Beiträge von MusicFan9976

    die Frage ist, wie man das definiert.

    Das ist in der Tat verdammt schwer. Die Aufführung des Vivaldi Konzerts, die ich in meinen Beitrag erwähnte ist so ein kniffliger Fall. Die Auszierungen die Biondi da macht sind nichts unübliches und vielleicht beurteile ich das zu streng, besonders weil ich die Gesamtaufnahme Biondis von op 3 sehr gut finde. Andererseits finde ich die unangetastete Melodie, die bei Mariner zu hören ist, doch ansprechender.


    Ein andere solcher Fall ist der langsame Satz von Haydns As-Dur Klaviertrio Hob. XV Nr. 14. Die Melodie die Haydn für die Violine schreibt ist an Einfachheit und Schlichtheit kaum zu überbieten. Klar, dass sich so etwas für das Ausschmücken anbietet und ich habe eine Aufnahme wo das auch gemacht wird. Trotzdem bevorzuge ich die schlichte und einfache ungeschmückte Melodie. Ich glaube, dass hier der persönlicher Geschmack entscheiden muss.

    Ich muss zugeben, dass ich Antoninis Aufnahme der 56 schon lange nicht gehört habe. Kann sein, dass ich sie etwas harsch beurteile. Andererseits kommt Hogwood (mein Goldstandard bei diesem Werk) ganz ohne Ausschmückungen aus. Was Mozarts K 201 angeht, kenne ich die Aufnahme die du erwähntest nicht. Aber auch da würde ich ein zusätzliches Ausschmücken schade finden, ist doch die A-Dur Sinfonie vielleicht die beste aller Salzburger Sinfonien und braucht meiner Meinung nach nichts dazu gedichtetes.

    Bevor ich jeden Satz mit „Ich finde“ oder „Meiner Meinung nach“ beginne, möchte ich hier festhalten, dass alles was ich hier schreibe meine persönlich Meinung widerspiegelt.


    Der Anstoss zu diesem Thread war eine Aufnahme von Haydns Sinfonie 56 von Antonini mit den Kammerorchester Basel. die Ulli in den Thread gestellt hatte. Der erste Satz klang sehr gut und überzeugend, so dass ich mir die ganze Sinfonie auf Spotify anhörte. Die Aufnahme war eine gute (generell mag ich Antoninis Dirigat), jedoch wurde im Finale so viel dazu gedichtet, dass ich das Stück kaum mehr erkannte und es irgendwie entstellt wirkte. Zwar gab es in den ersten drei Sätzen die eine oder andere Ausschmückung, aber die waren im Ramen des guten Geschmacks und änderten nicht die Identität des Stücks. Auch bei Feys Aufnahme gab es zu viel des Gutem im Finale. Aber wie viel soll ein Stück ausgeschmückt werden?


    Dass ein Solist, oder ein Spieler der gerade solistisch hervorgehoben wird ausschmückt, leuchtet ein und ist auch wünschenswert. Am deutlichsten ist die Aufforderung zum Improvisieren im Konzert, wo es fast immer eine Kadenz gibt bei der der Solist seine Improvisationskünste darbieten kann. Solche Kadenzen gibt es auch in einigen langsamen Sätzen von Haydns op 9 und op 17 Quartetten, wo die Musik auf den „Kadenz-Akkord“ landet (ich weiß leider nicht, was für ein Akkord es ist) und dem Primgeiger signalisiert ein wenig zu improvisieren. Hier gar nichts zu machen und einfach von Notenblatt weiter zu spielen, wäre ein Fehler. Ich habe solche Aufnahmen schon erlebt und sie sind genauso unbefriedigend wie die wo überimprovisiert wird. Interessant ist auch noch die Tatsache, dass zwei von den bemerkenswertesten Kadenzen auskomponiert wurden: Die Kadenz zu Bachs 5. Brandenburger Konzert, die weit über das damals übliche hinaus geht und das Cembalo (Bachs eigenes Instrument) zum zentralen Instrument des Stücks macht und die Kadenz in Haydns Sinfonia Concertante, die die Solisten Gruppe als unabhängiges Kammer Ensemble etabliert und vom Orchester abhebt.


    Eine Melodie etwas auszuschmücken, wenn man gerade eine Solopassage hat ist eine gängige Praxis, wie man bei vielen Trios der Menuette hören kann, bei der ein Instrument einen Solo spielt (meist die Oboe). Auch bei anderen Solos trifft man oft auf solche Mini Improvisationen. Die Frage die sich stellt: Braucht die Melodie das unbedingt? Vor langer Zeit schrieb ich über ein Vivaldi Konzert aus L‘Estro Armonico - op 3 Nr. 8 - in dessen Finale ein wunderschönes Violinsolo vorkommt. Es ist auch deswegen so schön, weil die Melodie sehr schlicht und einfach ist. Bei einer Aufnahme, die ich mir später zulegte wird diese Melodie mit lauter Verschnörkelungen überhäuft, so dass die schlichte Einfachheit der Melodie verloren geht. Beim ausschmücken lautet daher meine Divise: So viel wie notwendig und so wenig wie möglich.


    Problematischer ist das Improvisieren in Sinfonien von einem begleitenden Cembalo. Erstens handelt es sich um ein Instrument, das in der Partitur gar nicht vorgesehen ist und wo sich die Frage stellt ob es überhaupt dabei sein sollte (meiner Meinung nach nicht). Zweitens ist es auch zweifelhaft ob das begleitende Tasteninstrument ° überhaupt von den Zuhörern wahrgenommen wurde. Wenn der Komponist wollte, dass es gehört wird, dann hätte er das sicherlich in der Partitur notiert. Das einzige Stück (dass ich kenne) wo das der Fall ist, ist Haydns Sinfonie 98. Die Tatsache, dass Haydn diesen Solo in der Partitur ausschreibt, ist ein Indiz dafür, dass man damals eher nichts von dem begleitenden Tasteninstrument hören wollte. Sonst hätte er bei der Uraufführung den Solo einfach dazu improvisiert.


    Auch Fragwürdig finde ich das hinzu Dichten von Dirigenten bei gewissen Stücken. Das involviert meisten mehrere Spieler und so kann nicht wirklich von Improvisieren die Rede sein. Die zusätzlichen Einlagen von Hörnern und Pauken im Finale der oben erwähnten Sinfonie 56 ist so ein Fall, ein noch schlimmerer ist der Aufschrei des Orchesters bei Marc Minkowskis Darbietung der Paukenschlag Sinfonie. Es entstellt eine Aufführung die bis dahin sehr gut war und bringt nichts zu Haydns Musik. Seine Begründung dafür war, dass er denselben Überraschungsmoment wie bei der Uraufführung bringen wollte und da jeder den Paukenschlag kennt, hat er halt stattdessen das Orchester schreien lassen. Na ja… Grund dafür wird wahrscheinlich sein, dass die xte gute Aufführung eines Werkes nicht viel Aufmerksamkeit mit sich bringen wird, jedoch ein exzentrische Einlage schon. Ich finde es schade, weil Minkowskis Londoner durchwegs gute Aufnahmen sind, ausser die Paukenschlag Sinfonie und die Paukenwirbel Sinfonie, wo er seinen Pauker zu Beginn eine riesige Kadenz improvisieren lässt (ich mag den Wirbel).

    Diese Aussage halte ich für nicht haltbar, lieber wok, da jedes halbwegs fähige Barock-Ensemble natürlich problemlos jede der geforderten Besetzungen aufbieten kann. Solche Ensembles, oft mir großer SPielfreude ausgestattet, haben auch den Vorteil, dass ihnen der Duktus dieser Musik in den Genen liegt und sie sich nach Romantikorchester anhören.

    Andererseits habe ich selten Gesamtaufnahmen erlebt die alle Werke ideal einspielen. Egal ob alle Beethoven Sinfonien, Mozarts Klavierkonzerte oder eben die Brandenburger; irgendwo wird es das eine oder andere Werk geben, das mit einem anderen Ensemble besser eingespielt ist. Selbst bei Werken die sich mehr ähneln, wie zum Beispiel ein Quartett Opus von Haydn, gibt es oft einzelne Werke die anderswo besser aufgeführt werden.

    Lieber Nemorino,


    Ich bin ziemlich offen für alles, wenn es gut gemacht ist. Ich höre sowohl HIP als auch konventionelle Aufnahmen.

    Rosbaud habe ich bis jetzt bei Haydn nicht gehört, da müsste ich mal reinhören. Ich gehe mal davon aus, dass die CD die du angezeigt hast die 48 enthält. Danke für den Tip.:jubel:

    Diese Sinfonie ist bei mir lange Zeit unter dem Radar gelaufen. Sie war erstaunlicherweise nie einer meiner Favoriten, wahrscheinlich weil ich nie eine passende Aufnahme des Werks hatte. Es stellte sich heraus, das ich sie doch gehabt habe. Vor langer Zeit konnte ich noch die große Brüggen Box bei Gramola in Wien ergattern. Sie enthält die Sturm und Drang Sinfonien, die Pariser und die Londoner Sinfonien. Während es bei den Parisern besseres gibt, sind einige der Londoner und die Sturm und Drang Sinfonien sehr gut eingespielt. Die Box ist etwas in den Hintergrund getreten, weil bei mir die Hogwood Box und die Aufnahmen mit Derek Salomons dazu gekommen sind. Letztes Wochenende habe ich die Brüggen Box wieder von meinem Regal geholt und hörte mir einige Sinfonien an, darunter auch die Nr.48. Was für ein Werk! Brüggen spielt sie mit Pauken, aber ohne Trompeten. Stattdessen treten zwei forsche C-Alto Hörner ins Rampenlicht, die dem Werk eine feierlichen Ton geben. Ich könnte mir gut vorstellen, dass Haydn damals die Sinfonie auch so aufgeführt haben könnte, da er oft C-Alto Hörner als einen Ersatz für (bei Esterhazy oft fehlenden) Trompeten verwendete. Pauken hingegen waren in Esterhazy eher verfügbar und es gibt einige Haydn Sinfonien mit Pauken aber ohne Trompeten (Nrs. 13 ?, 48 ?, 53, 61, 72 ? und 82 ?). Der Kopfsatz dürfte auch einer der längsten seiner Zeit gewesen sein.

    Menuett und Finale sind auch tolle Sätze, aber der wirkliche Wiederentdeckungseffekt war für mich der langsame Satz. Wunderschön und auch der Einsatz der Hörner ist hier sehr effektiv. Definitiv ein gerettetes Stiefkind:jubel:.

    In der Tat war das eine interessante Diskussion zu einer Frage die man am Ende jedoch nicht beantworten kann. Trotzdem kamen einige interessante Anregungen und es hat Spaß gemacht diesen Thread zu verfolgen. Sehr amüsant finde ich die „Radikal-Mozartianer“ (hier, aber auch anderswo), die Mozart meilenweit über Haydn stellen und nicht ohne einen Seitenhieb auf Haydn (zu langweilig, zu brav usw.) auskommen. Mich wundert es immer ein wenig wenn ein bestimmtes Mozart Werk als haushoch überlegen in den Raum gestellt wird, ohne zu begründen warum dem eigentlich so ist. Es ist natürlich legitim, wenn einem ein Werk von Mozart weit besser gefällt als irgendeines von Haydn, wenn man aber behauptet das Mozart Werk ist besser als alles von Haydn, dann muss man das schon objektiv begründen können. „Gefallen“ ist meiner Meinung nach auch keine Konstante. Manchmal gefällt mir eine Sinfonie von Mozart besser als eine von Haydn, sonst würde ich sie nicht hören. Ob einem in einen gewissen Moment etwas gefällt, hängt meiner Meinung nach viel von der Stimmung ab, in der man gerade ist. Selbst der „radikalste“ Mozartianer wird ab und zu etwas abseits von Mozart brauchen.

    Ich dachte hier gehts um Mozarts Jupiter Sinfonie....


    Ich habe mehrere Aufnahmen des Werks: Zweimal Böhm (einmal Berliner, einmal Wiener Philharmoniker), einmal George Szell mit dem Cleveland Orchester, eine Aufnahme mit Harnoncourt und dem Chamber Orchestra of Europe und eine mit Jap Ter Linden und der Mozart Akademie Amsterdam. Ich mag sie alle, aber wenn ich einen Favoriten nennen müsste dann wahrscheinlich Szell und die Cleveländer (ich weiß ich werde jetzt dafür mein Fett abbekommen:untertauch:)


    Ich bin übrigens auch nicht der Meinung, dass neuere Aufnahmen eines Werkes unbedingt besser sind als die älteren. Böhms Aufnahme der Jahreszeiten aus den 60ern ist meiner Meinung nach noch immer der Goldstandard für das Werk, obwohl hier es einige gute neue Aufnahmen gibt (Rene Jacobs zum Beispiel).

    Haydns Schöpfungsmesse erhielt ihren Namen durch ein Selbstzitat aus der Schöpfung. Haydn lässt beim „Qui Tollis“ der Gloria den Bass Solisten die Worte zu seiner Melodie aus dem Duett von Adam und Eva singen. Dieses weltliche Zitat brachte Haydn damals viel Kritik ein und er wurde von Kaiserin Theresa ersucht die entsprechende Stelle zu ändern. Diese Änderung hat überlebt und kann (als Anhang) in der Aufnahme von Richard Hickox und dem Collegium 90 gehört werden. Was dieses Zitat aber auch verdeutlicht, ist die Tatsache, dass Haydns vorletzte Messe, meiner Meinung nach, mehr von den späten Oratorien - vor allem den Jahreszeiten - beeinflusst wird als die anderen. Das beschränkt sich nicht nur auf das erwähnte Zitat, sondern ist in der gesamten Messe präsent. Komponiert wurde sie in 1801, also unmittelbar nach der Fertigstellung der Jahreszeiten. Sie weist auch eine reiche Besetzung auf: 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 2 Hörner, 2 Trompeten, Pauken, Streicher, Orgel, gemischten Chor mit Sopran, Alto, Tenor und Bass Solisten. Das größere Orchester und seinen Einsatz in diesem Werk (und auch der Harmoniemesse) scheint auch von dem Umgang mit großen Orchestern in den Oratorien beeinflusst zu sein.


    Das Kyrie beginnt mit einer langsamen Einleitung. Das ist in sich selber nicht ungewöhnlich, beginnen doch sehr viele Haydn Messen mit einer Einleitung. Was hier aber anders wirkt ist die fast schon pastorale Stimmung der Musik, die mehr an den Bittgesang aus den Jahreszeiten erinnert als an die der anderen Messen. Anstatt des Chors, erklingt die Alto Solistin und erst später folgt die Antwort vom Chor. Diese Einleitung ist natürlich wunderschön, wirkt aber auf mich wenig religiös und erhaben, sondern eher verträumt und pastoral. Das darauffolgende Allegro könnte auch gut ein Freudenchor aus Haydns Jahreszeiten sein und erinnert tatsächlich etwas an den Weinchor des Oratoriums. Der Mittelteil (Christe eleison) ist wieder mehr „kirchlich“ mit seiner geflochtenen Polyphonie des Solistenquartetts, aber das Kyrie kehrt wieder und lässt den Satz heiter ausklingen. Der 6/8 Takt ist für ein Kyrie auch eher ungewöhnlich und trägt wahrscheinlich auch dazu bei, die Stimmung hier „weltlicher“ zu machen.


    Das Gloria beginnt zunächst normal mit einer einleitender Fanfare und dem Eintritt der Chors mit „Gloria in Excelsis Deo“. Wie üblich beruhigt sich die Musik für „et in Terra Pax“ und leitet dann weiter zu „laudamus te u.s.w.“. Die große Überraschung kommt mit „Gratias tibi“, wo die Musik einen abrupten Wechsel zu Moll macht. Dieser Abschnitt hat eine fast opernhafte Dramatik an sich und wirkt in einem sakralen Setting etwas deplatziert. Danach beruhigt sich die Musik etwas und führt zu der berühmten „Qui tollis“ Passage. Haydn ist für seinen Humor berühmt, jedoch in seiner Kirchenmusik ist kaum etwas davon zu bemerken. In der Tat ist diese Passage die einzige humorvolle, die ich aus Haydns Messen kenne. Der erste Witz ist dass Haydn vergessen hat das Tempo zu wechseln. Normalerweise wird (spätestens) mit „Qui tollis“ ein langsames Tempo eingeleitet. Der zweite Scherz ist natürlich das Zitat aus dem Oratorium, das damals fast jeder gekannt haben muss. Am lustigsten finde ich jedoch den erbosten Aufschrei des Chors (vielleicht Haydns Kritiker?) im richtigen Tempo und im wütenden Forte zu den Worten „Miserere nobis“. Danach folgt eine Arie für Alto und Sopran, die aber auch eher opernhaft (fast wie eine Liebesarie) klingt und mit vollem Chor abgeschlossen wird. Der dritte Teil endet traditionell mit einer großen Fuge, die aber gegen Schluss von kleinen Soli der Klarinetten und Oboen unterbrochen wird, was den Abschnitt wiederum sinfonisch einfärbt.


    Das Credo beginnt zunächst in gewohnten Bahnen, jedoch die Tenor Arie im „et incarnatus est“ klingt dann doch eher wie aus einem Singspiel. Noch eigenartiger ist das „Crucifixus“: Ein chromatisch windender Bass Solo wird von einem jähem Aufschrei des Chors zu den Worten „sub Pontio Pilatus“ gefolgt. Diese Stelle ist zwar dramatisch, aber auch theatralischer als die entsprechenden Abschnitte der anderen Messen. Der dritte Teil des Credos ist dann wieder halbwegs „normal“ und endet in einer Fuge zu „et Vitam Venturi“.


    Wie in fast allen Haydn messen, wird der Sanctus hymnenartig vom Chor gesungen, jedoch die etwas unruhige Begleitung in Triolen vom Orchester geben diesem Abschnitt dann doch eine ganz andere Stimmung als in den anderen Messen. Der zweite Abschnitt, beginnend mit „Pleni sunt coeli“ ist recht ausgelassen und und steigert sich zu einem jubelten „Hosanna in excelsis“, das den Satz abschließt.


    Das wunderschöne Benedictus ist ein Dialog der Solisten, mit einer großzügigen Beteiligung des Chors. Anders als in seinen anderen Messen, wartet Haydn nicht bis zum Schluss des Satzes für das „Hosanna in excelsis“, sondern lässt den Chor mit diesen Wörtern immer wieder den Satz unterbrechen. Auch wird die Musik des Hosannas aus dem Sanktus hier nicht wiederholt.


    Das „Agnus Dei“ ist vielleicht der „sakralste“ Abschnitt der Messe. Es beginnt tief ernst und führt nach der dreimaligen Wiederholung zum „Dona nobis Pacem“. Der Abschnitt ist klingt fast triumphierend und geht sofort in eine Fuge über. Etwas später in diesem Abschnitt gibt es noch zwei kleine Soli für die Klarinette, die in diesem Werk eine durchaus prominente Rolle hatte. Die Messe endet schließlich fröhlich und mit ausgelassener Stimmung.


    Meine „Sekularisierung“ dieser Messe soll auf keinem Fall ein Werturteil sein. Die Schöpfungsmesse zählt zu meinen Favoriten gerade weil sie so anders ist. Jedoch waren es vielleicht Werke wie diese Messe, die Haydn damals als Kirchenkomponist viel Kritik einbrachten. „Nicht ernste genug“, „zu frivol“ und „zu fröhlich“ waren die damaligen Urteile gegen Haydns Kirchenmusik. Jedoch war Haydn ein Komponist der stets die vorherrschenden Normen in Frage gestellt hat und somit auch die Musik erneuert hat. Was bei dieser Messe heraussticht, ist zum einem die sehr farbige Instrumentation, die für die Zeit eher ungewöhnlich war und die ausgelassene, ja fast schon fröhliche Stimmung des Werks (die Schöpfungsmesse weist keinen einzigen Abschnitt in einer Moll Tonart aus). Insofern sind Haydns letzten sechs Messen zukunftsweisend und hatten sicherlich einen Einfluss auf Schuberts und Bruckners Messen. Was Haydns damalige (und vielleicht jetzige) Kritiker betrifft, so möchte ich hier gerne den Komponisten selber zitieren: „Gott hat mir ein fröhliches Herz gegeben, also wird er mir es schon verzeihen wenn ich ihm fröhlich diene“.

    Dank der vielen rezenten Postings hier, bin ich darauf gekommen, dass ich meinen eigenen Thread sträflich vernachlässigt habe. In meinen letzten Posting schrieb ich, dass ich mich meiner Box aller Mozart Klavierkonzerte annehmen würde und das habe ich auch noch letztes Jahr gemacht, jedoch vergieß ich das auch zu posten. Dafür kann ich jetzt eine Zusammenfassung darüber geben. Von den ursprünglichen „Stiefkindern“ (6, 7, 8, 10, 11, 15, 19 & 23) schafften es alle ausser 6, 8 &11 „gerettet“ zu werden. Das ist nicht verwunderlich, weil Mozart in meiner Meinung der Komponist von Klavierkonzerten ist. Auch dass die späten Werke alle „rehabilitiert“ wurden, überrascht nicht, sind sie doch alle Werke des reifen Mozarts in seinem eigen Genre. Das Werk das mich am meisten begeisterte war Nr. 23, ein Konzert mit Klarinetten aber ohne Oboen, Pauken und Trompeten. Es ist damit, neben Nr. 27, das einzige ohne Trompeten und Pauken in den 20ern, vielleicht auch ein Grund, dass es - nicht nur bei mir, sondern generell - etwas unter dem Radar ist. Besonders der langsame Satz in Fis-Moll (das einzige Stück in dem Mozart diese Tonart verwendet) ist ein wunderschönes melancholische Stück, das durch die seltene Tonart von Fis-Moll und den Siziliano Takt eine ganz eigenartige Stimmung bekommt. Diese ist ganz anders als die von Haydns Fis-Moll Werken (Abschiedssinfonie, Quartett op 50/4), die Mozart gekannt haben konnte; Haydns Strenge und Kompromisslosigkeit wird hier durch zarte Melancholie ersetzt. Mehr zu diesem tollen Werk schreibe ich jedoch in dem entsprechenden Thread (sofern es den gibt, wenn nicht starte ich ihn). Bleibt zu sagen, dass sich alleine wegen diesem Werks, meine Auseinandersetzung mit der Mozart Klavierkonzerte-Box gelohnt hat.


    „Stiefkinder“ müssen jedoch nicht unbedingt vergessene Werke sein. Auch ältere Aufnahmen von Favoriten können „Stiefkinder“ sein, die es gilt wieder zu entdecken. Ein treffendes Beispiel dafür sind bei mir Haydns Londoner Sinfonien. Als ich damals in der Steinzeit meine ersten Haydn Sinfonien hörte, waren es Aufnahmen mit modernen Instrumenten unter Dirigenten wie Jochum, Bernstein und Szell. Etwas später kaufte ich mir die beiden Doppel-CD‘s mit Colin Davis und dem Concertebow. Dann kam HIP, das ich zuerst eher ablehnte, jedoch mit der Zeit mir immer besser gefiel. Inzwischen höre ich fast alle Haydn Sinfonien mit HIP Aufnahmen. Als ich im Tamino Klassik Forum einige positive Rezensionen über die Jochum Aufnahmen las, wurde ich neugierig und wollte die Aufnahmen, die ich seit Jahren nicht mehr gehört hatte, wieder kennen lernen. Das Problem war, dass ich die Jochum Aufführungen damals auf Schallplatten hatte, die meinen Umzug über den Atlantik leider nicht mitgemacht haben. Glücklicherweise entdeckte ich ein Sonderangebot beim Dschungelfluss, alle Londoner mit Eugen Jochum und der London Philharmonic auf CD für ein paar Euronen. Ich hörte alle meine Favoriten und war aufs neue begeistert. Es gab aber auch Werke, die Jochum meiner Meinung nach nicht so gut gelingen, wie zum Beispiel Nr. 99. Andererseits gab es in der Box eine Aufnahme, die mittlerweile zu meinen Favoriten gehört, die der Sinfonie 97. Sie war für mich neu, da ich sie damals nicht auf Schallplatte hatte (ich hatte sie mit Szell). Während 101 und 104 eine „Rettung von Stiefkindern“ war, stellt 97 eher eine Neuentdeckung dar. Auch einige der Aufnahmen von Colin Davis habe ich inzwischen wieder „gerettet“. Da war es um einiges einfacher, weil ich die Aufnahmen schon auf CD hatte.


    Etwas trauriger sieht es bei den tollen Aufnahmen aus, die es bei Nonesuch Records gab (ich weiß nicht ob es die je in Europa gegeben hat, aber damals war es bei uns ein tolles Label). Damals in der Steinzeit hatte ich viele Schallplatten von Nonesuch, weil sie sehr günstig waren (etwa $3 pro Schallplatte, verglichen mit $6-$8 für normale Schallplatten) und weil sie auch tolle Aufnahmen von Werken abseits des Mainstreams hatten, wie zum Beispiel etliche von Haydns frühen Sinfonien (Esterhazy Sinfonien) mit Leslie Jones and the Little Orchestra of London, Mozarts Es-Dur Divertimento (Streich Trio) oder auch Bachs Brandenburg Konzerte (OK, nicht abseits des Mainstreams) mit Karl Ristenpart und dem Kammerorchester der Saar. Leider scheinen es diese Aufnahmen nie auf CD geschafft zu haben und Nonesuch hat sich inzwischen mehr der kontemporären Musik gewidmet. Vielleicht kann ich diese Aufnahmen noch digital bekommen; Ich werde mich einmal schlau machen…

    Dass Sturm und Drang keine scharf abgegrenzte Periode ist, steht ausser Zweifel. Andererseits sehe ich bei Haydns späten Moll Sinfonien einen klaren Bruch zu den der 1760er und 1770er Jahren. Erstens gibt es eine markante zeitliche Trennung, da Sinfonie 78 die erste Moll SInfonie seit gut 10 Jahren ist. Auch die Tatsache, dass keine einzige späte Moll SInfonie in Moll endet, stich hier hervor, schließen doch alle Sturm und Drang Moll SInfonien (mit Ausnahme der Abschiedssinfonie und der sehr frühen Nr. 34) in Moll. Auffallend sind auch die Kopfsätze dieser Sinfonien: Sie enden schon in Dur und haben zumeist jubelnde, bei 80 und 83 sogar komische, Seitenthemen. Die späte Moll Sinfonie die in der Hinsicht etwas aus dem Rahmen fällt, ist Nr. 78. Hier endet der Kopfsatz noch in Moll und auch das zweite Thema (Gruppe? ob man hier von ein Thema sprechen kann?) ist zwar in Dur, aber nicht so ausgelassen wie die Seitenthemen von 80, 83 und 95. In der Hinsicht sehe ich den Kopfsatz von Nr. 78 näher den Sturm und Drang Werken als den anderen späten Moll Sinfonien.


    Interessanterweise ist dieser stilistische „Bruch“ bei Moll Werken in anderen Genres weit weniger ausgeprägt als wie bei den Sinfonien. Bei den Quartetten gibt es nach wie vor ein Moll Werk per Sechserpack, also eine höhere Frequenz als wie bei den Sinfonien. Und bis inklusive dem Fis-Moll Quartett, enden alle in Moll. Die Quartette, die der „Mollverdrängung“ der SInfonien am nähersten kommen sind das Rassiermesserquartett und das Reiterquartett. Die restlichen zwei (op 64/2 & op 76/2) haben zwar eine späte Wendung nach Dur, sind aber solide in Moll, mit Kopfsätzen die in Moll enden, Menuette in Moll und Finali die bis kurz vor Ende in Moll stehen. Auch bei den Klaviertrios gibt es ein spätes Werk, das in Moll endet (Fis-Moll Nr. 26).


    Nach dem ganzen "Improvisieren" in diesem Thread, sollte ich vielleicht auch ein paar Zeilen zu dieser tollen Sinfonie schreiben. Sie ist Haydns Rückkehr zur Moll-Tonart, nach langer Abstinenz. Der erste Satz erinnert tatsächlich an die Werke des Sturm und Drangs, besonders an Haydns frühere C-Moll Sinfonie Nr. 52, jedoch die restlichen drei sind dann doch leichter und das Werk endet schlussendlich in C-Dur. Haydns nächste Sinfonie in Moll (Nr. 80) geht ähnlich vor und hat darüber hinaus diese humorvolle Konfrontation von einem strengen Moll Thema mit einem fast frivol wirkenden Walzer Thema. So etwas gibt es in der C-Moll Sinfonie nicht. Sie ist, trotz großem Dur Anteil, ein eher ernsteres Werk. Trotzdem finde ich es interessant, dass Haydn nach 1780 die Moll Tonart kaum noch für ein ganzes Werk verwendet. Die einzigen Ausnahmen sind kurioserweise beide in Fis-Moll. Das späte Klaviertrio und das Quartett op 50 Nr. 4 enden beide in Moll.


    Die einzige Aufnahme die ich von der Sinfonie 78 besitze ist die von Fischer. Sie ist ganz ordentlich, obwohl es vielleicht bessere geben wird. Vielleicht Dantone oder auch Antonini?

    Oh je, jetzt stehe ich im Forum als böser MusicFan da, der gegen jegliches Improvisieren ist:cursing:. Ganz so ist es natürlich nicht, jedoch stelle ich mir bei dem Thema schon folgende Fragen:


    • Wann und wie oft soll improvisiert werden?
    • Wer vom Orchester soll improvisieren?
    • Was wurde vom Komponisten, beziehungsweise vom damaligen Publikum erwartet?


    Ich weiß, das geht hier etwas vom Thema ab, aber ich habe nichts gegen dezentes Improvisieren. Beispielsweise finde ich die kleinen (aber feinen) Improvisationen des Oboisten im Trio von Antoninis Aufnahme von Sinfonie 61 (eine sehr gute!) angemessen, aber die viel zu häufigen (und auch - meiner Meinung nach - unpassenden) Improvisationen im Finale von Nr. 56 eher störend. Was jetzt die Ausziehrung der Fermate in Dantones Aufnahme von Nr. 78 (das eigentliche Thema hier), die Ulli erwähnte, betrifft, kann ich eigentlich nichts sagen, da ich sie nicht kenne. Die 78 ist die erste Sinfonie zu der Hogwood nicht gekommen ist. So gesehen, wäre eine HIP Aufnahme hier interessant.

    Ich habe mir zwei CD‘s von der Serie gekauft und bin mit den beiden Aufnahmen sehr zufrieden. Besonders die relativ unbekannten Sinfonien 61 und 67 sind toll gespielt und gefallen mir sogar noch besser als die Einspielungen von Hogwood (für mich der Gold Standart bei den Esterhazy Sinfonien). Man würde meinen, dass das Lust auf mehr macht. Ich kaufte danach noch eine dritte CD, mit einem kleinen Prinzen auf dem Cover und den Sinfonien 53 & 54. Diese Aufnahmen sind zwar ganz ordentlich, kommen aber nicht an die von Hogwood heran. Nachdem Ulli eine weiteres Album mit der Sinfonie 56 vorgestellt hatte, war ich natürlich neugierig. Gott sei Dank hörte ich mir das Werk auf You Tube an bevor ich zugriff (auch hier ein großes Danke an Ulli für den Link). Besonders im Finale sind so viele Improvisationen eingebaut, dass man das Stück kaum mehr erkennt. Ich frage mich: Warum eigentlich? Haydns Musik kann sehr wohl für sich selber stehen, wenn man die Tempobezeichnung Prestissimo ernst nimmt. Das beweist die Aufnahme von Hogwood eindrucksvoll, wo das Finale ganz ohne zusätzlicher Improvisationen auskommt. Trotzdem sind zahlreiche Dirigenten der Meinung, dass Haydns Musik irgendwie „nachgebessert“ werden muss. Der eklatanteste Fall ist Minkowskis Aufführung der Paukenschlag Sinfonie, wo er das ganze Orchester laut aufschreien lässt, um seiner Meinung nach einen „Überraschungsmoment“ zu erzeugen. Was wirklich schade ist, da die Aufnahme der Sinfonie ansonsten eine gute ist. Genauso wie mit Antoninis Einspielung der Sinfonie 56. Die ersten Sätze funktionieren sehr gut, aber leider verdirbt das (für mich) entstellte Finale mir das ganze Werk. Es gibt sicherlich Musik, bei der Improvisationen wünschenswert sind (Konzerte zum Beispiel), aber bei (den meisten) Sinfonien finde ich die Praxis eher fragwürdig.

    Dass Haydn ein Cello aus dem Orchester solistisch hervorhebt, ist nicht beim ihm nichts neues (siehe Sinfonien 88, 95 und einige andere) und eine Begleitung mit gebrochenen Akkorden in Triolen gab es in den Sinfonien auch schon zuvor (langsame Sätze 61, 62 und andere). Zugegeben, so eine Begleitung ist natürlich sehr „pianistisch“, muss aber nicht auf das Klavier beschränkt sein. Dass das Cello in der Klaviertrio Version eher in den Hintergrund rückt, überrascht nicht, weil der Cellist in Haydns Londoner Orchester ein professioneller Musiker war, während die Cellisten auf dem Amateur Markt vielleicht dem Part aus der Sinfonie nicht gewachsen wären. Das alles entscheidet natürlich nicht, ob die eine oder andere Version zuerst kam. Bleibt noch die Datierung beider Werke, die eher für den sinfonischen Satz als Original spricht ( Sinfonie 1794, Trio 1795), wobei nicht ausgeschlossen werden kann, dass das Trio vielleicht früher komponiert wurde oder das Adagio schon als separates Stück existierte.


    Interessant ist auch der jeweilige Effekt des Adagios in den Stücken. Im Trio folgt das Adagio einem sehr ernsten und dichten Satz in Fis-Moll und dient somit als Ruhepol, Es ist daher eher schlicht und einfach gehalten. In der Sinfonie folgt das Adagio einem sehr wilden und konzentrierten Satz und bringt zwar eine gewisse Ruhe in das Werk, steigert jedoch die Intensität mit einer fast romantisch wirkenden Orchestrierung. Ob jetzt Haydn einen schlichten Satz eines Klaviertrios für seine Sinfonie „aufwertete“ oder einen fortschrittlichen Satz einer Sinfonie für seine Freundin (Rebecca Schroeter) zu einem Klaviertrio reduzierte, sei dahingestellt. Wir sind in der glücklichen Lage beide Versionen genießen zu können, weil in beiden Werken funktioniert das Adagio gut.

    Es gibt aber, wie ganz oben angedeutet, auch gute Argumente, dafür, dass die Trio-Version die ältere ist, etwa, dass die orchestrierte Version ja auch die Wiederholungen ausarbeitet, was den anderen Übernahmen Haydns in seine Sinfonien ähnelt, die alle um Abschnitte erweitert wurden (2. u. 4. Satz in #89, Romance in #100, alle aus Werken für Lira organizzata).

    Du hast natürlich Recht, Haydn expandiert „wiederverwertete“ Musik sehr oft. Andererseits, bei einer Klaviertrio-Reduktion von einem Orchesterstück, dessen ausgeschriebene Wiederholung sich ausschließlich mit einer erweiterten Orchestrierung befasst, würde es Sinn machen diese in der Klaviertrio Version wegzulassen. Wir werden wahrscheinlich nie wirklich wissen, welche Version zuerst kam. Sollte die Klaviertrio Version die erste sein, dann ist das Fis-Moll Trio entweder falsch datiert, oder das Adagio existierte bereits vorher als separates Stück (ähnlich wie das Adagio vom Es-Dur Trio Nr. 22).


    Schlussendlich macht es ja keinen Unterschied, welche Version zuerst kam. Ich persönlich mag beide sehr gerne. Die intime Kammermusik Stimmung der Klaviertrio Version spricht mich genauso an wie die farbenreiche Orchester Version.

    Charles Rosen hat in seinem Buch „The Classical Style“ einen kleinen aber entscheidenden Unterschied zwischen CPE Bach und Haydn dargelegt. Es ging um das Beginnen in einer „falschen“ Tonart. Es gibt bei CPE Bach viele Stücke, die in einer falschen Tonart beginnen und sehr schnell in die „richtige“ wechseln. Haydn macht so etwas auch, wie zum Beispiel in seinem H-Moll Quartett aus op 33, das anscheinend in D-Dur beginnt, bevor es sich zu H-Moll wendet. Der feine Unterschied ist, dass Haydn in Gegensatz zu CPE Bach seine falsche Tonart D-Dur nie wirklich etabliert (der Grundton, das tiefe D, fehlt), sondern lediglich suggeriert. Dadurch ist H-Moll die erste wirklich etablierte Tonart des Werks und die falsche Tonart D-Dur ist bleibt eine mysteriöse Suggestion. Es sind vielleicht kleine (aber feine ) Unterschiede wie diese, die Haydn, Mozart und Beethoven über ihre Zeitgenossen stellen.

    Die Harnoncourt Aufnahme von 103 gefällt mir auch nicht sonderlich. Besonders die (sehr gewollte) Pauken Improvisation finde ich etwas fragwürdig und nicht zur Musik passend (wurde in diesem Thread schon ausführlich diskutiert). Noch schlechter ist seine 104 ||. Jedoch liefert Harnoncourt sehr gute Einspielungen von den Sinfonien 97, 98, 99 & 100. Ich finde seine Aufnahmen entweder miserabel oder ausserordentlich gut. Es gibt kaum etwas dazwischen.

    Lt. Vorstellung oben ist beim langsamen Satz die Klaviertrio-Version vermutlich das original (Argumente, siehe #1).

    Ich ging immer davon aus, dass das Adagio der Sinfonie das Original ist, weil sie in 1794 komponiert wurde und das Klaviertrio erst in 1795. Es gab von Robbins Landon auch die Vermutung, dass das Adagio Rebecca Schroeter (der Widmungsträgerin des Fis-Moll Klaviertrios) besonders gefallen hat und Haydn es ihr zu Liebe in dem Klaviertrio einbaute. Man darf nicht vergessen, dass Sinfonien zu Hause oft in Klaviertrio-Arangements gespielt wurden. Wie gesagt nur eine Vermutung, aber durchaus plausible.


    Ob das Menuetto von 102 Scherzo-nahe ist, hängt natürlich von deiner Aufnahme des Werks ab. Unter Jochum und Karajan sicher nicht, aber Minkowski kommt da schon hin.

    Ich bin zwar noch nicht so lange dabei (fast 2 Jahre) habe aber immer meine Freude mit dem Forum gehabt. Es ist besonders ein Vergnügen wenn ich in eine Diskussion mit anderen Mitgliedern komme, die mir oft eine andere Perspektive von meinen Lieblingswerken gibt. Ich wünschte nur, dass ich für das Forum mehr Zeit hätte.

    Ich finde Haydns 102. die fortschrittlichste Sinfonie der Londoner und diejenige die am meisten in die Zukunft blickt. Die langsame Einleitung zum Kopfsatz klingt so, als wäre sie gute 20 oder 30 Jahre später komponiert worden. Auch das Hauptthema ist eher ungewöhnlich indem es gleich in forte ertönt, aber eher nicht für sich alleine stehen kann (wie das von Nr. 97) weil es mit einem Auftakt beginnt. Die Energie und motivische Konzentration des Satzes geht weit über das übliche des 18. Jahrhundert hinaus und auch das Seitenthema mit seiner forte (oder fortissimo) ganzen Note im Unisono ist höchst ungewöhnlich. Der zweite Satz ist so ein proto-romantisches Charakterstück, das Haydn ein Jahr später in seinem Fis-Moll Klaviertrio verwendete. Besonders das Ende des Satzes (nach dem letzten Forte des Orchesters) erinnert mich etwas an Brahms. Das Menuett ist mit einem schnellem Tempo so eine Art Proto-Scherzo, was bei den Londonern jedoch nichts ungewöhnliches ist. Das Finale weist eine sehr differenzierte Orchestrierung auf, mit einigen Passagen wo die Bläser mit Pauken, aber OHNE Streicher spielen.


    Stellt sich die Frage, warum so eine fortschrittliche Sinfonie nicht populärer geworden ist? Kann es sein, dass sie nicht in das Bild von einem gemütlichen und braven „Papa Haydn“ passte?

    Zwei interessante Einleitungen sind die zu den Sinfonien 86 und 100. Beide beginnen leise und mit reduzierter Besetzung, entpuppen sich aber beide als Einleitungen mit vollem Orchester. Haydn war ein Meister darin sich das volle Orchester (oder spezielle Instrumente) für einen späteren und effektiven Einsatz aufzusparen. Besonders gelungen ist dieses Prinzip bei diesen beiden Einleitungen.


    Haydns Sinfonie Nr. 86 wurde für ein großes Pariser Orchester komponiert. Eine D-Dur Sinfonie in diesem Auftrag zu inkludieren war fast Pflicht, schließlich war D-Dur im 18. Jahrhundert die Tonart für prachtvolle Musik gespielt von einem großem Orchester mit Trompeten und Pauken. Haydn beginnt seine Sinfonie jedoch mit einem schlichten liedhaften Thema in dünner Besetzung. Erst später bricht das volle Orchester mit einer abstürzenden Tonleiter hinein und etabliert D-Dur in all seiner Pracht. Stellt sich natürlich die Frage, warum Haydn nicht gleich mit vollem Orchester begonnen hat, schließlich wäre das damals die übliche Vorgangsweise gewesen. Ich glaube, dass Haydn das Pariser Publikum überraschen wollte und deswegen den Anfang der Sinfonie gegen ihren Erwartungen komponiert hat. Um so effektiver ist dann der Einsatz des vollen Orchesters nach diesem serenadenhaften Beginn.


    Bei Sinfonie Nr. 100 ist der verspätete Einsatz des vollen Orchesters ganz anders gestaltet. Hier beginnt die Sinfonie mit einigen freundlichen Floskeln, die von den Streichern gespielt werden. Ein „Thema“ gibt es erst etwas später und kurioserweise zitiert Haydn hier das Hauptthema vom Kopfsatz der Sinfonie Nr. 86. Die Idylle ist schnell vorbei und wird von einem bedrohlichen Crescendo, das vom ganzen Orchester gespielt wird, unterbrochen. Bezeichnend ist auch, dass es in der Durchführung des Allegros zwei ebenso bedrohliche Crescendos gibt. Der Rest der Einleitung ist fast durchwegs in Moll gehalten und hellt erst gegen Schluss wieder auf. Ich glaube, dass diese Moll-Eintrübung mit vollem Orchester als eine Referenz zum Krieg gesehen werden kann, der der friedlichen Idylle von vorhin ein Ende bereitet.

    Die vierte Sinfonie war die andere Wiederentdeckung meiner neuerlichen Auseinandersetzung mit Schuberts sinfonischen Werk.

    Ich finde sie nicht ganz so ein gelungenes Werk wie die zweite, jedoch ist Schuberts C-Moll Sinfonie ein gewagtes Werk mit vielen schönen Passagen und auch einer der Jugendsinfonien in der Schuberts Stil deutlich spürbar ist. Der Beiname „die Tragische“ ist vielleicht etwas weit hergeholt, denn an der Musik merkt man davon wenig und das Werk endet in Triumph. Sie ist, ähnlich wie Haydns späte Moll Werke, eher eine Moll-Dur Auseinandersetzung, bei der C-Dur den Sieg davonträgt.


    Auffallend ist die langsame Einleitung zum Kopfsatz, die zu der Zeit bei einem Werk in Moll eher unüblich war. Selbst Haydn, der in seinen späten Sinfonien die langsame Einleitung zum Standart gemacht hatte, beginnt seine C-Moll Sinfonie (Nr. 95) direkt mit dem Allegro. Das folgende Hauptthema erinnert mich etwas an Mendelssohn und wird immer wieder von Tutti Einwürfen unterbrochen. Ein etwas unruhiger Satz der dann schließlich in Dur endet.


    Das eigentliche Juwel der Sinfonie ist der folgende langsame Satz, wahrscheinlich der beste zweite Satz der Jugendsinfonien. Ein hymnen-artiger Abschnitt, der etwas an die Adagios der späten Haydn Sinfonien erinnert, wird einer unruhigen Minore gegenübergestellt. Diese kehrt ein zweites mal wieder und bildet einen effektiven Kontrast zu der Ruhe des ersten Abschnitts.


    Das rustikale Menuett (fast mehr ein Scherzo) in Es-Dur ist auch ein sehr gelungener Satz, der schon auf das Scherzo der großen C-Dur Sinfonie vorausblickt. Auch hier verwendet Schubert nicht das übliche C-Moll oder C-Dur, sondern eine kontrastierende Tonart.


    Das Finale beginnt in C-Moll, wendet sich aber bald zu Dur und der Satz schließt in einem triumphalen C-Dur (Anlehnung an Beethovens C-Moll Sinfonie?). Es ist ein sehr mitreisender Satz, der aber nicht voll überzeugt. Waren es bei der zweiten Sinfonie eher die Ecksätze die das Werk ausgemacht haben, so sind es hier die Binnensätze die mich am meisten überzeugen.


    Ich finde übrigens Blomstedts Dirigat bei diesem Werk sehr gut, auf jedem Fall besser als die Naxos CD mit der ich das Werk vorher hörte.

    Ich habe zu Schuberts sinfonischen Schaffen immer ein etwas ambivalentes Verhältnis gehabt. Klar, die beiden späten (Unvollendete und große C-Dur) waren schon immer Favoriten, aber den Jugendsinfonien stand ich eher skeptisch gegenüber. Ich hatte sie bis jetzt nur auf Naxos CD’s (die beiden späten hatte ich mit George Szell und dem Cleveland Orchestra), die vielleicht nicht die besten Aufnahmen der Werke waren. Ich muss auch gestehen, dass ich seit Langem keine Schubert Sinfonie mehr hörte. Für mich war Schubert in erster Linie ein Komponist von herausragender Kammermusik und Lieder, als Sinfoniker hatte ich ihn eher nicht gesehen.


    Das änderte sich etwas über die Feiertage. Mein Sohn schenkte mir zu Weihnachten eine Box mit allen Sinfonien plus der Rosamunde Musik, gespielt von der Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Herbert Blomstedt. Ich hörte mir alle an, angefangen mit der großen C-Dur bis zur Nr. 1. Meine ursprüngliches Urteil über die Jugendsinfonien habe ich danach zwar etwas revidiert, aber nicht ganz: Nr. 3 und Nr. 6 finde ich noch immer etwas langweilig, Nr. 1 und Nr. 5 sind gute aber nicht herausragende Werke, jedoch Nr. 2 und Nr. 4 zählen mittlerweile zu den für mich unverzichtbaren Werken. Besonders Nr. 2 ist ein sehr gelungenes Werk, in dem Schubert viel von seinen musikalischen Vorgängern (Haydn, Mozart und Beethoven) mit seiner eigenen persönlichen Note kombiniert und das alles zu einem überzeugenden Ganzem schmiedet. Sie ist meiner Meinung nach die beste der Jugendsinfonien.


    Diese Kombination von Alt unf Neu zeigt sich gleich in der Largo Einleitung. Der Beginn wurde offensichtlich von Mozarts 39. Sinfonie inspiriert, jedoch zeigt die Weiterführung der Einleitung definitiv Schuberts Handschrift. Auch das anschließende Allegro Vivace beginnt mit einem Hauptthema, das an dem von Beethovens Prometheus Ouvertüre angelehnt ist, aber das Seitenthema ist wiederum purer Schubert. Der energische Vorwärtsdrang des Hauptthemas und der Übergangsmusik erinnert etwas an den Kopfsatz von Haydns 102. Sinfonie, jedoch bringt Schubert mit seinem Seitenthema einen Ruhepol in den Satz, der in Haydns Kopfsatz fehlt. Interessanterweise werden beide Themen in der Exposition zweimal gebracht, beim Seitenthema eine neue Variante in den Blasinstrumenten und das Hauptthema wird vor dem Schluß der Exposition nochmals gespielt. Daher macht es für mich wenig Sinn die Exposition zu wiederholen (auch wenn das vorgegeben wird), weil der Satz dann zu repetitiv und mit einer Länge von gut 15 Minuten auch ermüdend wird.


    Es folgt ein etwas schlichter Variationssatz auf einen Mozart-ähnlichen Thema. Meiner Meinung nach kommt dieser Satz nicht ganz an die anderen drei heran. Hervorzuheben sind hier die Moll-Variation, die doch etwas freier als die anderen sind, und die kurze aber wunderschöne Coda.


    Das Menuett ist überraschenderweise in C-Moll. Die Menuette der Klassik waren normalerweise in der selben Tonart wie die Kopfsätze. Eine Ausnahme war Dittersdorfs Menuetto con Garbo aus der ersten Metamorphosen Sinfonie „die vier Weltalter“, das in A-Moll steht in Gegensatz zu den C-Dur der restlichen Sätze. Später stellte Beethoven das Scherzo seiner A-Dur Sinfonie Nr. 7 in F-Dur. Menuette und Scherzi in einer kontrastierenden Tonart zu führen wurde im 19. Jahrhundert immer mehr zur Norm und Schubert zeigt sich hier und in seiner 5. Sinfonie am Geist der Zeit. Das Menuett gewinnt durch die Moll Tonart an Gewicht und schafft dadurch einen Ausgleich gegenüber den etwas leichten Variationen von zuvor.


    Das Finale ist so eine Art Sonaten-Rondo mit einem Galopp Thema das etwas an die Übergangsmusik aus dem Kopfsatz von Haydns Quartett op 64 Nr. 3 erinnert. Der Grundrhythmus des Themas, eine Achtel und zwei Sechzehntel, zieht sich durch den ganzen Satz und wird von Schubert geschickt zu orchestralen Tuttis gesteigert. Es gibt auch ein graziöses Seitenthema, das aber eher eine untergeordnete Rolle in diesem Satz spielt. Ein sehr gelungenes Finale, das Schuberts beste Jugendsinfonie überzeugend abschließt.