Hallo zusammen,
Nach längerer Inaktivität möchte ich mal wieder zu einem Opernmitschnitt meinen Eindruck mitteilen, nämlich über einen, den ich vor einiger Zeit über die Arte-Mediathek anschauen durfte (man findet ihn noch kostenpflichtig über medici.tv, siehe Dukas's Ariane et Barbe-Bleue (medici.tv), im Folgenden sollte aber klar werden, dass es sich bei einer solchen Darbietung nicht lohnt, Geld zu bezahlen). Es handelt sich dabei um die Oper ,,Ariane et Barbe-Bleue" von Paul Dukas. Ich als jemand, der ein großer Liebhaber der symphonischen Werke Dukas' bin (und diese reduzieren sich nicht auf den ,,Zauberlehrling"), ging mit hohen Erwartungen hinein. Die Handlung der Oper ist relativ schnell erzählt: Ariane soll Herzog Blaubarts sechste Ehefrau werden. Sie bekommt von ihm sieben Schlüssel für die Schatzkammern, den siebten, goldenen darf sie jedoch nicht benutzen. Sie erliegt ihrer Neugierde und benutzt den goldenen Schlüssel. Sie öffnet die Tür und findet dort Blaubarts fünf andere Ehefrauen, die er dort im Verlies festgesetzt hat. Ariane kann einen Ausgang aus dem Verlies finden und die fünf Frauen befreien und schließlich den festgesetzten Blaubart einem wütenden Mob von Bauern übergeben, doch die Frauen sind bereits zu sehr an Blaubart gebunden durch ihre Gefangenschaft und lehnen daher die Freiheit, die Ariane ihnen anbietet, ab. Also eine Emanzipationsgeschichte mit durchaus resignativem Ende.
Zuerst einmal die positiven Dinge: Die Musik hat meinen Erwartungen durchaus entsprochen, äußerst klangvolle farbenreiche Musik, teilweise in wagnerischer Opulenz, jedoch stets die impressionistisch-virtuose Klangsprache Dukas' verratend, wie man sie aus dem Zauberlehrling kennt. An dem Dirigat von Lothar Koenigs ist nichts auszusetzen, er beherrscht Dukas' Orchesterklänge sehr souverän. Es hätte ein so schönes Hörerlebnis sein können, doch verschiedene Dinge haben das verhindert, die ich im Folgenden ein wenig aufarbeiten möchte. Von meinem leicht satirischen Unterton her sollte man schnell merken, dass ich mich ordentlich geärgert habe.
Über die gesanglichen Leistungen möchte ich gar nicht allzu viele Worte verlieren. Tomislav Lavoie als Blaubart singt ganz ordentlich, aber nicht allzu viel in dieser Oper. Über die meiste Zeit hat man es mit den Sängerinen von Ariane und ihren Leidensgenossinen zutun, und ,,Leiden" ist hier ein gutes Stichwort. Katarina Karnéus in der Rolle der Ariane singt zwar zumindest auf mittelmäßigem Niveau, die Töne werden halbwegs getroffen, doch halte ich sie für eine Fehlbesetzung. Sie strahlt nicht die Stärke und Entschlossenheit aus, die eine Rebellin für Emanzipation gegen die gesellschaftlichen Normen der Zeit benötigt, sondern verrät in jedem Ton, den sie singt, eine recht divenhafte Selbstgenügsamkeit. Der Gesang der fünf anderen ähnelt mit wenigen Ausnahmen Geschrei mehr als eigentlicher Musik.
Nun zum eigentlichen Kritikpunkt an der ganzen Sache. Wenn ich anfangs schon gewusst hätte, dass hinter der Produktion das Künstlerkollektiv ,,La Fura dels Baus" steckt, wäre mir diese Aufführung von vornherein spanisch vorgekommen - bzw. in diesem Fall katalanisch. Diese Ansammlung von Kulturphilistern, die aus jeder noch so oberflächlichen und geistlosen Modernisierung dramatischer Stoffe ihre künstlerische Selbstbefriedigung ziehen, hat sich nach der Ring-Inszenierung in Valencia, bei der ich den unbeweglich herumstehenden Darstellern nicht nur Ausdauer, sondern auch gute Thrombosestrümpfe gewünscht hätte, nun zur - gar nicht mal so unlösbaren - Aufgabe gemacht, Dukas' Oper einen frischeren Anstrich zu geben. Vor dem Hintergrund aktueller Themen und Debatten um den Feminismus hätte es da sicherlich genug Ansatzpunkte gegeben. Doch anstatt die Handlung der Oper etwa in eine Waschküche zu verlegen - das hätte ja wenigstens Sinn gemacht -, kam dem ,,Regisseur" Alex Ollé einer dieser für ,,La Fura dels Baus" so typischen Einfälle, die ihresgleichen suchen, hoffentlich aber nie finden. Aus der ganzen Burg Blaubarts wird mehr eine Feiergesellschaft, die Schatzkammer im 1. Akt ist mehr imaginär, die Edelsteine werden durch etwas oberflächliche Lichteffekte ersetzt, die ,,Flucht" aus dem Verlies wird dadurch dargestellt, dass die sechs Frauen einen Berg aus Tischen und Stühlen errichten, um diesen dann zu besteigen und uninspiriert auf ihm stehen zu bleiben, um am Ende wieder runterzugehen. Alles in allem habe ich schon einige moderne Inszenierungen gesehen, die am Ende nicht überzeugt haben und bei denen ich dennoch den Eindruck hatte, dass sie für manche Leute Sinn ergeben könnte. Bei vorliegender fehlte mir die Fantasie dafür.
So gilt wie so oft: Bleibt abzuwarten auf eine bessere Fassung, oder man greift auf eine der CD-Einspielungen zurück.
Mit besten Grüßen aus Passau,
Felix Graf Lambsdorff