Beiträge von Amateur

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    Original von Draugur
    Es wird immer behauptet, Oper müsse sich unbedingt der Gegenwart widmen, aber erstens sehe ich dafür keine argumentative Grundlage und zweitens bleibt es häufig auf der Ebene, dass mal eben ein Laptop oder Mobiltelefon gezückt wird, was keine wirkliche "Aktualisierung" ist.


    Das für mich ideale Musiktheater ist eines, das möglichst abstrakt und zeitlos den Grundfragen der Stoffe nachgeht, darin sehe ich auch wahre Aktualität.


    Aktualisierung um jeden Preis ist sicher unnötig. Trotzdem hat Oper immer auch mit der Gegenwart gespielt: Es gibt mehrere Beispiele aus dem 18. Jahrhundert, wo Sänger in Opern bekannte Personen aus der Gegenwart in Gesten und charakteristischen Stellungen nachgeahmt haben. Und sehr viele Opernhandlungen haben nun mal einen aktuellen politischen Bezug gehabt (z. B. die Opern von Verdi und so gut wie ALLE Barockopern) der von dem damaligen Publikum auch unmittelbar entschlüsselt werden konnte. Ich finde, dass es vollkommen legitim ist, diese Ebene bei einer neuen Inszenierung zu betonen.
    Platt darf es natürlich nicht werden: Bei Florestan in Guantanamo hinkt alles, aber hätte man Florestan bei einer DDR-Aufführung in den 70er oder 80er Jahren in Stasihaft gezeigt, wäre das die mutigste und beste Inszenierung der Oper überhaupt geworden.


    Kurz: Packende Aktualisierungen sind nicht leicht herzustellen und man sollte lieber auf sie verzichten, wenn einem nichts Geniales einfällt. Aber man muss es unbedingt versuchen dürfen.

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    Original von Brangäne


    Der Umkehrschluss ist sicherlich ein Irrtum. Klar kann man eine CD hören und die Bühne ist dann im Kopf. Irgendwie lebt man dabei aber von der Erinnerung, was am Sinn vorbei geht. Und klar gibt's schöne konzertante Aufführungen. Und sind ganz ganz sicher - entgegen deiner These - gute Opern auch konzertant noch gut. Und wenn - deinem Gedankengang folgend - eine Oper ohne Bühne besser ist als mit, dann gehört das Werk wohl einem anderen Genre an.


    Du vermischst da jetz aber zwei Gedanken von mir. :( Ich habe nie behauptet, dass eine Oper ohne Bühne besser ist als mit. Sondern genau das Gegenteil! Der Satz "Eine Oper ist dann gut, wenn sie ohne Bühne schlecht ist" will ja gerade sagen, dass eine gute Oper die Bühne, den lebendigen Theater spielenden Menschen braucht.


    Ich sehe einen Opernkomponisten jedenfalls nicht als einen Alleinunterhalter, der egoistisch absolute Werte schafft und dabei Bühne und Darsteller an die Wand spielt. Sondern ich sehe ihn als als jemanden, der seinen künstlerischen Partnern Raum zur Entfaltung lässt, ihnen spannende Aufgaben stellt. Ich möchte nochmal den Vergleich mit Ober- und Unterstimmen bringen: beide sollten zusammen faszinierender klingen als einzeln.


    Dass ich Opern manchmal trotzdem lieber mit geschlossenen Augen oder auf CD höre, hat einen ganz anderen Grund. Manchmal sind die szenenischen Partner der Komponisten nicht so gut oder interessant, wie ich es mir wünschen würde. Wenn das der Fall ist, dann ist es mir sozusagen lieber, mir die Unterstimme im Kopf vorzustellen als sie real in einer verhunzten Form zu hören. :P Schöner ist es aber allemal, wenn mir große Künstler auf der Bühne das vormachen, was ich mir gar nicht vorstellen konnte. :jubel:

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    Original von Johannes Roehl
    Ich zögere immer bei der Formulierung, da es leicht arrogant klingt, aber für mich ist es irgendwie ein Steckenbleiben im Anfängerstadium, wenn man nach Jahren immer noch den massiven Klang eines großen Orchesters "braucht".


    Der massive Orchesterklang ist schon ein Wert an sich und keine bloße Krücke auf dem Weg zum abstrahierenden aktiveren Kammermusikhören. Ich kann schon verstehen, dass man davon süchtig wird und dabei bleibt. :beatnik: Umgekehrt können Kammermusiker manchmal auch Instrumentationslegastheniker sein.

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    Original von Kurzstueckmeister


    Einspruch.
    In einem Kammermusiksaal relativ weit vorne sitzend ist ein Streichquartett voll reinsägend verdammt laut!


    Aber die billigen Plätze für die Jugendlichen sind ja meist hinten. ;) Man müsste also bei Kammermusik das Preisgefüge genau umdrehen, dann klappt es auch mit dem Kammermusiknachwuchs... :hello:

    Warum hat es Kammermusik etwas schwerer als Orchestermusik? Ich sehe da vor allem zwei Gründe:


    1) Kammermusik ist traditionell vor allem für Leute gedacht, die mitmusizieren - physisch oder auch bloß innerlich. Wie jedes Musizieren muss man auch dieses Mitmusizieren erst einmal lernen - ein Instrument kann dabei eine hilfreiche Krücke sein. Ich habe z.B. Streichquartette früher ziemlich ätzend gefunden - erst als ich mitspielen durfte, ergab das Gekratze für mich plötzlich einen Sinn. Ich bewundere deswegen die Leistung von Hörern, die sich auch ohne Instrument einen Zugang zu Kammermusik erschließen. Aber ob mit Instrument oder ohne: das Ganze braucht Zeit und Konzentration.


    2) Der Körper hört mit. Und da ist Orchestermusik einfach beeindruckender - man kann sich dem von allen Seiten auf einen einwirkenden Schall einfach nicht entziehen, während man bei der Kammermusik selten so dicht am Geschehen sitzt, dass ein vergleichbarer Effekt einträte. Früher mochte ich den Streichquartettsound auch deswegen nicht, weil mir unbewusst der Kontrabass fehlte, der einen so schön mit tiefen Frequenzen massiert.


    Mit Punkt zwei hängt noch ein weiterer Aspekt zusammen. Danach gefragt, wie man junge Leute an klassische Musik heranführen solle, antwortete der Dirigent Esa Pekka Salonen "Play them good loud music". Jüngere Menschen (Ausnahmen bestätigen die Regel) möchten auch lautstärkemäßig gerne ihre Grenzen austesten. Das geht mit Orchester- und Opernmusik besser als mit Kammermusik.

    Lieber Edwin Baumgartner,


    klar bin ich Idealist - ich glaube, deswegen reden wir auch ein wenig aneinander vorbei. Ich glaube nämlich, dass man die Frage, wie man Opern aus der Versenkung holt, nur idealistisch angehen kann.



    Und was ist mit Poppea und Il Ritorno d'Ulysse? Was ist mit dem gesamten Cavalli? Wie steht es mit Truhenorgeln und Theorben? Ich habe meinen Harnoncourt gerade verliehen, sonst würde ich auch noch zitieren, was der mal über den völlig anderen Klangeindruck von Naturhörnern, barocken Trompeten, Darmsaiten, barocken Flöten und Oben etc. gesagt hat...


    Du siehst, ich bleibe unverbesserlich...
    :hello:

    Wunderschöne Klassik-CDs für Kinder und klassikbegeisterte Eltern gibt es bei der Edition Seeigel, der Reihe, in der diese CD erschienen ist:




    Einfach gut erzählte Märchen mit vielen zur Stimmung passenden Kammermusikperlen: Bei Zwerg Nase unter anderem von Theodor Kirchner und Alexander Glasunow. Andere Märchen-Klassiker mit unbekannten musikalischen Preziosen in der Reihe: Allerleirauh, Das häßliche Entlein, Kalif Storch, Des Kaisers neue Kleider, Jorinde und Joringel. Nicht ganz so toll finde ich das von der Herausgeberin neu gedichtete Märchen Wunder mit Huhn, aber natürlich ist es auch schwer, gegenüber den Gebrüder Grimm, Perrault, Andersen, Hauff und Co. zu bestehen.


    Toll finde ich, dass diese Art der Klassikpräsentation ganz ohne Erklärungen auskommt - die Kinder (und Erwachsenen) bekommen eine packende Geschichte erzählt und können ein emotionales Verhältnis zu klassischer Musik in ihrer ganzen Bandbreite aufbauen - egal, ob es sich um bekannte Komponisten wie Mozart oder Unbekannte wie Kirchner handelt. Das macht Lust aufs Selber entdecken. Viele andere Kinderklassikangebote sind leider viel zu sehr bemüht, die Viten der großen Musikheiligen nachzuerzählen, oder Bildungsmüll zu Sonatenformen etc. abzuladen :kotz:, was vielleicht gar nicht so wichtig ist.
    Einer der wenigen, die wirklich spannend etwas über MUSIK erzählen konnten, war Leonard Bernstein 8) (allerdings eher was für Kinder ab acht).

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    Original von Amateur
    In der letzten Zeit schätzte er hoch: Fux, Caldara, Händel, Keiser, Hasse, beide Brüder Graun, Telemann, Zelenka, Benda und überhaupt alles, was in Berlin und Dresden besonders zu schätzen war.


    Drauf gekommen? Der Kleinmeisterfan ist Johann Sebastian Bach! :jubel:


    Händels Vorlieben haben mich ebenfalls überrascht. Er schätzte Rameau! :yes:


    Erstaunlich, wie wenig die Empfehlungen zweier derartigen Giganten gelten! :no:

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    Original von Edwin Baumgartner
    Hallo Amateur,
    überschätzt Du nicht die Wirksamkeit eines neuen Instrumentariums?


    Lieber Edwin Baumgartner,


    das mag schon sein. Ich glaube aber, dass die heutigen Komponisten die Neugier des Publikums auf Effekte wie das Kratzen auf der höchsten Geigensaite, das Spielen auf Trompetenmundstücken ohne Trompete etc. noch mehr überschätzen. ;)


    Wie groß die Rolle ist, die ein neues Instrumentarium bei der Entdeckung und Popularisierung unbekannten Repertoires spielen kann, das kann man doch an der Alte-Musik-Bewegung sehen.Streicher mit Darmsaiten und historischen Bögen, Gamben, Theorben, Zinke, Chalumeaus, Cembali etc. sind zwar nicht neu, aber sie sind dem Publikum neu - und es fährt auf diese neuen Klänge zum Teil ziemlich ab.


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    Abgesehen davon: Es gibt ja die Stücke mit "neuem" Instrumentarium - [...]
    Was es gebracht hat, ist ebenfalls klar: Die Werke werden kaum gespielt, weil die Opernorchester Substitute verpflichten müssen, um diese Besetzungen aufbringen zu können.


    Genau das beklage ich ja: Die Opernhäuser müssen, wenn tatsächlich mal etwas Neues passiert (egal, ob in der Alten Musik oder der Neuen Musik) für teures Geld Substitute verpflichten - und tun das meist nicht. Und warum nicht? Weil sie nicht flexibel genug sind und tief in ihrem Herzen am liebsten weiterhin 19. Jahrhundert spielen wollen. Wenn wir uns fragen, warum so wenige Stücke eine Chance au einen Platz im Repertoire haben, dann müsste man hier nach einer Antwort suchen.


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    Andererseits zeigt sich, daß das Standard-Sinfonieorchester sowohl zu "neuen" Klängen fähig als auch eine Garantie für die leichtere Spielbarkeit des Werkes ist. Es wäre also von einem Komponisten kurzsichtig, aus Gründen des Justament-ungewöhnlich-Besetzens seinem Werk jede Zukunftschance von vorneherein zu rauben.


    Oder genau umgekehrt: Es wäre von einem Opernhaus kurzsichtig, aus Gründen des Justament-Standard-Besetzens neuen/vergessenen Werken jede Zukunftschance von vornherein zu rauben!


    Mein Gott - ich fange schon wieder an, mich zu echauffieren - aber egal, dafür ist die Oper ja auch da ;)


    Viele Grüße


    Amateur

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    Original von Johannes Roehl
    Es ist kein Zufall, dass die meisten weniger bekannten Komponisten erst durch die "wilderen" HIP-Formationen in den Blickpunkt gerückt sind, obwohl es schon in den 70er gut gemeinte Einspielungen von Kammerorchestern (zB Leppard) gab. Man sollte sich nichts vormachen, ein gut Teil dieser Musik profitiert von kontrastreichen, "ruppigen" Interpretationen (ein anderer wird durch solche überhaupt erst erträglich :D).



    Er würde aber noch viel mehr von einer Interpretation profitieren, die weder ruppig noch gut gemeint langweilig à la Leppard ist. Hier ist noch ein riesiges Feld zu beackern. Beispiel Hasse: Wunderbar fetzige Einspielungen gibt es von dem ja mittlerweile zuhauf. Aber hat jemand von Euch hier schon einmal eine Hasse-Oper so gehört, dass er sich vorstellen könnte, dass man davon früher zu Tränen gerührt wurde? Ich nicht. Aber ich bin sicher: es ist möglich!

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    Original von beckmesser Ich denke, Mozart ist über 200 Jahre lang auf dem Spielplan geblieben, weil zumindest seine späteren Werke eben keine Musik des 18. Jahrhunderts mehr waren oder zumindest auch im Sinne des 19. interpretiert werden konnten. Ein Rosetti dagegen ist fest im 18. Jahrhundert verwurzelt. Mit wachsendem Interesse an "alter Musik" finden natürlich auch Mozarts Zeitgenossen mehr Beachtung, das finde ich nicht verwunderlich.



    Nicht nur Mozart hat Werke geschrieben, die auf die Zukunft vorauswiesen, sondern gerade auch viele seiner Zeitgenossen. Einige von ihnen waren dabei in Einzelzügen sogar viel radikaler :evil: : Der viel zitierte Kraus gehört dazu, aber auch der frühe Vanhal (der sich übrigens noch vor Mozart als freier Musiker in Wien betätigte und sogar Erfolg damit hatte :P), Carl Philipp Emanuel Bach oder Gluck. Etwas ganz Ähnliches ereignete sich in der Literatur: Dort ging der Klassik sowohl eine Phase des Sturm und Drang als auch der Frühromantik voraus. Als alleinige Grundlage für das sich entwickelnde bürgerliche Musikleben im 19. Jahrhundert waren diese radikalen Experimente aber wohl nicht geeignet. Mozart und Haydn haben es geschafft, ganz viele der unterschiedlichsten radikalen Ansätze so in ihre Musiksprache zu integrieren, dass das Ganze dabei nicht auseinanderfliegt - das macht ihre Größe aus. :angel: Trotzdem ist bei diesem Prozess auch etwas verloren gegangen: Auf dem Weg von C.P.E. Bach zum Expressionismus ist Mozart ein Umweg. :stumm:




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    Original von beckmesser
    Welche Werke von Zeitgenossen sind denn mit Mozarts Requiem vergleichbar?


    Zum Beispiel das Requiem in c-moll von Michael Haydn. Da hat Mozart wenigstens ein paar Ideen für sein Requiem her.
    :pfeif:

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    Original von KurzstueckmeisterDas kann ich nicht nachvollziehen. Erstens kann man natürlich mit "konventioneller" Besetzung sehr wohl unkonventionelle Musik machen


    Das will ich ja auch gar nicht leugnen - Reimann, Lachenmann, Adams und Ligeti haben jeder auf seine Weise gezeigt, dass man auf der Basis konventioneller Besetzungen einigermaßen gute Opern schreiben kann. Was mich nur so wundert, ist der geringe Wagemut bei der Wahl der Besetzungen im Gegensatz zu der Fülle an Ideen, wie man Instrumenten Töne entlocken kann, für die sie gar nicht konstruiert wurden. :rolleyes: Der Grund ist klar: da man mit festangestellten Musikern eines Symphonieorchesters arbeitet, wäre an Häusern mit Repertoirebetrieb das Experimentieren mit radikal anderen Besetzungen schlicht zu teuer. Mir kommt das Ganze so vor wie ein Theaterbetrieb, der sagt, wir vergeben nur Aufträge an Autoren, die bereit sind, Stücke in der Form einer 5-aktigen Tragödie zu schreiben. Da werden sicher auch interessante Dinge bei rauskommen. Aber ob in solchen Vorgaben dauerhaft die Zukunft des Theaters liegt, wage ich zu bezweifeln.



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    und zweitens habe ich überhaupt noch keine neuen Opern mit der Besetzung des klassischen Symphonieorchesters gehört - ich glaube, Du verwechselst "klassisches Symphonieorchester" mit "modernes Symphonieorchester".


    Ja, das ist missverständlich - ich meinte "klassisch" nicht im Sinne eines Epochenbegriffs, sondern übergreifend im Sinne von "modellhaft geworden".

    Wie abseitig können Threadthemen hier überhaupt sein, dachte ich mir, als ich die Frage las. :rolleyes: Und schon belehrte ich mich selbst eines besseren: Mir fiel nämlich postwendend ein Schlüsselwerk der Operngeschichte ein, an dessen Beginn sich einer der Protagonisten darüber aufregt, dass ihm seine (Trink)schokolade nicht serviert wird. Es handelt sich um Uberto in Pergolesis "La serva padrona". Hoffe, dass Du im Gegensatz zu Uberto mit kakaohaltigem Naschwerk aus der Musikgeschichte alsbald überhäuft wirst :hello:

    Hallo Ulli,


    alle Vergleiche hinken, aber dem Phänomen, das Du beschreibst, kommt man vielleicht näher, wenn man einen Vergleich zur Sprache bemüht. Ich probier's einfach mal. Also: Mozart ist ein Komponist, der viele unterscheidliche Einflüsse seiner Zeit in seine musikalische Sprache aufgenommen hat - er hat sozusagen aus vielen Dialekten seiner Zeit eine Hochsprache gemacht. Oder anders ausgedrückt: Da seine Musik zum Modell für spätere Generationen wurde, ist Mozarts Musiksprache wie eine Hochsprache behandelt worden. Irgendwann hat man dann geglaubt, nur die Hochsprache zähle und die Dialekte wären minderwertig - man vernachlässigte sie und verlernte sie dabei auch. Dadurch wurden alle Vorurteile die sich gegen die übrigen, zunehmend in Vergessenheit geratenden Komponisten ansammelten, in einem Teufelskreis fortlaufend weiter bestätigt: X Denn bekanntlich klingen Texte in Dialekten, wenn sie von jemandem vorgetragen werden, der nur Hochdeutsch gelernt hat, ziemlich flach und peinlich. Und genau so ist es auch mit musikalischen Dialekten! Inzwischen hat man aber begonnen, sich wieder für Dialekte zu interessieren und auch begriffen, dass man manche Dinge nur im Dialekt ausdrücken kann :) Es gibt sogar Leute (mich zum Beispiel), die meinen, dass manche Menschen im Dialekt so interessante Sachen gesagt haben, dass es sich allein dafür lohnt, den Dialekt zu lernen.


    Du sagst

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    Viele Interpretationen von z.B. Werken von Kraus, Martín y Soler usw. werden dem "Mozartstil" angeglichen und erklingen gleich sehr viel wertvoller.


    Genau das glaube ich nicht. Vielleichst hast Du Mozart schon so zum Heiligen erhoben, dass eine intensive Interpretation für DIch schon automatisch "Mozartstil" ist. Aber die guten Interpreten von Kraus' Werken versuchen nach meiner bescheidenen Meinung :untertauch: gerade nicht, Kraus wie Mozart zu spielen, weil daraus in den meisten Fällen minderwertiger Mozart statt genialer Kraus entstünde. Ein guter Kraus-Interpret wird Kraus vielmehr von seinen Vorbildern her zu verstehen suchen: Gluck, Carl Philipp Emanuel Bach (auch wenn Kraus das so nicht zugegeben hätte), Holzbauer etc.


    Aber natürlich ist auch Mozarts Sprache nicht von Dialekten frei und besonders manche seiner frühen Werke klingen interessanter, wenn man bei der Interpretation diese Dialekte herausarbeitet. Idomeneo zum Beispiel wirkt am besten, wenn man ihn wie eine sehr sehr gute Gluck-Oper spielt statt wie ein noch nicht ausgereiftes Mozart/Da-Ponte-Werk.


    Mit dem Phänomen, das Du so beschreibst

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    Mozarts Werke werden leicht verrotzt dargeboten und so auf eine ebene mit seinen Zeitgenossen gestellt.


    hat das allerdings nicht zu tun.


    Verrotzte Interpretationen sind nochmal ein ganz anderes Phänomen. Man hat entdeckt, dass man sich, wenn man bestimmte Eigenheiten der historischen Aufführungspraxis gnadenlos übertreibt, gut bei einem Publikum anbiedern kann, dem die herkömmliche Art Klassik zu spielen zu langweilig ist. Weil man aber natürlich trotzdem das Stammpublikum nicht ganz vergrätzen wollte, stürzte man sich besonders gerne auf Werke von Komponisten, die noch keiner kannte, verjazzte sie, spielte sie rauh und unangepasst :pfeif:Ein wenig verdankt sich der Erfolg von Concerto Köln diesem Trick, obwohl sie damit auch wiederum dazu beigetragen haben, manchen Unbekannten erst so bekannt zu machen, dass er jetzt auch von weniger extremen Interpreten gespielt wird.


    Das meint jedenfalls - ohne zu wissen, ob er Recht hat - der


    Amateur

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    Auf eine kontroverse Diskussion freut sich
    Euer
    GalloNero


    Hallo GalloNero,


    leider keine Kontroverse- Du hast einfach Recht. :P Was Aggressivität betrifft, hat Mozart am Beispiel des zornigen Osmin ja mal selbst gesagt, dass die Musik trotz des höchsten Zorns, in den sich diese Figur hineinsteigert, nie das Ohr verletzen und "immer noch Musik bleiben" solle (aus Gedächtnis zitiert). Nun gibt es zwar auch aggressive Klassik: die Egmont-Ouvertüre, überhaupt alles Militaristische bei Beethoven, :angry: die Hinrichtungsszene in Berlioz Symphonie Phantastique etc. Zu der hübschen Melodie "Ca ira" wurden in der französischen Revolution Menschen an die Laternen geknüpft, Aubers "Stumme von Portici" löste sogar in Belgien die Revolution aus 8o. Aber die Hörgewohnheiten haben sich verändert: Als man in der Sowjetunion gegen Gorbatschow putschte, wurde sofort Klassik im Programm gesendet, um das Volk zu beruhigen. Der Grund für die geringere aggressive Wirkung der klassischen Musik liegt zum Teil in der Musik selbst, zum Teil aber auch in unseren Hörgewohnheiten: die Aggressivität einer Jagdmusik oder eines musikalischen Schachtengemäldes können wir kaum beurteilen, weil uns die Erfahrungen fehlen.


    Zu Punkt 2: Coolness trifft es einfach besser als Gelassenheit, auch wenn (oder gerade weil) das Wort ein Anglizismus ist. Vollständig cool ist man nur dann, wenn man zeigt, dass man ganz im Hier und Jetzt lebt - und das kann man mit historisch gewordener Musik allein einfach nicht. Ausnahmesituationen bestätigen allerdings die Regel: Wir sollten im Musikunterricht mal unsere Lieblingsstücke mitbringen. Natürlich haben alle Pop mitgebracht und dann gleich versucht, die Stücke gegenseitig schlecht zu machen. Bei mir haben alle schon vorher gestöhnt :rolleyes:, aber ich hatte Offenbachs Can Can mitgebracht :evil:und zu dem tanzten dann die Mädchen dann sogar auf dem Tisch. :baeh01:Aber solche Triumphe sind echt selten...

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    Hallo A... (ihr habt seltsame Namen),


    da muss ich allein schon deshalb antworten, weil ich das Bild von deinem
    Avatar (es ist doch Friedrich der Große, oder?) letztens in Berlin gesehen habe.


    Hallo Thomas,


    eh bien, da hat Er recht, das Avatar zeigt Fritze Groß. Der identifzierte sich übrigens, soviel ich weiß, mit Montezuma: dem tragischen Helden und aufgeklärten Herrscher aus Grauns gleichnamiger Oper, zu der Friedrich selbst das Libretto schrieb. Cortez, der da auch mitsingt, wollte er auf keinen Fall sein. :kotz: Mit wessen Operncharakter man Friedrich am besten vergleichen kann, wer er wirklich war, weiß ich leider nicht. Jetzt ist er jedenfalls erst einmal mein Avatar... :)


    Viele Grüße


    Amateur

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    Original von Kurzstueckmeister
    Ich HASSE die permantente Bachverwüstung.
    Bach bekommt dauernd irgendwelche stilfremden Heiligenscheine umgehängt und die "Interpreten" versuchen mittels Bachmissbrauch ihren persönlichen Stil/Sound oder weiß der Teufel was, aufzuwerten.
    :kotz:


    Das Resultat ist, dass man zwar dauernd Bach hört, aber nie Bach.
    :angry:



    Mit Vivaldi wird das auch gemacht - aber da findet es niemand schlimm... :)

    Eines der ältesten Wein-Kunstlieder von erlesener Qualität ist natürlich Guillaume Dufays (ca. 1400 - 1474) Abschied an die Weine des Lanois (Gegend um Laon.)


    Adieu ces bons vins de Lannois
    adieu dames adieu bourgois
    adieu celle que tant amoye.
    Adieu toute plaisante joye.
    Adieu tous compaignons galois.


    Heißt sehr ungefähr so viel wie:


    Adieu ihr guten Weine aus der Gegend von Laon, adieu edle Damen, Adieu edle Herren, adieu jene, die ich so liebte. Adieu all ihr angenehmen Freuden, adieu ihr meine gallischen Freunde.


    Wenn mir jemand einen guten Laonischen ?( Wein empfehlen kann, wäre ich übrigens dankbar, denn leider bin ich kein Weinkenner.


    Wo ich gerade dabei bin: hier ist noch ein sehr schönes französisches Trinklied aus dem 18. Jahrhundert, veröffentlicht in einer Sammlung mit Stücken von C.P.E. Bach und diversen Bachschülern. Die Emoticons ersetzen die Melodie nicht ganz, aber sie tun was sie können:


    Les Rois d'Egypte et de Syrie :jubel:
    voulaient qu'on embaumat leurs corps,8o
    Pour durer plus longtemps morts:
    Quelle follie! :hahahaha:
    Avant que de nos corps
    Notre ame soit partie, :(
    Avec du vin embaumons nous. :] ;)
    Que ce baume est doux! :rolleyes:
    Embaumons nous, :hello:
    Pour durer plus longtemps en vie. :angel:


    (Die Könige von Ägypten und Syrien
    verlangten, dass man ihre Körper einbalsamieren solle,
    damit sie länger tot erhalten bleiben möchten:
    Welche Torheit!
    Bevor unseren Körpern
    die Seelen entweichen,
    balsamieren wir uns mit Wein ein.
    Ach, wie dieser Balsam köstlich ist!
    Balsamieren wir uns ein,
    um länger am leben erhalten zu bleiben.)

    Ein vielseitig einsetzbares Trinklied schrieb Johann Hermann Schein:


    Ihr Brüder lieben Brüder mein
    lasst uns heut recht fein lustig sein.
    Lirili, lirili, liri liri liri rum.
    Ham wir doch auserlesnen Wein
    den bring ich dir mein Brüderlein.
    Lirili, lirili, liri liri liri rum.


    Ihr seid aber keine Weintrinker? Kein Problem, Dank der praktischen Alternativzeile:


    Ham wir durch auserlesnes Bier,
    mein Brüderlein, das bring ich Dir!
    Liri li (etc.)


    Für die Bionade, die ich grade schlürfe, gibt's noch kein Trinklied - wäre vielleicht eine Aufgabe für die Aktiven im Komponistenforum. :hello:

    Ein Komponist, der auch nur ein einziges erstklassiges Werk schreibt, ist ein erstklassiger Komponist. Die Zahl der Versuche, die er zum Erreichen seines Ziels braucht, ist zweitrangig, schließlich geht es hier um Kunst und nicht um Sport.


    (Ich habe große Probleme mit Ranglisten, schließlich ist Musik wie alle Kunst in allererster Linie Kommunikation und Kommunikation ist etwas, was man erst einmal verstehen und nicht bewerten sollte)


    Übrigens würde ich in meiner Behauptung noch einen Schritt weiter gehen: es gibt sogar erstklassige Komponisten, die kein einziges "erstklassiges" Werk geschrieben haben. (Erstklassig im Sinne eines durchgängig durch die Zeiten und Kulturen anerkannten Werks). Es sind jene genialen Köpfe, ohne deren Anregungen die "Großen" nicht das geworden wären, was sie sind. Ohne die Begegnung mit Myslivecek wäre Mozart zwar immer noch gut, aber ein bisschen fade und Händel hat viele erstklassige Einfälle von Telemann, Keiser, Muffat und Mattheson bloß erstklassig verarbeitet.

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    Original von der Lullist
    Marc Antoine Charpentier sang ausschließlich in dieser Tonlage ;)


    in vielen italienischen Opern des 17. Jahrhunderts sind diese Countertenöre sehr oft eingesetzt worden, bzw. sollten die Sänger dieses Fach auch beherrschen.
    Man beachte z.B. "La Calisto" von Cavalli........


    im Übrigen ist ohne die "Originalklangbewegung" ein riesiges Repertoire nicht mehr aufführbar.



    Leider singen sehr sehr viele berühmte Countertenöre gerade nicht das Repertoire , das für sie geschrieben wurde, sondern das Repertoire der KASTRATEN. Es gibt x Alben, auf denen Countertenöre wegen des größeren Marketingeffektes in die Rollen von berühmte Kastraten schlüpfen, aber NICHT EIN EINZIGES Porträt eines berühmten historischen Countertenors (dabei gab es einige, etwa Purcell oder, wie ich eben erfahre, auch Charpentier). Andreas Scholl ist einer der ganz wenigen Countertenöre, denen man virtuose Kastratenpartien abnehmen kann, am besten finde ich ihn aber immer noch bei intimeren Stücken wie den englischen Lautenliedern.

    Zitat


    Außerdem herrscht heute weitgehend die Einstellung, wenn man schon ein zeitgenössisches Werk macht, dann muß es entweder eine Uraufführung sein oder zumindest eine echte Ausgrabung. Uraufführungen anderer Häuser spielt man nicht so sehr gerne nach.


    Genau hierin liegt das Glaubwürdigkeitsproblem zeitgenössischer Opern. Denn warum haut man lieber eine Uraufführung nach der anderen raus, als auf ein bereits beim Publikum bewährtes neues Stück zu setzen? Wegen des Feuilletons! :evil: Mit einer Uraufführung hat man dessen Aufmerksamkeit ziemlich sicher und dann hat man auch die Chance, die paar Folgeaufführungen voll zu kriegen. Somit hat man dann bewiesen, dass man sich um das zeitgenössische Repertoire kümmere und kann sich im Alltag wieder schön um Verdi, Wagner Mozart und Strauss kümmern. :pfeif: Um den Beweis, dass zeitgenössische Musik den Hörern etwas sagt (was nur geht, wenn das Stück die Feuertaufe der Wiederaufnahme vor Abonnementspublikum bestanden hat) kann man sich da schön drücken. Was mich betrifft, habe ich diese Lebenslügen der großen staatlichen Opernhäuser satt. X( Die sollen das Repertoire spielen, für das ihre Strukturen erfunden wurden: nämlich 19. Jahrhundert bis beginnendes 20. Jahrhundert. Wenn man unbekanntem Repertoire - sei es Modernes oder Altes, eine Chance geben will, dann muss man bereit sein, dafür auch passende Strukturen zu entwickeln. Neue Opern sind nämlich oft auch deswegen so schlecht, weil sie ständig auf die völlig ungeeigneten Strukturen der Häuser Rücksicht nehmen müssen. Neu soll die Musik der Oper sein, aber bitteschön auf der Basis der Besetzung eines klassischen Symphonieorchesters. Es ist zwar erlaubt, Geigen mit Radiergummis zu streichen und die Bläser bloß auf ihren Mundstücken tuten zu lassen, aber wirklich neue Besetzungen wie etwa eine Sektion von 10 Saxophonen und keine Geigen sind nicht drin. Wie soll bei solchen selbst auferlegten Denkverboten etwas "zukunftsfähiges" Neues entstehen?

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    Original von Padre


    Welche Motive hatten die Fälscher?


    Am häufigsten sind mir bisher Fälscher begegnet, die Stile nachahmen konnten und die es reizte, ihr Können vor Publikum zu testen (dies war bei Fritz Kreisler und wohl auch Siegfried Ochs, der durch scherzhafte Stilparodien wie die "Metamorphosen eines Gassenhauers" bekannt geworden ist, der Fall).

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    Original von Edwin Baumgartner
    Ich erinnere mich an eine Klaviersonate "von" Joseph Haydn; ein bedeutender Pianist (ich glaube, es war Paul Badura-Skoda, aber da bin ich mir nicht sicher) reiste um die ganze Welt mit diesem Stück im Gepäck, um die "Neuentdeckung" allenthalben vorzustellen. Dann kam heraus, dass dieses Werk gefälscht war - und das vor gar nicht allzu langer Zeit. Der Fälscher hatte einfach Haydns Stil perfekt imitiert. Auch der Pianist war ein Opfer - er war auf den Fälscher hereingefallen.


    Es handelte sich nicht nur um eine Sonate, sondern gleich um sechs, nämlich die Sonaten Hob.XVI 2 a bis Hob XVI 2 g. Die Sonaten sind verschollen, aber die Anfänge waren bekannt, weil Haydn oder einer seiner Mitarbeiter sie in einem Werkverzeichnis notiert hatte. 1993 oder 1994 meldete sich ein Herr bei Badura-Skoda, der vorgab, eben diese Sonaten vollständig bei einer alten Dame auf dem Dachboden gefunden zu haben. :pfeif:


    Badura-Skoda hat die Sonaten, die pfiffiger Weise im Sturm- und Drang-Stil geschrieben sind, recht hübsch bei Koch/Schwann auf dem Hammerklavier eingespielt...


    Hallo Taminiens und Taminiennes,


    als Vokabel sind sie jedem bekannt, aber gibt es sie überhaupt noch: die Claque?


    Mich würde interessieren: Habt Ihr Erfahrungen mit Claqueren? Wer macht so etwas? Wie viele Claquere rechnet man auf 100 Zuhörer? Sind erfahrene Claquere heute überhaupt noch zu bekommen und mit welcher Gage muss man rechnen? Ist das Ausüben dieses Berufs am Ende sogar strafbar? :stumm:


    Viele Grüße


    Amateur

    Bach hat eine größere Todesnähe. Das macht seine Tiefe aus. Seine Musik ist die einzige Barockmusik, die ich hören mag, wenn ich eigentlich keine Lust habe, Musik zu hören. Aber lieben kann ich nur Händel. Seine Musik verkörpert eine tiefe Liebe zum Leben.