Beiträge von Zitterbart

    Guten Tag,


    der Hintergrund des Es-Dur-Trios ist ein bißchen kompliziert, es hat etwas zu tun mit Beethoven, seinem Tod genau ein Jahr vor der Komposition und dem übermächtigen Vorbild und Übervater-Bild für Schubert. Es gibt hierzu interessante Arbeiten des Musikwissenschaftlers Anselm Gerhard (Bern).
    In jedem Fall: das ganze Werke lebt von den Motiven einer fallenden Terz (siehe Beethoven 5. Sinfonie) und einem Trauermarsch-Rhythmus aus Tonrepetitionen, die nicht nur als Trauermarsch auftreten, sondern im ganzen Werke (besonders 1. und letzter Satz). Das Thema des Trauermarschs kommt aus einem schwedischen Volkslied, einem Abschiedslied. Das ganze Werk ist wohl wie ein Epitaph für Beethoven gedacht gewesen. In einer verworfenen Urfassung des 2. Satzes gibt es gruselige Zitate aus der 5. Sinfonie, die hat Schubert dann gestrichen. Das Auftauchen dieses Abschieds-Themas im letzten Satz hat dann den Effekt einer Erinnerung, einer Überhöhung. Übrigens ist dieser Satz nur verständlich in der originalen ungekürzten Version (leider sehr selten gespielt), denn da ist er zwar länger, aber schlüssiger mit einer Durchführung versehen.
    Herzlichen Gruß
    Gerrit Zitterbart



    ...oder er hat sich den Witz erlaubt, eben nur einmal diesen Ton zu verwenden... Der Akkord wäre ja auch ohne das Fis''' in Ordnung gewesen.
    Die Ausgabe ist schon sehr zuverlässig, das Autograph ist vorhanden, also nichts hinzugemogelt. Fis''' als Ergänzung der 5 Oktaven der frühen Wiener Flügel ist absolut öfter vorhanden, bald auch zum G''' erweitert. Angesichts der Tatsache, daß in England bereits Flügel mit 5 1/2 Oktaven existierten, ist das auch nicht verwunderlich. Alles ein Wettlauf...


    GZ

    Guten Abend,


    der Walter-Flügel könnte der auf dem Schwind-Bild sein. Denn Walter lebte von 1756-1826 und baute in seinen letzten Jahren keine Flügel mehr. Auch ein Graf klingt durchaus voll und rund, es kommt eben auf den Erhaltungs- oder Restaurierungs-Zustand an.
    Am Sonntag werde ich übrigens in Hannover in der Musikhochschule ein Programm an 6 verschiedenen Flügeln spielen, da kann man dies alles hören. (11:30 und 19:30, morgens modern, abends historisch) Die Werke und Flügel: Brahms op.117: Steingräber und Söhne E 272 und Baptist Streicher 1857, Beethoven op.53: Steinway & Sons und Anton Walter 1795 (Kopie!), Schubert D 960: Bösendorfer und Graf 1835.
    Herzlichen Gruß
    Gerrit Zitterbart

    Guten Morgen,


    in Wien gab es um 1800 etwa 100 Klavierbauer. Eine genaue historisch korrekte Beschreibung der Entwicklung, der Verflechtungen durch Lehrer und Schüler in diesem diffizilen Handwerk muß noch geschrieben werden.
    Conrad Graf war ein wichtiger und guter Name in den 20. Jahren, aber wichtig waren auch Nannette Streicher und ihr Sohn Baptist, waren Brodmann, Rosenberger, André Stein und viele andere. Also: einen "Steinway" in dem heute herrschenden Sinn von alles beherrschender Marke gab es nicht.
    Der Flügel in Heidelberg ist ganz schön, müßte aber dringend gut restauriert werden. Was viele Hörer auch von CDs nicht wissen: ein Flügel kann scheußlich klingen - aber ein Schmuckstück in unrestauriertem Zustand sein. Ein Flügel kann wunderbar klingen - aber ein "namenloser" Findling sein (Beispiel hierfür: der Lagrassa von Edwin Beunk). Wirklich gute Restauratoren gibt es leider nur wenige. Einige -bitte alle ungenannten nicht böse sein, vielleicht hatte ich mit denen noch nichts zu tun, es gibt natürlich noch viel mehr! - sind neben Edwin Beunk in Enschede Robert Brown in Oberndorf, Gert Hecher in Wien, Alexander Langer in Klagenfurt, Christopher Clark in Frankreich usw. usw.
    Je mehr man sich mit diesem erregenden Thema der alten Flügel beschäftigt, umso mehr lernt man: ich weiß noch längst nicht alles!


    Herzliche Grüße
    Gerrit Zitterbart

    Guten Morgen,


    die Frage des Tonumfangs bei den Komponisten zwischen 1770 und 1830 ist nach meiner Meinung immer sehr stark von den benutzten Instrumenten abhängig. Aber es ist immer verwirrend vom einzelnen Beispiel abhängig!
    Beispiel Mozart: ein einziges Mal, in der Sonate für 2 Klaviere KV 448, benutzt Mozart ein Fis''', im ersten Klavier. Bei der Uraufführung der Sonate spielte er selbst die zweite Stimme auf seinem Anton Walter-Flügel mit genau 5 Oktaven, also ohne Fis''', seine Schülern Josephine von Aurnhammer hatte für die erste Stimme einen anderen Flügel, der (wie viele andere Instrumente dieser Zeit) bereits bis zum G''' reichte, also war hier ein Fis''' möglich.
    Beethoven hat in seinen Werken bis ca. op.47 nie den Umfang von 5 Oktaven überschritten. Daher fehlen in manchen Werken an sich logische Töne im Diskant. Aber: er hat später nie diese frühen Werke korrigiert, nachdem doch Instrumente mit mehr Umfang vorhanden waren. Zeitmangel, Mangel an Interesse, Scheu vor Neuauflage???
    Schubert hat bis ca. 1821 einen Flügel ohne Pedale (also mit Kniehebeln zur Dämpferaufhebung) besessen (siehe Skizze Moritz von Schwind 1821). Der hatte sicher 5 Oktaven plus wenige Töne. Trotzdem gibt es in dieser Zeit bereits Werke mit mehr Umfang.
    Der Einwand der späteren Ergänzung von hohen Tönen in Editionen, die nicht aufs Autograph zurückgehen, ist sicher richtig, man hat damals eben nicht so sorgfältig auf den Urtext geachtet, sondern vielfach "verbessert".
    http://www.bezirksmuseum.at/innerestadt/data/media/1010.jpg
    Ich glaube, daß beide Versionen der Musik gerecht werden können: historisches Instrumentarium und modernes, es kommt am Ende doch darauf an, wie man das jeweilige Instrument zum Klingen bringt. Alles Beschäftigung mit den historischen Clavieren lehrt uns: es gab mehr Vielfalt der Klänge, es gab mehr das Gefühl von Grenzen im Klang, es gab eine gewisse "Verletztlichkeit", die ein Steinway oder Bösendorfer heute nur sehr schwer ausdrücken können.
    Schöne Grüsse
    Gerit Zitterbart

    Guten Tag,


    ich freue mich, wenn meine Bösendorfer-Aufnahmen hier Freunde gefunden haben.
    Um es mal ganz deutlich zu sagen: vom Abegg Trio gibt es bei Tacet 27 CDs, davon sind 3 mit historischen Instrumenten, 2 mit Steinway (Debussy, Ravel, Goetz, Kiel), alle anderen mit Bösendorfer Imperial (zwei verschiedene, beide standen in Frankfurt).
    In der Tat finde ich, daß sich für Kammermusik dieser Klang besonders gut eignet.
    Solo habe ich mit den Bösendorfern aufgenommen
    Beethoven Sonaten (Tacet)
    Schubert Sonaten (gutingi)
    Sonatinen (gutingi)
    Haydn-Klavierkonzerte (Hänssler)
    Mozart-Klavierkonzerte KV 37, 39, 40, 41, 238, 246, 271 (Hänssler)
    Berg-Sonate (Tacet)


    Inzwischen spiele ich viele Werke auf Originalen und Kopien zwischen 1790 und 1876, da gibt es dann noch mehr zum Staunen über die anderen Klänge.


    Mit herzlichem Gruß
    Gerrit Zitterbart

    Hallo an alle Klavierfreunde,


    das ist ein ausgesprochen umfangreiches Thema. Man kann aber allen recht geben, die sagen, ein guter Flügel kann schlecht klingen und ein schlechter auch mal gut... Es kommt wirklich auf alles an: auf den Stimmer und Klaviertechniker, auf den Raum und vor allem auf den Pianisten.
    Zur Frage nach meiner CD "What about this, Mr. Clementi": ich habe versucht, allen dort vorgestellten Instrumenten in meinem Gefühl "passendes" Material zuzuordnen. Das hieß: Bechstein Stockhausen, Bösendorfer Berg, Fazioli Scriabin, Steinway Strawinsky, Yamaha Debussy. Man hört Unterschiede, denn alle Flügel wurden in demselben Raum mit denselben Mikrofonen am selben Platz aufgenommen.
    Aber das Thema ist leider unendlich: die Aufnahme entstand in den 90er Jahren, nun sind ganz andere Modelle von Flügelfirmen entstanden, man müsste also alles noch einmal machen... oder zu den historischen Flügeln greifen, wie ich es inzwischen vermehrt tue. Da ist manchmal dann nur eine gute Kopie vorhanden, aber auch die Originale sind zum Teil ganz hervorragend in Schuss. Ich habe dabei gelernt, daß die Vielfalt der Klänge zwischen 1760 und 1860 viel größer war, als wir es uns heute vorstellen können. Inzwischen gibt es eher eine Einbahnstraße im Sound. Und das ist eigentlich ja schade.


    Herzlichen Gruß
    Gerrit Zitterbart

    Als Pianist des Abegg Trios möchte ich dazu richtigstellen: Mozart hat diese Werke KV 10 - 15 als Doppelmanuskript geschrieben, so sind sie auch veröffentlicht worden: als Duo-Sonaten Violine und Klavier und als Trios. Das Cello spielt nämlich durchaus auch eine eigene Stimme, natürlich noch nicht so frei vom Bass des Klaviers, wie dies dann erst später bei Beethoven passiert. Also sind dies schon vollgültige Klaviertrios, sozusagen Küken, die gerade aus dem Ei schlüpfen. Übrigens hat Haydn seine späten Londoner Trios erst nach Beethovens op.1 geschrieben. Es war damals eben viel gleichzeitig auf ganz verschiedenen Ebenen los.
    Und zum Thema altes oder neues Klavier: mit einem historischen Flügel (Original oder Kopie, Hammerflügel oder Tangentenflügel) ist in der Tat die Balance erst richtig. Nur so entfalten diese frühen Kostbarkeiten ihren Glanz und ihre Frische.
    Herzlichen Gruß an alles Mozart-Freunde
    Gerrit Zitterbart