und einfache Harmonik (der Süden) oder freie Fantasien (mit komplizierter Harmonik), genannt "Sturm und Drang" (der Norden). Vor allem im Norden wurde der südliche Styl vehement angegriffen - nichts als "Harfenbässe" = Albertibass, ödes Geklimper, man kann die vorhandenen Quellen garnicht alle aufzählen. Musterbeispiel ist die Bewertung von CPE Bach der Werke seines Bruders JC Bach: "hinter seinen Werken steht NICHTS"!!

    1781 zieht Mozart nach Wien und lernt dort sehr bald den Baron van Swieten kennen. Dieser, langjähriger habsburger Botschafter in Berlin, sehr musikalisch, war völlig von der nördlichen Musik beeinflusst und hat "tonnenweise" Noten dieses Styls nach Wien transportiert (Händel, JS Bach, CPE Bach).

    Sicherlich kannte Mozart schon Werke dieses Styls, wurde jedoch durch seinen Vater, in Italien und JC Bach sehr "südlich" beeinflusst. Er fängt an Fugen zu komponieren, schreibt Fantasien und verwirft langsam aber sicher seine vorherige Schreibweise. Ab 1784 führt er sein eigenes WV und verwirft die Aufnahme seiner früheren Werke in dieses Verzeichnis (MVZ 1 ist KV 449!!!!).

    Mozart war doch früher, 1786: KV 503

    Vielleicht, aber wie Du schon früher geschrieben hast "reiner Zufall". Auch unsere "Großmeister" haben sich häufig zeitüblicher Floskulaturen bedient, und melodische, harmonische Übergänge zu verzapfen. Die 2 Takte aus KV 503 zählen aus meiner Sicht dazu. Würden wir alle Werke unserer "Großmeister" auf diese Floskulatur untersuchen, würden wir das Forum befürchtunsweise füllen.

    Entscheidend: Mozart hat das vollständige Thema eingesetzt, gleich wie Kittel.

    „Nun mußt du wissen daß hier ein gewisser Häßler - |: Organist von Erfurt : | ist; dieser war auch da; -er ist ein schüller von einem Schüller von Bach.“

    Das ist hinlänglich bekannt. Hier das vollständige Zitat des Briefes:

    "...seine force ist die Orgel, und das Clavier (Clavichord) - Nun glauben die Leute hier, weil ich aus Wien komme, daß ich diesen Gescmack und diese Art zu spielen gar nicht kenne. - ich setzte mich also zur Orgel und spielet. - Der fürst Lichnowsky (weil er Häßler gut kennt) beredet ih mit vieler Mühe auch zu spielen; - die force von diesem Häßlerr besteht auf der Orgel in füssen, welches, weil hier die Pedale stuffeweise gehen, aber keine so große Kunst ist; übrigens hat er nur Harmonie und Modulation vom alten Bach auswendig gelernt, und ist nicht im Stande eine fuge ordentlich auszuführen - und hat kein solides Spiel - ist folglich noch lange kein Albrechtsberger...."

    Tja, Mozarts eigene Beurteilung, wer´s glaubt wird "Mozart-selig".

    Leider wissen wir nicht, welche Werke die beiden auf Orgel/Clavier vorgeführt haben. Vielleicht hat Häßler eine der 6 Orgelsonaten Bachs (BWV 525 - 530) gespielt und trocken bemerkt, dass Mozarts Orgelkünste zum Weglaufen verführen. Bei dem Wettbewerb auf dem Clavier kommt der Verdacht auf, dass beide ihre jeweilige Fantasie in c-moll präsentiert haben. "Harmonie und Modulation vom alten Bach auswendig gelernt"? Mozarts Fantasieeingangsthema ist unter Einfügung eines fis das Haupthema des Musikalischen Opfers vom alten Bach.

    Hauptsache: Mozart wird vergöttlicht!

    Ergänzend:


    Weiter ergänzend:

    Mozarts Originaltext war wohl nicht "Ein Mädchen oder Weibchen", sondern

    "Die wunderschöne Melodie, die habe ich geklaut

    von Johann Christian Kittel, denn der hat sie gebaut".

    Es ist das Rondothema aus Kittels 6. Sonate in D-Dur (Sechs Klaviersonaten von verschiedener Art nebst einer Fantasie), gedruckt 1789 in Gera.

    Da Mozart zu dieser Zeit sich auch in Mitteldeutschland aufgehalten hat und sich intensiv mit Bach und seinen Schülern (Kittel war einer) befasste, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass er die Kittelsonaten dort kennengelernt hat.

    Hallo @ Ulli,


    aus der Instrumentendiskussion bez. der Clavierwerke von CPEB halte ich mich hier tunlichst raus. Die habe ich ausgiebig mit Miklos Spanyi geführt. Mit ihm bin ich seit Jahrzehnten befreundet.

    Übrigens: Nr. 11 seiner Gesamteinspielung der Clavierwerke von CPEB hat er auf meinem nachgebauten Silbermann bei mir zuhause aufgenommen. Das ist im booklet auf der vorletzten Seite nachzulesen.

    Ehepaar Spanyi besucht mich vom 28. - 30.12. Am 29.12. wird er ein kleines Hauskonzert geben. Du bist herzlich eingeladen.

    Bei einer Recherche zu einem völlig anderen Thema bin ich gerade in der Wikipedia über eine interessante Abhandlung zu Bachs Bearbeitung des Pergolesischen stabat mater (BWV 1083) gestolpert:


    Ziemlicher Brassel damals ... 8-)


    Daß Orgeln ziemlich willenlos gestimmt waren (meist deutlich höher als üblich), davon hatte ich auch schon gehört. Was war denn der Grund dafür?

    Eine mögliche Erklärung: je höher die Stimmung, desto kürzer, kleiner werden die Pfeifen. Also, weniger teures Mterial und damit niedrigere Kosten.

    War die Stimmung für den normalen Gemeindegesang zu hoch, musste der Organist nach unten transponieren. Das lernt man bei gutem Unterricht sehr früh.

    Nachdem hier nun genügend Aufnahmen der Goldbergvariationen auf modernen Flügeln angeführt wurden, erlaube ich mir eine Aufnahme hier anzubringen, die Bachs Klangvorstellungen wohl recht nahe kommen. Staier spielt auf einem nachgebauten Hass-Cembalo (2-manualig,

    8´+8´(nasal) + 4´+ 16´, Manualkoppel. Die Register kommen alle zur Geltung. Neben der Audio-CD wird zusätzlich noch eine DVD geboten, in der Staier das Instrument vorführt und interessante Ansichten liefert. Es lohnt sich!


    Ne Anspielung auf Ruckers? 8-)

    Wohl kaum. Der von Bach vollständig zitierte thüringsche Volkssong/Spottlied muss wohl sehr beliebt und bekannt gewesen sein. Der/die völlig unbekannten Dichter werden den Cembalobauer Ruckers nicht gekannt haben.

    Bach hat wohl dieses Spottlied bewusst als Schluss gebracht, wahrscheinlich um völlig frustrierte Liebhaberspieler (und natürlich auch damalige Hörer) aufzuheitern. Ich habe bislang noch keinen Liebhaberspieler kennen gelernt (mich eingeschlossen), der diese Variationen ordentlich und fehlerfrei spielen kann. Möglicherweise hat Bach auch damit sich selbst etwas bespöttelt.

    Jetzt fantasiere ich mal: in den letzten Takten des Quodlibets wird ja "hätt die Mutter Fleisch gekocht, so wäre ich geblieben" zitiert. Schluss! Ende! Könnte es sein, dass Bach diese Variationen als "Kraut und Rüben" betrachtet hat? Dass Bach sein "gekochtes Fleisch" noch liefern wollte, z.B. als "Kunst der Fuge" als 5. Teil einer Clavierübung? Die KdF ist ja zeitgleich mit den Variationen in ihrem Ursprung entstanden, und nicht erst gegen Ende seines Lebens, und ist oft von ihm "umgemodelt" worden, so dass es nicht zu einer letztgültigen Fassung gekommen ist.

    Schon erstaunlich: Bach hat, im Gegensatz zu vielen seiner Werke für Tasteninstrumente, hier das geeignete Instrument genau angegeben:

    "Clavier-Übung, bestehend in einer ARIA mit verschiedenen Veränderungen vors CLAVIZIMBEL MIT 2 MANUALEN", also nicht Clavichord, Clavizimbel mit 1 Manual, Fortepiano, Orgel. Er hatte folglich eine genaue Vorstellung, wie dieses Werk klanglich zu realisieren ist... von wegen Steinway + etcetc.

    Interessant ist auch die letzte Veränderung, Nr.30, also das "Quodlibet". Hier zitiert er gleich im 1. Takt einen damaligen "Schlager": "ich bin so lang nicht bei dir gewest, ruck her, ruck her". Und höre, das Bassfundament taucht sofort unverändert wieder auf. Im 3. Takt bekommen Spieler/Hörer die Antwort darauf (aus dem gleichen "Schlager"): "Kraut und Rüben haben mich vertrieben". Waren 29 Veränderungen Kraut und Rüben? Das Quadlibet endet dann mit (ebenfalls aus dem "Schlager"): "hätt deine Mutter Fleisch gekocht, so wäre ich geblieben". Punkt, Ende des Werks.

    Sicherlich haben Spieler/Hörer damals darüber fröhlich gegrinst (was der olle Bach alles so gekannt hat), aber die Frage bleibt offen, was Bach unter "gekochtem Fleisch" musikalisch verstanden hat (haben wollte).