Beiträge von udohasso

    Ich möchte auf die in einem Beitrag schon beiläufig erwähnte "Komische Oper" in Berlin hinweisen. Intendant Barrie Kosky setzt einen lokalen Schwerpunkt und konzentriert sich auf die Zwanziger des letzten Jahrhunderts. Produktionen wie "Ball im Savoy" von Paul Abraham oder "Die Perlen der Cleopatra" von Oscar Straus (auch mal mit "ss" oder "ß") sind Publikumsmagneten. Was auch Dagmar Manzel zu verdanken ist, die in Berlin Kultstatus genießt.


    Kürzlich zeigte die "Komische Oper" eine Wiederentdeckung: "Frühlingsstürme" eine Operette des tschechisch-jüdischen Komponisten Jaromir Weinberger. Zehn Tage vor Hitlers Machtergreifung hatte das Werk im Admiralspalast Premiere, die etzte Uraufführung einer Tauber-Operette. Das übliche, immer sehnsüchtig erwartete Tauber-Lied kam erst kurz vor Schluß und der Tenor mußte es, Berichten zufolge, dreimal zugeben. Mit diesem "Du wärst für mich die Frau gewesen" endet die Operette, genreuntypisch, wehmütig-tragisch. Nach wenigen Aufführungen fiel das Werk den politischen Verhältnissen zum Opfer und wurde danach nur noch einmal szenisch präsentiert, 1947 im tschechischen Ostrava.


    Auf operavision.eu sind Mitschnitte von "Frühlingsstürme" und "Die Perlen der Cleopatra" zu sehen.

    moderato, auch Dir wünsche ich die richtige Mischung aus Zuversicht und Geduld. Zurück in den "alten Betrieb" kommen wir so schnell nicht wieder, vielleicht sogar nie mehr. Das Singen wird nicht verstummen, dessen bin ich mir sicher...


    :)

    Ich bin zuversichtlich.

    Über Deinen kleinen Schlußsatz habe ich mich gefreut Wolfgang. Zuversicht, die brauchen wir, und eine ordentliche Portion Geduld.


    Einem meiner beiden Chöre schlug ich vor, Anfang Juni wieder mit Proben zu beginnen. In kleinen Besetzungen, Doppelquartett beispielsweise. Weit im Halbkreis aufgestellt sollte das möglich sein. Nicht verpflichtend, wer das Restrisiko scheut, klinkt sich aus.


    Dir und Deinem Sohn alles Gute Wolfgang!

    Schade, dass hier der Gesprächsfaden gerissen ist. Fand ich doch viele Beiträge lesenswert und hilfreich.


    Kurt Thomas schreibt 1935 in seinem Standardwerk "Lehrbuch der Chorleitung" die viel zitierte Behauptung, dass es keine schlechten Chöre, sondern nur schlechte Chorleiter gibt. Eine Behauptung, der hier viel Chorsänger aus eigener Erfahrung beipflichteten.


    Drei weitere Faktoren scheinen mir wichtig:


    - regelmässige, kompetente Stimmbildung

    Chorische Stimmbildung, wohlgemerkt. Durchaus auch in Kleingruppen bis zum Einzelunterricht. Ich wirkte einige Jahre in einem Chor mit, dessen Durchschnittsalter hoch lag. Dank stimmbildnerischer Begleitung bewältigten wir achtbar selbst so schwierige Brocken wie "Das Buch mit sieben Siegeln" von Franz Schmidt.


    - sorgfältige Literaturauswahl

    Der oben erwähnte Chor beispielsweise konnte bei barocker Musik nur mit gut gewählten Stücken überzeugen. Ich sang andererseits in einigen Kantoreien, die mit romantischer Musik ihre liebe Mühe hatten. Nicht alle Chöre können alles, wenn ich von einigen professionellen Ensembles absehe.


    - realistische Selbsteinschätzung

    Bei der Chorleitung entscheidet sich an diesem Punkt, ob das Prädikat "gut" oder "schlecht" angebracht ist. Aber auch die Chormitglieder tun gut daran, der eigenen Gruppe gegenüber selbstkritisch zu bleiben.


    Es ist das gute Recht von Laien, die Freude am Gemeinschaftserlebnis Singen in den Mittelpunkt zu stellen. Sie sollten es nicht auf Kosten ihrer Zuhörer, und schon gar nicht zu Lasten der von ihnen vorgetragenen Werke tun. Was, wie oben angerissen, einfach auch nicht nötig ist.

    Erste Chorerfahrung mit 16 Jahren, beim "Chorverein Liederkranz" in Hof. Dvorak "Stabat Mater" das erste mit Werner Richter-Reichhelm, Leiter der Hofer Symphoniker und des Chors, erarbeitete Werk. Im gleichen Jahr 1966 kam die Hofer St. Michaeliskantorei dazu, unter Kantor Helmut Scheller mit dabei in der ersten ungekürzten Bachschen Matthäuspassion in meiner Heimatstadt.


    Seither, mit berufsbedingten Unterbrechungen, meist in ein, zwei oder drei Chören als Bassist aktiv. Im südbrasilianischen Porto Alegre, meinem jetztigen Wohnort, sang ich im November in Händels "Messiah", im Frühjahr bei einer "Johannespassion" und einem Brahms-Requiem.


    In dankbarer Erinnerung sind mir meine 8 Jahre im Extrachor des Stadttheaters Augsburg.


    Warum ich im Chor singe - da spielte der schon erwähnte Werner Richter-Reichhelm eine entscheidende Rolle. Dirigent meines ersten Konzerts, meiner ersten Opervorstellung und vom begeisterten Jugendlichen heftig bewundert. Das bewog mich, ihn, der auch den Chorverein leitete, anzurufen und mich als Sänger zu bewerben. Von der ersten Probe an war mir klar: ja, das ist es!


    :)

    Operette tot?


    Zumindest scheint das Forum tot zu sein. Seit dem Statement eines verfolgten Hetero tiefes Schweigen...


    :D


    Ich wurde sozusagen mit Operetten großgezogen. Erklärtes Lieblingsstück der Mutter "Der Graf von Luxemburg". Die Oma mochte es gefühliger, das "Schwarzwaldmädel" beispielsweise. Nur der Vater rümpfte die opernorientierte Nase. Freute sich aber, wenn im "Blauen Bock" ein Opernstar in Sachen Operette fremdging.


    "Mein" Städtebundtheater im oberfränkischen Hof - zu der Zeit im Musikbereich eine Operettenbühne. Fünf, manchmal sechs Premieren pro Saison. Da kamen auch entlegene Werke auf den Spielplan, beispielsweise "Die Perle von Tokay" von Fred Raymond. Zusätzlich bis zu drei Opernproduktionen, ein ordentliches Pensum für das kleine Haus.


    Ein blutjunger Anfänger im Erstengagement mauserte sich später zu einem gefragten Spezialisten des Genre: Mario Brell. Um später noch mit einer Zweitkarriere als schwerer Held zu überraschen. Nicht nur, aber auch in fast allen großen Wagnerpartien. Sinngemäß schreibt Mario Brell in seiner kleinen Autobiografie "Wer Hof überstanden hatte, dem konnte im Sängerleben nichts mehr passieren".


    Eine der tragenden Säulen des Operettenensemble war seit kurz nach Kriegsende bis in die Siebzigerjahre Walter Wanke. Dessen Spezies, der Tanzbuffo, ist an den Theatern fast nicht mehr zu finden. Wer "es drauf hatte", diese Mischung aus Charme, flottem Tanzschritt und ansprechendem Gesang war auf die Rolle des Publikumslieblings abonniert. Über 20 Soubretten hatte Walter Wanke während seiner Hofer Bühnenjahre als Partnerinnen. Zu seinem 80. Geburtstag erhielt er eine Damast-Tischdecke mit gestickten Autogrammen all dieser Partnerinnen.


    Ich erinnere mich, dass ein prominenter Kollege der Hofers Walter Wanke, der Münchner Gärtnerplatz-Star Harry Friedauer, den Ehrentitel "Bayrischer Kammerschauspieler" erhielt. Wohlweislich nicht den des Kammersängers.


    Zurück zur Frage, wie tot oder lebendig die Operette ist. Mein Eindruck dazu: in einigen kleinen theatralischen Biotopen überlebt sie. Baden bei Wien gehört beispielsweise dazu.


    Das Theater Hof scheint diese besondere Kunst verlernt zu haben. Im Januar sah ich dort "Die Zirkusprinzessin" von Emmerich Kalmán. Nette Ausstattung, ordentliche Sänger, und, oh Wunder, wirklich und wahrhaftig ein guter Tanzbuffo. Das Ballett hübsch anzusehen, gepflegt spielte das Orchester. Nur - der Abend wollte und wollte nicht zünden. Nichts kam über die Rampe. Peinlich, wie wenn jemand laufend Witze erzählt und keiner lacht. Ein trauriger, fast beklemmender Abend. Tags darauf die Verkäuferin in einer Metzgerei zu mir: "Was, den Schmarren haben sie sich angeguckt? Also, in eine Operette bringen mich keine zehn Pferde mehr!". Sollte die Intendanz das gehört haben? In der Saison 20/21 steht auf alle Fälle nicht eine einzige Operette auf dem Programm. Das hat es dort noch nie gegeben, wenn ich mich recht erinnere.

    Wie schön, dass mein kleiner, eher anekdotischer Beitrag bei einigen Forumsmitgliedern eigene Erinnerungen an Liana Synek weckte.


    Rüdiger, alias Rheingold1876, die Stichworte "vergessen oder gar unbekannt" stimmten mich nachdenklich. Mich berührten Leistungen von Sängern, die nur für mich persönlich "unvergänglich-unvergessen" sind. Vielleicht noch für eine Handvoll anderer Liebhaber.


    Mein erster Opernabend, im blühenden Alter von knapp 16 Jahren, war eine "Madame Butterfly" am damaligen Städtebundtheater Hof. Die Besetzungsliste kann ich heute noch lückenlos "herunter beten". Nur Mario Brell, der Sänger des Pinkerton, gelangte zu überregionalem Ruhm. Brigitte Köberlin, die Butterfly der Aufführung, verschwand spurlos und vergessen im Opern-Nirwana. Unglaublich, aber wahr: ich kann ihre Stimme noch hören. Frühe Liebe rostet nicht...


    :)


    Ein Vorteil des guten alten Ensemble-Theaters, dass es solche "Liebesverhältnisse" ermöglichte.


    Liane Synek hatten an ihrem Stammhaus sicher viele Opernbesucher ähnlich geschätzt und geliebt. Über ein Vierteljahrhundert diente sie mit ihrer Kunst dem Hessischen Staatstheater.


    Wir dürfen uns keinen Illusionen hingeben: Tondokumente vermitteln nur einen begrenzten Eindruck von singenden Darstellern. Bei wenig phonogenen Stimmen führen Aufnahmen sogar zu krassen Fehleinschätzungen.

    Janina Fialkowska wurde hier in vielen Beiträgen erwähnt, ausnahmslos positiv, hat aber noch keinen eigenen Thread, wenn ich mich nicht täusche.


    Janina Fialkowska wird seit über 40 Jahre weltweit als Pianistin gefeiert. Geboren in Montreal, als Tochter einer kanadischen Mutter und eines aus Polen eingewanderten Vaters. Ab dem 4. Lebensjahr bildet die Mutter Janina musikalisch aus, sie ist selbst Pianistin, unter anderem studierte sie bei Alfred Cortot.


    Janina Fialkowska tritt bereits mit 12 Jahren öffentlich auf. Studiert in Montreal, später in Paris und dann an der Julliard School in New York. Arthur Rubinstein nimmt sich der jungen Pianistin an und fördert ihre Karriere. Als "geborene Chopininterpretin" bezeichnete der legendäre Altmeister die junge Janina Fialkowska.


    Mit ihrer Interpretation der Werke des polnisch-französischen Komponisten wird sie in Kanada und den USA bekannt, die großen Orchester laden sie ein, beispielsweise nach Chicago, Cleveland, Philadelphia und Toronto. Immer wieder steht auch Liszt auf ihren Programmen, dessen wiederentdecktes 3. Klavierkonzert sie 1990 in Chicago uraufführt. Neben Schubert und Mozart widmet sich Fialkowska auch weniger bekannten polnischen Komponisten wie Lutoslawski und Paderewski.


    Nach der Jahrtausendwende zwingt eine schwere Erkrankung die Künstlerin zu einer zweijährigen Auszeit. Lange muss sie um ihre Pianistenlaufbahn bangen. Konzertverpflichtungen erfüllt Janina Fialkowska teilweise, indem sie Literatur für die linke Hand mit der rechten spielt. Werke, die für den im 1. Weltkrieg versehrten Paul Wittgenstein geschrieben wurden, darunter Klavierkonzerte von Maurice Ravel und Sergei Prokofiev.


    Nach Entfernung eines bösartigen Tumor im Oberarm und einer vorher so noch nie durchgeführten Muskelverpflanzung gelang Janina Fialkowska, wie durch ein Wunder, 2004 die Rückkehr auf das Konzertpodium. Dass die dramatische Krankengeschichte in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückte ist typisch für das Musikgeschäft. Ebenso wie die Tatsache, dass es einer begeisterten Rezession von "Kritikerpapst" Joachim Kaiser bedurfte ("perfekte pianistische Kunst") um die Künstlerin in Deutschland bekannt zu machen. So wurde sie beispielsweise als Einspringerin für Maria João Pires beim renommierten Klavierfestival Ruhr gefeiert.


    CD-Aufnahmen von Janina Fialkowska werden von der Fachpresse gerühmt und wurden vielfach ausgezeichnet. "Die schönste Liszt-CD des Jahrzehnts" jubelte beispielsweise die Frankfurter Allgemeine über den Beitrag der Künstlerin zum Franz-Liszt-Jubiläum 2011. Besonders am Herzen lag ihr eine Aufnahme der "Lyrischen Stücke" von Grieg. Die CD wurde international begeistert besprochen.


    Janina Fialkowska ist Jurorin mehrerer internationaler Wettbewerbe. 2010 gründete sie im bayrischen Marktoberdorf die "Internationale Klavierakademie" zur Förderung junger Talente.


    Janina Fialkowska lebt seit einigen Jahren mit ihrem Mann in dessen Heimat, in der Nähe von Augsburg.


    APUT

    Liane Synek sang 1965 bei den Bayreuther Festspielen die Senta, als Einspringerin.


    Ich hörte sie wenige Jahre später als Leonore im Fidelio, bei einem Gastspiel der Nürnberger Oper in der Bayreuther Stadthalle. Sebastian Feiersinger war der Florestan dieser Aufführung.


    Wieder gingen Jahre ins Land, ich in der Zwischenzeit in Augsburg zuhause und Mitglied im Extrachor des dortigen Theaters. "Die Liebe zu den drei Orangen" von Sergei Prokofjew stand auf dem Programm. Eines Abends stand überraschend Liane Synek als Zauberin Fata Morgana auf der Bühne. Die hauseigenen Besetzung war erkrankt. Einige Wochen später sprang Frau Synek erneut ein, diesmal als Siegfried-Brünnhilde. Wenige Monate später verstarb die Sängerin all zu früh.

    Gerade lese ich bei Christoph Martin Wieland in dessen "Geschichte des Agathon":


    "Der Enthusiastische Geist sieht alles in einem strengen feierlichen Licht; der Komische alles in einem milden und lachenden; nichts ist dem ersten leichter als so weit zugehen, bis ihm alles, was Spiel und Scherz heißt, verdammlich vorkommt; nichts dem anderen leichter, als gerade in demjenigen, was jener mit der größesten Ernsthaftigkeit behandelt, am meisten Stoff zum Scherzen und Lachen zu finden".


    Einige Zeilen vorher heißt es:


    "...und die natürliche Antipathie dieser beiden Geister wird dadurch nicht wenig vermehrt, daß beide gleich geneigt sind, über die Grenzen der Mäßigung hinauszuschweifen."


    Warum wohl fiel mir die gestern hier besuchte Debatte um das Figurentheater-Stück "Böhm" ein?


    ;)

    Karl Terkal begegnete ich in einer Sendung des Bayrischen Rundfunks, mitte der Achtzigerjahre. Ausgestrahlt wurde eine 1951 entstandene, deutschsprachige Eigenproduktion des Senders unter der Stabführung von Clemens Krauss. Mimi in dieser Produktion war die hinreißende Trude Eipperle.


    Am Tag nach der Radiosendung fuhr ich aus dem oberfränkischen Hof nach Baden bei Wien. Um mich von den Strapazen der langen Reise zu erholen, bummelte ich durch das hübsche Rosarium. Musikklänge lockten mich zu einem Podium, auf dem ein kleines Kurorchester einen grauhaarigen Tenor begleitete. Leider hörte ich nur noch wenige Takte, das Konzert ging seinem Ende zu. Ich frug einen Nachbarn, wer denn da sänge? "Das ist der Kammersänger Terkal aus Wien" raunte es zurück. Was für eine Überraschung! Nach dem Konzert begrüßte ich den Künstler: "Ich möchte mich noch für ihren herrlichen Rudolfo bedanken". Er darauf verwundert "Rudolfo? Ich?". Der drollige Dialog ging weiter mit "Ja, unter Clemens Krauss". Karl Terkal: "Na, mit dem Kompliment kommen's aber reichlich spät"...*g*.


    Damit nicht genug. Die Gattin wurde gebeten, aus dem Auto eine Autogrammkarte zu holen. Sie kam mit einem Tamino-Foto zurück. Karl Terkal beim unterschreiben lakonisch "Na, das Bild paßt, es hat auch schon einige Jährchen auf dem Buckel ".


    Übrigens, die "La Boheme" mit Karl Terkal, Trude Eipperle, Wilma Lipp, Alfred Poell und Hans Hermann Nissen ist bei JPC lieferbar.