Beiträge von Kapellmeister Storch

    Zwei Wochen nach der Premiere habe ich es gestern geschafft mir die neue Rigoletto-Produktion anzusehen. Ein großes Plus dürfte die recht belanglose Inszenierung von Bartlett Sher gegenüber der Bosse-Produktion der DOB haben: es dürfte leichter sein prominente Sänger für Auftritte zu gewinnen. Gesanglich war der Abend nichts für Feinschmecker der italienischen Oper. Als Christopher Maltman (Rigoletto) seine ersten Töne gesungen hat hörte sich das an, als würde er mit einem Megaphon in der Hand singen. Auch wenn er zu differenziertem Gesang durchaus in der Lage war, hat er sich so durch den ganzen Abend gepoltert. Insgesamt fand ich ihn als Rigoletto durchaus interessant, weil er ein interessanter Darsteller ist, bevorzuge jedoch Sänger wie Tézier, die schönen und kernigen Gesang vereinen. Michael Fabiano (Herzog)besitzt eine durchaus schöne Tenorstimme. Leider führt er diese recht unbändig. Trotz erheblicher Defizite in der Höhe geht er jeden noch so hohen Ton mit voller Bruststimme an. Das ist wie bei einem Springreiter, der mit seinem Pferd alle Hindernisse mit Bravour angeht und abräumt. So ging sein Auftritt insgesamt ziemlich in die Hose. Eigentlich schade um das Material. Einen zwiespältigen, wenn auch deutlich besseren Eindruck, hat Nadine Sierra als Gilda hinterlassen. Sie hatte sehr starke Momente und ist eine durchaus attraktive Sängerin, aber insgesamt war mir ihr Vortrag zu unpersönlich und zu uneinheitlich. Da sind Tonsprünge nicht richtig gelungen und in schön gesungene Passagen haben sich merkwürdig harte Töne eingeschlichen, die man so nicht unbedingt erwartet hat. Mir hat Cristina Pasaroiu zuletzt in Wiesbaden deutlich besser gefallen. Etwas enttäuscht war ich auch von Elena Maximova als Maddalena, die sich routiniert ordentlich gesungen hat und hinter ihren Möglichkeiten zurückgeblieben ist. Jan Martiník hatte als Sparafucile gegen den übermächtigen Bariton von Maltman einen schweren Stand. Ehrlich gesagt sind mir nur zwei Sängerinnen aus dem Opernstudio positiv aufgefallen: Corinna Scheuerle als Giovanna mit noblem Mezzo und die erst 25-jährige Serena Sáenz mit flirrendem Sopran, den sie im September dem Waldvogel im Siegfried leihen wird. Auch das Dirigat von Andrés Orozco-Estrada gehörte für mich nicht zu den aufregendsten Opernmomenten. Jetzt hat Berlin drei Rigoletto-Produktionen zur Auswahl. Übrigens war das Haus gut besucht. Wie schon öfter sind viele Karten erst wenige Tage vor der Aufführung verkauft worden. Ohne den Standort-Vorteil würde es wohl manchmal recht leer im Haus sein.

    Am Samstag hat sich Plácido Domingo nicht ansagen lassen und sich in deutlich besserer Verfassung präsentiert. Mehr noch, er hatte viele starke Momente, die berührend waren und ein Grund sind, warum er immer noch die Häuser füllt. So innig haben zuletzt weder Jenis, noch Lucic oder Petean gesungen. Die These, dass Domingo jüngeren Sängern im Weg wäre, ist Blödsinn, denn wenn Domingo eines Tages doch auf den Besetzungslisten fehlen sollte, rückt ja nicht automatisch ein frisch gebackener Absolvent einer Hochschule nach. Auch Omer Meir Wellber war genesen und stand wieder gestenreich am Pult. Ein insgesamt erfreulicher Opernabend bei stellenweise über 35 Grad, die in der gut gekühlten Semperoper nicht weiter ins Gewicht gefallen sind.

    Zu Lise Davidsen #335:


    Ich habe die Sängerin heute zum ersten Mal live erlebt. Sie hat in der Philharmonie zusammen mit der Staatskapelle Berlin unter Zubin Mehta die Vier letzten Lieder von Strauss gesungen. Die positiven Eindrücke überwiegen bei weitem. Wenn es etwas zu kritisieren gibt, dann dass die Stimme fast schon zu reif klingt und ich den Eindruck habe, dass sie sehr kontrolliert und mit angezogener Handbremse singen musste, um nicht den Putz von der Decke zu holen. Aber welch eine Stimme, wenn sie frei klingt. Aufgefallen ist mir auch, dass sie Töne in der Höhe des öfteren mit einem crescendo singt. Sie besitzt insgesamt eine tolle Ausstrahlung und wurde heftig umjubelt.

    Im Zentrum des Interesses stand natürlich Sir Simon Rattle am Pult. Sein Dirigat hatte Esprit und war extrem farbenreich. Das Orchester hat förmlich auf der Stuhlkante gesessen und eine überragende Leistung geboten. Am Ende wurde Rattle vom Publikum für eine großartige Aufführung gefeiert. Gesungen wurde auch, undzwar großartig. Sicher könnte man sowohl bei Maria José Siri als auch bei Jorge de León den einen oder anderen Abstrich machen, aber insgesamt haben beide maßgeblich zu einem tollen Opernabend beigetragen. Siri ist ohnehin eine großartige Live-Sängerin, die Gefühle wie kaum eine andere Sängerin in diesem Fach transportieren kann. Gelegentliche Schärfen in der Höhe stören mich da weniger. Bei de León klang nicht immer alles edel, aber auch er ist insgesamt sehr gut durch die Partie gekommen. Der 4. Akt war letztendlich der musikalische Höhepunkt der Aufführung und Genuss pur. Ungewöhnlich viel Beifall hat für einen Lescaut Thomas Lehman erhalten. Zu Recht, denn er hat nicht nur seine kleine arie im 2. Akt wunderschön gesungen. Die Stimme von Stephen Bronk (Géronte de Ravoir) hat deutlich an Farbe verloren. Zum Spielzeitende hin geht es an der Deutschen Oper Schlag auf Schlag mit guten Aufführungen.

    Als ich die diesjährige Saisonvorschau gesehen habe, fand ich ich die Besetzung der Aufführung durchaus originell. Kurz nach seinem Rollendebüt in Toronto hat sich Russel Thomas nun auch in Europa als Otello präsentiert. Als er auf die Bühne kam, war er noch ein liebenswürdiger Strahlemann, bei dem man sich nicht vorstellen konnte, dass er auch böse und verhasst sein könnte. Aber im Laufe des Abends war er im Vergleich zum Beginn nicht mehr wiederzuerkennen. Thomas hat nicht unbedingt die attraktivste Stimme, wusste aber bei seinen bisherigen Auftritten am Haus stets zu überzeugen. Er hat den Otello mit viel Kraftaufwand gesungen und ist stellenweise noch an Grenzen gestoßen. Insgesamt fand ich ihn aber mehr als ordentlich. Eine absolute Offenbarung war Guanqun Yu als Desdemona. Mit traumhaften piani und einer auch ansonsten attraktiven Stimmfarbe war die Szenen mit ihr die Höhepunkte des Abends. Eine Überraschung war für mich der starke auftritt von George Gagnidze als Jago. Einerseits mag ich den Sänger durchaus, andererseits stört mich bei ihm oft, dass die Stimme nicht so viel Peng hat und limitiert klingt. Der Jago scheint ihm offenbar recht gut zu liegen. Dazu kam eine sehr souveräne Rollengestaltung. Der Cassio war mit Attilio Glaser ebenfalls stark besetzt. Ievgen Orlov (Lodovico) scheint zwar sein Vibrato weitgehend in den Griff bekommen zu haben, hörte sich aber recht altbacken und alles andere als edel an. Selten kann eine Emilia so viel Beifall verbuchen wie das bei Ronita Miller der Fall war. Sie hat der Rolle ihren ganz eigenen Stempel aufgedrückt und gezeigt, dass man auch in recht kleinen Rollen für Furore sorgen kann. Paolo Arrivabeni ist regelmäßiger Gast am Haus und eine Bank am Pult. Seine Tempi hatten die ganze Bandbreite von schnell bis extrem langsam. Bei Mehta hatte ich noch die langsamen Tempi moniert, bei Arrivabeni habe ich sie insbesondere in den Chorszenen und im 4. Akt genossen. Insgesamt war das ein sehr erfreulicher, guter Opernabend, der nicht sonderlich gut besucht war.

    Dass die drei Hauptrollen und der Dirigent voll und ganz überzeugen können, ist selten. Ein Opernfreund hatte mich noch belächelt, als ich meine Karte gekauft hatte, ist dann aber sogar selbst eine Woche vorher hingefahren und war ebenfalls sehr angetan. Die Tosca der Angela Gheorghiu ist ein großes Kunstwerk. Selten erlebt man, dass eine Sängerin die Rolle dermaßen verinnerlicht hat wie Gheorghiu (viel mehr als Tosca und Mimi singt sie derzeit auch nicht). Wie schon in München hat sie insbesondere den 3. Akt zu einem besonderen Ereignis gemacht. Sie scheint sich in Dresden wohl zu fühlen.Am Mittwoch war sie übrigens in der Nabucco-Vorstellung. Eine angenehme Überraschung war Riccardo Massi als Cavaradossi. Ich hatte ihn zwar schon einmal als recht guten Alfredo gehört, dafür aber nicht in bester Erinnerung als Des Grieux in der unsäglichen Staatsopern-Premiere. Manche Töne haben ein wenig verhangen geklungen, aber insgesamt spricht sein Tenor in allen Lagen gleich gut an. Sehr gespannt war ich auf den Scarpia von John Lundgren und bin auch nicht enttäuscht worden. Erwartungsgemäß hatte er keine Probleme sich Gehör zu verschaffen. Die Positionierung recht weit hinten auf der Bühne auf dem Malergerüst ist sicher nicht ganz glücklich gelöst ist. Das mag zwar was hermachen, macht es dem Sänger aber nicht unbedingt leicht. Lundgren kann nicht nur laut, sondern auch durchaus differenziert singen. Stefano Ranzani scheint ein Lieblingsdirigent von Angela Gheorghiu zu sein (im Januar ist er eigens für sie in der Bohème angesetzt worden). Er ist häufiger Gast in Dresden und in Berlin und jedesmal Garant für gute Vorstellungen. So hat er auch diese Tosca sehr differnziert und mit viel Gespür dirigiert. Im Haus gab es übrigens etliche freie Plätze.

    Sein Hausdebüt hatte sich Plácido Domingo sicher anders vorgestellt. Vor der Vorstellung hatte er sich ansagen lassen, da er am Morgen gemerkt hätte, dass eine Erkältung noch nicht ganz überwunden wäre (muss ja wohl an der Berliner Luft gelegen haben...). Leider hat der Nabucco vor der Pause nicht so viel zu singen. Mein Eindruck war, dass Domingo sich besser präsentiert hat als zuletzt im Macbeth in Berlin, er in den Ensembleszenen jedoch markiert hat. Nach der Pause ist er dann nicht mehr aufgetreten. Markus Marquardt hat von der Seite aus gesungen, während der Spielleiter (?) in die Rolle des Nabucco geschlüpft ist. Marquardt hat sich alle Mühe gegeben auf Linie zu singen und es ist ihm hoch anzurechnen, dass er die Vorstellung gerettet hat, aber angesichts der "Domingo-Preise" war seine Leistung nicht ausreichend. Angenehm überrascht war ich von Saioa Hernández als Abigaille, die in der Premiere ihr Rollendebüt und Deutschlanddebüt gefeiert hatte. In der Übertragung von Attila aus der Scala hatte sie mir nicht so gefallen, aber bis auf ein paar unschöne Töne hatte sie genau die richtige Attitüde für die Partie, die sie sehr souverän gesungen hat. Vitalij Kowaljow ist so etwas wie der Zaccaria vom Dienst. Er war denn auch wie immer eine Bank, auch wenn er nicht die Tiefe für die Partie hat. Dafür kann er eine gute Höhe anbieten. Ein Totalausfall (warum wundert mich das nicht?) war leider Massimo Giordano als Ismaele. Er klang total heiser und nur stellenweise konnte man erahnen, warum der Tenor einmal gut gebucht war. Christa Mayer (Fenena) hat sicher ihre Meriten und singt oft unter Thielemann. Positiv ist mir lediglich ihre gute Höhe aufgefallen, ansonsten wirkte ihr altbackener Vortrag recht deplatziert. Durchaus vielversprechend fand ich Tahnee Niboro aus dem "Jungen Ensemble" als Anna. Sie hat gestern ich ihr Debüt gegeben. Ebenfalls postiv aufgefallen ist mir Sejong Chang als Oberpriester. Ein dickes Lob geht sowohl an das Orchester als auch an den Chor. Im Endergebnis war das mal wieder ein toller Abend unter der Leitung von Omer Meir Wellber, der mit flotten Tempi unterwegs war und das Orchester fast schon martialisch erklingen ließ. Sein Dirigierstil ist allerdings sehr auffällig und so mancher Musiker wird sich die Frage stellen, ob man jede Sechzehntel ausdirigieren muss und so wild rumfuchteln muss. Wenn es im Ergebnis so klingt wie der Tannhäuser und jetzt Nabucco, ist mir das egal, aber Musiker sehen das oft anders. Auf der Bühne (Bühnenbild Patrick Bannwart, Inszenierung David Bösch) war ein ausgebombtes Mehrfamilienhaus zu sehen, dass vermutlich in Syrien stehen soll, aber sicher für Kriege im Allgemeinen stehen dürfte. Am Haus hing ein Banner mit der Aufschrift "Babel". Insgesamt war dies ein durchwachsener Opernabend mit Höhen und Tiefen, an dem Domingo im Jeep auf die Bühne gefahren ist und durch die Hintertür verschwunden ist. Für die beiden kommenden Vorstellungen ist er zunächst weiterhin geplant.

    Lieber Caruso41,


    Ich freue mich, dass Du auch die Gelegenheit nutzen wirst in diese Produktion zu gehen und bin auf Deine Eindrücke gespannt. Gleiches gilt natürlich auch für den Stimmenliebhaber. Auf die beiden neuen Stimmen hatte ich übrigens in meinem Beitrag hingewiesen, aber Du hast dankenswerterweise auch die passenden Beitragsnummern mitgeliefert.



    Einen schönen Abend


    Kapellmeister Storch

    Bereits die erste Aufführung nach der Premiere war relativ schwach besucht. Das mag am Bekanntheitsgrad der Oper gelegen haben, aber auch daran, dass die DOB D-Preise verlangt hat. Für mich war das Werk Neuland. Die Musik hat mir gut gefallen, die Handlung finde ich zäh (wegen oder trotz der Inszenierung?) und die musikalische Umsetzung fand ich grandios.


    Der aus Schweden stammende Jakop Ahlbom ist ein Novize als Opernregisseur. Er hat in seinen bisherigen Produktionen "seinen ganz eigenen Theaterstil, in dem sich Pantomime, Tanz, Musik und Illusionskunst mischen" (Zitat Biografie der Deutschen Oper) kreiert. Seine Inszenierung spielt im Foyer eines Theaters/ Cabarets mit Bühne im Hintergrund. Dass die Aufführung musikalisch ein Erfolg war, liegt einerseits am Dirigenten Emmanuel Villaume, Chef der Oper in Dallas, mit dem das Orchester höchst konzentriert musiziert hat und der beim teilweise rhythmisch recht vertracktem Werk Orchester und Bühne bestens im Griff hatte. Wenn ich mich nicht täusche, hat Villaume Ende der 1980er Jahre mal das Symphonische Orchester Berlin (SOB, heute Berliner Symphoniker und nicht mehr subventioniert) dirigiert. Der andere Trumpf war Alex Esposito in der Titelpartie, der für jeden Regisseur ein Glücksfall sein dürfte und auch stimmlich zu überzeugen wusste. Gefühlt 75% des Abends gehörten ihm. Nun zu zwei "neuen Stimmen". Ebenfalls hervorragend war Clémentine Margaine mit ihrer satten, dunklen Mezzostimme, die in allen Registern präsent war. Mit traumwandlerischer Sicherheit hat sie die Tonsprünge der Partie bewältigt. Stimmlich sicher und kraftvoll hat sich Seth Carico als Sancho Pansa und Pferd Rosinante in Personalunion präsentiert. Er gehört sicher zu den talentiertesten Sängern des Ensembles. Allerdings gefällt mir sein Timbre nicht so. Mir klingt die Stimme stellenweise zu hart. Insgesamt war das ein interessanter und unterhaltsamer Opernabend.

    Im Juni habe ich so einiges an Aufführungen vor mir:


    • 05. Nabucco in Dresden mit Domingo
    • 07. Tosca in Dresden mit Gheorghiu und Lundgren
    • 08. Otello, Deutsche Oper mit Russell Thomas
    • 09. Manon Lescaut, Deutsche Oper unter Rattle
    • 10. Konzert Staatskapelle unter Mehta
    • 12. Manon Lescaut s.o.
    • 15. Nabucco s.o.
    • 16. Rigoletto, Staatsoper mit Serra, Maltmann und Fabiano
    • 18. Der Rosenkavalier, KOB
    • 19. Carmen, DOB mit Calleja
    • 20. Otello s.o.
    • 25. Tristan und Isolde, Staatsoper mit Kampe und Schager
    • 27. Hamlet, DOB mit Damrau und Sempey

    Ich freue mich immer wieder, wenn ich Ludovic Tézier mal wieder live erleben kann. Im Anschluss an die Meistersinger bot sich diese Gelegenheit nun zum Abschluss der Mai-Festspiele. Bei Ludovic Tézier verschmelzen eine kernige Stimme und ein balsamischer Vortrag zu einer wunderbaren Einheit. Der 2. Akt wurde mit seiner Arie und dem Duett mit Gilda so auch zum Höhepunkt des Abends. Cristina Pasaroiu hat mir wieder mit insgesamt schöner Stimme und sicheren Koloraturen gefallen. Nur die obersten Töne klingen bei ihr immer ein wenig steif. Ioan Hotea hat 2015 zusammen mit der durchstartenden Lise Davidsen den 1. Preis beim Operalia-Wettbewerb sowie den Zarzuela-Preis gewonnen. Meiner Meinung nach ist er derzeit bei Rossini und Donizetti besser aufgehoben, zumal seine Stimme doch sehr dünn klingt. Er bekommt zwar alle Töne, hat mir aber in der Höhe nicht gefallen. Seine Stimme klingt in der Mittellage recht angenehm, in der Höhe eher quäkig. Zahlreiche Schluchzer waren auch nicht unbedingt ein Prädikat. Dennoch kommt auch seine Karriere (er ist 29) ganz gut in Fahrt (Wien, München, London). Sehr positiv ist mir Young Doo Park als Sparafucile aufgefallen. Silvia Hauer hat die Riege der Hauptrollen gut komplettiert. Will Humburg hat mit einem flotten und differenzierten Dirigat für einen guten Rahmen gesorgt.

    Es ist schon bewundernswert, was das Hessische Staatstheater zu den Mai-Festspielen für Besetzungen auf die Bühne stellt. So stand dem GMD Patrick Lange in den Hauptrollen eine fast komplett neue Mannschaft zur Verfügung. Ob das ein Grund für manch merkwürdigen Einsatz war, ob die Schuld beim Dirigenten oder bei den Sängern lag, vermag ich nicht zu sagen. Patrick Lange hat die Oper recht flott nach vorne dirigiert. Positiv ist mir im Orchester das Solo-Cello aufgefallen, während das Solo-Horn kein Festspiel-Niveau hatte. Für mich war es eine große Freude Michael Volle nach vielen Jahren mal wieder als Hans Sachs erlebt zu haben. Er hat die Rolle insgesamt sehr souverän gesungen und vor allen Dingen textlich toll gestaltet. Gespannt war ich auch auf das Rollendebüt des "Berliners" Thomas Blondelle als Stolzing. Seine Probleme in der Höhe sind nicht neu. Zwei Akte lang konnte er sich dennoch gut aus der Affäre ziehen, im 3. Akt jedoch wurde seine ansonsten gute Leistung gemindert. Auch als Typ kam er erfreulich erfrischend daher. Gleiches gilt übrigens auch für Betsy Horne als Eva, die insgesamt ebenfalls erfrischend rüberkam, jedoch in der Höhe ein paar unschöne Töne hatte. Günther Groissböck war als Pogner eine Luxus-Besetzung, auch wenn er nicht so stark war wie bei seinem Gurnemanz in Berlin. Johannes-Martin Kränzle ist ein Wahnsinnstyp. Wie er sich in jeder Rolle neu erfindet, ist große Klasse. Dass ihm in der Höhe ein bis zwei Töne fehlen, kaschiert er sehr geschickt. Sein Beckmesser hatte großen Unterhaltungswert und war insbesondere im Zusammenspiel mit Volle ein Genuss. Auch Daniel Behle als David hatte einen insgesamt sehr unterhaltsamen und überzeugenden Auftritt bevor er in der nächsten Spielzeit in Dortmund den Lohengrin singen wird. Margarete Joswig fiel als umherwirbelnde Magdalene stimmlich ab. Ein Kuriosum in der Meisterriege war für mich als Berliner Reiner Goldberg als Ulrich Eisslinger.

    Die Inszenierung von Bernd Mottl ist sehr kurzweilig und zeigt auf berückende Art und Weise, wie sich das Rad der Generationen dreht. Während Pogner blind ist und auf seinen Rollator angewiesen ist und wie alle anderen Meister im Altersheim seinem Tod entgegensieht, ist Sachs, ebenfalls im Heim, der Einzige, der sein Handwerk noch versteht. Sehr berührend fand ich die Dia-Show, die Sachs sich zu Beginn des 3. Aktes angesehen hat: seine verstorbene Frau, seine Geschäftsaufgabe, den Abriss des Gebäudes, in dem sein Geschäft einmal gewesen ist. Im selben Haus wie das Altersheim ist die Gaststätte Alt-Nürnberg, die im 2. Akt von außen und im 1. Akt sowie auf der Festwiese (hier Festsaal) von innen gezeigt wird. Das ist so aus dem Leben gegriffen, als wäre man selbst schon einmal dort gewesen.

    Gestern habe ich Plácido Domingo in seiner dritten Macbeth-Serie in der Staatsoper erlebt (eine davon im Schiller-Theater). Sicher ist seine Tagesform recht schwankend, dennoch bleibt der Eindruck, dass er gegenüber dem Vorjahr abgebaut hat und wieder deutlich kurzatmiger war. Dadurch sind einige Bögen auf der Strecke geblieben. Seine Energie-Leistung bleibt bewundernswert, und schöne "Domingo-Töne" hatte er auch im Gepäck. Dazu wirkte er körperlich deutlich besser in Schuss als vor Jahresfrist. Von den zahlreichen Touristen im Haus wurde er ebenso lautstark gefeiert wie Daniel Barenboim am Pult. René Pape war als Banquo eine Luxus-Besetzung. Nicht ganz warm bin ich mit der Lady Macbeth von Ekaterina Semenchuk geworden. Da ist auf der einen Seite eine herrlich dunkle Luxus-Stimme, der ich gerne ein paar Probleme bei den obersten Tönen verzeihe. Auf der anderen Seite ist die Stimme in den Koloraturen so unbeweglich, dass der Gesamteindruck dadurch deutlich getrübt wurde. Über Netrebko haben einige gesagt, sie hätte nicht böse genug geklungen. Semenchuk klang harmloser. Neu war auch auch Sergio Escobar als Macduff (für Sartori). Seine Stimme hat viel Metall und klingt durchaus interessant, wenn auch stellenweise ein wenig unkultiviert. Ich würde ihn gerne mal in einer größeren Rolle hören. Zum Abschluss noch was von den billigen Plätzen. Während der Aufführung gab es plötzlich ein störendes Geflüster. Der Anlass war, dass sich eine Besucherin oben auf den nicht runtergeklappten Sitz gesetzt hatte und nicht einsichtig war sich normal hinzusetzen. Da sie auch in der Pause unnahbar war und auf Durchzug geschaltet hat, was nicht nur ein sprachliches Problem gewesen sein dürfte, und zudem ihre Schuhe auf der Rückenlehne davor platziert hatte (die Dame war 60-70+), hat jemand die Einlasserin gebeten sie anzusprechen.

    Ich warte noch darauf, Kristian Benedikt live zu erleben. Beinahe hätte es geklappt. Ich wollte in Kärnten Urlaub machen, und er singt in Trieste Andrea Chénier. Wegen des Wetters habe ich jedoch umdisponiert und bin im Elsass gelandet. Was ich von ihm im italienischen Fach gehört habe, finde ich sehr vielversprechend, die Winterstürme allerdings skurril. Am liebsten würde ich Otello oder Chénier von ihm hören.

    Ich habe Wolfgang Fassler am 17.11.1993 an der Deutschen Oper erlebt. Besetzung: Kout-Yahr,Armstrong;Fassler,Hagegard,Salminen.


    Dennoch hat er sicher seine Meriten gehabt und war ja auch ganz gut im Geschäft. Auch solche Sänger verdienen es, dass an sie erinnert wird.



    Wenn man mit sogenannten Wagner-Tagen wirbt und damit viele auswärtige Besucher ins Haus zu locken versucht, dann sollte man vielleicht auch vorher entsprechend proben. Zumindest der erste Tannhäuser und der Lohengrin gestern standen da unter keinem guten Stern. Donald Runnicles hat die Oper schon oft am Haus dirigiert, Es waren gute und sehr gute Abende dabei, aber auch weniger packende Aufführungen. Gestern lief schon im Vorspiel einiges bei den Streichern schief. Im weiteren Verlauf hat Runnicles ungewohnt langsam dirigiert. Das hat sich im 2. Akt mit dem Auftritt des Chors plötzlich geändert. Von da an war das Dirigat flott und plötzlich packend. Die zahlreichen Trompetenpatzer laste ich ihm nicht an. Trotz der ansonsten hervorragenden gesanglichen Leistungen steht und fällt ein Lohengrin mit dem Sänger der Titelpartie. Zunächst habe ich mich gefreut, einmal einen anderen Sänger als die üblichen Verdächtigen zu hören. Ich fand Daniel Johansson nicht so schlimm wie viele andere Besucher, aber auch nicht wirklich gut. Seine stimmlichen Möglichkeiten waren von der Kraft her recht limitiert. Immer wenn er mehr wollte, ging das zu Lasten der Intonation. In der Stimme waren auch immer wieder Brüche. Die Gralserzählung gelang ihm ganz ordentlich, bis er kurz vor dem Ende wieder die genannten Probleme hatte. Dazu kam, dass er mehr Pastor als Staatsmann war. Den stärksten Eindruck des Abends hinterließ John Lundgren mit unerschöpflichen Kraftreserven als fast schon exemplarischer Telramund. Anna Smirnova stand ihm in nichts nach und wirkte ausgeruhter als bei ihrem letzten Auftritt als Ortrud. Camilla Nylund habe ich schon mehrfach als Elsa gehört. So gut wie gestern hat sie mir noch nie gefallen. Sie hat die Partie sehr innig und zurückgenommen gesungen. Ein Freund meinte zwar, sie könnte nicht mehr geben, aber ich finde, da hat alles gesessen, jeder Tonsprung, da war nichts in Gefahr. Andreas Bauer-Kanabas habe ich öfter in seiner Zeit an der Staatsoper gehört. Ehrlich gesagt habe ich seine Stimme nicht wiedererkannt. Mir hat sein König Heinrich gut gefallen. Das klang sicher etwas derb, dafür aber kraftvoll und sehr textverständlich (vielleicht ein wenig zu akzentuiert). Eine absolute Luxusbesetzung war zum wiederholten Mal Derek Welton als überragender Heerrufer, der die Partie für Dong-Hwan Lee übernommen hatte. Trotz der überwiegend sehr guten Leistungen ein Abend mit Licht und Schatten.

    Lieber Ralf,


    ich habe mich gefreut noch einen weiteren Bericht zum Tannhäuser lesen zu können. Ich hatte keine Zeit, Peter Seiffert hätte ich natürlich gerne noch einmal als Tannhäuser erlebt. Er ist ein Publikumsliebling, schließlich hat er dem Haus seit Jahrzehnten schöne Abende beschert.



    Herzliche Grüße


    Kapellmeister Storch