Beiträge von Norbert

    Ich höre gerade eine Neuerwerbung:



    und zwar zum zweiten Mal. Beim ersten Durchhören empfand ich den Kopfsatz als ein wenig zu "kultiviert", ausgewogen, während mir die anderen Sätze ausnahmslos hervorragend gefielen.


    Jetzt gerade wünsche ich mir immer noch ein wenig mehr "brutale Rasanz" eines Yuri Ahronovitch (RSO Stuttgart), der mit 24:29 ca. 2 1/2 Minuten schneller ist als Jansons (27:03), bin aber sehr angetan vom Detailreichtum der Interpretation im ersten Satz.

    Bertaridos Begeisterung ist nachvollziehbar. Unterm Strich ist das eine fantastische Aufnahme.


    Solti näherte sich diesem Riesenwerk mit relativ zügigen, aber stets passenden, Tempi. Besonders der erste und der letzte Satz erklingen schneller als gewohnt, aber trotz 20:44 im Schlusssatz bleibt der Satzcharakter "Langsam. Ruhevoll. Empfunden" eindeutig gewahrt.


    Die Tonqualität ist für eine frühe Digitalaufnahme (November 1982) herausragend gut, die Orchesterleistung lässt, ebenso wie die Gesangsleistung der Chöre, keine Wünsche offen. Bei Helga Dernesch kann man vielleicht hier und dort ein leichtes Vibrato in der Stimme monieren, aber das ist lediglich Geschmackssache und für mich zu vernachlässigen angesichts des text- und werkdienlichen Vortrags. Weiterhin empfinde ich beckmesserisch die Stellen mit den Posthorn als ein wenig zu direkt und zu sehr in den Orchesterklang eingebettet, die "Mystik", hervorragend in der Audite-Kubelik-Aufnahme eingefangen, fehlt mir ein wenig, aber das sind für mich lediglich "Abzüge in der B-Note" und schmälern nicht den Ausnahmerang dieser Einspielung.


    Die Tempi: 30:45, 9:48, 16:50, 9:58, 4:12 und 20:44.

    Lieber Nemorino,


    die Wiederholung wird recht häufig weggelassen, auch von Dirigenten, die die Wiederholung der Exposition beachten. Sie verlängert die Spielzeit des Scherzos um ca. eine Minute und ist für mich verzichtbar.


    Zum ersten Mal bin ich übrigens auf die Wiederholung in der EMI-Aufnahme mit Otto Klemperer von 1957 aufmerksam geworden. Das hatte mich seinerzeit sehr erstaunt, weil Klemperer längst nicht alle Wiederholungen spielen ließ (z.B. bei der 3. oder 7. Sinfonie).

    Beide Editionen sind identisch; es handelt sich um Studioaufnahmen aus der Mitte der 1980er Jahre. Warum gerade diese? Erstens sind es Digitalaufnahmen, die klangtechnisch bestens geraten sind, zweitens bringt Wand sämtliche Wiederholungen (was längst nicht alle Dirigenten tun), drittens sind es nach meinem Empfinden Aufnahmen der "goldenen Mitte", was aber keineswegs mit Mittelmaß zu verwechseln ist.

    Lieber Nemorino,


    um mal kurz ein Haar zu spalten (;) ) Das stimmt nicht ganz. Eine Wiederholung im Mittelteil des Scherzos der 9. Sinfonie wird nicht gespielt. Allerdings ist das zu verschmerzen in der Beurteilung der zweifelsfrei sehr hohen musikalischen Qualität der Aufnahmen.

    Angeregt durch die kurze Diskussion höre ich das erste Mal seit Ewigkeiten wieder diese CD und kann ihr im ersten Satz (der gerade verklingt) eine zufriedenstellende Klangqualität attestieren. Interpretatorisch überzeugt mich das der Satzbezeichung angemessene Tempo , der ästhetische, aber nicht "glatte" Klang und die "majestätische" Grundhaltung des Satzes gegenüber. Es ist zu spüren und hören, dass es sich bei der 9. um eine "große Sinfonie" handelt.

    Auch wenn du es inzwischen selbst weißt (und wahrscheinlich die Aufnahme auch schon gehört haben wirst), sei angemerkt, dass ich diesen Konzertmitschnitt für Karajans mit Abstand gelungenste Stereo-Aufnahme der 9. Sinfonie halte. Im Beiheft der Edition "Im Takt der Zeit", zu der diese Aufnahme gehört, wird sie als "Ode an die Schönheit" bezeichnet. Ein treffender Titel, wie ich finde. Es ist eine sehr klangästhetische Aufnahme, die allerdings nicht zu verwechseln ist mit dem "Karajanschen Schönklang", also einer übertriebenen Glättung.


    Die Solisten waren seinerzeit: Gundula Janowitz, Sieglinde Wagner, Luigi Alva und Otto Wiener. Die Zeitmaße betrugen: 15:06, 10:14 (ohne Wiederholung der Exposition), 15:59 und 24:07.

    Würzburgs Proto-Beethoven

    Der Sterkel ist wahrlich eine großartige Entdeckung. Da versteht man Beethovens Begeisterung (will ja was heißen). 1750 in Würzburg geboren, liegt er genau zwischen Haydn und Beethoven, aber irgendwie finde ich, dass er auf mich eher wie ein Proto-Beethoven denn ein Haydn-Epigone wirkt. Da lodert ein revolutionäres Feuer, das deutlich in die Zukunft verweist. Die Symphonie op. 35 liegt hier ja doppelt vor, wobei mir die erste Fassung noch besser gefällt: richtig großorchestral auftrumpfend. Für ein Werk von vermutlich 1792 ist das schon Wahnsinn. Sehr gut auch die inkludierte Ouvertüre aus seiner Spätzeit (vermutlich etwa 1814). Bitte mehr davon! Es gibt noch einige Symphonien und eine Ouvertüre mehr von Sterkel.

    Lieber Joseph,


    ich finde, Sterkels Musik hat gar nichts epigonenhaftes. Den Vergleich zu Haydn hatte ich nur deswegen gewählt, um zu beschreiben, wie man sich in etwa seine Kompositionen vorstellen kann.

    Ich bin sehr angetan von der Frische des Musizierens und von der Klarheit und Brillanz der Instrumentierung und wünsche mir ebenfalls, dass noch mehr Werke von ihm eingespielt werden. Viel ist ja nicht erhältlich.


    Gerade gestern habe ich mir diese CD bestellt:



    und freue mich ibs. auf das noch unbekannte Klavierkonzert.

    Zum musikalischen Tagesabschluss:



    Ich sehe gerade, dass ich diese CD seit einem Jahr besitze. Ich habe sie i nder Zeit recht häufig gehört, weil mich die musikalische Qualität vollauf begeistert.


    Wer die späten Sinfonien von Joseph Haydn z.B. mag, der wird mit Johann Franz Xaver Sterkel (1750 - 1817) auch seine Freude haben.

    Natürlich machen zwei Threads für eine Arie keinen Sinn: Deshalb die Bitte an die Moderation, die Threads zusammenzulegen!


    LG Nemorino

    Hallo miteinander,


    ich habe die Threads zusammengelegt, allerdings ist aus den neuen Antworten ein Beitrag geworden, warum auch immer. Es ist also nichts verschwunden, sieht bloß etwas merkwürdig aus.


    Viele Grüße


    Norbert als Moderator

    Hallo musikwanderer :-)

    Zum Thema "Gurre-Lieder": Besorg Dir die alte DGG-Aufnahme von 1965 mit Rafael Kubelik (mit einer grossartigen Inge Borkh und einem viel besseren Tenor - Herbert Schachtschneider)! Das ist für mich immer noch die allerbeste - und ein Stück für meine einsame Insel ohnehin. Auch der Chor und die kleineren Partien sind super besetzt. Ich weiss, diese CD-Wiederveröffentlichung ist schwer zu finden, doch, falls Du sehr daran interessiert bist, schreib mir eine E-Mail (Adresse auf meiner Webseite).

    Lieber Adriano,


    volle Zustimmung zu Kubelik. Zusammen mit der Aufnahme mit Michael Gielen und knapp vor der Einspielung mit Herbert Kegel ist das auch meine favorisierte Aufnahme der Gurre-Leder. Insbesondere Herbert Schachtschneider zuzuhören ist eine reine Freude. Es ist sehr bedauerlich und unverständlich, dass dieser Tenor im (damaligen) Schallplattenmarkt vollkommen unbeachtet blieb. Ich kenne ihn sonst nur noch in der Lohengrin-Aufnahme mit Hans Swarowsky und auch dort liefert er eine hervorragende (Titel-)Partie ab.


    Es wäre an der Zeit, dass die Deutsche Grammophon die Aufnahme in irgend einer Form mal wieder neu veröffentlicht. Gebraucht ist sie allerdings noch erhältlich:


    Dazu auch passend die Produktbeschreibung/Bewerbung bei Klassikakzente:

    Zitat

    Nelsons weiß den volltönenden Klang der Wiener Philharmoniker geschickt zu nutzen. Er federt Beethovens Dramatik weich ab, ohne sie dadurch ihrer Wucht zu berauben. Von den Wiener Philharmonikern sagt Nelsons, dass sie vor dem Hintergrund ihrer Orchestergeschichte instinktiv um die Essenz dessen, was Beethoven ausmacht, wissen, so dass Fragen nach interpretatorischer Authentizität sich erübrigen.

    Die Poesie der gewaltigen Orchesterwerke tritt ungewöhnlich schillernd zum Vorschein. Das gilt für alle Sinfonien des Zyklus, ob für die vorwärtsdrängende dritte oder fünfte, die lyrische sechste, die tänzerische siebte oder die frenetische Neunte. Selten hat man die Schönheit von Beethovens Klangsprache in so feinen Farbschattierungen und so zartfühlend nachempfunden erlebt.

    Lieber Joseph,


    danke für deine ersten Höreindrücke und das Klangbeispiel.


    Was du in deinen ersten Sätzen beschreibst, deckt sich mit meinen Höerfahrungen mit Nelsons, z.B. und ibs. bei Bruckners 3. Sinfonie. Orchestral sehr schön, aber auch "weichgespült", kontrastarm. Bei den anderen Bruckner Sinfonien, die mit Nelsons erhältlich sind, findet er allmählich zu einer eigenen Tonsprache, aber neue Erkenntnisse in der Interpretationsgeschichte der Sinfonien bietet er nicht.


    Das erwarte ich auch gar nicht, weder bei Bruckner, noch bei Beethoven. Was Nelsons meisterhaft beherrscht ist es z.B., leise und langsame Passagen musikalisch stimmungsvoll "aussingen" zu lassen. Nicht umsonst hob ich in meinem vorherigen Beitrag das "Adagio molto e cantabile" von Beethovens 9. hervor. Nelsons Beethoven soll Wärme beinhalten, ohne den Schwung, das Feuer, das Revolutionäre, vermissen zu lassen.


    Zu deiner Aussage: "Der Markt ist einfach völlig übersättigt." Das ist natürlich vollkommen korrekt, aber das war vor 20 Jahren auch nicht anders. Mit der "hip-Welle", die vor ca. 30, 35 Jahren aufkam, konnte Beethoven noch einmal "neu gehört" werden, aber nicht wirklich in allen Belangen "besser". Heute kann man keine wahrhaft neuen Interpretationsansätze mehr erwarten, sehr wohl aber "Thema mit Variation".


    Beethovens Metronomangaben werden inzwischen von vielen Dirigenten beachtet, bilden aber natürlich und zum Glück nicht den alleinigen Interpretationsmaßstab. Von Nelsons erwarte ich keine "Rekordjagd" à la Chailly. Dazu ist er nicht der Dirigententyp.


    Aber z.B., um nur einmal Gesamtaufnahmen aus der allerjüngsten Vergangenheit zu nennen, Herbert Blomstedt und Philippe Jordan zeigen exemplarisch auf, dass es immer noch einen Markt für "guten Beethoven" gibt, zumindest für mich, trotz weit mehr als drei Dutzend "Konkurrenzzyklen".


    Ob Andris Nelsons auch dazu gehört, wird sich zeigen...

    Es scheinen sich tatsächlich etwas widersprüchliche Angaben zu finden, denn hier ist zu lesen:


    Zitat

    In March and April this year he joined the Vienna Philharmonic, the world’s supreme Beethoven orchestra, for a series of concerts including works by the composer in Vienna, Hamburg and Hanover, and for the final recording sessions of their complete symphony cycle at the Vienna Musikverein. Nelsons said it was an honour and a privilege to be invited to perform and record the symphonies with the Vienna Philharmonic.

    Nachtrag: Ich hörte diese CD heute zum zweiten Mal und bin begeistert. Das ist eine Spitzenaufnahme, die sich nicht hinter den "großen Aufnahmen" des Klavierkonzerts zu verstecken braucht..


    Der mir unbekannte John Lill weiß sowohl mit "heldischen Momenten" im ersten Satz zu glänzen, aber auch mit lyrischen im zweiten Satz. Walter Weller und das bestens disponierte Orchester begleiten nicht nur, sondern setzen durchaus eigene Akzente. Zwischen Solisten und Orchester herrscht eine gute musikalische Übereinstimmung. Auch gegen die Klangqualität gibt's nicht den geringsten Einwand.

    Lieber Caruso41,


    ja, das sind Live-Aufnahmen. Ins Studio geht heute aus Kostengründen kaum noch jemand...


    Ich bin gespannt auf die neue Gesamtaufnahme. Ich kenne Nelsons' Interpretation der 9. mit dem Gewandhausorchester von 2018. Beethovens Metronomangaben spielten dort keine große Rolle, dafür gab es einen sehr warmherzigen, "kantablen" Klang mit einem wunderbar ausmusizierten "Adagio molto e cantabile".


    Zu Josephs Frage: Hm, dass Rattle scheinbar oder tatsächlich in Vergessenheit geraten ist, ist in meinen Ohren nachzuvollziehen. In keiner anderen mir bekannten Aufnahme klingen die Wieder Philharmoniker so wenig nach Wiener Philharmoniker wie bei ihm. Thielemann greift mit zu oft dynamisch und tempomäßig in die Musik ein. Offenbar will er Beethoven damit "interessanter" machen, dabei hat Ludwig das gar nicht nötig...


    Schmidt-Isserstedt kenne ich leider nicht in Gänze, Abbado liefert einen "großsinfonischen", eher romantisch angehauchten Beethoven (wie anders klangen doch seine Live-Aufnahmen mit den Berliner Philharmonikern in Santa Cecilia), der z.B. im Finalsatz der 7., mit großartigen Momenten aufwarten kann.


    Qualitativ (und damit die größte Rolle spielend) stelle ich Karl Böhm knapp vor Leonard Bernstein. Im Kopfsatz der 5. übertreibt es mir Bernstein ein wenig mit dem "Schicksal", das "an die Tür klopft". Den stärksten Eindruck hinterließ er bei mir bei der 6. und 9. Sinfonie, wie auch Karl Böhm, bloß letzterer noch überzeugender. Auch bei der "Eroica" hat Karl Böhm mit seinem durchaus jugendlich frischen Zugriff und einem wunderbar "großen" Trauermarsch gegenüber Bernstein die Nase vorn.

    Eigentlich müsste sich derjenige ärgern, der sich die einzelnen CDs zugelegt hat, anstatt sich die zu erwartende, günstige Box zuzulegen, aber da jede einzelne CD den Preis wert war, lasse ich es... ;)


    Auch wenn ich die 9. Sinfonie noch nicht kenne kann ich die Box vorbehaltlos empfehlen, zumal zu dem günstigen Preis.


    Philippe Jordan lässt einen "modernen Beethoven" spielen, das heißt, er nimmt die Metronomangaben ernst, aber er folgt ihnen nicht "sklavisch". Trotz der relativ zügigen Tempi lässt Jordan der Musik "Raum zum atmen". Die Zeitmaße klingen organisch und nicht verhetzt. Das Klangbild folgt der historisch informierten Aufführungspraxis, es wird aber auf modernen Instrumenten gespielt. Die Balance zwischen Streichern und Bläsern ist ausgewogen, und die Wiener Symphoniker folgen ihrem Chefdirigenten engagiert und auf höchstem orchestralen Niveau.


    Jordan, das hat er schon mit seiner Gesamtaufnahme aus Paris bewiesen, hat zu Beethoven "etwas zu sagen". Er ist nicht "nur schnell". Deswegen freue ich mich schon auf die 9. Sinfonie und erfreue mich weiterhin an den anderen acht...

    Der neue musikalische Tag beginnt mit:



    -eine vorzügliche Aufnahme... Mir ist aufgefallen, dass es in den letzten zwölf Jahren etliche hervorragende Neuveröffentlichungen dieses Riesenwerkes gegeben hat. Es seien genannt, in der Hoffnung, niemanden zu vergessen: 2 x Haitink (Chicago, München), Jonathan Nott (Bamberg), Jansons, Adam Fischer (Düsseldorf), Markus Stenz und Francois Xavier Roth (Gürzenich). Ivan Fischer wird sicherlich auch dazu gehören, aber seine Aufnahme besitze ich noch nicht.