Die Oper „Kain und Abel“ von Felix Weingartner
Vorbemerkung: Mein Hör- und Genussbereich ist das 18. Jahrhundert mit Spätbarock und Frühklassik, dort bin ich zuhause. Natürlich finde ich auch Perlen in späteren Kompositionen, von Romantik über Spätromantik bis in die Neuzeit: Korngolds „Violanta“, Schrekers „Der Ferne Klang“ oder Pfitzners „Palestrina“ sind mir bestens bekannt und auch geliebt.
Opernabend: Der Einakter „Kain und Abel“ von Felix Weingartner sowie anschließend die Psalmvertonung „Du fond de l´abîme“ von Lili Boulanger standen auf dem Programm des Staatstheaters Darmstadt am gestrigen Gründonnerstag. Gesamtdauer knapp zwei Stunden ohne Pause.
Besetzung ("Kain und Abel“):
- Eva: Katrin Gerstenberger
- Ada: Megan Marie Hart
- Adam: Joel Allison
- Kain: David Pichlmaier
- Abel: Heiko Börner
- Staatsorchester Darmstadt
- Leitung: GMD Daniel Cohen
- Regie: Kerem Hillel
- Dramaturgie: Frederike Prick-Hoffmann
Background: Felix Weingartner war bereits in der Nachfolge zu Gustav Mahler an der Wiener Hofoper tätig, leitete zudem die Wiener Philharmoniker. Auf Einladung von Großherzog Ernst Ludwigs wurde Weingartner 1914 zum Generalmusikdirektor des Darmstädter Hoftheaters berufen und brachte dort seine Oper Kain und Abel zur Uraufführung. Die Aufführung der Oper am Darmstädter Hoftheater wurde ergänzt durch die Aufführung seiner 3. Sinfonie. Wie dem Programmheft zu entnehmen ist, erlebte das Werk seinerzeit einen beachtlichen Erfolg, der durch rasch aufeinanderfolgende Aufführungen an der Wiener Hofoper, dem Deutschen Theater in Prag und weiteren renommierten Spielstätten untermauert wurde. Die Fortsetzung dieser Aufführungen wurde jedoch durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges unterbrochen. Und dann versank die Oper nach der Uraufführung in Darmstadt für 112 Jahre in der Versenkung, bis Daniel Cohen während der Corona-Epidemie das Werk ausgrub und jetzt zur Aufführung brachte. Eine ausführliche Dokumentation des Werkes einschließlich des Librettos auf 105 Seiten verfasste Cohen auch.
Hinweis: Die geplanten vier Aufführungen werden dem Label cpo mitgeschnitten. Daraus soll eine CD werden.
Aufführung: Die knapp 90 Minuten der Oper wurden von einem starren Bühnenbild aus einem schwarzen Hintergrund, ca. 12 Stühlen, einem modernen Wasserspender sowie einem welken Blumenstrauß und ein wenig Erde begleitet. Ab und zu wurden zwei Leinwände für eine Videopräsentation heruntergelassen, auf denen Filme mit modernen Inhalten gezeigt wurden, die einen Bezug zum Stoff haben sollten. Die Sänger trugen „normale“ Kleidung. Wer nicht gerade sang wurde auf die Stühle platziert oder an die Wand gestellt. Der Versuch den erzählten Stoff durch Bewegung und Kommunikation der jeweils Beteiligten zu verdeutlichen war zu sehen, jedoch aufgrund der Irritation der Texte nicht immer zu verstehen.
Qualität: Die Leistung der Sänger und Sängerinnen kann ich voll und ganz würdigen. Das Klasse-A-Orchester der Darmstädter Oper lieferte eine gute Leistung ab. Der Versuch etwas Besonderes zu bieten, war deutlich wahrzunehmen. Die Aussprache der Texte war fast durchgehend gegeben, das fortlaufenden Schauen auf die Textpräsentation über der Bühne jedoch unbedingt notwendig, weil sonst überhaupt kein Sinn wahrzunehmen war. Der kurze, verhaltende Applaus am Ende war sicher bezüglich der Leitung der Sänger und Sängerinnen und des Orchesters leider zu kurz. Während der Vorstellung verließen ca. ein Dutzend Hörer das Parkett. Die Vorstellung war höchstens zu 50% verkauft.
Werk: Das Libretto der Oper stammt von Weingartner selbst und hinterließ mehr als Fragezeichen. Zum einen wurde der klassische, biblische Text von Kain und Abel in seiner Dynamik vollkommen neu interpretiert. Aus dem Programmheft:
„In ‚Kain und Abel‘ werden vereinzelt Texte gesungen, die aus heutiger Sicht problematische
rassentheoretische Vorstellungen widerspiegeln könnten. ...
Wir belassen diese Passagen als Teil des Originalwerkes,
um Weingartners Libretto und Musik erstmals seit 1914 historisch korrekt aufzuführen.
Sie entsprechen nicht unseren heutigen Werten.“
Bei mir hinterließen die Texte neben Verwirrung eine subtil wahrzunehmende Ablehnung, da sie psychologisch und emotional in keiner Weise einzuschätzen und berührend waren.
Das Werk begann mit Musik, die mich im ersten Moment an Korngolds Violanta erinnerten, die allerdings er zwei Jahre später komponiert werden sollte. Sobald die Sänger und Sängerinnen einsetzten wurde die Musik wagnerisch. Meist wurde laut und mit vollem Sound das Werk präsentiert, so dass kaum einzelne Instrument oder Instrumentengruppen herauszuhören waren. Ein instrumentales Zwischenspiel ließ kurz aufhorchen, wie Weingartner komponierte. Manche Arien bzw. Musiksequenzen erinnerten an „Die Meistersinger von Nürnberg“ von Richard Wagner. Das Konzept der Oper beinhaltet nicht unbedingt Stille, Zartheit oder Harmonie. Ich kann gut verstehen, dass die Aufführenden ihr Bestes gegeben haben. Allerdings hat mich das Werk nicht davon überzeugt, dass musikalische Archäologie in diesem Fall besonders sinnvoll oder hilfreich war. Manchmal ist es vielleicht besser, manche Dinge so zu lassen, wie sie sind.
Nach einer kurzen Umbauphase wurde das Werk von Lili Boulanger gespielt. Ihr „De Profundis“ mit dem Staatsopernchor in einer interessanten Regie täuschte nicht darüber hinweg, dass kein unmittelbarer Bezug zu Weingartners Oper herzustellen war, noch kam das Werk als etwas Besonders rüber. Auch hier war der „volle“ Sound des vollbesetzten Orchesters die tragen Welle, doch der Text des Psalms 130 „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir“ war auch hier nicht getragen von der Musik. So war der Abend in Darmstadt interessant, ich kann aber keine Empfehlung hierzu aussprechen.
Dokumentation von Daniel Cohen auf YouTube (in Englisch).