Ich wage mal ein Statement, für das mich einige Ultra-Wagnerianer sicher steinigen werden: seine Parsifal-Studioaufnahme finde ich ganz hervorragend! Mein liebster Parsifal bleibt die Bayreuther Aufnahme von 1962 unter Knappertsbusch, aber ich greife fast ebenso häufig zu Barenboims Version. Nicht zuletzt wegen der sehr ausgewogenen Besetzung.
Beiträge von Tecumseh Valley
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EEs gibt in der Tat mehrere legitime Ansätze beim Sachs, die alle überzeugen können, wenn der Sänger es versteht, ein plastisches Rollenportrait zu kreieren.
Hast Du Dir denn schon einmal den Sachs von José van Dam unter Solti angehört? Ein sehr subtiles, kultiviertes Portrait. Auch dann, wenn der gute José eher an einen französischen Händler von Cognac als an einen deutschen Schuster erinnert. Ich liebe es aber, dass er (ähnlich wie Schorr) den Sachs nicht spricht, sondern tatsächlich singt.
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Dieser Film ist auch auf DVD erschienen. Er ist sehr gut gemacht. Mich stört nur die Verknüpfung mit Hitler im Titel. Dadurch wird der Eindruck erweckt, als sei dieser Sänger ein Gefolgsmann des Diktator gewesen. Die Dokumentation findet sich auch noch auf diversen Verkaufsportalen im Netz. Die weiter oben verlinkte YouTube-Kopie ist im Vergleich dazu eine Zumutung.

Ich wusste nicht, dass Du den Film auf DVD kaufen kannst. Natürlich ist er dann viel schöner!

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Ich weiß auch gar nicht, was es genau ist, was mich an der Stimme und seinem Vortrag besonders fasziniert.
Ich habe nun die Zeit gefunden, um mir die Aufnahmen aus 1938 aufmerksam anzuhören. Eins vorweg: natürlich war Rode ein sehr guter Sänger, der sein Handwerk beherrschte und mit viel Herz sang. Ich denke, dass wir beide in die Oper rennen würden, wenn es heute einen vergleichbaren Sachs oder Wotan gäbe.
Ich kann ganz gut nachvollziehen, was Dir an Rode gefällt. Insbesondere seinen Sachs höre ich nun mit etwas anderen Ohren. Im Vergleich zu Schorr (der für mich wohl für immer die Referenz bleibt) klingt Rode etwas derber und (im positiven Sinne) plebejischer. Schorr trat ja als Sachs immer sehr vornehm und großbürgerlich auf - vielleicht nicht unbedingt so, wie man sich einen Mann vorstellt, der den ganzen Tag in der Werkstatt ist. Rode klingt nahbarer. Ich sage es mal so: bei Schorr sehe ich einen Poeten, den die Realität dazu zwingt, sich sein Brot mit der Schuhmacherei zu verdienen, der aber eigentlich Künstler ist. Rode hingegen ist der Schuster, dessen Hobby die Kunst ist. Ein Hobby, dass er mit großer Begeisterung pflegt.
Aber noch einmal: die Konkurrenz war damals einfach unfassbar stark: Schorr, Bockelmann, Nissen und noch viele andere unfassbar gute Sänger, zwischen denen man wählen konnte. Es ist ungefähr so, als würden wir uns darüber streiten, ob wir den Ferrari wollen, den Bugatti oder doch lieber den Lambo. Und dabei fahren wir heute bestenfalls BMW.
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Voilá:
Und die Dame war Hilde Zadek
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ja auch menschlich war er ein ganz Großer !
Ich erinnere mich noch daran, einen Film über Max gesehen zu haben, in dem viele Stars interviewt wurden. Eine berühmte Sängerin (leider weiß ich nicht mehr welche) sagte einfach: Er war ein Herr, vom Scheitel bis zur Sohle!
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beim Anblick des Fotos sagte die damals hochbetagte Mödl: Das war ein toller Mann !
Ist es nicht ein schönes Zeugnis für Dein Leben, wenn eine Frau wie Martha Mödl Dich so in Erinnerung behalten hat? Wenn Du willst, dass Deine Kerze wunderschön strahlt, musst Du sie an beiden Enden brennen lassen!
wenn ich Dein Kennwort richtig deute, so bist Du ein Verehrer von Max Lorenz. Dieser hat, im Gegensatz zu Vinay, nicht mit seinen Pfunden gewuchert und konnte noch mit über 60 Jahren bei den Salzburger Festspielen mitwirken.
Ein noch schöneres Zeugnis haben wir über Max Lorenz. Nach dem Tod seiner Frau, der er trotz seiner Homosexualität auch in den allerschwersten Zeiten beistand, schrieb ihm ihr Bruder aus Israel:
"was Du in menschlicher Beziehung getan hast, wird für mich immer ein Vorbild sein: Du hast in der ganzen Hitlerzeit treu zu Deiner jüdischen Frau gehalten, und darüber hinaus hast Du meine selige Mutter unter eigener Gefahr bei Dir zuhaus versteckt gehalten. Daran werde ich mich immer mit tiefer Dankbarkeit erinnern. In inniger Freundschaft, James.“
Zwei großartige Männer, zwei großartige Otellos.
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Ich weiß nicht, ob sie schon erwähnt wurden: die Bienen!
Barrios ist in meinen Augen einer der hörenswertesten lateinamerikanischen Komponisten.
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Doch einzig das Duett "Sì, pel ciel marmoreo giuro" mit Jago (Robert Merrill), das er im November 1950 unter dem Dirigenten Renato Cellini (RCA) aufgenommen hat, läßt immer wieder Bedauern aufkommen, daß er diese Rolle nicht ein einziges Mal in einer Studio-GA singen konnte bzw. durfte.
Das gleiche Bedauern empfinde ich, wenn ich mir die (leider sehr wenigen) Otello-Ausschnitte mit Caruso anhöre. Besonders das Racheduett mit Titta Ruffo spritzt nur so Feuer und Blut. Hast Du da mal reingehört?
Für mich hat kein Tenor den Charakter und die Seele, also das verletzliche Innenleben des Mohren in weißer Umgebung so genau erfasst und stimmloich dargestellt wie er. Er schafft die Verbindung zwischen Verdi und Shakespeare - also zwischen zwei Giganten der Kunst. In seiner Interpretation wird der Rang von Verdi's Spätwerk deutlich.

Hast Du Dir denn mal die Panizza-Aufnahme angehört, von der ich geschrieben habe? Du findest sie vollständig auf Youtube!
Selbstverständlich ist Vickers ein grandioser Otello. Er war ein genialer Musiker und Sänger, das würde ich niemals in Abrede stellen. Deswegen teilt er sich bei mir die Silbermedaille mit Ramon Vinay. Gerade das verletzliche Innenleben und das Gefühl, ein Außenseiter zu sein, kommt in meinen Augen bei Martinelli aber noch deutlicher zur Geltung. Sowohl Martinelli als auch Vickers hatten ja sehr besondere, vom Mainstream doch stark abweichende Stimmen, wobei die von Martinelli in meinen Augen schöner und idiomatischer klingt.
Wenn Du Zeit und Lust hast, dann hör doch einmal in die Panizza-Aufnahme rein, und berichte uns, wie sie Dir gefällt!

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Wenn ich noch einmal ein wenig zu diesem Uralt-Thread schreiben darf. Eure vielen wertvollen Beiträge, für die ich mich herzlich bedanke, haben bei mir die Lust auf den Mohren von Venedig geweckt, und ich habe mal alle Aufnahmen, die ich kenne, noch einmal aufmerksam durchstöbert.
Mein persönliches Urteil aus meinem Beitrag vom 30.05.2022 ist nur noch bestimmter geworden: Giovanni Martinelli ist mein persönlicher Held, die Met-Aufnahme von 1938 ist für mich die Referenz, trotz der (übrigens für die Zeit absolut tolerablen) Aufnahmequalität.
Martinellis Otello ist nicht leicht zugänglich, was vor allem an seinem sehr speziellen, "trockenen" Timbre liegt. Dies ist neben der Aufnahmequalität der Grund, warum ich die Aufnahme Einsteigern nicht empfehlen würde. Und diese Trockenheit ist wohl auch der Grund, warum ihn einige Hörer als "steif" empfinden. Dennoch ist er für mich der vollendete Otello. 1938 war (nach Angabe Jürgen Kestings) sein letztes Glanzjahr, und man hört die stimmliche wie emotionale Reife, die die Rolle verlangt (bei Shakespeare war Ot(h)ello glaube ich auch im Generalsrang, kann also nicht mehr ganz jung sein).
Martinelli ist für mich in der Rolle stimmlich sehr gut, interpretatorisch dagegen überragend. Gerade die Besonderheit seiner Stimme macht den Outsider für mich glaubwürdig. Er hat die gleiche Erwachsenheit, die Vickers und Vinay glaubwürdig darstellen konnten, hat dabei aber trotz aller Trockenheit in der Kehle etwas Helles, Romantisches und "Italienisches" in der Stimme - Attribute, die ich bei Vinay und Vickers immer vermisst habe. Auch singt er von den Otellos der Gesamtaufnahmen für mich am subtilsten: sein Esultate schallt wunderschön laut, und es ist herzzerreißend zu hören, wie Martinelli Akt für Akt zusammenbricht. Im Liebesduett wirkt er z.B. beinahe aristokratisch, was seinen Fall spätestens ab dem dritten Akt nur noch dramatischer macht. Bei Dio mi potevi scagliar klingt er wie ein geschwächter großer Löwe, der aber bei allem Schmerz und aller Verzweiflung seine Anmut und Schönheit niemals verliert. Im Vergleich zu ihm klingen del Monaco oder Domingo beinahe vulgär.
Panizza ist ein wundervoller Dirigent, seine Interpretation gefällt mir deutlich besser, als die viel gerühmte Toscanini-Aufnahme (was mich überrascht, da ich Toscaninis Falstaff mit Valdengo liebe). Lawrence Tibbett ist ein ausgezeichneter Iago. Sein dunkler, "öliger" Bariton lässt ihn furchterregend klingen. Im Gegensatz zur interpretatorischen Meisterleistung von Tito Gobbi verlässt er sich voll und ganz auf seine Stimme und arbeitet mit deutlich weniger stilistischen Mitteln. Wem man von den beiden besten Iagos der Gesamtaufnahmen den Vorrang gibt, ist eine Frage der persönlichen Vorlieben, bei mir gewinnt Tibbett mit leichtem Vorsprung. Rethbergs Desdemona ist der grandiosen Panizza-Aufnahme absolut würdig. Ich staune immer wieder, wie weiblich und wie unabhängig, fast "emanzipiert" sie klingt, besonders dann, wenn ich mir das Alter der Aufnahme vergegenwärtige.
Zu Vinays Otello wurde bereits sehr viel gesagt. Auch für mich ist er grandios, nicht nur wegen der Stimmgewalt und seiner großartigen Interpretation, sondern vor allem wegen seines einzigartigen Timbres. Mehrere weibliche Opernfreunde haben mir gesagt, dass seine Stimme unglaublich sexy ist. Selbst ich als Mann habe sofort verstanden warum.
Zu Vickers Otello kann ich nur sagen: man kann diese Rolle anders singen, besser aber nicht. Trotz der Meisterleistung des Sängers empfinde ich ihn aber immer ein wenig fremd und distanziert. Mit seinem sehr analytischen und intellektuell geprägtem Rollenverständnis konnte ich mich nie wirklich identifizieren. Meine Anerkennung hat Vickers allemal, mein Herz hat er hingegen nie wirklich gewinnen können.
Zum Schluss ein Statement, mit dem ich mich sicherlich unbeliebt machen werde: die Star-Otellos del Monaco und Domingo fallen im Vergleich zu Martinelli, Vinay und Vickers DEUTLICH ab und klingen eher solide und verlässlich als wirklich überragend. Es ist so, als würde man "normalen" guten Whisky mit einem besonderen Lagavulin vergleichen.
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Danke, nemorino. In den meisten Foren gibt es ja die Möglichkeit, sich privat auszutauschen. Der Gedanke dahinter ist, dass man Detailfragen, die die Öffentlichkeit nicht unbedingt interessieren, dort bespricht oder eben auch einen privaten Kontakt zu jemandem herstellt, mit dem man sich gut versteht. Leider musste ich in mehreren anderen Foren die Erfahrung machen, dass die Funktion häufig dazu missbraucht wird, andere User privat zu beleidigen oder ihnen wenigstens die Leviten zu lesen.
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Wie funktioniert es eigentlich mit den Profilaufrufen? Wenn ich das Profil eines anderen Users anklicke, erscheint stets folgende Meldung:
"Der Zutritt zu dieser Seite ist Ihnen leider verwehrt. Sie besitzen nicht die notwendigen Zugriffsrechte, um diese Seite aufrufen zu können."
Besteht eigentlich die Möglichkeit, anderen Usern private Nachrichten zu schicken?
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Eine Frau, von der ich geglaubt hatte, sie sein ein Freund, sagte über Thomas Quasthoff: "Kein Wunder, dass der einen schwierigen Charakter hat. Wenn Du ein verkrüppelter Zwerg bist, wirst Du auch verbittert und böse".
Sie war der erste Mensch in meinem Leben, dem ich das "Du" aufgekündigt habe, weil ich sie nach diesem Spruch einfach nur verachtet habe.
Über das Äußere eines Menschen zu spotten, ist das Allerletze. So etwas macht nur die Unterschicht.
Warum über Tara gespottet wurde, kann ich nicht verstehen. Sie hat ein schönes Gesicht, sehr weibliche Kurven und eine positive Ausstrahlung. Eine sexy Frau!
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Kesting hat eben, wie wohl jeder Sängerliebhaber, so seine Lieblinge und solche, mit denen er wenig anfangen kann. Mir liegt das Werk nicht vor, aber hier im Forum wurde er mal bzgl. des von mir verehrten Bariton Wilhelm Rode zitiert, dieser agiere "pompös" und "provinziell". Das könnte man jetzt aber auch als zeittypischen, für heutige Ohren manierierten und pathosgetränkten Gesangsstil bezeichnen, was gleich weniger abwertend klänge.
Ich schätze Deine Meinung sehr, und deswegen überrascht mich Deine Begeisterung für Rode immer wieder. Dieser von Kesting kritisierte und als pompös und provinziell bezeichnete Gesangsstil war schon typisch für die deutschen Sänger in dieser Zeit (ich formuliere hier bewusst sehr diplomatisch, ich nehme an, dass Dir der Status von Rode in der damaligen Zeit bekannt ist). Selbst der deutlich besser singende Bockelmann war nicht frei von diesem kleinbürgerlichen, falschen Pathos.
Findest Du nicht, dass der weltmännisch singende Friedrich Schorr (dem Kesting sehr respektvolle Worte widmet), Hans Hermann Nissen oder in der leichteren Gewichtsklasse auch Herbert Janssen von einem anderen Format waren als Rode und Bockelmann?
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ich vermisse den Respekt vor einer künstlerischen Leistung!
So sehe ich es nicht. Keiner hat ja behauptet, Prey sei ein schlechter Sänger, wir haben nur über seine Meriten und auch über diejenigen Punkte gesprochen, die uns persönlich nicht so gut gefallen. Ich finde, dass man gerade dann am meisten über Kunst lernt, wenn man sich mit Meinungen anderer Menschen auseinandersetzt. Man muss einfach nur die Grenze zwischen berechtigter Kritik und Diskussion einerseits und ungerechtfertigter Schmähkritik und Bashing andererseits klar sehen. Ich wollte überhaupt nicht "respektlos" sein, weder Dir gegenüber noch gegenüber Hermann Prey.
Es gibt sehr viele Sänger, von denen ich ein Fan bin (ich denke, dass dieses Wort in einem Forum durchaus in Ordnung ist, wir verfassen ja keine Habilitationsschrift) und mit denen Kesting hart ins Gericht geht. Mit Fallen da z.B. Hans Hotter oder Ramon Vinay ein.
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Da man zu Benjamino Giglio zweifellos pro und contra eingestellt sein kann, hier eine Kritik (aus DER SPIEGEL 52/1951) über seine Tournee in Deutschland vor mehr als 70 Jahren (1951).
WOW! Vielen Dank für diesen Artikel!
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Er wollte volkstümlich sein, aber seine "Tümlichkeit" war aufgesetzt und anbiedernd.
Danke für Deinen großartigen Beitrag! Du hast genau das in Worte gefasst, was ich gedacht habe, aber nicht so schön formulieren konnte.
Das gleiche Problem sehe ich mutatis mutandis übrigens auch bei Beniamino Gigli, mit dessen Kunst Kesting ja auch sehr kritisch umgeht. Ich selbst spreche kein italienisch und kann es deswegen nicht so gut beurteilen, aber eine gute Freundin von mir, die perfekt italienisch kann und eine große Opernliebhaberin ist, beschreibt seinen Gesangsstil als ordinär und sogar als vulgär. Wobei er - und da sind sich wohl die meisten Opernfreunde einig - eine Stimme wie Gold hatte, vielleicht die schönste italienische Tenorstimme überhaupt.
Ganz schlimm wird es, wenn Ihr Euch die gruseligen, geschmacklosen Kompositionen aus der Zeit von B.M. anhört. Das er die G....ezza, also das italienische Pendant zum Horst-Ihr-Wisst-Schon-Wer-Lied eingesungen hat, ist der Gipfel von allem. Aber auch unterhalb des Gipfels schlummern grauenhafte Aufnahmen in Giglis Diskografie. Kesting lässt hier auf seine typisch subtile Art zwischen den Zeilen erkennen, was er von Giglis Rolle im damaligen System hält.
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Ich glaube, ich bin ein wenig mißverstanden worden. Keineswegs war es meine Absicht, den Sänger in Bausch und Bogen zu verdammen.
Dann sind wir uns einig. Eine Verdammung habe ich Deinen Zeilen auch nicht entnommen, vielleicht habe ich mich in meiner Antwort ein wenig missverständlich ausgedrückt.

Molinari-Pradellis Turandot solltest Du Dir bei Gelegenheit vielleicht doch anhören. Die Kritik, die Du zitiert hast, kann ich nicht teilen. Der Gesamteindruck der Aufnahme ist für mich sehr positiv, vor allem vielleicht wegen des großartigen Molinari-Pradelli (ein meiner Ansicht nach sehr unterbewerteter Dirigent).
Was da seit 1993 geschrieben steht, beleidigt nicht nur den Sänger Hermann Prey - dessen Todestag heute ist, er starb 1998 - sondern auch das Publikum, das seine Darbietungen stets schätzte.
Auf Seite 648 in DIE GROSSEN SÄNGER findet man zu Hermann Prey folgendes:
»... daß der von seinen natürlichen stimmlichen Anlagen her reich Begabte den singenden Naturburschen herauskehrte. Anders als schlicht und scheinbar natürlich singende Künstler wie Gerhard Hüsch oder Karl Schmitt-Walter bedient sich Hermann Prey längst vernutzter biederer, sentimentaler, selbst schlagerhafter Effekte, die - weil längst verbraucht - nicht einmal manieriert sind, sondern auf Anbiederung hinauslaufen, auf ein Verkaufsgespräch mit dem Publikum, dem stereotype Gefühlsgesten als Kunst angeboten werden, obwohl sie längst das Moment des Schlager- und Schnulzenhaften bergen. Dies manifestiert sich nicht zuletzt in einer Formung des Klanges, die vom Kunstlied nur noch den Abguß für die Fernsehunterhaltung übrigläßt«.
Ich weiß, dass Hermann Prey bis heute sehr beliebt ist und viele Fans hat (zu denen Du offenbar auch gehörst).
Ich muss Dir Recht geben, dass Kestings Formulierungen für einige Leser etwas arrogant klingen. So etwas siehst Du oft bei sehr gebildeten und klugen Menschen. Wahrscheinlich empfand das Publikum deswegen z.B. Helmut Schmidt oder Karl Lagerfeld manchmal als arrogant. Vielleicht ist es bei mir aber gerade diese Arroganz, die ich an Kesting mag.
Zu Prey: ohne Dich als Fan persönlich verletzen zu wollen, möchte ich sagen, dass ich die Worte Kestings hier unterschreiben kann. Auf mich wirkte Prey im Vergleich zu dem weltmännisch singenden Fischer-Dieskau auch immer ein wenig provinziell und allzu direkt. Wie der Junge von nebenan. Für mich war er (wie z.B. Rudolf Schock auch) nicht unbedingt der Sänger der Musikkenner, und er wirkte oft volkstümlich. Der Vergleich mit Hüsch passt hier sehr gut. Vergleiche hier z.B. einmal den (m.E. unerreichten) Papageno von Hüsch unter Sir Thomas Beecham mit Prey.
Ich kann nachvollziehen, dass die Zeilen von Kesting für Dich als Fan drastisch oder vielleicht sogar - wie Du geschrieben hast - beleidigend klingen. Ich empfinde es nicht so. Beleidigen kann man einen Menschen nur aufgrund persönlicher Eigenschaften, hier geht es um die Kunst Hermann Preys. Über Prey als Menschen hat Kesting nichts gesagt. Mir war er als Mensch übrigens immer ausgesprochen sympathisch.

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Der Satz könnte glatt von mir sein! Und weil wir gerade dabei sind, füge ich gleich noch als absoluten Brüller Franco Corelli hinzu, der ebenfalls meinte, durch Lautstärke seine Dominanz betonen zu müssen. Man höre nur den Radamès von del Monaco (Erede, DECCA) oder Corelli (Mehta, EMI). Beide scheinen zu glauben, ein Feldherr müsse möglichst laut brüllen, um seine Autorität zu unterstreichen. Vielleicht haben sie solche Erfahrungen während ihrer Soldatenzeit auf dem Exerzierplatz gemacht.
Ich habe die Aufnahmen mit diesen beiden Tenören möglichst weiträumig umfahren, doch in manchen Fällen war das schwierig, weil ich entweder den Dirigenten oder die Partner dieser Tenöre so hoch schätzte, daß ich mir die Aufnahme trotz meiner grundsätzlichen Vorbehalte beschafft habe. Von seiner "Paraderolle", dem Othello, einmal abgesehen, der ja immerhin einige Meriten hat (ich ziehe allerdings Jon Vickers mit weitem Abstand vor), sind für mich die krassesten Fehlleistungen de Monacos sein Herzog in Rigoletto (unter Erede, DECCA), wo er seiner zarten Gilda (Hilde Gueden) quasi singend die Unschuld nimmt, oder sein im Fortissimo schwelgender Cavaradossi (Molinari-Pradelli, DECCA), der mit seinem Dauergebrüll protzen will, aber dennoch seiner wunderbaren Partnerin Renata Tebaldi die Schau nicht stehlen kann.
Ähnliches widerfährt der sanften Santuzza von Victoria de los Angeles, die von ihrem Turiddu Franco Corelli (Santini, EMI) so machohaft angebrüllt wird, daß man eigentlich froh sein kann, daß er sein Duell mit Alfio nicht überlebt. Diese Ehe wäre wahrscheinlich die Hölle geworden!
Irgendwie empfinde ich den Fall Mario del Monaco auch als ein wenig tragisch. Er hatte die idealen Voraussetzungen, um ein ganz großer Tenor zu werden. Wir können nicht in Abrede stellen, dass seine Stimme gewaltig, voluminös und auch sehr klangschön war. Ich weiß nicht, wie er als Mensch war, aber ich habe bei ihm immer das Gefühl, dass er Gefangener seines eigenen schwierigen und vielleicht auch narzisstischen Charakters war. Er klingt so, als würde er die Kompositionen Verdis nicht wirklich schätzen, sondern eher als Abschussrampe für seine XXL-Stimmkanone sehen. Er sah offenbar eine Produktion nicht als Gruppenleistung, sondern betrachtete sich als den Mittelpunkt, mit vielen Nebendarstellern um ihn herum, denen er gar nicht zuhören wollte. Leider ist er nicht der einzige Sänger oder Musiker, der in diese Falle getappt ist. Insbesondere viele sehr versierte Rock- und Jazz-Musiker neigen dazu, sich allzu sehr in den Mittelpunkt zu stellen und mit ihrer Virtuosität Dinge zu zerreden, anstatt sie beim Namen zu nennen.
Anmerken muss ich aber, dass ich mich mit mehreren Leuten unterhalten konnte, die del Monaco noch live als Otello erleben konnten. Alle sagten, dass er dort deutlich besser wegkam als auf den Studio-Aufnahmen. Wobei natürlich nicht vergessen werden darf, dass er ein sehr schöner Mann mit schauspielerischer Begabung und mit viel italienischem Temperament war.
Es ist genau die Demut, die del Monaco nicht hatte, die ich bei Wolfgang Windgassen schätze und die auch Kesting als positiv hervorhebt. Wenn ich ihn höre, höre ich einen intelligenten Mann und einen echten Teamplayer. Wahrscheinlich war er gerade deswegen bei den Wagner-Brüdern und auch beim Publikum so geschätzt. Die Kritik, die Kesting bei ihm anbringt, ist und bleibt aber trotzdem gerechtfertigt: er merkt z.B. zu Recht an, dass Windgassen oft rhythmische Schwankungen hatte. Höre Dir hierzu den (natürlich großartigen) Parsifal von 1951 unter Knappertsbusch an. Dort "eiert" er sehr häufig, vor allem im dritten Akt. Im Bayreuther Ring von 1956 (auch unter Kna) fällt er als Siegmund leider mehrere Male völig aus dem Rhythmus.
Zu Corelli kann ich Dir leider nicht so viel sagen, da ich bei Opern eher das deutsche Repertoire mag. Sein Calaf unter Molinari-Pradelli gefällt mir sehr gut, wobei natürlich dazugehört, dass es wohl eine Unmöglichkeit darstellt, eine Birgit Nilsson stimmlich zu übertrumpfen. Insgesamt eine großartige Einspielung. Obwohl ich Puccini eigentlich nicht mag, höre ich sie regelmäßig sehr gerne.
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Doch in den meisten Fällen kann ich ihm nur zustimmen, zumal er seine Urteile ausreichend, und vor allem auch für Laien, verständlich begründet. Ich möchte diese Bücher auf keinen Fall missen - ich ziehe sie immer wieder zu Rate.
Die Ansicht vieler Leute, gemäß der Kesting "gnadenlos" sein, kann ich bei bestem Willen nicht nachvollziehen. In seinem Buch setzt er sich vielmehr sehr differenziert mit allen Aspekten der jeweiligen Sänger auseinander. Wenn Du ein wenig zwischen den Zeilen liest, siehst Du, dass er bei aller Objektivität eigentlich sehr wohlwollend ist und gerne Lob verteilt.
Weniger qualifizierte Kritiker schreiben häufig nicht von "guten" oder "schlechten" Sängern, sondern von Sängern, die ihnen gefallen bzw. nicht gefallen. Bei Kesting mag ich gerade, dass er selten etwas von seinen persönlichen Vorlieben preisgibt, sondern immer bestrebt ist, einen objektiven Maßstab bei der Beurteilung anzulegen. Natürlich widerstrebt das oft dem persönlichen Empfinden vieler Musikkonsumenten, ist aber eigentlich die Aufgabe des Kritikers.
Bei einigen Sängern schreibt er Worte, die ich persönlich schon vor der Lektüre ähnlich gedacht, aber nie laut auszusprechen gewagt habe - vor allem wegen des Prestiges und des Erfolgs der jeweiligen Sänger. Bestes Beispiel ist wohl der Mr- Olympia-Otello von Mario del Monaco, der von vielen heute noch als Referenz eingestuft wird. Ich empfand ihn schon beim ersten Hören als aggressiv, wenig subtil, macho und (bitte verzeihe mir das Wort) "mackerhaft". Kestings Urteil über ihn fällt verheerend aus, ist aber absolut nachvollziehbar.
Ein anderes Beispiel: Wolfgang Windgassens Kunst habe ich immer geliebt, habe aber trotzdem seine Schwächen gesehen. Kesting setzt sich auch mit ihm sehr detailliert auseinander und weist vollkommen objektiv und ohne bösen Willen auf seine Defizite hin, insbesondere bei den superschweren Tenorrollen. Dennoch kannst Du zwischen den Zeilen lesen, dass Kesting ihn schätzt und seine Bedeutung nicht in Zweifel zieht.
Ähnlich schreibt er über Jon Vickers: Du erkennst hier, dass Kesting sich bewusst ist, dass es schönere Stimmen gibt, dass aber Vickers mit seiner Musikalität und Intelligenz seine Defizite kompensieren kann.
Im Übrrigen geizt er bei den wirklich guten Sängern nicht mit Lob und vergibt gerne auch mal ein "sehr gut". Ich denke da an Leute wie Caruso, Melchior, Schorr oder später an Kurt Moll.
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Ich habe noch die alte Version der "großen Sänger" mit dem blauen Einband und liebe das Buch sehr.
Die Kritik, dass Jürgen Kesting oft sehr schroff urteilt, ist sicherlich berechtigt. Ich empfinde seine Strenge aber als positiv. Er ist ein ausgezeichneter Kritiker, und (fast) jeder Punkt, den er kritisch betrachtet, ist für mich nachvollziehbar. Wenn man übrigens genauer liest, merkt man schnell, dass Kesting gerne auch Lob verteilt.
Ich kann generell nicht viel mit der inflationären Verteilung von Lob anfangen, die heute offenbar zum guten Ton dazugehört. Ein "Befriedigend" ist eine ordentliche Note, und bei Kesting muss jeder Sänger auch für ein Befriedigend hart arbeiten. Dafür kann man auf ein von Kesting vergebenes Befriedigend ruhigen Gewissens stolz sein.
"Not everybody can become a Marine. If everybody could become a Marine, there would be no Marines. All we need is a few good men."
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Der ganz große Schorr-Fan war ich auch nie (siehe bereits meinen Uralt-Beitrag von 2009), obschon ich seinen Rang mittlerweile durchaus zu würdigen weiß. Mir geht es ein wenig anders als meinem geschätzten Vorredner. Bockelmann schätze ich schon überaus, eigentlich mehr als Nissen. Mein liebster Heldenbariton dieser Zeit ist über die Jahre indes Wilhelm Rode geworden. Nicht zu vergessen (zeitlich ein wenig später) Josef Herrmann. Aber auf welch hohem Niveau nörgelt man hier eigentlich. Gäbe es auch nur einen einzigen dieses Formats im heutigen Wagner-Fach!
Danke für Deine netten Worte!
Die Einwände, die gegen Friedrich Schorr erhoben werden, sind für mich alle nachvollziehbar. Insbesondere in späteren Jahren störten die leichte Brüchigkeit in seiner Stimme und die Schwierigkeiten mit den hohen Tönen den Genuss doch erheblich. Bockelmann hatte die ausgewogenere Stimme und sicherlich die bessere Technik. Seine unglaubliche Ausdauer und die (in der Tat herrlich klingenden) dynamischen Höhen sind vielleicht bis heute unerreicht.
Dennoch hatte Schorr ein Alleinstellungsmerkmal, das seine Wunderwaffe war und ihm für mich zum größten Wagner-Bariton aller Zeiten macht: er klingt humaner als jeder andere Sachs. Hör Dir einmal die Aufnahme seines Schusterliedes an und vergleiche es dann mit der Version von Bockelmann. Schorr spielt hier ganz virtuos mit vielen Farben. Sein Lied ist wie ein Kaleidoskop, und trotzdem wackelt nichts.
Vergleiche auch einmal den berühmten Wotan-Abschied unter Leo Blech mit der Furtwängler-Aufnahme aus London mit Bockelmann. Achte auch hier einmal darauf, mit wie vielen Klängen und Farben Schorr arbeitet. Wie schmerzlich betroffen der Abschied, und wie autoritär danach die Anrufung des Feuergottes klingt. Bockelmanns Version ist natürlich auch superb, dennoch ist sie im Vergleich ein wenig (!) eindimensional und nicht frei von leichten sentimentalen Entgleisungen.
Nissen mag ich sehr gerne. Vor allem seine Version des Holländer-Monologs. Er klingt weniger schmerzerfüllt als Schorr, zeigt aber die düstere, furchterregende Seite des Holländers wie vielleicht kein anderer Bariton. Er ist kein Getriebener wie Schorr oder wie später Hermann Uhde (für mich der beste Holländer der Gesamtaufnahmen), sondern ist tatsächlich der Schrecken aller Meere, vor dem selbst Käpt'n Jack Sparrow die Flucht ergreift.
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Basti verwechselt da Bayreuth mit Salzburg. In der dortigen Neistersinger-Produktion war Schorr vorgesehen, aber Toscanini ersetzte ihn dann durch Hans Hermann Nissen.
Stimmt, das habe ich auch gehört. Nissen war übrigens auch ein grandioser Sänger, als Sachs verdient er eigentlich die Silbermedaille nach Schorr. Ich persönlich kann Bockelmann (trotz seiner stimmlich superben Qualitäten) nicht wirklich viel abgewinnen. Er steht zu sehr für eine bestimmte Zeit und für einen bestimmten Wagner.
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Alles anzeigen
Weil es "Protenkultur" ist - geradezu eine Herausforderung der echten Kultur.
Adel und später Großbürgertum haben solche Strömingen mit aller Härte unterdrückt - und das war gut so
WIKIPEDIA schreibt:
Im Vordergrund der Technoszene steht elektronische Musik, die aufgrund ihrer rhythmisch-monotonen Struktur oder ihres sphärischen Klanges an alte Stammesrituale erinnert.Es genügt nicht, daß dies Schandflecke europäischer Kultur stillschweigend toleriert werden, nein man will sie noch legalisieren und Standesunterschieder egalisieren...
Und dann sagen wir zu diesen Leute noch"Gesellschaft"...!!!!

Wenn Du einen so engen Kulturbegriff als Maßstab anlegst, wird es natürlich schwierig. Dein bevorzugtes Segment (van Eyck bis höchstens Chagall) stellt einen winzig kleinen Ausschnitt von dem dar, was heute im Allgemeinen (auch von gebildeten Menschen) unter Kunst verstanden wird. Dieses kleine Segment ist unter den heutigen Umständen wohl nicht marktfähig und könnte ohne großzügige staatliche Subventionen nicht überleben. Würde ich nach Deinen Standards urteilen, müsste das vernichtende Verdikt lauten: ja, Kunst ist für die Mehrheit der Menschen absolut verzichtbar, da die Mehrheit schlicht und einfach kein Interesse daran hat, sich tief in die Materie einzuarbeiten und die Kenntnisse zu erwerben, die für das Verständnis "Deiner" Kunst erforderlich sind. Die Ausnahme bilden wohl ältere, gebildete Menschen und sehr privilegierte Kinder und Jugendliche, denen Bildung und künstlerisches Feingefühl in die Wiege gelegt wurden.
Ich halte es aber für verfehlt, sämtliche Ausdrucksformen außerhalb Deines Kanons als "Proletenkultur" abzutun. Jeder Mensch ist gleich viel "wert", und jeder hat eine Menschenwürde. Das Recht, sich auszudrücken oder die von ihm gewählte Ausdrucksform zu konsumieren, ist selbstverständlicher Ausfluss dieser Würde, juristisch wie moralisch.
Ich persönlich bin kein Freund dieser vermeintlichen "Standesunterschiede" und konsumiere gerne möglichst viele verschiedene Formen von Kunst, obwohl ich kein ausgebildeter Kunsthistoriker oder Ästhet, sondern in den meisten Fällen nur interessierter Laie bin.
Die Kunst der Völker und Kulturen, die zu den abscheulichen Kolonialzeiten als "primitiv" herabgewürdigt wurden, ist ein unerschöpflicher Fundus. Ebenso die Kunst der einfacheren "weißen" Menschen. Sich gegenüber diesen Formen des Ausdrucks gegenüber vollkommen zu verschließen, halte ich schlicht für nicht richtig. Picasso war fasziniert von der Kunst der Steinzeit. Henry Moore hat sich von afrikanischer Kunst inspirieren lassen. Dame Evelyn Glennie (für mich eine der größten lebenden Künstlerinnen) wurde immens stark von afrikanischen Rhythmen beeinflusst. Béla Bartok hat die Volksmusik seines Heimatlandes sorgfältig studiert. Ry Cooder habe ich schon erwähnt. Ich könnte aber auch von Miles Davis und von John McLaughlin schreiben. Die Liste ließe sich fortsetzen.
Wie Du siehst, lege ich den Kunstbegriff etwas weiter aus, und da sehe ich ganz klar, dass der Großteil der Menschen eben nicht auf Kunst verzichten will oder kann. Die Kunst der "Massen" möchte ich nicht schlicht als "Proletenkultur" bezeichnen. Auch Blues, Jazz und Country waren in ihren frühen Formen "Unterschichtenmusik". Dennoch sind sie heute Teil der US-Amerikanischen Geschichte.
Da der Berghain erwähnt wurde: ich muss zugeben, dass man mich persönlich mit elektronischer Musik foltern kann. Dennoch kenne ich viele (durchaus auch gebildete und sehr sympathische) Leute, die das Zeug lieben. Dass viele DJs heute selbst in "etablierten" Häusern wie der Elbphilharmonie auftreten dürfen, zeigt mir, dass ich mit meiner Ablehnung vielleicht nicht ganz richtig liege.
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Kommt man ohne Kunst aus ? Ich würde sagen JA - und vor allem ohne "kommerzielle " Kunst.
Danke für diese sehr offene und gehaltvolle Frage, lieber Alfred.
Wenn Du mir erlaubst, würde ich sie aber etwas umformulieren: möchte der Mensch ohne Kunst auskommen? Meine ganz klare Antwort ist: NEIN!
Anders kann ich mir z.B. die zahlreichen Höhlenmalereien aus der Steinzeit und die frühen Zeugnisse der Kunst nicht erklären. Auf dem Gebiet bin ich ein absoluter Laie und lasse mich gerne eines Besseren belehren, aber ich hatte immer den Eindruck, dass selbst der Steinzeitmensch mit seiner einfachen Kunst etwas ausdrücken oder zumindest eine Verbindung zu etwas Höherem herstellen wollte. Gerade dieses Streben nach dem höheren ist es doch, was uns motiviert, Kunst zu schaffen oder sie zumindest zu konsumieren.
Auch heute hat jede Bevölkerungsgruppe ihre eigene Kunst und durchaus auch ihre eigene Auffassung von Kunst. Der Bluesmusiker Ry Cooder war z.B. nach einer Afrika-Expedition fasziniert von der Musik der Einheimischen und hat sich von ihr zu musikalischen Höchstleistungen inspirieren lassen. Das Kunstverständnis der Afrikaner als "primitiv" abzutun, halte ich für eine schwere Verfehlung, intellektuell wie moralisch. Offenbar können und wollen diese Menschen nicht ohne ihre Kunst leben.
Auch in unserer weiter entwickelten Gesellschaft hat doch jeder sein Bedürfnis nach Kunst, und jeder hat seine eigene Kunst. Die Sekretärin, die gerne Schlager hört oder die Oma, die gerne ihre Volkslieder summt. Die jungen Menschen mit ihrer Musik, für die die meisten von uns wohl zu alt sind. Der "Bro" mit seinem Gangsta Rap (den ich persönlich oft sehr amüsant finde). Ich könnte die Reihe beliebig fortsetzen. Das Kunstempfinden all dieser Menschen als unterentwickelt abzutun, halte ich schlicht für arrogant.
Kurzum: natürlich ist es schlimmer, zu verdursten oder zu erfrieren, als mal einige Tage oder Wochen lang keine Kunst genießen zu dürfen. Auf lange Frist ist aber beides tödlich, sei es im wörtlichen oder im übertragenen Sinne. Der Mensch ist nun einmal kein bloßer Materialist.
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Vielen Dank für Eure vielen nützlichen Antworten!
Was hat ihm denn schon nicht gefallen? Wenn man überhaupt nichts zu den Vorlieben weiß, ist es schwierig...
Das macht es mir auch schwierig, da er ziemlich unberechenbar und schnell urteilt. Wenn er z.B. Rachmaninows Toteninsel (ein mit verhasstes Werk) als "Mega" (sic!) bezeichnet oder Sacre du Printemps als "Gescheppert" abqualifiziert, kocht mir das Blut, und ich muss mich wirklich beherrschen. Dennoch, wie ich gesagt habe: er ist ein guter Freund und (im Gegensatz zu den meisten Menschen heute) zumindest interessiert. Dennoch merke ich immer wieder, wie unterschiedlich wir beide Musik wahrnehmen. Ich versuche, Musik zu verstehen, während er sich emotional angesprochen fühlen muss und Sachen sofort verwirft, die ihm auf Anhieb nicht gefallen.
Natürlich ist so eine Empfehlung immer schwierig. Dennoch gibt es vielleicht Werke, die nicht übermäßig komplex sind und die auch Einsteiger mit weniger trainierten Ohren fesseln.
Mir ist auch bewusst geworden, dass Werke, die ein Einsteiger NICHT unbedingt als erstes hören sollte, deutlich leichter zu finden sind. Ich denke da an Wozzeck, La Sache du Printemps, fast alles von Mahler, etc.
Das wären auch meine Empfehlungen - die "Bilder einer Ausstellung" (natürlich in der Ravel-Fassung, mit Solti) waren meine Einstiegsdroge...
Gute Idee, danke!
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Ich glaube, daß dieser Thread in Frage kommt - etwa ab Beitrag 416 (von mir hier bereits verlinkt)
Der Ring, der nie gelungen - Richard Wagner: Der Ring des Nibelungen
mfg aus Wien
Alfred
Vielen Dank!
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Und vor kurzem wurde hier auch Soltis berühmte "Ring"-Aufnahme , die vielen ja als die beste aller Zeiten gilt, mit durchaus nachvollziehbaren Argumenten als keineswegs so exzeptionell bewertet.
Eigentlich mag ich es auch nicht so gerne, wenn Aufnahmen als "überbewertet" bezeichnet und so in den Schlamm gezogen werden. Diskussionen über "unterbewertete" Aufnahmen und Künstler sind in der Regel konstruktiver. Dennoch muss ich zugeben dass ich neben dem Kleiber-Freischütz als erstes sofort an den Solti-Ring gedacht habe, der eine herbe Enttäuschung war und mich auch nach vielen Jahren nie angesprochen hat. Deswegen die Frage: kann mir jemand den Link zu der Diskussion hier im Forum zeigen?
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Ladies and Gentlemen,
ich hatte in der letzten Zeit mehrere Unterhaltungen mit einem sehr alten Freund von mir, der jetzt seine ersten Schritte in Richtung klassische Musik machen will und mich nach Empfehlungen gefragt hat. Dabei war ich selbst überrascht, wie schwer es mir fällt, leicht zugängliche und dennoch gute Musik für ihn zu finden und dabei mehr als die "üblichen Verdächtigen" zu nennen (Vier Jahreszeiten, Zauberflöte, Beethovens Sechste, etc.).
Meine Freund ist Ende 30 und hat bislang Rock und Jazz gehört. Er hat auch hier nicht wirklich Ahnung, hört aber zumindest aufmerksam hin (was ich sehr schätze). Problem ist nur, dass er ein ziemlicher Dickkopf ist, der schnell urteilt und nur Musik hört, die ihn (wie er immer wieder formuliert) "ergreift" und "anspricht". Sprich: er macht nicht wirklich einen Unterschied zwischen "guter Musik" und "Musik, die ihm gefällt". Hieraus folgt, dass er nicht bereit ist, sich Musik zu erarbeiten und intellektuell in die Materie einzutauchen. Dennoch möchte ich ihn nicht hängen lassen, da er mit großer Freude bei der Sache ist und es eigentlich nicht schön ist, einen musikinteressierten Menschen zu vergraulen, sei er noch so ein Dickkopf. Ich würde viel lieber sein Interesse noch mehr wecken.
Deshalb eine ganz offene Frage in die Runde: was würdet ihr ihm empfehlen? Aller Epochen und alle Formen sind willkommen!
Vielen Dank für eure Unterstützung!
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Ich höre während der Arbeit eigentlich ununterbrochen Musik. Ich bin in der Wissenschaft tätig und muss mich häufig auf lange, umfangreiche Arbeiten konzentrieren und sehr detailliert arbeiten. Da hilft es sehr, leichtere Musik als Begleiter zu haben. Ich höre bei der Arbeit am liebsten frühe Musik, Barock und gelegentlich auch Mozart, Haydn und Beethoven.
Für schwerere Kost muss ich mich hingegen hinsetzen und in der richtigen Stimmung sein. Vor einigen Wochen hatte ich am Abend eine lange Zugfahrt. Ich hatte meine guten Kopfhörer und einen Flachmann gefüllt mit Lagavulin bei mir. Ich habe mir während der Fahrt den gesamten Keilberth-Holländer angehört und ihn richtig genossen. Am Ende musste ich jedoch voller Empörung feststellen, dass der Holländer offenbar meinen Whisky mit sich in die tiefe des Ozeans gezogen hat!

