Beiträge von Joseph II.

    Obwohl dieser Thread nur bedingt dazu geeignet ist, noch einige Worte zu Rubinsteins Beethoven:


    Du, lieber nemorino, hast zurecht auf die insgesamt drei Stereo-Zyklen der fünf Klavierkonzerte verwiesen: Unter Krips 1956, unter Leinsdorf 1963-1967 und eben unter Barenboim 1975. Sie entstanden also jeweils im Abstand von circa einem Jahrzehnt. Ich glaube, der geschätzte William hat sich die Aufnahmen mal im Detail angeschaut und miteinander verglichen. Nach meiner Erinnerung empfand ich den 70er-Zyklus sowohl klanglich als auch interpretatorisch am gelungensten. Aristokratischer wurden diese Werke wohl nie eingespielt. Diese Tendenz verstärkte sich bei Rubinstein im hohen Alter sogar noch. Das ist der Beethoven eines echten Gentleman, in seiner Eleganz unvergleichlich. Ich fand Barenboims Begleitung persönlich keineswegs mittelmäßig. Wenn ich mich recht entsinne, bemerkte eines der Beihefte, dass es gerade Rubinstein war, der Barenboim zum nicht unumstrittenen Schritt, sich auch dirigentisch zu betätigen, ermunterte. Die beiden harmonierten großartig, wie ja auch schon in umgekehrter Kombination Barenboim und Klemperer in der ebenfalls zurecht gerühmten Gesamtaufnahme aus den späten 60er Jahren. Jungheinrichs Kritikpunkte würde ich nicht überbewerten. Man sollte sich in jedem Falle bei Gelegenheit ein eigenes Bild machen. Ich empfehle besonders die Aufnahme des 5. Klavierkonzerts aus diesem späten Zyklus. Die ist m. E. sagenhaft.

    Letzter Auftritt auf dem Podium

    Recht bezeichnend, auf wie wenig Interesse Bernard Haitinks Rückzug vom Dirigentenpodium zu stoßen scheint. Selbst im Abgang bescheiden, wie immer im nicht besonders gut sitzenden Frack. Haitink legte auf sowas offenbar nie Wert.


    Der sichtlich gealterte 90-jährige Niederländer absolvierte am 6. September 2019 sein letztes Konzert, und zwar Bruckners Siebente mit den Wiener Philharmonikern beim Lucerne Festival. Hier die allerletzten Takte, vom Festival selbst hochgeladen:


    Es folgten unzählige Schallplatten, aber ich kenne keine einzige, wo es irgendwo hieße: Das muß man mit Barenboim gehört haben!

    Lieber nemorino,


    zumindest die folgenden sollte man gehört haben (und nicht nur wegen Rubinstein):


    Beethoven: Klavierkonzerte Nr. 1-5

    Arthur Rubinstein, Klavier

    London Philharmonic Orchestra

    Daniel Barenboim, Dirigent
    RCA, 1975



    Eine CD-Neuauflage wäre dringend überfällig.


    Auf LP sah das folgendermaßen aus:


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    Von wegen vergessen!

    Es ist interessant, wie unterschiedlich die Wahrnehmung sein kann. Rubinstein auch nur in Betracht zu ziehen für einen "vergessenen Pianisten", käme mir überhaupt nicht in den Sinn. Vielmehr fiele er mir wohl als einer der ersten drei der allergrößten ein. Auch ich schätze ihn ungemein und bin da ganz bei Holger. Dass ihm nicht alles referenzträchtig gelang, liegt in der menschlichen Natur begründet. So ließen mich seine (wenigen) Mozart-Aufnahmen eher kalt. Dafür wäre Rubinstein wohl meine erste Nennung, wenn es um die fünf Klavierkonzerte von Beethoven geht. Bekanntlich spielte er nicht weniger als drei Stereo-Zyklen ein, wobei mich persönlich der ganz späte unter Barenboim am meisten anspricht. Ein Monument für die Ewigkeit. Großartig auch sein Tschaikowski, Rachmaninow und Grieg.

    Geschätzter nemorino,


    ich glaube, da unterlief Dir ein kleiner Fehler: Einzig Schuberts Unvollendete ist in Stereo, der Schumann und der Mendelssohn sind noch in Mono.


    Zitat der National Library of Australia: "Recorded in Kingsway Hall, London, Aug. 16-18, 1955 (Schubert), May 15 & 21, 1953 (Schumann), & Aug. 12-13 & 16, 1955 (Mendelssohn). The Schubert is a stereo recording, the others are mono."


    Ich habe vorhin reingehört und kann das bestätigen. Das ist wieder das Kuriose, dass in dieser Zeit nur teilweise die Stereo-Aufnahmegeräte zur Verfügung standen, wie wir bereits an anderer Stelle diskutierten. Bei den Aufnamesitzungen zwischen 12. und 16. August 1955 für den Mendelssohn liefen sie nicht, für diejenigen des Schubert zwischen 16. und 18. August 1955 hingegen schon.

    Allen, die sich jetzt schon festgelegt haben auf Schuldzuweisungen ohne Beweise, sollten einfach mal abwarten und die Klappe halten.

    Gut gesagt. Zumal sprichst Du ja (bedauerlicherweise) aus eigener Erfahrung. Danke für die offenen Worte - und bei der Gelegenheit ein ganz herzliches Willkommen! :)

    Die Sinfonien sind hingegen leidlich bekannt. Viele Aufnahmen existieren nicht. Mit einem wirklich "großen" Orchester ist mir nur die alte Masur-/Philips-Produktion mit dem Leipziger Gewandhausorchester geläufig - der Rest findet sich vielmehr auf Entdecker- und Nischenlabeln mit den korrespondierenden Orchestern (deren Qualität ich damit keinesfalls mindern mag!).

    Ausgezeichnet gelungen sind die Chandos-Produktionen des London Symphony Orchestra unter dem leider bereits verstorbenen Richard Hickox. Bedauerlicherweise wurden nur die Symphonien Nr. 1 und 3 sowie die Violinkonzerte Nr. 2 und 3 eingespielt. Ausgerechnet die von mir besonders geschätzte Symphonie Nr. 2 fehlt. Dafür gibt es auch von dieser eine grandiose Einspielung, nämlich die etwas unscheinbare mit dem Sinfonieorchester Wuppertal unter Gernot Schmalfuß auf MDG.




    Nach einigem Vergleichshören befand ich diese Aufnahmen als die mich überzeugendsten bei den drei Symphonien, interpretatorisch und auch klanglich.

    Für mich im Grunde genommen auch. Wenn man sich ansieht, wie selten seine Werke heutzutage auf den Spielplänen stehen, könnte man heulen. Dasselbe gilt eigentlich auch für Boieldieu und Grétry, die zu Lebzeiten zu den berühmtesten Komponisten überhaupt gehörten. Nach denen muss man im 21. Jahrhundert mit der Lupe suchen.

    Vorab: Ich beziehe mich auf den Rundfunkmitschnitt aus der Berliner Philharmonie vom Vortag, bei dem tontechnisch nicht viel auszusetzen ist.


    Mit etwa 61 Minuten legt Kirill Petrenko wirklich eine der flottesten Interpretationen aller Zeiten vor. Ist das nun gut oder schlecht? Das Konzept geht am ehesten im Scherzo auf (13 Minuten, wohl sämtliche Wiederholungen). Der Kopfsatz (14 Minuten) ist mir definitiv zu gehetzt. Von maestoso keine Spur. Mir geht ebenfalls der Gänsehautmoment in der Coda ab. Das Adagio ist zwar hübsch gespielt, aber lachhaft schnell (unter 13 Minuten). Der Finalsatz schließlich ist (natürlich) ebenfalls auf der sehr flotten Seite (etwa 21 Minuten). Von den Solisten gefiel mir der Tenor auch am besten, ohne dass ich ihn jetzt gleich in der Spitzenklasse verorten würde. Chor sehr gut, wie nicht anders zu erwarten. Ab und an kleinere Patzer im Orchester.


    Besser als Furtwängler, Karajan, Abbado und Rattle? Muss jeder für sich selbst entscheiden. Mein Beethoven ist es jedenfalls eher nicht.


    P.S. Von nun an ist Petrenko nicht mehr nur designierter Chefdirigent.

    Das ist übrigens erst die vierte Mahler-Aufnahme, die mit Herbert Blomstedt erhältlich ist (2. aus San Francisco, die ich besitze und 4. und 5. aufgenommen mit dem NHK SO, also aus Japan).

    Das dürfte zutreffen. Allerdings hat Blomstedt mindestens noch die 1. Symphonie von Mahler ebenfalls dirigiert. Ich müsste einen Rundfunkmitschnitt haben, höchstwahrscheinlich mit dem Dänischen RSO. Es wäre begrüßenswert, wenn das auch mal auf CD herauskäme.

    Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass den Knabenchören nun das Aus droht. Diese haben seit vielen Jahrhunderten letztlich alles überstanden. Das nunmehrige erste Gerichtsurteil beruhigt mich daher auch. Der ganz spezifische Klang eines Knabenchors ist eben nur mit Knabenstimmen zu erzielen. Das sollte eigentlich jedem einleuchten. Die Hinzunahme einer Mädchenstimme würde das genauso verfälschen als wenn man plötzlich erwachsene Männer zuließe. Vielleicht klagt aber bald einer wegen Altersdiskriminierung. ;)


    Ich verstehe in diesem Fall die Mutter nicht. Ein Ego-Trip auf Kosten der eigenen Tochter. Wer wollte einziges Mädchen unter lauter Jungen sein, das man dann scheel anblickte, weil es den einzigartigen Klang auf dem Gewissen hätte, und wo Ausgrenzung vorprogrammiert wäre?

    RE: Golschmann / Gould


    Wie ich in früheren Beiträgen hier schon bekundet habe, gehört die Golschmann - Aufnahme auch zu meinen Favoriten. Dies liegt aber nicht nur an Gould, sondern an der überragenden Orchesterleistung im Zusammenspiel.


    [...] 8) Es gibt eigentlich keine Aufnahme bei der die Pauken so prägnant in Szene gesetzt werden wie hier.

    Ich habe mir eben diese Einspielung auch vor ein paar Tagen angehört und kann die Begeisterung voll teilen. Zu einem Klavierkonzert gehört eben auch ein Orchester, und Golschmann legt hier auch m. E. ein wirklich astreines Dirigat hin.

    Das sind sehr deftige Behauptungen der betreffenden Damen. Was aber beweist uns, dass sie auch wirklich zutreffen und, wenn nicht erfunden, zumindest stark aufgebauscht sind?

    Bei Domingo glaube ich angesichts der Vielzahl der Frauen, die sich dazu geäußert haben, nicht an seine Unschuld.

    Das ist zwar Dein gutes Recht, lieber Bertarido, aber trotzdem bleibt auch Herr Domingo unschuldig, ehe ihn nicht ein ordentliches Gericht rechtskräftig verurteilt hat (wovon ich nicht ausgehe). Diese Vorverurteilungen sind im Internet-Zeitalter leider zu einer echten Gefahr geworden. Irgendetwas bleibt immer hängen. Völlig verkehrt finde ich die vorschnellen Reaktionen einiger Opernhäuser. Angemessen dagegen, wie die Salzburger Festspiele damit umgehen. In einem Rechtsstaat darf nicht die Presse die Rolle der Gerichte übernehmen. Domingo könnte nun seinerseits in die Offensive gehen und wegen Verleumdung und Rufmord klagen.

    Eschenbach

    Als Dirigent hat er sich zwar einen Namen gemacht, jedoch ist er nie in eine wirkliche Spitzenposition aufgerückt.

    Hier, lieber nemorino, muss ich doch einhaken. Ich weiß zwar nicht, was für Dich persönlich eine wirkliche Spitzenposition im Orchesterbetrieb ist, aber Christoph Eschenbach war doch u. a. Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich (das nicht wenigen als führendes schweizerisches Orchester gilt), des Orchestre de Paris (welches französische Orchester hat international mehr Renommee?) und des Philadelphia Orchestra (eines der amerikanischen Big Five). Das Sommerfestival des Chicago Symphony Orchestra (gilt vielen als bestes US-Orchester) in Ravinia leitete er zudem jahrelang. Außerdem stand er mit dem Houston Symphony, dem NDR-Sinfonieorchester und dem National Symphony Orchestra in Washington, D.C., auch nicht gerade drittklassigen Klangkörpern vor. Ich würde insgesamt eher sagen, dass Eschenbach eine ziemlich spektakuläre Dirigentenkarriere hingelegt hat, die bei seinen dirigentischen Anfängen so wohl kaum absehbar war.

    Danke für diese Deine kundige Einschätzung, lieber Norbert.


    Ich werde das in Bälde selbst überprüfen, da mir die Aufnahmen mittlerweile auch vorliegen. Mal sehen, welche mir besser gefällt. ;)

    Kissin über Tschaikowskis Dritte

    Ich stieß gestern zufällig auf eine zum Nachdenken anregende Aussage zu Tschaikowskis 3. Symphonie, die ich hier wiedergeben möchte:


    Der russische Dirigent Jewgeni Swetlanow hat die Meinung des Pianisten Jewgeni Kissin zu diesem Werk nachhaltig geändert. Kissin wörtlich (in Übersetzung):


    "Von all den Projekten unserer Zusammenarbeit werde ich mich immer an unser Konzert mit dem Staatsorchester in Toulouse erinnern. Der zweite Teil des Programms war Tschaikowskis Symphonie Nr. 3. Ich entsinne mich, dass ich als Kind das Klischee pflegte, die Dritte sei die am wenigsten interessante von Tschaikowskis Symphonien. Vor diesem Konzert in Toulouse habe ich nicht viel über dieses Werk nachgedacht, aber Swetlanow hat es so brillant und inspiriert aufgeführt, dass ich mich in dasselbe verliebte und es bis zum heutigen Tage liebe."

    (Quelle)

    Da bin ich auf Deine Eindrücke wirklich gespannt. Mir persönlich gefällt der ganz späte Gielen oft wirklich sehr gut (Bruckners Achte etwa).

    Ich finde ja, selbst nur einmal gehört, ist Mahlers Sechste schon heftig, so dass ich dieses Werk nur in sehr geringen Dosen überhaupt einmal komplett höre. ;)

    Eine Arie, die zumindest nach meinem Eindruck heutzutage ziemlich im Schatten steht und selten dargeboten wird, ist Boieldieus Viens, gentille dame aus der Oper La Dame blanche. Vielleicht mangelt es auch an adäquaten potentiellen Interpreten in der Nachfolge von Nicolai Gedda, ganz zu schweigen von David Devriès.

    Ich habe mitunter den Eindruck, dass ein Dirigent aus derlei Orchestern womöglich ganz besonders viel herausholen kann. Die Musiker folgen bedingungslos, sind nicht so eitel und von sich überzeugt wie in den Klangkörpern der höchsten Kategorie. Sie sind ehr dankbar und demütig, unter einem wie Barbirolli spielen zu dürfen. Sie geben alles daran. Wie sonst sollte ein Ergebnis wie dieses zustande kommen?

    Das ist eine Beobachtung, die sich mit meinen Erfahrungen auch weitestgehend deckt. Wenn wir bei Barbirolli bleiben, dann wird man diese Schlussfolgerung ja auch bei zahlreichen seiner Aufnahmen mit dem Hallé Orchestra ziehen können, das nie so wirklich zu den Spitzenorchestern gezählt wurde, wo der Dirigent aber vielleicht gerade deswegen oft exemplarische Interpretationen erzielt hat. Ich nehme an, Barbirolli hätte in den 60er Jahren eines der großen Londoner Orchester haben können, wenn er wirklich aus Manchester fort gewollt hätte. Offenbar war dem nicht so. Komponisten wie Sibelius oder auch Tschaikowski lagen ihm m. E. besonders, weil es dort m. M. n. kein Zuviel an Emotionalität geben kann, insofern Barbirollis Ansatz goldrichtig erscheint. Die Kölner Einspielung der Zweiten von Sibelius ist wohl sogar meine liebste unter Barbirolli. Seine viel bekanntere EMI-Einspielung von 1966 war mein Einstieg zu diesem Werk; sie ist Teil der Gesamtaufnahme. Mit der Chesky-Einspielung mit dem Royal Philharmonic Orchestra von 1962 wurde ich hingegen nie so richtig warm. Es gibt noch eine Monoaufnahme mit dem Hallé Orchestra (wohl von 1952) und eine aus New York (wohl von 1940), zudem einen Live-Mitschnitt aus Boston von 1964 und einen mit dem BBC Symphony Orchestra während einer Tournee in die Sowjetunion von 1967.