Sigismondo d'India: "Il terzo libro de madrigali á 5 voci" (Venedig, 1615) :
Track 1: „Diespietata pietate“
"O grausames Mitleid, o liebreicher Hass,
o freudenreiche Qual, o schmerzliche Freude,
o süßes Leiden, o bitteres Glück,
wie könnt ihr nur in meinem Herzen wohnen?
Euch alle spüre ich zugleich in meiner Brust,
und jedes nimmt von mir einen Teil ein:
und so lebe ich, sterbend an vielen Wunden,
die mir Amor, das grausame Kind, schlägt."
Dieser Madrigaltext entfaltet eine typische barocke Antithesenrhetorik: Schmerz und Freude, Hass und Liebe, Bitterkeit und Süße stehen in paradoxer Einheit. D’India vertont diese affektgeladenen Gegensätze mit intensiver Chromatik und expressiver Harmonik, ganz im Stil der seconda pratica. Die musikalische Umsetzung folgt dem Text in einer fast theatralischen Weise, die den inneren Zwiespalt des lyrischen Ichs mit klanglicher Dramatik widerspiegelt. Bereits in diesem ersten Stück des dritten Madrigalbuchs zeigt sich d’Indias Meisterschaft in der Affektvertonung auf eindrucksvollem Niveau.
Track 2: „Mercè, grido piangendo“
"Ermarmt euch! ruf ich unter Tränen; doch mein Ruf
dringt nicht zu euch, grausame Augen,
die mir mein Leben raubten.
Ihr verschließt eure Tür dem Mitleid,
und meine Seufzer und Tränen
fliegen vergeblich zu euch.
Wie grausam ist doch euer Herz,
dass es mein bitteres Weh
nicht erbarmen kann, das ich für euch empfinde!"
Der zweite Madrigaltext steht ganz im Zeichen der vergeblichen Klage. Die dramatische Geste des „Mercè!“ (Erbarmen!) wird durch Tränen und Seufzer intensiviert – d’India übersetzt dies in expressive Harmoniewechsel, dissonante Reibungen und ausdrucksstarke Wortausdeutungen. Die Musik folgt dem emotionalen Bogen des Gedichts: vom flehentlichen Ausruf über die enttäuschte Hoffnung bis zur resignierten Klage. In der intensiven rhetorischen Gestaltung zeigt sich erneut d’Indias Nähe zum frühen Monodienstil und seine Fähigkeit, Affekte auf höchstem Niveau zu gestalten.
Track 3: „Quell’Augellin che canta“
"Jenes Vöglein, das so lieblich singt,
in seinem frischen, grünen Nest,
erzählt der Welt in süßen Tönen,
wie sehr es seine treue Gefährtin liebt.
Ach, wäre ich doch wie jenes Tier,
so leicht und frei in Luft und Lied,
ich würde aus voller Kehle
mein Feuer und meine Qual besingen!"
Dieses Madrigal verbindet Naturbild und Liebesklage in barocker Manier: Das singende Vögelchen wird zum Spiegel des innerlich aufgewühlten Ichs. Während der Vogel seine Liebe frei besingt, bleibt dem Sprecher nur das Sehnen und das Leiden. Sigismondo d’India greift das musikalische Motiv des Vogelgesangs auf und imitiert es kunstvoll in den Stimmen. Dabei mischt er lebendige Rhythmik mit zarten Melismen und bringt so die kontrastierenden Stimmungen von Naturidyll und innerem Schmerz in eine bewegende musikalische Balance. Ein zartes, aber doppeldeutig melancholisches Stück.
Track 4: „Deh, chi mi fa languire“
"Ach! Wer lässt mich so dahinsiechen?
Wer raubt mir Trost und Hoffnung?
Ihr seid’s, grausame Augen,
die einst mein Herz mit süßem Blick
fesselten in seligem Entzücken.
Nun lasst ihr mich in Finsternis und Tränen,
ohn’ ein Wort, ein Zeichen des Mitleids.
Ach, Liebe, welch schmerzliche Macht du hast,
wenn selbst dein süßestes Licht zur Qual wird!"
In diesem Madrigal steht das Motiv der unerwiderten Liebe und seelischen Erschöpfung im Zentrum. Der Text folgt einer klassischen Liebesklagelogik: Der Blick der Geliebten, einst Quelle der Freude, ist nun Auslöser quälender Sehnsucht. D’India reagiert musikalisch mit ausdrucksstarker Chromatik, leidvollen Dissonanzen und einer eindringlichen Deklamation. Die Musik steigert sich in intensiven Wendungen, die die schmerzvolle Ohnmacht der Liebe beinahe körperlich spürbar machen. Ein Musterbeispiel für d’Indias Fähigkeit, Leidenschaft in klangliche Rhetorik zu übersetzen.
Track 5: „Lasso, dicea Fileno“
"Ach! sprach Fileno, und wandte seine Augen
zu jener grausamen Schönen:
Mein Leben, meine Hoffnung, meine Ruh ist dahin!
Du fliehst, und lässt mich sterbend zurück;
und wenn ich dich rufe, hörst du mich nicht.
Du verachtest mein Weinen und mein Seufzen,
mein wahrhaft glühend Herz bleibt dir verborgen.
Weh mir, dass ich dich sah! Weh mir, dass ich dich liebe!"
„Lasso, dicea Fileno“ ist ein klassisches Beispiel für das dramatische, von innerer Zerrissenheit geprägte Madrigal des frühen 17. Jahrhunderts. Die Figur des Fileno, ein typischer Liebender der bukolischen Tradition, klagt über unerwiderte Liebe, über Ignoranz und Schmerz. Sigismondo d’India vertont dieses Leid in leidenschaftlicher Polyphonie, durchzogen von expressiven Pausen, Seufzermotiven und chromatischem Ausdruck. Die musikalische Rhetorik folgt eng dem affektgeladenen Text – ein intensives Zeugnis emotionaler Direktheit und barocker Klangsprache.
Track 6: „Canzone di Lontananza“
"Lied der Ferne, flieg, o Lied, so sanft du kannst,
zu meiner Geliebten, die weit von mir weilt;
sag ihr, dass ich weine, dass ich seufze und verbrenne,
dass ich nur für sie lebe, in Qual und Hoffnung.
Sag ihr, dass meine Seele stets bei ihr verweilt,
auch wenn mein Körper hier in Sehnsucht vergeht.
Flieg, o Lied, trag meine Liebe zu ihr,
und wenn sie seufzt – so weiß ich, sie denkt an mich."
Diese „Canzone di Lontananza“ ist eine kunstvoll poetische Klage über Trennung und Sehnsucht. In der Tradition der canzone alla lontananza stellt das Lied selbst ein Medium dar, das zwischen Liebenden vermittelt. Sigismondo d’India greift diese Idee musikalisch auf, indem er die Stimmen wie fliegende Botschaften gestaltet – leicht, schwebend, und doch mit melancholischem Gewicht. Polyphone Transparenz und expressive Dissonanzen lassen das Madrigal wie einen musikalischen Liebesbrief erscheinen. Die Komposition zeigt D’Indias Fähigkeit, innere Bewegung in äußere Klangpoesie zu übersetzen.
Track 7: „Chi vuol aver felice“
"Wer ein glückliches Herz besitzen will,
der fliehe den Blicken der schönen Augen;
denn in ihnen wohnt, verborgen und süß,
die Liebesflamme, die bald entflammt.
Dort schmiedet Amor seine listigen Netze,
dort lauert er still, um dich zu fangen;
und wenn du denkst, du seist frei – schon bist du sein,
und Liebe wird dir süß und bitter sein".
Dieses Madrigal ist eine warnende Reflexion über die Macht der Schönheit und die tückische Natur der Liebe. Es verbindet ironischen Unterton mit ernster Mahnung: Die Schönheit der Augen verführt – aber ihre Folge ist oft Schmerz. Sigismondo d’India übersetzt diese doppelte Perspektive musikalisch mit Eleganz und Raffinesse: Wechsel zwischen heiter tänzerischem Schwung und plötzlich eindringlichen Harmonien spiegeln die Spannung zwischen Verlockung und Gefahr. Ein Stück, das mit kluger Textausdeutung und musikalischer Ironie glänzt – typisch für die geistreich-affektvolle Rhetorik d’Indias.
Track 8: „Dove, ah, dove ten vai“
"Wohin, ach, wohin gehst du,
du schöne, stolze Seele meiner Hoffnung?
Warum fliehst du, da ich dir folge?
Warum entweichst du, da ich dich liebe?
Bleibe doch stehen, und schau mich an,
erfahre mein Leid, mein brennendes Verlangen;
vielleicht wirst du dann, bewegt von Mitleid,
mein treues Herz nicht länger quälen."
In diesem leidenschaftlichen Madrigal ruft ein Liebender der davon eilenden Geliebten hinterher – eine Szene voller Dringlichkeit, Sehnsucht und innerer Bewegung. Sigismondo d’India lässt diesen inneren Aufruhr mit eindringlicher Chromatik, eng geführter Polyphonie und rhetorischen Ausrufen lebendig werden. Besonders wirkungsvoll ist der musikalische Wechsel zwischen flehenden Bitten und stürmischem Aufbäumen, der das emotionale Hin und Her zwischen Hoffnung und Verzweiflung spiegelt. Dieses Werk ist ein beeindruckendes Beispiel für d’Indias Fähigkeit, Liebe als dramatische Bewegung zu gestalten – nicht statisch, sondern voller Unruhe und affektiver Spannung.
Track 9: „Io mi son giovinetta“
(Textvorlage: Giovanni Boccaccio, Decameron, V,10 – „Griselda“-Erzählung)
"Ich bin ein junges Mädchen,
und ein schöner Jüngling bat mich um Gunst.
Und weil ich jung war und er schön,
und weil er bat, gab ich mich ihm hin.
Er nahm mich freundlich bei der Hand,
und ich, arglos, ging mit ihm fort,
und er führte mich durch ein weiches Grasbett,
wo wir unsere Lust genossen."
Dieses Madrigal hebt sich durch seinen volkstümlich-frischen, fast koketten Ton von den vorherigen, leidenschaftlich-klagenden Stücken ab. Der Text – eine anmutige Nacherzählung aus Boccaccios Decameron – schildert eine erotische Begegnung mit überraschender Offenheit und Natürlichkeit. Sigismondo d’India vertont dies mit tänzerischer Leichtigkeit, lebhafter Rhythmik und heiteren Imitationen. Der Dialogcharakter und die sinnliche Direktheit lassen Raum für Witz, Unschuld und Verführung zugleich. Das Madrigal zeigt d’India hier von seiner spielerischen, pastoralen Seite – und beweist seine stilistische Vielseitigkeit im Umgang mit unterschiedlichen Texttypen.
Track 10: „Deh, s’io v’ho dato il core“
"Ach, wenn ich euch doch mein Herz gegeben habe,
und ihr habt es mit süßem Blick empfangen,
warum, grausame Frau, warum gebt ihr mir
so bittere Qual dafür zurück?
Ich gab es euch nicht, dass ihr es quält,
sondern damit ihr es bewahrt mit Zärtlichkeit.
Wenn Liebe und Treue euch nichts bedeuten,
so gebt es mir zurück – doch heil, wie ich es euch gab!"
Diese kunstvoll gearbeitete Klage verleiht der Verletzung durch enttäuschte Liebe eine Stimme voll stolzer Empörung und leiser Hoffnung. Der Liebende klagt nicht nur das Leid an, sondern fordert mit beinahe juristischer Logik das eigene Herz zurück – unversehrt. Sigismondo d’India bringt die Widersprüchlichkeit zwischen Leidenschaft und Selbstbehauptung in einer sehr affektgeladenen Musik zur Geltung: dichte Polyphonie, expressive Dissonanzen und gezielte rhetorische Wiederholungen steigern die emotionale Spannung. Der Schluss wirkt wie ein Plädoyer in Liebesdingen – dramatisch, verletzlich und voller künstlerischer Würde.
Track 11: „Dove, dove son io?“
"Wo, ach, wo bin ich?
Welches finstere Ort umfängt mich?
Ist dies das Licht? Ist dies das Taggestirn?
Oder ist’s die Nacht, in der ich irre?
Ich sehe nicht, ich höre nicht,
ich spüre nichts als Leid in meiner Brust.
Weh mir! Die Liebe hat mich geblendet,
und in ihr verlor ich mich selbst."
In diesem tief existenziellen Madrigal weicht die klassische Liebesklage einer inneren Verlorenheit, die fast visionären Charakter hat. Der Sprecher wirkt entwurzelt, von Dunkelheit und Schmerz umfangen, seine Wahrnehmung ist getrübt von der Macht der Liebe. Sigismondo d’India greift dieses Erschrecken über den eigenen Zustand mit eindrucksvoller musikalischer Rhetorik auf: Die Stimmen irren tastend umher, Dissonanzen durchziehen die Polyphonie wie Risse im Bewusstsein. Besonders auffällig ist der abrupte Wechsel zwischen affektgeladener Dramatik und stiller Resignation. Ein ergreifender Ausdruck psychischer Desorientierung – modern anmutend in seiner Radikalität.
Track 12: „O fugace, o superba“
"O Flüchtige, o Stolze,
o Schönheit, die du nur Augenblicken gehörst,
warum erhebst du dich so sehr,
wenn du doch Wind bist, Schatten, Staub?
Nichts bleibt von dir – du bist vergangen,
und was du warst, ist nun nur Erinnerung.
So lerne, Mensch, von ihrer Eitelkeit,
dass wahre Schönheit nur in Tugend wohnt."
Dieses Madrigal hebt sich durch seine fast moralische Grundhaltung von den anderen Stücken des dritten Madrigalbuchs ab. Statt subjektiver Liebesklage tritt hier eine Reflexion über die Vergänglichkeit äußerer Schönheit und die Torheit menschlichen Stolzes. Der Text wendet sich in klassisch-humanistischer Tradition gegen Eitelkeit und Oberflächlichkeit. D’India unterlegt diese nachdenkliche Botschaft mit klarer, eindringlicher Textdeklamation, die eher nüchtern und mahnend als affektgeladen wirkt. Die Musik wirkt bewusst reduziert, beinahe spröde – als wolle sie selbst dem Glanz misstrauen. Ein meditatives Stück, das barocke Eitelkeit durch musikalische Demut spiegelt.
Track 13: „Perché non mi mirate“
"Warum schaut ihr mich nicht an,
ihr Augen, denen ich mein Herz gab?
Warum flieht ihr mich nun so hart,
da ich euch doch mit Liebe suchte?
Habt ihr vergessen die süßen Stunden,
die wir im gegenseitigen Verlangen teilten?
Ach, grausame Augen – so viel Glut,
und doch nun so kalt in eurem Blick!"
Dieses Madrigal gehört zu den eindrucksvollsten Beispielen für d’Indias psychologisch feinsinnige Textvertonung. Der Liebende ringt um den Blickkontakt mit der geliebten Person – einst Quelle der Erfüllung, nun verweigert und kühl. D’India übersetzt dieses innere Aufbäumen in musikalische Gesten von intensiver Chromatik, wehmütigen Seufzermotiven und einer spannungsreichen Polyphonie, die sich immer wieder in Stille und stockende Linien verliert. Der Kontrast zwischen der Glut früherer Leidenschaft und der gegenwärtigen Kälte wird in fein nuancierten Harmoniewechseln hörbar gemacht – ein Musterbeispiel barocker Affektrhetorik in vollendeter Form.
Track 14: „Ombrose e care selve“
"Schattenreiche und geliebte Wälder,
die ihr Zeugen meiner süßen Klage seid,
und ihr stillen Quellen, murmelnd mein Leid,
habt ihr je schönere Tränen gesehen?
Habt ihr je ein treueres Herz gespürt,
das so sehr für Liebe glühte?
Oh Wälder, oh Quellen, gebt mir Trost,
da mein Schmerz von ihr nicht gelindert wird."
In diesem naturnahen Madrigal tritt das lyrische Ich in einen klagenden Zwiegesang mit der Landschaft – Wälder und Quellen werden zu stillen Vertrauten der unerwiderten Liebe. Die Szene ist pastoral, doch keineswegs friedlich: Die Natur erscheint nicht als tröstende Idylle, sondern als stumme Zeugin tiefen seelischen Schmerzes. Sigismondo d’India vertont diesen Text mit weichen, fließenden Linien und einer empfindsamen Polyphonie, die fast kontemplativen Charakter annimmt. Besonders auffällig ist die klangliche Verschmelzung von Naturlaut und innerer Regung – als würden Klage und Quelle im selben Atemzug fließen. Ein stilles, tief empfundenes Meisterstück der Klangpoesie.
Track 15: „Ardemmo insieme“
"Wir brannten gemeinsam im Feuer der Liebe,
und unser Herz schlug im gleichen Takt.
Ein Blick genügte, ein Kuss entflammte uns,
und in süßer Glut vergingen wir beide.
Doch ach, was blieb von jener Glut?
Nur Asche, Schmerz und ein verlassener Geist.
Wenn Liebe stirbt, bleibt nichts als Weh –
und Erinnerung, die das Herz zerreißt."
Dieses Madrigal ist ein glühendes Erinnerungsstück – eine Rückschau auf eine einst leidenschaftliche, nun erloschene Liebe. Die Sprache ist direkt und doch poetisch, voll kontrastreicher Bilder von brennender Glut und kalter Asche. Sigismondo d’India fängt diese emotionale Dialektik musikalisch in eindrucksvoller Weise ein: Zunächst lodert die Musik auf, mit raschen, erregten Figuren und enger Imitation. Im zweiten Teil bricht die Bewegung zusammen, die Harmonik wird schwer, dissonant und resigniert. Die Gegenüberstellung von Ekstase und Ernüchterung ist barocke Affektrhetorik in Reinform – und zugleich tief menschlich empfunden.
Track 16: „O rimembranza amara“
"O bittere Erinnerung,
die du in meiner Seele wie Gift wirkst,
warum kehrst du zurück in dunkler Stunde,
um mir den Frieden zu rauben?
Die Zeit, die einst so süß verging,
hat sich in Trauer und Weh gewandelt,
und was einst Glück war, ist nun Schmerz,
der mich Tag für Tag in Schweigen verzehrt."
Dieses abschließende Madrigal des dritten Buches ist ein eindringlicher Abgesang auf eine vergangene Liebe, in der sich Melancholie, Klage und Einsamkeit in stiller Bitterkeit vereinen. Die Erinnerung selbst wird hier zum Feind, zum Auslöser tiefer seelischer Qual. D’India vertont diesen Text mit einer zurückhaltenden, fast asketischen Ausdruckskraft. Die Polyphonie wirkt wie in sich gekehrt, mit gedämpften Spannungen, lang ausgehaltenen Dissonanzen und einem eindringlich langsamen Puls. Die Musik zieht sich wie ein Schleier über den Text – schmerzhaft schön, von einer Ruhe, die nicht tröstet, sondern eindringlich mahnt. Ein stiller, erschütternder Schluss eines grandios durchkomponierten Zyklus.
Track 17: „Donna, quanto più a dentro“
"Frau – je tiefer ich in euer schönes Angesicht blicke,
umso tiefer sinkt mein Herz in Liebesseufzern.
Eure Augen tragen in sich ein göttlich Feuer,
das in mir Hoffnung wie auch Furcht entfacht.
Ihr lächelt – und ich lebe;
ihr schweigt – und ich vergehe.
So groß ist eure Macht über mich,
dass selbst mein Wille sich euch ergeben muss."
Dieses Madrigal ist ein Hohelied auf die feminine Macht der Schönheit – und zugleich eine Darstellung emotionaler Unterwerfung. Der Blick der Frau wirkt wie ein Spiegel der inneren Bewegung: Hoffnung und Furcht, Leben und Vergehen, alles hängt am feinsten Ausdruck des geliebten Gegenübers. Sigismondo d’India formt aus dieser Spannung ein Werk von großer Expressivität: Vor allem im Wechselspiel von Licht (bei den Blicken) und Schatten (beim Verstummen) entfaltet er eine nuancierte Dynamik, unterstützt durch chromatische Linienführung und expressive Dissonanzen. Das Madrigal wirkt wie ein musikalisches Zwiegespräch – zwischen Sehnsucht und Ergebung, zwischen Ideal und Schmerz.
Track 18: „Dovrò dunque morire“
"Muss ich also sterben,
ohne dass euer Herz Mitleid mit mir hat?
Werde ich, ohne Trost, ohne Hoffnung,
in eurer Grausamkeit zugrunde gehen?
Ach, wie schrecklich ist das Los,
den Tod zu empfangen aus jener Hand,
die einst mit süßer Liebkosung
mein Leben mir schenkte!"
Dieses Madrigal bildet einen kraftvollen Höhepunkt im Zyklus – eine leidenschaftliche Todesklage, durchdrungen von Bitterkeit, Anklage und Resignation. Der Sprecher sieht sich dem Tod ausgeliefert, nicht durch Schicksal oder Krankheit, sondern durch die Grausamkeit der einst Geliebten. Sigismondo d’India gestaltet dieses Drama mit äußerster Intensität: dramatische Pausen, affektgeladene Rufe, zerrissene Linien und dichte Chromatik zeichnen das innere Aufbäumen nach. Besonders eindrücklich ist der Kontrast zwischen der süßen Erinnerung an zärtliche Zuwendung und dem jähen Sturz in den Abgrund der Verlassenheit. Ein erschütterndes, hoch expressives Madrigal – und ein eindrucksvoller Ausdruck barocker Liebestragik.
Track 19: „Non è di gentil core“
"Es zeugt nicht von edlem Herzen,
die Klage eines Liebenden zu verachten,
der euch in Treue sein Herz schenkte,
und Tag und Nacht in Seufzern vergeht.
Nein, solch kaltes Schweigen,
solch harter Blick steht euch nicht an,
ihr, die ihr einst so zärtlich wart,
Dieses Madrigal formuliert eine moralisch unterfütterte Anklage gegen Gleichgültigkeit und liebeskalte Grausamkeit. Der Sprecher klagt nicht bloß über persönlichen Schmerz, sondern erhebt seine Stimme im Namen der Gerechtigkeit der Liebe – wahre Noblesse, so der Subtext, zeigt sich im Mitleid. Sigismondo d’India verleiht dieser ethisch-emotionalen Spannung durch klare Deklamation und eine durchdringende Harmonik Ausdruck. Die Musik bewegt sich zwischen stiller Bitterkeit und zornigem Aufbegehren – ein Appell an das menschliche Gefühl, verdichtet in kunstvoller Polyphonie. Ein Stück, das emotionale Klage und moralisches Urteil meisterhaft vereint.
Track 20: „Indarno Febo“
"Vergeblich, Phoebus, entfaltest du dein goldnes Licht,
wenn meine Sonne sich vor mir verbirgt.
Du strahlst für alle – doch nicht für mich,
der ich in tiefer Finsternis vergehe.
Das wahre Licht meines Lebens
hat sich abgewandt in grausamer Kälte,
und selbst dein Glanz kann meine Nacht nicht lichten,
da mein Herz im Schatten ihrer Augen stirbt."
Dieses Schlussstück des dritten Madrigalbuchs ist ein meisterhaftes Spiel mit mythologischer Allegorie und persönlicher Klage. Der Sonnengott Phoebus (Apoll) spendet zwar Licht der Welt, doch dem Liebenden bleibt es dunkel – denn die wahre „Sonne“ ist die ferne Geliebte. D’India setzt diese raffinierte Bildsprache in bewegende Musik um: Mit wehmütiger Chromatik, erlesener Dissonanzbehandlung und einem klagenden Duktus entwirft er ein Klangbild innerer Verdunkelung. Die Gegenüberstellung von äußerem Glanz und innerem Dunkel wird nicht nur textlich, sondern auch musikalisch durch Kontraste zwischen lichten, offenen Passagen und gedrängten, chromatisch gefärbten Linien vollzogen. Ein melancholisches, elegisches Finale voller barocker Bildkraft und innerer Tiefe
Sigismondo d'India: Il terzo libro de madrigali á 5 voci