Beiträge von KarmaPemaDorje

    Landgraf Moritz von Hessen (der Gelehrte) (1572–1632)

    Moritz war ein außergewöhnlich vielseitiger Gelehrter und Komponist. Seine musikhistorische Bedeutung reicht über das eigene Komponieren hinaus: Er förderte unter anderem Heinrich Schütz.


    Werke:

    • Paduana del molto valeroso Sigr. Gasparo Widemarchero (Instrumentalmusik)
    • Gagliarda del Sopradetto (Tanzmusik)
    • Pavana del Povero Soldato (Instrumentalmusik)
    • Pavana del Sgr. Guilhelmo Keudelio (Instrumentalmusik)
    • Intrada à 4 Trombe (Bläsermusik)
    • Canzona (Doppelchörige Musik)
    • Fuga in a (Vierstimmiges Instrumentalwerk)
    • ... und weitere

    Aufnahmen nur von ihm:



    Aufnahmen enthalten in:

                    

    Angeregt durch diesen Thread habe ich einmal vor der eigenen Haustür gesucht: Welche Landgrafen und späteren Großherzöge von Hessen-Darmstadt haben eigentlich selbst komponiert? Mindestens vier regierende Mitglieder des Hauses Hessen-Darmstadt lassen sich als Komponisten nachweisen.


    Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt (1667–1739)

    Der Dienstherr Christoph Graupners war nicht nur ein ausgesprochen musikbegeisterter Fürst, sondern selbst Musiker und Komponist. Besonders bemerkenswert ist seine 1718 überlieferte Sammlung Partition de 12 Suites et Symphonies mit zwölf Orchesterwerken für Streicher und Basso continuo.


    Noch interessanter ist jedoch sein unmittelbares Eingreifen in Graupners Opernschaffen. Für Graupners 1715 in Darmstadt uraufgeführte Pastorale La costanza vince l’inganno (GWV 1011) komponierte der Landgraf selbst die Ouvertüre und Ballettmusik. Als das Werk 1719 in überarbeiteter Form erneut auf die Bühne kam, steuerte Ernst Ludwig offenbar wiederum eine eigene Ouvertüre bei.


    Das ist eine bemerkenswerte Konstellation: Der Landesherr beschäftigte Graupner nicht nur als Hofkomponisten und Kapellmeister, sondern wurde bei dessen Oper gewissermaßen selbst zum Mitkomponisten. Graupner schrieb die eigentliche Oper, sein Dienstherr lieferte Teile der Instrumental- und Tanzmusik. Gerade deshalb erscheint mir die Frage nach dem musikalischen Verhältnis zwischen beiden besonders reizvoll: Wie stark beeinflussten sich Graupner und sein komponierender Dienstherr Ernst Ludwig gegenseitig? Die Vorliebe des Landgrafen für französische Musik und Tanz dürfte für die Darmstädter Hofmusik jedenfalls nicht ohne Bedeutung gewesen sein.


    Landgraf Ludwig VIII. (1691–1768)

    Auch der Sohn Ernst Ludwigs komponierte. Sicher nachweisbar ist beispielsweise eine Ouvertüre E-Dur für Trompete, Streicher und Basso continuo. Eine kommerzielle Aufnahme davon habe ich bislang nicht gefunden. Gerade unter Ludwig VIII. entstand jedoch ein beträchtlicher Teil von Graupners Instrumentalmusik. Auch Telemann stand mit dem Darmstädter Hof in Verbindung.


    Landgraf Ludwig IX. (1719–1790)

    Bei ihm verschiebt sich das musikalische Interesse erheblich. Ludwig IX. war geradezu ein Enthusiast der Militärmusik und komponierte selbst zahlreiche Märsche für seine Truppen in Pirmasens. Er wurde deshalb später sogar als „des Reiches Erz-Tambour“ bezeichnet. Hier scheint mir allerdings noch einiges an Forschungsarbeit nötig: Welche dieser Märsche sind tatsächlich erhalten und eindeutig Ludwig IX. zuzuschreiben? Und welche davon existieren auf Tonträgern?

    Danach scheint die kompositorische Tradition bei den regierenden Darmstädtern zunächst abzubrechen. Für Ludwig I. bis Ludwig IV. habe ich bislang keine überzeugenden Belege für ein eigenes kompositorisches Œuvre gefunden.

    Umso interessanter ist der letzte Darmstädter Großherzog.


    Großherzog Ernst Ludwig (1868–1937)

    Auch er komponierte – und offenbar mehr, als man zunächst erwarten würde. Er erhielt musikalische Ausbildung bei dem Darmstädter Hofkapellmeister Willem de Haan und hinterließ Klavierwerke und Lieder. Zu den nachweisbaren Werken gehören unter anderem:

    • Erinnerungen an Ilinskoe (1890)
    • Tscherkessenlied nach Puschkin (1890)
    • Draußen – Sechs Stimmungen für Klavier (1915)
    • Walzer-Suite (1915)
    • sowie mehrere Liedsammlungen.

    Besonders interessant finde ich Draußen – Sechs Stimmungen für Klavier. Die Stücke tragen die Titel: Heimweh – Kindergeplauder – Sehnsucht – Frühlingsnebel – Morgenluft – Hoffnung. Die Uraufführung am 24. April 1915 in Darmstadt spielte immerhin Wilhelm Backhaus. Und die Musik ist keineswegs vollständig vergessen: 2024 wurde Draußen bei einem Konzert auf der Darmstädter Mathildenhöhe zusammen mit Werken von Debussy, Skrjabin und Reger aufgeführt und vom Deutschlandfunk aufgezeichnet.


    Damit ergibt sich eine kleine Darmstädter Reihe komponierender Regenten:

    • Ernst Ludwig (1667–1739) – Orchestersuiten und Sinfonien
    • Ludwig VIII. (1691–1768) – u. a. Ouvertüre E-Dur
    • Ludwig IX. (1719–1790) – Militärmärsche
    • Ernst Ludwig (1868–1937) – Klaviermusik und Lieder

    Besonders reizvoll finde ich die beiden Ernst Ludwigs: Der eine komponiert um 1718 französisch geprägte Orchestermusik, der andere fast 200 Jahre später spätromantische Klavierminiaturen. Kennt jemand von Euch weitere Aufnahmen dieser Werke – insbesondere Musik von Ludwig VIII. und Ludwig IX.? Und hat vielleicht jemand die alte LP 300 Jahre Musik in Darmstadt oder kennt weitere Einspielungen der zwölf Suiten/Sinfonien Ernst Ludwigs?


    Mich würde außerdem interessieren, ob es unter den nicht regierenden Mitgliedern des Hauses Hessen-Darmstadtweitere ernsthaft komponierende Prinzen oder Prinzessinnen gegeben hat.

    Auch wenn Graupners Sinfonieschaffen am Anfang des Entstehens der Sinfonie steht, so sind nicht nur seine 112 Sinfonien von der Anzahl her groß, vor allem die Besetzungen lassen wirklich aufhören. Florian Heyerick als Graupner-Experte hat eine exquisite Auswahl getroffen. Vor allem die Sinfonia F-Dur für 2 Hörner, 6 Timpani, Streicher und B.C. → GWV 566 hat es in sich. Den 6. Satz kann man reinhören.

    Friedrich Karl Graf zu Erbach-Erbach (1680–1731)

    Er war nicht bloß komponierender „Dilettant“ im heutigen abwertenden Sinn, sondern betrieb Musik offenbar recht ernsthaft, unterhielt eine Hofkapelle und stand in engem Austausch mit Georg Philipp Telemann und Johann Friedrich Armand von Uffenbach. Telemann besuchte ihn 1727 in Erbach; Friedrich Karl wollte seine Trios vor der Drucklegung von Telemann korrigieren lassen. Umgekehrt widmete Telemann ihm Musik.


    Besonders interessant – gerade wegen des Graupner-/Darmstadt-Hintergrundes – ist die Verbindung zum Darmstädter Hof. Die Christoph-Graupner-Gesellschaft hat sich 2018 auf ihrer Tagung über Landgraf Ernst Ludwig ausdrücklich mit Friedrich Karl beschäftigt: Gabriela Krombach behandelte „Der musikalische Austausch des Grafen Friedrich Karl zu Erbach mit Landgraf Ernst Ludwig. Die Divertimenti armonici“. Die Quelle beschreibt sogar eine gegenseitige Dedikation zwischen Friedrich Karl und Landgraf Ernst Ludwig.


    Damit haben wir 30 erhaltene Instrumentalwerke/Sätze bzw. Werkkomplexe. IMSLP führt die Handschrift unter dem ausführlichen Titel Divertimenti armonici che contengono XII. Sinfonie a due Violini e Basso altre XII. a due Flaute e Basso e VI Duetti per il Violoncello o Fagotto. Als Entstehungszeit wird etwa 1720 angegeben; die Quelle stammt aus der ULB Darmstadt und ist mit RISM 450002525 verknüpft. Besonders erfreulich: Der vollständige Scan umfasst 198 Seiten und ist online zugänglich.


    Telemann komponierte 1720 sechs Kantaten auf Texte Friedrich Karls. Friedrich Karl war also nicht nur Komponist, sondern auch geistlicher Dichter. Aufnahmen existieren zur Zeit keine, im November 2018 wurden in Darmstadt Stücke von ihm aufgeführt.

    Wer sich wirklich für Klaviere interessiert, dem sei der Roman "Der verlorene Klang" von Perri Knize empfohlen (dtv, ISBN 978-3-423-14421-6, 2015), wo sie ihre Leidenschaft um Klavier, stimmen, intonieren, reparieren, usw. auf 536 Seiten ausführlich beschreibt. Man taucht tief in die Horizonte der Klavierbauer ein.

    Habe Schneiderhan Anfang der 70-er Jahre in Hagen/Westf. (12./13 April 1970) in einem Violinkonzert unter Leitung von Berthold Lehmann gehört. War wahrscheinlich für mich damals das erste Mal, den Sound einer Violine so fulminant präsentiert zu bekommen, habe ich nie vergessen.


    Das 8. Sinfoniekonzert der Spielzeit 1969/1970 stand ganz im Zeichen des 200. Geburtsjahres von Ludwig van Beethoven (1770–1827). Zu diesem Jubiläum hatte Generalmusikdirektor Berthold Lehmann ein reines Beethoven-Programm zusammengestellt:

    • Ludwig van Beethoven: Ouvertüre zu „Die Geschöpfe des Prometheus“, op. 43 (als festlicher Auftakt)
    • Ludwig van Beethoven: Violinkonzert D-Dur, op. 61 (Solist: Wolfgang Schneiderhan)
    • Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 7 A-Dur, op. 92 (nach der Pause)

    Die Resonanz der Hagener Lokalpresse

    Die damalige Kritik der regionalen Zeitungen (wie der Westfalenpost und der Westfälischen Rundschau) feierte den Abend als geschichtsträchtiges Ereignis. Gelobt wurden vor allem zwei Aspekte:

    • Schneiderhans meisterhafte Reife: Die Presse beschrieb Schneiderhans Interpretation des Violinkonzerts als Musterbeispiel der „Wiener Klassizität“. Statt auf vordergründige Virtuosität zu setzen, bestach er durch einen zutiefst verinnerlichten, edlen Ton und absolute Werktreue. Besonders hervorgehoben wurde seine Interpretation der Joachim-Kadenzen.
    • Das sensible Zusammenspiel: Zwischen Berthold Lehmann, dem Städtischen Orchester Hagen und Wolfgang Schneiderhan herrschte ein bemerkenswertes blindes Verständnis. Lehmann, der für seine präzise und strukturierte Beethoven-Arbeit geschätzt wurde, hielt das Orchester in perfekter Balance zum Solisten, sodass die lyrischen Passagen des Konzerts voll zur Entfaltung kamen.

    Auch wenn eine Bewertung immer schwierig ist: bei Zelenka würde ich zustimmen, besonders mit Burkhard Glaetzner und Ingo Goritzki und der fantastischen Zirkular-Atmung!


    Jan Dismas Zelenka (1679-1745): Sonaten ZWV 181
    (Burkhard Glaetzner, Ingo Goritzki, Knut Sönstevold, Siegfried Pank, Achim Beyer, Walter Heinz Bernstein)

    William Boyce (1711-1779): Symphonien No. 1-8
    (Trevor Pinnock, The English Concert)

    Georg Philipp Telemann (1681-1767): Ouverture á 7, 3 Hautbois, 2 Dessus pour les Violons, Taille et Basse C-dur, TWV 55;C 6
    (Nikolaus Harnoncourt (Concentus Musicus Wien)

    Henry Purcell (1659-1695): The Tempest of the Enchanted Island Z. 631: Shall all your days last in peace and love
    (Jean Tubery (La Fenice) Céline Scheen, Hana Blazikova, Malcom Bothwell, Alice Foccroulle, Pascal Bertin, et al.)

    Christoph Graupner (1683-1760): Sinfonia F-Dur für 2 Hörner, 6 Timpani, Streicher und B.C., GWV 566
    (Florian Heyerick, Il Gardellino)


    Leider nur diese CD gefunden, kann ein Admin gerne ergänzen!

    Mitzunehmen für einen illustren Vergleich würde ich zwei frühe Barockopern, deren Komponisten sich vielleicht in Hamburg begegnet sind und wo das Ensemble "Boston Early Music Festival Orchestra" in beiden Fällen den gleichen Gusto mitbringt:


    Das heißt, wenn wir heute, nochmal 70 Jahre später, angesichts der unfassbaren Fülle an Aufnahmen auch von Kleinst- und Nebenmeistern über Bewertungen und Überbewertungen sprechen, geschieht das auf einer völlig anderen Basis als im angenommenen Jahr 1850. Mit der Veränderung der rezipierten oder reszipierbaren Basis verändern sich naturgemäß die Einschätzungen, mit der angewachsenen Mächtigkeit der rezipierenden Menge sowieso.

    Genauso sehe ich das: jede Zeit produziert neue Rahmenbedingungen, eine "Allzeit"-Bewertung wird es so nicht geben. Ich für meinen Teil bleibe deshalb gerne in subjektiven Äußerungen, ich muss nicht anderen meine Sichtweise aufdrücken:)

    In dieser Aufführung hat Sigrid T’Hooft die Choreographie und Regie umgesetzt mit den "Regeln" von damals, wie kürzlich auch bei Graupner-Oper in Darmstadt. Ich war teilweise bei den Proben in Darmstadt dabei und habe mitbekommen, wie genau und wie kompliziert da mit den Sängern gearbeitet wurde, um vor allem durch die Handbewegungen den Inhalt des Gesanges zu unterstützen. Die Werke bekommen dadurch eine ganz andere Authentizität.

    Gestern Abend gab es im Staatstheater Darmstadt zum Ende des Barockfestivals 2026 im Großen Haus das Event "Dancing Queen". Genau: sofort denkt man ABBA und darum ging es auch, aber gepaart mit Musik von Jean-Philippe Rameau. Die Lautten Compagney Berlin unter der Leitung der Saxophonistin Asya Fateyeva sorgte eigentlich für den entsprechenden, musikalischen Background.


    Für mich war in erster Linie Rameau der Ziehpunkt, interessiert, wie sich das mit ABBA zusammen verhält. Ich hatte einfach nicht bedacht, dass ca. 80-90% der Besucher in dem fast ausverkauften Haus aus der Riege ABBA kamen, entsprechend gekleidet waren, sich anders verhalten haben und immer wieder auch für mich deutlich ihr Unverständnis kundtaten, wenn sie die ABBA-Stücke nicht gleich erkannt haben. Eine an der Decke angebrachte und entsprechend mit Licht versehene Disco-Kugel gab dann die deutlichen Hinweise. Die Lautten Compagney hat die Lieder von ABBA sowohl instrumental als auch in der Verteilung der Stimmen für mich sehr interessant auf die beteiligten Spieler umgesetzt. Aber da die Sopran-Stimmen mit dem Sopran-Saxophon im Vordergrund standen, war bei Rameau schon ein sehr genaues Hinhören angesagt.


    Also nicht ganz enttäuschend, aber die Lautten Compagney hat schon besseres geliefert, wie z.B. 2008 mit der CD "TIMELESS":

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    Die zu o.a. Programm passende CD wäre, die nach Probehören jedoch nicht in meine Sammlung aufnehmen werde:

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    Programm:

    • Benny Andersson (*1946) / Björn Ulvaeus (*1945): Gimme! Gimme! Gimme! (A Man After Midnight)
    • Jean-Philippe Rameau (1683–1764): „Contredanse en rondeau“ aus „Les Boréades“ RCT 31
    • Benny Andersson / Björn Ulvaeus: Voulez-Vous
    • Jean-Philippe Rameau: Ouverture aus „Naïs“ RCT 49
    • Benny Andersson / Björn Ulvaeus / Stig Anderson: Mamma Mia
    • Jean-Philippe Rameau: La Cupis. Rondement aus „Pièces de clavecin en concerts“
    • Cinquième Concert RCT 11 Nr. 2: Deuxième Entrée aus „Les Indes Galantes“ RCT 44
    • Benny Andersson / Björn Ulvaeus: Thank you for the Music
    • Jean-Philippe Rameau: Premier et deuxième Rigaudon, Premier et deuxième Tambourin aus „Les Indes Galantes“ RCT 44
    • Benny Andersson / Björn Ulvaeus:Take a Chance on Me

    Pause

    • Jean-Philippe Rameau: Chœur „Chantons sur la musette“, Aria „Rossignols amoureux“, Chaconne aus „Hippolyte et Aricie“ RCT 43, Les Tendres Plaintes – Rondeau aus „Pièces de Clavessin“ RCT 3 Nr. 1
    • Benny Andersson / Björn Ulvaeus / Stig Anderson: Dancing Queen
    • Jean-Philippe Rameau: Première et deuxième Gavotte aus „Hippolyte et Aricie“ RCT 43
    • Benny Andersson / Björn Ulvaeus & Jean-Philippe Rameau: Lay all your love on me & Loure Grave aus „Les Fêtes d’Hébé“ RCT 41
    • Benny Andersson / Björn Ulvaeus / Stig Anderson: SOS
    • Jean-Philippe Rameau: Entrée de Polymnie aus „Les Boréades“ RCT 31
    • Benny Andersson / Björn Ulvaeus / Stig Anderson: Waterloo
    • Jean-Philippe Rameau: Les Sauvages – Rondeau – Duo et chœur „Forêts paisibles” aus: Les Indes Galantes RCT 44
    • Benny Andersson / Björn Ulvaeus & Jean-Philippe Rameau: Money, Money, Money – Tambourin aus „Les Fêtes d’Hébé“ RCT 41

    Zur anschließenden Disco-Party mit DJ bin ich dann natürlich nicht geblieben. Im Auto kam dann wieder gute Barockmusik an meine Ohren :)

    Ja danke. Im Sinne einer musikwissenschaftlichen Arbeit sicher interessant, aber auch nur "state-of-the-art". Bis dann das nächste Detail irgendwo gefunden wird, was dann auch wieder "Welterstaufführung" wird. Ich misstraute diesen Aussagen gerne, weil für mich nur wichtig ist, ob es mich die Interpretation berührt oder nicht. Und niemand fragt den Komponisten, was er für die beste Version hält. Klingt für mich nur nach guten Marketing.

    Ich kann nur beitragen, dass ich mit Richter groß geworden bin. Als Student hatte ich das damals absurde Projekt alle Bach-Kantaten einmal als Schallplatten vorliegen zu haben, was bereist am Preis geschweige denn an der Verfügbarkeit scheiterte. Damals war ich von den Kantaten und Bach "begeistert". In der IT war mein erstes kleines Passwort "jsb"^^.

    Aber dann kamen andere Barock-Kompositionen in die Wahrnehmung und damit die Erfahrung, das "Barock" auch ganz anders klingen kann. Bei den Bachkantaten würde ich heute eher nicht Richter hören, bevorzuge jedoch einfach zu einer Kantate die für mich überzeugenste Darbietung, unabhängig vom Dirigenten, Künstlern und Orchester. Es muss mein Herz berühren.

    Mit Lutz und Herreweghe konnte ich übrigens selber schon sprechen - es liegt auf der Hand wie sehr ihre Interpretationen auch Ausdruck von Frömmigkeit und theologischen Gedankenmachen sind - etwas das bei Bachkantaten nicht ganz unwichtig ist. Und es findet Niederschlag in der Interpretation.

    Hier kommt für mich die entscheidende Frage: Kommt die Interpretation von der inneren Qualität dem im Text Beschriebenen nahe? Oder ist das ist nur wieder eine qualitativ hochwertige Musiknummer? Ich weiß, dass viele das nicht nachempfinden können, aber das war doch der intendierte Hauptzweck der Kantaten damals: die Menschen mit musikalisch begleitender Musik durch die Texte zu berühren. Und so empfinde ich die Wirkung einer Kantate heute z.B. bei Graupner mit viel weniger Mitteln und kleinen Ensembles deutlich für mich passender.

    Hans Eberhard Hoesch (1891-1972), ein renommierter Papierfabrikant aus Hagen (Westf.), gilt als Pionier der Originalklang-Bewegung

    im deutschsprachigen Raum. Bereits in den 1920er-Jahren begann er mit der Sammlung alter Partituren und Instrumente, die in Vergessenheit geraten waren, darunter die Gambe und das Cembalo. Des Weiteren versammelte er ein Ensemble von Musikern, mit denen er die „Kabeler Kammermusik“ gründete. Diese Instrumentalisten spielten eine entscheidende Rolle bei der Entstehung zahlreicher Einrichtungen und Orchester, die bis heute den Begriff des Originalklang-Musizierens prägen, wie beispielsweise die Schola Cantorum Basiliensis und die Cappella Coloniensis.


    Quelle:

    Nikolaus de Palézieux: Pionier der Alten Musik. Hans Eberhard Hoesch und die Kabeler Kammermusik.

    Bärenreiter-Verlag, Kassel, 2012, 155 Seiten, ISBN 978-3-76182272-2.

    Pier Francesco Tosi (1654-1732) in der Übersetzung von Agricola:


    "Wer endlich beym Wiederholen vom Anfange, nicht alles das, was er vorher gesungen hat,
    durchs Verändern noch schöner und besser macht, als es ausgeschrieben ist, der ist gewiß kein großer Held."

    Immer wieder interessant, hier Neues zu finden. Hier von mir die Werke, die mir bei der Suche nach Komponistinnen (für Vorträge) auch stets geholfen haben, wenn auch nur im begrenzten deutschsprachigen Raum:

    • Beuys, Barbara: „"Emilie Mayer - Europas größte Komponistin. Eine Spurensuche".
      Dittrich Verlag, 235 Seiten.
    • Hohlfeld, Klaus: Komponistinnen, Schriften / Noten / Tonträger.
      Stadtbücherei Mannheim, Mannheim, 1989, 84 Seiten.
    • Sperber, Roswitha (Hrsg.): Komponistinnen in Deutschland.
      Inter Nationes, Bonn, 1996, 145 Seiten.
    • Rieger, Eva: Frau, Musik und Männerherrschaft. Zum Ausschluss der Frau aus der deutschen Musikpädagogik, Musikwissenschaft und Musikausübung
      Ullstein, Frankfurt, 1981, 302 Seiten.

    Sowie folgende Webseiten:

    Dies nur als Hintergrundinformationen, die keinerlei Bewertungen bzgl. die „Größte“, „Beste“, „Schaffensreichste“ oder „Beliebteste“ enthält, dies bleibt ja letztendlich stets subjektiv. Jedoch mal immer wieder reinhören und andere „Handschriften“ zu erleben ist erstrebenswert und köstlich zugleich.

    Das European Union Baroque Orchestra (EUBO) hat gestern in Darmstadt in der Pauluskirche wieder einmal eine ausgezeichnete Arbeit abgeliefert. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Philharmonie Merck stand ein rein französisches Programm auf der Tagesordnung, unter Leitung des Rameau-Experten Christophe Rousset.


    Jean-Phillippe Rameau (1683-1764): Suite aus „Castor et Pollux"

    Als 1737 die groß angelegte Tragédie lyrique „Castor et Pollux" auf die Bühne kam, war der Richtungsstreit um die Zukunft des französischen Musiktheaters noch in vollem Gange. Das Drama um die beiden mythologıschen Zwillingsbruder Castor und Pollux - der eine sterblich, der andere unsterblich - ist die dritte der rund 25 Opern Rameaus, sein Stern war noch nicht endgültig fest etabliert am Firmament.


    Aufführung: Es war herrlich mal wieder in reine französische Musik einzutauchen, insbesondere im Gegensatz zu der in Darmstadt heimische Musik von Christoph Graupner. Beiden ist eine besondere Fähigkeit gemein, in Instrumentation und Motivwahl eine etwas andere Hörreizung von Barockkompositionen zu präsentieren. Rousset führte die jungen Musiker souverän, denen war die Spielfreude anzuhören und anzusehen.


    Jean-Phillippe Rameau (1683-1764): „Pygmalion"

    So weit kann es kommen, wenn Künstler sich in ihrer Kunstwelt verlieren. Pygmalion, ein Bildhauer der antiken Mythologie, schafft aus Elfenbein eine Frauenfigur, die ihm derart schön gelingt, dass er sich in sie verliebt. Er ruft die Liebesgöttin an mit der Bitte, sie zum Leben zu erwecken - denn nur diese Frauengestalt kann den Ansprüchen des Bildhauers genügen. 1748 feierte der einaktige Ballett-Acte „Pygmalion” an der Pariser Opéra seine Premiere. Ein echtes Meisterwerk, das mit seiner dramatischen Prägnanz und Erfindungskraft besticht. Der Komponist nahm sich bei der Vertonung von Ovids Erzählung zwar einige künstlerische Freiheiten, konzentrierte sich aber auf das, was sich auf der Bühne besonders eindrucksvoll und farbenfroh präsentieren lässt: das Erwachen der Statue als mitreißendes Tanz- und Gesangsereignis. Amor ruft seine Grazien herbei, und die Oper endet mit einem herzlichen Lobpreis auf den Liebesgott – eine barocke Verherrlichung der Liebe, die formaler Strenge und lebendiger Theatralik die perfekte Balance verleiht.


    Aufführung: In Pygmalion, mit den Gesangseinlagen, ward der kleine Vorraum vor dem Orchester zu einer Art „kleine Bühne“ umfunktioniert: ein kleiner Holzschreibtisch mit einen, dem Stück wichtigen Requisiten wie Bild, Noten, Metronom, usw. bildete den optischen Fokus, an dem Pygmalion saß und agierte. Die Regie der Beteiligten hat Lena Sophie Meyer in ihrer Kargheit sorgfältigst ausgesucht. Die Sänger und Sängerinnen agierten in den unauffälligen modernen Kostümen souverän, liebevolle und total engagiert. Der im Zentrum als Pygmalion singende Abel Zamorabrillierte in der Rolle. Die ganzen 45 Minuten waren belebend und das Gegenteil von langweilig. Alle Sänger und Sängerinnen lieferten eine dermaßen gute Arbeit ab, dass oft für mich das Orchester in den Hintergrund blieb, nur in kurzen Soloeinlagen wieder deutlich hörbar. Die Musik unterstützte demnach das Geschehen in der kurzen Oper optimal.


    Der Applaus war dann auch 15 Minuten lang, die letzte Arie mit allen Beteiligten wurde dann auch wiederholt. Ein sehr gelungener Abend.

    • Abel Zamora: Pygmalion
    • Neima Fischer: L'Amour
    • Michèle Bréant: La Statue
    • Léontine Maridat-Zimmerlin: Céphise
    • Chœur de la suite de l'Amour, Chœur du Peuple: Neima Fischer, Michèle Bréant, Léontine Maridat-Zimmerlin, Nikolas Groth, Maximilian Viellehner
    • Lena Sophie Meyer: Regie
    • European Union Baroque Orchestra
    • Christophe Rousset: Musikalische Leitung

    Mir lag die Einspielung von Gustav Leonhardt mit der Le Petit bande aus dem Jahr 1981 vor. Rousset hat auch eine Einspielung beim Partner vorgelegt:

    Christoph Graupner hat - entgegen seinen Plänen - weniger als 15 Opernpläne realisieren können. Umso schöner ist es, dass jetzt wieder eines seiner Werke aufgeführt wird, wenn auch nur genau einmal.


    La costanza vince l’inganno
    oder (Die Beständigkeit besiegt den Betrug) GWV 1011


    Die Christoph-Graupner-Gesellschaft führt dieses Werk mit Hilfe von vielen Sponsoren am Sonntag, 31 Mai.2026, 18:00 Uhr im Ernst Ludwig Saal, Darmstadt-Eberstadt auf. Das besondere daran ist, dass sowohl die Bühnenkulissen, die Kostüme, der Tanz und die Bewegungen der Sänger und Sängerinnen historischen Beispielen folgen.

    Hierfür wurde ein internationales Team zusammengestellt, die Leitung hat der bekannte Graupner-Experte Florian Heyerick. Tickets gibt es für 11,60 € bei der Dotter-Stiftung.


    Die Vorbereitungen der Aufführung von Bühnenbild bis Kostüme, die Vorstellung der beteiligten Künstler sowie die Probenarbeit wird auf der Webseite der Christoph-Graupner-Gesellschaft in einem Blog-ähnlichen Format mit vielen Bildern unter dem Titel "Eine Graupner-Oper entsteht" bis zur Aufführung begleitet.


    Die Aufführung wird von dem Label cpo mitgeschnitten und es wird im Nachgang CDs sowie eine DVD entstehen.

    Und gleich nachher gibt es "Il Giustino" von Antonio Vivaldi im Rahmen des Heidelberger Frühlings im Kongresshaus Stadthalle HD mit René Jacobs und dem Freiburger Barockorchester in einer konzertanten Aufführung. Ergo mehr hören statt sehen :)


    Unter den mehr als 100 Opern Antonio Vivaldis gilt der „Giustino“ von 1724 dank seiner großartigen Arien und der farbigen Orchesterbesetzung als eine der faszinierendsten.


    fbo-quer.jpg


    https://www.heidelberger-frueh…r-rene-jacobs-il-giustino

    Als Ergänzung zu diesem super interessanten Bericht zu Bach hier ein Link zu den Osterkantaten von Christoph Graupner, der in Darmstadt nicht diesen strengen Beschränkungen des Luthertums unterlag, sein Arbeitgeber Landgraf Ernst Ludwig war liberaler. Allerdings gibt es keine titulierte "Osterpassion" oder dergleichen, eine Zusammenstellung zur Erfreuung ist hieraus durchaus möglich.


    --> Graupners Osterkantaten


    Eine kleine Auswahl:

    Die Oper „Kain und Abel“ von Felix Weingartner


    Vorbemerkung: Mein Hör- und Genussbereich ist das 18. Jahrhundert mit Spätbarock und Frühklassik, dort bin ich zuhause. Natürlich finde ich auch Perlen in späteren Kompositionen, von Romantik über Spätromantik bis in die Neuzeit: Korngolds „Violanta“, Schrekers „Der Ferne Klang“ oder Pfitzners „Palestrina“ sind mir bestens bekannt und auch geliebt.


    Opernabend: Der Einakter „Kain und Abel“ von Felix Weingartner sowie anschließend die Psalmvertonung „Du fond de l´abîme“ von Lili Boulanger standen auf dem Programm des Staatstheaters Darmstadt am gestrigen Gründonnerstag. Gesamtdauer knapp zwei Stunden ohne Pause.


    Besetzung ("Kain und Abel“):

    • Eva: Katrin Gerstenberger
    • Ada: Megan Marie Hart
    • Adam: Joel Allison
    • Kain: David Pichlmaier
    • Abel: Heiko Börner
    • Staatsorchester Darmstadt
    • Leitung: GMD Daniel Cohen
    • Regie: Kerem Hillel
    • Dramaturgie: Frederike Prick-Hoffmann

    Background: Felix Weingartner war bereits in der Nachfolge zu Gustav Mahler an der Wiener Hofoper tätig, leitete zudem die Wiener Philharmoniker. Auf Einladung von Großherzog Ernst Ludwigs wurde Weingartner 1914 zum Generalmusikdirektor des Darmstädter Hoftheaters berufen und brachte dort seine Oper Kain und Abel zur Uraufführung. Die Aufführung der Oper am Darmstädter Hoftheater wurde ergänzt durch die Aufführung seiner 3. Sinfonie. Wie dem Programmheft zu entnehmen ist, erlebte das Werk seinerzeit einen beachtlichen Erfolg, der durch rasch aufeinanderfolgende Aufführungen an der Wiener Hofoper, dem Deutschen Theater in Prag und weiteren renommierten Spielstätten untermauert wurde. Die Fortsetzung dieser Aufführungen wurde jedoch durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges unterbrochen. Und dann versank die Oper nach der Uraufführung in Darmstadt für 112 Jahre in der Versenkung, bis Daniel Cohen während der Corona-Epidemie das Werk ausgrub und jetzt zur Aufführung brachte. Eine ausführliche Dokumentation des Werkes einschließlich des Librettos auf 105 Seiten verfasste Cohen auch.


    Hinweis: Die geplanten vier Aufführungen werden dem Label cpo mitgeschnitten. Daraus soll eine CD werden.


    Aufführung: Die knapp 90 Minuten der Oper wurden von einem starren Bühnenbild aus einem schwarzen Hintergrund, ca. 12 Stühlen, einem modernen Wasserspender sowie einem welken Blumenstrauß und ein wenig Erde begleitet. Ab und zu wurden zwei Leinwände für eine Videopräsentation heruntergelassen, auf denen Filme mit modernen Inhalten gezeigt wurden, die einen Bezug zum Stoff haben sollten. Die Sänger trugen „normale“ Kleidung. Wer nicht gerade sang wurde auf die Stühle platziert oder an die Wand gestellt. Der Versuch den erzählten Stoff durch Bewegung und Kommunikation der jeweils Beteiligten zu verdeutlichen war zu sehen, jedoch aufgrund der Irritation der Texte nicht immer zu verstehen.


    Qualität: Die Leistung der Sänger und Sängerinnen kann ich voll und ganz würdigen. Das Klasse-A-Orchester der Darmstädter Oper lieferte eine gute Leistung ab. Der Versuch etwas Besonderes zu bieten, war deutlich wahrzunehmen. Die Aussprache der Texte war fast durchgehend gegeben, das fortlaufenden Schauen auf die Textpräsentation über der Bühne jedoch unbedingt notwendig, weil sonst überhaupt kein Sinn wahrzunehmen war. Der kurze, verhaltende Applaus am Ende war sicher bezüglich der Leitung der Sänger und Sängerinnen und des Orchesters leider zu kurz. Während der Vorstellung verließen ca. ein Dutzend Hörer das Parkett. Die Vorstellung war höchstens zu 50% verkauft.


    Werk: Das Libretto der Oper stammt von Weingartner selbst und hinterließ mehr als Fragezeichen. Zum einen wurde der klassische, biblische Text von Kain und Abel in seiner Dynamik vollkommen neu interpretiert. Aus dem Programmheft:


    „In ‚Kain und Abel‘ werden vereinzelt Texte gesungen, die aus heutiger Sicht problematische
    rassentheoretische Vorstellungen widerspiegeln könnten. ...
    Wir belassen diese Passagen als Teil des Originalwerkes,
    um Weingartners Libretto und Musik erstmals seit 1914 historisch korrekt aufzuführen.
    Sie entsprechen nicht unseren heutigen Werten.
    “


    Bei mir hinterließen die Texte neben Verwirrung eine subtil wahrzunehmende Ablehnung, da sie psychologisch und emotional in keiner Weise einzuschätzen und berührend waren.


    Das Werk begann mit Musik, die mich im ersten Moment an Korngolds Violanta erinnerten, die allerdings er zwei Jahre später komponiert werden sollte. Sobald die Sänger und Sängerinnen einsetzten wurde die Musik wagnerisch. Meist wurde laut und mit vollem Sound das Werk präsentiert, so dass kaum einzelne Instrument oder Instrumentengruppen herauszuhören waren. Ein instrumentales Zwischenspiel ließ kurz aufhorchen, wie Weingartner komponierte. Manche Arien bzw. Musiksequenzen erinnerten an „Die Meistersinger von Nürnberg“ von Richard Wagner. Das Konzept der Oper beinhaltet nicht unbedingt Stille, Zartheit oder Harmonie. Ich kann gut verstehen, dass die Aufführenden ihr Bestes gegeben haben. Allerdings hat mich das Werk nicht davon überzeugt, dass musikalische Archäologie in diesem Fall besonders sinnvoll oder hilfreich war. Manchmal ist es vielleicht besser, manche Dinge so zu lassen, wie sie sind.


    Nach einer kurzen Umbauphase wurde das Werk von Lili Boulanger gespielt. Ihr „De Profundis“ mit dem Staatsopernchor in einer interessanten Regie täuschte nicht darüber hinweg, dass kein unmittelbarer Bezug zu Weingartners Oper herzustellen war, noch kam das Werk als etwas Besonders rüber. Auch hier war der „volle“ Sound des vollbesetzten Orchesters die tragen Welle, doch der Text des Psalms 130 „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir“ war auch hier nicht getragen von der Musik. So war der Abend in Darmstadt interessant, ich kann aber keine Empfehlung hierzu aussprechen.


    Dokumentation von Daniel Cohen auf YouTube (in Englisch).

    "Ich kann diese HÄSSLICHEN Opern nicht mehr ertragen." überschreibt Cait Frizell ihr Video (ca. 30 min., in English) und gibt sehr gut nachvollziehbar Hintergründe zu diesem Thema. Statt philosophischer Talks würde ich mir persönlich mehr Infos wie diese wünschen, um nicht nur rein subjektiv an das Thema herangehen zu müssen. Das soll kein STOPP sein, aber ein Weckruf ... :rolleyes:


    Den Versuch, einen Vergleich zwischen Bach und Händel zu erfassen, kann ich würdigen. Bleibt die Frage: Was soll das Resultat sein? Was ich bisher hier vermisse, ist die persönliche Ebene. Neben allem technischen, philosophischen, pragmatischen, akustischen Ansichten und Geschmäckern fehlt mir persönlich vor allem die Ebene: Was macht diese Musik mit uns?


    Ich weiß, dass wir uns damit auf eine rein subjektive Ebene bewegen. Jedoch sind wir doch alle hier, weil Musik etwas in unserem Leben bewegt hat, oder? Darum gebe ich hier einmal meinen subjektiven Eindruck wieder. Bach und Händel sind vor über 50 Jahren durch den Schallplattenschrank meines Vaters in mein Leben getreten, den zu benutzen ohne Aufsicht verboten war. Gerade darum habe ich immer heimlich dort gestöbert. Und es kann kein Zufall für mich sein, dass folgende zwei Einspielungen mich schon damals erfassten und das beide, Bach und Händel, auf verschiedene Weise für mich prägend waren. Heute würde ich gewiß andere Einspielungen bzw. Livemusik bevorzugen: mehr HIP, mehr Klangqualität, mehr Verständlichkeit, mehr ... Aber der Auslöser war etwas anderes: dieser Haken von einem Werk eines Komponisten über die Interpretation in das Herz des damals Jugendlichen. Da wurde etwas berührt, was sich einfach einer Beschreibung entzieht.


    Bach für den Geist, Händel für das Herz: das wäre zu einfach. Immer hat es ja auch etwas mit der persönlichen Entwicklung zu tun, und dafür bin ich dankbar. Dankbar, Musik als Resilienzfaktor in meinem Leben für mich erfahren haben zu dürfen. Das versuche ich heute durch Vorträge (natürlich mit Musik) weiterzugeben.


    Genug geplaudert. Hier die beiden Initialzündungen in meinem Leben durch Bach und Händel, für die es lobenswerterweise Beispiele bei YouTube in genau dieser Aufnahme gibt. Und es würde mich freuen, wenn der eine oder andere in diesem Sinne auch Werke beider großer Meister hier nebeneinander stellen würde.



    Georg Friedrich Händel: Oratorium Der Messiah, HWV 56, Arie "Ich weiß, daß mein Erlöser lebet"; 1742

    Karl Richter (Münchener Bach-Chor, Münchener Bach-Orchester) Gundula Janowitz (Sopran), Marga Hoeffgen (Alt), Ernst Haefliger (Tenor), Franz Crass (Bass); 1965



    Johann Sebastian Bach: Kantate "Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit" (Actus tragicus), BWV 106 Chor und Arioso: "Es ist der alte Bund"; 1707/08

    Karl Richter (Münchner Bach Chor & Orchester) Dietrich Fischer-Dieskau, Edith Mathis, Peter Schreier, Theo Adam; 1967

    Es gibt endlich, obwohl 2021 bis 2024 bereits aufgenommen, Sinfonien von Christoph Graupner frisch im CD-Spieler zu hören. Bei unserem Partner ist vor ein paar Tagen die Doppel-CD erschienen. Graupner war einer der ersten, der der neuen Kategorie "Sinfonie" über 112 Werke gewidmet hat.


    Die Instrumentierung ist relativ homogen: ein dicht und lebhaft geschriebenes Streicherensemble, verstärkt durch Hornpaare, Trompeten und oft anmutig verzierende Flöten, gelegentlich ergänzt durch eine obligate Fagottstimme, ganz im Geiste der nahegelegenen Mannheimer Schule. Die Sinfonias spiegeln die stilistische Vielfalt der Epoche wider: Spuren von Sturm und Drang, neben Elementen des empfindsamen und des italienischen galanten Stils wecken mitunter Assoziationen zu Komponisten wie Stamitz, Molter, C. P.E. Bach, dem jungen Mozart.


    Eingespielt unter Florian Heyerick mit dem Ensemble "Il Gardellino". 18 Werke werden vorgestellt.