Beiträge von Joseph II.

    Wenn man Chrennikow einen konservativen Geschmack zuordnet, so kann ich daß eigentlich nich nachvollziehehn. Die Frage wird hier stets sein, was man als "konservativ" bezeichnet.

    Diese Beobachtung hatte ich auch, lieber Alfred, als ich das 2. Klavierkonzert hörte (das 1. ist sogar noch ärger). Mir gab das Werk nicht soviel. Umso erstaunter und erfreuter war ich, dass es beim 3. Klavierkonzert (1983) eine "konservative Wende" gibt, die wieder vermehrt in die Richtung der Tonsprache der 2. Symphonie (1940-42, rev. 1944), Chrennikows wohl größtem Triumph, geht. Ich bin gespannt, wie das 3. KK bei Dir ankommt.


    Es ist ärgerlich, dass man der Swetlanow-Aufnahme der 2. Symphonie derzeit schwer habhaft wird. Sie erschien auf CD in folgender Form:


    Anthology of Russian and Soviet Symphonic Music Vol. 2 - Melodiya MEL CD 1002481 (Barcode 4600317024810)

    Khrennikov: Symphonies & Concertos - Melodiya MEL CD 02086 (Barcode 4600317120864)

    Khrennikov: Symphonies 1, 2 and 3 - Scribendum SC029 (Barcode 5060028043026)

    Khrennikov: Three Symphonies - Kapelmeister KAP008 (Barcode 4607094730088)

    Khrennikov: Symphony No. 2; Violin Concerto No. 1 - Vox ACD 8179 (Barcode 047163817922)

    Khrennikov: Symphony No. 2; Violin Concerto No. 1 - Melodiya / Mobile Fidelity MFCD 907 (Barcode 015775190726)


    Hier der Kopfsatz auf YouTube (wo man auch den Rest findet):


    Kissin war zu dem Zeitpunkt 17 Jahre alt und hatte wahrscheinlich überhaupt kein "mulmiges Gefühl". Er äußerte sich dazu 32 Jahre später in einem Interview:

    "Tichon Nikolajewitsch Chrennikow war nicht nur ein guter Musiker und Mentor junger Talente: Er war ein außergewöhnlich guter Mensch, der es liebte, anderen zu helfen. Indem er über viele Jahre die äußerst wichtige

    Position als Generalsekretär des sowjetischen Komponistenverbandes bekleidete, benützte er laufend seinen Einfluss für eine große Anzahl guter Taten für viele, die in Not waren."

    Das ganze Interview

    https://www.musikverein.at/mag…ziges-kriterium-ist-liebe

    Für den Hinweis danke ich. Ich konnte auch einen ausführlichen Text Kissins, betitelt mit "In Erinnerung an Tichon Chrennikow", im Netz finden, wo er ganz detailliert auf Chrennikow und seine Beziehung zu ihm eingeht (auf Russisch, aber Google Übersetzer hilft). Es ist erfrischend, einmal so positive Worte über diesen Mann zu hören. Sollte es stimmen, was Kissin zu berichten hat (und ich habe keinen Grund, daran grundsätzlich zu zweifeln), sollten sich diejenigen, die sich zu Beginn dieses Threads sehr ungustiös über Chrennikow geäußert haben, in Grund und Boden schämen.

    P.S. Wieso prangt im Eröffnungsbeitrag von 2006 eigentlich eine "No War"-Flagge in den ukrainischen Farben? Da hat sich wohl jemand einen verspäteten Scherz erlaubt.

    Danke für die Reaktion!


    Der genannte Konzertmitschnitt von 1988 (tatsächlich identisch in beiden CD-Ausgaben) ist absolut hörenswert und auch klanglich soweit astrein. Alle vier Werke, zwei Violin- und zwei Klavierkonzerte, erklangen an diesem Abend. Interessant, dass der junge Jewgeni Kissin hier das 2. Klavierkonzert spielt. Mit Wadim Repin (VK 1) und Maxim Wengerow (VK 2) hatte man nicht weniger prominente aufstrebende Jungstars. Die dramaturgische Steigerung war nicht zufällig, denn zuletzt erklang das

    Klavierkonzert Nr.3 C-Dur op.28 (1983)

    das ich mittlerweile als das gelungenste aller Chrennikow-Konzerte ansehen würde. Hier gab sich der Komponist, damals bereits 75, selbst die Ehre und trat als Pianist in Erscheinung. Und man wird wohl sagen dürfen, dass er dem Werk technisch durchaus noch gewachsen war. Es hat wirklich seine Momente und bleibt ihm Ohr.

    Dieses Live-Konzert war gewissermaßen eine Huldigung gegenüber dem noch immer gefürchteten und allmächtigen Ersten Sekretär der Komponisten-Union der UdSSR. Auf der Rückseite der Relief-CD findet sich eine Photographie, auf welcher die Jungen dem Alten gratulieren. Wahrscheinlich hatten die drei ein leicht mulmiges Gefühl, denn konnte man sich einem Wunsch Chrennikows auch 1988 kaum widersetzen, wollte man Karriere machen.


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    Glaubt man einer Haydn-Diskographie im Netz, dann ist die 62. Symphonie die am schlechtesten dokumentierte spätere Haydn-Symphonie und außerhalb von Gesamtaufnahmen praktisch unbeachtet geblieben. Eine einzige Ausnahme fand ich von Naxos, wo sich Kevin Mallon mit dem Toronto Chamber Orchestra des verschmähten Werkes annahm, neben zwei weiteren Stiefkindern, Nr. 107 ("A") und Nr. 108 ("B"). Es handelte sich laut dem Werbepartner um das letzte Teilstück der Haydn-Edition von Naxos.

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    Anton Bruckner
    Symphonie Nr. 4 Es-Dur "Romantische"

    bearbeitet und neu orchestriert von Gustav Mahler (1888)

    Symphonieorchester des Kulturministeriums der UdSSR
    Gennadi Roshdestwenski


    Aufnahme: Moskau, 1984







    Das muss die einzige Aufnahme der Mahler-Bearbeitung überhaupt sein, die ich bewusst auch noch nie gehört habe.

    Ich dachte, ich hätte zu diesem Werk schon mal etwas geschrieben. Vermutlich tat ich das, aber nicht in diesem speziellen Thread. Die Symphonie Nr. 61 gehört zu den interessanteren von Haydn. Ihr Problem ist vermutlich, dass sie von noch etwas brillanteren späteren Werken überstrahlt wird. Es gibt relativ wenige Einzelaufnahmen außerhalb (begonnener) Gesamtzyklen. Eine Ausnahme ist die Einspielung von Kurt Masur mit Berliner Rundfunk-Sinfonie-Orchester, eine Eterna-Produktion von 1967 aus der DDR. Eine großsymphonische Interpretation, wie sie heutzutage kein Mensch mehr aufführen würde. Genau das ist aber das große Plus für mich, rückt sie diese 61ste doch bereits in die Nähe der Pariser Symphonien, die etwa ein Jahrzehnt später entstanden sind. Trotz der fehlenden Trompeten strahlt sie eine Festlichkeit aus (Pauken) und etwas Jagdcharakter (Hörner).



    Die Original-LP sah übrigens so aus:


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    Der sehr geschätzte Thomas Pape brachte mich heute darauf, daher nun:


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    Anton Bruckner
    Symphonie Nr. 0 d-Moll "Nullte" (Edition Nowak)


    Symphonieorchester des Kulturministeriums der UdSSR
    Gennadi Roshdestwenski


    Aufnahme: Moskau, 1983
    (in diversen Ausgaben erhältlich)







    Ich hörte das zuletzt vor anderthalb Jahren (wie mir das Forum verrät). Ich kann mich selbst zitieren: "Man merkt bereits im Kopfsatz, dass das eine der ganz großen Interpretationen des unterschätzten Frühwerks ist. Roshdestwenski nimmt es ernst. Der sehr markante russische Orchesterklang mit schneidenden Blechbläsern und Pauken wie Kanonendonner bereichert die Werkinterpretation um eine interessante Facette." Und ja, mit die beste "Nullte" überhaupt.


    Ich entdeckte kürzlich in meiner Kollektion eine weitere SACD, die mir so als solche gar nicht direkt bewusst war. Tadellose Interpretationen der wenig bekannten Kirchensonaten von Mozart, dargeboten von Martin Haselböck und seiner Wiener Akademie. Der Klang ebenfalls ausgezeichnet. Besonders gefallen mir die beiden Kirchensonaten, wo Pauken dabei sind (Nr. 16 C-Dur KV 329 und Nr. 14 C-Dur KV 278).

    Nachtrag: Nun bin ich doch noch auf genauere Details gestoßen:


    Friedrich Jung (1897-1975): Symphonie B-Dur für großes Orchester op. 173, gewidmet Reichsorganisationsleiter Dr. Ley (1942)

    Sätze: 1918 Deutschland - Heldengedenken - Totentanz - Deutschland 1933


    Nationalsozialistisches Reichs-Symphonieorchester (NSRSO)
    Dirigent: Friedrich Jung


    Sonderkonzert der Kreisleitung München der NSDAP im Odeon, 8. Juni 1942
    Mitschnitt des Reichsrundfunks (DRA, Archiv-Nummer 61 U 1024)

    Der in Wien geborene Jung war u. a. Chorleiter bei den Bayreuther Festspielen (1936-1942). Weitere Informationen hier.

    Des Weiteren gab es u. a.:


    Hermann Erdlen: Saar-Kantate (1934); Deutsches Helden-Requiem (1937)

    Gottfried Müller: Deutsches Heldenrequiem (1934); "Führerworte" (1942)

    Cesar Bresgen: Totenfeier (1937)
    Hans Ferdinand Schaub: Deutsche Kantate "Den Gefallenen" (1940); Deutsches Tedeum (1942)

    Werner Egk: Totenklage aus "Olympische Festmusik" (1936)


    Max Trapp: Symphonie Nr. 5 op. 33 (1937)

    Johann Nepomuk David: drei Symphonien (1937-1942)

    Otto Leonhardt: fünf Symphonien (1938); Symphonische Dichtung "Den Gefallenen des 9. November"

    Ernst Gernot Klussmann: Symphonie Nr. 1 c-Moll (1934)

    Hermann Zilcher: Symphonie Nr. 4 fis-Moll op. 84 (1937)

    Paul Höffer: Sinfonie der grossen Stadt (1938)

    Josef Rauch: Symphonie e-Moll op. 10 (1940)


    Quelle: Reinhold Brinkmann, The Distorted Sublime: Music and National Socialist Ideology - A Sketch, in: Mark Carroll (Hrsg.), Music and Ideology, New York 2016, S. 213-234, hier 213.

    Derzeit gibt es nur eine Aufnahme mit allen bekannten Versionen.Die allerdings stammt aus der Sowjetunion, ist dort nie als Box erschienen, auch nicht später als Melodija-CD. Leidgliche ein kleines Label hat zwei Boxen à 8 CDs herausgebracht, die natürlich auch nicht mehr greifbar sin. Die Rede ist von der Aufnahme unter Genadi Rozhstwenski.

    Ja, lieber Thomas, das ist ein wenig bekannter Insidertipp. Roshdestwenski hat als scheinbar einziger Dirigent überhaupt wirklich jede Fassung sämtlicher Bruckner-Symphonien aufgenommen, sogar die Mahler-Bearbeitung der Vierten. In der Sowjetzeit sind alle erscheinen, außer die Urfassung der Achten, die laut Aussage des Dirigenten aber seinerzeit auch eingespielt wurde. Dies ist durchaus möglich, da Melodia nicht alles auch auf Platte/CD herausbrachte. Womöglich erscheint das irgendwann komplett in einer Box (das Label ist ja glücklicherweise wieder sehr umtriebig). Jedenfalls erschien Jahre später bei abruckner.com ein späterer Konzertmitschnitt (hier direkt herunterzuladen) dieser Urfassung von Nr. 8, so dass diskographisch nun wirklich alles komplett ist.


    :hello:

    Eine solche Hitze ist in jeder Hinsicht sowas von nerv- und geisttötend - unerträglich.

    Absolut d'accord auch von mir. Und im Wetterbericht unkritische Jubelmeldungen á la "Badewetter" - was soll das überhaupt sein? Demnach könnten Nordeuropäer ja nie baden. Man kann es nicht mehr hören.



    Sir Edward Elgar, Bart.
    Pomp and Circumstance Marches Nos. 1 & 2


    Baltimore Symphony Orchestra
    David Zinman


    Aufnahme: Joseph Meyerhoff Symphony Hall, Baltimore, 25. & 26. November 1991








    Diese Scheibe ist ein Geheimtipp in Sachen Elgar. Großartiges Orchester, superber Klang. Zinman ist definitiv eher unterschätzt.

    Es stimmt schon: Es gab sie, die spezifischen Nazi-Kompositionen. Aber man kommt - anders als bei den stalinistischen - praktisch nicht an sie heran. In den Untiefen des Deutschen Rundfunkarchivs liegt die Symphonie eines heute vergessenen Komponisten aus der NS-Zeit, die nach meiner Erinnerung für irgendeinen offiziellen Anlass komponiert wurde. Nun kann ich mich aus unerfindlichen Gründen nicht mehr an den Namen des Herrn erinnern, ich finde es in meinem Mail-Verkehr nicht mehr. Sicher weiß ich aber noch, dass seinerzeit vom DRA mitgeteilt wurde, dass diese Aufnahme nicht herausgegeben werden könne und nur bei belegt wissenschaftlicher Recherche freigegeben würde. Eigentlich sollte so etwas durchaus - meinetwegen in einer kommentierten kritischen Edition - der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden.

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    Waleri Kikta
    "Russische Miniaturen" - Konzertsuite für Orchester


    Akademisches Orchester russischer Volksinstrumente

    Nikolaj Nekrassow


    Aufnahme: 2000


    Der Komponist wurde übrigens 1941 in der Ostukraine geboren. Sehr schön anhörbar und mit Lokalkolorit versehen.

    Ich frage jetzt mal ganz offen, werter Joseph II. - ist das jetzt Interesse oder Trotz?

    Werter Christian, das ist durchaus Interesse. Es kann aber schon sein, dass die aktuellen Entwicklungen dazu beitragen, sich wieder verstärkt mit diesem Repertoire zu beschäftigen, das bei mir jahrelang weitestgehend unbeachtet war. Gewissermaßen als Versuch, ein anderes Russland kennenzulernen als jenes, welches heute die Schlagzeilen beherrscht. Dabei stößt man dann auch auf umstrittene Persönlichkeiten wie eben Chrennikow. Ich muss gestehen, ich habe diesen Komponisten als mäßig interessant abgehakt gehabt, entdecke nun aber beim Wiederhören durchaus Werke, die ihre Meriten haben (Symphonie Nr. 2, Klavierkonzert Nr. 3), obschon ich nicht verleugnen will, dass mich andere Stücke (Klavierkonzert Nr. 1 besonders) ziemlich ratlos zurücklassen und ich sie für bemüht halte.


    Tichon Chrennikow
    Klavierkonzert Nr. 1 F-Dur op. 1
    Klavierkonzert Nr. 2 C-Dur op. 21


    Tichon Chrennikow, Klavier

    Staatliches Akademisches Symphonieorchester der UdSSR
    Jewgeni Swetlanow

    Aufnahme: 1973 (op. 21) & 1974 (op. 1)



    Laut dem Komponisten Chrennikow war Swetlanow der unübertroffene Interpret seiner Werke.


    Hier ein Photo mit beiden:


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    Vor über zehn Jahren hörte ich, diesem Thema zufolge, die drei Symphonien von Tichon Chrennikow (wieso überwiegt in seinem Falle die englische Transkription Tikhon Khrennikov? Wir schreiben ja auch nicht Shostakovich) zum ersten Mal und fand sie "ein wenig arg vordergründig". Kürzlich habe ich meine Höreindrücke aufgefrischt. Wieso ich 2011 die Dritte als meine Favoritin benannte, kann ich nicht mehr sagen. Nicht dass sie schlecht wäre. Aber die Zweite scheint mir sein wirkliches Meisterwerk zu sein. Sie ist auch rein von den Dimensionen seine längste Symphonie, wobei das relativ ist bei gut einer halben Stunde Spielzeit, und zudem ist sie als einzig viersätzig. Nun muss man beachten, dass die Erste bereits auf 1935 datiert, die Zweite auf 1942 und die Dritte deutlich später auf 1973, sein symphonischer Output ist also sehr überschaubar.


    Jedenfalls hat die Symphonie Nr. 2 c-Moll op. 9 wirklich ihre Momente. Im Kopfsatz etwa gelingt Chrennikow ein echtes Ohrwurmthema, das zum Ende des Satzes hin abermals aufgegriffen wird. Der langsame zweite Satz gemahnt an seinem pathetischen Höhepunkt an einen Trauermarsch. Das Scherzo ist gewiss der leichtgewichtigste Teil des Werkes. Im Finalsatz wird das Pathos wieder aufgegriffen; der Ausklang in der marschartigen Apotheose lässt keine Zweifel am schlussendlichen Triumph. Hintergründig im Sinne eines Schostakowitsch ist das zwar nicht, aber man kann verstehen, wieso das Stück große Erfolge feierte.


    Als

    ein verlogenes und kitschiges Machwerk

    würde ich das nicht abtun wollen, geschweige denn von einem

    Geseire des Genossen Chrennikow

    sprechen, denn Fakt ist auch, dass

    Chrennikow nicht völlig unbegabt

    war.


    Wahrscheinlich ist es aber einfach unpopulär, der Musik des "Monsters Chrennikow" etwas abzugewinnen. Dies hat m. E. viel weniger mit seinem kompositorischen Fähigkeiten als vielmehr mit seinem langjährigen Wirken als Generalsekretär des sowjetischen Komponistenverbandes (1948-1991) zu tun.

    Diskographisch ist auf CD praktisch nur die 1973 (Nr. 1), 1974 (Nr. 3) bzw. 1978 (Nr. 2) produzierte Einspielung unter Jewgeni Swetlanow (Melodia) greifbar, die allerdings auch mustergültig erscheint und alle drei Symphonien berücksichtigt. Hinzu kommen ebenfalls sehr gelungene Einzelaufnahmen der Zweiten unter Roshdestwenski von 1969 sowie der Dritten unter Kitajenko von 1981 (beide ebenfalls Melodia), die man allerdings nur auf LP ergattern kann.



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    "Musik zum Ruhme eines Systems" - der Threadtitel ist gut gewählt. Die Frage, die ich mir in letzter Zeit vermehrt stelle, ist indes, ob dies wirklich ein rein modernes Phänomen ist und ob es Propagandamusik im weiteren Sinne nicht auch bereits lange vor dem 20. Jahrhundert gab. Wie hier ja auch schon angedeutet wurde, ist die Lobpreisung Gottes oder eines Herrschers nicht etwas grundsätzliches Andersartiges als die Lobpreisung eines Führers oder einer Partei. Das, was propagiert wird, hat sich eben im Laufe der Zeit verändert. Das Te Deum wurde schon im gregorianischen Choral im Frühmittelalter angestimmt und bekanntlich noch von Bruckner über ein Jahrtausend später vertont.


    Die Vereinnahmung von Musik für propagandistische Zwecke erreichte ihre Perfektion gewiss im 20. Jahrhundert, wobei sich mir zunehmend der Eindruck aufdrängt, dass die Nationalsozialisten primär auf Älteres zurückgriffen (besonders Wagner, Liszt, Beethoven), während die (insbesondere) sowjetischen Kommunisten in erster Linie Neukompositionen in Auftrag gaben und hochrangige Komponisten wie Prokofjew, Schostakowitsch und Chatschaturjan für ihre Zwecke einspannten. Besagte Schostakowitsch-Kantate "Über unserer Heimat strahlt die Sonne", geschrieben anlässlich des 35. Jahrestages der Oktoberrevolution, sei "ein Auftragswerk, das vom künstlerischen Standpunkt aus schnell vergessen werden kann" (Lothar Seehaus, Schostakowitsch, Wilhelmshaven 1986, S. 113). Nun kann man hinterfragen, ob solche Abwertungen nicht auch ideologisch bedingt sind, denn laut demselben Autor gehöre auch die 12. Symphonie, gewidmet dem Jahre 1917, "zu den uninteressanten, schwächeren Werken, geschrieben mit Routine und im starren Blick auf einen großen Revolutionär und Parteiführer" (ebd., S. 83). Mir ist das alles zu sehr im Schwarzweißdenken verhaftet.

    Nach einem Jahrzehnt will ich diesen spannenden Thread ausgraben, vielleicht passt es gut hier herein.



    Die Reihenfolge der Unionsrepubliken: Estland - Turkmenistan - Armenien - Tadschikistan - Kirgisistan - Lettland - Moldau - Litauen - Aserbaidschan - Georgien - Kasachstan - Usbekistan - Belarus - Ukraine - Russland.


    Ein Intro des sowjetischen Zentralfernsehens, das eine fast schon unheimliche Aktualität bekommt. Mit etwas Recherche kommt man dahinter, dass die zugrunde liegende Musik aus Schostakowitschs Kantate "Über unserer Heimat strahlt die Sonne" op. 90 (1952) stammt (übrigens ein durchaus hörenswertes Stück, ganz unabhängig davon). Es hat Wochenschau-Fanfare-Qualitäten. Zuletzt wird eingeblendet: "Der Kurs von Frieden und Entspannung" (wenn mich mein Russisch nicht verlässt). Auch dies erinnert an derzeit propagandistisch untermauertes Agieren.

    Lieber Christian,


    sehr gerne!


    Ganz zufällig bin ich vor einiger Zeit auf diesen Komponisten gestoßen, und zwar über einen Umweg, nämlich die von Wladigerow besorgte Orchestrierung des Violinvirtuosen-Schaustücks "Hora staccato" von Grigoras Dinicu. Da entdeckte ich dann, wie bedeutend Wladigerow doch war und dass die gewaltige Balkanton-Edition, die Jahrzehnte quasi nicht greifbar war, just kürzlich auf CD erschienen ist.


    Natürlich habe ich mir schon einige Werke angehört. Die Bulgarische Suite op. 21 und die Bulgarische Rhapsodie "Wardar" op. 16 sind vielleicht ein guter Einstieg. In der Heroischen Ouvertüre op. 45 von 1949 huldigte Wladigerow der Befreiung Bulgariens durch die Sowjetunion (was man natürlich im zeitlichen Kontext sehen muss). Sehr zugesagt hat mir die Symphonische Legende op. 8, deren süffiger, völlig aus der Zeit gefallener Tonfall regelrecht überwältigend ist. Es hat Anklänge an R. Strauss oder Bantock, dabei aber doch einen spezifisch bulgarischen Touch.


    Die Klavierkonzerte sind in der Rachmaninow-Nachfolge anzusiedeln und entsprechend konservativ geprägt. Das fünfte Klavierkonzert von 1963 habe ich von einer alten Melodia-LP mit Wladigerow selbst am Klavier, begleitet vom UdSSR-Staatsorchester unter Jewgeni Swetlanow, auch sehr hörenswert.


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    Beste Grüße

    Pantscho Wladigerow (1899-1978) – Bulgariens großer Komponist

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    Pantscho Charalanow Wladigerow (bulg. Панчо Хараланов Владигеров, engl. Pancho Vladigerov), geboren am 13. März 1899 in Zürich, Schweiz, gestorben am 18. September 1978 in Sofia, Bulgarien, gilt als der bedeutendste und einflussreichste bulgarische Komponist aller Zeiten. Daneben war er auch professioneller Pianist und Pädagoge.


    Wladigerows Stil zeichnet sich durch die Kombination der klassischen Musik mit der bulgarischen Volksmusik aus. Er gehörte zur Gruppe der sogenannten zweiten Generation bulgarischer Komponisten und war Gründungsmitglied der Bulgarischen Gesellschaft für Zeitgenössische Musik (1933), die später zur Bulgarischen Komponisten-Union wurde. Als Pädagoge war er weithin geachtet und zählte praktisch alle wichtigen Komponisten der nachfolgenden Generation seines Landes zu seinen Schülern, darunter Aleksandar Rajtschew (1922-2003), Aleksandar Jossifow (1940-2016) und Stefan Remenkow (1923-1988), aber auch den Pianisten Alexis Weissenberg (1929-2012).


    Pantscho Wladigerow wurde als Sohn des bulgarischen Rechtsanwalts und Politikers Dr. Charalan Wladigerow (1866-1908) und der russischstämmigen Dr. Elisa Pasternak (1869-1952) im schweizerischen Zürich geboren, wuchs aber in Schumen, Ostbulgarien, auf. Durch seine Mutter war er halbjüdisch. Bereits seit frühester Jugend spielte er Klavier und begann zu komponieren. Zwei Jahr nach dem Tode seines Vaters verzog die Familie 1910 in die Hauptstadt Sofia, wo Wladigerow bei Dobri Christow (1875-1941), dem angesehensten bulgarischen Komponisten dieser Zeit, Komposition studierte.


    Sein Großvater väterlicherseits, Leon Pasternak, war ein russischer Jude gewesen, der Odessa verlassen und sich ein paar Jahre vor Pantschos Geburt in Zürich angesiedelt hatte. Diesem Großvater hatte der Enkel viel zu verdanken, war der Mathematiker doch Amateurmusiker und -komponist und spielte zusammen mit Pantscho und dessen Zwillingsbruder Ljuben (1899-1992) Geige. Basierend auf einer jüdischen Melodie, die ihn sein Großvater lehrte, sollte Pantscho Wladigerow 1951 das "Jüdische Poem" op. 47 komponieren, welches ihm im Jahr darauf den Dimitrow-Preis der bulgarischen Regierung einbrachte und niemand Geringeren als Dmitri Schostakowitsch zu der Aussage brachte, dass ein Werk wie dieses nur einmal in hundert Jahren komponiert würde.


    1912 gelang es Elisa Pasternak, ein Stipendium für ihre beiden Söhne an der Staatlichen Akademischen Hochschule für Musik in Berlin zu erhalten. Dort studierte Pantscho Wladigerow Musiktheorie und Komposition bei Paul Juon (1872-1940), Friedrich Gernsheim (1839-1916) und Georg Schumann (1866-1952) sowie Klavier bei Karl Heinrich Barth (1847-1922) und Leonid Kreutzer (1884-1953). 1920 erlangte er seinen Abschluss und gewann zweimal den Mendelssohn-Preis der Akademie (1918 und 1920).


    Anschließend wurde Wladigerow am Deutschen Theater Berlin in der Friedrich-Wilhelm-Stadt Musikdirektor unter Max Reinhardt, ehe er 1932 nach langem Zögern nach Sofia zurückkehrte und dort Professor für Klavier, Kammermusik und Komposition am Bulgarischen Staatskonservatorium wurde, das 1995 nach ihm benannt wurde.


    Wladigerow bediente zahlreiche musikalische Genres, von der Oper ("Zar Kalojan") über Ballette, Symphonik (zwei Symphonien, mehrere Tondichtungen, Ouvertüren, Rhapsodien und Suiten), Konzerte für Klavier (fünf) und Violine (zwei), Bühnenmusik, Orchesterlieder, Kammermusik und Klaviermusik bis hin zu volksmusikalischen Arrangements.


    Bereits während der 1920er Jahre stieg der Bekanntheitsgrad Wladigerows in Europa. Viele seiner Werke wurden vom Wiener Musikverlag Universal Edition verlegt. Die Deutsche Grammophon Gesellschaft veröffentlichte einige Platten, das Gros erschien indes beim bulgarischen Staatslabel Balkanton, welches in den 1960er und 70er Jahren eine großangelegte Wladigerow-Edition einspielte, die kürzlich vom Label Capriccio lizenziert wurde und nun erstmals komplett auf CD erscheint.


    Unter den Bewunderern der Musik Wladigerows fanden sich illustre Komponisten wie Richard Strauss, Dmitri Schostakowitsch und Aram Chatschaturjan. Pianisten wie Alexis Weissenberg, David Oistrach, Emil Gilels, Iwan Drenikow und Marc-André Hamelin führten seine Werke auf.


    Pantscho Wladigerow starb kurz vor Vollendung seines 80. Lebensjahres im Herbst 1978 in Sofia. Er hinterließ seinen Sohn, den Dirigenten Aleksandar Wladigerow (1933-1993), der etliche Werke seines Vaters für Balkanton einspielte. Seine Enkel Pantscho junior, Aleksandar und Konstantin wurden ebenfalls respektierte Musiker.


    Wladigerows Kompositionsstil zeichnet sich durch strenge Beibehaltung der Tonalität, üppige Orchestrierung in spätromantischer Manier und teilweise einen gewissen Hang zum Bombastischen aus. Speziell die Werkabschlüsse geraten nicht selten spektakulär. Von seinen Kritikern wird ihm eine Tendenz zum Eklektizismus vorgehalten.




    Chefposten in Oslo und Paris

    Wie auf Youtube und seinen Konzertprogrammen zu sehen ist, dirigiert Mäkelä auch beileibe nicht nur Sibelius, da ist von Mozart und Beethoven bis in die modernste Neue Musik alles mit dabei.

    Das sehe ich ähnlich. "Newcomer" trifft es bei Mäkelä eigentlich nicht mehr, auch wenn er rein alterstechnisch als solcher erscheint. Wer seinen Aufstieg auch nur am Rande verfolgt hat, wird die unglaubliche Bandbreite seines Repertoires erkennen. Selbst schwierigen Werken geht er dabei nicht aus dem Weg. In einem Interview mit der "Welt" bezeichnete sich der Dirigent als "Wegweiser für die Generation Streaming". Man kann heutzutage nicht mehr nur allein nach den CD-Veröffentlichungen gehen und die diversen digitalen Kanäle von Rundfunkanstalten, Orchestern und eben auch YouTube außer Acht lassen, mit denen man in der Jetztzeit viel mehr Menschen erreichen kann als über eine konventionelle CD-Box. Insofern ist Mäkelä natürlich ein Kind seiner Zeit und weiß dies auch zu nutzen. Sympathisch ist er gerade dadurch, weil er, schon rein optisch, Tradition und Moderne verbindet. Das scheint mir ein verheißungsvoller Ansatz für die Zukunft zu sein.

    Viel Spaß hiermit! Ich war neulich wieder erstaunt, wie großartig diese älteren BIS-Aufnahmen sind, die großenteils später auch in der labeleigenen kompletten Sibelius-Edition landeten. Zurecht, will ich meinen. Interpretatorisch war Neeme Järvi nie besser als in diesen frühen Einspielungen. Und klanglich liegen die frühen Digitalaufnahmen von BIS noch heute ganz vorne.

    Eigentlich ist das ein höchst spannendes Thema. Ein Wunder, dass es anderthalb Jahrzehnte unberührt blieb.


    Im forte ist das Blech extrem präsent, aber nicht mit Klangfülle, sondern mit mitunter schneidender Schärfe - also der denkbar größte Kontrast zum "Brass" der Amerikaner, dasauch von den Europäern immer mehr angestrebt wird. Und in letzter Zeit leider auch von den Russen.

    Das Zitat datiert bereits auf 2007. Tendenziell stimmt das ja auch. Wobei ich erfreulicherweise schon mehrfach das Vergnügen hatte, Wladimir Fedossejew mit seinem Orchester (dem ehemaligen des Allunions-Rundfunks der UdSSR, dem er ja seit 1974 ununterbrochen vorsteht) live zu erleben und eigentlich jedes Mal das bestätigt fand, was mir auch neuere Aufnahmen nahelegten, dass zumindest unter den großen alten Maestri der alte russische Orchesterklang durchaus noch existiert. Dumm nur, dass allmählich die allerletzten aus dieser Dirigentengeneration verschwinden. Gennadi Roshdestwenski (2018 verstorben) war auch so ein Fall, wo man es mitunter kaum glauben konnte, aber wenn er am Pult stand, klang das Orchester (das einstige des Kulturministeriums der UdSSR, wo heute Waleri Poljanski Chefdirigent ist) selbst in den 2010er Jahren noch genauso, wie man es aus seinen längst legendären sowjetischen Aufnahmen kennt. Juri Temirkanow, Juri Simonow und vielleicht noch drei andere sind weitere noch lebende Repräsentanten des alten Klanges.

    Die allermeisten (jüngeren) russischen Dirigenten verfolgen aber in der Tat ein anderes Klangideal, egal ob sie nun Kirill oder Wassili Petrenko heißen, aber auch eigentlich alte Hasen wie Dmitri Kitajenko, sowjetisch sozialisiert und in seinen frühen Aufnahmen formidabel, der seit seinem Weggang in den Westen (1990) fast nur mehr westliche Orchester dirigiert und mit den Jahren leider auch immer beliebiger wurde.

    Ich könnte mir bei Mäkelä und Amsterdam konkret übrigens vorstellen, dass er es war, der auf "erst 2027" bestanden hat. Das Concertgebouw hätte ihn wohl schon früher angestellt. Vermutlich wird er bis dahin eines seiner dann zwei Orchester (Oslo und Paris) eben abgeben, denn ob er sich wirklich drei parallel antun will, ist doch eher fraglich.

    Da sind die Berliner Philharmoniker mit der Ernennung von Kirill Petrenko mWn mit das einzige Top-Orchester in den letzten Jahren, das mal einen vergleichsweise unbekannteren Dirigenten zum Chef gewählt hat.

    Mir fiele noch ein Fall ein, wenngleich "Top-Orchester" vielleicht diskutabler ist: ;) Das Detroit Symphony Orchestra berief 2020 nach Leonard Slatkin den mir bis dahin völlig unbekannten Jader Bignamini.

    Es ist schon wirklich etwas seltsam, dass das Concertgebouw-Orchester nicht zumindest einen interimistischen "musikalischen Berater" ernennt, wie das schon häufiger der Fall gewesen ist zwischen zwei offiziellen Chefdirigenten/Musikdirektoren. Karajan hatte das Amt des musikalischen Beraters beim Orchestre de Paris etwa zwischen 1969 und 1971 inne, genauso Seiji Ozawa beim Boston Symphony Orchestra bereits ab 1972, bevor er im Jahr darauf vollumfänglicher Musikdirektor wurde.

    Ersteinspielungen durch die Wiener Philharmoniker

    Die Betonung liegt auf "durch die Wiener Philharmoniker". Diese haben beide Werke nämlich nie zuvor aufgeführt.
    Ich habe natürlich insbesondere die "Nullte" mindestens ein Dutzend Mal als Aufnahme vorliegen. Sie ist zu meinem absoluten Favoriten unter den frühen Bruckner-Symphonien geworden.

    Young und Poschner sind sehr achtbare Bruckner-Interpreten, fürwahr. Ausgezeichnet bei der "Nullten" auch Ferdinand Leitner und (man mag es kaum glauben) Daniel Barenboim. Leider hat Eugen Jochum einen Bogen um das Werk gemacht.

    15.07

    Anlässlich des Bruckner-Jubiläums haben die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Christian Thielemann ihren ersten kompletten Bruckner Zyklus unter der Leitung von Christian Thielemann eingespielt. Neben dem bekannten Kanon von neun Sinfonien wurden auch die beiden frühesten Bruckner-Sinfonien in f-Moll und d-Moll, die als Weltpremiere auf DVD und Blu-ray zu hören sind, zum ersten Mal in der Geschichte des Orchesters aufgenommen. Diese einmalige Gesamtausgabe von Musikverein und Salzburger Festspielen mit 11 Sinfonien, enthält außerdem ausführliche Gespräche mit Christian Thielemann zu jeder Sinfonie und Einblicke in seine Probenarbeit

    Diese Veröffentlichungspolitik verstehe, wer will. Sollen jetzt ausgerechnet die für mich bei diesem Zyklus interessantesten Werke, die "Nullte" und die "Studiensymphonie" - Ersteinspielungen durch die Wiener Philharmoniker -, nur auf Video erscheinen? Seit Monaten warte ich auf die CD-Erscheinung. Im Kasten ist das Ganze seit über einem Jahr. Nicht dass ich mir hier Wunder erwartet hätte. Gerd Schallers parallel erscheinender Zyklus ist m. E. ohnehin spannender.