Durch dieses wiederbelebte Thema bin ich nach längerem abermals auf eine Einspielung gekommen, die hier noch mit keinem Wort erwähnt wurde und deren bloße Existenz vermutlich selbst ausgewiesenen Kennern des "Don Carlos" weitgehend unbekannt geblieben ist. Die Rede ist von der Studioproduktion der sowjetischen Melodia aus dem Jahre 1964, die unter Leitung des begnadeten bulgarischen Operndirigenten Assen Naidenow (1899-1995) zustande kam. Dieser war zwischen 1945 und 1961 Chefdirigent der Bulgarischen Nationaloper Sofia, wurde dann in den Ruhestand geschickt und betätigte sich in der Folge als Gastdirigent in der Sowjetunion, wo er von 1962 bis 1965 einige Aufnahmen verantwortete. Am Moskauer Bolschoi-Theater übertrug man ihm in der Spielzeit 1963/64 den "Don Carlos", der ein solch großartiger Erfolg wurde, dass man kurzerhand eine Studioaufnahme in Angriff nahm. Infolgedessen kehrte der bereits abgeschriebene Naidenow 1965 triumphal nach Sofia zurück, wo ihm abermals die musikalische Oberaufsicht über die dortige Staatsoper übertragen wurde, die er dann noch einmal bis zum Erreichen seines Achtzigsten im Jahre 1979 versah. Danach ernannte man ihn zum Ehrenpräsidenten des Opernhauses. Hochbetagt und hochangesehen starb Naidenow zwei Tage vor Vollendung seines 96. Lebensjahres. Mit dem "Don Carlos" verband ihn eine besondere Liebe. Er dirigierte ihn zum ersten Mal bereits 1936 und noch 1980 mit Nikolai Gjaurow und Mirella Freni.
Die genannte Einspielung wurde glücklicherweise bereits in Stereo produziert und bietet eine exzellente Besetzung aus der goldenen Zeit des Bolschoi auf. Dass sie auf Russisch gesungen ist, muss man zeittypisch einordnen, als die jeweilige Landessprache noch eine wesentlich stärkere Rolle spielte. Künstlerisch tut es der Einspielung m.E. keinen Abbruch, auch wenn man sich stellenweise atmosphärisch ein wenig an "Boris Godunow" erinnert fühlt. Gespielt wird zwar die vieraktige Fassung, interessanterweise aber mit der vollständigen Ballettmusik. Für den Sammler erschwerend, gab es offenbar nur diese einzige stereophone Auflage aus dem Jahre 1965 und keine spätere Veröffentlichung auf CD. Womöglich wird dieses Desiderat aber beizeiten noch behoben, was angesichts der Umtriebigkeit von Melodia in jüngster Zeit nicht ausgeschlossen erscheint.
Giuseppe Verdi
DON CARLOS
In russischer Sprache
Don Carlos — Surab Andshaparidse
Elisabeth von Valois — Tamara Milaschkina
Philipp II. — Iwan Petrow
Der Graf von Lerma — Nikolai Sacharow
Der Großinquisitor — Waleri Jaroslawzew
Fürstin Eboli — Irina Archipowa
Rodrigo, Markgraf von Posa — Wladimir Walaitis
Tebaldo — Marija Swesdina
Ein Mönch — Waleri Jaroslawzew
Chor und Orchester des Bolschoi-Theaters der UdSSR
Dirigent: Assen Naidenow
Aufnahme: 1964
LP Melodia Stereo C 0933-40 (1965)
