Beiträge von Joseph II.

    Ich frage mich, wie sinnvoll es ist, sich bei einem derart gut dokumentierten Werk wie Mozarts Requiem mit klanglich derart heiklen Aufnahmen zu beschäftigen. Wie nemorino ja anklingen lässt, geht der Hörspaß gerade bei einem großen Chorwerk da doch gegen Null. Allein in der Stereo-Ära seit ca. 1955 ist die Auswahl an hervorragenden Aufnahmen in sehr unterschiedlichen Interpretationsansätzen ja schon enorm.

    Am häufigsten höre ich das Werk vermutlich in diesen beiden ziemlich konträren Aufnahmen aus Wien:


    Janowitz, Ludwig, Schreier, Berry

    Chor der Wiener Staatsoper

    Wiener Symphoniker / Karl Böhm (1971)


    Auger, Bartoli, Cole, Pape
    Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor

    Wiener Philharmoniker / Sir Georg Solti (1991)


    Erstere ist nicht identisch mit der bekannteren CD-Einspielung aus demselben Jahr 1971, die ich nur wenig dahinter sähe. Letztere ist der Mitschnitt vom Gedenkkonzert zum 200. Todestag Mozarts 1991 im Wiener Stephansdom. Es wurde die gesamte Totenliturgie gefilmt und teilweise auch auf der CD berücksichtigt, die vom damaligen Wiener Erzbischof Kardinal Hans Hermann Groër pathetisch zelebriert wurde. Ein paar Jahre später, nach der Aufdeckung des Missbrauchsskandals 1995 ff., hätte Decca das wohl kaum mehr auf der CD inkludiert. :stumm: Das aber nur am Rande. Es nimmt der Aufnahme natürlich nichts von ihrem künstlerischen Wert. Böhms Lesart würde ich als besonders katholisch bezeichnen; niemand kostet etwa das himmlische Lacrimosa derart aus. Solti ist deutlich zackiger, was der Dramatik zugute kommt.

    Je älter er wurde, umso stärker war seine Hinwendung auf den orchestralen Part. Mir kommt es so vor, als hätten ihn die Sänger nicht (mehr) so sehr interessiert. Hatte er überhaupt ein großes Verständnis für Stimmen? Daraus erklären sich auch eklatante Fehlbesetzungen wie die Ricchiarelli als Turandot. Je früher die Operneinspielungen sind, umso besser finde ich sie.

    Vor einiger Zeit hatte ich mit wem eine Diskussion zur Turandot. Er ist ein vorbehaltloser Fan der Callas und folglich der Serafin-Einspielung mit ihr von 1957, die mich insgesamt nie so hundertprozentig überzeugen konnte, was auch am recht glanzlosen Calaf (Eugenio Fernandi) lag. Orchestral ist das sicher gediegen, aber irgendwie ein, böse gesagt, recht typisch italienisches Operndirigat, wo die Sänger eben total im Mittelpunkt stehen. Welch einen Klangteppich Karajan dagegen in seiner Einspielung von 1981 mit den Wiener Philharmonikern erzielt. Wie es der Zufall will, war Turandot die erste Oper, die mich interessierte und so kam ich sehr früh schon auf Karajan. Von Sängern hatte ich seinerzeit nur eine vage Ahnung, so dass mir die Unzulänglichkeiten speziell der Ricciarelli nicht so auffielen. Was mir aber auffiel, war diese phänomenale Pracht, die Karajan der Partitur entlockte. Der eigentliche Star dieser Aufnahme war er. Ein Dirigierstudent meinte seinerzeit, speziell das Finale des ersten Aufzuges habe er nie besser gehört als bei Karajan (Link unten). Der hatte einen Sinn für Theatralik, man denke an den Gong, den ich so wirklich nie beeindruckender gehört habe (ähnlich beim Tod der Butterfly in seiner Einspielung aus Wien). Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass Karajan um die Schwächen seiner späten Besetzungen nicht gewusst habe. Das belegt ja schon der Umstand, dass bei der Ricciarelli im Studio wohl massiv nachgebessert wurde und die Spitzentöne gar künstlich erzielt wurden, man sich dieser Defizite also wohl bewusst war. Auf der Bühne hat sie die Partie wohl gar nicht gesungen (ich lasse mich gern berichtigen). 1981 hätte sich wohl eine adäquatere Turandot auftreiben lassen. Auch Domingo ist kein idealer Calaf, aber doch respektabel. Die übrige Besetzung finde ich dagegen eigentlich ziemlich gut, aber es ist schon richtig, dass diese Oper von den beiden Hauptprotagonisten lebt. Karajans Klangbad macht die sängerischen Einschränkungen zumindest für mich hinnehmbar. Es wäre spannend gewesen, wie er Turandot um 1960 herum aufgenommen hätte.


    Moskauer Philharmoniker / Kitajenko (1977)



    Wer eine exquisite Einspielung sucht, für den könnte diese Melodija-Produktion aus Moskau etwas sein. Ich bin ganz zufällig darauf gestoßen.


    Besetzung:


    Nadeschda Krasnaja, Sopran

    Sergei Jakowenko, Bariton

    Wassili Dolinski, Orgel


    Staatlicher Akademischer Jurlow-Chor

    Moskauer Philharmoniker

    Dmitri Kitajenko

    Aufnahme: Großer Saal des Moskauer Konservatoriums, 17. Juni 1977


    Erst einmal wundert man sich, dass dieses religiöse Werk in der Sowjetunion überhaupt aufgeführt und eingespielt werden konnte. Der Zugriff des damals noch sehr jungen Kitajenko, der die Moskauer Philharmoniker gerade erst im Vorjahr übernommen hatte, ist sehr energisch, weltlich und insofern sowjetisch. Der Paukist erlegt sich keine Zurückhaltung auf (irre spektakulär am Ende des dritten [unten verlinkt] und sechsten Satzes etwa!), das spezifische Blech trifft teils markant in Erscheinung. Die Qualität des Chors ist sehr hoch, er kommt auch mit der deutschen Diktion gut zurecht. Dies gilt weniger für Sergei Jakowenko, der schon einen hörbar östlichen Einschlag hat und stellenweise eher an Boris Godunow :D erinnert, aber ansonst durchaus mit einem angenehmen Timbre. Nadeschda Krasnaja fehlt die Subtilität einer Gundula Janowitz; das hat bei ihr etwas sehr Dramatisches, ohne dass ich es jetzt als daneben bezeichnen würde. Russisch eben. Klanglich eine gute, ziemlich direkt aufgenommene Stereoaufnahme, die live entstand, daher auch Publikumsgeräusche, aber im vertretbaren Ausmaß. Eine säkularisiertere Interpretation, die auf Vergeistigung gar nicht aus ist, dürfte es schwerlich geben.


    Wohl kaum eine Referenz im engeren Sinne, aber allemal eine spannende Alternative und eine echte Erweiterung der Diskographie.


    Danke Josef !!!
    Weder Tasso noch den Mephisto-walzer I hat man je so gespannt und mit Power gehört.

    Nichts zu danken, lieber Wolfgang. An Tasso hatte ich vor einiger Zeit einen ziemlichen Narren gefressen und jede Aufnahme angehört, die mir über den Weg lief. Tatsächlich hat mich Karajans majestätische Interpretation da am allermeisten begeistert. Nirgendwo klingt die wunderschöne "venezianische" Melodie so opulent, nirgends sonst trumpft das Orchester am Ende derart auf. Wirklich ein Wahnsinn und eigentlich unverständlich, wieso diese Tondichtung kaum im Konzertsaal gespielt wird. Immer nur Les Préludes ist etwas einseitig. Mein dritter Favorit bei Liszts Symphonischen Dichtungen wäre dann auch Mazeppa, das Karajan ebenfalls sehr gut herüberbringt.

    Wird das überhaupt tatsächlich eingespielt werden? Solange das Ergebnis nicht derart überflüssig wird wie Nelsons' neuer Beethoven-Zyklus mit den Wiener Philharmonikern (gegen den ich auch Thielemanns eigenen überzeugender fand) ... Eigentlich hätte ich mir aber mal eine offizielle Einspielung von Repertoire wie Tschaikowskis Pathétique unter Thielemann gewünscht statt nun schon wieder Bruckner.

    In der laufenden Spielzeit tritt Klaus Mäkelä im deutschsprachigen Raum mehrere Male auf:


    29. & 30. November 2019

    Bamberg, Konzerthalle

    Bamberger Symphoniker

    Sol Gabetta, Cello

    SAULI ZNOVJEV: Batteria (dt. Premiere)

    SCHOSTAKOWITSCH: Cellokonzert Nr. 1

    SIBELIUS: Lemminkäinen-Suite


    19. Jänner 2020

    Leipzig, Gewandhaus

    MDR Sinfonieorchester

    Pekka Kuusisto, Violine

    DANIEL BJARNASON: Violinkonzert

    BRUCKNER: Symphonie Nr. 5


    4. & 7. Juni 2020

    Hamburg, Elbphilharmonie

    NDR Elbphilharmonie Orchester

    Pekka Kuusisto, Violine

    DANIEL BJARNASON: Violinkonzert

    MENDELSSOHN: Symphonie Nr. 3 "Schottische"


    5. Juni 2020

    Kiel, Kieler Schloss

    NDR Elbphilharmonie Orchester

    Pekka Kuusisto, Violine

    SIBELIUS: Tapiola

    DANIEL BJARNASON: Violinkonzert

    MENDELSSOHN: Symphonie Nr. 3 "Schottische"


    6. Juni 2020

    Lübeck, Musik- und Kongresshalle

    NDR Elbphilharmonie Orchester

    Pekka Kuusisto, Violine

    SIBELIUS: Tapiola

    DANIEL BJARNASON: Violinkonzert

    MENDELSSOHN: Symphonie Nr. 3 "Schottische"


    25. & 26. Juni 2020

    München, Philharmonie am Gasteig

    Münchner Philharmoniker

    Lucas & Arthur Jussen, Klavier

    JIMMY LÓPEZ: Péru Negro

    POULENC: Konzert für zwei Klaviere

    SIBELIUS: Symphonie Nr. 2

    aber Maria Callas klingt doch recht angestrengt, was sie natürlich durch ihre einmaligen schauspielerischen Künste wettmacht, aber so ganz gelingt es ihr nicht (mehr) ….

    Ja, da will ich nicht widersprechen. Vielleicht sind wir bei der Callas aber auch das Einmalige gewohnt, so dass eine für sich genommen noch sehr respektable Leistung ihrer Spätblüte am absoluten Zenit gemessen wird. Sehr schade, dass Karajan nicht auf Bergonzi zurückgreifen konnte, der 1962 vielleicht bestmögliche Cavaradossi. Dann wäre diese Aufnahme wahrlich unanfechtbar.

    Nichts gegen die Windsbacher Knaben, aber klingt das Werk in dieser Besetzung nicht ein bißchen dünn?

    Sagen wir mal so, lieber nemorino: Das ist schon eine sehr spezielle Aufnahme. Die würde ich einem Einsteiger sicher nicht direkt empfehlen. Die ideale Drittaufnahme vielleicht. Verglichen mit den neueren HIP-Sachen ist das durchaus noch "satt". Das stupende Niveau des Windsbacher Knabenchors macht diese Sachen unter Beringer m. E. so spannend. Sie haben ja u. a. auch das Weihnachtsoratorium, das Requiem von Mozart und den Elias von Mendelssohn eingespielt. Alles vom Chor her auf höchstem Niveau. Zumindest finde ich es gut, dass die Windsbacher an das frühere Niveau der großen deutschen Knabenchöre, speziell in Leipzig und Dresden, nach wie vor anknüpfen können.

    Ich denke, als Operndirigent ist Karajan insgesamt viel weniger umstritten. Danke für die Auflistung, lieber nemorino, die einem manches in Erinnerung ruft, was man so spontan oft gar nicht auf dem Schirm hat. Man könnte die Reihe locker noch fortsetzen und etwa um La Bohème, Madama Butterfly und (mit Einschränkungen bei den Sängern) auch Turandot bereichern. Rein orchestral wurden diese Opern wohl kaum jemals luxuriöser eingespielt.



    Besonders liebe ich die von Dir schon vorgestellte Wiener Tosca (neues Remastering von 2017). Sie ist ungleich gelungener als die Berliner Neuauflage von 1979, die nicht mal orchestral vorzuziehen ist. Karajan zeigt in der Decca-Produktion, was in Puccinis Partitur auch in Sachen Orchester steckt. Seine gemessenen Tempi beim Te Deum sind m. E. einfach in sich schlüssig und letztlich unerreicht. Auch wenn di Stefano "nur" mehr gut ist, rangiert diese Aufnahme für mich an der Spitze der gesamten Diskographie. Die Price ist für mich neben der Callas die Tosca und Taddei mein idealer Scarpia, weil er wirklich aristokratisch und hintergründig, nicht so einseitig dämonisch und polternd ist. Wieso immer wieder gebetsmühlenartig die 1953er Einspielung von de Sabata bevorzugt wird, erschließt sich mir nicht ganz. Ich habe neulich mal wieder reingehört. Bei aller Liebe, aber Karajans Klasse hat dieses Dirigat nicht im Ansatz. Zu einer Oper gehören auch ein Dirigent und ein Orchester, nicht nur die Sänger. Es ist mir viel zu pauschal und "kapellmeisterlich". Gobbi ist mir (hier) zu eindimensional. Das soll ein Baron sein? Außerdem klingt's nicht gut. Wenn Tosca mit der Callas, dann 1964 unter Prêtre mit besserem Dirigat und Orchester und dem gereifteren und facettenreicheren Gobbi (stimmlich nicht mehr ganz auf der Höhe, aber viel mehr interpretatorische Tiefe) - und zudem in Stereo. Aber meine erste Wahl bleibt Karajan 1962 in Wien.

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    Der Finne Klaus Mäkelä, 23 (!), ist wirklich einer der vielversprechendsten jungen Dirigenten. Vor wenigen Tagen dirigierte er beim hr-Sinfonieorchester in Frankfurt eine spektekuläre Aufführung von Schostakowitschs "Leningrader" Symphonie. Und bei seinem künftigen Orchester in Oslo, dessen designierter Chefdirigent er bereits ist, war es Beethovens Neunte.

    Beides ist als HD-Video offiziell von den jeweiligen Orchestern bei YT bereitgestellt worden. Muss ewig her sein, dass ich einen so jungen Dirigenten in einem gut sitzenden Zweireiher (beim Schostakowitsch) gesehen habe.



    Ich werde das Gefühl nicht los, daß das "Original-Image Bit-Processing" vor allem ein Werbegag ist. Oder aber meine Ohren sind altersbedingt auch nicht mehr das, was sie einmal waren ^^ .

    Das kann auch sein. ;) Ich habe das jetzt nicht im Detail vergleichen können in dem Falle.


    Klanglich scheint mir die EMI-Aufnahme von 1976 ein Rückschritt zu sein. Es ist ursprünglich eine QUADRO-Produktion, und mir scheint, daß ihr der Umschnitt auf Zweikanaltechnik nicht gut bekommen ist. Sie klingt deutlich schlechter als die fast 12 Jahre ältere DGG-Produktion.

    Genau denselben Eindruck hatte ich bei den EMI-Produktionen von Karajans Tschaikowski (1971, glaube ich). Das war ja auch QUADRO, also Mehrkanal. Eigentlich absurd, dass das nicht als SACD erscheint, denn hier ergäbe das wirklich mal Sinn. In der reinen Stereo-Reproduktion sind das aber mit die am schlechtesten klingenden Aufnahmen in der Post-Mono-Diskographie Karajans überhaupt.

    Ja, Sir Roger dirigiert noch und macht derzeit einen Zyklus der Symphonien von Martinů mit dem DSO Berlin. Soweit ich weiß, hat er drei bereits dort aufgeführt, drei weitere fehlen, wobei er sich eine pro Spielzeit vornahm. Sprich: Er muss noch mindestens drei Jahre auf dem Podium bleiben, damit das gelingt. Ob das jemals auf CD erscheinen wird, kann ich aber auch nicht beantworten. Die letzte reguläre Einspielung ist wohl 2014 entstanden: Ein deutsches Requiem von Brahms.


    Wer sich selber ein Urteil bilden möchte, kann die Aufnahme in dieser "Galleria"-Ausgabe für ein paar läppische Cent erwerben

    Danke für diese Ergänzung, lieber nemorino. Dabei sollte man allerdings beachten, dass diese "Galleria"Ausgabe (wohl die CD-Ersterscheinung) 1989 herauskam, die "Originals"-Ausgabe indes 2002 und offenbar neu remastered wurde, wie in der Reihe wohl auch Usus. Ich fand den Chor nämlich gar nicht "verschwommen". Eventuell fließt hier bei einigen Kritiken auch das mutmaßlich schlechtere Klangbild der alten Ausgabe mit ein? Ich würde es zumindest nicht ausschließen wollen.


    Das Werk lag Karajan offensichtlich ziemlich am Herzen. Noch 1988 führte er es bei den Salzburger Festspielen auf. Überblickt man diverse Rezensionen, so gilt die klassische 1964er Produktion wohl als die insgesamt empfehlenswerteste, fällt die späte Digitalaufnahme von 1983 aber keinesfalls deutlich ab, wie andernorts häufiger der Fall. Am verzichtbarsten scheint wohl die EMI-Aufnahme von 1976 zu sein.

    Karajan (DG, 1964)


    Ich höre sie gerade in diesem Moment zum ersten Mal komplett und bin geneigt, Deiner sehr positiven Bewertung zuzustimmen.


    Was musste man im Verlaufe dieses Threads schon über diese Einspielung von 1964 lesen. Ich war aufs Schlimmste gefasst, aber selbst der Wiener Singverein macht seine Sache wirklich nicht übel. Diese totalen Abwertungen, die man hier zuweilen liest, kann ich so nicht nachvollziehen. Natürlich gibt es präzisere und wortdeutlichere Chöre - aber bei einem solchen Werk kommt es m. E. auch auf die Gesamtwirkung an. Und die ist bei Karajans monumentalem Ansatz schon respekteinflößend. Natürlich besonders bei Denn alles Fleisch, es ist wie Gras (das hier übrigens knapp 15 Minuten dauert und somit weder gehetzt noch verschleppt ist). Über die beiden Solisten muss man ja nicht mehr viel sagen, die sind wohl nahe dran am Ideal. Selbst die Klangqualität finde ich (trotz DG) gut und für eine 55 Jahre alte Einspielung vollauf respektabel.

    Ich habe heute etwas recherchiert und entdeckt, dass Karajan das Werk danach noch mindestens zweimal im Studio eingespielt hat; zudem gibt es eine Videoaufzeichnung. Die klanglich nicht mehr konkurrenzfähige 1947er Aufnahme wurde ja bereits genannt.


    1976

    1978

    1983

    :love: Levines Pauken sind hier mit dem CSO ebenfalls der Hammer ... ich hatte es beinahe nicht anders erwartet.

    Vom Standpunkt der Pauken aus betrachtet, dürften Levine und Karajan wohl die beeindruckendsten Aufnahmen vorgelegt haben. Ich habe mir vorhin etwas Zeit genommen und via Deezer in zig Aufnahmen bei dieser Stelle des zweiten Satzes hineingehört. Was mir bei Levine wirklich gefällt, ist, dass er sich hier Zeit nimmt und es richtig monumental zelebriert. Große Klasse. Freilich besteht ein Requiem nicht nur aus Paukendonner, den manche in diesem Thread ja sogar für aufgesetzt und oberflächlich halten. Ich pflichte Wolfgang hingegen bei: Das darf schon ruhig krachen. :thumbup:

    Lieber Maurice,


    wie es der Zufall will, stieß ich auf diese Rezension vorhin auch. Das ist einer der berüchtigten Ausfälle von Hurwitz (den ich tlw. durchaus schätze), die er in hübscher Regelmäßigkeit fabriziert. Ein Verriss ohne Maß und Ziel, den man so eigentlich nicht ernst nehmen kann. Vielleicht hatte er einen schlechten Tag beim Abhören der Aufnahme ...


    Lieber Norbert,


    ich bin mir ziemlich sicher, dass dies kein Fehlkauf werden wird. Schon mal Glückwunsch zu der Entscheidung. ;)

    Oh, pardon, da habe ich ihm tatsächlich eine hinzugedichtet. Beitrag wird angepasst, danke für den Hinweis!

    Ein sonderlich sympathischer Zeitgenosse war Karajan wohl nicht, was natürlich mitnichten seine künstlerische Leistung schmälert. Wirklich enge Freundschaften ging er kaum ein; eine der wenigen Ausnahmen war m. W. Alexis Weissenberg. Verkürzt gesagt, war Karajan so ziemlich der totale Gegenentwurf zu Leonard Bernstein, demjenigen Dirigenten, der ihm in Sachen Bekanntheitsgrad und Dominanz der Tonträgerbranche zwischen etwa 1960 und 1990 vermutlich am nächsten kommt. Auf menschlicher Ebene hat es zwischen den beiden wohl auch nicht so richtig funktioniert, was dem Vernehmen nach aber primär an der Reserviertheit Karajans gelegen hat. Irgendwo im Forum wurde dies mal recht ausführlich beschrieben. So soll Karajan die innigen Umarmungen Bernsteins ziemlich abstoßend empfunden haben. Dem kumpelhaften Bernstein setzte Karajan eine aristokratische Aura entgegen. Weltanschaulich lagen sie auch weit auseinander, der eine im katholisch-konservativen Milieu Altösterreichs großgeworden, der andere im Lande der sprichwörtlich unbegrenzten Möglichkeiten und dem linken Lager zugeneigt. Das Privatleben Bernsteins war gewiss skandalträchtiger, auch wenn er seine Homosexualität erst nach dem Tode seiner von ihm wirklich geliebten Ehefrau (1978) voll auslebte. Dagegen war Karajan ja ein wahrer Asket. Zumindest wäre mir kein einziger Ausrutscher zeit seiner insgesamt drei Ehen geläufig. Dazu war er vermutlich gar nicht der Typ, da mag man ihm auch einiges anderes zurecht vorwerfen.

    Eines meiner liebsten Photos von Karajan ist übrigens folgendes mit Romy Schneider, 1964 kurz vor Ende seiner Amtszeit als Wiener Staatsoperndirektor entstanden:


    karajan_romy_schneider_64.jpg

    Bach Collegium Japan / Masaaki Suzuki (BIS, 2019)

    Jawohl. Es gibt eine neue – m.E. gelungene – Einspielung, und zwar diese hier:



    Man höre … und staune … :hello:

    D'accord! Soeben ging sie hier zu Ende und ich bin absolut begeistert. Das fängt bei der extrem plastischen Klangqualität an. Besser wurde das wohl bisher nicht eingefangen (Aufnahme: Tokyo Opera City Concert Hall, Jänner 2019). Noch viel wichtiger aber die Interpretation von Masaaki Suzuki, bisher eher als (exzellenter) Interpret von Alter Musik bekannt geworden. Da ist nichts verhetzt, verschleppt oder beiläufig heruntergespielt (Spielzeiten: 14:26 - 14:08 - 14:31 - 22:38 = 66:28). Das Bach Collegium Japan, das Chor und auch Orchester stellt, bringt eine phänomenale Transparenz und Klarheit mit sehr schönen Akzenten. Vorbehalte gegenüber Originalklang kommen hier m. E. nicht zum Tragen. Das Revolutionäre dieser Partitur wird sehr gut vermittelt. Ich zumindest könnte mich an keine gelungenere HIP-Interpretation erinnern, obwohl einige wirklich nicht schlecht sind (besonders Frans Brüggen). Was die Einspielung nochmal besonders hervorhebt, ist diese splendide Artikulation des Chores und auch der Solisten, womit der Schwachpunkt vieler (auch Nicht-HIP-)Aufnahmen, der Finalsatz, entfällt. Wortdeutlicher und verständlicher habe ich das selten gehört. Das Solistenquartett – zwei Norwegerinnen, die Sopranistin Ann-Helen Moen und die Altistin Marianne Beate Kielland, und zwei Briten, der englische Tenor Allan Clayton und der walisische Bassbariton Neal Davies (etwas an Theo Adam erinnernd) – ist sensationell, verkörpert ein echtes Miteinander und veranstaltet kein Wettsingen. Eine wirklich ergreifende Neueinspielung. Absolut empfehlenswert!


    "An exceptional release" (David A. McConnell, The Classical Review)


    Ludwig van Beethoven
    Symphonie Nr. 9 d-Moll op. 125


    Ann-Helen Moen, Sopran

    Marianne Beate Kielland, Alt

    Allan Clayton, Tenor

    Neal Davies, Bass

    Bach Collegium Japan

    Masaaki Suzuki
    Aufnahme: 2019





    Das könnte tatsächlich die beste HIP-Einspielung der Neunten sein. Ich bin bisher ganz hingerissen (hätte ich so nicht erwartet). Hier eine ähnlich euphorische Kritik.

    Symphonisches Orchester Norrköping / Niklas Willén (Naxos)

    Nachdem ich mir heute zunächst die Einspielung des ersten Satzes von Stig Westerberg (Swedish Society, 1967) angehört habe, folgte danach via Deezer das komplette Werk unter Niklas Willén (Naxos, 2004). Das Stück hat mich dann derart gepackt, dass ich mir gleich auf der Website von Chandos die Aufnahme im verlustfreiem Format heruntergeladen habe. Der Kopfsatz (19:45) ist vielleicht wirklich der stärkste einzelne symphonische Satz, den Hugo Alfvén je komponiert hat. Er ginge mit seinen fast 20 Minuten auch als eigene Tondichtung durch. Für die einsätzige Variante hat Alfvén ja extra einen Konzertschluss angehängt, den Westerberg auch spielen lässt. Es sind nur wenige Takte, die dem Satz aber einen echten Abschluss geben. Dies entfällt in der Gesamtaufnahme. Der Satz ist sehr aufwühlend und das Schlagwerk (inkl. Tamtam) kann sich herrlich in Szene setzen. Das ist purste Spätromantik auf ihrem Gipfel. Die Grundstimmung ist düster und teils richtig gespenstisch. Wüsste man es nicht besser, man könnte das auch dreißig, vierzig Jahre früher datieren. Stellenweise hat es gewisse Anflüge von Richard Strauss, aber auch der Symphonie fantastique (wie bereits die 2. Symphonie), und doch ist es eigen. Es ist, als wollte Alfvén nochmal einen Rückblick auf seine frühen Jahren werfen, unverkennbar überwiegt aber der pessimistische, ernüchterte Blick eines alten Mannes. Die heftigen Paukeneinsätze muten an wie Kanoneneinschläge. Gar Bezugnahme auf die beiden Weltkriege? Der darauffolgende langsame Satz (8:29) könnte nicht unterschiedlicher sein. Erlesenste Eleganz á la Fin de siècle, als die Welt noch in Ordnung schien. Verträumt und ein Ruhepol nach soviel Aufruhr. Im intermezzo-artigen Scherzo (7:39) tritt ein Xylophon prominent in Erscheinung. Die geisterhafte Stimmung des Kopfsatzes wird wieder aufgegriffen. Der Finalsatz (18:05), etwas episodenhaft, versprüht Optimismus; eine Triangel kommt vor. Es folgen Passagen, wo sich das Düstere wieder durchzusetzen droht; es unterliegt aber letztendlich. Sehr schön die nachdenklichen Momente. Das Werk klingt triumphal und erhaben aus. Die letzten Takte erinnern ein wenig an den Schluss von Sibelius' Symphonie Nr. 5. Fallen die drei übrigen Sätze gegenüber dem genialen Kopfsatz ab? Nicht zwingend. Das Andante ist ausgesprochen gelungen und braucht keine Vergleiche zu scheuen. Mit dem Scherzo und dem Finale war Alfvén selbst ja bis zuletzt nicht ganz zufrieden. Für den laienhaften Hörer womöglich überkritisch. Natürlich wäre es spannend gewesen, hätte er diese nochmal einer neuerlichen Revision unterziehen können. Aber das Gesamtergebnis ist so oder so ausgesprochen erfreulich. Das ist von nun an mein zweiter Favorit neben seiner Zweiten und ein krönender Abschluss seines Lebenswerkes. Die Darbietung des Symphonischen Orchesters Norrköping unter Niklas Willén ist phänomenal und überzeugt mich auch klanglich mehr als Neeme Järvis Einspielung (BIS, 1992). Selbst der oftmals überkritische David Hurwitz von ClassicsToday vergab für künstlerische und klangliche Qualität jeweils 9 von 10 Punkten. Bis auf Weiteres wird diese Aufnahme als die Referenz in Sachen einer Kompletteinspielung der Fünften von Hugo Alfvén zu gelten haben. (Die alte Aufnahme des Kopfsatzes unter Westerberg ist übrigens erwartungsgemäß ebenfalls sehr gut, kann aber ihr Alter - 52 Jahre - nicht ganz verbergen.)

    Hugo Alfvén: Symphonie Nr. 5 a-Moll op. 54 – eine schwere Geburt

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    Hugo Alfvén an seinem 85. Geburtstag (1. Mai 1957)


    Die fünfte und letzte Symphonie des schwedischen Komponisten Hugo Alfvén sollte sich als schwere Geburt erweisen. Nachdem seine ersten drei Symphonien in rascher Abfolge binnen nicht einmal eines Jahrzehnts vollendet worden waren (Nr. 1 1896/97, Nr. 2 1897/98, Nr. 3 1905), war anderthalb Jahrzehnte danach die Vierte gefolgt (1918/19). Über seiner Fünften saß Alfvén dann gleichsam den Rest seines langen Lebens. Ihr erster Satz wurde 1942 aufgeführt, die drei anderen wurden erst elf Jahre danach, 1952/53, fertig. Gleichwohl war Alfvén, während der Komposition erkrankt, damit unzufrieden und wollte sie nochmal überarbeiten – tatsächlich gelang ihm dies bis zu seinem Tode 1960 nicht mehr. In seinen Memoiren schreibt er indes, dass die Frage nicht sei, ob eine Symphonie lang, sondern ob sie schön sei. Manche Dirigenten haben in der Folge tatsächlich nur den ersten, knapp 20-minütigen Satz dirigiert und eingespielt. Die Erstaufführung des kompletten Werkes erfolgte am 14. April 1953 mit den Göteborger Symphonikern unter Carl von Garaguly.


    Die Sätze gliedern sich wie folgt:


    I. Lento - Allegro non troppo

    II. Andante

    III. Lento - Allegro - Presto molto agitato

    IV. Finale. Allegro con brio


    Tatsächlich ist Alfvéns Fünfte in gewisser Weise eher eine Anknüpfung an seine ersten beiden Symphonien aus den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts als eine Fortsetzung der visionären Vierten. Womöglich erinnerte sich der gealterte Komponist der "guten alten Zeit" seiner Jugend und versuchte diese in seiner letzten Symphonie noch einmal aufleben zu lassen. Einiges Material aus dem Ballett Der Bergkönig (1923) wurde wiederverwendet. Wie bereits angedeutet, war Alfvén nicht zufrieden mit dem Ergebnis von 1953. Besonders die beiden letzten Sätze bereiteten ihm Kopfzerbrechen. Mit 86 Jahren meinte er 1958: "Jetzt habe ich nichts anderes zu tun, als daran zu denken, dies zu überarbeiten." Einzig mit dem Kopfsatz war er vollends zufrieden. Ebenfalls 1958 bekundete er in einem Rundfunkinterview etwas ironisch über den Kopfsatz: "Er ist wohl technisch und in jeder Hinsicht das am wenigsten Schlechte, was ich gemacht habe." So entwickelte dieser erste Satz als Första Satsen, mit einem Konzertschluss versehen, ein Eigenleben und wurde oftmals allein aufgeführt und eingespielt (so von Stig Westerberg 1967). Erst 1992 (!) erfolgte die Weltersteinspielung der kompletten Symphonie Nr. 5 durch das Königliche Philharmonische Orchester Stockholm unter Neeme Järvi (BIS).


    ich gebe freimütig zu, daß ich mit der Zweiten Wiener Schule nicht viel anfangen kann

    Das geht mir ähnlich, lieber nemorio.


    Doch wie es der Zufall will, habe ich genau diese von Dir genannte Einspielung von 1974 heute angehört:

    Schoenbergs "Variationen für Orchester op. 31", die er, wie etliche andere Werke dieses Komponisten, auch mit den Berliner Philharmonikern aufgenommen hat

    Nun habe ich keinen Vergleich, aber selbst in Karajans "Luxus-Interpretation", die ja besonders ästhetisch und genießbar sein soll, tat ich mich schwer mit dem Stück. Auch Pelleas und Melisande, noch aus Schönbergs spätromantischer Frühphase, hat mich nicht umgehauen. Meine Hörgewohnheiten sind einfach völlig andere. Ich bezweifle aber nicht, dass Karajans Interpretationen ganz vorne anzusiedeln sind.

    Idiomatische Aufnahmen aus Schweden

    Alfvéns Vierte mit ihrem vokalisierenden Gesang ist zunächst vielleicht ein wenig gewöhnungsbedürftig. Fraglos ist sie aber eines seiner Hauptwerke. Entstanden ist sie vor genau hundert Jahren, Uraufführung am 4. November 1919 in Stockholm.


    Der Komponist selbst über den Inhalt:


    "Die Symphonie behandelt die Liebe zwischen zwei menschlichen Wesen. Der symbolische Hintergrund der Komposition sind die äußeren Schären, wo die See und die Felsen miteinander ringen während stürmischer Nächte, im Mondschein und unter der gleißenden Sonne. Die Symphonie besteht aus einem Satz, der sich gleichwohl in vier verschiedene Abschnitte unterteilen lässt. Der erste erzählt vom brennenden und quälenden Verlangen des jungen Mannes in einer dunklen und nächtlichen Stimmung, der zweite von der verträumten Sehnsucht der jungen Frau – diese ist im Grunde ebenfalls nächtlich, aber empfindsamer mit Mondlicht und der wogenden See. Der dritte Abschnitt zeigt den Sonnenaufgang während des ersten und auch letzten Tages ihres Liebesglücks, wenn zwei Menschen einander finden und sich ihnen die höchste Glückseligkeit der Liebe enthüllt. Der vierte Abschnitt, erschüttert durch Stürme, beinhaltet die tragische Auflösung, das Ausradieren des Glücks."


    Das nordische Idiom findet sich in zwei alten Einspielungen (beide in Stereo) besonders gut wieder:


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    Hugo Alfvén

    Symphonie Nr. 4 c-Moll op. 39 "Från Havsbandet"


    Gunilla af Malmborg, Sopran

    Sven Erik Vikström, Tenor

    Stockholmer Philharmoniker

    Nils Grevillius

    Aufnahme: 1962



    Hugo Alfvén

    Symphonie Nr. 4 c-Moll op. 39 "Från Havsbandet"


    Elisabeth Söderström, Sopran

    Gösta Winbergh, Tenor

    Stockholmer Philharmoniker

    Stig Westerberg

    Aufnahme: 1979


    Über Nils Grevillius (1893-1970) urteilte Hugo Alfvén wie folgt: "Ein außergewöhnlicher Dirigent, der beste Interpret meiner Musik, den ich mir wünschen kann, und mehr noch, mein teurer Freund." Grevillius dirigierte dieses Werk bereits 1921 zweifach auch mit den Wiener Philharmonikern.


    Stig Westerberg (1918-1999) hatte ebenfalls einen ganz ausgezeichneten Ruf als Interpret nordischer Musik. Seine Aufnahme profitiert von einem noch besseren, räumlicheren Klang. Die beiden Solisten sind zudem womöglich noch vorzuziehen.


    Die Spielzeiten unterscheiden sich geringfügig, wobei die ersten beiden und die letzten beiden "Sätze" zusammengenommen sind:


    Grevillius (1962): I. Moderato & II. Allegro: 20:39 – III. Lento & IV. Allegro agitato: 23:44

    Westerberg (1979): I. Moderato & II. Allegro: 22:18 – III. Lento & IV. Allegro agitato: 22:47