Zeit einmal diesen Thread wieder zu beleben. Lieber Alfred, ich gebe Dir Recht wenn Du sagst, dass der Großteil von Haydns Klavierstücken lediglich Unterhaltungsmusik sei, schließlich schrieb Haydn für den Markt. Ich muss ausserdem zugeben, dass, obwohl ich so etwas wie ein Haydn Fanatiker bin, ich nicht alle Klavierstücke kenne. Den Eindruck den sie bei mir hinterließen war ähnlich der der Baryton Trios: ganz gefällig, aber nichts was ich unbedingt haben musste. Es gibt jedoch drei Ausnahmen, über die ich gerne ein wenig schreiben würde.
Allem voran sind hier die Variationen in F-Moll zu erwähnen. Haydn schrieb das Stück in 1793, zwischen seinem beiden Besuchen in London. Ursprünglich betitelte Haydn das Werk als „Sonate“ und es ist möglich, dass Haydn ein mehrsätziges Werk in Kopf hatte. Wahrscheinlich kam Haydn jedoch zu dem Entschluss, dass die Variation für sich alleine stehen können und weitere Sätze hier nicht notwendig waren. Das Stück ist ein wenig ein Anachronismus, denn in seiner Stimmung ist es eher ein Sturm und Drang Werk und nicht eines von 1793. Die Variationen sind Doppelvariationen in den Haydn zwei Themen variiert, eines in F-Moll und eines in F-Dur. Wer aber denkt, dass das Stück, wie zu der Zeit üblich, heiter endet, der irrt. Nachdem Haydn beide Themen zweimal variiert hat, beginnt er noch einmal mit einem Zitat des ursprünglichen F-Moll Themas und leitet zu einer sehr dramatischen und düsteren Coda weiter. Diese ist ausserordentlich lang und erinnert eher an die Klaviermusik des 19. Jahrhunderts als an die der 1790er. Haydn schließt das Werk zwar in F-Dur, jedoch ist dieser Schluss zu verhalten und zu abrupt um als ein „Happy End“ gelten zu können. Die Variationen sind durchaus auf Augenhöhe mit den größten Klaviersonaten Haydns (große Es-Dur, C-Moll und vielleicht ein oder zwei andere) und werden von den meisten Kommentatoren besonders hervorgehoben (beispielsweise nennt David Wynn Jones sie die größten Variationen zwischen den Goldberg und Diabelli Variationen). Zusätzlich spricht für das Werk, dass die meisten namhaften Pianisten das Stück eingespielt haben.
Ein ganz anderes Stück als die Variationen ist die Fantasie in C-Dur, die Haydn in 1789 komponierte, also zeitgleich mit der etwas elegischen Oxford Sinfonie. Die Fantasie ist ein virtuoses Werk, voller Lebensfreude und positiver Energie. Das Hauptthema hat einen leichten und fast „fliegenden“ Charakter und vermittelt eine Art Freiheitsgefühl. Eine Besonderheit in diesem Werk, sind die Fermaten mit den Haydn die Musik immer wieder anhält. Hier schreibt er vor den Ton „so lange zu halten, bis er vollständig ausklingt“. Das dauert auf einem modernen Flügel eine halbe Ewigkeit und würde das Stück zerreißen. Vielleicht ist das ein Plädoyer dieses Werk mit einem original Klavier zu spielen (Ich habe es nur auf einen modernen Klavier).
Obwohl die Fantasie nicht ganz an die F-Moll Variationen herankommt, ist sie doch mehr als bloße Unterhaltungsmusik und es finden sich auch bei diesem Werk zahlreiche Einspielungen von namhaften Pianisten.
Das dritte Klavierstück, das sich von den anderen hervorhebt, ist das Capriccio in G-Dur. Haydn komponierte das Werk in 1765 und es basiert auf eine Melodie von dem Volkslied „Acht Sauschneider müssen sein“ (was hatten die damals für Lieder
). Es ist vielleicht auch eines der frühesten Stücke von Haydn, das dezidiert für das Klavier komponiert wurde, da es viele Forte und Piano Anweisungen enthält. Das Thema ist ein derber Bauerntanz (siehe Text unten) den Haydn in aller möglichen Varianten präsentiert: Mal als fliegende Melodie begleitet von schnellen Triolen, mal nachdenklich und grübelnd in Moll und am Schluss als triumphierender Marsch. Wie bei einem Capriccio üblich, spinnt Haydn die Melodie in immer anderer Weiße fort, so dass ein farbenfrohes und abwechslungsreiches Werk entsteht. anbei der Text des ursprünglichen Lieds:
„Acht Sauschneider müassn sein, müassn sein, wenns an Saubärn wulln schneidn.
Zwoa vorn und zwoa hintn,zwoa holtn, uana bintnund uana schneidt drein, schneidt drein,iahna achti müassn sein.
Siebn Sauschneider müassn sein, müassn sein,wenns an Saubärn wulln schneidn... und so weiter...„
Ein Werk das noch kurz erwähnt werden sollte, is das wunderschöne Adagio in G-Dur. Anfangs als Klavierstück komponiert, verwendete Haydn es dann als langsamen Satz in seinem Klaviertrio Nr. 22 in Es-Dur. Die Streicher spielen in der Klaviertrio Version keine große Rolle, geben dem Stück aber Farbe und eine gewisse Wärme, die ich bei der Klavier Solo Version vermisse. Zugegeben, ich lernte das Stück als Klaviertrio kennen, hätte ich zuerst die Solo Version gehört, wäre meine Meinung vielleicht eine andere.