Beiträge von Werner Hintze

    Für die Macher von Theasterinszenierungen war immer nur eines relevant:

    Der Text im Libretto und die Noten in der Partitur - und die Regieanweisungen des Librettisten.

    Ich bin nicht sicher, wie das zu verstehen ist. Wenn es eine historische Anmerkung sein soll, ist sie falsch. Der Gedanke, dass das Theater sich an die Wünsche des Autors zu halten hat, kommt erst sehr, sehr spät in der Theatergeschichte, nämlich Ende des 19. Jahrhunderts auf und wurde bis in die Mitte des 20. hinein nur äußerst selten umgesetzt. Vorher wäre niemand auf die Idee gekommen, ein Stück ohne zum Teil heftige Eingriffe zu spielen.


    Sollte das aber eine Festlegung sein, an die sich sich Theaterleute zu halten haben, erhebt sich wieder die alte, nach wie vor unbeantwortete Frage, wer das festlegt und mit welchem Recht. Irgendwelche gefühlten Privatstatistiken helfen da gar nichts. Zumal Kunst noch nie eine Frage von Mehrheitsentscheidungen war und selbstverständlich auch nicht sein kann.

    Meine Äußerungen sind also, um es noch einmal zu wiederholen, stellvertretend für einen bestimmten Teil des Publikums zu verstehen, der eine gewisse Vorstellung davon hat, wie die werknahe Umsetzung einer Vorlage aussehen sollte.

    Anscheinend ist es sehr schwer zu verstehen. Also noch mal: Es gibt Leute, die mögen dies, und es gibt Leute, die mögen das. Du meinst nun, einzig die Wünsche der Leute mit der Vorliebe für dies müssen für die Macher relevant sein. Die Frage ist, warum das so sein soll. Warum nicht die Wünsche der Leute mit der Vorliebe für das?


    Es ist eines zu sagen, dass einem etwas gefällt oder nicht, ein anderes ist zu fordern, dass zu geschehen hat, was einem gefällt. Ersteres steht jedem frei, letzteres keinem.

    Versuche doch mal (wenigstens einmal), zu lesen. worauf Du reagierst, bevor Du losplautzt. Du wirst Dich wundern, was für einen wundersamen Effekt das hat. Hier wirst Du merken, dass Christian das möglicherweise in einem Deiner Träume unterstellt hat, aber nicht hier. Stattdessen hast Du in Deinem vorigen Beitrag wieder ein paar schöne Strohmann-Argumente gebracht. Für die scheinst Du ja eine besondere Vorliebe zu haben. Was das über Deine Fähigkeit und Deine Bereitschaft zum Diskurs aussagt, muss ich Dir wohl nicht erklären.

    Die Berliner Zeitung hat heute ein sehr interessantes Interview zum Bildungssystem Chinas, dasbvom Projekt einer Gesamtübersetzung der Werke Goethes ausgeht. Day betrifft zwar nur einen Teil Asiens, ist aber immerhin in Bezug auf diesen Teil geeignet, einige populäre Vorurteile abzubauen und durch Wissen zu ersetzen. Wenn allerdings an der Sicherheit seines Überlegenheitsbewusstseins gelegen ist, der sollte die Lektüre vermeiden.

    Ich empfehle einen Blick in einen Atlas. Man kann da sehen, dass Asien vom Suez-Kanal bis nach Japan und vom Eismeer bis fast nach Australien reicht. Europa ist nichts weiter als das »zerklüftete Nordwestkap« dieser gewaltigen Landmasse. Die Vielzahl und Verschiedenheit der Kulturen dieses Gebiets lässst eine pauschale Aussage über »den Asiaten« nicht zu, wie man schnell sieht, wenn man mal Arabien, China, Indien und Japan miteinander vergleicht. Auch die Mentalitäten sind entsprechend verschieden und die Unterschiede jedenfalls größer als zwischen Island und Italien, die man ja auch nicht in einen Topf werfen würde. Es liegt also auf der Hand, dass das Wort von der »Ameinsenmentalität des Asiaten« unsinnig sein muss, selbst wenn man davon absieht oder es vorübergehend toleriert, dass es sich um ein primitives rassistisches Klischee handelt.

    Naja. Vielleicht es ja deshalb »historisch informierte Aufführungspraxis« und nicht »historische Aufführungspraxis«? Eben weil keine Rekonstruktion beabsichtigt ist, sondern Aufführungen, die in dieser unsere Zeit gehören und dem Stil der Zeit entsprechen? Das ist gar nicht anders als bei Furtwängler usw., nur dass sich die Zeiten geändert haben und damit auch der Stil. Und zu diesem gehört nun auch, dass man sich informiert, wie damals gespielt wurde, was in früheren Zeiten kaum interessierte. Das hieße dann, dass der Vorwurf, dass die Musik gar nicht so klingt, wie die Gemälde jener Zeit (wo kann man die eigentlich hören?) ins Leere geht, weil das gar nicht beabsichtigt ist. Und die Behauptung, dass modernes Musizieren nicht zum modernen Theater passt, würde sich in Luft auflösen. Was dann?

    )Hauptsächlich dreht es sich aus meiner Sicht um eines : Provokation-Provokation-Provokation.

    Wenn Du auch nur einen schwachen Schimmer einer Ahnung hättest, wieviel hatte Arbeit nötig ist, um eine Inszenierung zustande zu bringen, wäre Dir Klar, dass das niemand mit dem Ziel machen würde, ein paar ihm unbekannte und vollkommen gleichgültige Leute zu ärgern. In Wahrheit steckt hinter dieser Behauptung, die man öfter mal hört, nur eine große Portion Überschätzung der eigenen Bedeutung bei denen, die grad äußern.

    Übrigens bei mir ein Ärgernis, das wohl viele teilen: die endlosen Rezitative.

    Tja. Es gab eben verschiedene Stile zu verschiedenen Zeiten. Damit wird man sich wohl abfinden müssen. Und ich meine, wenn man sich einer Sache nähert, ist es klüger, sie so zur Kenntnis zu nehmen, wie sie ist (die nur vom Continuo begleiteten Secco-Rezitative gehören nun einmal zur italienischen Oper vom späten 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts), statt eine Norm zu setzen, die für viele Kompositionen unangemessen ist, und sie danach zu beurteilen. Wenn Du meinst, Oper muss durchkomponiert sein, halte Dich an die französische Oper. Übrigens sind die Secco-Rezitative gerade bei Mozart ganz und gar kein »Ärgernis«. Wenn man ein bisschen zuhört (oder etwas genauer liest), merkt man schnell, wie sorgfältig sie garbeitet sind.

    Man darf nur nicht in den Fehler behalten, diese Situation ohne weiteres der »Jugend von heute« anzulasten, wie es seit jeher üblich ist. Die Bildungsmisere in Deutschland ist ein Produkt der deutschen Politik, die sich, wenn sie Folgen unübersehbar sind, nichts tut, um das zu ändern. Wenn Fachkräfte fehlen, holen wir uns die eben aus anderen, vorzugseise ärmeren Ländern. Das hat, wie unser Kanzler in seinem immer wieder verblüffenden Zynismus zur Kenntnis gab, den Vorteil, dass wir die Ausbildung nicht bezahlen müssen.

    Die »Jugend von heute« ist an diesem Zustand eben so wenig schuld wie die Züge, Gleise und Stellwerke am Zustand der Deutschen Bahn.

    Etwas mehr Musikunterricht (den es angesichts des Lehrermangels ohnehin nicht geben wird) hilft da so wenig wie ein Training der englischen Aussprache für Zugbegleiter, auch wenn beides nicht schaden könnte.

    Gleich um19 Uhr gibt es auf Operavision einen Stream aus der Königlichen Oper in Antwerpen von Mozarts le Nozze di Figaro.

    Es ist immer wieder faszinierend, diese Oper zu hören, zumal wenn sie so frisch musiziert wird. Mit welcher Leichtigkeit und scheinbaren Selbstverständlichkeit Mozart es erreicht, dass die vorgegebenen, meist recht strengen, musikalischen Formen sich den Erfordernissen des Theaters anschmiegen, so dass auf beiden Ebenen höchste Vollkommenheit erreicht wird, das könnte man schon fast ein Wunder nennen. Es ist natürlich keins, sondern Ergebnis harter Arbeit und perfekter Beherrschung des Handwerks. Um so bedauerlicher ist es immer wieder, wenn die überaus reichen Möglichkeiten, die diese Komposition dem Theater eröffnet, so verschleudert werden, wie auch wieder in diesem Falle. Ich will nicht leugnen, dass das Stück sehr schwer zu inszenieren ist. Aber das ist keine Entschuldigung. Was in der Kunst ist nicht schwer. Die Aufgabe ist eben, die Schwierigkeiten zu bewältigen und zwar so, dass der Rezipient möglichst nichts von ihnen merkt. Wie es Mozart eigentlich immer gelungen ist. Ich vermute, dass es die daraus entstehende Leichtigkeit noch der düstersten Passagen ist, die viele Leute, Spezialisten wie Laien, so fasziniert. Wozu natürlich noch die Selbstverständlichkeit kommt, mit der er scheinbar simpelste Melodien, die jeder gleich nachpfeifen kann (und auch nachpfeifen möchte), in seine hochkomplexen Kompositionen integriert (wobei er selbst vor Gassenhauern nicht zurückschreckt). Ich will keine generellen Behauptungen aufstellen, weil ich wirklich nicht alles kenne, was so komponiert worden ist, aber mir scheint, gerade dieser letztere Punkt ist eine Besonderheit Mozarts und trägt erheblich zu einer Popularität bei. Um nur ein Beispiel herauszugreifen: Ich wüsste nicht, welcher andere Komponist in der Lage gewesen wäre, ein gleichzeitig so simples und so raffiniertes Stück wie Papagenos Auftrittslied zu schreiben.

    Ich nehme stark an, dass ich mit »Bildung« nicht den Musikunterricht meinte. Und ich glaube auch nicht, dass der Musikunterricht das Hauptproblem ist. Ich glaube allerdings, dass Leute mit einer besseren Bildung eher befähigt und interessiert sind, sich auch mit Musik zu befassen und die Voraussetzungen für das Musikverständnis zu erlangen. Und wenn man sich ansieht, wie die Situation des Bildungswesens hierzulande ist (der gerade erarbeitete Haushalt zeigt ja deutlich, dass Bildung kein Bereich ist, der wichtig genommen wird), dann sieht man schon mehr, woher das kommt. Schließlich betrifft das ja nicht mir die Musik. Ich habe Studenten getroffen, die glaubten, die Französische Revolution sei 1917 gewesen, und der 30-jährige Krieg 1914 zu Ende gegangen. Studenten!

    Vielleicht spielt ja auch unzureichende Bildung eine Rolle? Vielleicht auch verursacht durch ein kaputtgespartes Bildungssystem mit verrottenden Schulen und gewaltigem Lehrermangel? Vielleicht sind ja die Heranwachsenden nicht eigentlich schuldig an der Bildungsmisere?


    Und vielleicht ist die Häppchenbildung, die jetzt vermittelt wird, weniger im Interesse der Heranwachsenden als vielmehr derer, die das organisieren?

    Ein Menuett oder ein Ländler steht im Dreivierteltakt (machmal auch Dreiachteltakt), wenn ich nicht irre, hat also einen vollkommen anderen Charakter. Nach dem kann man bestimmt nicht marschieren.

    Dieses Thema steht im Viervierteltakt, ist aber trotzdem kein Marsch, schon deshalb nicht, weil man in diesem Tempo nicht marschieren kann. Und dann eben deshalb nicht, weil die Taktschwerpunkte (sehr absichtlich) nicht ausreichend deutlich markiert sind. Da muss man nicht lange diskutieren, und eine lange Diskussion ändert an diesen simplen und leicht ersichtlichen Charakteristika (oder müssen wir jetzt »Charaktäristika« schreiben?).

    Ich denke, es hat mit dem Thema zu tun, wenn man nach einer Ursache für das benannte Problem sucht. Und natürlich auch, wenn auf den Versuch, eine solche Ursache zu finden, darauf hingewiesen wird, dass das etwas zu kurz gesprungen ist. Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, wenn Diskussionen auf die Wiederholung der eingangs gemachten Feststellung begrenzt werden.

    Ich finde übrigens, wenn man es beklagenswert findet, dass die heutigen Kinder nicht wissen, was Hunger ist (ein bedeutender Teil der Kinder der Welt weiß das sehr wohl, aber die zählen natürlich nicht), kann man das ja zumindest bei den eigenen ja ändern. Ob es freilich notwendig ist, dass sie es lernen? Ich bin da nicht so sicher. Vielleicht sollte man einfach früh lernen, dass sich die Zeiten ändern und die nächste Generation nicht mehr ist wie die vorige. Eigentlich ist das nicht so schwer zu verstehen.

    Das ist ein Missverständnis. Ich meine, dass ein Hörspiel mit tausend Mal gesehenen Bildern von der Stange einfach theatralisch nicht weiter interessant ist. Man steht beziehungslos in wenig aufregenden Arrangements herum und wartet, bis man wieder dran ist. »Und die Musi spielt dazu.« Das ist genau Opas Oper, nur dass die optisch nicht so zeitgeistig schick ist.

    Das Attribut »klassisch« wäre mir da nicht eingefallen. Es ist in meiner Erinnerung eher eine Inszenierung, die solche Kategorisierungen überschreitet und sinnlos macht. Ich glaube ja, dass das für alle großen Kunstwerke zutrifft.


    Die andere Frage ist natürlich heikel. Ich kann sie nicht so recht beantworten. Ich habe großartige Theaterabende erlebt, bei denen sehr radikal mit dem vorliegenden Text (wenn es überhaupt einen gab), umgegangen wurde. Allerdings ist das lange her, da ich seit längerer Zeit kaum noch ins Theater gehe. Das liegt, wie man sich denken kann, daran, dass da wenig stattfindet, was mir gefällt. Allerdings bin ich im Unterschied zu den wackeren Kämpfern gegen das sog. Regietheater (und vor allem den Damaskus-Rückkehrern unter ihnen) nicht der Meinung, dass mein Geschmack eine ästhetische Position ist, die dazu taugt, als allgemeine Regel aufgestellt zu werden. Darum halte ich mich da lieber zurück. Ich stehe zu weit außerhalb der Kultur, die dem zugrunde liegt. Ich habe nie etwas mit Pop-Musik anfangen können, ich sehe nicht die entsprechenden Filme und spiele keine Computerspiele. So ist mir die Bilderwelt ebenso fremd wie die die affirmative Haltung zum Bestehenden, die sich mit apokalyptischen Bildern schmückt, und die narzisstische Suche nach dem Kern des von allem anderen losgelösten Ich. Und wenn ich etwas nicht verstehe, halte ich mit Urteilen lieber zurück.


    Aber wir sind weit vom Thema abgekommen, also beenden wir das lieber, sonst blühend wieder Verschwörungstheorien auf...