Beiträge von Andreas_aus_Berlin

    Carlo Filago (1589-1644)


    Sacri concerti und gelebte Liturgie: Das musikalische Erbe des Carlo Filago


    Carlo Filago (auch: Fillago; * 8. August 1589 in Rovigo, † 23. Oktober 1644 in Venedig) war ein italienischer Organist und Komponist des Frühbarock, dessen Wirken sowohl durch virtuose Chromatik als auch durch die Verbindung von Tradition und Innovation geprägt war.


    Seine musikalische Ausbildung erhielt Filago bei dem berühmten Komponisten und Organisten Luzzasco Luzzaschi (um 1545–1607) in Ferrara. Früh zeigte sich sein Talent für das Tasteninstrument: Zwischen 1601 und 1607 verließ er seine Geburtsstadt Rovigo, um sich in Treviso niederzulassen. Dort wirkte er über zwei Jahrzehnte hinweg als Organist an der Kathedrale sowie an der Kirche des Ospedale, wobei er sich durch seine Fähigkeiten hohes Ansehen erwarb.


    Jedoch verlief seine Tätigkeit nicht ohne Konflikte. Wiederholte Spannungen mit dem damaligen Kapellmeister Amadio Freddi (1570–1634) führten schließlich zu einem Bruch: 1623 verließ Filago Treviso und trat eine neue, prestigeträchtige Stellung in Venedig an – als erster Organist der Basilika San Marco, wo zu jener Zeit niemand Geringeres als Claudio Monteverdi (1567–1643) das Amt des Kapellmeisters bekleidete. In dieser Funktion blieb Filago bis zu seinem Tod tätig. Darüber hinaus wurde er ab 1631 auch Organist und Chordirektor an der venezianischen Basilika Santi Giovanni e Paolo (San Zanipolo) und versah noch weitere Ämter an kleineren Kirchen und Institutionen der Stadt.


    Seine letzten Lebensjahre sollen durch materielle Not geprägt gewesen sein – ein Schicksal, das nicht wenigen Musikern jener Zeit widerfuhr. Er starb 1644 in Venedig, offenbar verarmt, doch mit einem bleibenden künstlerischen Nachruhm. Noch zwei Jahrzehnte nach seinem Tod erwähnten ihn Nicolò Doglioni und Zuanne Zittio in ihrem 1662 erschienenen Werk Le cose notabili et meravigliose della città di Venetia als Meister eines "extravaganten, chromatischen Stils", den niemand zu imitieren vermocht habe.


    Das überlieferte kompositorische Œuvre Filagos ist überschaubar, doch stilistisch bedeutsam. Es umfasst Motetten, geistliche Konzerte und kleinere liturgische Werke, die ganz im Zeichen des venezianischen concertato-Stils stehen. Seine Kompositionen fanden in zahlreichen norditalienischen Kirchen Verbreitung. Bemerkenswert ist dabei die durchgängige Integration von Chromatik, virtuoser Vokalführung und affektbetonter Ausdruckskraft – Merkmale, die seine Werke in den Kontext der musikalischen Moderne seiner Zeit stellen.


    Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen zählen:


    Motecta ... liber primus für 1–4 Stimmen (1611),

    "Cantiones sacrae", Liber primus (1611),

    "Sacrarum cantionum", Liber tertius für 2–6 Stimmen mit Basso continuo (1619),

    "Madrigali del Signor Cavaliero Anselmi nobile di Treviso", vertont von verschiedenen Komponisten, darunter Filago, für 2–3 Stimmen und B.c. (1624),

    Vier Motetten (1624),

    "Sacri concerti" für Solostimme und Basso continuo, op. 4 (1642) – eine moderne Edition wurde 2009 von Maria Luisa Baldassari und Mariarosa Pollastri im Rahmen eines Projekts des Conservatorio di Rovigo veröffentlicht.


    Carlo Filago: Geistliche Werke "Sacri Concerti a Voce Sola"



    "O beatum cuius anima",

    "Tota pulchra es amica mea",

    "Aurora lucis rutilat",

    "Exurge gloria mea",

    "Venite filij audite me",

    "Ego autem sum vermis",

    "Dulcis Amor Iesu",

    "Introduxit me Rex",

    "Iste et Ioannes",

    "Alma redemptoris Mater",

    "O quantum tibi debeo",

    "Ave Maria virgo gratiosissima",

    "Salve Regina"

    und "Quem vidistis pastores".


    Ensemble "Les Nations"

    Sopran: Arianna Lanci (* 1971)


    Drei Beispiele aus der CD:


    1. „Venite, filii, audite me“



    Der Text „Venite, filii, audite me“ stammt aus Psalm 34, Vers 12 der lateinischen Vulgata-Bibel. Der lateinische Originalvers lautet:


    "Venite, filii, audite me: timorem Domini docebo vos."


    Die deutsche Übersetzung des geistlichen Solostücks „Venite, filii, audite me“ lautet:


    "Kommt her, Kinder, höret mir zu; ich will euch die Furcht des Herrn lehren.

    Wer ist’s, der Leben begehrt und gerne gute Tage hätte? Bewahre deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden. Lass ab vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach."


    2. „Aurora lucis rutilat“



    Die Komposition „Aurora lucis rutilat“ von Carlo Filago basiert auf einem lateinischen Osterhymnus, der traditionell dem 4. oder 5. Jahrhundert zugeschrieben wird. Dieser Hymnus feiert die Auferstehung Christi und ist in der Liturgie der Osterzeit verankert.


    Lateinischer Text:


    "Aurora lucis rutilat,

    caelum laudibus intonat,

    mundus exultans iubilat,

    gemens infernus ululat.


    Cum rex ille fortissimus,

    mortis confractis viribus,

    pede conculcans tartara,

    solvit catena miseros.


    Ille, qui clausus lapide

    custoditur sub milite,

    triumphans pompa nobile

    victor surgit de funere.


    Solutis iam gemitibus

    et inferni doloribus,

    "Quia surrexit Dominus!"

    resplendens clamat angelus."


    Deutsche Übersetzung:


    "Die Morgenröte leuchtet hell,

    der Himmel ertönt mit Lobgesang,

    die jubelnde Welt frohlockt,

    die stöhnende Hölle heult.


    Als jener mächtige König,

    die Kräfte des Todes zerbrechend,

    die Unterwelt mit dem Fuß zertretend,

    die Elenden aus den Ketten befreit.


    Er, der durch einen Stein verschlossen,

    von Soldaten bewacht wurde,

    erhebt sich siegreich in edlem Triumph

    als Sieger aus dem Grab.


    Nachdem die Seufzer und Schmerzen

    der Unterwelt gelöst sind,

    ruft der strahlende Engel:

    "Der Herr ist auferstanden!""


    Die vollständige Version des Hymnus umfasst weitere Strophen, die die Freude der Apostel über die Auferstehung Christi und ihre Begegnung mit dem auferstandenen Herrn beschreiben.


    3. „Tota pulchra es, amica mea“


    Die Komposition „Tota pulchra es, amica mea“ von Carlo Filago basiert auf einem lateinischen Text, der aus dem Hohenlied Salomos (Canticum Canticorum) stammt. Dieser Text wurde in der christlichen Liturgie häufig verwendet, insbesondere im Kontext der Marienverehrung, da er die Schönheit und Makellosigkeit der Geliebten beschreibt, was symbolisch auf die Jungfrau Maria gedeutet wurde.



    Lateinischer Text:


    "Tota pulchra es, amica mea,

    et macula non est in te.

    Favus distillans labia tua,

    mel et lac sub lingua tua,

    odor unguentorum tuorum

    super omnia aromata.

    Iam enim hiems transiit,

    imber abiit et recessit,

    flores apparuerunt,

    vineae florentes odorem dederunt,

    et vox turturis audita est in terra nostra.

    Surge, propera, amica mea,

    veni de Libano, veni coronaberis."


    Deutsche Übersetzung:


    "Ganz schön bist du, meine Freundin,

    und kein Makel ist an dir.

    Honigseim träufeln deine Lippen,

    Honig und Milch sind unter deiner Zunge,

    der Duft deiner Salben

    übertrifft alle Wohlgerüche.

    Denn siehe, der Winter ist vergangen,

    der Regen ist vorbei und dahin,

    die Blumen sind erschienen,

    die blühenden Weinstöcke verbreiten ihren Duft,

    und die Stimme der Turteltaube

    ist in unserem Land vernommen worden.

    Steh auf, eile, meine Freundin,

    komm vom Libanon, komm, du sollst gekrönt werden."


    Dieser Text ist eine poetische Darstellung der Schönheit und Reinheit der Geliebten und wurde in der christlichen Tradition oft auf die Jungfrau Maria bezogen. Die Vertonung durch Carlo Filago ist ein Beispiel für die musikalische Umsetzung solcher spirituellen Texte im Stil des Frühbarock.


    Carlo Filago (1589 - 1644):

    Geistliche Werke "Sacri Concerti a Voce Sola"


    "O beatum cuius anima",

    "Tota pulchra es amica mea",

    "Aurora lucis rutilat",

    "Exurge gloria mea",

    "Venite filij audite me",

    "Ego autem sum vermis",

    "Dulcis Amor Iesu",

    "Introduxit me Rex",

    "Iste et Ioannes",

    "Alma redemptoris Mater",

    "O quantum tibi debeo",

    "Ave Maria virgo gratiosissima",

    "Salve Regina"

    und "Quem vidistis pastores".


    Ensemble "Les Nations"

    Sopran: Arianna Lanci (* 1971)

    Aufnahme: 2019

    Wann ist Fryderyk Chopin geboren?


    Die Frage nach Fryderyk Chopins genauem Geburtsdatum hat Musikwissenschaftler und Biografen seit Langem beschäftigt. Denn obwohl er zu den bedeutendsten Komponisten der Romantik zählt, ist das Datum seiner Geburt nicht eindeutig überliefert – vielmehr konkurrieren zwei verschiedene Angaben miteinander: der 22. Februar und der 1. März 1810.


    Lange Zeit hielt man den 22. Februar für Chopins Geburtstag. Dieses Datum wurde von seinem Vater Nicolas Chopin (1771–1844) genannt und tauchte auch in mehreren offiziellen Dokumenten auf, die Fryderyk selbst später in Paris unterzeichnete. Es findet sich zudem auf verschiedenen polnischen Gedenktafeln und in frühen Biografien. Warum ausgerechnet dieses Datum verwendet wurde, ist nicht mit Sicherheit zu sagen – womöglich handelte es sich um einen Erinnerungsirrtum, eine Konvention innerhalb der Familie oder um ein symbolisches Datum.


    Demgegenüber steht ein Dokument, das aus heutiger Sicht als die verlässlichste Quelle gilt: der Taufbucheintrag der Pfarrei Brochów, in deren Zuständigkeitsbereich Chopins Geburtsort Żelazowa Wola fiel. Die Taufe wurde dort am 23. April 1810 vollzogen, also rund sieben Wochen nach der Geburt. Die Eintragung lautet:


    „Anno Domini millesimo octingentesimo decimo, die vigesima tertia mensis Aprilis, ego qui supra baptizavi infantem nomine Fridericum Franciscum, natum die prima mensis Martii hujus anni, filium legitimum Nicolai Choppen, natione Galli, et Justinae de Krzyżanowska, conjugum, ex villa Żelazowa Wola paroeciae tute nostrae. Patrini fuere: Franciscus Grembowski, praefectus hortorum, et Anna Skarbek, uxor Josephi Skarbek, possessores terras.“


    "Im Jahre des Herrn 1810, am 23. Tag des Monats April, habe ich, der Unterzeichnete, ein Kind namens Fryderyk Franciszek getauft, geboren am 1. Tag des Monats März dieses Jahres, ehelicher Sohn von Nicolas Chopin, gebürtig aus Frankreich, und Justyna geb. Krzyżanowska, Eheleute, wohnhaft in Żelazowa Wola, Pfarrei dieser unserer Kirche. Taufzeugen waren Franciszek Grembowski, Gartenverwalter, und Anna Skarbek, Ehefrau von Józef Skarbek, Landbesitzer."


    Dieser klare Eintrag spricht mit bemerkenswerter Deutlichkeit vom 1. März 1810 als Geburtsdatum. Er wurde von einem Priester nur wenige Wochen nach der Geburt verfasst, benennt Eltern, Herkunft und Taufzeugen exakt und lässt keinen Raum für Interpretationen. Auch spätere Forschungen, etwa durch die polnische Chopin-Gesellschaft und renommierte Biografen, stützen sich heute vor allem auf dieses Taufregister.


    So lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, dass Fryderyk Chopin am 1. März 1810 in Żelazowa Wola geboren wurde. Der oft genannte 22. Februar mag in familiären oder persönlichen Kreisen eine Rolle gespielt haben, doch aus historisch-dokumentarischer Sicht hat sich der 1. März durchgesetzt. Wie so oft in der Geschichte großer Persönlichkeiten bleibt dennoch ein kleines biografisches Geheimnis – das dem romantischen Bild des Komponisten womöglich sogar gerecht wird.

    Frédéric Chopin – eine verborgene Liebe?


    In der offiziellen Biographik galt Frédéric Chopin (1810–1849) lange als der Inbegriff des empfindsamen, kränklichen Romantikers, der sich in die intellektuelle George Sand verliebte und in seinen Nocturnes den Schmerz der polnischen Heimatlosigkeit verklanglichte. Doch hinter diesem Bild, das besonders in Polen über Generationen hinweg mit fast heiliger Ehrfurcht tradiert wurde, verbirgt sich möglicherweise eine andere, jahrzehntelang unterdrückte Wahrheit: Chopin war mit großer Wahrscheinlichkeit homosexuell – oder zumindest in Männer verliebt, auf eine Weise, die über die Freundschaft hinausging.


    Entscheidend für diese Sichtweise sind die Briefe, die Chopin insbesondere in jungen Jahren an seinen engen Vertrauten Tytus Woyciechowski (1811–1879) schrieb. Diese Briefe enthalten zahlreiche Passagen, deren emotionale und sprachliche Intimität kaum noch als bloße Freundschaftsgesten zu deuten sind. Chopin schrieb etwa:


    „Ich bin ganz der Deine, und du der Meine – wenn das nicht wahr wäre, könnte ich nicht leben. Ich sehne mich danach, dich zu umarmen, dich zu küssen, bei dir zu sein.“ (1)


    In einem anderen Brief bekennt er:


    „Ohne dich verdorrt meine Seele. Ich möchte zu deinen Knien sinken und weinen wie ein Kind.“ (2)


    Solche Formulierungen, gepaart mit häufigen Küssensbekundungen und träumerischer Sehnsucht, legen ein tiefes, romantisch gefärbtes Gefühl offen.


    Was heute wie ein Liebesgeständnis klingt, wurde jedoch über lange Zeit hinweg zensiert. In frühen Editionen der Briefe – insbesondere in Polen – wurden diese Passagen gestrichen, abgeschwächt oder in harmlose Freundschaftsfloskeln umgewandelt. So wurde aus einem innigen „Ich bin ganz der Deine“ ein harmloses „Ich denke immer an dich und grüße dich herzlich.“ (3) Erst durch neue Forschungen, besonders durch den deutschen Musikwissenschaftler Moritz Weber, traten die originalen Brieftexte wieder ans Licht. Weber konnte anhand der autographen Manuskripte nachweisen, wie systematisch Chopins emotionale Bindung an Männer aus den gedruckten Ausgaben getilgt wurde – aus Rücksicht auf das Bild des „moralisch untadeligen“ Nationalhelden. (4)


    Chopins Verhältnis zu Frauen wirkte im Vergleich kühl und distanziert. Seine Verlobung mit Maria Wodzińska wurde bald gelöst; seine berühmte Beziehung zu George Sand, mit der er fast zehn Jahre lang verbunden war, war von Beginn an ambivalent. Sand, eine gefeierte Schriftstellerin mit entschiedenem Charakter, politischem Engagement und – für ihre Zeit skandalös – Männerkleidung und Zigarren, faszinierte Chopin intellektuell. Doch auf der körperlichen Ebene scheint ihm vieles zuwider gewesen zu sein. In einem Brief – möglicherweise ironisch gemeint, aber vielsagend – schrieb er über sie:


    „Sie ist eine Frau … aber sie riecht nach Zigarren.“ (5)


    Diese Bemerkung ist mehr als nur ein Ausdruck von Empfindlichkeit; sie offenbart eine körperliche Abwehr, eine fast komisch anmutende Unvereinbarkeit mit der Robustheit und Weltzugewandtheit dieser Frau. Auch in seinen Briefen an Dritte wirkt Chopins Ton über Sand hinweg oft distanziert oder resigniert. Während sie über ihren Geliebten gelegentlich spöttisch und herablassend urteilte, äußerte er sich über sie mit vorsichtiger Höflichkeit – eine Beziehung, die eher von geistiger Nähe als von Leidenschaft geprägt war. Ihre Trennung im Jahr 1847 kam nach zunehmenden Spannungen und wurde von Chopin tief getroffen, doch auch hier zeigt sich eher Verletztheit als Liebesschmerz im klassischen Sinne.


    In seiner späteren Pariser Zeit war Chopin in ein Netzwerk von Künstlern, Intellektuellen und Adligen eingebunden, unter denen gleichgeschlechtliche Zuneigung keineswegs unbekannt war – allerdings stets im Verborgenen. Chopin selbst blieb in seiner öffentlichen Selbstdarstellung betont diskret, fast scheu. Diese Zurückhaltung könnte nicht nur mit seiner kränklichen Konstitution, sondern auch mit einer tief sitzenden Notwendigkeit zur Selbstverleugnung zu tun gehabt haben – in einer Gesellschaft, in der homosexuelle Neigungen als skandalös, ja krankhaft galten.


    Die moderne Forschung beginnt nun, dieses Bild zu korrigieren. In westeuropäischen Ländern wird die Möglichkeit einer homosexuellen Orientierung Chopins zunehmend offen diskutiert, ohne ihn auf seine Sexualität zu reduzieren. In Polen jedoch stößt diese Sichtweise nach wie vor auf Widerstand – nicht zuletzt, weil Chopin dort als Ikone der katholischen, heteronormativen Nationalkultur gilt. Eine queere Lesart seiner Biographie wird oft als westliche Projektion abgetan oder mit demonstrativer Ablehnung begegnet.


    Dabei geht es nicht darum, Chopin aus heutiger Sicht zu „etikettieren“, sondern darum, ihm als Mensch gerecht zu werden: einem hochsensiblen Künstler, dessen innere Welt reicher, komplexer und verletzlicher war, als es das lange tradierte Bild zulässt. Seine Musik – so feinsinnig, so intim, so schmerzlich – könnte ein beredtes Zeugnis dieser verborgenen Leidenschaft sein.


    Fußnoten:


    1. Brief von Frédéric Chopin an Tytus Woyciechowski, Warschau, 27. Dezember 1829; erhalten im Autograph in der Biblioteka Narodowa, Warschau.


    2. Brief von Chopin an Tytus Woyciechowski, Wien, 20. September 1830; vgl. Originaltext bei: Bronisław Edward Sydow (Hg.): Korespondencja Fryderyka Chopina, Band I, Warszawa 1955, S. 106.


    3. Vgl. die zensierte Version in Marceli Antoni Szulc: Fryderyk Chopin i jego listy, Poznań 1873, wo viele intime Passagen gekürzt oder paraphrasiert sind.


    4. Moritz Weber: War Chopin homosexuell? Radiofeature in: SWR2 Musikstunde, 5.–9. Oktober 2020; sowie diverse Interviews mit dem Bayerischen Rundfunk, Deutschlandfunk Kultur und in „Queer Lives in Classical Music“ (2023).


    5. Zitiert nach Barbara Meier: George Sand und Frédéric Chopin – eine Liebesgeschichte?, in: Musik & Gender im Diskurs, Nr. 9, Bielefeld 2011, S. 45.

    Frédéric Chopin: Sonate für Violoncello und Klavier in g-Moll, op. 65 (komponiert 1845–1846, veröffentlicht 1847)


    Widmung: Auguste Franchomme (1808–1884), französischer Cellist und enger Freund Chopins


    Die Cellosonate op. 65 ist Chopins einzige Kammermusikkomposition (abgesehen von Jugendwerken und Liedbegleitungen), die in seinem reifen Stil vollständig erhalten und veröffentlicht wurde. Sie ist zugleich sein letztes zu Lebzeiten publiziertes Werk.


    Trotz Chopins vorrangiger Beschäftigung mit dem Klavier nimmt die Cellosonate eine herausragende Stellung in seinem Schaffen ein. Sie zeigt ihn als meisterlichen Gestalter kammermusikalischer Form, der hier seine klavierzentrierte Sprache sensibel und gleichwertig auf das Cello überträgt.


    Allegro moderato – ein dramatisch-dunkler erster Satz mit dichter Thematik und klanglicher Tiefe


    Scherzo. Allegro con brio – lebhaft, rhythmisch markant, mit tänzerischem Mittelteil


    Largo – lyrisches, inniges Intermezzo, oft als „Herzstück“ der Sonate bezeichnet


    Finale. Allegro – kontrastreich, heiter und virtuos, mit motivischer Verarbeitung des Hauptthemas


    Musikalische Vorschläge:


    1. Die Interpretation der Cellosonate in g-Moll, op. 65 von Truls Mørk (* 1961) und Kathryn Stott (* 1958) wurde im September 2006 in der Østre Fredrikstad Kirche in Norwegen aufgenommen und 2007 unter dem Titel "Nocturne" bei Virgin Classics veröffentlicht.



    Diese Einspielung zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Balance zwischen emotionaler Tiefe und technischer Präzision aus. Truls Mørk bringt sein Cello mit einem warmen, nuancierten Ton zum Singen, während Kathryn Stott das Klavier mit einer feinen, transparenten Klangsprache begleitet. Besonders hervorzuheben ist das exquisite Pianissimo, das beide Musiker erreichen, wodurch eine perfekte tonale Balance entsteht.


    Die Fachpresse lobte die Aufnahme für ihre emotionale Ausdruckskraft und technische Raffinesse. Die BBC Music Magazine bewertete die Aufnahme mit 4 von 5 Sternen und hob hervor, dass die oft dichte Klavierpartie hier nicht dominiert, sondern durch Stotts gossamer-leichten Anschlag eine ausgewogene Partnerschaft mit dem Cello eingeht.


    Diese Interpretation von Mørk und Stott bietet eine tiefgründige und ausgewogene Darstellung von Chopins Cellosonate und ist sowohl für Kenner als auch für Neueinsteiger in die Kammermusik ein empfehlenswertes Hörerlebnis.


    2. Martha Argerich (* 1941) und Mstislaw Rostropowitsch (1927–2007)


    Rostropowitsch und Argerich – Chopin als dramatisches Kammerspiel


    Rostropowitsch und Argerich, Tracks 5 bis 8


    Die gemeinsame Aufnahme von Mstislaw Rostropowitsch und Martha Argerich zählt zu den maßstabsetzenden Interpretationen von Chopins Cellosonate. Sie entstand 1999 live beim Festival „Chopin and his Europe“ in Warschau. Diese Aufführung ist eine intensive Begegnung zweier musikalischer Persönlichkeiten von größter Ausdruckskraft – sie gleicht einem dramatischen Dialog auf Augenhöhe, leidenschaftlich, schillernd, stellenweise fast eruptiv.


    Rostropowitsch, einer der bedeutendsten Cellisten des 20. Jahrhunderts, formt seinen Ton hier mit vokaler Kraft und emotionaler Dichte. Er durchdringt das Werk mit einem romantisch-dramatischen Gestus, der das eher introvertierte Idiom Chopins klangsatt und spannungsgeladen modelliert. Dabei ist seine Phrasierung nie überzogen, sondern tief durchdacht und von hoher innerer Logik getragen.


    Argerich, bekannt für ihre temperamentvolle, doch stets strukturklare Spielweise, bringt das Klavier zu einer faszinierenden Mischung aus brillanter Präsenz und klanglicher Durchlässigkeit. Sie bleibt nicht im Begleitmodus, sondern gestaltet die Sonate mit souveräner Eigenständigkeit – ohne den Cellopart zu dominieren. Ihre Anschlagskultur und rhythmische Präzision geben dem Werk eine pulsierende Lebendigkeit.


    Die Interpretation ist von dramatischer Spannung durchzogen, dabei aber stets kammermusikalisch durchhörbar. Besonders im langsamen Satz (Largo) entfaltet sich eine tief empfundene Innigkeit, die nie ins Sentimentale abgleitet. Im Finalsatz (Allegro) wechseln sich eruptive Kraft und tänzerische Leichtigkeit mitreißend ab.


    Diese Einspielung ist ein Glanzstück romantischer Kammermusik und ein eindrucksvolles Zeugnis zweier Ausnahmeinterpreten. Sie zeigt, dass Chopins Kammermusik – bei aller strukturellen Feinheit – auch eine dramatische und körperliche Dimension besitzt, wenn sie mit so viel Mut und Musikalität entfesselt wird.


    Wer Chopin nicht nur als Lyriker, sondern auch als Gestalter großer musikalischer Bögen hören möchte, findet in dieser Aufnahme ein beeindruckendes Zeitdokument von außergewöhnlicher interpretatorischer Tiefe und nachhaltiger Wirkung.


    3. Maisky und Argerich – Chopin in leidenschaftlicher Entfaltung


    Maisky und Argerich, Tracks 6 bis 9


    Die Aufnahme von Mischa Maisky (* 1948) und Martha Argerich (* 1941) besticht durch ihre hoch emotionale Dichte und den Mut zur expressiven Zuspitzung. Diese beiden Künstlerpersönlichkeiten, seit Jahrzehnten in enger musikalischer Partnerschaft verbunden, verwandeln Chopins Cellosonate in ein leidenschaftliches Gespräch voller Dramatik, Innigkeit und brillanter Virtuosität.


    Maisky, der für seinen intensiven, fast vokalen Celloton bekannt ist, setzt auf einen satten, tragenden Klang, der große Bögen spannt und den lyrischen Charakter der Sonate mit romantischer Inbrunst ausschöpft. Seine Spielweise ist dabei nicht neutral oder zurückhaltend, sondern bewusst subjektiv – emotional aufgeladen, aber nie pathetisch. Jede Phrase scheint wie ein Ausruf, jedes Legato wie ein gesungener Atemzug.


    Argerich, mit ihrem energischen, manchmal ungestümen Zugriff, ist nicht nur eine ebenbürtige Partnerin, sondern auch eine driving force dieser Interpretation. Sie bringt das Klavier zum Glühen, agiert rhythmisch pulsierend, mit raffiniertem Wechselspiel aus Kraft und Zartheit, stets im lebendigen Dialog mit Maisky. Ihre große Kunst ist es, auch in wild aufwallenden Passagen den inneren Fluss zu bewahren.


    Besonders eindrucksvoll ist der langsamer Satz (Largo), in dem Maisky und Argerich eine atemberaubend intime Stimmung erschaffen – fast wie ein leiser, melancholischer Abschiedsbrief. Im Gegensatz dazu das Finale, das von rhythmischem Feuer durchzogen ist und mit tänzerischer Vehemenz und Brillanz zum Abschluss stürmt.


    Diese Interpretation ist keine nüchterne Werkanalyse, sondern ein emotionales Statement zweier großer Künstler, die Chopin nicht glätten, sondern in seiner ganzen Ausdrucksspanne erfahrbar machen – zart und wild, schmerzlich und triumphierend zugleich. Wer Chopins Sonate als seelisches Bekenntnis versteht, wird von dieser Aufnahme tief berührt.

    Yunchan Lim und die Étuden Chopins

    Der Klang der Reife – Präzision mit Seele


    Während Maurizio Pollinis Aufnahme der Chopin-Étuden seit über einem halben Jahrhundert als maßstabsetzende Interpretation gilt – kristallin in der Struktur, makellos im Zugriff und beispielhaft in ihrer formalen Disziplin –, hat sich mit Yunchan Lim ein junger Pianist ins Bewusstsein der internationalen Musiköffentlichkeit gespielt, der mit frappierender Reife und künstlerischer Integrität eine neue Lesart derselben Werke anbietet. Was bei Pollini monumentale Klarheit war, ist bei Lim eine stille Durchdringung, was einst als klassizistisches Ideal gefeiert wurde, tritt nun als sensible, dabei nie sentimentale Poesie hervor. So scheint sich in der Gegenwart ein neues Kapitel der Chopin-Rezeption zu öffnen – nicht als Bruch mit dem Erbe, sondern als Fortführung auf eigenem, eindrucksvoll gezeichnetem Weg.



    Frédéric Chopin: Étuden

    Klavier – Yunchan Lim

    Aufnahme: 2023


    Yunchan Lim, geboren am 20. März 2004 in Südkorea, erlangte internationale Aufmerksamkeit, als er 2022 mit nur 18 Jahren den Van Cliburn International Piano Competition gewann – der jüngste Sieger in der Geschichte des Wettbewerbs. Schon in den Vorrunden dieses Wettbewerbs begeisterte er mit einer Auswahl aus Chopins Étuden op. 10 und op. 25, die nicht nur durch technische Brillanz, sondern durch ungewöhnliche Reife, musikalisches Gespür und emotionale Tiefe beeindruckten. Obwohl bislang keine vollständige Studioaufnahme der Étuden vorliegt, gelten seine Live-Mitschnitte – vor allem aus dem Cliburn-Wettbewerb und nachfolgenden Konzerten – als exemplarisch für eine neue Generation von Chopin-Interpreten.


    Kritiker verschiedenster Medien und Fachzeitschriften zeigten sich überrascht von der künstlerischen Tiefe, die Lim in einem Alter von kaum 18 Jahren offenbarte. Die New York Times beschrieb ihn als „eine künstlerische Naturgewalt mit der Kontrolle eines erfahrenen Meisters“, und der Kritiker David Allen sprach von „außerordentlicher Klangkultur, durchdringender Intelligenz und zugleich einer entwaffnenden Demut gegenüber der Musik“. Die britische Gramophone lobte seine Chopin-Étuden als „atemberaubend kontrolliert, strukturell bewusst und dabei zutiefst berührend“ und hob besonders seine Interpretation von op. 10 Nr. 4 und op. 25 Nr. 6 hervor – Werke, die in Lims Händen nicht als virtuos glänzende Studien, sondern als musikalisch vollendete Miniaturen erscheinen.


    Was die Fachwelt an Lims Chopin-Spiel besonders schätzt, ist die Verbindung von technischer Unfehlbarkeit mit einer Gestaltungskraft, die weit über sein Alter hinausreicht. Er spielt die Étuden mit einer natürlichen Autorität, wie man sie sonst nur von Pianisten mit jahrzehntelanger Bühnenerfahrung kennt. Dabei lässt er weder den strukturellen Aufbau noch die poetische Dimension außer Acht. Seine Phrasierung wirkt stets durchdacht, aber niemals kalkuliert; sein Klang ist farbenreich, dabei aber immer klar konturiert. In Foren wie Piano Street oder auf Plattformen wie Slipped Disc wird seine Interpretation als „möglicherweise die reifste Chopin-Darbietung eines Teenagers seit Jahrzehnten“ beschrieben.


    Obwohl Lims Einspielungen überwiegend live entstanden sind und noch keine vollständige Étuden-Gesamtaufnahme im Studio vorliegt, haben sie dennoch bereits den Status von Referenzaufnahmen unter jüngeren Interpreten erreicht. In einer Zeit, in der viele Pianisten Chopin vor allem als Bühne für Virtuosität nutzen, fällt Lims Spiel durch seinen Ernst, seine Konzentration und seine tiefe künstlerische Haltung auf. Er nähert sich Chopin nicht als romantischem Klangzauberer, sondern als dramatischem Denker und feinfühligen Architekten des Ausdrucks.


    Viele Beobachter sehen in ihm einen Erben der großen rational-poetischen Tradition, wie sie durch Pollini, Zimerman oder in anderer Form auch durch Cortot verkörpert wurde. Dabei bringt Lim eine neue Sensibilität ins Spiel: ein stilles Charisma, eine makellose Kontrolle und eine Offenheit, die den Eindruck entstehen lässt, er spiele nicht für das Publikum, sondern ganz aus der Musik heraus. So ist es wenig verwunderlich, dass er in Interviews immer wieder betont, dass es ihm nicht um den Eindruck, sondern um die Wahrheit der Musik gehe.


    Yunchan Lims Chopin-Étuden sind ein bemerkenswertes Zeugnis dafür, dass technische Meisterschaft und musikalische Reife kein Privileg des Alters sind. In ihnen begegnet man einem jungen Künstler, der nicht nur spielt, was geschrieben steht, sondern hört, was zwischen den Zeilen verborgen ist – und es mit stiller Kraft hörbar macht. Kritiker wie Publikum sind sich darin einig, dass hier ein Interpret heranreift, der das Potenzial hat, die Chopin-Rezeption einer ganzen Generation zu prägen.


    Frédéric Chopin: Étuden, Klavier Yunchan Lim, Aufnahme: 2023

    Präzision und Glanz: Pollini formt Chopins Étuden


    Maurizio Pollinis (1942–2024) Einspielung der Étuden op. 10 und op. 25 von Frédéric Chopin entstand im Herbst und Winter des Jahres 1972 in München für die Deutsche Grammophon. Der Pianist war damals 30 Jahre alt und bereits international anerkannt, nachdem er 1960 als überragender Sieger aus dem Internationalen Chopin-Wettbewerb in Warschau hervorgegangen war. Seine Interpretation der Étuden gilt bis heute als eine der maßstabsetzenden Aufnahmen dieses zentralen Klavierwerks und ist für viele die Idealgestalt des intellektuellen, strukturbewussten Chopin-Interpreten. Bewundert wird sie vor allem für ihre technische Perfektion, ihre analytische Schärfe und die Verbindung von Klarheit und kontrollierter Emotionalität, die Chopins musikalischer Architektur großen Respekt zollt.


    In Fachkreisen ist bekannt, dass Pollini während der Aufnahmesitzungen jede Étude bis zu sechzehn Mal einspielte. Dabei ging es ihm nicht um das Korrigieren technischer Fehler, sondern um das Erreichen eines idealen Ausdrucks, einer optimalen klanglichen Balance und einer bis ins Detail durchdachten Artikulation. Die Sitzungen erstreckten sich über mehrere Monate, wobei Pollini eng mit den Tonmeistern, insbesondere mit Klaus Scheibe (* 1936), zusammenarbeitete. Er war nicht nur Interpret, sondern in hohem Maße an der Auswahl und Gestaltung der endgültigen Schnittfassung beteiligt.


    Die Aufnahme entstand nicht als durchgehender Konzertmitschnitt, sondern als sorgfältige Montage der jeweils gelungensten Passagen – ausschließlich aus echten Pollini-Einspielungen zusammengesetzt und ohne nachträgliche digitale Eingriffe. Das Ergebnis ist eine Aufnahme von absoluter technischer Souveränität, einem klaren, fast klassisch anmutenden Zugriff und einer gestalterischen Disziplin, die sie bis heute ideal für analytisches Hören und die musikwissenschaftliche Lehre macht.


    Pollinis künstlerischer Ansatz meidet jede Form sentimentaler Überhöhung. Seine Interpretation ist analytisch, klar und von innerer Spannung getragen. Die Étuden erscheinen nicht als bloße Schaustücke pianistischen Könnens, sondern als strukturell geschlossene musikalische Gebilde, die trotz ihrer Brillanz nie dekorativ oder oberflächlich wirken. Er betont die Form, den klaren Aufbau und verzichtet konsequent auf unnötige Emotionalisierung. Seine Lesart wurde oft als klassizistisch beschrieben, nicht im Sinne kühler Distanz, sondern als Ausdruck einer uneitlen Noblesse, die aus tiefer Achtung vor dem Werk resultiert. In dieser Haltung zeigt er Chopin nicht als romantisch schwelgenden Träumer, sondern als präzise komponierenden Visionär, dessen Musik durchdachte und geschlossene architektonische Strukturen offenbart.


    Diese Herangehensweise hat der Aufnahme einen besonderen Rang verschafft. Sie wurde von der internationalen Kritik einhellig gefeiert und vielfach wiederveröffentlicht, unter anderem als Teil der „Pollini Edition“ bei Deutsche Grammophon. Sie zählt zu den einflussreichsten Chopin-Einspielungen des 20. Jahrhunderts und ist bis heute ein fester Bezugspunkt im Konzert- und Studienbetrieb. In Hochschulen dient sie regelmäßig als Analysegrundlage, und in Kritikerumfragen, etwa im "BBC Music Magazine", rangiert sie regelmäßig unter den drei bedeutendsten Chopin-Étuden-Aufnahmen überhaupt. Zahlreiche führende Pianisten, darunter Krystian Zimerman (* 1956) und Piotr Anderszewski (* 1969), nennen Pollinis Chopin-Interpretationen als prägenden Einfluss. Kaum ein anderer Pianist hat Chopins Technik und Geist so verschmolzen wie Pollini in dieser Aufnahme, die bis heute als künstlerisches Dokument einer idealen Synthese von pianistischem Können, musikalischer Intelligenz und gestalterischer Verantwortung gilt.


    Da ich die betreffende CD-Einspielung von Maurizio Pollini in den gängigen Katalogen – etwa bei jpc – derzeit nicht finde oder nicht finden kann, poste ich zur eindeutigen Identifikation den entsprechenden Link.


    Frédéric Chopin: 24 Etüden, Klavier Maurizio Pollini, Aufnahme 1972, Tracks 1 bis 24

    Frédéric Chopin (1810–1849)


    Die Étüden op. 10 und op. 25 – Kunst der Technik und des Ausdrucks


    Die Etüde – ursprünglich als reines Übungsstück zur Entwicklung spezifischer pianistisch-technischer Fähigkeiten gedacht – erfährt durch Frédéric Chopin eine künstlerische Neugeburt. In seinen beiden großen Zyklen, den zwölf Étüden op. 10 (1833, veröffentlicht 1833) und op. 25 (1837), erhebt er diese Gattung zur vollwertigen Kunstform. Technik wird bei Chopin nie zum Selbstzweck, sondern zum Ausdrucksmittel tiefempfundener musikalischer Gedanken. Jeder Satz ist ein in sich geschlossener Mikrokosmos – virtuos, charaktervoll und emotional reich.


    Mit diesen Werken setzte Chopin neue Maßstäbe für Generationen von Pianisten. Sie gelten bis heute als Prüfsteine pianistischer Reife und musikalischer Gestaltungskraft.


    Die beiden Sammlungen tragen bedeutende Widmungen:


    – Opus 10 ist dem Freund und Rivalen Franz Liszt (1811–1886) gewidmet,

    – Opus 25 der Schriftstellerin und Liszts Lebensgefährtin Marie d’Agoult (1805–1876).


    Étüden op. 10


    1. C-Dur (Allegro) – „Wasserfall-Étüde“

    Ein rauschender Strom von Arpeggien über das gesamte Register. Sie fordert absolute Kontrolle der rechten Hand, insbesondere der Fingersätze. Klanglich entsteht der Eindruck eines perlenden Kaskadenlaufs – technisch raffiniert und klanglich brillant.


    2. a-Moll (Allegro) – „Chromatic“

    Chromatische Skalen in der rechten Hand in hohem Tempo, während die linke eine ruhige harmonische Basis bildet. Sie schult Präzision, Geläufigkeit und Gleichgewicht zwischen Bewegung und Ruhe.


    3. E-Dur (Lento ma non troppo) – „Tristesse“

    Eine gesangliche, melancholische Etüde, in der Technik dem Ausdruck vollkommen untergeordnet ist. Die Herausforderung liegt im Legatospiel, der Phrasierung und der Fähigkeit, die Melodie quasi vokal zu gestalten. Ein Lieblingsstück Chopins selbst.


    4. cis-Moll (Presto) – „Torrent“

    Ein Sturmlauf aus Sechzehnteltriolen – motorisch, rastlos, präzise. Die Etüde verlangt eiserne Gleichmäßigkeit, stählerne Fingertechnik und blitzartige Reaktionen.


    5. Ges-Dur (Vivace) – „Schwarze Tasten“

    Fast ausschließlich auf den schwarzen Tasten gespielt, entwickelt diese Etüde einen federnden, spielerischen Charakter. Die Pentatonik verleiht ihr einen exotischen Anstrich. Leichtigkeit, Eleganz und klangliche Farbigkeit sind gefragt.


    6. es-Moll (Andante) – „Lament“

    Ein verborgenes Kleinod. Die melodische Linie liegt in der linken Hand, während die rechte mit zarten Figurationen begleitet. Innige Klangrede und klangliche Transparenz stehen im Mittelpunkt.


    7. C-Dur (Vivace) – „Toccata“

    Motorische, in Oktaven geführte Bewegungen der rechten Hand bei gleichmäßiger, begleitender Linken. Eine Übung in Ausdauer, Koordination und Schlagtechnik des Handgelenks.


    8. F-Dur (Allegro) – „Sunshine“

    Ein tänzerisch anmutendes Stück mit weit gespannten Sechzehntelläufen, die eine perfekte Fingerkontrolle und Unabhängigkeit voraussetzen. Klanglich ist ein luftiges Legato gefordert.


    9. f-Moll (Allegro molto agitato)

    Eine dramatisch aufgeladene Etüde mit akzentuierten Synkopen. Sie verlangt entschlossene Artikulation und präzise Koordination beider Hände.


    10. As-Dur (Vivace assai) – „Harfe"

    Raffiniert rhythmisiert, mit einem Wechselspiel zwischen thematischen Fragmenten und Begleitfiguren. Technisch wie musikalisch anspruchsvoll, mit Fokus auf die Kontrolle über kleine rhythmische Einheiten.


    11. Es-Dur (Allegretto) – „Arpeggio-Étüde“

    Weit gespannte Arpeggien fordern Flexibilität, Spannkraft und die Fähigkeit zu gleichmäßigem Spiel über große Intervalle. Trotz virtuoser Anforderungen bleibt der Charakter schwebend.


    12. c-Moll (Allegro con fuoco) – „Revolutionsetüde“

    Ein musikalischer Aufschrei: aufgewühlte, donnernde Passagen, inspiriert vom polnischen Novemberaufstand 1830/31. Gewaltige Energie, Expressivität und dynamischer Spannungsbogen machen dieses Werk zu einem Höhepunkt pianistischer Dramatik.


    Étüden op. 25


    1. As-Dur (Allegro sostenuto) – „Aeolsharfen-Étüde“

    Ein Klanggewebe wie ein wehender Windhauch. Arpeggierte Figuren fließen wie Harfenklänge dahin, während eine innere Melodie sich durch die Textur windet. Klangliche Transparenz und Phrasierungsbewusstsein sind entscheidend.


    2. f-Moll (Presto) – „The Bees“

    Kurze, staccatierte Noten in beiden Händen, die extreme Leichtgängigkeit, rhythmische Genauigkeit und blitzschnelle Reaktionsfähigkeit erfordern. Klanglich fast perkussiv.


    3. F-Dur (Allegro) – „The Horseman“

    Ein Dialog zwischen einer gesanglichen Oberstimme und harmonisch aufsteigenden Akkorden. Erfordert strukturelle Balance, Phrasierungskunst und dynamische Kontrolle.


    4. a-Moll (Agitato) – „Paganini“

    Unruhige, sprunghafte Figurationen – virtuos, dabei aber strukturell präzise. Herausfordernd in Tempo, Dynamik und rhythmischer Punktierung.


    5. e-Moll (Vivace) – „Wrong Note Étüde“

    Die scheinbar „falschen“ Töne – oft chromatische Durchgänge – dienen der Verfeinerung ungewöhnlicher Grifftechniken und klanglicher Differenzierung. Die Herausforderung liegt im Klangfarbenwechsel und der Kontrolle über dissonante Übergänge.


    6. gis-Moll (Allegro) – „Thirds“

    Sexten, Terzen und rasche Repetitionen dominieren das Bild. Die harmonische Dichte verlangt ein Höchstmaß an Gleichgewicht, während die melodische Linie dennoch durchhörbar bleiben muss.


    7. cis-Moll (Allegro sostenuto) – „Cello“

    Ein melancholisches Thema in der Oberstimme, getragen von polyphoner Begleitung in der linken Hand. Die Phrasierungskunst und polyphone Klanggestaltung sind essenziell.


    8. Des-Dur (Vivace) – „Sixths“

    Ein rhythmisch verzwicktes Stück mit schnellen Repetitionen und abrupten Bewegungen. Koordination, Fingerfestigkeit und rhythmische Intelligenz werden auf die Probe gestellt.


    9. Ges-Dur (Allegro assai) – „Butterfly“

    In Walzerform geschrieben, verlangt diese Etüde tänzerische Leichtigkeit, Eleganz und eine subtil schwebende Artikulation. Pedaleinsatz und rhythmisches Feingefühl sind zentral.


    10. h-Moll (Allegro con fuoco) – „Oktavenetüde“

    Kaskaden chromatischer Sechzehntelläufe, die sich in große Bögen entwickeln. Der dramatische Gestus verlangt sowohl klangliche Klarheit als auch große Energie.


    11. a-Moll (Lento) – „Winter Wind“

    Eine Etüde von meditativer Tiefe. Die parallele Melodieführung in beiden Händen erzeugt eine intime Zwiesprache. Langes Atemholen und sängerische Gestaltung sind gefragt.


    12. c-Moll (Molto allegro con fuoco) – „Ozeanetüde“

    Ein eruptives Finale. Schnelle, kraftvolle Oktaven verlangen größte physische Ausdauer, Präzision und klangliche Kontrolle. In ihrer Wucht und Dramatik ein pianistisch-athletisches Meisterstück.


    Die Widmungen im Kontext


    Franz Liszt (1811–1886), dem op. 10 gewidmet ist, war nicht nur ein enger Bekannter Chopins, sondern auch einer der ersten, der dessen Genie früh erkannte. Die Widmung ist eine Geste der Anerkennung zwischen zwei Giganten des romantischen Klaviers.


    Marie d’Agoult (1805–1876), Liszts Lebensgefährtin und unter dem Pseudonym Daniel Stern als Schriftstellerin tätig, war Chopin ebenfalls verbunden. Die Widmung von op. 25 an sie kann auch als Hommage an die kulturelle und geistige Elite der Zeit verstanden werden, in der Chopin sich bewegte.


    Bedeutung der Étüden


    Die beiden Etüden-Zyklen bilden nicht nur das Fundament der modernen Klaviertechnik, sondern sind auch Ausdruck einer einzigartigen musikalischen Welt. Sie verlangen vom Interpreten weit mehr als virtuose Beherrschung – nämlich das Vermögen, Klang und Ausdruck zu gestalten, Struktur zu erfassen und Emotionen zu vermitteln.


    Der französische Pianist Alfred Cortot (1877–1962), Herausgeber einer bis heute einflussreichen Chopin-Ausgabe mit präzisen Fingersätzen und tiefgehenden Kommentaren, formulierte es mit Nachdruck:


    „In den Étüden liegt die Essenz seiner Kunst – wer sie zu spielen vermag, begreift Chopin.“


    Der russische Klavierpädagoge Heinrich Neuhaus (1888–1964) – Lehrer von Emil Gilels (1916–1985) und Swjatoslaw Richter (1915–1997) – äußerte sich in ähnlicher Weise:


    „Die Étüden sind ein Prüfstein – sie offenbaren nicht nur Technik, sondern auch das musikalische Verständnis eines Pianisten.“


    Und in der heutigen Fachliteratur findet sich oft die paraphrasierende Einsicht:


    „Wer Chopins Étüden nicht nur technisch bewältigt, sondern musikalisch durchdringt, versteht Chopin.“


    Diese Werke sind somit nicht bloß Etüden im traditionellen Sinne – sie sind Klanggedichte, seelische Reflexionen, technische Glanzstücke und künstlerische Selbstbekenntnisse in einem. In ihnen offenbart sich die ganze Tiefe von Chopins musikalischem Denken.

    Drei Etüden ohne Opuszahl von Frédéric Chopin – Trois Nouvelles Études


    "Composées pour la Méthode des Méthodes", Paris 1840 – postum nicht in die offiziellen Opusreihen aufgenommen


    Diese drei kurzen Etüden entstanden zu einem besonderen Anlass: Chopin wurde eingeladen, zur "Méthode des Méthodes", einer pädagogisch-virtuosen Anthologie für Klavierunterricht, eigene Beiträge beizusteuern. Anders als seine monumentalen Etüdensammlungen op. 10 und op. 25 sind diese drei Stücke kurz, prägnant und auf spezifische technische Fertigkeiten ausgerichtet, ohne jedoch auf künstlerischen Ausdruck zu verzichten.


    1. Etüde in f-Moll – Andantino


    Diese Etüde beschäftigt sich mit dem Konflikt zwischen Triolen (rechte Hand) und geraden Achteln (linke Hand). Die melodische Linie verläuft elegant gebogen und wird durch eine fließende Bewegung gehalten. Der Pedalgebrauch muss subtil sein, um den rhythmischen Kontrast nicht zu verwischen.


    Stilistisch wirkt das Stück wie ein lyrisches Mini-Nocturne mit etüdenhaftem Charakter – zurückhaltend, aber raffiniert.


    2. Etüde in As-Dur – Allegretto


    Auch hier steht das Spiel gegenläufiger rhythmischer Ebenen im Vordergrund. Die rechte Hand spielt Triolen, die linke durchgehend Achtel – ein beliebtes polyrhythmisches Motiv bei Chopin. Der Ton ist freundlicher, fast tänzerisch, mit einem Hauch von salonhafter Eleganz. Die Etüde wirkt trotz ihrer Kürze charmant und lebendig.


    3. Etüde in Des-Dur – Allegretto


    Diese Etüde ist die technisch anspruchsvollste der drei. Die rechte Hand muss zwei Ebenen voneinander absetzen: die Mittelstimme wird staccato gespielt, die Oberstimme gleichzeitig legato – ein Paradebeispiel für Unabhängigkeit der Finger und Stimmführung.


    Die Melodie liegt im oberen Register, während das rhythmisch präzise staccatierte Spiel darunter eine Art Begleitung simuliert. Trotz der technischen Herausforderung darf der Ausdruck nicht verloren gehen: das Stück soll singen, nicht mechanisch wirken.


    Diese drei Etüden sind zwar didaktisch motiviert, doch weit entfernt von bloßer Fingerübung. Sie zeigen Chopin als poetischen Pädagogen, der selbst kleinste Formen mit Ausdruckstiefe füllt. Ihre Herausforderung liegt nicht in donnernder Brillanz, sondern in rhythmischer Unabhängigkeit, klanglicher Differenzierung und feinem Stimmenbewusstsein – allesamt zentrale Elemente des Chopin-Stils.


    Musikalische Vorschläge:


    1. Artur Rubinstein (1887–1982):



    Arthur Rubinsteins Interpretation der Trois Nouvelles Études (Aufnahme 1958) gehört zu den ausgewogensten und musikalisch reifsten Darstellungen dieser Werke. Seine Spielweise verbindet natürliche Eleganz mit feiner Phrasierungskunst, wobei er die technischen Herausforderungen scheinbar mühelos überwindet, um den poetischen Kern der Musik freizulegen.


    In der Etüde in f-Moll (Andantino) gelingt es ihm, den fließenden Charakter der Triolenbewegung mit einer subtilen inneren Spannung aufzuladen. Die Gesangslinie bleibt stets präsent, getragen von einem warmen, kultivierten Ton, der sich aus seiner tiefen Erfahrung mit Chopins Lyrik speist.


    Die Etüde in As-Dur (Allegretto) wird bei Rubinstein nicht zur reinen Fingerübung – vielmehr betont er den tänzerischen, fast scherzhaften Charakter, ohne je ins Mechanische zu verfallen. Die rhythmische Balance zwischen den Händen ist makellos, seine Artikulation transparent und souverän.


    Besonders hervorzuheben ist die Etüde in Des-Dur, wo Rubinstein das stimmliche Geflecht der rechten Hand meisterlich differenziert: Die Oberstimme singt, während die Mittelstimme fein nuanciert staccato geführt wird. Hier zeigt sich Rubinsteins außergewöhnliches Gespür für Polyphonie und Klangfarben – er lässt die Stimmen nicht nur koexistieren, sondern zueinander sprechen.


    Seine Interpretation ist ein leuchtendes Beispiel für Chopin-Spiel, das nicht auf bloße Virtuosität zielt, sondern auf Ausdruck, Poesie und natürliche Noblesse. Kritik und Fachwelt loben Rubinstein seit Jahrzehnten für genau diese Synthese aus technischer Meisterschaft und menschlicher Wärme, die er besonders in diesen kürzeren, oft unterschätzten Etüden eindrucksvoll entfaltet.


    2. Paul Barton (* 1961):



    Paul Bartons Interpretation der Trois Nouvelles Études von Chopin (Aufnahme 2018) besticht durch Klarheit, musikalische Sensibilität und ein fein austariertes Klangbild. Statt bloßer technischer Demonstration legt Barton den Fokus auf die lyrische Struktur und die pädagogische Intention der Etüden. Besonders hervorzuheben ist seine Fähigkeit, die unterschiedlichen Stimmen differenziert hörbar zu machen, etwa in der Des-Dur-Etüde, wo er das Verhältnis zwischen Staccato-Mittelstimme und Legato-Oberstimme mit größter Sorgfalt gestaltet. Die f-Moll-Etüde wirkt bei ihm ruhig atmend und gesanglich, die As-Dur-Etüde leichtfüßig, aber nie oberflächlich.


    Bartons Stil ist weniger virtuos als introspektiv, mit einem Hauch didaktischer Absicht – was nicht verwundert, da er seine Aufnahmen oft mit analytischem Kommentar kombiniert. Seine Chopin-Einspielungen sind besonders für Hörer geeignet, die sich für Struktur und Phrasierung interessieren, und nicht nur für vordergründige Brillanz.


    3. Alfred Cortot (1877–1962):



    Alfred Cortots Interpretation der Trois Nouvelles Études (Aufnahme 1947 / 1949) ist ein Dokument tief empfundener Musikalität und zugleich Ausdruck einer heute selten gewordenen pianistischer Ästhetik. Seine Aufnahme aus den späten 1940er Jahren trägt unverkennbar die Handschrift der französischen Schule: frei im Rhythmus, klangsensibel, oft von rubatoreichem Atem durchzogen – mit einer bewusst subjektiven, poetischen Lesart, die den Zuhörer nicht durch makellose Technik, sondern durch Ausdrucksintensität fesselt.


    In der Etüde in f-Moll (Andantino) fließt Cortots Spiel mit melancholischer Eleganz. Die melodische Linie erscheint wie ein innerer Monolog – intim, leicht verhangen, aber nie sentimental. Der Anschlag bleibt weich, fast aquarellhaft, die Phrasen atmen natürlich.


    Die Etüde in As-Dur interpretiert er mit tänzerischer Leichtigkeit und einem gewissen improvisatorischen Tonfall. Cortot spielt nicht „metrisch exakt“, sondern mit einer sprechenden, flexiblen Rhythmik, die den salonhaften Charakter des Stücks hervorhebt – charmant und kapriziös.


    Besonders bemerkenswert ist seine Version der Etüde in Des-Dur, wo er den stimmlichen Kontrapunkt zwischen Mittel- und Oberstimme sehr nuanciert herausarbeitet. Dabei wird deutlich, wie Cortot auf inneren Ausdruck zielt, nicht auf technische Demonstration: Er spielt für das Ohr, nicht für das Auge.


    Cortots Aufnahme ist kein Musterbeispiel pianistischen Perfektionismus, sondern ein dichter musikalischer Essay, der durch seine Intimität, Freiheit und Ausdruckskraft berührt. Wer Chopin als poetischen Seelenkomponisten versteht, wird in dieser Einspielung eine außergewöhnlich persönliche und stilistisch eigenständige Lesart finden.


    4. Louis Lortie (* 1959) ist ein kanadischer Pianist, der für seine klaren, strukturierten Interpretationen bekannt ist. Seine Aufnahme der Trois Nouvelles Études zeichnet sich durch technische Präzision und musikalische Tiefe aus (Aufnahme 1986):


    Das geistliche Konzert „Ist nicht Ephraim mein teurer Sohn“ von Heinrich Schütz (1585–1672) zählt zu den eindrucksvollsten Vokalwerken seiner späten Schaffensperiode. Es basiert vollständig auf einem einzelnen Bibelvers aus dem Buch Jeremia (Kapitel 31, Vers 20), der in der Fassung der Lutherbibel den klagenden und zugleich tröstenden Tonfall der gesamten Komposition vorgibt: „Ist nicht Ephraim mein teurer Sohn und mein trautes Kind? Denn ich gedenke wohl, was ich ihm geredet habe. Darum brennt mir mein Herz für ihn, dass ich mich seiner erbarmen muss, spricht der Herr.“


    Dieser Vers gehört zum sogenannten Trostbuch des Propheten Jeremia und beschreibt in tief berührender Sprache die unverbrüchliche Liebe Gottes zu seinem abtrünnigen Volk, das in der Gestalt Ephraims als geliebter, verlorener Sohn erscheint. Schütz gelingt es, diesen theologischen Gehalt in eine musikalische Sprache zu übertragen, die ganz auf innere Bewegung, emotionale Differenzierung und klangliche Reduktion zielt.


    Die Vertonung ist Teil jener schlichten, aber höchst ausdrucksstarken Werke, die Schütz in seinem hohen Alter schuf – Werke, die ganz im Zeichen der Verinnerlichung und geistlichen Konzentration stehen. Die Besetzung ist entsprechend reduziert: eine Solostimme (in der Regel Sopran oder Tenor) wird lediglich vom Basso continuo begleitet. Doch gerade in dieser kammermusikalischen Zurückhaltung entfaltet sich ein Höchstmaß an rhetorischer Durchdringung und affektgeladener Gestaltung.


    Musikalisch folgt das Werk dem Wort in einer Weise, die beispielhaft für den „stile recitativo“ im deutschen Kontext ist. Schlüsselbegriffe wie „teurer Sohn“, „brennt mein Herz“ oder „erbarmen“ werden durch expressive Melodielinien, schmerzvoll gedehnte Dissonanzen und gezielte Zäsuren plastisch hervorgehoben. Die Komposition lebt ganz aus dem Geist der Textausdeutung – ein Prinzip, das Schütz in Italien bei Giovanni Gabrieli und Claudio Monteverdi kennengelernt und zeitlebens weiterentwickelt hat.


    „Ist nicht Ephraim mein teurer Sohn“ ist somit nicht nur ein ergreifendes Zeugnis barocker Frömmigkeit, sondern auch ein Meisterstück musikalischer Rhetorik. Es zeigt, wie sehr Schütz die musikalische Sprache als Medium innerer Ergriffenheit verstand. Zahlreiche Einspielungen renommierter Ensembles – darunter Cantus Cölln, das Hilliard Ensemble oder das Vocal Concert Dresden – machen das Werk heute einem breiteren Publikum zugänglich und verdeutlichen seine ungebrochene Ausdruckskraft.


    Lieber Holger,

    herzlichen Dank für Deine bereichernde Ergänzung. Ich möchte an dieser Stelle gern ein paar Gedanken teilen – vor allem, um meine Motivation und Haltung zu verdeutlichen, mit der ich Beiträge im Forum verfasse.


    Im Tamino-Klassikforum gibt es viele Threads, die seit über einem Jahrzehnt ruhen. Es ist mein Ziel, einige dieser „Lücken“ nach bestem Wissen und Gewissen zu füllen – nicht im Sinne eines endgültigen Urteils, sondern als einladende Beiträge, die zur Wiederentdeckung anregen. Dabei geht es mir nicht darum, persönliche Vorlieben anderen aufzuzwingen. Die musikalischen Beispiele, die ich auswähle, verstehe ich bewusst als Anregungen, nicht als verbindliche Empfehlungen. Jeder Leser – ob aktives Mitglied oder stiller Gast – hat seinen eigenen Zugang zur Musik. Das soll unbedingt so bleiben.


    Was Frédéric Chopin betrifft, so habe ich – wie viele Menschen in meiner Generation in Polen – eine sehr intensive, beinahe staatsprägende Beziehung zu seiner Musik entwickelt. In der Schul- und Studienzeit wurde Chopin mit nationaler Bedeutung aufgeladen; er war mehr als nur Komponist, er galt als Symbol des Patriotismus. Die Erzählung lautete: Nur russische Pianisten verstünden Chopin wirklich – und sie mussten aus politischen Gründen die internationalen Wettbewerbe gewinnen. Der Musikunterricht war geprägt von minutiösen Deutungen, Lebenslaufstudien und einer schwer durchschaubaren Vermischung von Ästhetik und Ideologie.


    Ich hatte damals das Privileg, einen deutschen (damals „grünen“) Reisepass zu besitzen – und so konnte ich früh musikalische Horizonte jenseits der offiziellen Linie entdecken: westliche Aufnahmen, Einspielungen, die in Polen kaum zugänglich waren, und andere Interpretationen, die Chopin weder mystifizierten noch vereinnahmten. Rückblickend bin ich dankbar für das Wissen, das mir die polnische Ausbildung vermittelt hat – nicht, weil es falsch gewesen wäre, sondern weil es mir ein tiefes Fundament gegeben hat. Aber heute möchte ich mich von der ideologischen Überformung befreien und Chopin auf meine eigene Weise begegnen.


    Ich bin mir bewusst, dass mein Blick auf Chopins Musik nicht immer mit dem der Forenmehrheit übereinstimmt. Das ist in Ordnung – und sogar bereichernd. Was ich mir wünsche, ist ein respektvoller Austausch, in dem verschiedene Perspektiven nebeneinander bestehen dürfen. Wenn manche meiner Fragen als „langweilig“ empfunden werden, nehme ich das nicht persönlich. Denn was für den einen selbstverständlich scheint, kann für den anderen ein neu entdeckter Zusammenhang sein.


    Noch einmal: Jede meiner Musikwahlen ist als Möglichkeit gedacht, als Einladung, nicht als Vorgabe. In diesem Geist möchte ich auch weiterhin versuchen, bislang unbearbeitete Themen zu erschließen und dem Forum mit kleinen Beiträgen etwas Substanzvolles beizusteuern.


    Mit herzlichen Grüßen

    Andreas

    Frédéric Chopin: Trois Polonaises, op. 71 (postum)


    Die drei Polonaisen op. 71, die erst nach Chopins Tod im Jahr 1855 von Julian Fontana (1810 - 1869) veröffentlicht wurden, gehören zu den weniger bekannten, doch reizvollen Beispielen für Chopins lebenslange Auseinandersetzung mit der polnischen Nationaltanzform. Während ihre Popularität im Schatten der großen Polonaisen in As-Dur op. 53 oder A-Dur op. 40 Nr. 1 steht, offenbaren sie dem aufmerksamen Hörer viel von Chopins künstlerischer Entwicklung – von der jugendlichen Experimentierfreude bis zur reifen Ausdruckstiefe.


    Polonaise in d-Mollm op. 71 (1827)


    Diese früheste der drei Polonaisen entstand, als Chopin erst 17 Jahre alt war. Sie ist noch stark von den formalen Konventionen der klassischen Polonaise geprägt, doch bereits durchdrungen von einer persönlichen Handschrift. Die Einleitung wirkt feierlich, fast martialisch, mit markanten Oktaven und einer energischen Rhythmik. Im Hauptteil entfaltet sich eine Melodie, die zwischen heroischer Gebärde und melancholischer Lyrik changiert – ein typischer Ausdruck jenes polnischen Nationalstolzes, den Chopin mit diesem Genre stets verband.


    Musikalische Beispiele:


    1. Garrick Ohlsson (* 1948), Gewinner des Internationalen Chopin-Wettbewerbs 1970, hat eine vollständige Aufnahme von Chopins Werken für Klavier veröffentlicht, darunter auch die Polonaisen op. 71. Seine Interpretationen werden für ihre kraftvolle und engagierte Spielweise gelobt. Laut "The Mail on Sunday" bietet Ohlsson eine Darbietung, die dem Stil der Chopin-Zeit nahekommt. "International Record Review" bezeichnet seine Aufnahme als herausragende Leistung, die jeder Chopin-Liebhaber besitzen sollte.



    2. Halina Czerny-Stefańska (1922 - 2001), eine renommierte polnische Pianistin, ist bekannt für ihre authentischen und einfühlsamen Interpretationen von Chopins Werken. Ihre Aufnahmen zeichnen sich durch technische Präzision und musikalische Sensibilität aus. Ihre Eunspielung von Chopins op. 71 wird hoch geschätzt. (Aufnahme: 1959)



    Polonaise in B-Dur (1838)


    Diese mittlere Polonaise op. 71 zeigt einen Chopin, der sich bereits mitten in seiner künstlerischen Reife befindet. Sie wirkt eleganter, beinahe tänzerischer als die anderen beiden Stücke, wobei der typisch synkopierte Rhythmus der Polonaise mit melodischer Leichtigkeit verbunden wird. Besonders reizvoll ist die harmonische Farbenvielfalt, die Chopin dem scheinbar einfachen Formmodell abgewinnt. Auch das Trio, ein lyrischer Mittelteil, lässt einen Hauch von Walzeridylle durchscheinen, ohne je in Banalität zu verfallen.


    Musikalische Beispiele:


    1. Garrick Ohlsson – Die Interpretation der Polonaise in B-Dur, op. 71 Nr. 2 zeichnet sich durch ein rundes, klares Klangbild aus, das in jeder Phase durch eine subtile Agogik und fein modellierte Phrasierung getragen wird. Ohne den Charakter der Polonaise zu überzeichnen, entfaltet sich hier ein vornehm zurückhaltender Ausdruck, der sowohl die rhythmische Eleganz als auch die melodische Linienführung eindrucksvoll zur Geltung bringt.


    Besonders hervorzuheben ist die Verbindung klassischer Noblesse mit einem feinen, stets natürlich wirkenden inneren Puls. Die tänzerischen Elemente verlieren nie ihre Würde, und selbst die harmonischen Feinheiten werden mit ruhiger Hand gezeichnet – nichts wirkt überbetont, nichts zufällig. Gerade diese interpretatorische Ausgewogenheit lässt das Werk in seiner strukturellen Klarheit wie auch in seinem poetischen Gehalt erstrahlen.


    Insgesamt bietet diese Einspielung eine ausgesprochen stilvolle und geschmackssichere Lesart – ideal geeignet für ein repräsentatives Hören, das sowohl Kenner als auch sensible Ersthörer anspricht. (Track 9 auf der CD)



    2. Die türkische Pianistin Idil Biret (* 1941) bietet in ihrer Einspielung der Polonaise in B-Dur, op. 71 Nr. 2 eine sachlich-klare Lesart, die sich wohltuend von interpretatorischer Überfrachtung fernhält. Ihr Klangbild ist direkt und transparent, beinahe kammermusikalisch in der Anlage – ein Zugang, der dem Stück eine strukturierende Klarheit verleiht und den architektonischen Aufbau besonders deutlich hervortreten lässt.


    Was bei anderen Interpreten in Rubato und affektgeladener Phrasierung schwelgt, bleibt bei Biret kontrolliert, metrisch sauber und unaufgeregt. Dabei wahrt sie durchgehend eine gewisse klangliche Distanz, die das Werk weniger als romantisches Bekenntnisstück denn als stilisierte Tanzform erscheinen lässt. Gerade dadurch eignet sich diese Aufnahme hervorragend für Hörer, die sich einen analytischen Zugang zur Komposition wünschen oder deren formale Anlage und harmonische Fügung in aller Ruhe nachvollziehen möchten.


    So mag Birets Interpretation für manche Hörer vielleicht etwas nüchtern erscheinen – doch gerade in dieser Zurückhaltung liegt ihre Stärke: Sie lässt das Werk für sich selbst sprechen, frei von interpretatorischem Pathos. Eine Empfehlung für Kenner, die auf der Suche nach struktureller Transparenz und einem klaren Blick auf Chopins kompositorisches Handwerk sind.



    Polonaise in f-Moll (1846)


    Die späteste der drei Polonaisen ist zugleich die reifste und persönlichste. Sie entstand in einer Phase zunehmender gesundheitlicher und seelischer Erschöpfung Chopins, was sich auch im dunkleren, introspektiven Charakter des Werkes widerspiegelt. Die Hauptthemen sind von schroffer Düsternis, oft unterbrochen von eruptiven Akzenten und harmonischen Verwerfungen. Das Mittelteil-Thema in As-Dur ist von schwermütiger Noblesse, bevor das Hauptthema wieder in seinen klagenden Gestus zurückkehrt. Diese Polonaise kann als ein spätes musikalisches Bekenntnis zur verlorenen Heimat verstanden werden – voller Würde, aber auch von Schmerz durchzogen.


    Musikalische Beispiele:


    1. Garrick Ohlssons Interpretation der Polonaise Nr. 3 in f-Moll, op. 71 Nr. 3 von Frédéric Chopin wird von der Fachwelt hoch geschätzt und gilt als herausragendes Beispiel für eine stilistisch ausgewogene und tiefgründige Lesart dieses spätromantischen Werkes.


    Ohlsson, der 1970 als erster US-Amerikaner den Internationalen Chopin-Wettbewerb in Warschau gewann, bringt in dieser Aufnahme seine umfassende Erfahrung und sein tiefes Verständnis für Chopins Musik zum Ausdruck. Sein Spiel zeichnet sich durch eine kraftvolle und engagierte Darbietung aus, die von der Kritik als besonders authentisch und stilistisch überzeugend beschrieben wird. Die Aufnahme profitiert zudem von einer hervorragenden Klangqualität, die es ermöglicht, die feinen Nuancen und die strukturelle Klarheit des Stückes voll zur Geltung zu bringen. (Track 10)



    2. In der Interpretation von Wladimir Aschkenasi (* 1937) gewinnt Chopins späte Polonaise in f-Moll, op. 71 Nr. 3 eine eigentümliche Klarheit und innere Geschlossenheit. Die Aufnahme offenbart eine klangliche Sprache, die fern von Effekthascherei die Essenz des Werkes in den Vordergrund rückt.



    Aschkenasis Spiel besticht durch eine präzise Artikulation und ausgewogene Dynamik, die das dramatische Relief der Polonaise zwar deutlich modellieren, dabei jedoch nie ins Deklamatorische abgleiten. Die rhythmisch markanten Passagen behalten ihre Strenge und Kraft, während der lyrische Mittelteil in As-Dur mit nobler Zurückhaltung gestaltet wird – wie ein flüchtiger Traum, den der Ernst der Rahmenpartien bald wieder verdrängt.


    Besonders eindrucksvoll ist die emotionale Tiefenschärfe, mit der Aschkenasi die melancholischen Schatten dieser Komposition hörbar macht. Ohne zu dramatisieren, lässt er die innere Spannung des Werkes allmählich wachsen, getragen von einer klugen Tempowahl und feinsinniger Phrasierung. Hier spricht ein Musiker, der Chopins Werk nicht mit romantisierender Weichzeichnung überhöht, sondern mit Ernsthaftigkeit und innerer Würde durchdringt.


    Diese Interpretation bietet eine bemerkenswerte Balance zwischen struktureller Klarheit und seelischer Ausdruckskraft – sie ist analytisch im besten Sinne und doch voller leiser, wirklicher Emotion. Für Hörerinnen und Hörer, die Chopins Spätstil in seiner verhaltenen Größe verstehen möchten, stellt Aschkenasis Deutung eine wertvolle, geradezu vorbildliche Ergänzung zu etwa Ohlssons großformatiger Lesart dar. Eine Aufnahme, die man immer wieder hören kann – und jedes Mal ein wenig tiefer versteht.


    Frédéric Chopin (1810 - 1849): Klavierwerke


    Ballade Nr. 4 in f-Moll, op. 52 (1842),

    Nocturne Nr. 7 in cis-Moll, op. 27 Nr. 1 (1835),

    Nocturne Nr. 13 in c-Moll, op. 48 Nr. 1 (1841),

    Nocturne Nr. 19 in e-Moll, op. posth. 72 Nr. 1 (1827),

    Walzer Nr. 1 in Es-Dur, op. 18 „Grande valse brillante“ (1833),

    Walzer Nr. 3 in a-Moll, op. 34 Nr. 2 (1838),

    Walzer Nr. 6 in Des-Dur, op. 64 Nr. 1 „Minutenwalzer“ (1847),

    Walzer Nr. 10 in h-Moll, op. 69 Nr. 2 (1829),

    Etüde Nr. 3 in E-Dur, op. 10 Nr. 3 „Tristesse“ (1832),

    Mazurka Nr. 13 in a-Moll, op. 17 Nr. 4 (1833).


    Klavier: Halina Czerny-Stefańska (1922 - 2001)

    Aufnahme: 1953

    Hinweis: Der folgende Beitrag wurde in wesentlichen Teilen von einer KI verfasst!


    Die Westminster-Messe für Papst Benedikt XVI. und die Macht der Vokalpolyphonie


    Am 18. September 2010 fand in der Westminster Cathedral in London ein musikalisch wie spirituell bedeutendes Ereignis statt: die feierliche Messe anlässlich des Besuchs von Papst Benedikt XVI. (1927–2022), dessen Amtszeit von 2005 bis 2013 dauerte. Für viele Beobachter war dies nicht nur ein Staatsbesuch, sondern ein bewegender liturgischer Akt, in dem sich Glauben, Tradition, Ästhetik und Ökumene auf einzigartige Weise vereinten. Im Zentrum stand dabei nicht die Predigt oder ein offizielles Wort, sondern die Musik. Mit großer Sorgfalt ausgewählte Werke aus der anglikanischen wie römisch-katholischen Tradition bildeten ein klangliches Fundament, das die Herzen berührte – selbst das des theologisch geschulten Papstes, der nicht nur die liturgischen Texte verstand, sondern die Musik als Gebet in Klang erlebte.


    Die folgende Darstellung präsentiert die wichtigsten musikalischen Stationen dieser Messe, jeweils mit dem Originaltext und einer sorgfältig angefertigten Übersetzung, sowie den zugehörigen Aufnahmen.


    1. Prozession: James MacMillan – "Tu es Petrus"



    Ein modernes, festliches Chorwerk für den feierlichen Einzug des Papstes, komponiert vom schottischen Komponisten James MacMillan (* 1959).


    Lateinischer Text:

    "Tu es Petrus, et super hanc petram aedificabo Ecclesiam meam,et portae inferi non praevalebunt adversus eam.Et tibi dabo claves regni caelorum."


    Deutsche Übersetzung:

    "Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen,und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.Und dir werde ich die Schlüssel des Himmelreichs geben."


    2. Introitus: Gregorianischer Gesang – "Dignus est Agnus"


    „Dignus est Agnus“ – ein gregorianischer Gesang, der zu Beginn der Messe erklang.


    Es wurde im ursprünglichen Ablauf als Eingangsgesang (Introitus) verwendet – liturgisch sehr bedeutsam, da es den thematischen Ton für die gesamte Feier setzt. Es handelt sich um einen feierlichen Lobpreis Christi als des geopferten Lammes aus der Offenbarung des Johannes (Offb 5,12).


    Gregorianischer Gesang (Anonym, nach der Offenbarung des Johannes)



    Lateinischer Text (Offenbarung 5,12–13):


    "Dignus est Agnus qui occisus est

    accipere virtutem et divinitatem

    et sapientiam et fortitudinem

    et honorem et gloriam et benedictionem."


    Deutsche Übersetzung:


    "Würdig ist das Lamm, das geschlachtet wurde,

    Macht zu empfangen und Gottheit

    und Weisheit und Stärke

    und Ehre und Herrlichkeit und Lobpreis."


    Als gregorianischer Introitus ist "Dignus est Agnus" schlicht, archaisch und meditativ. Die Melodie ist syllabisch und frei fließend, ohne metrische Bindung, was sie besonders geeignet macht, um zu Beginn der Messe innerlich zu sammeln und geistlich einzustimmen. Das Werk verbindet apokalyptische Majestät mit asketischer Klarheit – und es war sicher kein Zufall, dass dieses Stück gewählt wurde, um den Besuch des Nachfolgers Petri in der alten anglikanischen Kathedrale zu eröffnen.


    Damit ist das musikalische Mosaik nun vollständig.


    Diese Aufnahme zeigt den feierlichen Beginn der Messe mit dem gregorianischen Introitus „Dignus est Agnus“, gesungen vom Westminster Cathedral Choir. Der Gesang basiert auf Offenbarung 5,12–13 und preist das Lamm Gottes, das würdig ist, Macht, Weisheit und Ehre zu empfangen.


    Lateinischer Text:

    "Dignus est Agnus qui occisus est,accipere virtutem, et divinitatem,et sapientiam, et fortitudinem,et honorem, et gloriam, et benedictionem."


    Deutsche Übersetzung:

    "Würdig ist das Lamm, das geschlachtet wurde,Macht zu empfangen und Gottheit,und Weisheit und Stärke,und Ehre und Herrlichkeit und Lobpreis."


    3. William Byrd (um 1540–1623) - Kyrie ("Mass for five voices")



    Lateinischer Text:

    "Kyrie eleison.

    Christe eleison.

    Kyrie eleison."


    Deutsche Übersetzung:

    "Herr, erbarme dich.

    Christus, erbarme dich

    Herr, erbarme dich."


    In Byrds Vertonung erklingt der Text in weichen Imitationen, mit inniger Polyphonie. Die Stimmen flehen nicht lautstark, sondern in zarter Dringlichkeit – fast wie ein meditatives Gebet. Byrd selbst heimlicher Katholik in elisabethanischer Zeit, komponierte diese Messe vermutlich für den privaten Gebrauch in Hauskapellen katholischer Adliger. Ihre musikalische Tiefe und spirituelle Kraft machen sie jedoch zu einem universellen Werk, das – wie 2010 in Westminster – bis heute bewegt.


    4. William Byrd – Gloria (aus der „Mass for Five Voices“)



    "Gloria in excelsis Deo,

    et in terra pax hominibus bonae voluntatis.

    Laudamus te, benedicimus te, adoramus te, glorificamus te.

    Gratias agimus tibi propter magnam gloriam tuam.

    Domine Deus, Rex caelestis, Deus Pater omnipotens.

    Domine Fili unigenite, Jesu Christe.

    Domine Deus, Agnus Dei, Filius Patris.

    Qui tollis peccata mundi, miserere nobis.

    Qui tollis peccata mundi, suscipe deprecationem nostram.

    Qui sedes ad dexteram Patris, miserere nobis.

    Quoniam tu solus Sanctus, tu solus Dominus,

    tu solus Altissimus, Jesu Christe,

    cum Sancto Spiritu in gloria Dei Patris. Amen."


    Deutsche Übersetzung:


    "Ehre sei Gott in der Höhe

    und Friede auf Erden den Menschen guten Willens.

    Wir loben dich, wir preisen dich, wir beten dich an, wir verherrlichen dich.

    Wir danken dir für deine große Herrlichkeit.

    Herr Gott, himmlischer König, Gott, allmächtiger Vater.

    Herr, eingeborener Sohn, Jesus Christus.

    Herr Gott, Lamm Gottes, Sohn des Vaters.

    Du nimmst hinweg die Sünden der Welt, erbarme dich unser.

    Du nimmst hinweg die Sünden der Welt, nimm unser Gebet an.

    Du sitzt zur Rechten des Vaters, erbarme dich unser.

    Denn du allein bist heilig, du allein bist der Herr,

    du allein der Höchste, Jesus Christus,

    mit dem Heiligen Geist in der Herrlichkeit Gottes des Vaters. Amen."


    Diese Vertonung des „Gloria“ durch William Byrd ist ein herausragendes Beispiel für die englische Renaissance-Polyphonie. Die Aufnahme des Westminster Cathedral Choir unter der Leitung von Martin Baker (* 1967) während der Messe mit Papst Benedikt XVI. am 18. September 2010 vermittelt eindrucksvoll die spirituelle Tiefe und musikalische Schönheit dieses Werkes.


    5. Hymnus: Henry Purcell (um 1659–1695) – "Christ is made the sure foundation"


    Ein traditioneller anglikanischer Choral über Christus als das Fundament der Kirche



    Englischer Originaltext:

    "Christ is made the sure foundation,

    Christ the head and cornerstone,

    Chosen of the Lord, and precious,

    Binding all the Church in one,

    Holy Zion's help for ever,

    And her confidence alone.


    All that dedicated city,

    Dearly loved of God on high,

    In exultant jubilation

    Pours perpetual melody,

    God the One in Three adoring

    In glad hymns eternally.


    To this temple, where we call thee,

    Come, O Lord of Hosts, today!

    With thy wonted loving-kindness

    Hear thy servants as they pray,

    And thy fullest benediction

    Shed within its walls alway.


    Here vouchsafe to all thy servants

    What they ask of thee to gain;

    What they gain from thee, for ever

    With the blessed to retain,

    And hereafter in thy glory

    Evermore with thee to reign."


    Deutsche Übersetzung:


    "Christus ist das feste Fundament,

    Christ der Haupt- und Eckstein wert,

    Von dem Herrn erwählt, geliebet,

    Der die Kirche eins verehrt.

    Heilige Hilfe Zions ewig,

    All ihr Hoffen auf Ihn kehrt.


    Gottes Stadt, von ihm gebauet,

    Die er inniglich geliebt,

    Jubelt laut in froher Freude,

    Loblied, das nach oben stiebt.

    Gott, dem einen und dem Dreiein’,

    Wird so ewig Preis umschwebt.


    Komm zu diesem Tempel, Herr,

    Den wir rufen hier und heut.

    Höre gnädig unsre Bitten,

    Die zu dir der Glaube schreit,

    Sende deinen vollen Segen

    Über uns zu jeder Zeit.


    Allen, die zu dir hier beten,

    Schenk, was sie erflehen gern;

    Lass sie deine guten Gaben

    Fest bewahren, nah und fern,

    Und dereinst in deinem Himmel

    Freuen sich an dir, o Herr."


    6. Offertorium: Anton Bruckner (1824–1896) – "Christus factus est"



    Lateinischer Text:

    "Christus factus est pro nobis obediens usque ad mortem, mortem autem crucis.Propter quod et Deus exaltavit illum, et dedit illi nomen, quod est super omne nomen."


    Deutsche Übersetzung:

    "Christus wurde für uns gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz.Darum hat ihn Gott über alle Maßen erhöht und ihm einen Namen verliehen, der über allen Namen ist."


    7. Kommunion: Hans Leo Hassler (1564–1612) – "O sacrum convivium"



    Lateinischer Text:

    "O sacrum convivium, in quo Christus sumitur:recolitur memoria passionis eius:mens impletur gratia:et futurae gloriae nobis pignus datur."


    Deutsche Übersetzung:

    "O heiliges Gastmahl, in dem Christus empfangen wird:das Gedächtnis seines Leidens wird erneuert:die Seele wird mit Gnade erfüllt:und uns wird das Unterpfand der künftigen Herrlichkeit gegeben."


    8. Motette: William Byrd – "Laudibus in sanctis"


    Eine strahlende Vertonung von Psalm 150



    Lateinischer Text:

    "Laudibus in sanctis Dominum celebrate supremum:

    firmamenta sonent inclita facta Dei.

    Inclyta facta Dei cantate, sacraque potentis

    voce potestatem saepe sonate Domini.

    Gloriate Dominum cum tympano, et choro:

    in laude, in cymbalis, vox sonet alta Deo.

    Omnis spiritus laudet Dominum,

    cuncta sonent Domino carmina sancta Deo."


    Deutsche Übersetzung:

    Preist den Herrn mit Lobgesängen in seinem Heiligtum:

    Die herrlichen Werke Gottes sollen im Himmelsgewölbe erklingen.

    Singt von den herrlichen Werken Gottes und verkündet

    mit heiliger Stimme immer wieder die Macht des Herrn.

    Rühmt den Herrn mit Pauken und Chören –

    in seinem Lob soll auf Zimbeln eine laute Stimme zu Gott erschallen.

    Alles, was Odem hat, lobe den Herrn,

    alle Lieder sollen für den Herrn, den heiligen Gott, erklingen.


    9. Motette: Thomas Tallis – "If ye love me"YouTube-Link


    Ein Beispiel für die anglikanische Reformationspolyphonie



    Englischer Text:

    "If ye love me,

    keep my commandments,

    and I will pray the Father,

    and he shall give you another comforter,

    that he may bide with you forever;

    even the Spirit of truth."


    Deutsche Übersetzung:

    "Wenn ihr mich liebt,

    haltet meine Gebote,

    und ich will den Vater bitten,

    und er wird euch einen anderen Tröster geben,

    dass er bei euch bleibe in Ewigkeit;

    den Geist der Wahrheit."


    Musik als liturgische Gegenwartserfahrung


    Diese Musik war mehr als ein Rahmen – sie war ein geistlicher Träger. Die Stimmen umhüllten die Gemeinde nicht nur, sie trugen sie. Selbst Papst Benedikt XVI., ein großer Liebhaber der Gregorianik und Renaissancepolyphonie, zeigte sich tief bewegt. Nicht aus Höflichkeit, sondern aus innerem Ergriffensein. Die Wahl der Werke spiegelte liturgische Weisheit, emotionale Tiefe und musikalische Weltöffnung wider.


    Dass sich dabei auch die anglikanische und römische Tradition klanglich verbanden – etwa in der präsenten Gastfreundschaft von Erzbischof Dr. Rowan Williams (* 1950, Amtszeit 2002–2012) – machte das Ereignis zu einem Modell für ökumenische Verbundenheit.


    Die musikalischen Beispiele dieses Tages beweisen auf eindrucksvolle Weise: Wahre liturgische Musik ist keine historische Requisite. Sie ist lebendig, sprechend, verwandelnd und zeitlos. Sie spricht die Sinne an, aber richtet sich an das Herz.


    Die hier versammelten Gesänge für eine und zwei Stimmen stammen aus den ersten vier Büchern von Sigismondo d’Indias "Musiche", einer Sammlung, die zu den erstaunlich originellen Meisterwerken des frühen 17. Jahrhunderts zählt. Sie stehen ganz im Zeichen der neuartigen monodia, also der expressiven Solomelodie mit Generalbassbegleitung, die zur Zeit ihres Entstehens den polyphonen Madrigal weitgehend verdrängte.


    Obwohl D’India seine Karriere vor allem in Turin und Rom verbrachte, lassen sich in seinem Stil deutliche Parallelen zu Claudio Monteverdi (1567–1643) und – noch markanter – zu Carlo Gesualdo (um 1566–1613) erkennen. Letzterer scheint nicht nur sein harmonisches Denken entscheidend geprägt zu haben, sondern stützt auch jene neuere Forschung, die D’Indias Herkunft nicht in Sizilien, sondern in Neapel verortet – dort, wo Gesualdo mit seinen gewagten Dissonanzen und seinem radikal textbezogenen Komponieren nachhaltigen Einfluss übte.


    Diese harmonische Kühnheit – das gezielte Ausbrechen aus der tonalen Konvention, um affektgeladene Wendungen im Text musikalisch zu unterstreichen – kennzeichnet auch D’Indias ganz eigene „wahre Art“ der Monodie. Er selbst beschreibt sein Schaffen als ein kunstvolles Fortschreiten von Konsonanz zu Konsonanz, „je nach der Bedeutung der Worte“, mit ungewöhnlichen Intervallen und größter Erfindungskraft – alles, um die Gemütsbewegungen des Zuhörers möglichst tief zu erreichen.


    Was daraus entsteht, sind intime, dramatisch aufgeladene Szenen in Klang: Liebesbekenntnisse, sehnsüchtige Monologe, bittere Klagen, dunkle Visionen. Im Folgenden finden sich die deutschen Übertragungen der Liedtexte dieser Sammlung – mal schlicht, mal metaphorisch dicht, stets aber in unmittelbarer Nähe zum bewegten Herzen.


    Die deutschen Übersetzungen der Liedtexte aus Sigismondo d’Indias Sammlung "Musiche a una e due voci":


    1. "Alla guerra d’amore"

    "In den Krieg der Liebe

    zog bewaffnet das Herz hinaus,

    und mit dem spitzen Pfeil

    verwundete es die Schöne und prahlte damit."


    2. "Intenerite voi, lagrime mie"

    "Ihr, meine Tränen, macht das harte Herz weich

    derjenigen, die durch euch leidet und stirbt;

    und wenn der Schmerz keine Hoffnung bringt,

    verzeiht ihrem Herzen – ach, Schicksal, Liebe!"


    3. "Vorrei baciarti, o Filli"

    "Ich möchte dich küssen, o Filli, ich möchte

    jene Augen küssen und dir sagen, dass du

    die Schönste von allen Frauen bist, die je geboren wurden.

    Für dich seufze ich und sterbe, geliebtes Leben."


    4. "Cruda Amarilli"

    "Grausame Amarilli, die selbst mit deinem Namen

    lehrst, ach weh, wie bitter lieben ist;

    Amarilli, grausamer noch als zuvor,

    du lehrst mich mehr zu sterben als zu schmachten."


    5. "O Primavera gioventù dell’anno"

    "O Frühling, Jugend des Jahres,

    Schöne Mutter der Blumen,

    Des neuen Grüns und der neuen Lieben,

    Du kehrst wohl zurück, doch mit dir

    Kehren nicht die heiteren

    Und glücklichen Tage meines Leidens zurück:

    Du kehrst wohl zurück, ja, doch ohne meine liebe Sonne;

    Du bist wie der, der aus dem Gefängnis tritt

    Zu größerem Schmerz oder zum Tode,

    Der wohl den Himmel wiedersieht,

    Doch nie mehr seine Freiheit sieht."


    6. "O dolcezze amarissime d’amore"

    "O bittersüße Wonnen der Liebe,

    Kostbare Qualen, sanfte Schmerzen,

    Bekümmerte und schwache Herzen,

    Mein Leben ist zwischen euch,

    Und in euch lebt meine Seele wie im Gefängnis,

    Sie lebt, will aber den Tod des anderen nicht."


    7. "Ma se le mie speranze oggi non sono"

    "Doch wenn heute meine Hoffnungen nicht sind,

    Was wird dann aus meinem treuen Herzen?

    Hoffe, denn von der Liebe kann man nicht reden

    ohne Hoffnung, ohne Schmerz, ohne tödliches Leid."


    8. "Qui pur vedrolla al suon de’ miei sospiri"

    "Hier endlich werde ich sie beim Klang meiner Seufzer sehen,

    Die so lange Tyrannin meines Herzens war;

    Und vielleicht kehrt dann in diesen traurigen Kreisen

    Die nun mich täuscht, fröhlich zurück."


    9. "O lungamente sospirato invano"

    "O lange und doch vergebens ersehnten,

    Was nützt es, zu lieben, wenn dann die Liebe mich tötet?

    Ach, solch Unrecht tat ich nicht,

    Dass ich so große Strafe verdiente;

    Und wenn ich keine Schuld trug, warum lässt sie mich verbluten?"


    10. "La mia Filli crudel"

    "Meine grausame Filli will nicht, dass ich hoffe;

    Sie verachtet meine Seufzer, und sie weint und lacht,

    Wenn sie mich leidend sieht, verspottet sie mich.

    Oh, welch grausames Vergnügen! Oh, welche Qualen!"


    11. "Odi quel rosignolo"

    "Höre jene Nachtigall,

    Die in der Frühe der Nacht auf einem Zweige

    Um ihre verlorene Liebe trauert und mit Süße

    Seufzt und klagt, während sie singt."


    12. "Mormora seco"

    "Vor sich hin murmelt der Bach

    Von der liebenden Qual

    Desjenigen, der sich nicht eines kurzen liebevollen Wortes erfreuen durfte."


    13. "Vostro fui, vostro son"

    "Ich war der Eure, ich bin der Eure und werde es immer sein,

    Solange ich zu atmen vermag,

    Und könnte ich selbst nach dem Tod noch

    Euch lieben, so liebte ich euch in der anderen Welt."


    14. "Dove potrò mai gir tanto lontano"

    "Wohin könnte ich je so weit gehen,

    Dass die Liebe mein unterworfenes Herz nicht sieht?

    Flieh ich auch immer, immer folgt sie mir,

    Und immer findet sie mich, wo immer ich mich verberge."


    15. "Là, tra ’l sangue e le morti"

    "Dort, zwischen Blut und Tod und zwischen den gestoßenen

    Leibern der Vernichteten,

    Tränkt er mit ängstlichen Tränen den Boden,

    Von Wunden übersät und stets ohne Frieden,

    Hörte man den liebenden Helden schmerzlich rufen:

    Filli, hab Erbarmen! Ich bin besiegt und liebe dich dennoch."


    16. "Amico hai vinto"

    "Freund, du hast gesiegt; ich gebe nach,

    ja, um die Wahrheit zu sagen, es ist mir sogar lieb,

    dass deine sanfte Rede mich überredet hat,

    die Waffen niederzulegen und den Frieden zu wählen."


    17. "Poco quindi lontan nel sen del monte"

    "Nicht weit davon, im Innern des Berges,

    Schlief bei Murmeln des Windes

    Und dem Plätschern des Bachs der traurige Hirte ein,

    Doch selbst im Traum

    Störte die Liebe seine einsame Ruhe."


    18. "Non morì già"

    "Es starb nicht derjenige,

    Der voll Vertrauen in seinem Leid hofft,

    Sondern nährt sein Herz mit Liebe,

    Die Leben und Tod gibt,

    Und oft ist aus Mitleid der Tod das Leben."


    19. "Or che il ciel e la terra"

    "Nun, da Himmel und Erde und der Wind schweigen

    Und wilde Tiere wie Vögel vom Schlaf gezähmt,

    Die Nacht am Himmel ihren Sternenwagen führt

    Und das Meer ohne Wellen auf seinem Lager ruht."


    20. "Tu mi lasci o cruda bella"

    "Du verlässt mich, o grausame Schöne,

    im Weinen, und lachst dann,

    wenn du mich zwischen Schmerz und Qual dahinschmachten siehst.

    Doch denke wenigstens daran, dass ich treu war

    und dass sterben für dich mir allein von Bedeutung ist."


    21. "Occhi, convien morire"

    "Augen, ihr müsst sterben,

    da jene, die einzig von euch gerührt war,

    euch nicht mehr sehen will;

    Doch gerade euch zu erblicken

    war immer das Glück meiner Seele."


    22. "Com’è soave cosa"

    "Wie süß ist es doch,

    der Seele das Leben zu schenken

    für den, der uns mit Liebe entzündet!

    Geduldig sterbe ich,

    Denn schöner kann man nicht sterben, mit Ehren beladen, auf der Welt."


    23. "Donna, siam rei di morte"

    "Frau, wir sind des Todes schuldig,

    wenn dein schönes Licht uns kein Erbarmen schenkt;

    Doch wächst es uns das Leben,

    wann werden wir dann im Tod Mitleid finden?"


    24. "Occhi della mia vita"

    "Augen meines Lebens,

    wenn derjenige stirbt, der euch anschaut,

    so sind all meine Freuden,

    all meine süßen Träume in euch vereint."

    Sigismondo d'India: "Il terzo libro de madrigali á 5 voci" (Venedig, 1615) :


    Track 1: „Diespietata pietate“


    "O grausames Mitleid, o liebreicher Hass,

    o freudenreiche Qual, o schmerzliche Freude,

    o süßes Leiden, o bitteres Glück,

    wie könnt ihr nur in meinem Herzen wohnen?

    Euch alle spüre ich zugleich in meiner Brust,

    und jedes nimmt von mir einen Teil ein:

    und so lebe ich, sterbend an vielen Wunden,

    die mir Amor, das grausame Kind, schlägt."


    Dieser Madrigaltext entfaltet eine typische barocke Antithesenrhetorik: Schmerz und Freude, Hass und Liebe, Bitterkeit und Süße stehen in paradoxer Einheit. D’India vertont diese affektgeladenen Gegensätze mit intensiver Chromatik und expressiver Harmonik, ganz im Stil der seconda pratica. Die musikalische Umsetzung folgt dem Text in einer fast theatralischen Weise, die den inneren Zwiespalt des lyrischen Ichs mit klanglicher Dramatik widerspiegelt. Bereits in diesem ersten Stück des dritten Madrigalbuchs zeigt sich d’Indias Meisterschaft in der Affektvertonung auf eindrucksvollem Niveau.


    Track 2: „Mercè, grido piangendo“


    "Ermarmt euch! ruf ich unter Tränen; doch mein Ruf

    dringt nicht zu euch, grausame Augen,

    die mir mein Leben raubten.

    Ihr verschließt eure Tür dem Mitleid,

    und meine Seufzer und Tränen

    fliegen vergeblich zu euch.

    Wie grausam ist doch euer Herz,

    dass es mein bitteres Weh

    nicht erbarmen kann, das ich für euch empfinde!"


    Der zweite Madrigaltext steht ganz im Zeichen der vergeblichen Klage. Die dramatische Geste des „Mercè!“ (Erbarmen!) wird durch Tränen und Seufzer intensiviert – d’India übersetzt dies in expressive Harmoniewechsel, dissonante Reibungen und ausdrucksstarke Wortausdeutungen. Die Musik folgt dem emotionalen Bogen des Gedichts: vom flehentlichen Ausruf über die enttäuschte Hoffnung bis zur resignierten Klage. In der intensiven rhetorischen Gestaltung zeigt sich erneut d’Indias Nähe zum frühen Monodienstil und seine Fähigkeit, Affekte auf höchstem Niveau zu gestalten.


    Track 3: „Quell’Augellin che canta“


    "Jenes Vöglein, das so lieblich singt,

    in seinem frischen, grünen Nest,

    erzählt der Welt in süßen Tönen,

    wie sehr es seine treue Gefährtin liebt.

    Ach, wäre ich doch wie jenes Tier,

    so leicht und frei in Luft und Lied,

    ich würde aus voller Kehle

    mein Feuer und meine Qual besingen!"


    Dieses Madrigal verbindet Naturbild und Liebesklage in barocker Manier: Das singende Vögelchen wird zum Spiegel des innerlich aufgewühlten Ichs. Während der Vogel seine Liebe frei besingt, bleibt dem Sprecher nur das Sehnen und das Leiden. Sigismondo d’India greift das musikalische Motiv des Vogelgesangs auf und imitiert es kunstvoll in den Stimmen. Dabei mischt er lebendige Rhythmik mit zarten Melismen und bringt so die kontrastierenden Stimmungen von Naturidyll und innerem Schmerz in eine bewegende musikalische Balance. Ein zartes, aber doppeldeutig melancholisches Stück.


    Track 4: „Deh, chi mi fa languire“


    "Ach! Wer lässt mich so dahinsiechen?

    Wer raubt mir Trost und Hoffnung?

    Ihr seid’s, grausame Augen,

    die einst mein Herz mit süßem Blick

    fesselten in seligem Entzücken.

    Nun lasst ihr mich in Finsternis und Tränen,

    ohn’ ein Wort, ein Zeichen des Mitleids.

    Ach, Liebe, welch schmerzliche Macht du hast,

    wenn selbst dein süßestes Licht zur Qual wird!"


    In diesem Madrigal steht das Motiv der unerwiderten Liebe und seelischen Erschöpfung im Zentrum. Der Text folgt einer klassischen Liebesklagelogik: Der Blick der Geliebten, einst Quelle der Freude, ist nun Auslöser quälender Sehnsucht. D’India reagiert musikalisch mit ausdrucksstarker Chromatik, leidvollen Dissonanzen und einer eindringlichen Deklamation. Die Musik steigert sich in intensiven Wendungen, die die schmerzvolle Ohnmacht der Liebe beinahe körperlich spürbar machen. Ein Musterbeispiel für d’Indias Fähigkeit, Leidenschaft in klangliche Rhetorik zu übersetzen.


    Track 5: „Lasso, dicea Fileno“


    "Ach! sprach Fileno, und wandte seine Augen

    zu jener grausamen Schönen:

    Mein Leben, meine Hoffnung, meine Ruh ist dahin!

    Du fliehst, und lässt mich sterbend zurück;

    und wenn ich dich rufe, hörst du mich nicht.

    Du verachtest mein Weinen und mein Seufzen,

    mein wahrhaft glühend Herz bleibt dir verborgen.

    Weh mir, dass ich dich sah! Weh mir, dass ich dich liebe!"


    „Lasso, dicea Fileno“ ist ein klassisches Beispiel für das dramatische, von innerer Zerrissenheit geprägte Madrigal des frühen 17. Jahrhunderts. Die Figur des Fileno, ein typischer Liebender der bukolischen Tradition, klagt über unerwiderte Liebe, über Ignoranz und Schmerz. Sigismondo d’India vertont dieses Leid in leidenschaftlicher Polyphonie, durchzogen von expressiven Pausen, Seufzermotiven und chromatischem Ausdruck. Die musikalische Rhetorik folgt eng dem affektgeladenen Text – ein intensives Zeugnis emotionaler Direktheit und barocker Klangsprache.


    Track 6: „Canzone di Lontananza“


    "Lied der Ferne, flieg, o Lied, so sanft du kannst,

    zu meiner Geliebten, die weit von mir weilt;

    sag ihr, dass ich weine, dass ich seufze und verbrenne,

    dass ich nur für sie lebe, in Qual und Hoffnung.

    Sag ihr, dass meine Seele stets bei ihr verweilt,

    auch wenn mein Körper hier in Sehnsucht vergeht.

    Flieg, o Lied, trag meine Liebe zu ihr,

    und wenn sie seufzt – so weiß ich, sie denkt an mich."


    Diese „Canzone di Lontananza“ ist eine kunstvoll poetische Klage über Trennung und Sehnsucht. In der Tradition der canzone alla lontananza stellt das Lied selbst ein Medium dar, das zwischen Liebenden vermittelt. Sigismondo d’India greift diese Idee musikalisch auf, indem er die Stimmen wie fliegende Botschaften gestaltet – leicht, schwebend, und doch mit melancholischem Gewicht. Polyphone Transparenz und expressive Dissonanzen lassen das Madrigal wie einen musikalischen Liebesbrief erscheinen. Die Komposition zeigt D’Indias Fähigkeit, innere Bewegung in äußere Klangpoesie zu übersetzen.


    Track 7: „Chi vuol aver felice“


    "Wer ein glückliches Herz besitzen will,

    der fliehe den Blicken der schönen Augen;

    denn in ihnen wohnt, verborgen und süß,

    die Liebesflamme, die bald entflammt.

    Dort schmiedet Amor seine listigen Netze,

    dort lauert er still, um dich zu fangen;

    und wenn du denkst, du seist frei – schon bist du sein,

    und Liebe wird dir süß und bitter sein".


    Dieses Madrigal ist eine warnende Reflexion über die Macht der Schönheit und die tückische Natur der Liebe. Es verbindet ironischen Unterton mit ernster Mahnung: Die Schönheit der Augen verführt – aber ihre Folge ist oft Schmerz. Sigismondo d’India übersetzt diese doppelte Perspektive musikalisch mit Eleganz und Raffinesse: Wechsel zwischen heiter tänzerischem Schwung und plötzlich eindringlichen Harmonien spiegeln die Spannung zwischen Verlockung und Gefahr. Ein Stück, das mit kluger Textausdeutung und musikalischer Ironie glänzt – typisch für die geistreich-affektvolle Rhetorik d’Indias.


    Track 8: „Dove, ah, dove ten vai“


    "Wohin, ach, wohin gehst du,

    du schöne, stolze Seele meiner Hoffnung?

    Warum fliehst du, da ich dir folge?

    Warum entweichst du, da ich dich liebe?

    Bleibe doch stehen, und schau mich an,

    erfahre mein Leid, mein brennendes Verlangen;

    vielleicht wirst du dann, bewegt von Mitleid,

    mein treues Herz nicht länger quälen."


    In diesem leidenschaftlichen Madrigal ruft ein Liebender der davon eilenden Geliebten hinterher – eine Szene voller Dringlichkeit, Sehnsucht und innerer Bewegung. Sigismondo d’India lässt diesen inneren Aufruhr mit eindringlicher Chromatik, eng geführter Polyphonie und rhetorischen Ausrufen lebendig werden. Besonders wirkungsvoll ist der musikalische Wechsel zwischen flehenden Bitten und stürmischem Aufbäumen, der das emotionale Hin und Her zwischen Hoffnung und Verzweiflung spiegelt. Dieses Werk ist ein beeindruckendes Beispiel für d’Indias Fähigkeit, Liebe als dramatische Bewegung zu gestalten – nicht statisch, sondern voller Unruhe und affektiver Spannung.


    Track 9: „Io mi son giovinetta“

    (Textvorlage: Giovanni Boccaccio, Decameron, V,10 – „Griselda“-Erzählung)


    "Ich bin ein junges Mädchen,

    und ein schöner Jüngling bat mich um Gunst.

    Und weil ich jung war und er schön,

    und weil er bat, gab ich mich ihm hin.

    Er nahm mich freundlich bei der Hand,

    und ich, arglos, ging mit ihm fort,

    und er führte mich durch ein weiches Grasbett,

    wo wir unsere Lust genossen."


    Dieses Madrigal hebt sich durch seinen volkstümlich-frischen, fast koketten Ton von den vorherigen, leidenschaftlich-klagenden Stücken ab. Der Text – eine anmutige Nacherzählung aus Boccaccios Decameron – schildert eine erotische Begegnung mit überraschender Offenheit und Natürlichkeit. Sigismondo d’India vertont dies mit tänzerischer Leichtigkeit, lebhafter Rhythmik und heiteren Imitationen. Der Dialogcharakter und die sinnliche Direktheit lassen Raum für Witz, Unschuld und Verführung zugleich. Das Madrigal zeigt d’India hier von seiner spielerischen, pastoralen Seite – und beweist seine stilistische Vielseitigkeit im Umgang mit unterschiedlichen Texttypen.


    Track 10: „Deh, s’io v’ho dato il core“


    "Ach, wenn ich euch doch mein Herz gegeben habe,

    und ihr habt es mit süßem Blick empfangen,

    warum, grausame Frau, warum gebt ihr mir

    so bittere Qual dafür zurück?

    Ich gab es euch nicht, dass ihr es quält,

    sondern damit ihr es bewahrt mit Zärtlichkeit.

    Wenn Liebe und Treue euch nichts bedeuten,

    so gebt es mir zurück – doch heil, wie ich es euch gab!"


    Diese kunstvoll gearbeitete Klage verleiht der Verletzung durch enttäuschte Liebe eine Stimme voll stolzer Empörung und leiser Hoffnung. Der Liebende klagt nicht nur das Leid an, sondern fordert mit beinahe juristischer Logik das eigene Herz zurück – unversehrt. Sigismondo d’India bringt die Widersprüchlichkeit zwischen Leidenschaft und Selbstbehauptung in einer sehr affektgeladenen Musik zur Geltung: dichte Polyphonie, expressive Dissonanzen und gezielte rhetorische Wiederholungen steigern die emotionale Spannung. Der Schluss wirkt wie ein Plädoyer in Liebesdingen – dramatisch, verletzlich und voller künstlerischer Würde.


    Track 11: „Dove, dove son io?“


    "Wo, ach, wo bin ich?

    Welches finstere Ort umfängt mich?

    Ist dies das Licht? Ist dies das Taggestirn?

    Oder ist’s die Nacht, in der ich irre?

    Ich sehe nicht, ich höre nicht,

    ich spüre nichts als Leid in meiner Brust.

    Weh mir! Die Liebe hat mich geblendet,

    und in ihr verlor ich mich selbst."


    In diesem tief existenziellen Madrigal weicht die klassische Liebesklage einer inneren Verlorenheit, die fast visionären Charakter hat. Der Sprecher wirkt entwurzelt, von Dunkelheit und Schmerz umfangen, seine Wahrnehmung ist getrübt von der Macht der Liebe. Sigismondo d’India greift dieses Erschrecken über den eigenen Zustand mit eindrucksvoller musikalischer Rhetorik auf: Die Stimmen irren tastend umher, Dissonanzen durchziehen die Polyphonie wie Risse im Bewusstsein. Besonders auffällig ist der abrupte Wechsel zwischen affektgeladener Dramatik und stiller Resignation. Ein ergreifender Ausdruck psychischer Desorientierung – modern anmutend in seiner Radikalität.


    Track 12: „O fugace, o superba“


    "O Flüchtige, o Stolze,

    o Schönheit, die du nur Augenblicken gehörst,

    warum erhebst du dich so sehr,

    wenn du doch Wind bist, Schatten, Staub?

    Nichts bleibt von dir – du bist vergangen,

    und was du warst, ist nun nur Erinnerung.

    So lerne, Mensch, von ihrer Eitelkeit,

    dass wahre Schönheit nur in Tugend wohnt."


    Dieses Madrigal hebt sich durch seine fast moralische Grundhaltung von den anderen Stücken des dritten Madrigalbuchs ab. Statt subjektiver Liebesklage tritt hier eine Reflexion über die Vergänglichkeit äußerer Schönheit und die Torheit menschlichen Stolzes. Der Text wendet sich in klassisch-humanistischer Tradition gegen Eitelkeit und Oberflächlichkeit. D’India unterlegt diese nachdenkliche Botschaft mit klarer, eindringlicher Textdeklamation, die eher nüchtern und mahnend als affektgeladen wirkt. Die Musik wirkt bewusst reduziert, beinahe spröde – als wolle sie selbst dem Glanz misstrauen. Ein meditatives Stück, das barocke Eitelkeit durch musikalische Demut spiegelt.


    Track 13: „Perché non mi mirate“


    "Warum schaut ihr mich nicht an,

    ihr Augen, denen ich mein Herz gab?

    Warum flieht ihr mich nun so hart,

    da ich euch doch mit Liebe suchte?

    Habt ihr vergessen die süßen Stunden,

    die wir im gegenseitigen Verlangen teilten?

    Ach, grausame Augen – so viel Glut,

    und doch nun so kalt in eurem Blick!"


    Dieses Madrigal gehört zu den eindrucksvollsten Beispielen für d’Indias psychologisch feinsinnige Textvertonung. Der Liebende ringt um den Blickkontakt mit der geliebten Person – einst Quelle der Erfüllung, nun verweigert und kühl. D’India übersetzt dieses innere Aufbäumen in musikalische Gesten von intensiver Chromatik, wehmütigen Seufzermotiven und einer spannungsreichen Polyphonie, die sich immer wieder in Stille und stockende Linien verliert. Der Kontrast zwischen der Glut früherer Leidenschaft und der gegenwärtigen Kälte wird in fein nuancierten Harmoniewechseln hörbar gemacht – ein Musterbeispiel barocker Affektrhetorik in vollendeter Form.


    Track 14: „Ombrose e care selve“


    "Schattenreiche und geliebte Wälder,

    die ihr Zeugen meiner süßen Klage seid,

    und ihr stillen Quellen, murmelnd mein Leid,

    habt ihr je schönere Tränen gesehen?

    Habt ihr je ein treueres Herz gespürt,

    das so sehr für Liebe glühte?

    Oh Wälder, oh Quellen, gebt mir Trost,

    da mein Schmerz von ihr nicht gelindert wird."


    In diesem naturnahen Madrigal tritt das lyrische Ich in einen klagenden Zwiegesang mit der Landschaft – Wälder und Quellen werden zu stillen Vertrauten der unerwiderten Liebe. Die Szene ist pastoral, doch keineswegs friedlich: Die Natur erscheint nicht als tröstende Idylle, sondern als stumme Zeugin tiefen seelischen Schmerzes. Sigismondo d’India vertont diesen Text mit weichen, fließenden Linien und einer empfindsamen Polyphonie, die fast kontemplativen Charakter annimmt. Besonders auffällig ist die klangliche Verschmelzung von Naturlaut und innerer Regung – als würden Klage und Quelle im selben Atemzug fließen. Ein stilles, tief empfundenes Meisterstück der Klangpoesie.


    Track 15: „Ardemmo insieme“


    "Wir brannten gemeinsam im Feuer der Liebe,

    und unser Herz schlug im gleichen Takt.

    Ein Blick genügte, ein Kuss entflammte uns,

    und in süßer Glut vergingen wir beide.

    Doch ach, was blieb von jener Glut?

    Nur Asche, Schmerz und ein verlassener Geist.

    Wenn Liebe stirbt, bleibt nichts als Weh –

    und Erinnerung, die das Herz zerreißt."


    Dieses Madrigal ist ein glühendes Erinnerungsstück – eine Rückschau auf eine einst leidenschaftliche, nun erloschene Liebe. Die Sprache ist direkt und doch poetisch, voll kontrastreicher Bilder von brennender Glut und kalter Asche. Sigismondo d’India fängt diese emotionale Dialektik musikalisch in eindrucksvoller Weise ein: Zunächst lodert die Musik auf, mit raschen, erregten Figuren und enger Imitation. Im zweiten Teil bricht die Bewegung zusammen, die Harmonik wird schwer, dissonant und resigniert. Die Gegenüberstellung von Ekstase und Ernüchterung ist barocke Affektrhetorik in Reinform – und zugleich tief menschlich empfunden.


    Track 16: „O rimembranza amara“


    "O bittere Erinnerung,

    die du in meiner Seele wie Gift wirkst,

    warum kehrst du zurück in dunkler Stunde,

    um mir den Frieden zu rauben?

    Die Zeit, die einst so süß verging,

    hat sich in Trauer und Weh gewandelt,

    und was einst Glück war, ist nun Schmerz,

    der mich Tag für Tag in Schweigen verzehrt."


    Dieses abschließende Madrigal des dritten Buches ist ein eindringlicher Abgesang auf eine vergangene Liebe, in der sich Melancholie, Klage und Einsamkeit in stiller Bitterkeit vereinen. Die Erinnerung selbst wird hier zum Feind, zum Auslöser tiefer seelischer Qual. D’India vertont diesen Text mit einer zurückhaltenden, fast asketischen Ausdruckskraft. Die Polyphonie wirkt wie in sich gekehrt, mit gedämpften Spannungen, lang ausgehaltenen Dissonanzen und einem eindringlich langsamen Puls. Die Musik zieht sich wie ein Schleier über den Text – schmerzhaft schön, von einer Ruhe, die nicht tröstet, sondern eindringlich mahnt. Ein stiller, erschütternder Schluss eines grandios durchkomponierten Zyklus.


    Track 17: „Donna, quanto più a dentro“


    "Frau – je tiefer ich in euer schönes Angesicht blicke,

    umso tiefer sinkt mein Herz in Liebesseufzern.

    Eure Augen tragen in sich ein göttlich Feuer,

    das in mir Hoffnung wie auch Furcht entfacht.

    Ihr lächelt – und ich lebe;

    ihr schweigt – und ich vergehe.

    So groß ist eure Macht über mich,

    dass selbst mein Wille sich euch ergeben muss."


    Dieses Madrigal ist ein Hohelied auf die feminine Macht der Schönheit – und zugleich eine Darstellung emotionaler Unterwerfung. Der Blick der Frau wirkt wie ein Spiegel der inneren Bewegung: Hoffnung und Furcht, Leben und Vergehen, alles hängt am feinsten Ausdruck des geliebten Gegenübers. Sigismondo d’India formt aus dieser Spannung ein Werk von großer Expressivität: Vor allem im Wechselspiel von Licht (bei den Blicken) und Schatten (beim Verstummen) entfaltet er eine nuancierte Dynamik, unterstützt durch chromatische Linienführung und expressive Dissonanzen. Das Madrigal wirkt wie ein musikalisches Zwiegespräch – zwischen Sehnsucht und Ergebung, zwischen Ideal und Schmerz.


    Track 18: „Dovrò dunque morire“


    "Muss ich also sterben,

    ohne dass euer Herz Mitleid mit mir hat?

    Werde ich, ohne Trost, ohne Hoffnung,

    in eurer Grausamkeit zugrunde gehen?

    Ach, wie schrecklich ist das Los,

    den Tod zu empfangen aus jener Hand,

    die einst mit süßer Liebkosung

    mein Leben mir schenkte!"


    Dieses Madrigal bildet einen kraftvollen Höhepunkt im Zyklus – eine leidenschaftliche Todesklage, durchdrungen von Bitterkeit, Anklage und Resignation. Der Sprecher sieht sich dem Tod ausgeliefert, nicht durch Schicksal oder Krankheit, sondern durch die Grausamkeit der einst Geliebten. Sigismondo d’India gestaltet dieses Drama mit äußerster Intensität: dramatische Pausen, affektgeladene Rufe, zerrissene Linien und dichte Chromatik zeichnen das innere Aufbäumen nach. Besonders eindrücklich ist der Kontrast zwischen der süßen Erinnerung an zärtliche Zuwendung und dem jähen Sturz in den Abgrund der Verlassenheit. Ein erschütterndes, hoch expressives Madrigal – und ein eindrucksvoller Ausdruck barocker Liebestragik.


    Track 19: „Non è di gentil core“


    "Es zeugt nicht von edlem Herzen,

    die Klage eines Liebenden zu verachten,

    der euch in Treue sein Herz schenkte,

    und Tag und Nacht in Seufzern vergeht.

    Nein, solch kaltes Schweigen,

    solch harter Blick steht euch nicht an,

    ihr, die ihr einst so zärtlich wart,


    Dieses Madrigal formuliert eine moralisch unterfütterte Anklage gegen Gleichgültigkeit und liebeskalte Grausamkeit. Der Sprecher klagt nicht bloß über persönlichen Schmerz, sondern erhebt seine Stimme im Namen der Gerechtigkeit der Liebe – wahre Noblesse, so der Subtext, zeigt sich im Mitleid. Sigismondo d’India verleiht dieser ethisch-emotionalen Spannung durch klare Deklamation und eine durchdringende Harmonik Ausdruck. Die Musik bewegt sich zwischen stiller Bitterkeit und zornigem Aufbegehren – ein Appell an das menschliche Gefühl, verdichtet in kunstvoller Polyphonie. Ein Stück, das emotionale Klage und moralisches Urteil meisterhaft vereint.


    Track 20: „Indarno Febo“


    "Vergeblich, Phoebus, entfaltest du dein goldnes Licht,

    wenn meine Sonne sich vor mir verbirgt.

    Du strahlst für alle – doch nicht für mich,

    der ich in tiefer Finsternis vergehe.

    Das wahre Licht meines Lebens

    hat sich abgewandt in grausamer Kälte,

    und selbst dein Glanz kann meine Nacht nicht lichten,

    da mein Herz im Schatten ihrer Augen stirbt."


    Dieses Schlussstück des dritten Madrigalbuchs ist ein meisterhaftes Spiel mit mythologischer Allegorie und persönlicher Klage. Der Sonnengott Phoebus (Apoll) spendet zwar Licht der Welt, doch dem Liebenden bleibt es dunkel – denn die wahre „Sonne“ ist die ferne Geliebte. D’India setzt diese raffinierte Bildsprache in bewegende Musik um: Mit wehmütiger Chromatik, erlesener Dissonanzbehandlung und einem klagenden Duktus entwirft er ein Klangbild innerer Verdunkelung. Die Gegenüberstellung von äußerem Glanz und innerem Dunkel wird nicht nur textlich, sondern auch musikalisch durch Kontraste zwischen lichten, offenen Passagen und gedrängten, chromatisch gefärbten Linien vollzogen. Ein melancholisches, elegisches Finale voller barocker Bildkraft und innerer Tiefe


    Sigismondo d'India: Il terzo libro de madrigali á 5 voci

    "Primo Libro de madrigali", Mailand 1607



    Track 1: "Intenerite voi, lagrime mie"


    Übersetzung ins Deutsche:


    1. "Erweicht, ihr meine Tränen,

    mit eurem Weinen das Herz jener Wilden,

    die mir so grausam ist wie einst die Chimäre

    und selbst die heiligsten Gesetze der Welt missachtet.

    Ach, wenn meine Seele mit ihren Flügeln

    dem Kerker des Fleisches entflöhe und auf euch hoffte,

    dann wäre es nicht der Tod, der uns trennt,

    denn mit der Zeit kehrt Mitleid selbst in ihr zurück.

    Doch was kann ich hoffen? Sie floh das Mitleid

    wie ein wildes Tier den Schatten meidet.

    Sie will nicht sehen, in welchem Elend ich mich befinde –

    dass man in meinem Gesicht

    ihre Grausamkeit und das Mitleid anderer

    deutlich lesen kann,

    wie ein Liebesgeständnis auf dem Blatt eines Dulders."


    2. "Ach, mein geliebter Fels

    ist härter als jedes Herz, ja härter als Diamant!

    Nicht nur, dass meine tränenreichen Augen

    kein Mitleid in ihr erwecken –

    sie ist mir sogar zürnend feind

    und behauptet, ich sähe sie nur an, um sie noch grausamer zu machen.

    O mein elender Zustand!

    O Wunde, die mich nicht sterben lässt

    und mich doch Tag für Tag verzehrt!

    Welche Arznei könnte eine solch grausame Wunde heilen,

    wenn nicht das gewohnte Weinen,

    das mein Herz zugleich nährt und verzehrt?"


    Die Texte, die Sigismondo d’India in seinem ersten Madrigalbuch (1607) vertont hat, stammen nicht von ihm selbst, sondern aus dem dichterischen Umkreis der italienischen Petrarkisten und Nachfolger des dolce stil nuovo. Leider sind viele Textdichter nicht überliefert – es handelt sich um anonyme oder nur selten bekannte Autoren.


    Im konkreten Fall dieser beiden Madrigale ist kein namentlich bekannter Dichter überliefert, was in damaligen Madrigalbüchern häufig der Fall ist. D'India selbst war allerdings auch als Dichter tätig, vor allem in späteren Veröffentlichungen. Bei Buch I scheint er jedoch auf fremde Poesie zurückgegriffen zu haben.


    Track 2: „Al partir del mio sole“ aus Sigismondo d’Indias "Primo Libro de’ Madrigali a cinque voci" (1607)


    "Beim Abschied meiner Sonne

    ließ mein Herz seinen letzten Seufzer entweichen

    und mein Leben verging

    in jenem schmerzlichen Blick,

    den sie mir, tränenfeucht und traurig,

    zum letzten Mal zuwarf.

    Sie schien zu sagen:

    „Ich gehe, doch lasse ich mein Herz zurück,

    und du nimmst meines mit dir –

    mögen wir beide leben,

    getrennt zwar im Leib, doch nicht im Gefühl.“

    So sprach ihr Blick –

    und meines antwortete still:

    „Leb wohl, doch stirbt mit dir mein Glück.“


    Track 3: „Parlo, miser, o taccio?“


    "Spreche ich, Unglücklicher, oder schweige ich?

    Mein Herz ist in so großer Not,

    dass es weder Trost noch Worte findet.

    Die Qualen, die ich fühle,

    sind zu tief, als dass ich sie benennen könnte.

    Soll ich weiter sprechen,

    oder lieber schweigen und in mir selbst zerbrechen?

    Oh, wenn meine Klage nichts ändert,

    sollte ich dann nicht endlich den Mund verschließen

    und in der Stille meines Leides vergehen?

    Doch, ach, das Schweigen ist noch qualvoller

    als der schmerzhafte Klang der Worte.

    Oh, was soll ich tun?

    Spreche ich, oder schweige ich?"


    Track 4: „Cruda Amarilli“


    "Grausame Amarilli,

    die du den Glauben deines Liebenden

    mit deinem Herzen und nicht mit den Augen strafst,

    du solltest nicht so stolz sein,

    denn obwohl du fliehst,

    lässt sich doch durch deine schönen Augen

    mein Tod erkennen – und deine Liebe."


    Ein kurzer Hinweis: Dies ist ein emblematischer Text des späten Manierismus – das Spannungsfeld zwischen Zurückweisung (Grausamkeit) und verborgener Liebe (verräterische Augen) wird hier in kunstvoller Antithetik dargestellt. D’Indias Vertonung unterstreicht diese Ambivalenz durch expressive Chromatik und dichte Harmonik.


    Track 5: „Ha di serpe il velen“


    "Schlangengift ist harmlos

    gegen das Gift, das sie in meinem Herzen verbarg.

    Denn jenes tötet schnell und ohne Schmerz –

    doch dieses, das aus den Augen kam

    und mit süßem Wort vermischt war,

    bringt mir tausend Tode in einem Leben,

    das ewig stirbt und doch nicht enden will."


    Ein poetisches Bild, wie es für die Liebesdichtung des Manierismus typisch ist: Der Schmerz der verschmähten Liebe wird schlimmer als ein echter Tod empfunden – weil er quälend langsam wirkt und immer wieder neue Hoffnung zerstört.



    Track 6: "Felice chi vi mira" - "Ben che ebbe amica stella" (seconda parte)


    1. Glücklich, wer euch erblickt


    "Glücklich, wer euch erblickt

    und in euren schönen Augen

    ein wenig von eurer himmlischen Milde findet.

    Wer euch nicht kennt,

    kann das wahre Maß des Glücks nicht ermessen –

    denn nie hat die Natur

    einem sterblichen Wesen

    so viel Anmut und Schönheit verliehen."


    2. Er stand wahrlich unter einem günstigen Stern

    (Seconda parte)


    "Er stand wahrlich unter einem günstigen Stern,

    der euch zuerst sah

    und euer süßes, engelgleiches Antlitz verehrte.

    Doch viel glücklicher

    ist der, dem ihr euer Herz geöffnet habt –

    denn der lebt wahrhaft selig,

    geliebt von einer,

    deren Augen schon den Himmel auf die Erde bringen."


    Dieses Madrigal kontrastiert sehr deutlich mit den schmerzvolleren vorherigen Stücken und preist eine fast überirdische Liebeserfahrung – typisch für die höfische Liebeslyrik um 1600.


    Track 7: „Fiume ch’a l’onde tue – Ahi, tu me’l nieghi“


    1. Strom, der du mit deinen Wellen


    "Strom, der du mit deinen Wellen

    mein Seufzen und meine Tränen

    mit dir fortträgst auf deinem Weg,

    sage mir: Hast du je

    ein Herz gesehen, das härter ist

    als das, das mich verloren gibt?

    Und hast du je

    eine solche Grausamkeit gespürt

    in einem so schönen Körper?"


    2. Ach, du verweigerst mir (Seconda parte)


    "Ach, du verweigerst mir

    den Trost eines Blickes, eines Wortes –

    du, deren Augen das Leben geben und nehmen!

    Doch wenn dein Herz in sich nur einen Tropfen

    von Mitleid trüge,

    würdest du sehen, wie sehr ich leide,

    und es nicht übers Herz bringen,

    den zu töten, der dich so sehr liebt."


    Auch dieses Madrigal vereint idealisierte Liebesklage mit tief empfundener Verzweiflung. Die Personifikation des Flusses als „Vertrauter“ des Liebenden erinnert an die Naturlyrik des Pastor fido oder Petrarcas Canzoniere.


    Track 8: "Quasi tra rose e gigli" - "Che mentre ardito vola" (seconda parte)


    1. Wie zwischen Rosen und Lilien


    "Wie zwischen Rosen und Lilien

    sah man Amor lächeln,

    als er das göttliche Antlitz

    meiner Herrin betrachtete.

    Er brannte vor süßer Lust,

    vergessen der eigenen Waffen,

    und seufzte leise:

    „Nie sah ich auf Erden

    eine solche Schönheit!“


    2. Denn als er kühn emporstieg (Seconda parte)


    "Denn als er kühn emporstieg,

    um ihr Herz zu durchbohren,

    blieb sein goldener Pfeil in der Luft stehen,

    machtlos durch den Glanz

    und die himmlische Reinheit,

    die aus ihren Augen strahlte.

    So senkte er den Blick, errötete

    und sprach:

    „Nur die Götter

    dürfen so etwas lieben.“"


    Dieses Madrigal stellt Amor selbst als überwältigt von der Schönheit der Angebeteten dar – ein reizvolles Spiel mit mythologischer Überhöhung und subtiler Ironie.


    Track 9: "Cor mio, deh, non languire"


    "Mein Herz, ach, verschmacht’ nicht länger,

    auch wenn sie dich grausam und kalt verlässt.

    Denn oft birgt solch hartes Schweigen

    ein verborgenes Mitleid,

    und viele, die ungerührt scheinen,

    lieben in Wahrheit umso mehr."


    Ein kurzes, doch tief empfundenes Madrigal mit einer tröstenden Wendung: Der Liebende gibt die Hoffnung nicht auf – auch wenn er von Kälte und Zurückweisung umgeben ist.


    Track 10: "Ma con chi parl' ahi lassa"


    "Doch mit wem sprichst du,

    ach Unglückliche?

    Er hört dich nicht,

    denn taub ist er gegenüber deiner Qual,

    und selbst wenn er dich hört,

    schert er sich nicht darum.

    Warum also rufst du ihn,

    warum beklagst du dich?

    Liebst du etwa den Tod,

    dass du so hartnäckig

    dein Elend beklagst

    vor dem, der es verhöhnt?"


    Das Madrigal zeichnet das Porträt einer verzweifelten, innerlich zerrissenen Gestalt – zwischen Hoffnung und bitterer Erkenntnis, dass der Geliebte taub für ihre Klage ist. Es ist ein Beispiel für die intensive seelische Ausdruckskunst Sigismondo d’Indias.


    Track 11: „Che non t’ami, cor mio?“ – ein Dialog der Seele mit dem Herzen.


    "Dass ich dich nicht liebe, mein Herz?

    Du selbst weißt es besser,

    du, der du mein Wille, mein Leben, mein Atem bist.

    Wenn ich dich nicht liebte,

    wie könnte ich dann noch leben?"


    Ein zartes und inniges Madrigal – fast wie ein flüchtiger Blick in ein Liebesgeständnis. Die direkte Ansprache und der intime Ton geben dem Stück eine fast sprechgesangartige Unmittelbarkeit.


    Track 12: "Pur venisti, cor mio"


    "Du bist also doch gekommen, mein Herz –

    und mit dir kam das Leben

    in meinen Geist zurück,

    den die Sehnsucht schon sterben ließ.

    Ach, wie oft

    rief ich dich mit Tränen,

    wie oft küsste ich

    dein Bild in Gedanken!

    Jetzt aber, da du wirklich hier bist,

    kann ich endlich sagen:

    „Nun will ich leben.“"


    Ein Madrigal voller Dankbarkeit, Erleichterung und leiser Leidenschaft – typisch für Sigismondo d’Indias feinfühligen Personalstil.


    Track 13: "Interdette speranze e van desio" - "E se per me non val" (seconda parte) - "Usin le stelle e'l ciel" (terza parte)


    1. Verwehrte Hoffnungen und vergebliches Verlangen


    "Verwehrte Hoffnungen und vergebliches Verlangen,

    ihr habt mich, ach, zur Schwelle des Todes geführt.

    Denn in der Brust trage ich

    ein Herz, das leidet und verzehrt wird

    von einem Feuer, das keine Nahrung findet –

    und von Tränen, die nur das Feuer nähren"

    .

    2. Und wenn für mich nichts gilt (Seconda parte)


    "Und wenn für mich nichts gilt,

    was ich durch Dienst und Treue verdient habe –

    wenn weder Flehen noch Treue

    das harte Herz meiner Herrin rühren –

    was nützen dann Leid und Liebe,

    wenn ihre Schönheit

    gegen alle Klage blind bleibt?"


    3. Mögen die Sterne und der Himmel nützen (Terza parte)


    "Mögen die Sterne und der Himmel nützen,

    dass sie endlich erkennt,

    wie aufrichtig mein Leid ist.

    Und möge der Tod selbst

    ihr als Zeuge dienen,

    wie treu ich sie geliebt habe –

    selbst im Sterben."


    Dieses dreiteilige Madrigal ist ein Meisterstück intensiver Affektdarstellung: vom Ausdruck der Verzweiflung (Teil 1), über bittere Klage (Teil 2) bis zur pathetischen Ergebung in ein mögliches Liebessterben (Teil 3).


    Track 14: "Filli, mirando il cielo" - "Io mi distill'in pianto" (seconda parte)


    1. Phyllis, als du den Himmel betrachtetest


    "Phyllis, als du den Himmel betrachtetest

    mit süß verträumtem Blick,

    erschien mir dein Gesicht

    so schön und leuchtend,

    dass ich dachte:

    die Sonne selbst habe

    ihren Glanz in dein Antlitz gelegt.

    Doch ach! Dies Licht, das mich einst nährte,

    verzehrt mich nun mit brennendem Feuer."


    2. Ich löse mich auf in Tränen (Seconda parte)


    "Ich löse mich auf in Tränen

    wie der Tau in der Morgensonne.

    Und während meine Seele

    durch die Augen flieht,

    flüstert mein Herz in der Brust:

    „Ach, wenn sie doch wüsste,

    wie ich für sie sterbe,

    dann hätte sie Mitleid –

    oder würde wenigstens meinen Tod beklagen.“


    Ein inniges, melancholisches Liebesklage-Diptychon: zart in den Bildern, aber von großer emotionaler Tiefe.


    "Primo Libro de madrigali

    Hinweis: Der folgende Beitrag wurde in wesentlichen Teilen von einer KI verfasst!


    Sigismondo d’India (* 1582 – begraben am 19. April 1629)


    Herkunft des Namens und genealogischer Hintergrund


    Der Name d’India ist mehr als ein bloßer Familienname – er ist ein Schlüssel zu Herkunft, gesellschaftlichem Rang und kulturellem Selbstverständnis. In sizilianischen Quellen des 16. und 17. Jahrhunderts begegnet uns der Name d’India wiederholt im Umfeld des Adels von Palermo. Im Dizionario Storico- "Blasonico delle Famiglie Nobili e Notabili Italiane Estinte e Fiorenti" von G.B. Di Crollalanza (1886) wird die Familie d’India als Teil des alten sizilianischen Adels geführt. Sie zählte zum sogenannten patriziato civico, also dem städtischen Adel, der in Palermo seit Jahrhunderten eine bedeutende politische und kulturelle Rolle spielte. Ein Don Antonio d’India, um 1560 Ratsmitglied der Stadt, lässt sich als prominenter Träger dieses Namens belegen.


    Die wörtliche Bedeutung des Namens – „aus Indien“ bzw. „von Indien“ – ist im historischen Kontext mehrdeutig. In der Sprache der Renaissance standen „Le Indie“ nicht für das heutige Südasien, sondern bezeichneten oft ganz allgemein jene fernen, neu entdeckten oder mythisch überhöhten Weltregionen, die durch den Seehandel und die spanische Expansion in den Blick Europas rückten – darunter auch Amerika, das häufig als „Nuove Indie“ bezeichnet wurde. Entsprechend waren Namen wie d’Africa, de Cuba oder eben d’India nicht selten in süditalienischen Adelskreisen, deren Mitglieder durch Handelskontakte, Verwaltungstätigkeiten oder koloniale Interessen geprägt waren.


    Eine weitere Deutungsebene ergibt sich aus der sizilianischen Pflanzenwelt: fico d’India, die Kaktusfeige, wurde im 16. Jahrhundert auf der Insel heimisch und bald zu einem charakteristischen Bestandteil des Landschaftsbildes. Familiennamen, die auf Pflanzen oder landwirtschaftliche Gegebenheiten Bezug nehmen, waren auf Sizilien verbreitet – nicht selten trugen sie symbolische, besitzanzeigende oder charakterisierende Bedeutung. So ist es durchaus möglich, dass „d’India“ ursprünglich ein sprechender Beiname war – ein Hinweis auf Besitz von Land, auf exotische Pflanzen oder auf ein familiäres Selbstverständnis, das zwischen Regionalität und Weltläufigkeit oszillierte.


    Sigismondo d’India selbst bezeichnete sich in mehreren Widmungen als „nobil homo palermitano“, als Edelmann aus Palermo. Er scheint weder über spektakuläre Titel noch über ausgeprägte politische Ambitionen verfügt zu haben, doch seine Biografie weist ihn unzweifelhaft als Angehörigen einer gebildeten, gesellschaftlich etablierten Schicht aus. Der Name, den er trug, verweist auf jene dichte Überlagerung von Natur, Adel und Imagination, wie sie das sizilianische Selbstverständnis der ausgehenden Renaissance prägte – und vielleicht auch den besonderen Tonfall seines musikalischen Schaffens formte.


    Sigismondo d’India wurde 1582 in Palermo geboren. Über seine Familie ist wenig Konkretes bekannt, doch deutet vieles darauf hin, dass er aus einem gebildeten, adligen, patrizischen Milieu stammte. In jungen Jahren dürfte er nach Neapel gelangt sein, wo er sich in der lebendigen Musikszene der Stadt bewegte. Dort erhielt er mutmaßlich Unterricht bei Giovanni de Macque (um 1548–1614), dem einflussreichen Kapellmeister flämischer Herkunft. Zu seinen Weggefährten und Mitstudierenden zählten Carlo Gesualdo (um 1566–1613), Ascanio Mayone (um 1570–1627) und Giovanni Maria Trabaci (um 1575–1647).


    Zwischen 1600 und 1610 unternahm d’India ausgedehnte Reisen durch Italien. Er hielt sich in Florenz, Mantua, Rom, Parma, Piacenza und Neapel auf und suchte gezielt den Kontakt zu bedeutenden Komponisten und Musikzentren. In Florenz dürfte er mit der neu entstehenden Oper und der monodischen Bewegung in Berührung gekommen sein; in Mantua, dem Hof Claudio Monteverdis (1567–1643), begegnete er einer der radikalsten musikalischen Ausdrucksformen seiner Zeit. Luca Marenzios (um 1553–1599) Madrigalstil, die venezianische Mehrchörigkeit, die römische Polyphonie und die auf Textausdeutung zielende seconda pratica verschmolzen in seinem Werk zu einem eigenen, kraftvoll-expressiven Idiom.


    Im Jahr 1611 erhielt d’India eine Anstellung als Kammermusikdirektor am Hof von Karl Emanuel I. von Savoyen (1562–1630) in Turin. Dort blieb er bis 1623 und komponierte zahlreiche Werke für höfische Festlichkeiten, darunter die Sammlung "Musiche e balli a quattro voci" (Venedig 1621).


    Der Hof zu Turin war ein Zentrum barocker Repräsentationskultur, und d’India stellte seine Kunst ganz in den Dienst der höfischen Affektpolitik. Dennoch verließ er 1623 die Stadt überstürzt – offenbar, um sich Intrigen und übler Nachrede zu entziehen.


    Er fand Zuflucht bei Alfonso III. d’Este (1591–1644) in Modena, später bei Kardinal Maurizio von Savoyen (1593–1657) in Rom. Dort diente er zwei Jahre lang als Musiker im Umfeld eines humanistisch geprägten Hofes. Nach dem Tod von Isabellas von Savoyen (1591–1626), der Gattin Alfonsos, zog es ihn zurück nach Modena, wo er die letzten Jahre seines Lebens verbrachte. Eine Berufung an den Hof von Maximilian I. von Bayern (1573–1651) konnte er nicht mehr wahrnehmen – er starb noch vor der Abreise, spätestens Anfang April 1629, wie ein Dokument an die „Erben des Cavaliere d’India“ aus Modena belegt.


    Sigismondo d’India war ein musikalischer Grenzgänger zwischen Renaissance und Barock. Seine Madrigale, Monodien, Lamenti und Motetten zeigen eine tiefe Durchdringung des Wortes, eine radikale Affektrhetorik und einen unverwechselbaren Personalstil. Zwischen 1606 und 1627 veröffentlichte er 18 Sammlungen weltlicher und geistlicher Musik, darunter acht Bücher mit fünfstimmigen Madrigalen, mehrere Bände mit villanelle alla napolitana, sowie einflussreiche Solowerke mit Generalbass, wie Le musiche da cantar solo (1609). Letztere gelten heute als sein eigentlicher Beitrag zur Geschichte der Musik: dramatisch, formal kühn und harmonisch wagemutig.


    Claudio Monteverdi (1567–1643) lobte ihn für seinen „radikalen Ideenreichtum“, Giulio Caccini (um 1551–1618) ermutigte ihn zur Weiterverfolgung des neuen Stils. D’Indias Musik enthält eine Vielzahl von Dissonanzen, chromatischen Gängen und expressiven Brüchen. Seine Lamenti wie Oimè, mio cor oder Infelice Didone zählen zu den erschütterndsten musikalischen Monologen des Frühbarock.


    Obwohl er keine Oper im eigentlichen Sinne komponierte, schrieb er Werke mit starkem dramatischem Charakter, darunter "La Zalizura" (Turin, 1611–1623), "La caccia" (1620) und das dramma "sacro Sant’Eustachio" (Rom 1625), alle nach Texten von Filippo San Martino di Agliè (1572–1634). Auch seine geistliche Musik, etwa das "Liber primus motectorum" (1627) oder die handschriftlich überlieferte Messe "Dominae clamavi ad Te" (1626), zeugt von einer tief empfundenen Affektgestaltung, oft näher am Madrigal als an der kirchlichen Tradition.


    Nach seinem Tod geriet d’India für Jahrhunderte in Vergessenheit. Erst im 20. Jahrhundert wurde sein Werk neu entdeckt und in den Kanon der wegweisenden Frühbarock-Komponisten aufgenommen – gleichberechtigt neben Claudio Monteverdi (1567–1643) und Carlo Gesualdo (um 1566–1613). Heute gilt Sigismondo d’India als eine der faszinierendsten Stimmen der italienischen Musik um 1600: ein Meister der emotionalen Tiefe, der musikalischen Kühnheit und der stilistischen Synthese.


    Das musikalische Schaffen:


    "Primo libro de’ madrigali a 5 voci", Mailand 1606


    Ein erstes Zeugnis d’Indias Kunst, das noch stark dem polyphonen Stil der späten Renaissance verpflichtet ist. Die Klangsprache erinnert an Luca Marenzio (um 1553–1599), lässt aber bereits eine expressive Neigung zu Chromatik und Textdeutung erkennen.


    "Secondo libro de’ madrigali a 5 voci" Venedig 1611


    Ausgewogen zwischen Struktur und Affekt: Die melodischen Linien erhalten mehr Unabhängigkeit, das Wort gewinnt an dramatischer Energie.


    "Terzo libro de’ madrigali a 5 voci con basso continuo" Venedig 1615


    Ein stilistischer Wendepunkt: Die Einführung des basso continuo markiert den Schritt ins Barockzeitalter. Der Kontrast zwischen linearer Expressivität und kontrapunktischer Dichte erzeugt große emotionale Spannungen.


    "Quarto et Quinto libro de’ madrigali a 5 voci" Venedig 1616


    D’Indias kompositorischer Höhepunkt innerhalb der fünfstimmigen Madrigaltradition. Die Texte werden beinahe theatralisch ausgedeutet – eine Tonsprache zwischen Schmerz und Glut. Besonders eindrucksvoll: "Che non t’ami, cor mio?".


    "Settimo et Ottavo libro de’ madrigali a 5 voci" Rom 1624


    Die Reifewerke. Hier verbinden sich dramatische Zuspitzung, kühne Harmonik und rhetorisch durchformte Textgestaltung. Werke wie Cruda Amarilli und Parlo, miser, o taccio? wurden vielfach interpretiert – etwa von La Venexiana.


    Hinweis: Das "Sesto libro" ist verschollen und nur bibliographisch nachweisbar.


    2. Monodien, Lamenti und Solostücke mit Generalbass


    "Le musiche da cantar solo nel clavicordo, chitarrone, arpa doppia" – Libro I, Mailand 1609


    Eine Sammlung von Sololiedern, die als eines der frühesten Meisterwerke der barocken Monodie gilt. D’India nutzt die Generalbassbegleitung nicht nur harmonisch, sondern als psychologisches Stilmittel. Besonders eindrucksvoll: "Oimè, mio cor" – ein Lamento von fast opernhafter Dichte.


    "Le musiche a 2 voci", Mailand 1615


    Dialogisch angelegte Gesänge: Konversationen zwischen Liebenden, Allegorien von Klage und Hoffnung, in kunstvoller Wechselrede komponiert.


    "Le musiche… Libro III a 1 e 2 voci", Mailand 1618


    Vertiefung und Variation des zuvor entwickelten Stils. Hier begegnen uns Werke, die bereits fast kleine Kantaten darstellen – so etwa "Lamento d’Olimpia".


    "Le musiche a 1 et 2 voci" – Libri IV et V, Venedig 1621, 1623


    Die letzten Solosammlungen des Komponisten, in denen die emotionale Tiefe ihrer höchsten Form entgegengeht. Werke wie Al partir del mio sole, Ma con chi parl’ ahi lassa oder Pur venisti, cor mio sind musikalische Miniaturen voll dramatischer Intensität.


    3. "Villanelle alla napolitana" (halb-volkstümliche Gattung)


    "Villanelle alla napolitana a 3 voci" – Libro I, Neapel 1608


    Leichtfüßige, rhythmisch lebendige Stücke, die sich an das populäre neapolitanische Liedgut anlehnen. Häufig doppeldeutig oder spielerisch in der Textwahl.


    "Secondo libro delle villanelle alla napolitana a 3–4 voci", Neapel 1612


    Mehrstimmig, aber weniger polyphon – das Augenmerk liegt auf dem Witz der Texte und der Eleganz der musikalischen Gestik.


    4. Geistliche Werke


    "Liber secundus sacrorum concentuum a 3–4 voci", Venedig 1610


    Kurze Motetten mit affektiver Melodik und vorsichtiger Nutzung der modernen Konzertrhetorik. Die Verbindung von Tradition und neuer Ausdruckskraft ist hier noch tastend, aber sehr nuanciert.


    "Liber primus motectorum a 4 voci col basso seguente", Venedig 1627


    Ein spätes Meisterwerk sakraler Polyphonie, mit basso continuo. Die Texte – etwa In lectulo meo – werden klanglich ausgeleuchtet mit expressivem Ernst.


    Missa „Dominae clamavi ad Te“, Manuskript, 1626


    Nur handschriftlich überliefert. Eine Messe, die sowohl strukturell anspruchsvoll als auch affektvoll durchkomponiert ist – fast madrigalisch in ihrer Ausarbeitung.


    5. Bühnenwerke und dramatische Kompositionen


    "La Zalizura" – dramma in musica, Turin, zwischen 1611–1623


    Nach einem Text von Filippo San Martino di Agliè (1572–1634). Nicht erhalten, aber belegt: das erste bekannte „dramma“ d’Indias – vermutlich eine Mischung aus szenischem Gesang und allegorischem Tableau.


    "La caccia" – favola pastorale, Turin 1620


    Ein Hirtenspiel mit musikalischen Intermezzi, typisch für höfische Festkultur des Hauses Savoyen.


    "Sant’Eustachio" – dramma sacro, Rom 1625


    Ein geistliches Drama mit starker affektiver Gestaltung, vermutlich mit szenischen Momenten und barocker Bildsprache komponiert.

    Jean-Baptiste Senaillé (1687–1730)


    Virtuose zwischen Frankreich und Italien


    Jean-Baptiste Senaillé (* 23. November 1687 in Paris; † 15. Oktober 1730 ebenda) war ein französischer Violinvirtuose und Komponist des Hochbarock, der als einer der bedeutendsten Vertreter des „goût réuni“ gilt – jener stilistischen Verschmelzung des französischen und italienischen Geschmacks, die für die Musik des frühen 18. Jahrhunderts kennzeichnend wurde.


    Geboren in eine Musikerfamilie, wuchs Senaillé in unmittelbarer Nähe zum königlichen Hof auf. Sein Vater Jean Senaillé († nach 1713) war über Jahrzehnte Mitglied des berühmten Hofensembles Les Vingt-quatre Violons du Roy, wo er zunächst als Bassgeiger, später als Haute-contre de violon wirkte. Es liegt nahe, dass Jean-Baptiste seine ersten musikalischen Impulse im elterlichen Umfeld empfing. Früh erhielt er professionellen Unterricht bei Jean-Baptiste Anet (1676–1755), einem Schüler Corellis, sowie bei Giovanni Antonio Piani (1678–1760), der in Frankreich unter dem Namen Jean-Antoine Desplanes auftrat und im Dienst von Louis-Alexandre de Bourbon (1678–1737) stand. Möglicherweise studierte er auch bei François Marillet de Bonnefons († nach 1705) und einem Musiker namens Queversin.


    Bereits 1710 publizierte Senaillé sein erstes Buch mit Violinsonaten, das er Paul Étienne Brunet (1653–1717), dem Generaltrésorier des königlichen Haushalts, widmete. Diese frühe Veröffentlichung bezeugt nicht nur seine kompositorische Reife, sondern auch seine Stellung im höfischen Umfeld. Im Januar 1713 trat er – als Nachfolger seines Vaters – in die ehrwürdige Formation der Vingt-quatre Violons ein, ein vom Sonnenkönig gegründetes Eliteensemble, das als Inbegriff französischer Hofmusik galt.


    In den Jahren 1716/17 begab sich Senaillé zu Studienzwecken nach Italien, wo er seinen persönlichen Stil verfeinerte. Er trat in Modena auf, möglicherweise im Orchester von Tomaso Antonio Vitali (1663–1745), und erregte dort so große Aufmerksamkeit, dass er zeitweilig in den privaten Dienst von Charlotte Aglaé d'Orléans (1700–1761), Herzogin von Modena, trat. Nach seiner Rückkehr nach Paris im Jahr 1719 stand er dem Herzog von Orléans, Philipp II. (1674–1723), dem Regenten Frankreichs, nahe.


    Seine Karriere als konzertierender Violinist erreichte mit den regelmäßigen Auftritten beim renommierten Concert spirituel zwischen 1728 und 1730 einen Höhepunkt. Senaillé spielte nicht nur in höfischem Rahmen, sondern trat nun auch öffentlich auf und etablierte sich als einer der führenden Solisten seiner Zeit. Der Bericht des Mercure de France nennt ihn mehrfach als gefeierten Interpreten. Seine wirtschaftliche Unabhängigkeit manifestierte sich unter anderem darin, dass seine Werke – abgesehen vom Erstlingswerk – keine Widmungen mehr aufwiesen, sondern offensichtlich aus eigenem Antrieb und mit direkter Unterstützung des Königs publiziert wurden. Wahrscheinlich gab Senaillé auch privaten Violinunterricht und erzielte mit seinen Veröffentlichungen ein beachtliches Einkommen.


    Sein kompositorisches Schaffen umfasst fünf Bücher mit jeweils zehn Sonaten für Violine und Basso continuo (1710, 1712, 1716, 1721, 1727), in denen französische Tanzrhythmen, italienischer Kontrapunkt und virtuose Figurationen auf kunstvolle Weise miteinander verschmelzen. Besonders bekannt wurde der rasante Satz Allegro spiritoso aus der Sonate Nr. 4 in d-Moll (op. 4), der in zahlreichen Bearbeitungen für Cello, Fagott, Euphonium und andere Instrumente bis heute verbreitet ist. Senaillé zeigte sich hier von Arcangelo Corelli (1653–1713) inspiriert, dessen op. 5 er teilweise imitierte, ohne dessen Stil zu kopieren.


    Nach seinem Tod wurde sein Platz bei den Vingt-quatre Violons du Roy von François Francœur (1698–1787) eingenommen. Postum erschienen noch Bearbeitungen seiner Sonaten für volkstümliche Instrumente wie Musette und Drehleier beim Amsterdamer Verleger Michel-Charles Le Cène (1684–1743), ein Hinweis auf die Popularität seiner Werke über höfische Kreise hinaus.


    Jean-Baptiste Senaillé hinterließ ein kompositorisches Werk, das sich durch technische Brillanz, melodischen Reichtum und stilistische Originalität auszeichnet. Als Künstler zwischen den Welten verkörperte er den Übergang vom höfischen Kunstideal zur bürgerlich geprägten Konzertkultur – und prägte damit eine bedeutende Etappe der französischen Musikgeschichte.


    Musikalische Beispiele:


    Premier Livre de Sonates (1710)


    Sonate Nr. 5 in c-Moll (Op. 1, Nr. 5)



    Diese Sonate kombiniert französische Tanzformen mit italienischer Virtuosität. Sie besteht aus mehreren Sätzen, darunter ein Prélude, eine Corrente und eine Sarabande. Sie besteht aus Preludio. Adagio, Corrente, Gavotta und Giga. Allegro.


    Sonate Nr. 6 in g-Moll (Op. 1, Nr. 6)



    Ein Werk mit einem ausdrucksstarken Prélude und tänzerischen Sätzen wie Allemande und Gavotte.


    Troisième Livre de Sonates (1716)


    Sonate Nr. 10 in D-Dur (Op. 3, Nr. 10)



    Diese Sonate zeichnet sich durch lebhafte Rhythmen und elegante Melodien aus.


    Quatrième Livre de Sonates (1721)


    Sonate Nr. 4 in d-Moll (Op. 4 Nr. 4) – „Allegro spiritoso“



    Der vierte Satz dieser Sonate, das „Allegro spiritoso“, ist besonders bekannt und wurde für verschiedene Instrumente arrangiert.


    CD "Générations" Senaillé & Leclair : Sonatas pour violon et clavecin



    Violinsonaten: op. 1, Nr. 5 und 6; op. 3, Nr. 10 und op. 4, Nr. 5.


    Cembalo: William Christie (* 1944)

    Violine: Théotime Langlois de Swarte (* 1995)


    Die Opera 1, 3 und 5 von Senaillé. (Tracks 2 bis 13 + 18 bis 21)

    Tarquinio Merula (1595–1665)


    Leben und Werk eines Klangpoeten des italienischen Frühbarocks


    Tarquinio Merula (getauft am 25. November 1595 in Busseto – begraben am 10. Dezember 1665 in Cremona) war einer der bedeutendsten italienischen Komponisten und Organisten der frühen Barockzeit. Sein Werk verbindet auf eindrucksvolle Weise Expressivität, Virtuosität und stilistische Innovation in Vokal- wie Instrumentalmusik.


    Merula wurde als Sohn von Giovanni Merula († 1602) und Ortensia Rinaldi († um 1614) in der lombardischen Stadt Busseto geboren, die zur Diözese Cremona gehörte. Er wuchs in einer Familie mit mehreren Geschwistern auf, darunter der deutlich ältere Pellegrino Merula († 1630), ein angesehener Priester und Autor eines „Santuario di Cremona“, das 1627 die geistlichen Bauten der Stadt dokumentierte. Die familiären Verhältnisse nach dem Tod des Vaters veranlassten Tarquinio vermutlich, in jungen Jahren beim Bruder in Cremona Unterkunft zu suchen.


    Seine musikalische Ausbildung bleibt im Dunkeln, doch muss sie gründlich gewesen sein. Bereits 1616, im Alter von nur 21 Jahren, wurde er als Organist an Santa Maria Incoronata in Lodi angestellt. Einige Jahre später wurde er zum Kapellmeister an der bedeutenden Basilika Santa Maria Maggiore in Bergamo berufen.


    Zwischen 1622 und 1626 weilte Merula in Polen, wo er zunächst für den polnischen Kronprinzen Władysław IV. Wasa (1595–1648) als Kammermusiker und dann am Hofe König Sigismund III. Wasa (1566–1632) als Organist wirkte. Der Aufenthalt in Warschau war für Merula musikalisch wie stilistisch prägend – nicht zuletzt aufgrund der Begegnung mit der polnisch-litauischen höfischen Kultur und ihren spezifischen Repräsentationsformen.


    Nach seiner Rückkehr nach Italien übernahm Merula erneut wichtige Positionen in Cremona, darunter die des Kapellmeisters an der Kathedrale und Leiters der „Cappella delle Laudi“. In den Jahren 1633 bis 1642 wirkte er wiederum in Bergamo, diesmal als Kapellmeister des dortigen Doms, nachdem seine frühere Anstellung an Santa Maria Maggiore durch einen Konflikt mit dem Leitungsgremium beendet worden war. 1643 wurde er als Kapellmeister an die private Kapelle des Bischofs von Padua, Giorgio Cornaro (1613–1663), berufen.


    Merulas letzter Lebensabschnitt begann 1646 mit seiner definitiven Rückkehr nach Cremona. Hier wirkte er bis zu seinem Tod ununterbrochen als Organist und Komponist und war eng mit der Accademia degli Animosi verbunden, für die er mehrfach Musik schrieb. Am 27. November desselben Jahres schloss er in dritter Ehe den Bund mit Caterina Quinzani († 1666), nachdem seine zweite Frau Lucia kurz zuvor verstorben war.


    Seine Ehe mit Valeria Bordigallo († 1630), die er 1614 geheiratet hatte, war von zahlreichen familiären Schicksalsschlägen begleitet: Viele der gemeinsamen Kinder starben früh, insbesondere während der großen Pestwelle von 1630, der auch sein Bruder Pellegrino zum Opfer fiel.


    Merula starb Anfang Dezember 1665 im Alter von 70 Jahren in Cremona. Er wurde in der Kirche Santa Lucia beigesetzt, am Altar des Gekreuzigten, wie es aus einer Abrechnung über seine Begräbniskosten hervorgeht.


    Tarquinio Merula zählt zu den innovativsten Musikern der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. In seinen Kompositionen verband er venezianische Mehrchörigkeit mit dem expressiven Stil der frühen Monodie und trug maßgeblich zur Entwicklung von Arie und Rezitativ bei. Neben Claudio Monteverdi (1567–1643), Giovanni Rovetta (1596–1668) und Francesco Cavalli (1602–1676) gehört Merula zu jenen Komponisten, die die Oper und die konzertierende Kirchenmusik entscheidend vorantrieben.


    Besonders hervorzuheben ist sein Sinn für dramatische Kontraste und affektvolle Darstellung in vokaler wie instrumentaler Musik. Seine Werke, darunter Madrigale, Motetten, Psalmen, Messen, Canzonen, Sonaten und Tanzsätze, wurden überwiegend in Venedig veröffentlicht und fanden weite Verbreitung.


    Die einzige bekannte Oper Merulas, La finta savia (1643), wurde auf ein Libretto von Giulio Strozzi (1583–1652) komponiert und in Venedig uraufgeführt. Seine Instrumentalwerke, darunter mehrere Sammlungen von Canzonen und Sonaten, gehören zu den frühesten Beispielen einer sich herausbildenden Triosonaten-Form. Mit seiner fantasievollen Tastenmusik – darunter Capricci, Toccaten und eine chromatische Sonata – leistete er auch auf diesem Gebiet Pionierarbeit.


    Manuskripte seiner Werke befinden sich heute unter anderem in der Zentralbibliothek Solothurn (Schweiz), im Stadtarchiv Aachen, im Liceo Musicale von Bologna sowie in der Biblioteca Corsiniana in Rom und im Staatsarchiv des Kantons Uri in Altdorf.


    Das musikalische Schaffen Tarquinio Merulas:


    I. Geistliche Vokalmusik


    Merulas geistliche Musik steht in der Tradition der venezianischen Mehrchörigkeit, zugleich aber auch unter dem Einfluss des konzertierenden Stile nuovo. Viele seiner Werke verbinden expressive Solopartien mit instrumentalem Basso continuo und weisen bereits auf die spätere Kirchenkantate voraus.


    „Il Primo Libro de Motetti e Sonate“ (op. 6, Venedig 1624)

    Ein früher Höhepunkt seines geistlichen Schaffens. Die Motetten vereinen expressive Textausdeutung mit konzertierenden Instrumentalpassagen – stilistisch nahe bei Lodovico Grossi da Viadana (um 1560–1627).


    „Pegaso – Salmi, Motetti, Suonate“ (op. 11, Venedig 1637/1640)

    Diese Sammlung enthält eine bemerkenswerte Bandbreite an Psalmvertonungen, Motetten und instrumentalen Stücken. Sie zeigt Merula als Meister der klanglichen Vielfalt und rhetorischen Affektausdeutung.


    „Arpa Davidica – Salmi et Messe a 4“ (op. 16, Venedig 1640)

    Der Titel verweist auf den psalmischen Ursprung der Sammlung. Die Werke lassen eine tief empfundene Religiosität erkennen, verbunden mit sorgfältiger melodischer Gestaltung.


    „Salmi et Messe concertati“ (op. 18, Venedig 1652)

    Diese späten Werke zeigen Merula auf der Höhe seiner kontrapunktischen und affektbezogenen Gestaltungskraft. Der konzertierende Stil wird hier mit geistlicher Würde verbunden.


    Merula ist in dieser Gattung ein Scharnier zwischen der venezianischen Mehrchörigkeit Gabrielis und der frühbarocken Ausdrucksintensität Monteverdis. Besonders seine Psalmvertonungen sind oft dialogisch angelegt, mit dramatischen Wechseln zwischen Solo und Tutti.


    II. Weltliche Vokalmusik


    Merulas weltliche Werke – insbesondere seine Madrigale – sind kunstvolle Beispiele für den Übergang vom polyphonen Madrigal des späten 16. Jahrhunderts zur konzertierenden Solokantate.


    "Il Primo Libro de Madrigaletti“ (op. 4, Venedig 1624) Dreistimmige Madrigale mit Basso continuo – kleine, kunstvoll gearbeitete Miniaturen mit oft empfindsamer oder galanter Thematik.


    „Il Primo Libro de Madrigali concertati“ (op. 5, Venedig 1624)

    Mehrstimmige Konzertmadrigale mit bis zu sechs Stimmen – hier zeigt sich Merula als Meister des Textausdrucks, der zwischen polyphoner Verdichtung und solistischer Expressivität wechselt.


    "Madrigali et altre musiche concertate“ (op. 10, Venedig 1633/1635)

    Diese Sammlung steht bereits unter dem Zeichen des dramatischeren Ausdrucks. Einige Stücke kommen der frühen Opernszene nahe.


    In diesen Werken zeigt Merula seine Fähigkeit, die italienische Liebespoesie des 17. Jahrhunderts in schimmernde Klangbilder zu übersetzen. Besonders bemerkenswert ist sein Umgang mit dem recitativo semplice und mit rhetorischen Affekten.

    III. Instrumentalmusik


    Merulas Instrumentalmusik nimmt im Repertoire des frühen Barock einen besonderen Rang ein: Er gehört zu den Pionieren der Triosonate und war ein Meister der affektgeladenen Canzona. Seine Werke verbinden Tanzrhythmen, kontrapunktische Finesse und virtuose Figuration.


    „Canzoni da suonare“ (mehrere Bücher, op. 1: 1615; op. 9: 1639; op. 17: 1651)

    Diese Sammlungen enthalten Stücke für zwei bis vier Instrumente mit Generalbass. Besonders auffällig ist die oft ausdrucksstarke Linienführung und der Wechsel von imitierenden und homophonen Passagen.


    „Canoni overo Sonate concertate per chiesa e camera“ (op. 12, Venedig 1637)

    Diese Stücke zeigen die stilistische Vielfalt zwischen sakralem und weltlichem Gebrauch. Die Sonaten wirken wie Vorboten der Entwicklung zur klassischen Sonate mit dialogisierenden Oberstimmen.


    Einzelwerke aus Handschriften (Zentralbibliothek Solothurn, Staatsarchiv Uri, u.a.):

    Darunter eine Sonata cromatica, mehrere Toccaten, Capricci, ein Genus chromaticum, sowie Versetti per Kyrie. Die Verwendung ungewöhnlicher chromatischer Wendungen ist ein auffälliges Merkmal.


    Merula ist auf Augenhöhe mit Zeitgenossen wie Dario Castello (fl. 1621–1629) oder Biagio Marini (um 1594–1663) zu sehen. Seine Sonata cromatica und seine Capricci gehören zu den kühnsten Instrumentalwerken vor 1650.


    IV. Dramatische Musik


    „La finta savia“ (Oper, Venedig 1643, Libretto: Giulio Strozzi [1583–1652])

    Merulas einzige bekannte Oper wurde in Venedig im Umfeld der neu entstehenden öffentlichen Opernhäuser uraufgeführt. Die Musik ist nicht vollständig erhalten, doch das Libretto zeigt eine komödiantisch-moralische Handlung im Stil der commedia erudita.


    Obgleich Merula nur eine Oper komponierte, zeigt "La finta savia", dass er mit den neuen dramatischen Gattungen der Zeit vertraut war. Seine Vokalsprache ist derjenigen Monteverdis vergleichbar – plastisch, affektgeladen, und stets am Text orientiert.


    V. Gattungsübergreifende Sammlungen


    Mehrere Drucke Merulas kombinieren geistliche Vokalwerke mit Instrumentalstücken:


    „Concerti spirituali con alcune sonate“ (op. 8, Venedig 1628) und

    „Concerto … Messe, Salmi … concertati“ (op. 15, Venedig 1639).


    Diese Mischformen waren typisch für die Zeit und zeugen von Merulas handwerklicher Flexibilität und seinem Gespür für liturgische wie höfische Kontexte.


    Tarquinio Merula war ein stilistisch höchst vielseitiger Komponist, der sowohl im Dienst der Kirche als auch in weltlichen Kreisen wirkte. Seine Musik steht exemplarisch für den italienischen Frühbarock – zwischen Tradition und Innovation, zwischen polyphoner Kunstfertigkeit und expressivem Affektausdruck. Sein Werk verdient es, neben dem von Monteverdi, Rossi oder Cavalli stärker ins Licht gerückt zu werden.


    Arie E Capricci


    Madrigale und andere konzertante Musik:



    Psalmen und Motetten "Pegaso"



    "Laetatus Sum",

    "Fuge et Veni Dilecte Mi",

    "Iubilate Deo",

    "Venite, Comedite Panem",

    "Beatur Vir",

    "Laetentur Caeli",

    "Gaudeamus Omnes",

    "O Salutaris Hostia",

    Canzona "La Vesconte",

    "Confitebor Tibi",

    "Ecce Quam Bonum",

    "Quam Dilecta",

    "Cantate Domino",

    "Philippe, Qui Videt Me",

    "Omnes Sitientes",

    "Laudate Pueri",

    "Letanie Concertate".


    Tarquinio Merulas Werk "Pegaso" (op. 11) ist ein Sammelband sakraler Werke mit Instrumenten, genauer gesagt der dritte Band dieser Sammlung. Die Edition stammt aus dem Jahr 1640, obwohl die erste Ausgabe vermutlich zwischen 1633 und 1637 gedruckt wurde. Es handelt sich um eine Sammlung von mehrstimmigen Instrumentalwerken, Madrigalen mit Instrumentalbegleitung, die Merula für den kirchlichen Gebrauch geschrieben hat.


    Sämtliche Orgelwerke, Orgeln Francesco Cera (* 1967)



    Sämtliche Orgelmusik, Orgeln Enrico Viccardi (* 1961)


    Chaconne



    Tarquinio Merula (1595 - 1665): Psalmen und Motetten "Pegaso"


    "Laetatus Sum",

    "Fuge et Veni Dilecte Mi",

    "Iubilate Deo",

    "Venite, Comedite Panem",

    "Beatur Vir",

    "Laetentur Caeli",

    "Gaudeamus Omnes",

    "O Salutaris Hostia",

    Canzona "La Vesconte",

    "Confitebor Tibi",

    "Ecce Quam Bonum",

    "Quam Dilecta",

    "Cantate Domino",

    "Philippe, Qui Videt Me",

    "Omnes Sitientes",

    "Laudate Pueri",

    "Letanie Concertate".


    Ensemble: La Galania unter der Leitung von Raquel Andueza (* 1980)

    Aufnahme: 2013


    Tarquinio Merulas Werk "Pegaso" (op. 11) ist ein Sammelband sakraler Werke mit Instrumenten, genauer gesagt der dritte Band dieser Sammlung. Die Edition stammt aus dem Jahr 1640, obwohl die erste Ausgabe vermutlich zwischen 1633 und 1637 gedruckt wurde. Es handelt sich um eine Sammlung von mehrstimmigen Instrumentalwerken, Madrigalen mit Instrumentalbegleitung, die Merula für den kirchlichen Gebrauch geschrieben hat.

    Giovanni Valentini (1582-1649)


    zwischen Venedig und Wien


    Giovanni Valentini war ein italienischer Komponist, Dichter und Tastenvirtuose des Frühbarock, dessen schöpferisches Wirken zu seinen Lebzeiten hohe Anerkennung fand, heute jedoch weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Zeitgenössisch stand er im Schatten großer Namen wie Claudio Monteverdi (1567–1643) und Heinrich Schütz (1585–1672), obwohl er eine der einflussreichsten Positionen im mitteleuropäischen Musikleben innehatte – das Amt des kaiserlichen Hofkapellmeisters in Wien. Besonders bemerkenswert ist Valentinis innovativer Umgang mit asymmetrischen Taktarten sowie seine Rolle als erster Lehrer von Johann Kaspar Kerll (1627–1693).


    Über Valentinis frühe Jahre ist nur wenig bekannt. Er wurde um 1582, vermutlich in Venedig, geboren. Es gilt als wahrscheinlich, dass er Schüler von Giovanni Gabrieli (um 1555–1612) war – ein Zusammenhang, den der römische Musiker Antimo Liberati (1617–1692) Jahrzehnte später bestätigte, indem er in einem Brief Valentini als „Giovanni Valentini Veneziano, della famosa Schola de’ Gabrielli“ bezeichnete.


    Um 1604/05 trat Valentini in den Dienst des polnischen Königs Sigismund III. Wasa (1566–1632) und wirkte als Organist an dessen Hofkapelle in Warschau. Seine ersten gedruckten Kompositionen erschienen 1609 und 1611 und fallen in diese polnische Zeit.


    1614 wurde er von Erzherzog Ferdinand von Innerösterreich (1578–1637), dem späteren Kaiser Ferdinand II., nach Graz berufen. Die dortige Hofkapelle war für ihren experimentellen Einsatz enharmonischer Instrumente bekannt – insbesondere des sogenannten clavicymbalum universale, eines Tasteninstruments mit 77 Tasten auf vier Oktaven. Valentinis Spiel auf diesem Instrument wurde 1617 in einer zeitgenössischen Quelle besonders hervorgehoben. Der Einfluss dieser Praxis ist in vielen seiner späteren Kompositionen erkennbar.


    Mit Ferdinands Wahl zum Kaiser (1619) zog der Hof nach Wien um. Valentini wurde dort zunächst Hoforganist, 1626 dann Nachfolger von Giovanni Priuli (1575–1626) als Hofkapellmeister. Im Jahr darauf übernahm er zusätzlich die Leitung der Kirchenmusik an der Michaelerkirche in Wien. Er erfreute sich hoher Gunst bei Ferdinand II. wie auch dessen Sohn und Nachfolger Ferdinand III. (1608–1657), der ihn großzügig förderte und seine Witwe nach Valentinis Tod finanziell unterstützte. Valentini unterrichtete Ferdinand III. auch persönlich in Musik. Diese enge Bindung an den Hof erinnert an die Beziehung, die später Johann Jakob Froberger (1616–1667) mit demselben Kaiser pflegte.


    Als Kapellmeister setzte sich Valentini erfolgreich für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Hofmusiker ein – unter anderem durch Erhöhungen der Gehälter. Trotz seiner ungebrochenen Tätigkeit veröffentlichte er ab 1626 keine neuen musikalischen Werke mehr im Druck; seine Dichtungen hingegen erschienen weiterhin.


    Giovanni Valentini war auch an den ersten Opernproduktionen in Wien beteiligt und wirkte als Musiklehrer des jungen Johann Kaspar Kerll. Das Amt an der Michaelerkirche hatte er vermutlich bis mindestens 1631 inne; seine Position als Hofkapellmeister behielt er bis zu seinem Tod im Frühjahr 1649. Sein Nachfolger wurde der Komponist Antonio Bertali (1605–1669). In seinem Testament vermachte Valentini seine Werke dem Kaiser.


    Valentinis Schaffen umfasst in erster Linie vokale Kompositionen: Madrigale, Messen, Motetten und geistliche Konzerte. Da er sich nicht der Oper oder dem Oratorium widmete, wurde er von der Nachwelt häufig als konservativer Komponist eingestuft – ein Urteil, das seinen experimentellen Geist nur unzureichend widerspiegelt.


    Besonders innovativ ist seine Sammlung "Musiche a doi voci" (1621), die nicht nur zu den frühesten Beispielen des dramatischen Dialogs gehört, sondern auch ungewöhnliche Taktarten wie 5/4 (z. B. "Con guardo altero") sowie wechselnde Taktfolgen in 9/8 und 7/8 (z. B. "Vanne, o cara amorosa") enthält – zu jener Zeit eine außergewöhnliche rhythmische Kühnheit.


    Von den großformatigen Kirchenwerken sticht das 1621 in Wien erschienene Messa, Magnificat et Jubilate Deo hervor: Drei Werke, die jeweils für sieben Chöre komponiert wurden – eine bis dahin unerreichte Klangfülle – und die frühesten gedruckten Trompetenstimmen enthalten. Seine übrigen Messen stehen häufig in der Tradition polychoraler Parodiemessen oder concertierender Satztechniken.


    Von größerer musikalischer Raffinesse sind Valentinis kleinere geistliche Werke, etwa seine Motetten oder Psalmenvertonungen, die meist im modernen stile concertato gehalten sind und virtuose Instrumentalparts sowie auffällige chromatische Wendungen aufweisen. Das Motett "In te Domine speravi" gilt als eine der letzten Kompositionen überhaupt, in der ein Part ausdrücklich für die viola bastarda, eine besonders anspruchsvoll gespielte Tenorviola, vorgesehen ist. Die Sammlung "Sacri concerti" (1625) zählt zu den frühesten Beispielen für geistliche Werke nördlich der Alpen, in denen der "stile recitativo" breit zur Anwendung kommt.


    Im weltlichen Bereich verdient das "Secondo libro de madrigali" (1616) besondere Aufmerksamkeit, da es sich um die erste veröffentlichte Sammlung handelt, in der Vokalstimmen und Instrumente kombiniert werden. Der instrumentale Part reicht dabei von begleitender Verzierung bis hin zu vollwertiger Beteiligung an der Polyphonie – eine Praxis, die auch in Valentinis Musiche concertate (1619) weiterentwickelt wird.


    Instrumentalwerke wie seine Canzonen für fünf oder sechs Stimmen zeichnen sich durch eine harmonische Kühnheit aus, die jenen von Johann Jakob Froberger in ihrer Zeit voraus ist, auch wenn sie kontrapunktisch weniger komplex ausfallen. Die Sammlung "Musica di camera" (1621) enthält Sätze über ostinate Bassmodelle wie Passamezzo, Romanesca und Ruggiero.


    Veröffentlichte Werke (Auswahl)


    Canzoni, libro primo, Venedig 1609

    Motecta, Venedig 1611

    Secondo libro de madrigali, Venedig 1616

    Missae concertatae, Venedig 1617

    Salmi, hinni, Magnificat, antifone, falsibordone et motetti, Venedig 1618

    "Musiche concertate", Venedig 1619

    "Musica di camera", libro quarto, Venedig 1621

    "Missae quatuor", Venedig 1621

    Messa, Magnificat et Jubilate Deo, Wien 1621

    "Musiche a doi voci", Venedig 1621

    Il quinto libro de madrigali, Venedig 1625

    "Sacri concerti", Venedig 1625


    Darüber hinaus sind drei Messen, drei Litaneien, mehrere Sonaten, zahlreiche geistliche Werke sowie Tastenmusik nur in Handschriften überliefert. Hinweise auf verlorene Werke lassen auf ein weit größeres Œuvre schließen.



    Instrumentalstücke "Oddities und Trifles"

    Aufnahme: 2015



    Musiche Concertate (1619)



    Madrigal "Ti lascio anima mia"



    Sinngemäße Übersetzung:


    "Ich verlasse dich, meine Seele – die Stunde ist gekommen,

    Die Stunde, ach, die mich zum Abschied ruft!

    Ich gehe, ich gehe – ach, ich muss sterben,

    Denn ich muss mich von dir trennen, mein Leben.


    Ach, der Schmerz, der mich innerlich zerreißt, ist zu groß.

    Verwunde mich nicht mit deinem Kummer aufs Neue.

    Ach, verzage nicht, mein Herz, denn bei meinem Abschied

    Schmerzt mich dein Leid mehr als der Tod.


    Ach, warum sehe ich so viele Tränen, mein Herz,

    Aus deinen schönen Augen fließen?

    Ach, halte den Tränenfluss zurück, ach, zügle den Schmerz,

    Denn mit deinen Tränen vergießt du mein Blut.

    Fürchtest du, mein Herz, dass ein neues Feuer

    Deine Liebe, mein Verlangen, vergessen lässt?

    Ach nein, nein! Jedes andere Feuer wird erlöschen

    Durch diese Welle von Tränen."