Beiträge von Walter Krause

    Meine Lieben,


    Vor wenigen Tagen ist die alte DECCA-Aufnahme von 1993 in einer neuen BRILLIANT-Serie zu sehr mäßigem Preis wieder erschienen:




    Vorweg: Das Bemühen, das hier spürbar wird, vom "titanischen" Beethoven wegzukommen und einen mehr klassisch-kultivierten Charakter anzustreben, ist anerkennenswert, kann aber die berühmten älteren Einspielungenvon Furtwängler, Böhm, Pflüger und vielen anderen nicht vergessen machen. Dazu mangelt es doch ein wenig am künstlerischen Vermögen.
    Das gilt nicht für Christoph von Dohnányi und die Wiener Philharmoniker, die sehr diszipliniert und transparent klingen, aber doch mehr konzertmäßig (auf sehr hohem Niveau) anmuten. Und es gilt nicht für den Rocco Kurt Rydls, der für mich das Erlebnis dieser Aufnahme ausmacht. Prächtig bei Stimme gibt er einen intelligenten und aufrechten Kerkermeister, der sich nur ungern den Zwängen beugt und ihnen gern entkommt. Freilich klingt er vollkräftig wie Osmin und scheint keineswegs bald des Grabes Raub zu werden, aber ein gewisser Mozartfaktor scheint vom Dirigenten her nicht unbeabsichtigt. Er hat sich mit Ruth Ziesak als Marzelline auch eine ausgesprochene Mozart-Stimme gewählt, die die Partie recht ansprechend verkörpert. Uwe Heilmann als Jaquino ergänzt mit ausgesprochen intelligenter Gestaltung; seine nicht übermäßig schöne Stimme paßt zu dieser Figur.
    Falk Struckmann und der Chor wissen auch zu gefallen.


    Damit wären die eindeutigen Aktivposten genannt, unter Umständen wäre auch noch Tom Krause als Minister dazuzuzählen. Für mich singt er jedoch eine Spur zu schön und zu wenig dramatisch artikulierend. Ich gebe aber zu, daß mich hier Talvela und andere sehr verwöhnt haben.


    Zwiespältig hingegen muten die Darsteller der beiden Hauptrollen an. Der Florestan Josef Protschkas spricht zunächst zwar sehr durch sein passendes Timbre und seine genaue Artikulation an, kommt aber dann doch ein wenig über seine Grenzen und wirkt einige Male zu forciert (nicht umsonst hat sich Protschka seine lyrische Stimme zu schnell verdorben, offenbar wollte er wie Peter Anders sein, aber der hatte bessere Voraussetzungen).
    Gabriele Schnaut in der Titelrolle gefällt zwar durch fraulich-warmes Timbre, bemühten Gestaltungswillen und Einsatz, aber ihre Stimme ist nicht so flexibel, wie es die Partie erfordert, die Führung zuweilen unsicher. Etwas übertrieben formuliert: Manchmal hat man Angst, ob sie die richtigen Töne erwischt und denkt sich nachher: Knapp vorbei ist auch daneben. Irgendwie kämpft sie mit der eigenen Derbheit. Die Gerechtigkeit fordert aber den Hinweis, daß Schnaut im zweiten Akt besser gefällt und vernünftiger dosiert. Sie wäre mit besserer Technik eine ganz passable Leonore.
    Ähnlich fällt mein Urteil über Hartmut Welker als Pizarro aus. Im Grund hat er die richtige Stimme für diesen Bösling. Warum, zum Kuckuck, brüllt er aber ein paar Mal so unkultiviert los? Das ist peinlich.


    Ein Manko ist auch die Tonmischung. Die Balance zwischen Orchester und Stimmen bzw. den Stimmen untereinander wirkt mehrmals, als ob da jemand das Handwerk erst lernen müßte.


    Wer kein ausgesprochener "Fidelio"-Sammler ist, kann auf diese Einspielung wahrscheinlich verzichten. Für Spezialisten allerdings ist zumindest der Rocco den Kauf wert, Dirigent und die Nebenrollen garantieren solide Leistung, aber unterm Strich ist der Gesamteindruck der einer nicht ausgereiften Wiedergabe.


    LG


    Waldi


    BRILLIANT 2009 (ursprünglich DECCA 1993)



    Christoph von DOHNÁNYI, Wiener Philharmoniker: 4- (solide Vermeidung alles "Titanischen", recht transparent)


    Gabriele SCHNAUT (Leonore): 3+ (solange sie nicht forciert, gefallen Timbre und Engagement; anderserseits teilweise unsichere Stimmführung)


    Josef PROTSCHKA (Florestan): 3,5+ (vom Timbre her eigentlich vorzüglich, neigt aber mitunter auch etwas dazu, zu stark aufzutragen und seine stimmlichen Mittel zu sehr zu strapazieren)


    Hartmut WELKER (Pizarro): 3+ (trifft den Bösewicht gar nicht schlecht, brüllt aber leider wiederholt und unnötigerweise los)


    Kurt RYDL (Rocco): 4+ (herrlich bei Stimme, klingt manchmal zwar mehr nach Osmin, aber intelligente Gestaltung - er lohnt die Anschaffung)


    Ruth ZIESAK (Marzelline): 4- (sehr mozartischer Stimmcharakter, aber recht überzeugend)


    Uwe HEILMANN (Jaquino): 4- (kein sehr schönes Organ, aber sehr passend und sehr klug eingesetzt, auch er zählt zu den Positiva)


    Gesamturteil: 25,5 : 7 = 3,64



    Außer Konkurrenz: Tom Krause (Don Fernando): 3,5+ (mehr Schöngesang als wirkliche Dramatik, immerhin passabel)


    Tonqualität: Teilweise unausgewogene Balance zwischen den Stimmen bzw. den Stimmen und dem Orchester. Ich vermute nicht den Dirigenten, sondern den Toningenieur als Schuldigen. Daher nur 3.


    Eine Aufnahme, die teilweise Interesse weckt, aber gegen die vielen besseren Einspielungen nicht aufkommt.

    + 1703 Eisenach
    Johann Christoph BACH (I), Komponist





    + 1821
    Josephine Gräfin BRUNSWICK DE KOROMPA (siehe oben unter 28.März)




    + 1885 Wiesbaden
    Franz Wilhelm ABT, Komponist




    * 1899 Neu-Isenburg
    Franz VÖLKER, Sänger (Tenor)





    * 1911 Niederjeutz
    Elisabeth GRÜMMER, Sängerin (Sopran)





    + 1968 Tutzing
    Elly NEY, Pianistin und laut entsprechendem Thread offensichtlich Unbelehrbare

    Meine Lieben,


    Empfehlen - und zwar sehr warm - kann ich diese Aufnahme:



    Cover gibts, wie man sieht, nur vom Doppelpack (mit den "Pagliacci"), aber bei BELART ist diese ursprüngliche DECCA-Aufnahme 1999 auch einzeln herausgekommen.


    Tullio Serafin (hier mit der Accademia di Santa Cecilia) ist sowieso Spitzenklasse. Das Feuer seiner Callas-diStefano-Interpretation erreicht er zwar nicht ganz, aber höchste olympische Höhen trotzdem. Sein Sängerteam weist klingende Namen auf:


    Mario del Monaco kann als Turiddu seine edle Kraftprotzerei rollendeckend verwerten (und ich sage dazu: Nur auf Kraft läßt sich diese Stimme wirklich nicht reduzieren!). Trotz di Stefano und anderen: Ich höre hier absoluten Qualitätsverismo in einer gelungenen Mischung von jugendlich-heldischem Gehaben, realistischem Ausdruck (der das Talent zur eleganter Geschmeidigkeit durchhören läßt)und edler Stimmfärbung.
    Giulietta Simionato gibt eine ausgezeichnete Santuzza, der nur der letzte hochdramatische Hauch ein wenig mangelt. Klangfarbe und die lyrisch-dramatischen Passagen empfinde ich wiederholt als nahezu perfekt.
    Überrascht hat mich der junge Cornell McNeil als Alfio; ihm hätte ich diesen Kraftburschen gar nicht so zugetraut. Direkt eine Modellinterpretation ist ihm da gelungen.
    Die übrigen Beteiligten halten mühelos das hohe Niveau. Die aus Uruguay stammende Ana Raquel Satre liefert eine überzeugende Lola, , Mamma Lucia ist durch Anna di Stasio bestens verkörpert und der Chor verdient sich auch volles Lob.


    Einsteigern wie Mascagni-Passionisten ans Herz zu legen!


    LG


    Waldi

    (DECCA 1961)


    BELART 1999


    Diese Aufnahme gab es früher nur zusammen mit den "Pagliacci", von der Einzeledition finde ich kein Cover, daher der ältere:




    Tullio SERAFIN, Orchestra dell'Accademia di Santa Cecilia: 5 (nicht Serafins mitreißendste Wiedergabe dieser Oper, aber mitreißend sind seine Interpretationen immer)


    Giulietta SIMIONATO (Santuzza): 4,5 (das Leidende liegt ihr mehr als der hochdramatische Ausbruch, daher nicht die absolute Höchstnote; aber absolut hörenswert)


    Mario del MONACO (Turiddu): 4,5 (seine leicht derb-auftrumpfende Art paßt hier vorzüglich)


    Cornell McNEIL (Alfio): 4,5 (überraschend, wie der später eher elegante Bariton hier kräftiges Temperament vermittelt)


    Rest (Ana Raquel Satre als Lola, Anna di Stasio als Mamma Lucia): 4,5



    Gesamturteil: 23 : 5 = 4,6



    TQ: 4,5 (eine frühe Stereo-Aufnahme)



    Nicht die beste, aber sicher eine der besten Einspielungen, die derzeit erhältlich sind. Das will bei der starken Konkurrenz schon etwas heißen.

    Meine Lieben,


    Nicht nur weil sie schwer erhältlich ist (ich habe kein Cover meiner Centurion Classics-Edition gefunden), ist die "Walküre", die Rudolf Moralt mit den Wiener Symphonikern konzertant aufgenommen hat, offenbar kaum bekannt. Sie ist aber durchaus beachtlich, etwa über zwei Drittel auch tontechnisch abgesehen von kurzen Auslassern (echt störend nur: der "Bund" fällt einem solchen zum Opfer, Wotan endet mit "Sieglinde's") recht gut (die Auifnahme enstand 1949!), im letzten Drittel dürften die Originalbänder aber schon gelitten haben (denn da wurden die Tonmängel auch schon in einer älteren Rezension beklagt, die sicher nicht auf der Centurion-Kassette beruht).


    Moralt nimmt zunächst recht langsame Tempi und hat manchmal für meinen Geschmack auch ein paar Durchhänger, aber im zweiten und dritten Akt läßt es ganz wunderbar aufspielen und versteht es, sowohl die zarten Nuancen (in der Todesverkündigung) als auch die Dramatik (Wotan und die Walküren) zu erfassen.


    Die Besetzung ist ausgesprochen hochrangig. sehr beeindruckend sind Helena Braun als Brünnhilde und Herbert Alsen als Hunding, ebenso Hilde Konetzni als Sieglinde. Mit kleinem Abstand nenne ich Ferdinand Frantz als Wotan. Rosette Anday singt Fricka und Waltraute recht überzeugend, und auch die anderen Walküren beeindrucken (darunter Esther Réthy, Else Schürhoff, Judith Hellwig u.a.).


    Günter Treptow fällt als Siegmund dagegen etwas ab. Zwar schlägt er sich "hehr" und wacker, aber die Stimme wirkt wiederholt allzu farblos; auch die Artikulation mancher Konsonanten gelingt nicht recht. Bei aller Anerkennung seiner unleugbaren stimmlichen Fähigkeiten (Furtwängler, der damals bei der Aufnahme zuhörte, schnappte ihn sich sofort für seine eigene Einspielung) empfinde ich ihn im Vergleich als passabel bis gut, während die anderen sehr gut bis außerordentlich sind.


    LG


    Waldi

    * 1766 Eisenstadt
    Joseph WEIGL, Komponist und Dirigent





    * 1779 Preßburg (, Pozsony, Bratislava)
    Josephine Gräfin BRUNSWICK DE KOROMPA, Beethovens "Unsterbliche Geliebte"




    * 1871 Erfurt
    Willem MENGELBERG, Dirigent





    * 1903 Eger
    Rudolf SERKIN, Pianist





    * 1942 Colby, KS
    Samuel RAMEY, Sänger (Baßbariton)





    + 1943 Beverly Hills, CA
    Sergej RACHMANINOW, Pianist und Komponist





    * 1947 Nagytétény
    Gyözö LEBLANC, Sänger (Tenor)

    Bei Johann Stamitz kann man das genaue Todesdatum nur rückschließend vermuten. Sicher ist nur, daß er am 30.März begraben wurde.


    * 1870 New York
    Edyth WALKER, Sängerin (Mezzo), war 1895-1903 Mitglied der Wiener Hofoper, debütierte 1908 in Bayreuth, ihre Isolde(!) in Covent Garden wurde als Offenbarung gepriesen.



    (Hier ist sie als Ortrud mit "Entweihte Götter!" zu hören)

    Zitat

    Original von Kurzstueckmeister
    wegen copyright: wenn öffentlich einsehbar, müssen wir wohl in den museen mit der digitalkamera auftauchen und selber fotografieren?


    Selbst dann wäre für eine taminoeske Verwertung das Placet des Museums nötig, weil wir rechtlich nicht als privater Bereich zählen. Ich nehme aber an, beim KHM kriegen wir vielleicht dank Alfreds anzuhoffender Drähte zu der neuen Chefin diese Vergünstigung. Denn ohne Bilder wäre die ganze Idee ja nicht durchführbar. Und mit Rembrandts sind wir in Wien ja ganz gut versorgt.


    LG


    Waldi

    Inzwischen konnte ich von Kosler Nr.2, 3 und 4 genießen. Die Tonqualität scheint mir besser als bei der 1., ich hatte aber keine Gelegenheit, das genau zu vergleichen.
    Die Interpretationen sind ausgezeichnet, unprätentiös und das Gegenteil von effekthascherisch, dabei nie monoton, sondern - fast möchte ich sagen: mit einer gewissen zärtlichen Vorsicht - die vielfältigen Nuancen auskostend und immer authentisch wirkend. Sicher nicht so genialisch wie bei anderen Dirigenten, aber sehr ehrlich und stets das Gefühl auslösend, man gewinnt zu diesen Einspielungen eine lebenslange Freundschaft.


    LG


    Waldi

    Zitat

    Original von Alfred_Schmidt


    Was jedoch an Mozart faszinierend ist, daß er zu jeder Zeit die Balance wahrt, und niemals Ausdruck der Melodie opfert - und auch nicht umgekehrt.


    Natürlich kann ich es auch nicht wirklich ausdrücken, aber das mit der Balance empfinde ich ähnlich. Intellekt und Gefühl halten sich so scheinbar mühelos die Waage. Intuition und handwerkliche Perfektion ebenso. Auch die Tragik behält noch Grazie und Eleganz, das Komische ist nicht nur Karikatur.
    Wie heißt es bei Adalbert Stifter: Mozart teilt mit freundlichem Angesichte unschätzbare Edelsteine aus und schenkt jedem etwas...


    LG


    Waldi

    Meine Lieben,


    Nein, leider, ich weiß auch nichts von ihr. Irgendwie ist sie total außer Reichweite. Nicht einmal in der ungarischen Wikipedia ist da etwas zu finden (falls Ihr auch sucht, nicht verwechseln mit der gleichnamigen ungarischen Schauspielerin bzw. der Märchenfigur "Szép Ilonka"). Auch bei Hungaroton ist Fehlanzeige.


    LG


    Waldi



    NWDR-Rundfunkaufnahme 1951



    Wilhelm STEPHAN, Hamburger Rundfunkorchester: 4 (sehr ansprechend, für Wiener Maßstäbe manchmal vielleicht eine Spur zu langsam, aber im Prinzip hochrangig)


    Rudolf SCHOCK (Graf René): 4 (die Rolle liegt ihm natürlich, auch wenn er in anderen Operetten noch besser war)


    Lore HOFFMANN (Angèle): 4,5 (sehr schöne und sicher geführte, sympathisch warme Stimme)


    Fritz GÖLLNITZ: 4 (sehr gut karikiert, sein Dialogsprecher Joseph Offenbach übertrifft ihn aber trotzdem noch um eine Stufe)


    Rupert GLAWITSCH: 3,5 (wirklich nicht schlecht, aber an die Partner eben nicht ganz heranreichend)


    Anneliese ROTHENBERGER (Juliette): 4,5 (noch nicht auf ihrem Höhepunkt, aber schon ganz bezaubernd)


    Rest: 4,5



    Gesamturteil: 29 : 7 = 4,14


    Tonqualität: 4


    Ein deutlicher Beweis für den damaligen hohen Operettenstandard des gar nicht so steifen deutschen Nordens, als Gesamtaufnahme im derzeitigen Angebot in der Spitzengruppe!

    * 1835 Wien-Leopoldstadt
    Eduard STRAUSS, Komponist und Dirigent





    + 1842 Paris
    Luigi CHERUBINI, Komponist





    * 1864 Drammen
    Johan HALVORSEN, Komponist





    * 1907 Karlstad
    Zarah LEANDER (Sara Hedberg), Sängerin (Alt)





    * 1917 (oder 1923) Maribor
    Elfie MAYERHOFER, Sängerin (Sopran) und Schauspielerin





    * 1927 Madrid
    Consuelo RUBIO, Sängerin (Sopran)


    Zitat

    Original von Waltrada


    Ich verstehe aber nicht, warum es traditionell ist, wenn Daland als guter Vater gesehen wird


    Weil es seinerzeit eben als "gut" galt, die Tochter materiell ordentlich zu versorgen, wobei deren zärtliche Gefühle eine ganz untergeordnete Rolle spielten - eine natürlich sehr einseitige Denkweise (die davon ausging, die Heirat sei das absolute Lebensziel der Frau, die allein entweder nicht existenzfähig oder, mit wenigen Ausnahmen, eine seltsame Figur - alte Jungfer, Blaustrumpf o.dgl - wäre). Daß man dagegen in der Praxis dauernd opponierte, zeigt sich darin, daß das Unterlaufen solcher Motive einer der wichtigsten Bühnenstandards war (und ist). Allerdings, im wirklichen Leben nützte das meist nichts. Die alleinbestimmenden Eltern/Väter behaupteten gerne, die Liebe komme in der Ehe schon mit der Zeit von selbst. Kommt auch heute noch vor. Ich erinnere mich an eine traurigen Fall, wo sich das Mädchen dem Familiendruck gebeugt hatte, aber dann Selbstmord beging.


    LG


    Waldi


    Studioaufnahme Berlin 1950


    Die Abbildung hier entspricht nicht der von mir besprochenen Aufnahme, die bei Centurion Classics erschienen ist, und von der mir kein Coverbild zur Verfügung steht. Ich beziehe mich aber ausdrücklich nur auf diese. Auch bei weiteren Labels (u.a.Cantus) ist dieser "Holländer" zu finden.


    Ferenc FRICSAY, RIAS-Symphonieorchester: 4 (ein wenig durchwachsen, prachtvoll musizierten Teilen stehen gegenüber das Vermeiden zu dämonischer oder elemtar-suggestiver Effekte, Fricsay liebt es mehr edel-musikantisch; trotzdem absolut hörenswert!)


    Josef GREINDL (Daland): 3,5 (nett gesungen, aber gegenüber einem Frick direkt fahl und bieder wirkend)


    Annelies KUPPER (Senta): 3,5 (etwas überfordert, vermittelt wenig Emotion)


    Josef METTERNICH (Holländer): 4,5 (mit allen seinen bekannten Vorzügen macht er die Partie, die eigentlich nicht seinem Typus entspricht, doch zu einer überzeugenden Spitzenleistung)


    Wolfgang WINDGASSEN (Erik): 4 (ein Muster an Deutlichkeit und intelligenter Rollengestaltung)


    Rest (Ernst Haefliger als Steuermann, Sieglinde Wagner als Mary, Chor): 4+ (alle sehr erfreulich anzuhören)



    Gesamturteil: 23,5 : 6 = 3,92


    Tonqualität wäre 4 (für 1950 außerordentlich gut), ist aber beeinträchtigt duch wiederholtes Abzwicken am Plattenschluß; da wurde schlampig gearbeitet, daher nur: 3,5


    In toto: Um den Preis unbedingt kaufen, so billig bekommt man den Holländer sonst nie. Trotz Greindl und Kupper wirklich interessant.

    Liebe Waltrada,


    Traditioneller Konvention des 19.Jahrhunderts entsprechend, ist Daland natürlich als guter Vater anzusehen. Nur will er nicht bloß seine Tochter gut versorgt sehen, sondern vor allem sich selbst. Erik hat schon recht. Die Schätze des Holländers lassen das sonst reichlich verdächtige Gehaben des Fremdlings als unwichtig scheinen. Natürlich will Daland, daß Senta freiwillig ja sagt, sonst überlegt es sich dieser großzügige Tausendsassa womöglich. Aber Daland läßt seine Tochter auch nicht im Zweifel, was er erwartet. Würde sie nicht zustimmen, gäbe es wohl Saures. Klar, er ist kein abgefeimter Bösewicht und besitzt auch seine gemütlichen Seiten. Aber als Identifikationsfigur hat ihn Wagner schwerlich verstanden wissen wollen.


    Um aber von einem umstrittenen Charakter wieder zu einer umstrittenen Einspielung zurückzukommen, erlaube ich mir, meine Einschätzung von Fricsays Aufnahme mit dem RIAS-Symphonieorchester aus dem Jahr 1950 zu erläutern. Sie ist bei mehreren Firmen erschienen:



    Von der Centurion Classics-Ausgabe, die ich selbst besitze, kann ich leider kein Coverbild finden. Wie ich aber in dieser Woche bemerkt habe, wird sie derzeit in Wien unter drei Euro angeboten. Das ist für einen "Holländer" zweifellos das unübertroffen beste Preis/Leistungs-Verhältnis!


    Ferenc Fricsay kann man sicher nicht als spezifischen Wagner-Dirigenten ansehen, aber er ist nun einmal ein phantastischer Musiker, der auch hier mit seiner präzisen, aber keineswegs blutleeren Interpretation und seiner elastischen Gestaltung packende Momente schafft. Man muß einräumen, daß dramatische Wucht nicht sein Fall ist, und das Dämonische zu kurz kommt. Friccsay biegt lieber in Richtung einer Art klassizistischer Noblesse um, was bei einer so romantischen Oper, die nach elementareSuggestion verlangt, nicht ideal ist. Andererseits: Wie er zum Beispiel das "Mögst du, mein Kind, den fremden Mann willkommen heißen" federnd begleitet, das muß man gehört haben!


    Josef Metternich ist stimmlich eher der edle Ritter als der rauhe Meeresahasver, aber diese Artikulationsgabe, diese faszinierende Musikalität und das herrliche Timbre überwältigen auch hier. Ein großartiger Holländer von der feineren Sorte (siehe Fischer-Dieskau!), die doch eine legitime Möglichkeit darstellt.


    Der dritte Pluspunkt ist der ungemein wortdeutliche und hochintelligent gestaltende Wolfgang Windgassen als Erik, der vierte der ihm gleichwertige Ernst Haefliger als Steuermann, der auch weit über dem Durchschnitt liegt und nur von wenigen (Wunderlich, Schock, Liebl etc.) übertroffen wird.


    Leider nur Mittelklasseeindrücke vermittelt Josef Greindl als Daland. Gewiß: Ordentlich gesungen, aber es fehlt der Saft. Elisabeths "zu bieder" trifft es genau.
    Nicht sehr glücklich bin ich auch mit Annelies Kupper als Senta, die sich zwar bemüht und sehr mit der Rolle kämpft, auch Teilerfolge erzielt, aber doch meist zu distanziert und kalt bleibt, mehr um die richtigen Töne besorgt ist (nicht immer ganz erfolgreich) als um Leidenschaft. Die Partie ist ihr zweifellos um eine Nummer zu groß. Im Duett mit Metternich und im Finale kommt sie schon ein bißchen mehr aus der Reserve, aber es bleibt letztlich eine achtbare Alltags-Senta.


    Als Mary oft bewährt und auch hier sehr gut anzuhören: Sieglinde Wagner. Auch dem Chor ist viel Gutes nachzusagen.


    Für das Entstehungsdatum ist die Tonqualität geradezu hervorragend, wären da nicht die unangenehmen Interrupte (man merkt, daß da Platten als Ausgangsspeicher dienten), die wiederholt ein paar Töne störend abzwicken.


    LG


    Waldi

    Meine Lieben,


    Der Motivationen mitzutun sind viele. Was im Einzelfall den Ausschlag gibt bzw. gab, ist in anderen Threads zu lesen.


    Aber ich gebe Alfred recht, daß man sich Gedanken darüber machen könnte, warum sich viele Musikfreunde verweigern, obwohl sie hier fleißig mitlesen. Liegt es - neben vielen anderen Gründen - vielleicht auch daran, daß die Fähigkeit, sich schriftlich zu artikulieren, im Durchschnitt erschreckend abgenommen hat? Seit vielen Jahren lese und beurteile ich von Berufs wegen schriftliche Arbeiten. Der dabei klar erkennbare Niveauverlust des sprachlichen Ausdrucksvermögens erschreckt mich immer wieder. Nicht daß ich überrascht bin - der Deutschunterricht ist vielfach verschlimmbessert worden, die Literaturpflege auf ein sehr bescheidenes Maß zurückgestutzt worden, auch die Zahl der Referate im Gymnasium ist - wenn ich meinen Studenten glauben darf - im Durchschnitt minimal usw. usw. Das Ergebnis erschreckt stets aufs Neue, vor allem weil eine halbwegs gute Sprachgabe unentbehrlich ist, um sich überhaupt verständlich zu machen, solange es nicht um bloß Existentielles geht.


    Ich glaube daher, daß so mancher möchte, aber zuviele Minderwertigkeitskomplexe hegt oder tatsächlich das Schreiben als solche Mühe empfindet, daß er sich lieber mit dem spannenden Lesen begnügt. Hier müßte man eigentlich mit unseren Mitlesern diskutieren, ob das so oft zutrifft, wie ich annehme, oder ob es der zunehmende Streß ist, der die kulturell Intererssierten abhält (er ist es sicher auch und gar nicht wenig). Übung macht Meister, das schon, aber es genügt ja unter Umständen auch, ein braver Geselle oder ambitionierter Lehrling zu sein. Die sich dabei auftürmende Hemmschwelle scheint oft dort ein Hindernis, wo man es besonders bedauert. Vielleicht sollte man den Zeitraum für Selbstkorrekturen bei den Beiträgen noch ausweiten (ich geniere mich auch, wenn ich immer wieder überlesene Fehler in meinen Beiträgen entdecke, aber absolute Perfektion ist sowieso ein utopisches Ideal), damit könnte man Skrupel eventuell etwas mildern. Anregend wäre vielleicht auch eine Art Fragekasten, der von Nichtmitgliedern beschickt werden könnte (ohne hundertprozentige forianische Verpflichtung zur Antwort). Aber ich möchte natürlich auch nicht, daß Verwaltung und Moderation noch mehr mit Arbeit zugedeckt werden, als sie es ohnehin schon sind. Wir sind zwar keine Lexikonredaktion, aber ganz fremd sind wir solchen Tätigkeiten ja auch nicht.


    Was aber jedenfalls abschreckend wirkt: Wenn Forumsmitglieder in gereizten Tönen miteinander verkehren, oder die - an sich hochzuschätzenden - Witzgeplänkel boshaft entarten. Wie die Erfahrung lehrt, sind selbst die Toleranzapostel unter uns nicht immer davor gefeit, selbst die nötige Contenance zu vergessen. Meine Erwartung und zugleich Bitte ist daher, den Gedanken an das Miteinander nicht zu vergessen. Mögen sich Staubis und Regielis, Karajanisten und Karajangegner von mir aus kräftig katzbalgen, solange sie hinterher imstande sind, auf ein gemeinsames Bier zu gehen und die Geschmacksvielfalt hochleben zu lassen.


    LG


    Waldi