Beiträge von m.joho

    Langsam drängt sich mir die Frage auf, ob diejenigen, die das sog. Regietheater derart preisen, eine Oper, wie sie eigentlich vom Komponisten und vom Librettisten (und damit die Oper überhaupt) beabsichtigt wurde, generell mögen, oder ob sie sie vielleicht im Prinzip als überholte Kunstform ansehen, die vom Regisseur "aktualisiert" werden muss, damit sie erst erträglich wird und verstanden werden kann....

    Mein erster Operneidruck, an den ich mich bewusst erinnere, war Hans Hotters Tanhhäuser-Inszenierung in Zürich in der zweiten Hälfte der 60er, der mich von der Regie her, wenn auch nicht restlos begeisterte, so doch packte. Sehr rasch darauf folgten die Wieland Wagner-Inszenierungen im damailgen Winterbayreuth Stuttgart und ich lernte, welche Poesie man vermittels Farben erreichen konnte. Auch Strehlers Arbeiten in Mailand, genauso wie Inszenierungen von Tito Gobbi, Hans-Peter Lehmann usw. begeisterten mich durchaus und bis zum Beginn der 80er war ich durchaus ein begeisterter Operngänger. Spätestens dann begann aber (parallel zum Verlust der Sängerdarsteller) die Regietheater-Katastrophe, die aus mir, dem begeisterten Opernbegänger einen Mann machten, der zuerst zornig war, dann immer mehr resignierte und heute aus diesem Grund nur noch selten bereit ist, die exorbitanten Preise zu bezahlen. Auch der vielgerühmte Chéreau -Ring ist für mich nur dank der Personenregie (z.B. 1. Akt Walküre) allenfalls knapp akzeptabel. Ich gestehe zu meiner Schande, dass die letzte Inszenierung, die mich absolut begeisterte, der Samaitani Werther (mit Kraus) war, den man auch in Wien sehen konnte, und der leider durch das unsägliche Hollywood-Schaukel-Ding abgelöst wurde.
    "Wirklich, wir leben in finsteren Zeiten..."

    Dieses Thema interessiert mich ganz besonders, da der Wagner – Tenor für mich immer die faszinierendste Stimmgattung war. Ich möchte mich bei meiner Charakterisierung nur auf die Tenöre beschränken, die ich auch „live“ gehört habe und bei denen ich demzufolge ihre stimmlichen Fähigkeiten unverfälscht durch die jeweilige Aufnahmetechnik beurteilen kann und möchte die letzten 40 Jahre chronologisch durchgehen:
    Für mich ist Wolfgang Windgassen der unangefochtene König. Abgesehen von der geistigen Durchdringung der jeweiligen Partien zeichnete er sich durch eine nie mehr erlebte Stimmschönheit und Sensibilität aus, die einen riesigen Farbenreichtum ermöglichten aus. Wer beispielsweise durch „Nun, weißt Du, fragende Frau, warum ich Siegmund nicht heisse“, oder „So starb meine Mutter an mir“ ungerührt bleibt, dem ist meiner Meinung nach nicht zu helfen. Was kümmert mich im Vergleich dazu die Länge der Wäleserufe, die übrigens in Wien 1965 an die 10 Sekunden zu halten wusste.
    Als nächsten erlebte ich Ticho Parly, der ja auch in Bayreuth Ende der 60er die Siegfriede sang; eine brockige unsauber unter grossem Druck geführte Stimme, dem es auch ziemlich an Musikalität mangelte.
    Bei Hans Hopf erstaunte eine unglaublich strahlende Höhe, aber alles unter der g wurde mit dem auch auf Aufnahmen zu konstatierenden unangenehmen Gewaber gesungen und dazu eine Darstellung, die mit provinziell noch gelinde umschrieben ist.
    Jess Thomas wird von mir ambivalent betrachtet. Sein Timbre ist nicht sehr attraktiv, und er schien mir immer eher ein Bariton zu sein, der die Spitzentöne seiner Stimme aufgesetzt hat, ohne sie verblenden zu können; ich kann aber nicht verhehlen, dass mir seine Rollenportraits einen gewissen Eindruck machten.
    Jean Cox ist von der Stimmführung her, wenn auch mit schönerem Timbre, als Parallele zu Hopf zu betrachten, wobei mir allerdings sein Timbre weitaus schöner erschien.
    Dann hat mir ein gewisser Sven Olof Eliasson, ein Schwede mit weissem unangenehmen Timbre in Zürich während Jahren viele Wagner-Partien vergellt.
    Als das erste Wagner-Rezital von René Kollo erschien, dachte man wirklich, in ihm Windgassens Nachfolger gefunden zu haben. Aber schon bald machte sich bei ihm die Marotte bereit, die er in späteren Jahren bis zur Manie auslebte, die hohen Töne von unten anzusingen, was sich musikalisch als äusserst quälend erwies.
    Bei Siegfried Jerusalem musste ich konstatieren, dass er trotz seines ausgesprochen schönen Timbres, keine einzige Partie (abgesehen vom tiefliegenden Parsifal, bzw. dem Siegmund) wirklich durchzuhalten vermochte.
    Schon in den 70er Jahren waren die auffallenden technischen Mankos (Stimmdruck, kehlige Töne usw.) zu konstatieren, die bei Peter Hoffmann zu einem frühzeitigen Karriereabruch führten.
    Einen recht positiven Eindruck machte mir in späteren Jahren ein gewisser Craig (hoffentlich erinnere ich mich richtig an den Namen) der im Wilson-Ring die Siegfriede sang. Dies im Gegensatz zu den jämmerlichen Heldentenorversuchen von Francisco Araiza.
    Über Siukkola gross zu reden, möchte ich mir ersparen. Sicherlich ist die Lautstärke beeindruckend, aber ein unmusikalischeres Falschsingen habe ich in 40 Jahren nie erlebt.
    Peter Seiffert würde zwar über die nötige Lautstärke verfügen, aber 1. erscheint mir sein weisses Timbre, dem die erforderlichen baritonalen Tiefen fehlen als nicht sehr attraktiv und zweitens finde ich seine mangelnde Rollenvorbereitung, was den Text betrifft, schlicht und einfach unprofessionell.
    Mit Ben Heppner habe ich wieder Hoffnung gefasst, aber was man in letzter Zeit von ihm hören muss, scheint LEIDER auf eine stimmliche Überforderung hinzuweisen.
    Wie Eingangs gesagt, habe ich mich hier auf die Fachvertreter beschränkt, die ich „live“ erlebt habe; wenn ich Leute von Urlus über Völker, Melchior, Suthaus und Moser mitberücksichtigen würde, würden sich gewisse Beschreibungen etwas verschieben.

    Lieber Herr Mengelberg,
    Nur um Ihre (ironisch gemeinte?) Frage zu beantworten, selbstverständlich ist das Bohème-Libretto in seiner Schlüssigkeit meilenweit über dem Trovatore (denken Sie nur an Szlezak's hübsche Äusserung). Übrigens, von wann und woher kennen Sie eine Zefirelli-Inszenierung des Trovatore? Die habe ich bis jetzt nirgendwo sehen können.

    Ihre Auffassung in Ehren, aber sie ist genauso wie meine Ansicht, dass ich dadurch, dass sie nahe am Libretto war, keine bessere und vor allem ergreifendere Bohème-Inszenierung als diejenige von Zefirelli (mit Stratas und em jungen Carreras) erlebt habe (das gleiche gilt auch für seine Tosca (Callas, Gobbi 1965), mit der ich auch heute noch junge Leute für Oper begeistern kann) nur ein Geschmacks - und kein Qualitätsurteil. Vielleicht gibt es ja mal eine Neuinszenierung des sog.Regietheaters, die auch mich begeistern kann. Man soll die Hoffnung nie aufgeben... Und es war noch nie falsch eine Vorlage ernst zu nehmen. Das kann nur als Armutszeugnis verstanden werden, wenn man eine Neuheit schon deswegen als gut empfindet, weil sie neu ist: Gerne, aber nur, wenn sich dadurch die Qualität des alten verbessert. :evil:Ich möchte Ihnen doch nahelegen einen Unterschied zwischen dem Libretto der Bohème und demjenigen des Trovatore zu machen.

    Und auch gleich noch meine Liste der Leiblingssängerinnen:
    1. Magda Olivero
    2. Astrid Varnay
    3. Birgit Nilsson
    4. Martha Mödl
    5. Caterina Ligendza
    6. Teresa Stratas
    7. Mirella Freni
    8. Anna Netrebko
    9. Leontina Vaduva (warum hört man sie eigentlich nirgendwo mehr??)
    10. Maria Callas
    11. Renata Scotto
    12. Anja Silja

    Im Mehr der hier abgegeben Stimmen fühle ich mich sehr wohl; wenn ich ein paar Regisseure, die mich wirklich beglückt haben (leider finde ich heute kaum mehr welche, aber durch die kürzlichen Wiener-Inszenierungen der Manon und der Fille beginne ich wieder Hoffnung zu schöpfen), nennen darf, so sind es die folgenden:
    Wieland Wagner
    Pier-Luigi Samaritani
    Götz Friedrich (z.B. in der "Toten Stadt")
    Robert Wilson
    Mit freundlichen Grüssen

    Dann will ich, als neues Mitglied dieses Forum doch auch gleich meine Lieblingssänger aufführen (die bezeichnenderweise auch nicht mehr leben, bzw. in einem Fall nicht mehr aktiv sind), die mir somit den grössten Eindruck hinterlassen haben:
    1. Wolfgang Windgassen
    2. Alfredo Kraus
    3. Franco Corelli
    4. Tito Gobbi
    5. Hans Hotter
    6. Fritz Wunderlich
    7. Carlo Bergonzi
    8. Piero Cappucccilli
    9. Boris Christoff
    10. Jussi Björling
    11. Richard Tucker
    12. Gianni Raimondi


    Mit freundlichen Grüssen