Beiträge von Chorknabe

    Das Stück ist durchaus wirkungsvoll, aber ich meine, die Grundidee der Streicher, lange Zeiten zu spielen über viele Takte hinweg, wobei darüber eine Stimme liegt, die dann die bewegte Melodie hat, ist auf die Chormusik nicht gut übertragbar. Das Stück ist nicht schwer, aber wir hatten ziemliche Probleme mit der Zählerei.


    Hier möchte ich widersprechen - zumindest teilweise. Ich gebe Dir recht: eine in derart lange Bögen gesetzte Musik ist für einen Chor eine sehr schwere Aufgabe. Hier gilt es nicht den vertrackten Rhythmus zu bezwingen, die Fuge mit vielen Kolleraturen zusammenzuhalten oder schwierige Töne zu erarbeiten. Das Problem sind die Phrasen die unseren Hör und vor allem Singgewohnheiten überhaupt nicht entsprechen. Man mag nun einwenden dass sich die typische Phrase in der Chormusik mehr oder weniger vom Atem des Sängers ableiten lässt - aber den Einwurf lasse ich nicht gelten. Ein guter Chor vermag es durchs chorische Atmen einen unablässigen Klangstrom zu produzieren - der dann aber auch noch mit Leben gefüllt werden muss. Und genau das ist die größte Hürde solcher Werke, insbesondere wenn an einer innigen oder dramatischen Stelle ein forte oder lauter gefordert ist (wie beim Barber beim Höhepunkt im letzten Drittel).


    Ich kann derartigen Werken - vorgetragen von einem hervorragenden Chor - sehr viel abgewinnen. Und es gibt in der Musikgeschichte auch nicht wenige Werke, die sich dieser Methoden bedienen. Bspw. die Chorwerke von Strauss ("Der Abend"), oder der sehr bekannten Adaption von "Komm süßer Tod" von Knut Nystedt. Bei Transkriptionen ist das Phänomen meist per se inkludiert weil Orchestrale Musik meist mit längeren Bögen arbeitet als es in der (unbegleiteten) Chormusik üblich ist.


    Übrigens: das Phänomen, dass der Chor ins straucheln kommt wenn viele extrem lang zu haltende Noten musiziert werden müssen ist weit verbreitet und wohl allen Chorsängern bekannt. Bei vielen Cantus-firmus-Messen von Josquin des Prez singt eine Stimme den Cantus firmus - und nicht selten extrem gedehnt so dass Töne viele Takte lang gehalten werden müssen während die anderen Stimmen kunstfertig ornamentieren. Es hilft nichts, man muss sich dieser Anforderung stellen - und wird dann mit einer wundervollen Musik belohnt die sich von vielen anderen Chorwerken abhebt.

    Ich bin ein großer Freund der Chormusik von Strauss - denn sie ist auf ihre Weise sehr ungewöhnlich. Die unglaublich langen Bögen und weit tragenden Phrasen lassen deutlich erkennen dass Strauss eher in der Welt des Orchesters zu Hause war. Aber es ist keinesfalls so dass seine Chorwerke dadurch an Wirkung oder Atmosphäre verlieren würden - das Gegenteil ist der Fall! Aber was hier dem aufführenden Chor (ohne instrumentale Begleitung) abverlangt wird ist enorm und wohl der wichtigste Grund dafür dass man Strauss-Chorwerke ausgesprochen selten im Konzert erleben darf. Im Grunde wagen sich nur Rundfunkchöre regelmäßig an diese Materie heran.


    Vor allem "Der Abend" von Strauss hat es mir angetan. Dieses Werk baut eine derart dichte Atmosphäre auf dass einem die Gänsehaut in Schauern den Rücken hinunter läuft. Dazu eine typisch spätromantische Üppigkeit der Hamronien die man nur als süffig bezeichnen kann. Nach 12 Minuten des Hörens ist man regelrecht trunken. Es gehört zu meinen absoluten Lieblingswerken für Chor.


    Natürlich habe ich viele Aufnahmen, auch die oben bereits vorgestellten. Die Einspielung mit dem RIAS-Kammerchor bspw. finde ich grundsolide und höre sie mir gern an. Hier folgend möchte noch weitere Aufnahmen kurz vorstellen:



    Bspw. jene mit dem Norddeutschen Figuralchor geleitet von J. Straube (für mich eine Einspielung die im Vergleich zu den anderen etwas abfällt):


    Oder hier mit dem Danish National Radio Chor unter Parkman.


    Sehr toll ist diese Co-Produktion vom französischen Kammerchor "Accentus" und dem großartigen Lettischen Rundfunkchor (den ich vor einigen Jahren hier vorgestellt habe):


    Aber eine Aufnahme sticht vor allen anderen heraus: das unvergleichliche SWR-Vokalensemble hat hier eine Aufnahme vorgelegt die an chorischem Vermögen und gleichzeitig musischer Intensität ihresgleichen sucht. Typische Profi-Chor-Allüren (wie zu starkes Vibrato, spitze weil viele reifere Soprane, mangelndes Gehör für den Nebenmann und damit eingehender Intonationstrübungen) hinter sich lassend trägt der Chor dieses Werk vor als wäre es eine Leichtigkeit. Die unendlich lang erscheinenden Bögen dieser Musik wird dargeboten als hätten die Sänger Luft für viele Minuten. Für mich eine unfassbar gute Einspielung die mich beim Hören immer wieder fast zu Tränen rühren kann.

    Lg, der Thomas. :hello:

    Hallo,


    ich möchte mal hier Musik etwas jüngeren Datums anbieten mit der ich zeigen möchte dass auch nach 1600 Chormusik allerhöchsten Anspruchs und Vollendung geschaffen wurde.


    Dieses Beispiel ist durchaus speziell weil Strauss hier ein Werk Chorwerk geschaffen hat welches ausgesprochen orchestral komponiert wurde. Aber es macht einen wichtigen Punkt für die Diskussion und den Vergleich zwischen begleiteter und unbegleiteter Chormusik etwas deutlicher: instrumentale Musik kann insbesondere bei langen Phrasen einen anhaltenden und satten Klang transportieren. Für einen Chor ist dies eine vielfach größere Herausforderung. Nicht zuletzt deswegen ist bei einer Chorsinfonie der Chor oft eher mit textlichem und das Orchester mit klanglichen Aufgaben betraut (ich habe das bewusst etwas überspitzt). Hier bei diesem Stück ist es nun anders: der Komponist fordert vom Chor im Grunde das was er in anderen ähnlichen Stücken vom Orchester abverlangt. Der stimmliche und allgemein chorische Anspruch ist daher so hoch dass im Grunde nur Chöre mit professionellen ausgebildeten Sänger dieses Stück angemessen musizieren können.


    Ob in diesem Beispiel von "Polyphonie" gesprochen werden darf möchte ich gern zur Diskussion stellen.


    Meine Lieblingsaufnahme mit dem SWR-Vokalensemble konnte ich leider nicht finden, daher nun diese (ebenfalls gute!) Aufnahme mit dem französischen Kammerchor "accentus" und dem wundervollen Lettischen Rundfunkchor:




    Lg, der Thomas. :hello:

    Warum müssen a-cappella-Werke Mendelssohns völlig anders musiziert werden?


    Ich möchte hier gern noch einmal etwas zur (berechtigten) Hinterfragung meiner These schreiben.


    Zunächst: die alte und wohl nie zu Ende zu führende Diskussion "Wie wurde die Musik damals aufgeführt?" möchte ich hier beiseite lassen. ich stütze mich eher auf persönliche aufführungspraktische Erfahrungen die eher von klang-ästhetischer Natur sind.


    Ich schrieb dass vokalplyphoner Musik der Renaisance anders funktioniert als Musik der Zeit danach. Praktisch - also sängerisch bzw. interpretatorisch - hat das zur Folge dass ein aufführendes Ensemble anderes an ein entsprechendes Werk herangehen muss als es bspw von einer Bachmotette oder Volksliedern gewohnt ist. Dies liegt hauptsächlich am Aufbau der Musik: von einander unabhängige aber gleichberechtigte (polyphon!) und in eher langen Bögen geführte Stimmen die sich umspielen und damit ein heterogen pulsierendes Klanggeflecht ergeben. In der Aufführungspraxis haben sich dabei einige klang- bzw. stimmästetische Mittel bewährt auf die ich kurz eingehen möchte.


    Keine Akzente: Akzente tendieren dazu einzelne Noten über Gebühr zu betonen und damit den langbogigen Phrasenfluss zu zerhacken. Daher sollte auf Akzente verzichtet werden. Sollen einzelne Noten im Sinne des Phrasenhöhepunktes (meist das wichtigste wort oder Wortsilbe der Phrase!) betont werden dann wird dies eher durch An- un Abschwelle - also maximal ein Art "portato" realisiert.


    Kein Vibrato: Auch ein Vibrato zerhackt die Linie, führt aber auch dazu dass die Stimmen durch diffuse Intonation weniger prägnant ineinander greifen. Außerdem nimmt das Vibrato einem langen Ton die Spannung - bei einer Musik die durch lange Vorhalte oder Querstände ihre Spannung und damit den Aufbau von kleinen Höhepunkten erzielt heher nachteilig.


    Keine stehenden Töne: Eigentlich ein allgemeines Grund-Prinzip das für jede Stilepoche angewendet werden kann. Die alten Vokalpolyphonie besteht nun aber aus ausgesprochen vielen lang gehaltenen Noten - und ist dadurch ausgesprochen anfällig für die Unart des "Festhaltens" von Tönen. Dadurch wird dem Ton und damit der Linie die Leichtigkeit und Beweglichkeit genommen wodurch Langeweile aufkommt und ein homogenes Pulsieren der Musik nicht aufkommen kann.


    Prinzip Kaugummi: Wir sind aus der Musik ab dem Barock eher gewöhnt Phrasen zu belüften um eine gewisse Lockerheit und Leichtigkeit zu erreichen. Gutes Beispiel dafür sind die barock-typischen Koloraturen. Nicht so bei alter Musik- hier gilt das Prinzip des "Ziehens wie Kaugummi" Praktisch heißt das die gesamte Phrase am Ton zu bleiben - dabei aber keine stehenden Töne zu produzieren. Dieses Ziehen ist notwendig um der Musik ihren weit tragenden Charakter zu verleihen. Schafft man das nicht dann scheint die Musik in Einzelstimmen zu zerfallen.


    Heller Stimm-Klang: das von englischen Chören bekannte Klangideal der sehr hell geführten Stimmen passt ausgesprochen gut zur alten Musik. Durch die helle Stimmführung entsteht ein sehr reiches und intensives Oberton-Spektrum was wiederum ausgesprochen wichtig für Intonation im Ensemble ist. In einer Musik die nur aus wenigen Grundklang-fremden Tönen besteht ist es eminent dass die Dreiklangstöne sehr präzise einrasten. Dazu muss man sich zudem von der gleichstufigen Stimmung verabschieden und wirklich reine Quinten intonieren, bzw. Dur-Terzen eher tief und Moll-Terzen eher hoch ansetzen. Erreicht man dies dann greift plötzlich alles klanglich ineinander und zusammen mit der Raumakkustik strahlt der Chorklang als ganzes.



    Um nun abschließend auf Deine Gegenfrage zurückzukommen: man kann mit diesen oben benannten Stilmitteln auch einen Mozart oder Mendelssohn singen - aber dann klingen sie anders als gewohnt und mitunter tut man dem Werk neueren Datums nichts gutes damit. Bei romantischer Musik von Brahms oder Mendelssohn passen diese ästhetischen Stilmittel der alten Musik (wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann) sehr gut. Bei Mozart oder Bach gilt das eher nicht - hier führen bspw. das "Kaugummi-Ziehen" bzw. das Verzichten auf Akzente in die Irre.


    Noch wichtiger aber ist eine andere Feststellung: das chorstimmliche Ideal in Deutschland ist eben nicht jenes welches ich oben beschrieb. Professionelle Sänger werden vom Gesangsstudium eher von Bach, Mozart etc geprägt und müssen sich die Gesangstechniken für alte Musik später hart erarbeiten. Bei Laiensängern in Chören verhält sich das im Grunde gleich. Insofern ist die Frage (warum man einen Mendelssohn nicht so wie alte Musik musizieren kann) nicht wirklich relevant - eben weil es ausgesprochen wenige Ensembles gibt die über die entsprechende Ausbildung bzw. Erfahrung verfügen.

    wie es der Zufall so will: Heute ab 20 Uhr gab es auf BR-Klassik einen 2-stündigen Interpretationsvergleich der Missa Papae Marcelli (als A-Cappella-Messe deklariert), den ich mir natürlich ganz angehört habe. (Die Sendung kann 7 Tage lang auf BR-Klassik nachgehört werden.)


    Je länger ich zugehört habe, mit umso größerem Erstaunen konnte ich feststellten, dass ich die von Chorknabe und mir hier geposteten Meinungen fast vollständig bestätigt finden konnte und zwar in den Wortbeiträgen, noch mehr aber in den Musikbeispielen (für mich hat BR-Klassik schon Kompetenz). Auch alle von mir genannten Probleme, Schwierigkeiten, Besonderheiten waren in den Aufnahmen zu hören.


    Ich danke Dir zunächst sehr für den Hinweis, diese Sendung wäre sonst völlig an mir vorüber gegangen.! :thumbup:


    Ich habe wegen Zeitmangels bislang nur etwa die halbe Sendung verfolgen können (ich habe eine Privatkopie angefertigt damit ich nicht auf die vergängliche online-Verfügbarkeit angewiesen bin), aber schon jetzt kann ich nachvollziehen was Du meinst. Die Unterschiede zwischen den Einspielungen sind teils riesig, teils eher fein - in jedem Fall aber hochspannend. Sie bilden nicht nur zeitliche Auffassungsunterschiede in der Interpretation ab sondern auch stimmliche und kulturelle Unterschiede ab. Wenn ich die Sendung noch einmal komplett durchgehört habe schreibe ich gern noch einmal genaueres zu meinen Gedanken hierzu.


    In jedem Fall bin ich durch die Sendung auf hier bereits angerissene Argumente gestoßen die ich in einem weiteren Beitrag gern genauer betrachten möchte.


    Lg, der Thomas. :hello:

    Eigentlich ist es genau das was ich der Klassik "vorwerfe" - das fehlen von Chorwerken ohne orchestrale/instrumentale Beteiligung. Ich möchte mich da nicht zu sehr auf die Renaisance zurückziehen, denn auch die Romantik, Moderne und Postmoderne wartet ja mit einem schier unerschöpflichen Fundus an choraler Musik auf.

    Im Grunde hast Du natürlich recht. Vorwürfe sind unangebracht, denn es gab historische Gründe warum diese ohne jene musikalische Gattung in einer bestimmten Epoche eher links liegen gelassen wurde oder im Gegenteil eine Blüte erfahren hat. Ich denke wir sind hier im Thread zu diesem Thema gelangt weil einige Forenten darauf verwiesen haben dass auch die Epoche der Klassik tolle Chorwerke hervorgebracht hat. Und hier muss man einfach sagen: das stimmt so leider nicht - wenn man denn dazu schreibt dass man sich ausschließlich auf acapella-Chormusik bezieht.



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    Da bin ich mir zum einen nicht so sicher, weil es sehr viele Chöre (freilich unterschiedlicher Qualität) und entsprechende Konzerte gibt, so dass hier oft Hörer erreicht werden, die gar nicht ins Sinfoniekonzert gehen. (Meine Mutter geht zB weit eher in ein Chorkonzert als zum Sinfoniekonzert). Zum anderen hast Du sicher nicht unrecht, dass es sich hier um eine Nische bzw. eine Lücke vieler Klassikhörer handelt. Es gibt aber auch Klassikhörer, die hören fast keine (oder fast nur) Oper, manche hören kaum Klaviermusik, viele so gut wie keine Kammermusik, manche hassen Kunstlieder usw.

    Ich habe unzählige Chorkonzerte selbst gestaltet und mich sehr viel mit Besuchern dieser Konzerte unterhalten. Mein Eindruck ist, dass der typische Chorkonzert-Besucher eher nicht zu dem Klassik-Liebhaber zählt. Wieso dies so ist vermag ich nicht zusagen. Möglicherweise spricht die Chormusik schlicht ein anderes Publikum an als die instrumentale Musik im Konzertsaal etc. Vielleicht liegt es sogar am Aufführungs-Ort selbst: viele Chorkonzerte (vielleicht sogar die Mehrzahl) finden in Kirchen und nicht in den (großen) Konzertsäalen statt. Kann es sein dass allein dadurch ein anderes Publikum angesprochen wird?



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    Komischerweise kommen aber etliche Poster anscheinend nicht ohne diese Vergleiche aus bzw. eben die beständigen Behauptungen, wie uninteressant doch zB chorsinfonische Werke von Mozart oder Beethoven im Vergleich zu der "richtigen" Chormusik seien. Das ist, wie ich oben mit meinem Haydn-Quartett vs. Strauss-Tondichtung zeigen wollte, keine besonders fruchtbare "Werbung".
    Man kann ja bedauern, dass bestimmte Musik von manchen Hörern ignoriert wird. Aber wenn Du sagst, Dir "blutet das Herz", wenn jemand Mozarts Requiem als liebstes Chorwerk nennt, klingt das erstmal ziemlich seltsam und es eben erstmal eine Abwertung dieses Hörers, der dadurch einer Palestrina-Messe kein bißchen näher kommt. Eher verstärkt es den Eindruck der esoterisch-elitären "Vokalpolyphoniker", die nur eine Art Musik gelten lassen.

    Das was Du beschreibst trifft bestimmt zu einem gewissen Teil zu. Lamorianz und störrisches Beharren ist keine gute Einladung für andere sich doch endlich mal mit dieser oder jenen "total tollen Musik" zu befassen. Mit solchen Bemerkungen und Zwischentönen sind wir sozusagen keine guten Werber in eigener Sache.
    Ich möchte hier noch einmal schreiben dass ich Chorsinfonik nicht herabsetzen möchte. Diese Musik hat ihre Berechtigung und ihre ganz eigene Wirkung, und die Musikgeschichte hat sehr viele ganz großartige Werke hervorgebracht. Aber es ist nur eine von noch vielen anderen nebenher existierenden Facetten der Chormusik. Wenn ich schreibe dass "mir das Herz blutet" dann beschreibe ich damit meinen Eindruck, dass der Klassik-Liebhaber auf den fest ausgebauten Wegen der Chormusik wandelt und all die vielen Perlen links und rechts unbeachtet lässt. Mir erscheint diese Rezeption von Chormusik schlicht etwas eindimensional. Aber so ergeht es wohl jedem Spezialisten. Ich kann bspw. zum Thema Streichquartett wirklich gar nichts beitragen - und in meiner ca 600 CDs umfassenden Sammlung findet sich keine einzige Scheibe mit Streichmusik. Bei dieser Aussage wird bestimmt dem ein oder anderen Streichquartett-Liebhaber das Herz bluten..


    Lg, der Thomas. :hello:

    Thomas, ein klein wenig drängst du mich nun in die Verteidigungsposition. Denn ich habe in meinen letzten Statements genau dieses ausdrücken wollen: dass man die praebarocke (vokal)polyphone Musik nicht mit der Chormusik nach 1600 vergleichen kann.

    Zunächst eine kleine Entschuldigung wenn ich etwas zu forsch argumentiere. In die Ecke drängen wollte und möchte ich Dich natürlich nicht!


    Ob gar kein Vergleich der polyphonen Musik eines Tallis und co mit späteren Chorwerken möglich ist möchte ich nicht so sehen. Chorwerke der Romantik und später sind sicher nicht durchgehend vom polyphonen Charakter geprägt - aber sie haben die Gemeinsamkeit dass sich jegliches Musik nur durch die Kraft der Chorstimmen entfaltet.



    D.h. man soll jetzt Renaissance a cappella nicht mit "Chorsinfonik", sondern mit a cappella Musik der Klassik vergleichen? Da ist man schnell fertig, denn die gibt es ja nicht. (Eine riesige Basstrommel wirst Du bei Haydn, Mozart oder Brahms übrigens nicht finden.)

    Eigentlich ist es genau das was ich der Klassik "vorwerfe" - das fehlen von Chorwerken ohne orchestrale/instrumentale Beteiligung. Ich möchte mich da nicht zu sehr auf die Renaisance zurückziehen, denn auch die Romantik, Moderne und Postmoderne wartet ja mit einem schier unerschöpflichen Fundus an choraler Musik auf. Das die Basstrommel ein Instrument der Romantik (und folgende Epochen) ist ist mir natürlich bewusst.



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    Hier hast Du die Unterschiede und Unvergleichbarkeit schön erklärt. Nur leider wird das folgende dann nicht ganz schlüssig, denn hier [..] vergleichst Du doch schon wieder, und anders als oben, nicht rational, sondern emotional und würdigst zB Mozart und Haydns geistliche Musik klar herab (und implizit die tumben Hörer, die die "richtige" Chormusik nicht angemessen würdigen). Ich verstehe die Logik dahinter nicht. Warum ist man, wenn man die Unterschiede klar vor Augen hat, "automatisch" für das eine verdorben, sofern man das andere kennt? Ich bin doch auch nicht für Cembalowerke Bachs verdorben, wenn ich zB Prokofieffs Klaviersonaten mit ganz anderem Klang, anderen Zielsetzungen usw. schätze (oder umgekehrt).
    Oder ist das alles nur übertriebene Rhetorik, weil man meint, ein bestimmtes Corpus (das einem selbst sehr nahe steht) sei allgemein nicht ausreichend bekannt und geschätzt? So wie wenn ich überspitzt sagen würde, dass die Leute doch endlich mal Haydn-Quartette hören sollen, denn wie sie einmal diese Feinheiten schätzen würden, wären sie für das Tschingderassa von Tschaikowsky oder Richard Strauss für immer verdorben... ;)

    Vielleicht sehe ich das ganz Thema etwas zu emotional (es ist bei Musik aber auch schwer die emotionale Komponente außen vor zu lassen..), diesen Kritikpunkt nehme ich mir gern an. Mit Sicherheit spielt hier auch sehr stark hinein dass ich selbst Musiker im acapella-Chor bin und dieses mein Genre entsprechend leidenschaftlich vertreten möchte. Insofern triffst Du mit Deinen letzten Bemerkungen durchaus in Schwarze. ;)


    Es ist mir jedoch wichtig auf den Umstand hinzuweisen dass es (nach meinem Empfinden) ein krasses Ungleichgewicht in der Wahrnehmung von Werken für/mit Chor gibt. Um es überspitzt auszudrücken: Chorwerke ohne Orchester/Instrumente findet in den Köpfen vieler Klassik-Liebhaber kaum bis gar nicht statt. Dabei ist (das mag etwas überhöht klingen) aus Sicht des Musizierenden ohne Frage der acapella-Chor die hohe Schule des Chorgesangs. Mir ist bewusst dass ich als Liebhaber von Chormusik ein "Spezialist" bin und mir eine weit abgelegene dunkle Nische in dem riesigen Spektrum der klassischen Musik gesucht habe. Auf der anderen Seite gibt es eine gigantische Anzahl von acapella Chorwerken aus nunmehr 600 (oder noch mehr?) Jahrhunderten. So klein ist diese Nische also formal betrachtet nicht.


    Um aber noch einmal zum Ausgangspunkt zurückzukehren: ein direkter Vergleich von Chorwerken mit orchestraler Begleitung mit Werken für acapella-Chor ist nicht gewagt und aus meiner Sicht nicht auf Augenhöhe möglich - sie sind einfach zu unterschiedlich. Da es hier im Thread insbesondere um Vokalpolyphony geht ist die Bemerkung des Fehlens entsprechender Literatur aus der Epoche der Klassik nicht fehl am Platz.


    Lg, der Thomas.

    Hallo,


    Doch ich kann nicht bestätigen, dass nicht auch spätere Chormusik monumentale Kraft entfalten kann. Bach als Solitären Einzelfall würde ich aus dieser Diskussion ausklammern. Dass man Mozarts Salzburger Kirchenkompositiönchen als Ausnahmeerscheinungen sieht, ist wohl auch eher die Ausnahme ;). Jedoch entfaltet die Chormusik beispielsweise eines Joseph Haydn (und hier meine ich nicht unbedingt die Oratorien sondern auch und vor allem seine Messen) oder so manch anderer (spät)barocker oder klassischer Komponisten (Zelenka getraue ich mir hier aus Gründen der Voreingenommenheit kaum zu nennen) eine Klangfülle und Kraft, die man durchaus mit großen polyphonen Werken vergleichen kann, wenn auch in gänzlich anderem Charakter.


    als ich Deinen Beitrag las musste ich die ganze Zeit denken: "Aber das kann man doch gar nicht vergleichen!" Was meine ich damit: um es kurz zumachen - Du vergleichst acapella-Chorwerke mit Chorsinfonik. Ohne Frage kann chorsinfonische Musik eine enorme Kraft entfalten. Das liegt aber nicht nur am Chorpart sondern auch und vor allem an den "begleitenden" Instrumenten. Volles Blech, Basstrommel und eine rießige Streicher-Phalanx drück eben ganz schön rein. Gibt es aber keine Instrumente so muss der Chor allein den nicht selten sehr großen Aufführungsraum mit Klang füllen. Und genau hier sehe ich die Lücke in der Epoche der Klassik.


    Ich habe nicht zuletzt hier im Forum die Erfahrung gemacht dass viele die von "Chormusik" schreiben eigentlich "Chorsinfonik" meinen (das kann man bspw. in den Threads mit dem Thema "Liebstes Chorwerk" etc. gut beobachten). Für mich als hobbyistischer Sänger mit nicht wenig Literaturerfahrung ist aber die Chorsinfonik etwas ganz anderes als acapella-Chormusik. Mal abgesehen von den deutlich anspruchsvolleren Anforderungen an den Chor klingt die Musik einfach, wie ich meine, völlig anders. Ein guter Chor bspw. intoniert nicht in gleichstufiger (Klavier!) Stimmung sondern eher in reiner Stimmung: Quarten und Quinten sind wirklich rein (sie "rasten regelrecht ein", Moll- und Dur-Terzen sind einander angenähert und nicht zu klein /zu groß wie auf dem Klavier. Leit- und Gleittöne sind je nach Bedarf eher hoch oder tief angesetzt. Das ganze ergibt einen schärferen und vor allem klareren Klang als wenn die Musik mit "Klavier-Stimmung" intoniert wird. Aber auch die Sprache wirkt acapella anders. Hier übernehmen bspw. die Konsonanten (vor allem Explosiv- und Zischlaute) die Funktion der Perkussions-Instrumente. Man kann sicher noch viele weitere Unterschiede finden. Das mag jetzt alles etwas technisch klingen (was es sicherlich auch ist) - aber am Ende entstehen durch diese Unterschiede ein ganz anderer klanglicher Eindruck den durch Orchester begleitete Musik nicht erreichen kann.


    Ich möchte Chorsinfonische Musik nicht herabwürdigen, im Gegenteil mag ich sie sehr und durfte auch selbst schon in vielen Werken selbst als Musiker mitwirken. Aber mir - als jemand der acapella-Chormusik über alles liebt - blutet jedes mal das Herz wenn Klassik-Liebhaber schreiben, sie mögen Chormusik wie das Mozart-Requiem oder eine Haydn-Messe. Die Welt der unbegleiteten Chormusik ist so unglaublich viel größer, reicher und erwähnungswerter als die üblichen chorsinfonischen Verdächtigen..


    Lg, der Thomas. :hello:

    [..]
    Jetzt kommt, was ich persönlich so empfinde und manchem hier im Forum als anstößig erscheint. Die polyphone Musik macht einen in der Tat unempfänglich gegenüber der Klassik. Nach dem Palestrina haben wir z.B. die Krönungsmesse und das Requiem von Mozart gesungen, und beides hat mich gelangweilt. Es sind tolle Werke, aber für mich als Chortenor zu leicht und bloße Füllstimmen. Die Klassik, etwa Haydn und Beethoven, ist für mich als Chorsänger unergiebig.


    Mir geht das ganz genauso. Warum kann ich nicht sagen,aber ich erlebe es immer wieder: die Epoche der Klassik lässt mich ratlos und unbeseelt zurück. Je weiter ich mich von der Klassik entferne umso spannender wird es für mich. Barock ist für mich als Zuhörer nicht so spannend wie als Sänger. Renaisance-Musik dagegen ergreift mich sofort. Auf der anderen Seite die Romantik die ich durchaus sehr mag, aber richtig spannend wird es für mich erst in der Spätromantik, Moderne und Postmoderne. Ob das daran liegen mag dass viele Chorwerke der Klassik für Chorsänger wenig ergiebig sein mögen kann ich nicht recht sagen. Es hat sicher auch etwas damit zu tun dass für mich die Chormusik dort anfängt wo Instrumente aufhören zu spielen - also a capella. Und da ist mir ausgesprochen wenig Literatur aus der Epoche der Klassik bekannt.


    Lg, der Thomas. :hello:

    Ein herzliches Hallo in die Runde. Ich war schon eine ganze Weile nicht mehr hier im Forum aktiv, aber nicht zuletzt dieser Thread hat mich bewogen hier wieder einmal vorbei zuschauen. :hello:



    Ich möchte etwas zu diesem Thema und zur Grundfrage beitragen - allerdings nicht aus Sicht des Zuhörers sondern des Musikers.


    Aber zunächst zum Zuhörer: Das Publikum hört bei diesen Stücken im Konzert motiviert, aber oft etwas ratlos zu. Sie mögen durchaus den Chorklang, die Harmonie oder die Akustik des sakralen Raums welche diese Musik besonders eindrucksvoll zu unterstützen scheint. Aber meist verlieren sie sich im Stück und wachen am Ende wieder auf. Am Ende des Konzerts ist es häufig so dass dem Zuhörer diese Stücke am wenigsten in Erinnerung geblieben sind. "Irgendwie schön" - aber der persönliche Zugang fehlte.


    Nun schauen wir auf die andere Seite - das aufführende Ensemble (ich gehe hier stets von a capella Vokalensembles aus). Renaisance-Musik scheint zunächst leicht zu bewältigen zu sein. Tonal scheint sie nicht außerordentlich anspruchsvoll zu sein, bewegt sie sich doch immer im Rahmen der gewählten Tonart. Schwerer (aber nicht zu schwer) ist der nicht selten vertrackte Rhythmus welcher dem gewohnten taktweisen Empfinden entgegensteht. Daher meinen viele Ensembles und Chorleiter dass eine Motette von Josquin des Prez oder Thomas Tallis für einen Laien-Chor "gut machbar" ist. Aber genau das ist ein Trugschluss der zu sehr vielen konzertanten Aufführungen führt in denen polyphone vokale Renaisance-Musik vor allem eines ist - irgendwie langweilig.


    Auch aus Sicht des Musikers ist alte Musik zunächst irgendwie sperrig. Man müht sich und gibt sein bestes - aber irgendwie bleibt die Musik trotz perfekt geprobten Tönen usw. ohne Glanz und Feuer.


    Das liegt daran das diese Musik völlig anders musiziert werden muss als bspw. Mendelssohn oder Mozart. Die Musizier-Prinzipien unterscheiden sich wesentlich von unserem romantisch geprägten Empfinden wie Musik zu musizieren sei - und genau das ist ein Grundproblem. Wendet man romantische Stilmittel auf Tallis & co an dann passiert genau das was ich oben beschrieb - die Musik klingt langweilig und man schafft es einfach nicht einen Zugang zu ihr zu bekommen - emotional aber auch eben musikalisch.


    Hat man das Glück einen versierten Chorleiter vor sich zu haben, kann etwas wundervolles mit dieser Musik passieren. Sie blüht plötzlich auf, wird spannend, geht tief hinein in die Seele - und ist sehr spannend. Es braucht aber nicht nur einen versierten Ensemble-Leiter sondern auch ein erfahrenes Ensemble. Ein Leiter kann sehr viel vom Ensemble fordern, aber die Umsetzung ist viel schwerer als man es sich allgemein vorstellt. Musikalisches Empfinden ist ein Ding was jedem Menschen (der Musik hört und/oder selbst macht) zutiefst zueigen ist; absolut individuell und vom kleinsten Kindesalter gewachsen. Und hier sind wir alle im Grunde von eher romantisch geprägter Musik umgeben. Auch und vor allem Musik der Pop-Musik funktioniert basiert wesentlich auf den romantischen Musizier-Prinzipien, und genau deswegen steckt unsere Gewöhnung daran so sehr tief in den Knochen. Und weil unser Empfinden so gewachsen ist musizieren wir auch dementsprechend. Es braucht daher sehr viel Übung und Praxis um neue musikalische Mittel nicht nur zu lernen sondern vor allem zu verinnerlichen. Erst wenn sich ein tiefes Grundempfinden für diese Musik - die nun 500 Jahre alt ist - eingestellt hat ist ein Sänger fähig die Vorgaben des Ensemble-Leiters wirklich zu verstehen und umzusetzen.


    Und plötzlich ist der persönliche Bezug da, nicht nur für den Musiker selbst sondern vor allem für das Publikum. Konzertbesucher kommen nach dem Konzert und bedanken sich, drücken ihre innere Ergriffenheit aus, konnten die Musik genießen. Erlebt man eine solche Aufführung ist das ein beglückender Moment da man plötzlich eine Musik aktiv genießen kann die vorher "nur" irgendwie schön aber nicht eindrücklich war. Als Musiker ist dieses Empfinden sehr viel stärker weil man beim Musizieren die ganze Leidenschaft und Seele in die Aufführung steckt.



    Ich hoffe ich konnte die Diskussion hier um neue Aspekte bereichern :)



    Um meinen persönlichen Bezug zum Thema hier kurz abzureißen: seit meiner Jugend bin ich ein begeisterter und ambitionierter Chorsänger und durfte in mehr als 20 Jahren in vielen Ensembles mitwirken, viele Chorleiter erleben, zahllose Vokalwerke kennenlernen. Seit einigen Jahren singe ich im Vokalensemble "Kammerchor Josquin des Préz", in dem wir (wie es der Ensemble-Name vermuten lässt) sehr viel alte Musik - vor allem aber Werke von Josquin des Préz - aufführen. Glaubte ich zuvor "schon alles gesungen zu haben" so musste (und durfte!) ich dort lernen dass mir eine ganze musikalische Welt bislang völlig verborgen geblieben war. Das hat sich aber nicht nur auf meine "Tätigkeit" als Musiker ausgewirkt sondern auch auf meine Leidenschaft für a capella Chormusik allgemein (und damit als Zuhörer). Seit dieser Zeit ist meine bereits damals schon ansehliche CD-Sammlung von Chormusik deutlich gewachsen, vor allem im Bereich der alten Musik.


    Hier eine CD-Aufnahme vom Kammerchor Josquin des Préz (bei der ich selbst mitgewirkt habe).



    Liebe Grüße, der Thomas. :hello:

    Der Chorknabe meldet sich nach langer Abstinenz mal wieder zurück :)


    Bei mir laufen in den letzten Tagen ständig diese beiden CDs:



    Beides Chormusik teilweise mit orgel nach guter alter englischer Tradition. Der Trinity College Choir Cambridge gehört zu den besten ensembles der Insel überhaupt. Die Aufnahmen sind beide grandios, auch aufnahmetechnisch. endlich mal Aufnahmen in denen die Orgel so richtig brummt und das Brustbein kitzelt. empfehlung! :)


    Grüße, der Thomas. :hello:

    Nach langer Abstinenz möchte ich wieder mal zwei CDs vorstellen:



    Wer Distler mag und schätzt sollte sich mit dieser Aufnahme beschäftigen. Die beiden Ensembles klingen wirklich toll, extrem gute Intonation, ein wundervoll flexibler Chorklang. Die Tempi sehr frisch und variabel, die Dynamik voll ausgeschöpft. Große Klasse und eine Empfehlung auch für anspruchsvolle Chormusik-Liebhaber!


    Dieses Ensemble ist ein echter Spezialist was alte Musik angeht. Tja, die Briten haben das irgendwie drauf. Sehr homogener Sound und vor allem wundervoll empfundene Linien. Die Musik fließt und entfalltet so ihre einzigartige Wirkung. Undbedingt reinhören!

    Lg, der Thomas. :hello:

    [..]
    Mir kam es darauf an, das Werk völlig entspannt und ohne jeglichen Zeitdruck zu erleben. Das gelingt mir mit der CD von Bang on a Can schon recht gut.


    Dann empfehle ich ganz klar die Einspielung mit dem Ictus-Emsemble. Die Musiker nehmen sich nicht nur viel Zeit, das Stück ruht nicht zuletzt auch durch die Art und Weise des Musizierens sehr in sich, ist dennoch aber spannungsgeladen.


    Liebe Grüße, der Thomas. :hello:

    Nach langer Abstinenz hier im Forum antworte ich mal auf diesen Beitrag:


    Andererseits: Ist das klassische Musik?

    Das Werk ist sicher im Grenzbereich anzusiedeln, aber aus meiner Sicht ist es ganz klar klassische Musik.



    Zitat

    Ich muss zugeben, dass ich die Technik dieser Komposition nicht verstehe. Ich habe das gesehen, was man die Partitur nennen würde. Es sagt mir nichts. Ich habe 3 oder 4 verschiedene Aufnahmen gehört und das hat meinem Verständnis nicht wirklich geholfen. Allein, dass man das Stück einerseits in knapp 10 Minuten packen kann, aber auch gern mal fast eine Stunde spielen kann, finde ich verstörend. Geht es hier um reine Improvisation? Doch bestimmt nicht. Riley hat ja etwas komponiert.

    Es gibt zahllose Werke in der Musikgeschichte, in denen der Ablauf eines Musikstücks oder zumindest einer gewissen Phrase nicht exakt festgelegt ist. Oft sind es Passagen an denen Musiker bei frei gewähltem Tempo eine Phrase stetig wiederholen, in denen Chorsänger eine Textpssage frei deklamieren, Geräusche machen, Atmosphäre schaffen. Es ist also nicht ungewöhnlich, dem Musiker Raum für eigenes Gefühl und Improvisation zu schaffen. Eben das ist bei "In C" grundlegend umgesetzt. Das spannende ist dass dieses doch sehr lichte Korsett aus Regeln bzw. Anleitung (wenn man es mit einer echten Partitur vergleicht) nicht zu Chaos auf der Bühne führt sondern dass die Organisation und Musik mehr oder weniger von allein entsteht.



    Zitat

    Leider sind die CDs durchweg sehr teuer und m.W. auch selten. Man muss schon etwas Glück haben. Bei Youtube gibt es ein paar Aufnahmen. Aber auch da muss man schon sehr suchen.
    Mich würde interessieren: Was denkt ihr über dieses Stück? Weiß jemand, wie die Komposition funktioniert? Wie vergleicht man die verschiedenen Versionen?

    Bestimmt hast Du meinen Beitrag zu "In C" nicht gelesen, dort habe ich viel zum Werk als zu den Einspielungen (die meisten davon zu normalen CD-Preisen zu erwerben) geschrieben. Ich habe letzten Endes für mich verglichen, wie die verschiedenen Einspielungen auf mich wirken. Ich mag den hypnotisch treibenden Charakter der Musik, und der sollte bei der Aufführung genügend beachtet werden.


    Lg, der Thomas. :hello:

    Nun habe ich die Aufnahme Capitolo Novo des Kammerchors "Les cris de Paris" bei einem der Werbepartner zu einem beschämend tiefen Preis gefunden. Zugreifen!


    Ich danke Dir vielmals für diese Empfehlung! Das besondere ist aber die Literatur die der Chor singt: extrem unbekannte moderne Chormusik, die mal nicht im doch eher gefälligen Whitacre-Lauridsen-Stil daherkommt sondern für den Zuhörer wundervolle spannende Stellen als auch Überraschungen bereit hält. Ich hab die CD sehr genossen.


    Aufmerksam geworden auf diesen mir bisher unbekannten Chor habe ich recherchiert und mir diese CD ebvenfalls bestellt:



    Was soll ich sagen - diese CD ist für mich eine echte Entdeckung. Einige Stücke darauf sind absolut fantastisch, wenngleich der Zugang etwas sperrig ist.


    Liebe Grüße, der Thomas :hello:

    Bitte nicht falsch verstehen: ich gönne jedem die Begeisterung darüber, dass es heute wieder Komponisten gibt, die für jedermann verständlich komponieren. Und für die Chöre ist die Singbarkeit super: "Auch wir haben "moderne" Komponisten im Repertoire!" Mich persönlich lässt Whitacre nach dem x-ten Stück dann doch schnell eher kalt. Ich finde ihn aber auch nicht besonders repräsentativ für die großbritische Chortradition, zum Glück.


    Ich verstehe was Du meinst. Richtig modern sind seine Werke nicht, sie gehören auf jeden Fall in den Bereich "Postmoderne" (so man diesen begriff denn zu benutzen geneigt ist). Fakt ist aber, dass die Stücke bei den Chorsängern extrem beliebt sind - und das halte ich für bemerkenswert.


    Whitacre ist übrigens Amerikaner, kann also nicht zur englischen Chortradition gezählt werden. Hier mischen andere Komponisten mit wie Rutter, Tavener, MacMillan, Bryars etc..


    Liebe Grüße, der Thomas. :hello:

    [..]
    Und Polyphony beweist sich mal wieder als Superchor. Tolle CD !!


    Die CD "Cloudburst" halte ich für eine der besten die Polyphony augfgenommen hat. Es ist eine ausgesprochene Kopfhörer-CD, sie wirkt dann noch geschlossener, noch präziser, noch ausgefeilter.


    Eric Whitacre als Komponist hat sich übrigens mittlerweile zu einem wenn nicht dem Superstar der Chorszene entwickelt. Der Begriff ist durchaus nicht übertrieben. Seine Stücke werden weltweit von unzähligen Chören mit heißer Inbrunst gesungen, die Werke sind extrem beliebt - bei Zuhörern aber auch beim Publikum. Die Tonsprache ist schon irgendwie (post)modern, aber irgendwie extrem weich und dadurch sehr gefällig. Dazu kommt dass er ein sehr charsimatischer Mensch mit smartem Aussehen ist und in Seminaren wie Konzerten die Leute für sich (und seine Musik) einzunehmen versteht.


    Ich selbst hatte vor kurzem die Gelegenheit das stück "Cloudburst" im Konzert zu singen - es war ein tolles Erlebnis! Die Komposition baut eine ungeheure Spannung auf welche für das Publikum unmittelbar greifbar war. Es war das Stück welches die meisten Zuhörer sichtlich bewegte - wir hatten auffällig viele positive wenn nicht beeisterte Rückmeldungen zu dem Stück.. Das ist wohl gute Musik - wenn der Durchschnitts-Konzertbesucher ohne Vorwissen ein stück sofort versteht und sich unmittelbar darauf einlassen kann..


    Liebe Grüße, der Thomas. :hello:

    Die drei besten Chöre kommen m.E. zur Zeit aus England.


    1. The Cambridge Singers, John Rutter
    2. The Sixteen, Harry Christophers
    3. The Tallis Scholars, Peter Phillips


    Ja, von der Insel kommen schon wirklich großartige Chöre und Ensembles. The Sixteen halte auch ich für einen absolut hervorragenden Chor. Vor den beiden anderen Chören würde ich jedoch diese Ensembles nennen wollen:


    The Polyphony hatte ich bereits vor einigen Jahren hier vorgestellt. Das Ensemble gehört für mich zu den besten seiner art überhaupt. Jede CD von Ihnen kann ich uneingeschränkt empfehlen (nicht zuletzt weil sie alle in meinem CD-Regal stehen 8) ).


    Das Gabrieli Consort ist ein Chor der sich eher im Bereich der alten Musik aufhält, sich aber auch mit neuerer Musik befasst. Ich schätze das Ensemble für seinen extrem homogenen und klangschönen Sound. Diese CD sei sehr empfohlen:



    Liebe Grüße, der Thomas. :hello:

    Hallo,


    ja das Werk ist wirklich eine sehr emotionale Komposition. Ich habe es oft selbst im Konzert gesungen, und auch wenn sich dadurch nicht mehr jedesmal eine tiefe Betroffenheit ob der Geschichte einstellen kann, so ist die Musik doch derart dich und der Inhalt derart intensiv in Töne gegossen, dass doch jedesmal eine Gänsehaut zurückbleibt.


    Ich kenne nur eine gute Einspielung der Motette: vom Dresdner kkammerchor unter Rademann:



    Liebe Grüße, der Thomas.

    Der erste Satz erfährt im Verlauf eine Stimmungswandlung von zunächst nervend hin zu bedächtig und knüpft damit gleich attacca an den 2.Satz an, der eine Traumstimmung vermittelt: "Körper fliesst durch den Traum" nennt Adams den Satz (Ja, Kunst ist, sich was irres auszudenken ! ) Das Werk schließt dann mit einem endlich virtuosen 3.Satz, der den Hörer wieder aus der Traumwelt herausholt und auf die Bahnen führt hier und jetzt ein modernes VC zu hören. Dieser über 7minütige rhythmische Satz gefällt mir am besten.


    Wenn hier das Violinenkonzert von John Adams erwähnt wird, muss ich unbedingt auf ein weiteres Werk von John Adams hinweisen: "Dharma at big sur"


    Das Werk ist defakto das zweite Violinenkonzert von John Adams. Es hat einen völlig anderen Klangcharakter als das erste Konzert, es ist viel lyrischer, getragener. Für mich gehört es zu den Besten Werken die Adams geschrieben hat.


    Weiter kann ich übrigens auch das gegenüber "Hamonielehre" zu unrecht deutlich unbekanntere Werk "Harmonium" empfehlen. Ich habe diese Einspielung hier:


    Liebe Grüße, der Thomas. :hello:

    Hallo Wenzeslaus,


    Es ist jetzt wohl gerade auch in London bei Universal eine neue CD vorgestellt worden. Whitacre ist unter Kennern wohl schon bekannt. Seine Musik ist durchaus einem größeren Chorpublikum zuzumuten, weil sie einen intelektuell nicht überfordert. Ich hatte erst Angst, sie sei mir zu sphärisch und esoterisch, sie hat mich aber mit ihren Clustern, den übereinander gelegten Akkorden doch sehr angesprochen und berührt. Whitacre selbst moderierte sehr angenehm und mit Charme durch sein Programm und -obwohl er so schön ist- war er sehr angenehm ob zum zusehen beim Dirigieren oder zuhören.
    Sein Stück cloudburst war enorm effektvoll und beeindruckend.


    Eric Whitacre ist in der Chorszene eigentlich seit 5..8 Jahren bekannt. Mittlerweile ist er einer der Superstars der Chorszene. Der Begriff befremdet etwas, passt aber ganz gut, denn seine Kompositionen für Chor sind unglaublich beliebt, insbesondere bei den Chorsängern. Werke (hier vor allem "Waternight", "Lux aurumque" "Sleep" und das von Dir benannte "Cloudburst") werden weltweit von vielen tausend Chören mit inniger Begeisterung gesungen. Für einen so jungen Komponisten ist das schon extrem ungewöhnlich. Sein Stil ist der Postmioderne zuzurechnen und sehr tonal. Seine typischen dichten wolkigen und sehr weich klingenden Tonkluster, die man in allen seinen Werken findet, sind eigentlich nur logische Weiterentwicklungen von Kompositionsstilen wie von Lauridsen, Busto oder Miskinis - aber so hat man Chormusik vor ihm noch nicht geschrieben. Es ist schon sehr erstaunlich aber auch toll, dass ein zeitgenössischer Komponist Musik schreibt, die den Menschen sofort und unmittelbar gefällt und ins Herz geht.


    Ich habe hier im Forum auch schon mehrfach auf zwei wirklich herausragende CDs mit seinen werken hingewiesen, bspw. hier.


    Die CD die Du erwähntest ist diese hier:


    Und..natürlich hab ich sie bereits :D Mein Eindruck: ein toller Chor, auf jeden Fall höchstes Chorisches Niveau. Manche Stücke sind doch leicht anders interpretiert als bei den beiden anderen CDs, insofern ist diese Einspielung eine Bereicherung.


    Liebe Grüße, der Thomas. :hello:

    Lieber Wolfram,


    natürlich "machen" Chorleiter die Bach-Motetten oft ohne Instrumente - sonst kostet es ja Geld. Natürlich wissen alle, dass eine Bach-Motette ohne Instrumente historisch gesehen ungefähr so korrekt ist wie Isoldes Liebestod ohne Gesang. Man kann beides machen, zweifelsohne, den Bach ohne Instrumente und den Wagner ohne Gesang, und man kann an beidem Spaß haben.


    Mag sein dass die instrumentalisierte Fassung die historisch korrektere ist. Aber wenn man sich die Aufführungspraxis anschaut, erlebt man den überwältigenden Anteil an Bach-Motetten-Konzerten a capella. Und zwar von durchaus renomierten und semiprofessionellen Ensembles. Ich meine diese Konzertpraxis sollte sich irgendwie in der Riege der Motetten-Einspielungen widerspiegeln. Aber eben genau das ist nicht der Fall.


    Zitat

    Vielleicht findet sich ja mal wieder ein erstklassiger Chor, der das Wagnis einer reinen a-cappella-Einspielung auf sich nähme - und die allfälligen Bemerkungen der Kritikeria oberdrein. Vielleicht accentus?


    Da kommen wir vermutlich der Sache näher. Bach-Motetten a capella - ja das ist nicht so leicht. Die Motetten gehören zu den schweren Werken der a capella Chormusik. Vielleicht mögen sich die Chorleiter dieser Herausforderung nicht stellen und greifen deswegen auf Instrumente zurück. Das rhythmische Gefüge und die Intonation zu halten, ist nun mal die wahre Kunst bzw. Können des Chorsingens.


    Liebe Grüße, der Thomas. :hello:

    Volle Zustimmung. Mein Lob dieser Aufnahme in diesem Thread ist offenbar beim Tamino-Crash 2010 verloren gegangen.



    Viel Positives hat Glockenton schon benannt: makelloser Chorklang, Textverständlichkeit und Aufnahmequalität. Das kann ich nur bestätigen.


    Ich habe soeben mal rein gehört bei jpc. Ja, die Aufnahmen klingen frisch, wenngleich mir die Chorstimmen etwas zu solistisch aggieren. Was mich wirklich stört: Wiedermal eine Einspielung mit Instrumenten. Von meiner eigenen chorsängerischen Praxis bin ich a-capella-Aufführungen gewohnt. Ich habe alle Motetten die letzten 15 Jahre viele viele Male in den unterschiedlichsten Ensembles gesungen - kein einziges mal mit Instrumenten. Ich finde es sehr schade dass es keine einzige neuere ernst zunehmende Einspielung der Motetten a capella gibt..


    Liebe Grüße, der Thomas : :hello:

    Das Talla Vocal Ensemble:


    "In Paradise"
    Werke von Mäntyjärvi, Rautavaara, Bergman,Tormis, Pärt, Kreek, Purcell, Poulenc, Reger,
    Pearsell


    Was dieser finnische Männerchor leistet, chapeau!


    Oh ja!!! Eine ganz tolle CD, die jedem Fan der Chormusik dringend zu empfehlen ist.


    Besonderheit des Ensembles ist, dass sie Alt- und Sopran ausschließlich mit Männerstimmen besetzt haben, wodurch sie auch Literatur für gemischten Chor singen können.



    Liebe Grüße, der Thomas. :hello:

    Habe ich es mir doch fast gedacht...
    trotz meiner Versuche, nach Alfred´s Pfad die drei Cover hier abbilden zu können, habe ich mein Ziel weit verfehlt.


    Kann mir hier jemand nochmals zur Seite stehen?


    Das ist alles recht einfach:


    Hier ist die Produktseite einer der von Dir vorgestellten CD bei amazon.de:
    Barocke Festmusiken von Eberlin und Richter


    Dort finden finden wir unter dem Cover die Produktinformationen:


    Audio CD (1. April 1997)
    SPARS-Code: DDD
    Anzahl Disks/Tonträger: 1
    Label: Carus (Note 1)
    ASIN: B0000260H8


    Die rote Nummer ist die Produkt-Nummer, welche Du für die Amazon-Cover-Verlinkung benutzen musst:


    [ am ] B0000260H8 [ / am ]
    (hier mit zusätzlichen Leerzeichen, die dann entfallen.


    Am ende sieht das ganze (ohne Leerzeichen) dann so aus


    Antworte einfach mal auf diesen Beitrag (auf zitieren klicken) und schau die den Quelltext an.
    Bei JPC funktioniert dies in ähnlicher Weise. :)


    Liebe Grüße, der Thomas.

    "Evening rise" halte ich für völlig deplatziert in einem Advents-/Weihnachtskonzert. Was hat das Stück mit Advent und/oder Weihnachten zu tun?


    Ja, Du hast recht. Ich habe ganz den Weihnachtskontext vergessen und bezog meine Anmerkungen zu dem Stück auf ein "normales" Chorkonzert.


    Zitat

    Die erste Entscheidung, die meines Erachtens zu treffen wäre, ist diejenige, ob man ein ADVENTSKonzert oder ein WEIHNACHTSKonzert veranstalten möchte.


    Auch, wenn der Einzelhandel es uns immer wieder anders suggerieren will: Advent und Weihnachten sind zwei paar Schuhe und verhalten sich zueinander wie Passion und Ostern. Advent ist die stille Bußzeit, Weihnachten die nachfolgende Freudenzeit. "Es kommt ein Schiff geladen" oder "O Heiland, reiß die Himmel auf" haben einen anderen Grundton als "Lobt Gott ihr Christen alle gleich" oder "O du fröhliche".


    Mein/unser Ziel in Weihnachtskonzerten (ich benutze diesen Begriff jetzt mal mit Absicht) ist es, die Menschen zu erfreuen und einzustimmen, sie aus dem Alltag zu entführen und ihnen die Ruhe und Besinnlichkeit zu bringen die sie sich vom Weihnachtsfest erhoffen - mit oder ohne gläubigem Hintergrund. Weihnachten ist inwzischen kein ausschließkiches Fest der Gläubigen sondern aller Menschen unseres Kulturkreises. Das mag für einen gläubigen Menschen schlimm klingen, entsprict aber der gelebten Kultur in Mitteleuropa - und ist nicht zuletzt eine Chance, dass Menschen sich mit dem Ursprung des Weihnachtsfest beschäftigen.


    Liebe Grüße, der Thomas.