Hallo Ulli,
alle Vergleiche hinken, aber dem Phänomen, das Du beschreibst, kommt man vielleicht näher, wenn man einen Vergleich zur Sprache bemüht. Ich probier's einfach mal. Also: Mozart ist ein Komponist, der viele unterscheidliche Einflüsse seiner Zeit in seine musikalische Sprache aufgenommen hat - er hat sozusagen aus vielen Dialekten seiner Zeit eine Hochsprache gemacht. Oder anders ausgedrückt: Da seine Musik zum Modell für spätere Generationen wurde, ist Mozarts Musiksprache wie eine Hochsprache behandelt worden. Irgendwann hat man dann geglaubt, nur die Hochsprache zähle und die Dialekte wären minderwertig - man vernachlässigte sie und verlernte sie dabei auch. Dadurch wurden alle Vorurteile die sich gegen die übrigen, zunehmend in Vergessenheit geratenden Komponisten ansammelten, in einem Teufelskreis fortlaufend weiter bestätigt: X Denn bekanntlich klingen Texte in Dialekten, wenn sie von jemandem vorgetragen werden, der nur Hochdeutsch gelernt hat, ziemlich flach und peinlich. Und genau so ist es auch mit musikalischen Dialekten! Inzwischen hat man aber begonnen, sich wieder für Dialekte zu interessieren und auch begriffen, dass man manche Dinge nur im Dialekt ausdrücken kann
Es gibt sogar Leute (mich zum Beispiel), die meinen, dass manche Menschen im Dialekt so interessante Sachen gesagt haben, dass es sich allein dafür lohnt, den Dialekt zu lernen.
Du sagst
Zitat
Viele Interpretationen von z.B. Werken von Kraus, Martín y Soler usw. werden dem "Mozartstil" angeglichen und erklingen gleich sehr viel wertvoller.
Genau das glaube ich nicht. Vielleichst hast Du Mozart schon so zum Heiligen erhoben, dass eine intensive Interpretation für DIch schon automatisch "Mozartstil" ist. Aber die guten Interpreten von Kraus' Werken versuchen nach meiner bescheidenen Meinung
gerade nicht, Kraus wie Mozart zu spielen, weil daraus in den meisten Fällen minderwertiger Mozart statt genialer Kraus entstünde. Ein guter Kraus-Interpret wird Kraus vielmehr von seinen Vorbildern her zu verstehen suchen: Gluck, Carl Philipp Emanuel Bach (auch wenn Kraus das so nicht zugegeben hätte), Holzbauer etc.
Aber natürlich ist auch Mozarts Sprache nicht von Dialekten frei und besonders manche seiner frühen Werke klingen interessanter, wenn man bei der Interpretation diese Dialekte herausarbeitet. Idomeneo zum Beispiel wirkt am besten, wenn man ihn wie eine sehr sehr gute Gluck-Oper spielt statt wie ein noch nicht ausgereiftes Mozart/Da-Ponte-Werk.
Mit dem Phänomen, das Du so beschreibst
Zitat
Mozarts Werke werden leicht verrotzt dargeboten und so auf eine ebene mit seinen Zeitgenossen gestellt.
hat das allerdings nicht zu tun.
Verrotzte Interpretationen sind nochmal ein ganz anderes Phänomen. Man hat entdeckt, dass man sich, wenn man bestimmte Eigenheiten der historischen Aufführungspraxis gnadenlos übertreibt, gut bei einem Publikum anbiedern kann, dem die herkömmliche Art Klassik zu spielen zu langweilig ist. Weil man aber natürlich trotzdem das Stammpublikum nicht ganz vergrätzen wollte, stürzte man sich besonders gerne auf Werke von Komponisten, die noch keiner kannte, verjazzte sie, spielte sie rauh und unangepasst
Ein wenig verdankt sich der Erfolg von Concerto Köln diesem Trick, obwohl sie damit auch wiederum dazu beigetragen haben, manchen Unbekannten erst so bekannt zu machen, dass er jetzt auch von weniger extremen Interpreten gespielt wird.
Das meint jedenfalls - ohne zu wissen, ob er Recht hat - der
Amateur