Operette tot?
Zumindest scheint das Forum tot zu sein. Seit dem Statement eines verfolgten Hetero tiefes Schweigen...

Ich wurde sozusagen mit Operetten großgezogen. Erklärtes Lieblingsstück der Mutter "Der Graf von Luxemburg". Die Oma mochte es gefühliger, das "Schwarzwaldmädel" beispielsweise. Nur der Vater rümpfte die opernorientierte Nase. Freute sich aber, wenn im "Blauen Bock" ein Opernstar in Sachen Operette fremdging.
"Mein" Städtebundtheater im oberfränkischen Hof - zu der Zeit im Musikbereich eine Operettenbühne. Fünf, manchmal sechs Premieren pro Saison. Da kamen auch entlegene Werke auf den Spielplan, beispielsweise "Die Perle von Tokay" von Fred Raymond. Zusätzlich bis zu drei Opernproduktionen, ein ordentliches Pensum für das kleine Haus.
Ein blutjunger Anfänger im Erstengagement mauserte sich später zu einem gefragten Spezialisten des Genre: Mario Brell. Um später noch mit einer Zweitkarriere als schwerer Held zu überraschen. Nicht nur, aber auch in fast allen großen Wagnerpartien. Sinngemäß schreibt Mario Brell in seiner kleinen Autobiografie "Wer Hof überstanden hatte, dem konnte im Sängerleben nichts mehr passieren".
Eine der tragenden Säulen des Operettenensemble war seit kurz nach Kriegsende bis in die Siebzigerjahre Walter Wanke. Dessen Spezies, der Tanzbuffo, ist an den Theatern fast nicht mehr zu finden. Wer "es drauf hatte", diese Mischung aus Charme, flottem Tanzschritt und ansprechendem Gesang war auf die Rolle des Publikumslieblings abonniert. Über 20 Soubretten hatte Walter Wanke während seiner Hofer Bühnenjahre als Partnerinnen. Zu seinem 80. Geburtstag erhielt er eine Damast-Tischdecke mit gestickten Autogrammen all dieser Partnerinnen.
Ich erinnere mich, dass ein prominenter Kollege der Hofers Walter Wanke, der Münchner Gärtnerplatz-Star Harry Friedauer, den Ehrentitel "Bayrischer Kammerschauspieler" erhielt. Wohlweislich nicht den des Kammersängers.
Zurück zur Frage, wie tot oder lebendig die Operette ist. Mein Eindruck dazu: in einigen kleinen theatralischen Biotopen überlebt sie. Baden bei Wien gehört beispielsweise dazu.
Das Theater Hof scheint diese besondere Kunst verlernt zu haben. Im Januar sah ich dort "Die Zirkusprinzessin" von Emmerich Kalmán. Nette Ausstattung, ordentliche Sänger, und, oh Wunder, wirklich und wahrhaftig ein guter Tanzbuffo. Das Ballett hübsch anzusehen, gepflegt spielte das Orchester. Nur - der Abend wollte und wollte nicht zünden. Nichts kam über die Rampe. Peinlich, wie wenn jemand laufend Witze erzählt und keiner lacht. Ein trauriger, fast beklemmender Abend. Tags darauf die Verkäuferin in einer Metzgerei zu mir: "Was, den Schmarren haben sie sich angeguckt? Also, in eine Operette bringen mich keine zehn Pferde mehr!". Sollte die Intendanz das gehört haben? In der Saison 20/21 steht auf alle Fälle nicht eine einzige Operette auf dem Programm. Das hat es dort noch nie gegeben, wenn ich mich recht erinnere.