Hallo Christian,
zunächst eine Vorbemerkung: Ich bin froh und dankbar, dass abseits der Opern- und Operettenthreads mal etwas Leben ins Forum kommt und ein Thema diskutiert wird, mit dem ich mich schon recht lange beschäftige. Meine Meinung, auch wenn sie sehr bestimmt geäußert wird, möchte ich dabei niemals als absolute Wahrheit verstanden wissen, sondern als Anregung zum gemeinsamen Weiterdiskutieren.
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Original von Caesar73
denn wenn man darüber diskutiert ob man Couperin stilecht auf dem modernen Flügel interpretieren kann, muss man sich bei Rameaus Kompositionen für das Clavecin diese Frage ebeno stellen
Prinzipiell schon, allerdings sollte man dabei nicht beide unkritisch in einen Topf werfen. Im Vergleich zu Couperin erkenne ich bei Rameau eine Tendenz zur Vereinfachung, zur Konzentration auf das Wesentliche und zu weniger üppiger Ornamentik - eine Tendenz, die für mich bei Couperin erst in den letzten Ordres erkennbar ist. Anders formuliert: Die Verzierungen sind nach meinem Empfinden bei Rameau weniger essentiell als bei Couperin. Ist das für Dich nachvollziehbar?
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Es steht außer Frage, dass Rameau und Couperin beide ursprünglich für das Clavecin komponiert haben.
Das einschränkende "ursprünglich" würde ich gerne weglassen wollen - beide haben für das Cembalo komponiert, ohne Wenn und Aber. Der Klang des modernen Flügels war ihnen völlig unbekannt.
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Müssen deswegen aber Interpretationen auf dem modernen Flügel per se minderwertig sein?
Das Wort "minderwertig" gefällt mir hier nicht - es trifft nicht den Kern der Sache. Für mich geht es bei der Bewertung einer Interpretation darum, ob der Wille des Komponisten respektiert wurde. Sowohl Couperin als auch Rameau sind beim Komponieren von den spezifischen klanglichen Möglichkeiten französischer Cembali ausgegangen. Aus welchen Grund sollte man dies einfach missachten und ihre Musik auf einem Instrument spielen, das diese spezifischen Möglichkeiten nicht hat und für das sie nicht komponiert wurde? Um dem "modernen" Hörer entgegenzukommen, dem der Klang des Cembalos fremd ist? Oder gibt es hier möglicherweise tiefergehende Argumente, etwa in der Richtung, dass der Interpret die Musik als vom Klang des Cembalos unabhängig empfindet?
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Selbstverständlich zwingt einen ja niemand, diese Deutungen zu mögen
Es geht hier nicht um Geschmacksfragen, sondern um objektive Kriterien. Eine Interpretation, die ganz bewusst den Willen den Komponisten missachtet und ein anderes als das von ihm vorgesehene Instrument verwendet, würde ich immer zuerst mit einem Fragezeichen versehen und sehr kritisch hinterfragen.
Stell Dir mal als Gegenbeispiel ein typisches Klavierstück auf dem Cembalo vor, meinetwegen ein Nocturne von Chopin. Da würde sofort jeder aufschreien und sagen: Das Cembalo wird dieser Komposition nicht gerecht, Chopin hat sie für Klavier geschrieben! Gleiches gilt aber auch umgekehrt: Das Klavier wird einem Stück von Couperin nicht gerecht, denn er hat es für Cembalo geschrieben. Der Aufschrei dürfte hier allerdings wesentlich verhaltener ausfallen, denn erstens hat nicht jeder das feine Gespür für französische Barockmusik (das erwirbt man sich nur durch jahre- und jahrzehntelange Beschäftigung mit dieser Musik), und zweitens wird oft genug das Cembalo als ein technisch unvollkommener Vorläufer des modernen Klavieres angesehen und nicht als vollwertiges Musikinstrument.
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bloß kann es ja nicht schaden den eigenen Standpunkt an einer Aufnahme Angela Hewitts oder Alexandre Thrarauds zu überprüfen
Ich kenne zumindest Vol. 1 der Couperin-Aufnahmen von Frau Hewitt und finde die Verzierungen dort unerträglich. Mit dem falschen Instrument wird man dieser Musik nicht gerecht, auch wenn man eine so überragende Pianistin wie Angela Hewitt ist.
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Ob man die Aufnahmen auf dem Flügel mag ist Geschmackssache
Ob man etwas mag, ist immer Geschmackssache 
Man kann auch völlig abwegige Interpretationen mögen, das sagt nichts über deren Qualität aus.
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Wenn ich mir die Aufnahmen Rameaus und Couperins von Hewitt und Co anhöre, kann man durchaus den Eindruck gewinnen, dass die Verzierungen sehr wohl auf dem Flügel darstellbar sind
Sie mögen darstellbar sein, klingen aber wegen der im Vergleich zum Cembalo völlig unterschiedlichen klanglichen Eigenschaften für mich einfach nur scheusslich.
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Vielleicht hört sich einer unserer Barock-Spezialisten einfach mal eine Aufnahme von Tharaud oder Hewitt an und berichtet seine Erfahrungen?
Das habe ich längst getan - ich schreibe hier nicht wie der Blinde über die Farbe. Ergebnis siehe oben - zumindest für Couperin.
Ich möchte noch einmal kurz die Standpunkte zusammenfassen: Deiner Meinung nach ist es eine Geschmacksfrage, ob man Couperin auf dem Klavier spielt oder nicht. Es gibt Leute, die lieber Klavier mögen, es gibt Leute, die lieber Cembalo mögen, es gibt Leute, die beides mögen. Meiner Meinung nach ist es eine Frage, ob man den Willen des Komponisten und seine Intentionen respektiert und adäquat umsetzt - dazu gehört auch das richtige, vom Komponisten vorgesehene Instrument, und das hat mit dem Geschmack des Hörers zunächst einmal gar nichts zu tun. Natürlich steht es dem Interpreten frei, von den Vorgaben des Komponisten abzuweichen, aber dann sollte er die Gründe dafür nennen.
Andreas