Gustav Mahler „Das Lied von der Erde“ – fünf Interpretationen im Vergleich:
Das Lied von der Erde ist ein faszinierendes Werk zwischen Orchesterlied und Sinfonie. In Mahlers Werk gehört es zu dem Spätwerk, wie auch die 9. Sinfonie, und wurde erst nach Mahlers Tod durch Bruno Walter 1911 uraufgeführt.
Mit dem Tod seiner älteren Tochter 1907 hatte Mahler als er das Lied von der Erde komponierte (1907-1909) einen schweren Schicksalsschlag zu verkraften. Auch eine Herzkrankheit wurde in dieser Zeit von den Ärzten bei Mahler diagnostiziert. Es verwundert also nicht, dass sich Mahler auch musikalisch besonders mit Tod, Abschied Nehmen, Vergänglichkeit befasst. Damit eine Todesahnung Mahlers zu verknüpfen, wie sie immer wieder im Zusammenhang mit dem Lied von der Erde und der 9. Sinfonie gesehen wird, halte ich aber für eine zu weitgehende Interpretation.
Inspiriert zum Lied von der Erde wurde Mahler durch ein Buch von Hans Bethge, einer freien Übersetzung alter chinesischer Verse. Das Werk ist neben dem Text auch in seiner Anlage von östlicher Philosophie, also der Dualität von Yin und Yang, beeinflusst. Dieses Prinzip hat Mahler in seiner Komposition aufgegriffen und durch Einflüsse von asiatischer Musik ergänzt.
Das Werk besteht aus 6 Sätzen/Liedern:
„Das Trinklied vom Jammer der Erde“: Ein Trinker sucht dem Schmerz des Lebens durch das Trinken zu entkommen. Ein Lied, welches voller Energie eine Genusssucht darstellt, die eigentlich eine Flucht vor dem Leben ist.
„Der Einsame im Herbst“: Eine ruhiges Stück über den Herbst, Sinnbild für Einsamkeit und Vergänglichkeit des Lebens.
„Von der Jugend“, „Von der Schönheit“, „Der Trunkene im Frühling“: Beschreibungen sorgloser Jugendtage, der Schönheit und Leichtigkeit der Jugend und der Unbekümmertheit.
„Der Abschied“: Eine wundervolle und tröstliche Meditation über den Abschied, Vergänglichkeit und Ewigkeit:
„Die liebe Erde allüberall
Blüht auf im Lenz und grünt aus neu!
Allüberall und ewig blauen licht die Fernen!
Ewig… ewig…“
Die Interpretationen, besprochen in chronologischer Reihenfolge:
Bruno Walter, Wiener Philharmoniker
Kathleen Ferrier (Contralato), Julius Patzak (Tenor)
DECCA 1952 Mono
Zu Anfang gleich die legendärste Aufnahme. Mit Bruno Walter dirigiert der Dirigent der Uraufführung, der zudem mit Mahler zeitlebens engen Kontakt und Austausch zu dessen Kompositionen hatte. Zur Legende wurde die Aufnahme aber aus einem anderen Grund: Kathleen Ferrier war bei der Aufnahme bereits todkrank, was ihren Worten, speziell im Abschied, eine besondere Bedeutung gibt.
Im Gegensatz zu den späteren Mahler Aufnahmen für CBS (jetzt Sony) bevorzugt Walter hier raschere Tempi und scharfe Kontraste in seiner Interpretation. Walter benötigt fast zehn Minuten weniger als Horenstein für seine Interpretation und ca. 5 Minuten weniger als die anderen hier besprochenen Aufnahmen.
Die beiden Sänger hatten zum Zeitpunkt der Aufnahme ihren Zenit bereits überschritten. Bei Ferrier muss man außerdem in Kauf nehmen, dass ihr deutsch nicht frei von einem englischen Akzent ist. Für mich ist das Highlight der Aufnahme aber weder Walter noch Ferrier sondern Julius Patzak. Auch wenn man gesangstechnisch Abstriche machen muss, finde ich ihn interpretatorisch herausragend. Seine Interpretation ist betont liedhaft und wenn er z.B. am Ende „Von der Jugend“ bei „Schön gekleidet, trinken, plaudern.“ vom Singen ins sprechen (plaudern) übergeht, ergänzt sich diese Art des Singens mit der lautmalerischen Musik wundervoll.
Insgesamt bleibt nach dem Hören ein gemischter Eindruck zurück. Rasche tempi und expressives Orchesterspiel, leider aber nicht auf höchstem technischem Niveau. Auch bei den Sängern sehr interessante Momente einerseits, und gesangstechnische Probleme auf der anderen Seite.
Leonard Bernstein, Wiener Philharmoniker
Dietrich Fischer-Dieskau (Bariton), James King (Tenor)
DECCA 1966 Stereo
Bernstein und Mahler oder sollte man sagen Bernsteins Mahler? Eine sehr emotionsgeladene persönliche Angelegenheit. Auch wenn die Aufnahme nicht so extrem ist, wie etwa die 6. Sinfonie von Bernstein mit den New Yorker Philharmonikern, so merkt man doch bei jedem ruhigeren Moment in der Aufnahme, wie Bernstein versucht die Spannung zum nächsten Höhepunkt und Ausbruch aufzubauen. Das ist vielleicht nicht jedermanns Sache, und ich muss sagen, dass das Konzept in dieser Aufnahme für mich nicht so gut aufgeht, wie etwa in oben genannter Aufnahme der 6. Sinfonie. Trotzdem, eine interessante und auch polarisierende Interpretation.
Das besondere an der Aufnahme ist, dass es sich um eine der verhältnismäßig wenigen Aufnahme mit zwei männlichen Sängern handelt. Wohl um bei der Kopplung zweier männlicher Stimmen noch einen guten Kontrast zu schaffen, wurden mit James King und Dietrich Fischer-Dieskau zwei unterschiedliche Sängertypen ausgewählt, hier der Heldentenor und dort der Liedsänger. Mein persönliches Urteil über beide Sänger fällt dann auch sehr unterschiedlich aus. Die Interpretation von King ist mir zu opernhaft, und zu undeutlich schwammig. Fischer-Dieskau ist dagegen ein absolutes Highlight für mich. Wie bei ihm das liedhafte mit dem symphonischen Orchester verschmilzt ist großartig. Sein „Abschied“ ist für mich einer der schönsten.
Otto Klemperer, Philharmonia Orchestra, New Philharmonia Orchestra
Christa Ludwig (Mezzosopran), Fritz Wunderlich (Tenor)
EMI 1967 Stereo
Bereits der Blick auf die Protagonisten der Aufnahme lässt die Erwartungen in die Höhe schnellen: Klemperer, Zeitgenosse und hoch geachteter Interpret der Musik Mahlers, dazu Wunderlich, der viel zu früh verstorbene Tenor, und die Ludwig.
Vor allem bei den Sängern muss ich sagen, dass meine Erwartungen voll erfüllt, eigentlich sogar übertroffen wurden. Wunderlichs strahlende Stimme und sein Ausdruck machen auch die oft unterschätzten Tenor-Lieder zu Höhepunkten. Die klare Stimme der Ludwig, die über den gesamten Spielraum der Dynamik und Tonhöhe immer wunderbar verständlich ist, lässt nicht nur den Abschied unvergesslich werden.
Bei diesen Höchstleistungen der Sänger ist es natürlich schwer für Dirigent und Orchester im Vergleich zu bestehen, aber auch Klemperer weis durchaus zu beeindrucken. Highlight der Aufnahme bleiben aber Wunderlich und Ludwig.
Jascha Horenstein, BBC Northern Symphony Orchestra
Alfreda Hodgson (Alt), John Mitchinson (Tenor)
BBC Music 1972 Live Stereo
Vor allem im angelsächsischen Bereich ist Horenstein ein bekannter Mahler Interpret. Die vorliegende live Aufnahme entstand für eine Übertragung der BBC und ist inzwischen auch in der BBC-Legends Reihe erschienen.
Mit Hodgson und Michinson hat Horenstein zwei weniger bekannte Sänger, die aber eine sehr ansprechende Darbietung geben. Dies liegt zum Teil auch an Horenstein, der sehr langsame Tempi wählt und damit auch den Sängern die Möglichkeit zur Entfaltung und Gestaltung gibt. Für den Trunkenen im Frühling benötigt Horenstein fast fünfeinhalb Minuten. Die meisten anderen Interpreten kommen hier etwa eine Minute früher zum Ende.
Insgesamt handelt es sich um eine tiefgründige, nicht Effekt haschende und schlüssige Interpretation. Auch die teilweise langsamen Tempi wirken hier nicht schleppend. Leider kann die Qualität des Orchesterspiels und der Aufnahme nicht ganz das Niveau der Interpretation erreichen.
Carlo Maria Giulini, Berliner Philharmoniker
Brigitte Fassbaender (Alt), Francisco Araiza (Tenor)
DGG 1984 Stereo
Giulini, für mich und manch anderen wohl auch bekannt und sehr geschätzt für seinen „Don Giovanni“ und die späten Bruckner Sinfonien. Mahlers Musik wird hier einmal nicht als ins 20. Jahrhundert weisende Achterbahn der Gefühle dargestellt, sondern die Verwurzelung in der Musik des 19. Jahhunders wird deutlich. Giulini versucht die großen Bögen offen zulegen und hält sich von Effekten fern. Die Interpretation und ihre unspektakuläre Klangkultur erinnert mich von der Anlage her an die Bruckner Interpretationen Giulinis.
Mit Fassbaender und Araiza hat Giulini zwar nicht die absolut herausragenden Namen auf dem Cover der CD, doch beide liefern eine sehr gute sängerische Leistung ab. Insgesamt handelt es sich um eine im besten Sinne unspektakuläre Aufnahme, die ihre Qualitäten nicht beim ersten flüchtigen Anhören gleich Preis gibt.
Sicherlich gibt es noch viele weitere interessante Aufnahmen dieser faszinierenden Symbiose aus Lied und Sinfonie. So hat Herreweghe die Schönberg Version des Liedes für Kammerorchester aufgenommen und jpc liefert diese hoffentlich in den nächsten Tagen an mich. Auch Kubelik mit Janet Baker live, bei audite erschienen, ist sicherlich reizvoll. Vielleicht fühlt sich jemand durch meinen Beitrag inspiriert etwas zu den neueren Interpretationen auf Tonträger (z.B. Boulez, Salonen, Maazel, Rattle) zu schreiben?
Beste Grüße
Wolfgang