Beiträge von Grimgerdes Schwester

    Da stimme ich Paul zu. Eine gute Übersetzung besteht ja nicht in einer wortwörtlichen Übertragung, womöglich noch nach dem Schema "Reim dich oder ich fress' dich", sondern in einer Übertragung des Texts in der Art und Weise, dass er beim Empfänger der Form, dem Register und dem Inhalt nach so ankommt wie wenn jener die Originalsprache zur Muttersprache hätte. Wenn das bei gesungenem Text gut gemacht wird (und es ist verdammt schwer!), ist das eine Leistung, die ich durchaus mit einer gelungenen Inszenierung vergleichen würde. Übrigens, Masetto, lässt sich auch Lautmalerei übersetzen, und für Wortspiele gibt's ebenfalls Strategien, die gute Übersetzer sich zu Nutze machen (wer hierfür ein Beispiel haben möchte, sollte sich die deutschsprachigen Harry-Potter-Bände mal zu Gemüte führen).


    Das größte Problem der Übersetzung ist ihr Image. Gebrauchsanweisungen und Fernsehserien, die dem Anschein nach von Praktikanten verwurstet werden, die mal ein halbes Jahr als Au Pair in den USA waren, hinterlassen beim Publikum mehr Eindruck als gelungene Übersetzungen und führen anscheinend bei vielen zu der Annahme, es sei halt das Wesen der Übersetzung, dass was verloren geht. Dem ist nicht so.


    Etwas anderes ist es, wenn man weniger auf den Text hört als auf den Klang der Sprache. Da lässt sich natürlich nicht wegdiskutieren, dass Italienisch nun mal wie Italienisch klingt und Deutsch wie Deutsch (mit sängerabhängigen Ausnahmen natürlich ;)).

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    na, das lässt ja interessante Rückschlüsse zu


    Nur zur Klarstellung: ich habe meine Mutter furchtbar lieb. :D


    Kann durchaus sein, dass der Don Joe mit einer Grimgerdes-Schwester-kompatiblen Regie doch noch Gnade vor meinen Augen finden kann. Eine Chance werde ich ihm wohl mindestens noch geben. Falls ich also in einem halben Jahr plötzlich völlig begeistert von dieser Super-Oper zu schwärmen anfange, ist Deine Theorie richtig. Und Konwitschny ein Held.

    Hallo Oliver,


    interessante Frage! Für mich als eine, die den Weg zur Oper übers Theater gefunden hat, sind Libretto und Handlung absolut unverzichtbar. Will heißen: Ich würde eher Gefahr laufen, mich in einer musikalisch tollen Oper mit dröger Handlung zu langweilen als in einer Oper mit weniger großartiger Musik aber einem guten Plot. Das ist übrigens der Hauptgrund, warum ich z.B. bei Don Giovanni und Figaros Hochzeit nicht in Begeisterungsstürme ausbrechen kann - im Gegensatz zu Faun bei Elektra allerdings schon.


    Allerdings - Cosí fan tutte entspricht zwar auch nicht unbedingt meiner Vorstellung von einem packenden Stück, aber dank der Komischen Oper Berlin weiß ich jetzt immerhin, dass eine gute, flotte Übersetzung einiges retten kann. :]

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    Ich bin so altmodisch und naiv,ich möchte meine Gefühle selber äußern,und nicht von meiner Schwester überbringen lassen.


    Hallo Herbert,


    da bringst Du ja eigentlich ein wunderschönes Argument dafür, dass die Winterreise ein Zyklus für beide Geschlechter sein kann. Ich denke nämlich, dass (nun mal ganz abgesehen vom Geschlecht des/der Besungenen) Frauen sich (heutzutage?) mindestens genauso gut und wahrscheinlich besser in den Protagonisten der Winterreise hineinversetzen können als in die Protagonistinnen, die die Komponisten der Romantik für sie erfunden haben - und das eben nicht immer nur von ihrem Bruder ausdrücken lassen wollen.


    Übrigens fände ich es völlig legitim, wenn Gretchen am Spinnrade von einem Mann gesungen würde. Weder Goethe noch Schubert haben es zwar so gemeint, und es trifft sicher nicht jedermanns Geschmack, aber es wäre mal ein neuer Blickwinkel. Und was die von mir immer wieder gern zitierte Frauenliebe angeht, so wäre eine Interpretation durch einen Mann vielleicht sogar mal ganz erleuchtend. Ich bin mir sicher, dass alle Männer im Publikum schlagartig zu Kampfemanzen würden. :D


    Liebe Grüße
    Siegmunds Halbschwester =)

    Die Diskussion hatten wir doch schon mal im Thread "Männerlieder/Frauenlieder" ;)


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    durch die dünne oder gläserne oder kristallene (-bleibma bei filigran Augen rollen ) stimme wird meine aufmerksamkeit mehr auf die musik gelenkt als bei vielen betroffenheitspathetikern, wo die wr wie ein schauspiel dargebracht wird.


    Ich glaube, dem Herbert ging's wahrscheinlich gar nicht so um das Musikalische (korrigier' mich, wenn ich falsch liege), sondern um die verwischte Trennschärfe zwischen "Weiblichkeit" und "Männlichkeit" - ich setze das hier mal in Anführungszeichen, weil ich gar nicht der Auffassung bin, dass die Gefühle, die in der Winterreise ausgedrückt werden, weniger weiblich sind als die von Frauenliebe und -leben.

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    Habt Ihr einmal als Kind so gehört - wißt Ihr das noch?


    Als Kind? Du bist gut. Was meinst Du, wie froh ich bin, dass es in Opernhäusern in der Regel ziemlich dunkel ist...


    Sicher ist es etwas anderes, wenn ich mir z.B. aus Interesse zehn, zwanzig unbekannte CDs aus der Bibliothek ausleihe, um zu hören, was mir davon gefällt und wovon ich gern mehr hören möchte, aber im Normalfall höre Musik - insbesondere live - eigentlich mit dem ganzen Körper. Musik ist für mich ein Ausgleich zum Alltag, und für mich bedeutet das, dass ich im Konzertsaal oder Opernhaus am liebsten die analytische Hirnhälfte (welche war das nochmal?) ausknipse und mich einmal kräftig von den Klängen durchspülen lasse.


    Nun beschäftige ich mich beruflich allerdings nicht mit Musik und nehme an, dass ich es damit einfacher habe, die Analytikerin auszuschalten. Die meldet sich bei mir eher, wenn ich es mit einem übersetzten Libretto zu tun habe - oder mit Sängern, die Probleme mit der Aussprache haben. Jedem seine déformation professionnelle. :D

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    Ich glaube, das Problem mit der Elite ist in diesem Fall vielfach nicht so sehr, dass Klassikliebhaber glauben, elitär zu sein (warum auch? Es geht hier um's Musikhören...), sondern dass die anderen meinen, Klassikliebhaber würden glauben, elitär zu sein, würden quasi vor allem deswegen diese Musik hören, um sich vom "Plebs" abgrenzen zu können.


    Ich bin da nicht so ganz d'accord. Es gibt Teile des Klassikpublikums (durchaus auch wahre Kenner und nicht nur Pelzausführer), die großen Wert darauf legen, sich abzugrenzen. Das halte ich für kontraproduktiv, da dieses Verhalten tatsächlich dazu führt, dass es Menschen gibt, die klassische Konzerte explizit wegen des Publikums meiden - und das ist schade.


    Klar, man mag nun sagen, dass wahre Liebhaber sich davon nicht abhalten lassen dürfen. Aber was ist mit denen, die erst noch Liebhaber werden könnten - wenn sie denn eine Atmosphäre vorfänden, in der sie sich willkommen (und wohl) fühlen? Sicher werden ein paar der bestehenden Klassikfans nicht ganz unfroh darüber sein, eher unter sich zu bleiben. Zukunftsfähig ist das Ganze aber nicht, denn wohin soll die klassische Musik, wenn ihr die nachwachsenden Liebhaber ausbleiben?

    Ich meine nicht das Kokettieren damit, Klassikfan zu sein, sondern das Kokettieren mit dem im ursprünglichen Zitat negativ konnotierten Begriff "elitär".


    Aber wie Miss Brodie schon sagte: "For people who like that sort of things that is the sort of thing that they like." Und die muss es wissen, die kennt sich mit dem Thema Elite schließlich aus. :beatnik:

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    Die beste Werbung die ich mir vorstellen kann...


    Kommt auf die Perspektive an. Ich halte das Kokettieren mit dem eigenen Elitärsein für einen Bärendienst an der Sache - finde es aber bezeichnend, dass es ausgerechnet in einem Thread geschieht, der sich damit beschäftigt, dass die Klassik nicht genügend nachwachsendes Publikum anzieht.


    Grüße aus dem dritten Rang (Südkurve)
    Grimgerdes Schwester

    Die Marschallin kann ich auch absolut unterschreiben - die hat sich unter dem Leben nach der Eheschließung halt was anderes vorgestellt, und wer könnte es ihr verdenken?


    Drei Favoriten unter den "Guten" kann ich eindeutig nur bei den Mezzos nennen (Brangäne, Octavian, Orlofsky). Bei den Sopranen sind außer Brünnhilde meine allerliebsten Lieblingsfiguren keine reinen Sympathieträgerinnen, aber auch keine reinen Bösewichtessen - eben die komplexeren, interessanteren Mädels, als da wären beispielsweise Elektra, die Küsterin (Jenufa) und die Königin der Nacht.


    Und bei den Bass-Figuren ist es eigentlich egal, solange Matti Salminen oder René Pape sie singen. :D

    Ich liebe meine mp3s, weil ich viel unterwegs bin und es ein nettes Gefühl ist, immer Musik für alle Lebenslagen dabei zu haben. Die meisten habe ich allerdings von CDs, da ich mit meinem EiPott meines Wissens ziemlich an den iTunes Music Store gebunden bin (oder?) und der eine eher magere Auswahl hat. eMusic und jpc kenne ich aber nicht - ich werde mal gucken, ob die vielleicht mit dem EiPott sprechen. Hoffen kann man ja... :D


    Schön finde ich an mp3s auch die komfortable Auffindbarkeit von Titeln - wenn man sich ein Bisschen Mühe mit der Kategorisierung gibt. Leider merkt man, dass das System nicht für klassische Musik entwickelt wurde, denn ich habe bis jetzt noch nicht herausgefunden, wie ich meine klassischen Titel feiner kategorisieren kann, ohne Rattenschwanzmonster wie "Klassik - Instrumental - Dudelsack - 18. Jahrhundert" o.ä. zu erfinden. Meine Wiedergabelisten (insbesondere Putzen und Bügeln) möchte ich übrigens auch nicht mehr missen.


    Und dann gibt es noch etwas, was mich an meinen CD-Importen nervt: die Gracenote-Datenbank. Ich finde es ja sehr komfortabel, alle Track- und CD-Infos aus dem Internet ziehen zu können, aber wenn jemand keine Titel korrekt von einer Hülle abschreiben kann und keine Sonderzeichen tippen kann und einen Interpreten nicht von einem Komponisten unterscheiden kann, warum überlässt er den Datenbankeintrag nicht jemand anders? :motz:

    Sehr angetan war ich von Clifton Forbis, der die Rolle von Peter Seiffert an der Berliner Staatsoper übernommen hat. Er hat eine markante Stimme, die sehr gut durchdrang (wobei die Staatskapelle unter Barenboim wirklich alles gegeben hat), füllte die Rolle mit so viel Leben wie es die Bachmann-Inszenierung nur zulässt und ist damit bislang einer der zugegebenermaßen wenigen Tristane, bei denen ich mich nicht verwundert frage, was Isolde denn wohl an ihm finden mag...


    Oder zumindest nur stellenweise.


    Aber das lag nicht an Forbis.

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    Original von Herbert Henn
    man sollte möglichst Aufnahmen aus dem Weg gehen, an denen Astrid Varnay beteiligt ist!


    Ich kenne diesen man zwar nicht und kann deshalb nicht beurteilen, was er sollte und was nicht, aber ich sehe keinen Grund, warum er Astrid Varnay meiden sollte.


    ;)

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    Merkwürdig ist die "Todeverkündung", bei der Siegmunds Gesicht von Brünhilde mithilfe Kalks eingeweisst wird....


    Das kommt auf der Aufzeichnung leider nicht gut rüber, wie so vieles, denn ich empfinde sie als ziemlich schlampig gefilmt. Live musste ich mich in der Szene gelegentlich selbst daran erinnern, mal zu atmen. Der optische Effekt war beträchtlich und die Parallele zu den ebenfalls kalkweißen Heldenleichen aus dem Walkürenritt gut erkennbar.


    In der musikalischen Beurteilung kann ich mich ulfk179 eigentlich in allen Punkten anschließen. In der Götterdämmerung kommt noch ein sensationeller Matti Salminen als Hagen dazu, eine sehr gute Julia Juon als Waltraute, und Elisabete Matos hat mich als Gutrune auch überzeugt. Falk Struckmann fand ich auch als schmierig frisierten Gunther wieder so gut, dass ich ihm den einen oder anderen alternativ artikulierten Vokal gern verzeihe. Treleaven fällt im Bereich Schauspiel etwas ab (da ist Siegfried aber auch eine undankbare Rolle...), das macht Polaski aber mehrfach wieder wett - unterstützt von einer wirklich starken Personenführung (und einer kühnen Friseurin :D).

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    Und ob die finanziell potenten und in den meisten Fällen auch nicht ganz doofen Verantwortlichen in den Unternehmen, die seit Jahren zeitgenössische Musik finanzieren, wirklich nur von geschickten Einflüsterern hinters Licht geführt werden?


    Methinks not. Ich glaube vielmehr, dass Gruppe 1 und 2 gar nicht so getrennt voneinander gesehen werden können, sondern schon längst fusioniert haben: in die Gruppe derjenigen, die Entscheidungsträger haben, die aus Überzeugung in moderne Aufführungen oder Kompositionen investieren, wohl wissend, dass ein zukunftsorientiertes Image eines Unternehmens, das Neues wagt, sich auf lange Sicht für den Sponsor lohnt. Dass die Entscheidungsträger Ahnung haben müssen, um investitionswürdige Projekte beurteilen zu können, wird inder Regel der Markt sicherstellen.


    Ich glaube auch, dass sich die Opernhäuser hüten werden, Regietheater "rauszuschmeißen." Von Neuenfels mag man halten, was man will, aber er beschert der Komischen Oper eine volle Hütte. Ob eine konventionelle Inszenierung das auch getan hätte, würde ich mal in Frage stellen - zudem da kein Bedarf ist, da drei Häuser weiter ja schon eine läuft.

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    Es wird wahrscheinlich in geringem Maße weiter Subventionen geben, aber private Gönner werden überwiegen. Das ergebnis wird sein, daß nur mehr Musik aufgeführt werden wird, welche irgend jemand hören will.


    Das mag sein, aber daraus den Schluss zu ziehen, der Geschmack des "bürgerlichen" Publikums würde sich zum Gradmesser entwickeln, halte ich für etwas gewagt.


    Ich weiß nicht, ob wir unter "bürgerlich" das gleiche verstehen - ich sehe vor meinem Auge gesetzte Herren, die kopfschüttelnd an der Garderobe stehen und Dinge sagen wie "ach, damals, die Flagstad, das waren noch Zeiten", während die Gattin stumm nickt (mein geistiges Auge neigt dazu, die Dinge zuzupitzen ;)), nicht aber die eher ungesetzten Zeitgenossen, die über eine ähnliche Wirtschaftskraft verfügen, sich aber nicht als konservativ bezeichnen würden.


    Ich glaube, die Lösung liegt irgendwo dazwischen. Die Konservativen sind ein Markt. Die Progressiven aber auch - und vielleicht sogar der, der mehr Wachstumspotenzial hat.

    Ich habe ja nie behauptet, dass es gelogen sei, sondern ich habe meine Verwunderung darüber zum Ausdruck gebracht, dass gerade in Online-Foren häufig Formulierungen anzutreffen sind, die man in zwischenmenschlicher Kommunikation vielleicht nicht anwenden würde.


    Das Beispiel mit der dicken Künstlerin ist dabei gar nicht das wichtigste - aber nur um klarzustellen, wo es herkommt: ich hatte mehrere Kommentare zu Jane Eaglens Isolde und Ben Heppners Tristan im Kopf, die mir auf diversen Reisen durch das Internet, insbesondere im deutschen Sprachraum (wo im allgemeinen mit mehr Häme kritisiert wird als im angelsächsischen), untergekommen sind. Die beiden anderen Beispiele halte ich für relevanter. Ich empfinde Kritik, die in Online-Foren - und wiederum vorwiegend im deutschen Sprachraum - angebracht wird, nun mal häufig als anmaßend formuliert. Ich kann Wörter wie unsäglich und indiskutabel einfach nicht mehr hören, auch wenn der Zweite Geharnischte seine Rübe öffentlich hinhält und damit umgehen können muss, und ich frage mich in manchen Fällen, ob ein Schreiber es nicht gelernt hat, Kritik so zu üben, dass er sie notfalls auch der betreffenden Person selbst gegenüber so artikulieren könnte, oder ob die Anonymität einfach dazu verleitet, den Output-Filter auszuschalten. Oder ob er dem Zweiten Geharnischten tatsächlich ins Gesicht sagen würde, dass er grottenschlecht war und lieber den Dritten Baum spielen sollte. Soll's ja auch geben.


    Jetzt bin ich eigentlich schon viel zu tief eingestiegen - dabei lese ich den allergrößten Teil der Rezensionen hier mit großem Gewinn, und die kleine Miss Manners auf meiner Schulter regt sich in diesem Forum in der Tat viel weniger häufig, als es ein so langes Post vermuten lassen könnte. :D

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    Andrerseits stellt sich die Frage, inwieweit wir alle uns der Verantwortung bewusst sind, wenn wir hier schreiben.


    Vielen Dank für dieses Post!


    Ich stelle mir so manches Mal in Internetforen die Frage (wenngleich hier weit seltener als anderswo), ob die Nutzer sich immer so ganz klar darüber sind, dass ungehinderte Meinungsäußerung mit einem so großen Verbreitungsgrad und dauerhafter Verewigung in Suchmaschinen es eigentlich obligat machen sollte, diese Freiheit verantwortungsbewusst zu nutzen.


    Ich lese die Kritiken der Forumsmitglieder sehr gern und freue mich, dass sich da jemand für Leute, die er nicht kennt, eine Menge Arbeit macht, ohne etwas dafür zu bekommen. Ich bin auch nicht dafür, zu verschweigen, wenn man eine Leistung für nicht so geglückt hält, denn nur durch Meinungsvielfalt kann ein komplettes Bild entstehen - und mir steht ja frei, meinen Senf dazuzugeben, falls ich's besser fand.


    Trotzdem ringen mir manchmal die Formulierungen in Online-Foren (auch hier, wenn auch seltener als anderswo, s.o.) das eine oder andere Stirnrunzeln ab – nämlich solche nach dem Muster „Bleibt zu hoffen, dass die Hintertutzinger Volksoper endlich mal einen anderen Zweiten Geharnischten engagiert als diesen unsäglichen Soundso“ - „ABC sollte dies und dies nicht spielen/singen/dirigieren“ oder auch „XYZ singt schön, ist aber zu dick.“ Da frage ich mich, ob Hobbykritiker sich nie die Frage stellen, ob sie das einem Künstler (angenommen, er fragte, wie man ihn denn gefunden hätte) auch mit diesen Worten persönlich ins Gesicht sagen und nicht nur anonym in ein Forum posten würden, wo die Aussage im übrigen bis 2038 in Google auffindbar ist.


    Nur so ein Gedanke...


    Viele Grüße
    Grimgerdes Schwester

    Wen's interessiert: Mit Deborah Voigt gibt es ein sehr sympathisches, ca. einstündiges Interview zum Runterladen auf das mobile digitale Abspielgerät der persönlichen Wahl:


    http://podcast.sfopera.com/


    Es geht u.a. um Rollen, Pfunde und Hunde. Auch interessant übrigens für Singles, die sich dafür interessieren, wie man mit etwas Glück ein Date mit einer weltberühmten Opernsängerin einstreicht.


    Und die Textverständlichkeit ist hervorragend - wenn man ein Bisschen Englisch kann ;).

    Wenn ich einem Einsteiger drei Empfehlungen geben sollte, wären es wahrscheinlich einmal Barock, einmal Klassik und einmal Romantik. Zwei der drei wurden schon genannt - trotzdem:


    Händel: Feuerwerksmusik (sowie die Wassermusik, die ist auf der CD ja meistens mit drauf...)


    Beethoven: Symphonie Nr. 3


    Tschaikowsky: Klavierkonzert Nr. 1


    Und als Bonus-Track gäbe es Isoldes Liebestod.

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    Original von musicophil
    Ich finde nicht, daß "bei einer Frauenstimme eine Dimension fehlt", sondern daß für dieses Lied "eine Dimension fehlt".


    Ups, tut mir Leid. Ich hatte Dich auch so verstanden und hätte da wohl präziser formulieren sollen.


    Eigentlich wollte ich ja nur sagen, dass jeder anders hört, und das ist auch gut so, wie unser Regierender Bürgermeister und Kultursenator sagen würde. :D

    Ich halt's mit Zwielicht: es ist eine sehr subjektive Sache. Wenn jemand, wie z.B. musicophil, findet, dass bei einer Frauenstimme eine Dimension fehlt, die er gern hätte, dann kann ich das nicht wegreden, auch wenn ich es selbst anders wahrnehme. Brigitte Fassbaenders oder Jessye Normans Stimmen empfinde ich beispielsweise als sehr warm und tief(-gründig?).


    Aber der Mensch hört ja nicht mit dem Ohr allein. Je besser ich mich mit der Person, die singt, identifizieren kann, desto lieber höre ich ihr zu. Und eine Person, die etwas tut, was ich grundsätzlich begrüße, wird in meinen Ohren besser klingen als eine, die etwas tut, was ich eher ablehne.


    Übrigens denke ich nicht, dass Frauen Männer "imitieren" sollten, um für Männer geschriebene Lieder zu singen. Es sei denn, sie parodierten... ;)

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    (Da ich es neulich gehört und anderswo erwähnt habe, Brahms "Wir wandelten" op.96,2 scheint perfekt sowohl für Frauen als auch Männerstimme zu passen, auhc der Text ist neutral)


    Das ist wunderschönes Stück! Die Neutralität fiel mir beim Hören übrigens auch auf. Eigentlich schade, dass so wenig in der zweiten Person Singular gedichtet wurde...


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    Was man Taminomitglieder zumuten kann, darf man nicht Otto Normalverbraucher zumuten.


    Das kann gut sein. Mit der Zumutung ist es nur so eine Sache - nehme ich Rücksicht oder versuche ich, die Grenzen der Zumutbarkeit auszutesten und vielleicht nach und nach zu verschieben (wie in den Dreißigern, als Frauen - gesegnet seien ihre Bügelfalten! - zum ersten Mal Hosen trugen)?


    Dann ist da auch noch die Frage, was für wen eine Zumutung ist. Schumanns Zyklus über die negativen Auswirkungen der Ausschüttung von Phenylethylamin auf die Sehkraft der Frau hat mich beim ersten Hören ganz schön erschreckt und forderte mir alles an Toleranz und Offenheit ab, was ich aufzubringen imstande war. :D

    Das sind ja ganz schön viele Paar Schuhe, die hier diskutiert werden. Ich lese hier mehrere Argumente heraus:


    1) Die Lieder wurden für Männer geschrieben, also sollten Männer sie auch singen.
    Na, lassen wir das mal so stehen. Darüber zu diskutieren, was Frauen tun dürfen und was nicht, habe ich mir abgewöhnt. Es geht dabei einfach zu viel Zeit drauf, die mir dann zum Fußballgucken, Erwerbstätigsein und Du-schönes-Fischermädchen-singen fehlt. :D


    2) Da wird eine Frau angesungen.
    Wenn man sich durchliest, was die meisten Sängerinnen darüber sagen, wird man feststellen, dass sie abstrahieren. Es geht weniger darum, wen man da besingt, sondern darum, was man empfindet (siehe das Zitat von Christa Ludwig weiter oben). Und da sind Winterreise und Schwanengesang allemal treffsicherer als Frauenliebe und -leben.


    Aber selbst wenn da nicht abstrahiert würde - ist das ein Problem? Haltet ihr euch die Ohren zu, wenn Brangäne ihre Chefin "süße Holde" nennt? Kommt ihr beim Rosenkavalier grundsätzlich zu spät, um euch die erste Szene zu ersparen? Und ist die Geschwitz ein Grund, der Lulu fernzubleiben?


    3) Die Winterreise ergreift mich nicht, wenn sie von einer Frau gesungen wird.
    Das ist für mich das interessanteste Argument, und ehrlich gesagt das einzige, das ich nachvollziehen kann. Mich ergreift die Winterreise nämlich umso mehr, wenn sie von einer Frau gesungen wird. Offenbar kann man sich in eine(n) Vertreter(in) des gleichen Geschlechts sehr viel leichter hereinversetzen.


    All dessen ungeachtet finde ich es aber natürlich völlig legitim, die Winterreise seinen Präferenzen entsprechend zu hören und andere Versionen zu meiden. Mach' ich ja auch so.

    Vielleicht sollte ich es einmal umgekehrt machen und wenigstens der Levine-Götterdämmerung noch eine Chance geben... und sei es um der XXL-Version von Christa Ludwigs Waltraute willen.


    Übrigens: In der Kupfer-Version aus Barcelona unter de Billy (das ist die Berliner Fassung aus den Neunzigern) singt auch Matti Salminen einen fabelhaften Hagen. Nur so als Anreiz. :)

    Hallo Alexander,


    ich finde es sehr interessant, was Du über Deine Eindrücke schreibst, zumal Du wahrscheinlich ähnlich unvoreingenommen herangegangen bist wie ich, allerdings mit anderem Ergebnis. Am Levine-Rheingold versuchte ich mich, als ich erst zwei Inszenierungen einzelner Ring-Opern kannte (Kupfer/Bayreuth auf Video und Kupfer/Berlin live - wobei zugegebenermaßen nicht gerade Welten zwischen den beiden liegen).


    Was die Sängerleistung angeht, bin ich mit allen hier einer Meinung. Morris, Norman, Ludwig, Salminen und Co. sind eine Einser-Bank. Hildegard Behrens habe ich auch sehr gern, allerdings lieber in anderen Rollen – eher johojoe als hojotoho.


    Mich hat die Schenk-Version einfach erschlagen. Die opulente Ausstattung und die breit ausgespielte Musik waren für mich zu viel des Guten. Dazu kommt, dass diese Inszenierung mir keine Denkanstöße und keine Reibungsfläche geboten hat. Im Gegenteil: Die Historisierung stand mir beim Zugang zum Werk eher im Weg. Nicht nur lenkte das überbeschäftigte Auge das Ohr ab; Schenks Rückgriff auf Regiekonzepte von anno Tobak half auch nicht gerade dabei, das Ganze nicht als schön präsentiertes spätgermanisches Götterdrama zu sehen, sondern als Stück mit zeitloser Aussage.


    Da fand ich Kupfer ideal: kein Pomp, kein Retro, aber auch keine Modernisierung um jeden Preis, dazu ein Konzept, das stark auf die Personen setzt (wenn man nicht im Parkett sitzt, kann man sie sogar sehen, auch wenn sie die Hälfte der Zeit liegend, kniend oder rollend auf dem Boden verbringen), sowie ein schlankes Bühnenbild, das einen guten Gegenpol zur Musik bietet.


    Ganz davon abgesehen ist Brünnhildes Mantel aus der Walküre schon ein Kaufgrund für sich. :D