Beiträge von Kapellmeister Storch

    Zubin Mehta hat sich dieser Tage mit zwei Programmen in der Philharmonie präsentiert, mit denen er anschließend mit den Philharmonikern auf Tournee gehen wird, bevor er sich zu einer erneuten Krebstherapie in Behandlung begeben muss. Mehta hat bei mir einen großen Sympathie-Bonus. Ich freue mich immer, wenn ich ihn in der Oper oder im Konzertsaal erleben kann. Vom Publikum würde er schon vor Beginn des Konzertes stürmisch gefeiert, so ähnlich wie früher Karajan. Dabei machte er auf mich einen noch gebrechlicheren Eindruck als Ende April beim Otello an gleicher Stelle. Umso fitter wirkte er ab der ersten Note.


    Das Großartige an diesem Abend war die hervorragende Leistung des Orchesters. Ein großer Bruckner-Abend war es indes nicht. Ich habe einige herausragende Aufführungen unter Dirigenten wie z. B. Celibidache, Wand, Blomstedt oder Thielemann erlebt. Mit diesen konnte Mehta nicht in Konkurrenz treten. Gestört hat mich besonders, dass Mehtas Interpretation recht oberflächlich war und auf symphonische Bombastik ausgelegt war. Dass er den 1.Satz recht breit dirigiert hat, hat mich nicht gestört. Wirklich gelungen war das piano am Ende des Satzes, wo sich die Töne quasi im Nichts aufgelöst haben. Die 8 Symphonie von Bruckner bietet mir in der Regel einige Gänsehautmomente, vornehmlich im 3. und im 4. Satz, die sich bei Mehta nicht eingestellt haben. Meinetwegen hätte der 4. Satz auch noch breiter dirigiert werden können. Fazit: wie oft bei Mehta war das Ergebnis weit von einer gewissen Exklusivität entfernt, was schade ist, aber bei Bruckner besonders schmerzt. Dennoch freue ich mich auf seinen Rosenkavalier in der Staatsoper.

    24.10.2019


    Die Vorfreude auf die Vorstellung war bei mir nach der schwachen Aufführung im Juni nicht besonders groß, aber ich war dennoch auf die fast durchgängig andere Besetzung gespannt. Umso angenehmer wurde ich letztendlich mit einem durchaus ordentlichen Opernabend überrascht. Wie schon in der Premieren-Serie hat Christopher Maltman die Titelpartie gesungen. Diesmal erschien mir sein Gesang deutlich dosierter, so dass als einziges Manko die fehlende italienische Eleganz in der Stimme übrig geblieben ist. Ansonsten hat mir Maltman durchaus gefallen. Besonders gespannt war ich im Vorfeld auf Aida Garifullina als Gilda. Sie wurde besonders umjubelt und hat mir auch vom Gesamtpaket her gut gefallen, allerdings fand ich ihre Stimme in der Höhe recht hart. Die Überraschung des Abends war für mich Francesco Demuro als Herzog, der mich bei seinen bisherigen Auftritten nicht vom Hocker gerissen hat. Zwar klang seine Stimme in der Höhe nicht so frei und klar wie in der Mittellage, aber er kam trotz relativ schlanker Stimme gut über die Rampe und konnte mit einer Bombenhöhe auftrumpfen. Weniger überzeugend fand ich den hoch talentierten Bass Grigory Shkarupa als Sparafucile, der mir zu sehr auf die Tube gedrückt hat und irgendwie mehr wollte als er konnte. Absolut nichtssagend war für mich Mariana Pentcheva als Maddalena. Als Monterone war, wie schon in der Premiere, Giorgi Mtchedlishvili im Einsatz und war erschreckend schwach. Eine weitere Verbesserung gegenüber der Juni-Serie war das Dirigat von Diego Matheuz, der mit flotten Tempi und viel Esprit seinen Anteil an einem erfreulichen Opernabend hatte.

    Das hochinteressante Programm hat mich veranlasst das Konzert des Orchesters der Deutschen Oper Berlin zu besuchen. Belohnt wurde ich mit einem sensationellen Konzert, in dem sich das Orchester von seiner Schokoladenseite präsentiert hat. Nach dem 3. Klavierkonzert am Montag in der Staatsoper stand in der Bismarckstr. das 2. Klavierkonzert in c-moll von Sergej Rachmaninow auf dem Programm. Der aus Nordmazedonien stammende Pianist Simon Trpceski begeisterte mit leidenschaftlichem und technisch brillantem Spiel und einer Zugabe von Schubert/ Liszt. Bei mir sprang der Funke jedenfalls ganz anders über als am Montag bei Lahav Shani in der Staatsoper, der sicher ebenfalls brillant gespielt hat, aber mich nicht so vom Sitz gerissen hat wie Yuja Wang Anfang September mit demselben Stück.


    Nach der Pause folgte dann die Symphonie Nr. 8 in c-Moll, dem ersten Werk des Komponisten, das ich als Schüler im Jahr 1978 unter der Leitung von Mstislaw Rostropowitsch live gehört habe. Beeindruckt hat mich damals, dass der Komponist erst drei Jahre zuvor gestorben war. Dieses Konzert ist nun 41 Jahre her. Vom Jahr 1978 muss man nicht einmal 41 Jahre zurückgehen, um ins Jahr der Uraufführung der Symphonie zu gelangen. Die Symphonie ist im Jahr 1943, dem Todesjahr von Rachmaninow, uraufgeführt worden. Der Komponist hat die Symphonie mit einer Spielzeit von ca. 65 min. innerhalb von nur 40 Tagen komponiert. Sie wurde jedoch zwischen 1948 und 1956 mit einem Aufführungsverbot belegt. Offiziell hat Schostakowitsch wohl die Schrecken des Krieges vertont, inoffiziell lt. Kurt Sanderling „den Schrecken des Lebens eines Intellektuellen in der damaligen Zeit“. Juraj Valcuha hat das Werk in beeindruckender Weise zur Aufführung gebracht . DAs Orchester ist ihm mit höchster Konzentration gefolgt. Man hatte fast den Eindruck, als würden sie schon ewig zusammenarbeiten. Ein dickes Kompliment geht diesmal auch ans Publikum. Nachdem sich die letzten Töne des 5. Satzes vom pp ins Nichts aufgelöst hatten, herrschte eine längere Stille, wie ich sie zuletzt im Kloster von Sénanque erlebt habe. Es war kein Mucks zu hören. Danach gab es den verdienten Jubel für ein herausragendes Konzert.

    In erster Linie habe ich mich am 17.10.2019 für die Marschallin von Rachel Willis-Sørensen auf den Weg nach Dresden gemacht. Sie konnte mit ihrer recht dunklen Stimme und großer Spielfreude denn auch absolut überzeugen. Sehr gespannt

    war ich außerdem auf Nikola Hillebrand als Sophie, die beim letzten Silvesterkonzert kurzfristig als Adele eingesprungen war. Auch wenn ihre Höhe mehr Substanz haben könnte, war sie sowohl stimmlich als auch darstellerisch eine ideale Sophie mit süßlich silbrigem Klang der Stimme. Für mich ist sie eine ideale Rollenvertreterin. Sehr gefreut hatte ich mich im Vorfeld darüber, dass Sophie Koch das Damen-Trio als Oktavian komplettiert hat. Ich fand sie stimmlich allerdings recht enttäuschend. Ihre Stimme hat viel von ihrer einstigen Noblesse eingebüßt. Darstellerisch konnte sie wie gewohnt überzeugen. An Albert Pesendorfer konnte ich mich erst im Laufe des Abends gewöhnen. Mir war sein Ochs zu sehr auf Sparflamme gesungen. Letztendlich bot er aber eine souveräne Leistung. Die bot auch Martin Gantner als Faninal. Gefreut habe ich mich auch über die erste Begegnung mit Edgardo Rocha als Sänger. Am Pult stand der Geiger Nikolaj Szeps-Znaider, der seit einigen Jahren auch dirigiert. Er machte auf mich einen sehr souveränen Eindruck, auch wenn es mehrere falsche Sänger-Einsätze gegeben hat.

    Giulini-Konzerte gehören zu meinen absoluten Konzert-Highlights. Spontan fallen mir das Verdi-Requiem im Jahr 1986 und das Gedenkkonzert für Herbert von Karajan im September 1989 mit Bruckner 9 ein. Karajan hat Giulini übrigens mal als seinen möglichen Nachfolger bei den Philharmonikern genannt. Ob das ernst gemeint war oder nur seine Bewunderung ausdrücken sollte, vermag ich nicht zu sagen. Aufgrund des Alters von über 70 Jahren hielt man es damals nicht für realistisch.

    Gestern habe ich Saimir Pirgu mal wieder gehört. Hierzu habe ich im Aufführungsthread geschrieben:


    "Die größte Überraschung des Abends war für mich allerdings Saimir Pirgu als Don José. Ich habe den Tenor bereits als 24-jährigen Alfredo und vor ein paar Jahren als Nemorino erlebt. Ich hatte ihn als begabten, aber recht langweiligen Sänger mit Höhenproblemen in Erinnerung. Inzwischen ist seine Stimme dramatisch mit stählerner Höhe geworden. Darstellerisch ist er zu einem Berserker geworden, bei dem Carmen nicht nur ihren Bühnentod fürchten musste. Pirgu gehört zu den überzeugendsten Josés, die ich gehört habe."

    Ich freue mich auf den Rosenkavalier in Dresden heute, bei dem ich insbesondere auf Rachel Willis-Sørensen und Nikola Hillebrand gespannt bin. Und eben habe ich noch gesehen, dass Sophie Koch als Oktavian einspringt.


    Morgen geht es dann ins Konzert in die Deutsche Oper:

    Rachmaninow: Klavierkonzert Nr. 2 mit Simon Trpceski und Schostakowitsch Nr. 8 unter Juraj Valcuha

    Carmen gehört nicht unbedingt zu den Opern, die ich ständig hören muss. Gestern bin ich in die Vorstellung gegangen, weil ich neugierig auf Yulia Matochkina in der Titelpartie war. Sie ist bisher überwiegend in ihrer russischen Heimat aufgetreten. In diesem Sommer hat sie in Salzburg die Federica in Luisa Miller gesungen. Gergiev hat sie auch schon für ein Konzert nach München geholt. Zu ihren Rollen gehören auch Wagner-Partien wie Venus, Brangäne und Kundry. Allein ihretwegen hat sich der Besuch gelohnt. Sie fing zwar recht verhalten an, konnte aber insgesamt mit einer wunderschönen Stimme und einem sehr differenziertem und souveränem Vortrag überzeugen. Die größte Überraschung des Abends war für mich allerdings Saimir Pirgu als Don José. Ich habe den Tenor bereits als 24-jährigen Alfredo und vor ein paar Jahren als Nemorino erlebt. Ich hatte ihn als begabten, aber recht langweiligen Sänger mit Höhenproblemen in Erinnerung. Inzwischen ist seine Stimme dramatisch mit stählerner Höhe geworden. Darstellerisch ist er zu einem Berserker geworden, bei dem Carmen nicht nur ihren Bühnentod fürchten musste. Pirgu gehört zu den überzeugendsten Josés, die ich gehört habe. Ebenfalls auf hohem Niveau war Ellena Tsallagova als Micaëla. Nicht gefallen hat mir Markus Brück als Escamillo, bei dem die tiefen Töne der Partie nicht recht klingen wollten und auch die lyrischen Momente mitunter den gewissen Charme der Rolle vermissen ließen. Ich war umso enttäuschter, als ich ihn als Carlos di Vargas recht ansprechend fand. In den kleineren boten Thomas Lehman als Moralès und Meechot Marrero (diesmal als Frasquita), die optisch der Carmen die Show gestohlen hat, hervorragende Leistungen. Das gilt auch für das Dirigat von Jordi Benàcer, auch wenn im Orchester nicht immer alles geklappt hat.

    Hörenswert war in letzter Zeit auf jeden Fall Joseph Calleja, den ich in München erlebt habe. Ich hoffe auch auf eine Chance, Piotr Beczala zu hören. Wie bereits vom Stimmenliebhaber erwähnt, hat Riccardo Massi in Dresden einen guten Cavaradossi gesungen. Ich war allerdings in einer anderen Vorstellung.

    Ich habe Brian Jagde in Berlin als Cavaradossi gehört und fand ihn, wie auch Monica Zanettin und Ambrogio Maestri, hervorragend. Die Stimme musste zwar erst etwas auf Touren kommen, aber der Abend hat damals meine Vorfreude auf die Heliane gesteigert.

    Heute beschränke ich mich auf herausragende Konzert-Erlebnisse:


    • Herbert von Karajan: u.a. Strauss: Heldenleben, Alpensymphonie, Zarathustra; Bruckner 9
    • Carlo Maria Giulini: Verdi-Requiem u. Bruckner 9
    • Claudio Abbado: Gurre-Lieder und Mahler 9
    • Günter Wand: Bruckner 7 u. 8
    • James Levine: Mahler 3 (2017 in Berlin)
    • Riccardo Muti: Bruckner 7 (2018 in Berlin mit den Wienern)
    • Sergiu Celibidache: Bruckner 5
    • Herbert Blomstedt: Bruckner 5 (Bamberg), 7 (Leipzig), 6 (Dresden)


    Ich habe viele herausragende Konzerte erlebt, die ich hier nicht alle aufzählen kann. Darunter fallen auch Konzerte unter Kleiber, Solti, Jochum, Böhm, Maazel, Rattle und vielen anderen mehr.

    Betrachten wir mal die Deutsche Oper Berlin. Ein Ensemble mit langjährigen Ensemblemitgliedern gibt es dort nicht mehr, wenn man einmal von z. B. Markus Brück, Burkhard Ulrich und Clemens Bieber absieht. Hier kommen jedes Jahr neue hochveranlagte Sänger ans Haus, die wenige Jahre bleiben und dann versuchen Karriere zu machen. Michael Spyres hat dies geschafft, John Chest oder Judit Kutasi sind weiteres Beispiele. Es gibt also durchaus immer wieder offene Stellen, wenn auch im Verhältnis zu den Absolventen sehr wenige. Allerdings kommen die neuen Ensemblemitglieder fast nie von deutschen Hochschulen, sondern aus aller Welt. Ausnahmen sind Philipp Jekal und Tobias Kehrer. Da stellt sich die Frage, was an deutschen Hochschulen falsch läuft oder was in anderen Ländern besser läuft. Bei Gesangswettbewerben sieht es kaum anders aus. Vielleicht ist das Füllhorn an Sängern in anderen Ländern auch viel größer, so dass dort noch viel mehr Sängerinnen und Sänger ausgebildet werden, die nie in diesem Beruf arbeiten werden.

    In erster Linie habe ich die Vorstellung gestern wegen Carlos Álvarez besucht. Die ersten Töne von Roberto Alagna ließen Schlimmes befürchten, so meckrig und quäkig klang seine Stimme aus dem Off. Dass es dennoch ein hervorragender Opernabend wurde, lag am Star-Tenor und einer insgesamt sehr guten Besetzung. Ich habe die Pountney-Produktion seit der Premiere im Jahr 2005 in verschiedenen Besetzungen erlebt. Dass ein Tenor Turiddu und Canio in dieser Produktion gesungen hat, dürfte eine Premiere gewesen sein. Roberto Alagna hat mit ausgeruhter Stimme und ungeheurer Bühnenpräsenz überzeugt. Er war der Motor der Aufführung. Eva-Maria Westbroek als Santuzza hat mir mit ihrer dramatischen Stimme sehr gut gefallen, auch wenn ihr Sopran in der Höhe ausgefranst klang und piani nicht immer angesprochen haben. Das hat sie aber geschickt umschifft. Als Alfio hat sich Rodrigo Esteves mit einem gut fokussiertem, kernigem Bariton präsentiert und ein starkes Hausdebüt gefeiert. Die Rolle der Lola hat man schon interessanter als von der ordentlich singenden Anna Buslidze gehört. Ronnita Miller als Lucia war wie immer eine Bank. Die Tempi von Paolo Arrivabeni waren mir stellenweise viel zu breit.


    Noch interessanter wurde es im Bajazzo. Carlos Álvarez bot eine exemplarische Leistung und hat die Rolle des Tonio ausgefüllt wie niemand zuvor in dieser Produktion. Zusammen mit dem hier noch stärkeren Roberto Alagna hat er dafür gesorgt, dass die Aufführung zu keiner Zeit langweilig wurde. Aleksandra Kurzak hat mir als Nedda gefallen. Weniger schön war allerdings ihre offene Höhe mit nicht immer ganz sauberen Tönen. Ya-Chung Huang als Beppo hat mich mehr überzeugt als Samuel Dale Johnson in der Rolle des Silvio. Das Dirigat von Paolo Arrivabeni hat mir im zweiten Teil besser gefallen, auch wenn die Tempi auch hier zum Teil recht langsam waren. Insgesamt ein sehr lohnender Opernabend.

    Für einige Minuten waren die 80er-Jahre zurück in der Bismarckstraße. Es wurde gerufen und gepöbelt, Ordner kamen in den Saal. Ich hatte mich schon im Vorfeld über die Gesamtdauer der Aufführung gewundert: 3 Stunden und 45 Minuten hatten mich stutzig gemacht. Frank Castorf hat die Handlung der Oper nach Neapel ins Kriegsjahr 1943 verlegt. Der Krieg in aller seiner Grausamkeit un Sinnlosigkeit ist auch das zentrale Thema von Castorfs Regiearbeit. Offenbar hat em Regisseur jedoch der Stoff der Oper nicht ausgereicht. Wurden im 1. Teil nur kurze Texte eingestreut, schienen die Texte im 2. Teil keine Ende nehmen zu wollen. Das Maß war voll, als Texte zunächst auf Deutsch und dann auf Englisch gesprochen wurden. Dann kamen die Rufe nach Musik, Verdi und nach Respekt für die Darsteller. Währen auf der Bühne die Sinnlosigkeit des Kriegs gezeigt werden sollte, gab es im Publikum förmlich einen Lagerkrieg. Leider ist die Inszenierung insgesamt eine recht langweilige Angelegenheit, die bis zu den Tumulten kaum Widerspruch geerntet hat. Das Publikum schien ratlos bis gelangweilt zu sein, so verhalten war auch er Applaus für die Sänger. Die hinzugefügte Person des Indios wirbelte quer durch die ganze Oper, mal halbnackt in Stöckelschuhen, mal im Glitzerkostüm, mal als Engel. Seine Leistung war sicher von großer Qualität und Intensität, in Bezug auf den Genuss der Oper haben mich seine Aktionen eher kirre gemacht, so die auch die zahlreichen Video-Installationen, die teilweise live von Kamerateams aufgenommen gesendet wurden.


    Musikalisch war der Abend besser als ich es erwartet hatte. Vor allen Dingen die Männer wussten zu überzeugen, was mich insbesondere für Russel Thomas als Alvaro gefreut hat, der vor drei Monaten einen eher durchwachsenen Otello gesungen hatte. Mit seiner dunklen, etwas rauen Stimme umschiffte er die meisten Klippen der Partie und war in er Beifallsskala klarer Punktsieger. Eine starke Leistung bot auch Markus Brück als Carlo. Ich bevorzuge zwar eher weiche Stimmen, aber mit seinem kernigem Bariton und einer Stimmgewalt hat er eine Top-Leistung gebracht, die so manchen Kollegen vor Neid erblassen lassen würde. Als Padre bot der von mir sehr geschätze Marko Mimica eine tadellose Leistung, allerdings fehlte ihm irgendwie das Format für die Partie. Misha (vormals Mikheil) Kiria beherrschte die Bühne bei seinen Auftritten und war ein charismatischer Fra Melitane, der u.a bei Renato Bruson studiert hat. Agunda Kulaeva gab eine passable Preziosilla, nicht mehr und nicht weniger. Zwiespältig bleibt der Eindruck zur Leonora von Maria José Siri. Ich schätze an ihr, wie sie sich mit Haut und Haar auf der Bühne verzehrt. Ich verzeihe ihr in der Regel eine etwas schrille Höhe, da ich insgesamt ihre Stimme mag. Allerdings waren gestern ihre hohen Töne Glückssache. Dirigiert wurde die Aufführung von Jordi Benàcer, der für den ursprünglich mal geplanten Paolo Carignani am Pult stand. Ich fand sein Dirigat mit zahlreichen Tempowechseln sehr interessant. Schon in der Ouvertüre gab es Töne, die ich so noch nie zuvor gehört habe. Manches war recht langsam dirigiert, andere Passagen extrem schnell, mit vielen Rubati gespickt. Allerdings gab es auch Abstimmungsprobleme mit dem insgesamt hervorragenden Chor und verpasste Einsätze (Stephen Bronk als Marchese und Brück, bei Siri bin ich mir nicht ganz sicher).


    Nach fast vier Stunden (warum wurde eigentlich nicht um 18 Uhr begonnen?) Oper, Sprechtheater und Tumulten gab es am Ende Beifall ohne Widerspruch für die Sänger und den Dirigenten und einen Buh-Orkan für Frank Castorf und sein Team, gemischt mit Beifall und Zustimmung, den dieser mit Küsschen für das protestierende Publikum beantortet hat. Allein wegen der überlangen Dialoge habe ich nicht den Nerv, mir diese an sich sehr schöne Oper öfter zu gönnen. So manch einer wird sich, egal ob Neuenfels-Anhänger oder -Gegner, nach der alten Produktion zurückgeseht haben, die ebenfalls für Skandale gesorgt hat und noch Jahre nach der Premiere für Widerspruch gesorgt hat.