Beiträge von Joseph II.

    Bzgl. Abbado stehe ich ja offenbar nicht ganz allein da:

    :rolleyes: Später wollte ich neben der Klavierfassung auch alle 20Tänze hören und hatte mir die Abbado-DG-Aufnahme mit den Wiener PH gekauft:
    Davon war ich allerdings enttäuscht, denn hier wird zwar sauber musiziert, doch der ung.Pfeffer fehlt absolut.


    Nach der grossen Enttäuschung über die ;( staubtrockene Abbado - GA der Ung-Tänze (DG) hatte ich diese schnellstens aus meiner Sammlung entfernt


    Abbado - um ein Beispiel zu nennen - ist mir auch zu intellektuell und zu sinfonisch. Er macht mir zuviel Kunst.

    Ich habe gelegentlich eines Vergleichhörens eben etliche Aufnahmen miteinander verglichen, darunter neben Fischer und Abbado auch Karajan, Reiner und Doráti. Und dabei schnitten m. E. eigentlich alle besser ab als Abbado, der eine saubere Interpretation abliefert, aber mir ansonsten zu akademisch herüberkommt. Vielleicht haben ungarische Dirigenten da auch einen Startvorteil (Fischer, Reiner, Doráti). Aber wie so oft gilt wohl auch hier: Suum cuique. ;)

    Und, last but not least, noch eine Aufnahme, die vielen als Geheimtip gilt:

    David & Igor Oistrach (Violine/Viola), Moskauer Philharmonisches Orchester, Dirigent: Kyrill Kondrashin (Aufnahme: 9/1963, London).

    Sie ist vor allem wegen ihrer getragenen Tempi berühmt und begehrt, klanglich ist sie der späteren Aufnahme aus Berlin (DGG) unterlegen, und das Orchester ist auch nicht in der Klasse der Berliner Philharmoniker. Kondrashin hingegen ist als Dirigent glänzend, er begleitet die beiden Oistrachs feinfühlig und behutsam.

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    Zumindest in dieser mir vorliegenden Ausgabe (XRCD 24 Bit direkt vom Masterband) klingt diese Einspielung von 1963 ganz vorzüglich, m. E. sogar besser als die spätere Auflage Oistrachs von 1972. Die Tempi sind nicht einmal soviel langsamer als später: 13:40 - 12:36 - 6:35 (1963) zu 13:19 - 11:52 - 6:10 (1972). Böhms Tempi scheinen, abgesehen vom zweiten Satz, sogar getragener.


    P.S. Sollte das Thema nicht lieber in die Kategorie SINFONIE - KONZERT - ORCHESTERMUSIK in KLASSIK und ROMANTIK verschoben werden?

    Budapest Festival Orchestra/Iván Fischer (Philips)

    Eine idiomatischere Einspielung der Orchesterfassungen der Ungarischen Tänze von Brahms wird man kaum finden können. Besser geht's nicht!
    Gerade die Abbado-Aufnahmen sind leider extrem fade und fast belanglos geraten. Karajan ist schon sehr gut, allerdings würde ich Iván Fischer vorziehen.
    Er entlockt auch dem zu Tode gehörten Ungarischen Tanz Nr. 5 ungewohnte neue Klänge.

    Mit Ansermet sind vorhanden:

    Egmont-Ouvertüre op. 84 , Coriolan-Ouvertüre op.62, Die Geschöpfe des Prometheus op.62, Fidelio - Ouvertüre op.72c, Lenore II op.72a, Leonore III op.72b

    Ja, Ansermet hatte in Sachen Beethoven wirklich etwas zu sagen. Leider fehlt die von mir sehr geschätzte Ouvertüre König Stephan - wie allerdings bei vielen Dirigenten.

    Wäre das Orchserteer so mittelmäßig gewesen, wie gelegentlich behauptet, hätte die renommierte DECCA nicht über einen längeren Zeitraum Aufnahmen mit ihm gemacht.....

    Richtig. Manche Klischees halten sich einfach über Generationen hinweg und werden nicht selten nicht mehr hinterfragt und einfach übernommen. Das Orchestre de la Suisse Romande würde ich überhaupt nicht als mittelmäßig abtun. Was Ansermet da teilweise an superben Aufnahmen hinterlassen hat, belegt die Güte dieses Orchesters eindrucksvoll. Man denke nur etwa an seine Einspielung der 2. Symphonie von Schumann, die mein absoluter Favorit ist und für mich sogar noch vor Bernstein rangiert. Der ausgezeichnete Decca-Klang von 1965 lässt sie auch klanglich hervorstechen und so manche viel jüngere Aufnahme alt aussehen. Enthalten ist sie im bereits oben gezeigten Album:


    MI0001031062.jpg?partner=allrovi.comEin schönes Thema hat uns Nemorino beschert. Danke. Bei mir werden sogar Jugenderinnerungen wach, weil die Ouvertüre zu "Egmont" eines der Musikstücke gewesen ist, die ich zuerst ganz bewusst wahrgenommen habe. Es sind wichtige Aufnahmen genannt worden. Ich hätte sonstwas gegeben, den "Egmont" von Goethe mal mit der Musik von Beethoven zu erleben. Ich möchte eine sehr individuelle Einspielung empfehlen, die sich in der links abgibildeten Box findet: Eine Eindrichtung von Hermann Scherchen aus seiner Leipziger Zeit. Es ist eine sehr wuchtige Interpretion mit dem Rundfunk-Sinfonie Orchester Leipzig vom 25. November 1960. Klärchens Lied singt Rosemarie Rönisch, die am 9. Juli 2019 ihren 90. Geburtstag beging. Sprecher ist der österreischische Schauspieler Karl Paryla. Scherchen lässt Egmont auftreten noch bevor die Ouvertüre einsetzt: "Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen die Sonnenpferde mit unseres Schicksals leichtem Wagen durch." Paryla bringt eine etwas scharfe, ja bissige Note in seinen Vortrag. Scherchen, der zur klassichen Literatur ein inniges Verhöltnis pflegte, und von dem es noch eine andere Einspielung gibt, wollte mit dieser Fassung einen Gesamteindruck des Stückes vermitteln. Die 3-CD-Edition von Tahra, die antiquarisch mancherorts zu einem völlig überzogenen Preis angeboten wird, enthält noch weitere musikalische Adaptionen von Weltliteratur. Ich habe sie mal sehr günstig erwischt - und hüte sie wie meinen Augapfel.


    Bei dieser Einspielung beeindruckt mich der Sprecher, der genannte Karl Paryla (1905-1996), ein gebürtiger Wiener, der zeitweise in der DDR wirkte und sich zum Kommunismus bekannte (Mitglied der KPÖ). Er wirkte auch in einigen Film- und Fernsehproduktionen mit. 1990 erhielt er den Nestroy-Ring.


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    Leider ist der Text des Sprechers in der Scherchen-Aufnahme im Vergleich zur Szell-Aufnahme gekürzt.

    Oistrach; UdSSR-RSO/Roschdestwenski (1965)



    Meine erste Wahl: David Oistrach mit dem Rundfunk-Symphonieorchester der UdSSR unter Gennadi Roschdestwenski (Melodija, 1965). Eine bessere Aufnahme wird man kaum finden. Zudem erklingt sie in erstaunlich gutem Stereo! (Ob die Mono-Ausgabe bei Brilliant von angeblich 1966 identisch ist, sei dahingestellt. Wohl eher nicht. Besser immer gleich die Melodija-Versionen kaufen.)


    Spielzeiten: 15:08 - 8:44 - 7:23

    P.S. Ebenfalls enthalten die vielleicht beste Aufnahme des Violinkonzerts von Tschaikowski mit denselben Protagonisten (und den Moskauer Philharmonikern) in einer klanglich ähnlich überzeugenden Stereo-Produktion von 1968.

    Ich finde die vielen Klischees, die er seitenweise anführt, eher abschreckend.

    Ich kenne dieses Buch zwar nicht, sehe ich aber tendenziell ganz ähnlich. Wenn ich schon eine Wortneuschöpfung wie Operntunte lese - klischeehafter geht's ja kaum. Dadurch wird ein absurdes Schubladendenken doch gerade erst befördert. Noch dazu die dadurch assoziierte unzulässige Vermischung von Homosexuellen mit Transvestiten - immer und immer wiedergekäut.

    Soll Der schwule Opernführer übrigens nur männliche Homosexuelle ansprechen? Den Titel finde ich nicht sehr geglückt, das Projekt an sich aber durchaus spannend. Besser und neutraler als schwul (ein Wort, das ich persönlich überhaupt nicht mag, zumal wenn man seine Wurzeln bedenkt) wäre doch homoerotisch gewesen. Aber vermutlich sollte es auch reißerisch klingen.

    Danke für dieses Thema!



    Die überzeugendste Aufnahme bleibt für mich ganz klar die genannte von George Szell mit den Wiener Philharmonikern, was ich gerade auch auf den überragenden Sprecher Klausjürgen Wussow zurückführe. Packender kann man die Schlussansprache gar nicht darbieten. Kein anderer mir bekannter Sprecher hat eine ähnliche Wirkung erzielt. Eine Jahrhundert-Aufnahme.


    Lieber Norbert,


    danke für diesen wichtigen Hinweis. Ich habe dieses Tschaikowski-Projekt der Tschechischen Philharmonie mit ihrem neuen Chefdirigenten Bychkov bisher nur am Rande verfolgt. Wenn jetzt ein kompletter Zyklus (inklusive Manfred, Romeo und Julia und Francesca da Rimini) vorgelegt wird, bin ich doch interessiert. Die Tschechische Philharmonie hat bereits einen Zyklus unter Ken-Ichiro Kobayashi eingespielt (auf Exton, hierzulande kaum bekannt). Ich könnte mir diese Neueinspielung als besonders spannend vorstellen, da dieses Orchester in Sachen Tschaikowski schon immer etwas Bedeutendes zu sagen hatte (man denke an die alten Aufnahmen von Slovák und Matacic). Die Veröffentlichungspolitik ist natürlich wirklich fragwürdig. Ich finde das auch ziemlich absurd, dass man die restlichen Symphonien nur noch als Gesamtbox erhält.

    Ich bilde mir gerade mein eigenes - zur Mitte des 3. Satzes sehr positives - Urteil. :)

    Das habe ich mir schon gebildet und sehe es ähnlich wie der Rezensent des Guardian. 3/5 Sternen kann man wohl geben. Für die Höchstnote kenne ich schlichtweg zu viele bessere Alternativen (u. a. Markevitch, Klemperer, Karajan [DG 1964], Bernstein, Gergiev [Philips], Kondraschin [Altus], Matacic, Dervaux, Asahina usw. usf.).

    Simonows Aufnahme der Zweiten ist mir nicht bekannt (selbst der Dirigent ist mir kein Begriff).

    Einer der führenden lebenden russischen Dirigenten. Unter anderem der bis dato jüngste Chefdirigent des Bolschoi-Theaters (1970-1985) und später der Moskauer Philharmoniker (seit 1998). In den 80er und 90er Jahren nahm er einiges mit dem Philharmonia Orchestra, dem Royal Philharmonic Orchestra und dem London Symphony Orchestra auf. Mit den Berliner Philharmonikern spielte er mit Dimitris Sgouros das 3. Klavierkonzert von Rachmaninow für EMI ein.


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    Ja, so etwas in der Art dachte ich mir auch. Da wird nachträglich ein prestigeträchtigerer Gründungsmythos beschworen (der große Bülow klingt halt besser), so mein Eindruck.

    Ganz verständlich ist mir die Deklarierung Karajans als angeblich viertem Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker auch nicht.

    Selbst wenn man Borchard und Celibidache nur als interimistische Chefdirigenten ansieht, wäre Karajan Chefdirigent Nr. 5.

    Musikjournalist Herbert Haffner im Interview zu 125 Jahre Berliner Philharmoniker von 2007 im Deutschlandfunk Kultur:

    "Ja, man muss immer sagen, der erste Chefdirigent – das wird oft sehr falsch gesehen – ist nicht Hans von Bülow, sondern ein Ludwig von Brenner, den heute kaum mehr jemand kennt."

    Demnach wäre Petrenko Chefdirigent Nr. 8.

    Nicht zu vergessen Friedrich der Große und Ludwig II., die uns zeitlich näher sind als Alexander oder Hadrian.

    Das Kuriose ist ja auch, dass sich Könige und teils auch Päpste von der Renaissance bis zum ausklingenden Rokoko mehr oder weniger offen dazu bekennen konnten. Man denke dabei etwa an Heinrich III. und Ludwig XIII. von Frankreich oder an die Päpste Paul II., Sixtus IV., Julius II., Leo X. und Julius III. Mir scheint der Umschwung im 19. Jahrhundert mit der bürgerlichen Prüderie gekommen zu sein, was man gerade am tragischen Schicksal Ludwigs II. von Bayern ersehen kann. Und sind wir heute in der Hinsicht wirklich weiter? Kann sich jemand heutzutage ernsthaft einen offen homosexuellen Monarchen in Europa vorstellen? Man denke auch an die 1976 aufkommenden Vorwürfe an den damaligen Papst Paul VI., er habe eine langjährige derartige Beziehung geführt. Nicht mal auf dem Höhepunkt der "sexuellen Befreiung" hätte er sich dazu bekennen können.

    Tschechische Philharmonie/Slovák (1975)

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    Eine Einspielung, die vermutlich nahezu vergessen ist, stellt jene der Tschechischen Philharmonie unter dem slowakischen Dirigenten Ladislav Slovák (1919-1999) dar, der heute durch seine Naxos-Aufnahmen wohl noch am geläufigsten ist. Supraphon spielte zu ČSSR-Zeiten die drei letzten Tschaikowski-Symphonien ein, wobei Lovro von Matacic Nr. 5 und 6 verantwortete (1960 und 1968). Ein paar Jahre später erfolgte dann auch die Produktion der Symphonie Nr. 4 (1975).


    Kurz gesagt: Das ist mit die überzeugendste Interpretation, die ich mir in meinem lang andauernden Vergleichshören vorgenommen hatte. Im Tonfall deutlich östlich angehaucht, doch auch mit unverkennbar böhmischer Note versehen, liefert Slovák eine brillante Analyse des häufig verkannten Werkes, die zu keinem Moment an Versüßlichung denken lässt.


    Die Spielzeiten: 17:58 - 9:40 - 5:35 - 9:01


    Die Klangqualität steht dem glücklicherweise nicht nach. Als Beigabe erhält man eine der individuellsten Interpretationen von Francesca da Rimini mit den Brünner Philharmonikern unter Stabführung des jugoslawischen Dirigenten Oskar Danon (1913-2009) von 1976.

    Denkt man an Böhms späte Mozart-Aufnahmen mit den Wiener Philharmonikern, sollte man nicht die Video-Produktionen unterschlagen:




    Auf 3 DVDs sind die Symphonien Nr. 1, 25, 28, 29, 31, 33, 34, 35, 36, 38, 39, 40 und 41 in Aufnahmen zwischen 1969 und 1978 versammelt (33 und 39 mit den Wiener Symphonikern), dazu ein paar weitere Werke. Teilweise handelt es sich um Konzertmitschnitte, teilweise um Studioproduktionen ohne Publikum. Alle natürlich in Stereo. Etliche davon hat Böhm sonst nie mit den Wiener Philharmonikern aufgenommen, darunter die herrliche 1. Symphonie und eine fulminante 34. Symphonie. Als Bonus ist die interessante Dokumentation "Ich erinnere mich" von 1994 enthalten.


    So gesellen sich zu den wenigen CD-Einspielungen mit den Wienern doch noch einige mehr. Für Böhm-Fans eigentlich ein Muss.

    Danke für den Hinweis auf die Originalfassung.


    Es gibt mittlerweile einige Einspielungen derselben, darunter neben der genannten von Wallfisch/Simon folgende:



    Miklós Perényi; Budapest Festival Orchestra/Iván Fischer (Hungaroton, 1988)


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    Steven Isserlis; Chamber Orchestra of Europe/Sir John Eliot Gardiner (Virgin, 1989)


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    Julian Lloyd Webber; London Symphony Orchestra/Maxim Schostakowitsch (Philips, 1991)


    Jamie Walton; Royal Philharmonic Orchestra/Okko Kamu (Signum, 2013)

    Hallo Josef,


    seinerzeit hatte mich diese Oistrach/Roshdestwensky-Aufnahme (Melodiya, 1968) klanglich nicht überzeugen können. Ich muss allerings einräumen, dass ich die Brillant - Ausgabe hatte. Die Brilli-Oistrach-Box hatte insgesamt einen derart schlechten Klang, sodass ist dieses "Ärgernis" nicht behalten wollte.

    Ohne die Melodiya-Ausgabe (Abb von Josef) dieser Aufnahme zu kennen, bin ich überzeugt, dass diese wohl besser sein muss !

    Hallo Wolfgang,


    so muss es wohl sein. Heute fand ich eine Rezension der Brilliant-Box, die das bestätigt:


    "Comparison with the Melodiya transfer in their big Oistrakh CD box favours the Russian disc – clearer at a higher level." (musicweb-international.com)


    Also ich könnte am Klang der Melodija-Ausgabe nichts aussetzen. Das ist räumlich, direkt und wenige Störgeräusche durchs Publikum. Kein Wunder: Dieses war sicher gebannt, wie sich Oistrach und Roschdestwenski gegenseitig zu Höchstleistungen anspornten. Sollte Dir die CD mal günstig über den Weg laufen: Nicht zögern. Den echt russischen Orchesterklang wird man in Philadelphia trotz aller Meriten ja eher nicht finden. :pfeif:

    Aber Musik (wohlgemerkt nicht die Oper und das Lied, wo ein Text einen homoerotischen Inhalt haben kann (Tristan Klingsor z.B., vertont von Ravel, ist offen homoerotisch), sondern reine Instrumentalmusik) - nein!

    Die Frage, lieber Holger, ist m. E. indes aber auch, ob Tschaikowskis Symphonien denn reine Instrumentalmusik sind. Speziell die hier schon genannte 4. Symphonie erfüllt doch mehr oder weniger die Bedingungen einer Programmsymphonie. Das Schicksal ist das Thema der einleitenden Fanfare des Kopfsatzes, wie der Komponist selbst schreibt. Im englischen Sprachraum hat die Vierte auch den Beinamen Fatum erhalten. Man findet die Bezeichnung dieses Werkes als symphonischen Hybriden, also eines Zwitters zwischen einer Symphonie und einer Symphonischen Dichtung á la Liszt. Das Schicksal dominiert auch die Fünfte. Die 6. Symphonie nannte er zunächst sogar explizit Programmsymphonie und schrieb ja auch, dass sie ein Programm besitze, das "aber für alle ein Rätsel bleiben soll". Schon in seiner 1. Symphonie gibt es Charakteristika von Programmmusik, sind die ersten beiden Sätze ja bezeichnet als Traum von einer Winterreise und Land der Öde, Land der Nebel. Noch viel deutlicher ist das natürlich bei der Manfred-Symphonie ausgeprägt, die ein ganz eindeutiges Programm besitzt. Das unterscheidet Tschaikowskis Symphonik für mein Dafürhalten auch von der absoluten Symphonik des etwa gleichaltrigen Johannes Brahms.

    Wie man "homosexuelle Aspekte" in der Musik (jeglicher Art) nachweisen will, bleibt mir schleierhaft. Offensichtlich ist das wohl eine schicke Modererscheinung. Wir werden auch dieses überstehen.

    Eine Modeerscheinung, die mindestens 40 Jahre alt ist. An anderer Stelle wurde nämlich Horst Koegler in einer Ausgabe der HiFi-Stereophonie von 1978 zitiert, wo er der Pathétique ein "homoerotisches Gefühlsklima" bescheinigt (und Karajans Einspielung, um die es konkret ging, dies laut Koegler so formvollendet negiere wie keine andere dem Rezensenten bekannte Aufnahme). Der Literaturwissenschaftler Hans Mayer beschrieb die Musik der Pathétique als "rauschhafte Amalgierung von Homoerotik und Tod". Und Klaus Manns Roman Symphonie Pathétique ist sogar bereits von 1935.

    Oistrach; Moskauer Philharmoniker/Roschdestwenski (1968)

    Ganz bewegend David Oistrakh zu seinem 60ten Geburtagstag in Moskau

    Und wie! Das dürfte schwerlich zu toppen sein. Kongenial auch die Moskauer Philharmoniker unter Gennadi Roschdestwenski. Der Mitschnitt ist von 1968, in astreinem Stereo und bei Melodija erschienen (soll besser sein als der Transfer bei Brilliant).




    Spielzeiten: 18:48 - 6:01 - 9:44

    Spielt Homophobie eine Rolle?

    Durch einen anderen Thread kam mir noch ein Gedanke: Könnte es nicht auch (zumindest unterschwellige) Homophobie sein, die zur Abwertung Tschaikowskis führte und teilweise noch führt? Ist Tschaikowskis Musik schwule Musik?


    Hierzu zitiere ich eine kurze Passage in einem Interview von Mathias Döpfner mit Marcel Reich-Ranicki, das 2009 in der Welt Online erschien:


    Döpfner: 1986 haben Sie mich in der FAZ-Redaktion, als wir über Erotik in der Musik und Tschaikowsky diskutierten, mal mit der Frage verunsichert: 'Gibt es homosexuelle Musik?'

    Reich-Ranicki: Eine gute Frage!

    Döpfner: Ich wusste damals und bis heute keine Antwort. Deshalb möchte ich die Frage heute zurückstellen: 'Gibt es sie?'

    Reich-Ranicki: Ich glaube daran, dass bei der Entstehung mancher musikalischer Werke homosexuelle Gedanken eine Rolle gespielt haben können. Aber ob Musik vom Publikum als homosexuell verstanden werden kann, das weiß ich nicht. Mir hat mal jemand gesagt, die Vierte Symphonie von Tschaikowsky sei homosexuell. Ich glaube das nicht.


    Am Rande: Der derzeitige russische Kulturminister Wladimir Medinski bestreitet die Homosexualität Tschaikowskis ganz vehement. Es gäbe keine Beweise hierfür (wissenschaftlich ist diese Behauptung unhaltbar). Ein Tschaikowski-Film wurde seinerzeit auch deswegen gestoppt. Selbst Wladimir Putin bestritt die Homosexualität Tschaikowskis indes nicht, meinte aber, die Russen liebten ihn nicht deswegen, sondern wegen seiner großartigen Musik. In der UdSSR wurden die Briefe Tschaikowskis, die dies eindeutig beweisen, nicht editiert.

    Dass Erotik ein Thema der Oper seit ihren Anfängen ist, wird doch niemand ernsthaft bestreiten. Wieso dies also eine Zeiterscheinung sein soll, erschließt sich mir mitnichten. Die Prüderie des 19. Jahrhunderts wirkt wohl bis heute nach. Und einzig Brittens Billy Budd soll einem da in den Sinn kommen? Allein von diesem Komponisten gäbe es mindestens zwei weitere Opern, die genannt werden müssten: Peter Grimes and Death in Venice. Und von wegen nur im modernen Regietheater. Schon Siegfried Wagner inszenierte den Tannhäuser mit homoerotischer Komponente im Venusberg. Dass man den Fliegenden Holländer auch dergestalt deuten kann (nicht muss!), ist zumindest zum Nachdenken anregend.

    Arrangements der Streichquartette für Streichorchester

    Nicht nur das Andante cantabile des Streichquartetts Nr. 1, sonderen alle drei Streichquartette wurden für Streichorchester arrangiert, und zwar in den frühen 90er Jahren vom Dirigenten Mischa Rachlewski (Misha Rachlevsky) mit dem Kammerorchester des Kreml (Chamber Orchestra Kremlin), erschienen bei Claves.




    Puristen werden wahrscheinlich aufschreien, aber mir erschien das doch durchaus gelungen.