Beiträge von bubba

    Sette Voci und die neue Herreweghe sind die neue Referenz. Herreweghe sinnlicher, Sette Voci sehr protestantisch, aber nicht kalt oder so.
    Ich bevorzuge insgesamt trotzdem die Sette Voci - Aufnahme, da ich die Collaparte-Instrumente bei Herreweghe störend finde. Wenn Herreweghe diese weglässt, wird es grandios gut - wie etwa bei "Komm, Jesu, Komm"

    Ich möchte aber, damit nach Alfreds Äußerung des "schöngeistigen" Faziolis kein falscher Eindruck entsteht, anmerken, daß ein Fazioli F308 unter entsprechenden Händen (wie zum Beispiel mehrfach im Herkulessaal die von Marc-André Hamelin) zu einem klanggewaltigem Monster werden kann. Ein berauschende Kraft zu vergleichen mit der einer Orgel fliegt einem dann um die Ohren.
    Also, vielleicht ist Frau Hewitt von ihrer Spielweise auch etwas "schöngeistig"? (Herrn Schirmer kenne ich nicht)

    Für alle an Details interessierten sei hier der Link zum englischsprachigem Sorabji-Archiv samt aktivem (tatsächlich hochkompetenten - dort gibt es Komponisten, Musikwissenschaftler und keinen geringeren als Jonathan Powell) Forum.


    http://www.sorabji-archive.co.uk


    (Nein, Moderation, das ist nun wirklich kein Feindforum.)

    So, die Aufnahme des Scholar Baroque Ensembles ist angekommen.


    Positiv werde ich mich hier noch genug darüber aüßern. Aber gleich vorweg: Es gibt leider im Sopran wie bei den Motetten irgendeine undisziplinierte Metzgerin mit abgeschmacktem Vibrato.


    Und unter aller Sau ist Adrian Peacock. Die Arie (und nicht nur das) "Eilt ihr angefocht'nen Seelen" ist eine Frechheit. Er kann kein Deutsch und hat jammert/jault mit saftigem Vibrato umher, daß einem schlecht wird.
    Besonders absurd ist der Kontrast zum überirdisch singendem Chor und toll musizierendem Orchester in "Mein teurer Heiland"
    Leider. Denn der Ensembleklang ist bis auf die eine Sopranistin hervorragend.
    WARUM NUR????? ES GIBT ZIG GRANDIOSE BASSISTEN, WIESO DIESEN???


    Mehr in den nächsten Tagen.

    Kennengelernt habe ich Earl Wild mit seiner tollen Medtner-CD.

    :jubel:


    Danach habe ich "The art of transcription" aus der Reihe "great pianists of the 20th century" gehört. Auch dort ist er voll in seinem Element.
    Er war einer der wenigen Pianisten, die sich zeitlebens mit abseitigem Repertoire beschfätigen. Aus dieser Tradition enstehen Festivals wie Husum oder Schwetzingen. Hoffen wir, daß sie nicht ausstirbt - momentan sieht es gut aus, Stephen Hough und Marc-André Hamelin seien genannt.

    Lieber Glockenton,


    es ist doch wirklich SEHR verwunderlich, daß nichts von Thomas Mann dabei ist...jaja :yes: :D :stumm: :angel:


    Nach deinen hochdifferenzierten Beiträgen zur alten Musik hätte ich sowas nicht ganz erwartet :stumm::D


    Aber das soll kein Vorwurf sein, Star Trek habe ich auch en masse geschaut.


    Trotzdem könnten dir ein paar Portionen "kulturell hochwertige" und trotzdem sehr unterhaltende Filme gefallen: Filme der Coen Brüder, Filme von Tarantino, Haneke etc.


    Ganz ehrlich, ich trashe mich auch manchmal mit so Kram wie Terminator zu. In meiner Jugend habe ich alle Staffeln von Voyager auf DVD angeschaut etc.


    Deine Bezeichnung "kulturell Hochwertiges" und das Argument, mit dem du implizierst, das "kulturell hochwertige" sei nicht unterhaltend, erinnert mich sehr an oft anzutreffende Aussagen von Leute über klassische Musik (diejenigen, die hauptsächlich easy Listening - Pop - Einheitsgedudel hören) .
    Wie diesen Leuten will ich dir deine jetzigen Favouritenfilme garnicht schlecht- oder ausreden, sondern dich ermutigen, deinen Horizont zu erweitern.



    In der Hoffnung, nicht allzu arrogant gewirkt zu haben...


    Viele Grüße :hello:

    Zitat

    Original von m-mueller
    Wissenschaft, Noten, Praxis, Instrumentierung, Bekanntheit.... alles zweitrangig, wenn es sich nicht anhört - und das tut es nicht. Habe heute Abend etliche youtube-Aufnahmen von "Harnoncourt dirigiert Bach" ruf und runter gedudelt - und es gefällt mir im Vergleich zu den mir bekannten Werken schlicht nciht. Man kann natürlich einwenden, daß youtube nicht unbedingt der klangstärkste Kanal ist, aber einen gewissen Eindruck erhält man durchaus.


    Also: Harnoncourt als Bach-Dirigent: Ei drüber


    Viele alte Aufnahmen gefallen mir auch nicht. Da steckte die HIP Bewegung noch in den Kinderschuhen und viele seiner Solisten waren geradezu indiskutabel als auch der Instrumentaklang seines Ensembles. Bei anderen Aufnahmen der gleichen Zeit wird einem aber noch viel mehr schlecht. z.B. Glenn Gould in allen Ehren :jubel: , aber die Cembalokonzerte, eingespielt mit Klavier und Orchester sind grauenhaft (natürlich das Orchester und nicht Glenn Gould).
    Also bitte nicht Harnoncourt 1975 mit Gardiner 1998 oder so vergleichen.


    Besser hört man sich z.B. die sehr gute neueste Einspielung der Johannespassion an. Mich würde interessieren, ob du dann immer noch behaupten magst, das sein "runter gedudelt" .



    Achja, da hier immer Harnoncourt so als DAS Urgestein der HIP-Szene bezeichnet wird, würde mich mal interessieren, warum denn um Gustav Leonhardt nicht so ein Trärää gemacht wird. Ein nicht zu vernachlässigender Teil der Bach Kantaten wurden damals zeitgleich auch von ihm schon aufgenommen - in Zusammenarbeit mit Harnoncourt.
    Die Sache bei G.Leonhardt ist nur, daß er (ZURECHT! :jubel: ) eine derart gottgleiche Stellung unter Cembalisten und Organisten der heutigen Zeit besitzt (die momentanen Jungstars sind oft "Enkelschüler" und seine Solo-Aufnahmen gehören zu den aller aller besten), daß sich mit seinen damaligen Ensemble-Sachen kaum jemand beschäftigt.

    Welche Solistischen Aufnahmen gibts es denn außer die des "Scholar Baroque ensembles"?


    Ich reagier in letzter Zeit immer mehr allergisch, wenn nicht alles absolut durchhörbar ist. Außerdem mag ich den Klang der meisten Chöre einfach nicht. Der Arnold-Schönberg Chor z.B. ist mir immer noch zu verwässert. Die hervorragende :jubel: Interpretation wird leider sehr durch den Chor getrübt.
    Ganz zu schweigen von Gardiner (Der Chor klingt teilweise wie der Gärtnerplatztheater-Chor - ein gemeines Gebrüll) oder Herreweghe (mir zu hauchig).


    Weshalb gibt es eigentlich zig Gesangsensembles, die vorbachsche Musik derartig perfekt singen (Concerto Italiano, Venexiana, Consort of Musicke, The Kings Singers etc.) bei Bach kaum/nicht ?
    Eine Ausnahme ist wohl das Dunedin-Consort und, wie mir immer mehr scheint, das total unbekannte "Scholar Baroque ensemble" .
    Die Formation um Emma Kirkby und Peter Harvey mit dem "purcell quartet" sind natürlich auch :jubel: - aber werden wohl kaum noch weitere CDs gemeinsam produzieren. Vielleicht ja Harveys neues "Magdalena Consort" - man darf gespannt sein.

    hihi


    http://www.hifi-voodoforum.at


    Nein, nur zur Aufklärung: Die Behauptung, statistisch signifikante Unterschiede seien in Hörtests nicht zu erwarten bzw. man wette dagegen, hat nichts mit Messfetischismus zu tun. Man misst dort nämlich nicht, sondern man hört und man frägt nach, ob Unterschiede wahrzunehmen waren. Zuvor pegelt man selbstverständlich auf ein Lautstärkeniveau, weil man dieses immer wahrnimmt - mit der tatsächlichen Qualität hat aber die Lautstärke natürlich nichts zu tun.


    Einen Blind-Hörtest zu diskreditieren oder sonstwie wegzudiskutieren ist einfach Quatsch. Das einzige, was man an manchen kritisieren könnte, wären die Spezifikationen eines solchen Tests (absolute Länge, Länge der Stücke, Art des Tonmaterials etc).
    Sind diese Parameter festgelegt und der Test sagt einem, daß man mit einer Wahrscheinlichkeit von 98% nicht besser war, als jemand, der ausschließlich eine Münze wirft oder sonstwie rät, so ist dies leider einfach eine tautologisch-mathematische Aussage und nicht wegzudiskutieren. Man darf selbstverständlich an die restlichen 2% glauben ;)

    Die neue Kuijken-Aufnahme kenne ich noch nicht, doch höre ich sofort beim reinhören den mich tödlich nervenden Bass, der ebenso einen starken Akzent hat (auch oft bei den Kantaten und der ansonsten großartigen h-moll Messe zu hören) und kein rollendes R beherrscht ("Die Ghraft verschwind je mehr und mehr" klingt einfach lächerlich). Wieso nimmt Kuijken nicht Mertens, Harvey oder Kooy ??


    Die allgemeine Faszination an der Gardiner-Aufnahme konnte ich nie nachvollziehen. Sie ist ordentlich, aber zu brutal, wie Gardiners Chor des öfteren und ehrlich gesagt auch oft genug intonatorisch fragwürdig. Außerdem nervt das Vibrato in den Frauenstimmen. Ich möchte ein Gesangsensemble mit der Qualität wie Alessandrinis "Concerto Italiano" oder "The Kings Singers" - ich frage mich ernsthaft, warum so viele mittelmäßige Motetten-Aufnahmen existieren, wenn es von Gesualdo, Monteverdi, de Wert, Marenzio etc. REIHENWEISE HERVORRAGENDE Aufnahmen gibt.


    Die Cantus Kölln-Aufnahme ist sehr sehr gut. Herreweghe ist zwar schön, aber zu glatt.
    Eine nicht schlechte Aufnahme ist, wenn man vom überbesetzten Bass absieht, die Koopman Aufnahme. Die alte Harnoncourt-Aufnahme will ich echt nicht hören, da graust mir schon nach 10 Sekunden.


    Auf mehrfache Hinweise hier im Forum auf die anscheinend sehr gute Johannespassion mit dem "Scholar Baroque ensemble" habe ich mir diese und die Motetten jetzt bestellt. Bin schon sehr gespannt.
    Edit: Die Aufnahme des Scholar Baroque Ensembles war schon heute im Briefkasten :)
    Mein erster Eindruck ist, daß diese Aufnahme sehr stark ist. Aber: Warum macht man eine so tolle Aufnahme mit der zeternd-überforderten Sopranistin Kym Amps? Sie trübt das ansonsten sehr klare und gerade Klangbild mit ihren falschen, vibratoreichen aber zugleich dünnen Kreissägentönen.
    Der Unterschied zur anderen Sopranistin, Anna Crookes ist frappierend.

    Von Schönberg kenne ich nur op.11, op.23 und op.25 - und ich schätze sie sehr. Insbesondere die Glenn Gould Einspielung ist grandios.


    Von Ives kenne und habe ich die beiden Einspielungen von Marc-André Hamelin der Concord-Sonate, wobei mir die erste Einspielung sehr viel besser gefällt. Außerdem habe ich mir die CD "Ives Plays Ives" (Aufnahmen von 33-44) vor langer Zeit gekauft und finde diese höchst beeindruckend.


    Von Roslavets habe ich ausschließlich die wohlbekannte CD mit Marc-André Hamelin. Da diese CD dir wahrscheinlich bekannt sein dürfte, erübrigt sich jeder Kommentar außer :jubel:


    Cowell Kenne ich von einer Schallplatte mit der Pianistin Sorrel Doris Hays. Darauf ist leider keine Sonate. Aber was man mit einem Klavier für Klänge machen kann, ist schon sehr beeindruckend.

    Nunja, ich kann mich deiner Einschätzung des effektvollen Geklimpers, das sich etwas rasch abnutzt nun wirklich nicht anschließen. Ich finde insbesondere die erste Klaviersonate ein sehr, sehr gehaltvolles Stück. Was ich verstehen kann, ist daß es vielleicht nicht jedermanns Hörerwartung trifft.

    Ein absolutes Muss gerade auch für Sorabji-"Einsteiger" ist die erste Klaviersonate in einem Satz. Scriabinesk, sehr dicht, in spätromantischer chromatischer Tonalitätsauflösung und lüstern dyonysisch noch sehr "europäisch". Die Art der Themenverarbeitung ähnelt sehr die der 4. Sonate Scriabins.



    Es gibt eine Aufnahme von Marc-André Hamelin (damals noch nicht bei Hyperion) und auch einen Livemitschnitt (erhältlich bei mir auf Anfrage ;) )


    Guten Rutsch!

    War eigentlich noch jemand in München beim Berg, Chopin, Alkan - Konzert?


    Die Berg-Sonate, wie man sich denken kann, liegt Hamelin natürlich im Blut. Dort, in der Pseudotonalität der Jahrhundertwende ist er ganz zu Hause.
    Über den Chopin gibt es meiner Meinung nicht viel zu sagen - außer, dass er ihn in München viel mehr wie auf der alten Einspielung interpretierte.
    Beim Alkan war ich nicht erstaunt, dass der Münchner Publikumspöbel nach dem ersten Satz klatschte, aber durchaus, als auch nach dem zweiten Satz einige Langohren nicht an sich halten konnten und wiederum ihren dümmlichen Applaus begannen - was aber von Marc-André Hamelin - bekannt für seine wohl vollendete Höflichkeit und Zurückhaltung - prompt durch die den dritten Satz einleitenden fortissimo Akkorde zerschmettert wurde.
    :angel:


    Ein großartiges Konzert - obwohl er merklich nicht mit sich selber zufrieden war. Zudem war der Fazioli-Flügel nicht optimal eingestellt - leider war es auch nur das zweitgrößte Modell.

    Ich habe ein tolles Gespräch mit MAH gefunden:


    http://thebadplus.typepad.com/dothemath/2009/03/interview-with-marcandré-hamelin.html




    Hochinteressant und sehr, sehr ausführlich. Man erfährt eine Menge Neues. Unter anderem bestätigt sich mein Verdacht, dass MAH wohl nicht nur einer der besten Pianisten, sondern auch einer der kompetentesten Klavierspezialisten ist. Er hat ein unvorstellbares Fachwissen Klavierliteratur und Klaviermusik-Aufnahmen betreffend.

    Zitat

    Original von Kurzstueckmeister


    Pardauz, das wäre mir zu Bach nie eingefallen.
    Bach, der keine Oper geschrieben hat ...


    Wo hätte er sie denn aufführen sollen? Wäre Hasse nicht gewesen, hätten wir heute auch Opern von Bach. Ein Problem damit hatte Bach garantiert nicht, siehe die weltlichen Kantaten, die sich auch für eine szenische Aufführung anbieten.

    Ich finde diesen Musikanspruchsfaschismus äußerst borniert und halte ihn für ein sehr europäisches Phänomen - der amerikanische Größenwahn ist kein künstlerischer.
    Man kann regelmäßig in einem englischen Blödsinns-Musikkritikmagazin, dem "Gramophone" -"The world's best classical music magazine" , oder auch "Englands meistes Magazin der Welt" IMO - über irgendwelche Kompositionen Dinge lesen wie "lack of x" und "lack of y". Und nicht nur in diesem Magazin. Dieser Haufen schwachsinniger Musikzerstörer ist meiner Meinung nach einer der Gründe, weshalb der Klassikszene of Arroganz vorgeworfen wird.


    Es ist eben durchaus so wie Alfred sagt: Die Musikauffassung hat sich auch - und eigentlich besonders dort - in den sich wichtig nehmenden Kreisen geändert. Die "Beurteilungskriterien" waren und sind in der Mehrzahl außermusikalischen Ursprungs. :boese2:

    scriabin007 : Ich schließe mich dir an, was die Aussage betrifft, seine Aufnahmen seien konzeptionell durchdacht.


    Teilweise höre ich ein bisschen heraus, dass einigen hier Hamelins neue CD zu langweilig ist.
    Nach dem ersten hören war mir vieles auch sehr ungewohnt. Doch das macht für mich mitterweile den Reiz dieser CD aus. Hamelin spielt alles andere als normal.
    Man kann Chopin eben auch anders als die russisch geprägten Dramatiker, sehr viel struktureller und als echt absolute Musik spielen. Bei vielen Aufnahmen, wie z.B. Argerich (3. Sonate), wird darauf nicht geachtet - die Musik wird zur persönlichen Tragödie (das ist natürlich auch sehr spannend und schön!!).



    "Hameln vermeidet....trotz der hochen pianistischen Fähigkeiten....über das "normal" Maß hinauszu gehen. Dass hat er auch in seinen bisheringen Einspielungen nicht gemacht....und warum sollte er es bei Chopin machen??"


    Das trifft fast nie zu. Beispiele: Rudepoma auf der alten Aufnahme (weiter oben erwähnt, darauf gibt es noch Chopin 2. Sonate und Rachmaninov), Weissenberg, Kapustin, Sorabji 1. Sonate, Szymanowsky 1. Sonate live (!! das haut einen um), Roslavets (die Tempi und die Phrasierungen sind Notengetreu extrem), Ives (auch hier finde ich die ältere Aufnahme von 89 besser), Rachmaninov (!) - hier ist eine derartige Wucht und ein unglaublicher Tempowahnsinn jedesmal berauschend. Die Tempi bei den Godowsky Etüden sind auch sehr ungewöhnlich, es gibt ja ein paar Vergleichsaufnahmen. Der gesamte Brahms (die Quartette und op.117, 119 sowie das Klavierkonzert) sind durch und durch ungewöhnlich und insbesondere bei 117 und 119 in Sachen Tempo und Klangfarbe. Wer Beethoven Sonate Nr.30 und 31 live in Schwetzingen gehört (oder als Video gesehen hat) wird feststellen, dass hier auch keine Kompromisse gemacht werden.
    Kann mir jemand sagen, was an Hamelins Liszt "normal" ist? Ich kanns nicht.


    Diese Liste ist meiner Meinung nach deutlich länger (Eckhardt-Grammatee, usw.) und lässt sich auch auf die neue CD ausweiten.


    Caesar73 :


    Zunächst gefällt mir die Zusammenstellung der Stücke auch in dieser Reihenfolge sehr gut (nun, das ist natürlich nicht allzu relevant). Die Interpretation der Berceuse finde ich äußerst gelungen. Endlich mal ein NICHT "verträumter" Ansatz.
    Die 2. Sonate löst in mir beim ersten, zweiten und letzten Satz Stress aus, was wohl an den rhythmischen Zerpflückungen liegt. Das ist eigentlich kein Rubato mehr. Das ist bei Hamelin nicht Inkompetenz, man kann auf ihn ein Metronom eichen, z.b. bei Rzewski. Er zerstört damit aber alles Gleichmäßige, Softe und Salonhafte - ich schaue auf ein Bild von Chopin und finde, Hamelin hat mit diesem Ansatz seine Berechtigung.
    Gleichzeitig ist es hochinteressant, wie im ersten Satz verschiedene Klangebenen aufeinander geschichtet werden, es erinnert mich etwas an Alkans Konzert für Klavier Solo, wenn es so gespielt wird.
    Im dritten Satz gefällt mir der Mittelteil wirklich ausgesprochen gut. Der Marsch wirkt äußerst gewalttätig - das passt hervorragend zusammen, finde ich. Die Temposchwankungen sind wohlüberlegt, Hamelin inszeniert hier wirklich einen Trauermarsch - in diesem Sinne steht dieser Satz außerhalb des "absoluten" Interpretationsansatz, kann aber auch sein, dass mich meine persönliche Hörgewohnheit, wie so oft, buchstäblich übers Ohr haut.
    Nun bin ich den vierten Satz auch von ihm schneller gewohnt, doch hier gibt es eben keinen 80 Sekündigen Fiebertraum, wie bei Pogorelich (meine Lieblingsaufnahme), sondern er versucht, die Linien, die sich nur indirekt, also nicht unmittelbar aus dem Notentext, sondern nur durch Aufspüren mit einer sehr ungewöhnlichen Pedalisierungskunst ergeben, herauszuarbeiten.


    Weiter will und kann ich im Moment nichts spezifisch sagen, da ich den Rest der CD erst zweimal oder dreimal gehört habe und ich für meinen Teil bei dieser CD lange brauchen werde, um dahinter zu steigen.


    Wer mit 14 Jahren die Ives-Sonate lernte und diese vor seinen Lehrern versteckte, ändert seine Grundeinstellung garantiert nicht mehr.

    JÜRGEN KESTING Man muss wach sein, um Träume zu notieren


    Der Pianist Marc-André Hamelin steht längst an der Spitze der Klassik- Charts. Seine Liebe gehört extravaganten Außenseitern wie Leopold Godowsky, auf dem neuen Album spielt er Chopin pur.



    Es ist ein offenes Geheimnis im Musikbetrieb, dass nicht unbedingt die musikalische Kompetenz von Dirigenten, Pianisten oder Geigern ausschlaggebend ist für einen ersten Platz auf der Rangliste. Nur zu oft wird die Macht des Marketings für Künstler mit exotischer oder erotischer Ausstrahlung eingesetzt. Nicht selten werden hochgerühmte Stars engagiert, die gar nicht mehr über die Qualitäten verfügen, durch die sie einst berühmt geworden waren. Die Kehrseite der Medaille ist nicht weniger bitter: Ginge es mit rechten Dingen zu, müsste der Pianist und Komponist Marc-André Hamelin längst von seinem Weltruhmesglanz übersonnt sein. In Kanada 1961 geboren, hat Hamelin seit seinem Sieg beim Carnegie Hall International American Music Competition im Jahr 1985 das Klavier-Repertoire auf der Suche nach Raritäten gleichsam mit der Wünschelrute durchwandert. Dabei gelangten jene Werke spätromantischer Komponisten wieder in den Blick, deren technische Schwierigkeiten exorbitant und bisweilen grenzwertig sind: ob Isaac Albéniz’ „Iberia“ oder Charles Valentin Alkans Konzert für Solo-Klavier und die Symphonie für Solo-Klavier; das vollständige Sonatenwerk von Alexander Skrjabin und das von Nikolai Medtner; aber auch Leopold Godowskys „53 Studien über die Etüden von Chopin“ oder das monumentale Klavierkonzert von Ferruccio Busoni. Dies sind nur einige Kolosse aus der beinahe fünfzig Alben umfassenden Diskographie von Hamelin. Seine Liebe zuKomponisten wie Georgy Catoire oder Nikolai Capustin, Leo Ornstein oder Nikolai Roslawetz, Anton Rubinstein oder Xaver Scharwenka würde bei den Managern der sogenannten „Majors“ wohl wenig Gegenliebe finden. Die jüngste Aufnahme Hamelins, der in den letzten zehn Jahren siebenmal mit dem Preis der Deutschen Schallplatten- Kritik ausgezeichnet wurde, ist Frédéric Chopin gewidmet: seinen beiden großen Klaviersonaten, den beiden Nocturnes Opus 27, der Berceuse Opus 57 und der Barcarolle Opus 60. Das Album beginnt mit der Berceuse, deren Linien und Verzierungen Hamelin mit einer rhythmischen Spannung formt, wie einst Maria Callas die „melodie lunghe“ von Bellini – überdies mit einem herrlich singenden Klavier- Ton. Es endet mit der Barcarolle, deren Kantilenen er sanft verschleiernd, „dolce sfogato“, ziseliert und deren Ausbrüche er mit kontrollierter Intensität spielt. Und selbst im Forte und Fortissimo bleibt der Ton rund und weich. „Musik ist das nicht“, meinte Robert Schumann, nachdem er den Finalsatz der Chopinschen Klavier-Sonate in b-Moll Opus 35 gehört hatte. Chopin selber hat diesen seltsamen Satz als ein „Geplauder“ bezeichnet. Hamelin lässt nun das Murmeln des Beginns in nervöses Plaudern und danach in ein hektisches Rede-Durcheinander übergehen. Er wählt für dieses Presto der unisono geführten Hände ein im Vergleich zu Martha Argerich oder Maurizio Pollini überraschend langsames Tempo – 98 Sekunden statt 84 – und sichert ihm gerade dadurch deutliche Konturen oder vielmehr: Lineaturen. Dieser Pianist findet andere Gelegenheiten, um seine phantastische Virtuosität zur Geltung zu bringen (etwa im Scherzo der Sonate h-Moll op. 58), ohne aber im Lustgarten der Virtuosität den Kopf zu verlieren. Er gehört nicht zu jenem von Hubert Stuppner in seinem Pianisten-Buch „Mephistowalzer“ beschriebenen „Spielgesindel“; suchtweder die Abenteuer der Geschwindigkeit, noch überlässt er sich dem Rausch der Raserei oder der romantischen Gefühligkeit, zu der die Nocturnes op. 27 ebenso verführen könnten wie der Marche funèbre aus der Sonate in b-Moll. Auch im Trio des düsteren Marsches, der dem Charakter nach ein Nocturne en miniature ist, folgt Hamelin dem von André Gide formulierten Gedanken, dass man hellwach sein müsse, wenn man seine Träume aufschreibt. Die vorletzte CD Marc-André Hamelins ist den Transkriptionen gewidmet, zu denen der extravagante Leopold (Popsy) Godowsky in seiner Wiener Zeit von Johann Strauß angeregt wurde. Der Begriff „Transkription“ greift in diesem Fall zu kurz. Godowksy hat „symphonische Metamorphosen“ der Walzer „Künstlerleben“ und „Wein,Weib und Gesang“ und der „Fledermaus“ geschrieben, bei denen er, die Transkriptionen von Franz Liszt noch übergipfelnd, die Themen transformierte und auf bisweilen manieristische Weise ausschmückte. Anders als einigen Zeitgenossen, etwa Alfred Grünfeld und Eduard Schütt, ging es ihm dabei nicht um virtuose Salonstücke, sondern, im Sinne Ferruccio Busonis, um „Musik über Musik“. Von besonderem Reiz sind Auszüge aus zwei eigenen Zyklen, die Godowsky dem Dreivierteltakt gewidmet hat: die dem Vorbild von Robert Schumann folgenden „Walzermasken“ und das „Triakontameron“, das dem Erzählvorbild von Boccaccios „Dekamerone“ folgt. Es handelt sich um zart-inwendige, meditative, nostalgische, durch den Walzer-Rhythmus verbundene Miniaturen, die Hamelin mit Anmut, Charme und Verve zum Leben erweckt: eine Hommage an das „Alt- Wien“ – ein Album für den Camp-Geschmack.

    Die neue CD gefällt mir insgesamt sehr gut, obgleich ich die 2. Sonate in der Aufnahme von Port Royal aus dem Jahre 1994 vorziehe. Das mag aber auch an der Aufnahmetechnik liegen, die dort einfach meilenweit besser ist. Ich versteh echt nicht, welchen home-producer mit cubase Hyperion beschäftigt. Geradezu abgeschmackt diese Weichzeichnerei. Es soll wohl ein Markenklang aufgebaut werden. :no: