Beiträge von Stentor

    Wenn man die wundervolle Akkustik im Teatro Filharmonico di Verona kennt, möchte man bedauern, dass sich das Operngeschehen in Verona im Sommer in die Arena verlagert. Die Inszenierung von Hugo de Ana hat der Musik einen zarten und träumerischen Raum geschaffen und damit wieder daran erinnert, dass die oftmals bemängelte simple Handlung der Sonnambula nicht unbedingt wörtlich genommen werden muss. Die Partie der Amina mit Irina Dubrovskaya war hinreissend schön gesungen, mühelos meistert die aus Novosibirsk stammende Sängerin die Koloraturen, ihr helles aber ausdrucksvolles Timbre war im zweiten Akt so berührend, dass ich die mir bekannten Einspielungen (Sutherland, Dessay, Callas) fast übertroffen gefunden habe - dies mag aber an der Atmosphäre einer Aufführung liegen, die man nie mit Studioaufnahmen oder Mitschnitten vergleichen kann. Als Elvino war der italienische Tenor Giulio Pelligra eine gute Ergänzung, stimmlich sehr nuancenreich und auch vom Ausdruck ein glaubwürdiger enttäuschter Liebender, insbesondere im Quartett "Lisa mendace anch'essa" fast noch besser als die mir bekannte Interpretation von Pavarotti. Wenn dann in der Arie "Non ti credea" die Vergänglichkeit alles Schönen heraufbeschworen wird, kann man verstehen, dass es in dieser Musik um mehr geht als die banale Handlung zunächst vermuten liesse. Alles in allem eine authentische und eindrucksvolle Aufführung, das italienische Publikum hat ihr auch einen gebührenden Rahmen gegeben.

    Ich würde mich hier ohne Zögern für die Hammerklaviersonate entscheiden. Dabei bedeutet Lieblingssonate nicht, daß man sie lieber hört als andere, es bedeutet eher, daß man auf sie nicht verzichten kann und lieber auf alle anderen zusammen verzichten würde, wenn das nicht anders ginge. Meine Lieblingsaufnahme ist eine Live-Aufnahme von Tatjana Nikolajewa, die nicht ganz einfach im Handel zu finden ist, ich kenne keine andere Aufnahme, die das Adagio so zwingend aufrichtig erleben lässt - während ich bei anderen Interpreten (z.B. Schiff oder Gulda) im Kopfsatz und auch in der Fuge neue und interessante Spielarten finden kann, ist mir das Adagio - leider - bei allen anderen Interpreten irgendwie nicht ohne Bedauern zu hören. Auf eine einzelne Aufnahme fixiert zu sein, wird nicht der Vielschichtigkeit und Breite eines Werkes gerecht. Manchmal wird man eben durch eine Hörgewohnheit so konditioniert, dass man sogar das Hineinhusten an einer bestimmten Stelle in einer anderen Aufnahme vermisst. Bei der Liveaufnahme der Beethovensonate sind solche Hintergrundgeräusche wahrnehmbar, vielleicht würde das für manchen störend sein.

    Es gibt für mich als unqualifizierten Vielhörer ohne allzuviel wirkliches musikalisches Verständnis durchaus Gründe auch in den Nischen zu stöbern. Erst nachdem man auch zweitrangige, mittelmässige oder vorgeblich misslungene Werke gehört hat, kann man für sich selbst den Wert der ganz grossen Kompositionen richtig nachfühlen - erst nach Hören der zahlreichen Violinkonzerte von Louis Spohr (gegen die nichts zu sagen ist) kann ich etwa die Eigenart des op.61 von Beethoven richtig erfassen. Ähnlich ginge es mit den Klavierkonzerten von Brahms, die anders klingen, wenn man zuvor ausgiebig die brilllianten Konzerte von Kiel oder Moscheles gehört hat. Die Beschränkung auf ein kleines Repertoire von Meisterwerken in Referenzeinspielungen zerstört die musikalische Artenvielfalt - ich habe durch die Begegnung mit solchen weniger gespielten Kompositionen sicher auch gelernt, dass man zB die Streichquartette von Robert Volkmann trotz überlegener Quartette der bedeutenderen Zeitgenossen schätzen kann wenn man ihren Habitat respektiert, damit meine ich, sie nicht sofort gegen die grossen Kaliber antreten lässt und deren Ansprüche an sie stellt. Vielleicht geschieht dann auch einmal das kleine Wunder, dass man das Urteil der Musikgeschichte über den einen oder anderen Vergessenen nicht verstehen kann.

    Meine Auswahl:


    Kyrie - Dvorak, Messe op.86 Da bedauert man, daß die slawische Musik der russisch orthodoxen Komponisten nicht auch den lateinischen Messtext komponiert hat.


    Gloria - Haydn, Schöpfungsmesse. Vielleicht wegen der diesseitigen Lebensfreude, die sich fast vergisst und "qui tollis peccata mundi" wie einen Operettenschlager beginnen laesst. Es wird dann etwas ernster aber für mich trotzdem das charmanteste Gloria, das ich kenne. Haette Offenbach eine Messe geschrieben, dann haette er vielleicht daran angeknüpft.


    Credo - Schubert DV 950, das Inkarnatus hat insgesamt etwas Verhaengnisvolles. das Inkarnatus hat insgesamt etwas Verhaengnisvolles - ganz anders als in Mozarts c-moll Messe. Mich fasziniert aber auch das Credo der Heiligmesse von Joseph Haydn, das bei crucifixus und passus quaelend düster und chromatisch wird, insgesamt eine sehr ausdrucksstarke Musik zu jedem Wort.


    Agnus Dei - Haydns Paukenmesse. Dass Haydn hier über die Geisel des Krieges und der Agression meditiert kann man nachfühlen und ich empfinde diese Musik immer noch als brandaktuell und packend.


    Da ich aber solche Kaliber wie Bachs h-moll und die Missa Solemnis nicht genügend kenne, ist meine Auswahl ein Provisorium, etwas für den Einsteiger, for dummies :stumm:

    Pleyel hat mich mit seinen Streichquartetten (nebenbei bemerkt auch mit den Klaviertrios) wirklich begeistert. Wenn wir Haydn als Ausgangspunkt nehmen wollen, ist Pleyel zwar eine Generation jünger, aber stilistisch kommen seine Streichquartette den Haydenschen so nahe, wie es eben nur geht - trotz der Unterschiede. Als Schüler von Vanhal und Joseph Haydn in Eisenstadt und Pressburg hat Pleyel sicherlich einen ähnlichen ostösterreichischen und im damaligen Sinne ungarischen Hintergrund wie Haydn (Pressburg, ungarisch Pozsony, war Teil des Königreichs Ungarn und dreisprachig) Sein op.2 hat Pleyel seinem zweiten Lehrer Haydn gewidmet. Es entstand nachdem Haydn gerade seine Sonnenquartette op.20 geschrieben hatte und steht mit seinem Melodienreichtum und lyrischen Zuschnitt den frühen Haydnquartetten (op.9 und 17) natürlich näher als den späteren Meisterwerken. Ich empfehle die beiden CDs, die das Enso Quartett bei Naxos aufgenommen hat.


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    Bei cpo gibt es eine Aufnahme von dreien aus den "Preußischen Quartetten", die Pleyel ähnlich wie Haydn, Mozart und Boccherini dem preußischen König Friedrich Wilhelm II. gewidmet hat. Es spielt das Pleyel Quartett Köln auf historischen Instrumenten - das Cello hat hier immer wieder konzertante Passagen, was den Quartetten zwar nicht schadet - es bleibt aber immer die Frage, inwieweit die heikle Balance der 4 Stimmen durch das konzertante Zurschaustellen einzelner Stimmen - hier auch die Primgeige - nicht gestört wird und die musikalische Textur darunter verflacht. Bei diesen 3 Quartetten ist Haydn nicht ganz so nahe wie beim op.2



    Als letzte Aufnahme aus meiner kleinen Sammlung nenne ich hier das Artis-Quartett mit 4 Pleyel-Streichquartetten - dabei ist wieder das g-moll Quartett Ben 339 (Verzeichnis nach Benton), das auch auf der Aufnahme bei cpo enthalten ist. Klangtechnisch gebe ich den anderen Einspielungen den Vorzug obwohl es sich - im Gegensatz zu den beiden anderen um eine Studioaufnahme handelt.



    Hoffen wir, daß auch das op.1 mit seinen 6 Quartetten einmal seine Interpreten findet...

    Ich mag Mozart - und bei der Überlegung, was das Geniale an seinem Werk ist, wodurch es sich von vielen anderen Zeitgenossen unterscheidet komme ich immer darauf, daß Mozart für so viele Werkgattungen absolut Unverzichtbares komponiert hat. In dieser Breite ist Mozart allen anderen Komponisten überlegen, sogar Beethoven. Natürlich werden heute andere Komponisten dadurch in den Schatten gestellt und obwohl ich die nicht so ganz Großen wie Pleyel oder Dussek oder Onslow etc. sehr gerne höre und man sie mehr pflegen sollte - ein Streichquartett aus den 6 Haydnquartetten würde ich gegen alle deren Quartette nicht hergeben wollen. Und so geht es mit einer Unzahl von Werken, vom Requiem über die Konzerte bis zur Kammermusik und Oper. Ob die Popularität eines Künstlers direkt proportional zur Qualität seines Werkes ist muß bezweifelt werden - hier wurde bei Herrn Mozart so viel Marketing gemacht, daß der echte Mozart längst verlorengegangen ist und uns seine "Genialität" als Tarnkappe hinterlassen hat.

    Ich schätze die österreichische Walzertradition ganz besonders und würde es bedauern, wenn sich dieses Repertoire eines Tages auf ein paar weltbekannte Ohrwürmer reduzieren sollte. Mit Walzertradition schließe ich natürlich alles ein, was uns ein paar Generationen von Militärkapellmeistern und k.k. Hofball-Musikdirektoren hinterlassen haben, nicht nur Strauß, sondern auch Ziehrer, Komzák (Vater und Sohn), Lanner, Hellmesberger, Fucik usw. Wenn ich dann Opuszahlen über 500 sehe, empfinde ich nicht, daß es wertlose Massenware ist, sondern bedaure es, daß diese ganzen Schätze nicht eingespielt und für uns hörbar gemacht wurden. Niemand wird bezweifeln, daß es andere, grandiosere Werke gibt, aber wie mit der Artenvielfalt geht es auch in der Musik, Walzer und Märsche haben ihre ökologische Nische, ihr musikalisches Habitat - gäbe es sie nicht, gäbe es auch keine "große" Klassik. Wer dieses Genre belächelt, hat einen irgendwie eingeschränkten musikalischen Horizont und verdient ein ebensolches Antwortlächeln. Obs einem dann gefällt oder nicht, ist ja dann eine persönliche Sache und Musik zu hören, die einem partout nicht gefallen will, bereits eine Charakterfrage. Ich mag sie jedenfalls gerne, die Walzer, Polkas und Quadrillen - und nicht nur zum Neujahr.

    Für orientalisch anmutende Klänge möchte ich auch Michail Ippolitov-Ivanov erwähnen - mit seinen türkischen Fragmenten und den beiden kaukasischen Skizzen erinnert er in vielem an Rimsky-Korssakoff, es wundert mich eigentlich, daß diese sehr eingängige Musik nicht populärer geworden ist. Es gab bei Marco Polo 2 schöne Aufnahmen, die
    anscheinend nicht mehr so leicht zu haben sind. Schade für alle, die diese opulente und prächtig instrumentierte Orchestermusik lieben würden.

    nachdem jede Sammlung ja den Charakter des Sammlers verrät, gibt es sicher keine ideale Sammlung. Meine Sammlung sucht eher die Breite - die Interpretation tritt zuerst einmal in den Hintergrund, solange ich nicht wirklich unzufrieden mit einer Aufnahme bin. Erst wenn ein Werk mich besonders anspricht beginnt die Suche nach der besten Einspielung. Dazu ist aber intensives Hören erforderlich und die Breite der Sammlung hindert mich daran - wenn man sich durch Gesamtausgaben durchhören will, hat man keine Zeit dafür. Trotzdem habe ich von einzelnen Werken dann auch einmal mehrere Aufnahmen. Ohne die Breite und zugegeben Oberflächlichkeit, gäbe es bei mir aber auch keine Tiefe, die resultiert erst aus den Entdeckungen im ausgebreiteten Chaos meiner Sammlung.

    Ich höre sehr gerne die Flötensonaten von Mozart KV 10-15, obwohl sie zumeist als Violinsonaten gespielt werden. Dabei muss die Besetzung aber Querflöte und Piano sein, obwohl das historisch nicht gerechtfertigt sein mag - finde ich die Balance der Stimmen besser, das Cembalo kann sich gegen den Klang der Querflöte nicht so gut behaupten.



    Diese Aufnahme ist besonders gelungen, die Musik unbeschwert und einfach wunderschön.

    Unter den vielen bewegenden Momenten habe ich das Finale von Mozarts A-Dur Quartett KV 464 als ganz besonders empfunden, die Musik steigert sich allmählich in einen Taumel, der mich immer ergreift,
    und eigentlich weiß man bis zuletzt nicht, ob es ein Freudentaumel oder
    Verzweiflung oder etwa gar beides zugleich ist.


    Weniger bekannt aber trotzdem ganz hypnotisierend ist das "Adagio religioso" aus dem Klavierquintett in g-moll op.8 von Josef Suk. Ich finde es unvergleichlich, wie am Ende des Satzes die Stimmen langsam fahl und farblos werden und das recht konventionell beginnende Adagio sozusagen in ein Koma fällt.

    Ich will nicht vom Thema abweichen, aber das ist doch ganz interessant - ich habe vor ein paar Tagen das Quintett in einer Bearbeitung für Streichorchester von Justus Frantz gehört, der das Werk auf seinem Finca Festival auf Gran Canaria als Schuberts Symphonie Nr.10 präsentierte. Da am Programm kein DV angegeben war und auch keine Tonart, hatte ich mit allem anderen gerechnet.
    Ein interessanter Versuch dem Werk neue Seiten abzugewinnen, ich habe aber keinen Anhaltspunkt gefunden, daß das Quintett in Beziehung zu der verwirrenden "verschollenen" Sinfonie zu bringen ist.
    Weiß jemand von den Experten hier etwas dazu ?

    Ich besitze eine Aufnahme mit dem Kodaly Quartett, an der an sich nichts auszusetzen ist -



    aber gerade bei diesem Schubert bin ich immer noch auf der Suche nach einer idealen Einspielung. Ich habe noch eine EMI-Aufnahme mit dem Quatuor Hongrois mit einer Aufnahme aus 1959, bei der die Aufnahmequalität nicht recht befriedigt und die oben schon von flotan erwähnte Interpretation vom Auryn Quartett. Das Alban Berg Quartett ist zwar beim G-Dur Quartett DV 887 meine Wahl, beim Rosamunden Quartett aber würde ich nach einer weniger dramatischen Lesart suchen, dieses Quartett verlangt förmlich nach Originalinstrumenten, nach Schwelgen in nostalgischen Anklängen, einer "Leierkastenmusik", etwas, dem später Mahler in seinen Symphonien nachspürt und das hier schon hörbar werden müsste. Ich denke, daß das Quatuor Mosaiques meinen Wünschen recht nahe kommen könnte



    Dieses Ensemble zählt zu meinen Favoriten, ich besitze die Aufnahme aber nicht. Vielleicht kann jemand von Euch etwas dazu sagen.

    Jan Vaclav Kalivoda (1801-1866)


    Obwohl Kalivoda mehr als Symphoniker bekannt ist, lohnt sich doch eine Begegnung mit seinen Streichquartetten.
    Ich höre gerne diese Aufnahme mit dem Talich Quartett



    Kalivoda wurde in Prag geboren, erhielt dort am Konservatorium seine Ausbildung, übernahm aber ab 1822 für über 40 Jahre das Amt des Hofkapellmeisters in Donaueschingen - als Nachfolger von Conradin Kreutzer übrigens.
    Manches nimmt Dvorak vorweg, daß Kalivoda Violinist war, also
    eine besondere Beziehung zum Streicherklang besaß, ist aus jeder Note herauszuhören und das Klischee vom böhmischen Musikanten würde von dieser farbigen Musik mit ihren tänzerischen Rhythmen, ihrem Temperament und ihrer zwischendurch aufblühenden slawischen Melancholie gut bedient. Wer Dvoraks Kammermusik mag, wird an diesen Quartetten seine Freude haben.

    Meine erste LP war Mozarts KV 488 (Geza Anda, Camerata Academica des Salzburger Mozarteums) Ich hatte damals als Jugendlicher völlig unbeabsichtigt ein Klassikkonzert auf Tonbandgerät aufgenommen und der langsame Satz des KV 488 Klavierkonzerts war mein absolut erstes Klassikerlebnis. Die wenigen Schallplatten, die es zu Hause gab - z.B. Haydns Schöpfung, hätte ich niemals angerührt und sie wurden auch nie gespielt. Was für eine tolle Überraschung war es für mich, daß auf der im Geschäft bestellten LP dann noch mehr drauf war, und daß diese Mozart-Kompositionen aus je 3 Stücken bestanden ...
    Es kam dann Schuberts Fünfte hinzu (die auch auf die Tonbandaufnahme geraten war) und - neugierig geworden - entdeckte ich auch eine Unvollendete (Furtwängler), die bei uns im Plattenschrank vergilbte, um nach und nach festzustellen, daß diese ungenießbare Musik mit jedem mal Hören schöner wurde.
    Wenn ich an diese herrlichen Vinyl-Zeiten denke, bedaure ich wirklich, daß unsere CDs nicht 30cm Durchmesser haben, was dem Plattencover
    sehr zuträglich war und das Zeremoniell vorsichtigen Auflegens, Knisterns hätte Pavlov zu interessanten Erkenntnissen des konditionierten Reflexes dienen können. Von seelenlosen und körperlosen mp3-Dateien will ich gar nichts sagen :stumm:

    Liebe Fairy Queen,


    der Gedichtzyklus "Les Chansons de Bilitis" bezieht sich auf eine Geliebte der Sappho, Pierre Louys hatte angegeben, daß seine Gedichte Nachdichtungen oder Übersetzungen altgriechischer Lyrik wären, was natürlich nicht stimmt. Daß sinnlich erotische Lyrik sich auf die Liebe zweier Mädchen beziehen darf, war sicher einer der Gründe für die Zensur. Ich finde das Wiegenlied - übrigens für Sopran und Klavier geschrieben - ist eigentlich ein Liebeslied und passt ja beim ersten Hinhören gar nicht auf das Sujet des Wiegenliedes, was sollte ein Säugling mit Kleidern aus Babylon anfangen - und daß dem geliebten "Kind" alle Wünsche erfüllt werden sollen, sogar der Mond verlangt werden darf (im französischen eine beliebte Metapher das Unmögliche zu wünschen), verstehe ich eher dahingehend, daß hier eine unmögliche und verbotene Liebe besungen wird: die Geliebte indem sie in der Wiege besungen wird, ist der Liebenden entrückt, die sie nur mit der Zärtlichkeit und Selbstlosigkeit in den Schlaf singt, die mit dem Wiegenlied immer verbunden wird. Genial (sofern ich es richtig verstehe ...)

    Eines der schönsten Wiegenlieder ist Schuberts DV867 (Wie sich der Äuglein kindlicher Himmel, schlummerbelastet, lässig verschließt - Text von Johann Gabriel Seidl). Für mich überhaupt eines der schönsten Schubert-Lieder, leider steht es im Schatten des früheren und bekannteren Schubert-Wiegenlieds DV498 und fehlt auf Sammelaufnahmen von Wiegenliedern deshalb meistens. Ich bin fasziniert, wie Schubert aus dem recht konventionellen Gedicht etwas so trauriges und ergreifendes macht.


    Sehr schön finde ich auch Spohrs Wiegenlied op.103 für Sopran mit Begleitung von Klavier und Klarinette:



    Und hier noch etwas Preziöses und Seltenes:
    Wilhelm Kienzls "Wiegenlied der Bilitis", op.66,1 nach einem Text des belgischen Dichters Pierre Louys (leider kann ich nicht feststellen, vom wem die Übersetzung stammt, gesungen wird jedoch auf deutsch)
    "Schlafe! Schlafe!
    Aus Sardes hab' ich Spielzeug,
    aus Babylon Kleider für dich bestellt.
    Schlafe! Schlafe!
    Du bist die Tochter der Bilitis
    und eines Königs des Morgenlandes.
    Die Wälder sind die Paläste,
    die man für dich allein baut
    und die ich dir gegeben,
    die Stämme der Fichten sind die Säulen,
    die hohen Zweige sind die Gewölbe.
    Schlafe! Schlafe!
    Ich würde die Sonne dem Meere verkaufen,
    damit sie dich nicht erwecke.
    Der Flügelschlag der Taube
    ist leichter als dein Atem
    Tochter mein, Fleisch von meinem Fleische,
    wenn du die Augen aufschlägst,
    wirst du mir sagen,
    ob du die Ebene willst oder die Stadt,
    den Berg oder der [sic] Mond
    oder das weisse Gefolge der Götter.
    Schlafe! Schlafe!"


    Wenn man bedenkt, daß der Gedichtzyklus lange Zeit aus Prüderie nicht veröffentlicht werden durfte und der musikalisch doch eher konservative Kienzl ausgerechnet ein Wiegenlied daraus vertont hat, fragt man sich, was ihn dazu bewogen hat. Die literarische Qualität dieser Lyrik hat allerdings auch Komponisten wie Debussy, Koechlin und Sorabji zu Vertonungen inspiriert.

    Ich hatte vor kurzem im Radio die "Symphonie sur un chant montagnard op.25" gehört, und daraufhin eine Aufnahme mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France gekauft




    Das op.25 ist eine Komposition für Klavier und Orchester aber kein richtiges Klavierkonzert, weil dem Klavier keine dominierende Rolle zufällt - ähnlich verhält es sich ja auch in Francks "Klavierkonzert" - Les Djinns, das nur 2 Jahre vorher entstand und vermutlich d'Indy beeinflußt hat. Allein dieser Verzicht auf ein virtuoses Klavierkonzert macht den Komponisten für mich interessant, ich denke an spätere Klavierkonzerte z.B. Reger und Pfitzner, die die Rolle des Klaviers im Konzert auch neu durchdacht haben und dafür in der Aufführungspraxis von den Konzertpianisten links liegen gelassen werden.
    Die Komposition "Jour d'été à la montagne" (1905) hat d'Indy seiner verstorbenen Frau gewidmet. Unweigerlich drängt sich für mich ein Vergleich zur Alpensymphonie auf - im ersten Abschnitt "Aurore" beschreibt d'Indy einen Sonnenaufgang - ich weiß nicht ob Richard Strauss die Komposition kannte. Ich finde d'Indy zarter und seine wundervollen pastoralen Schilderungen sind etwas kühl empfunden,
    was ich als wohltuend vermerke, was vielleicht aber auch einer größeren Popularität im Wege steht.


    Eine sehr preiswerte Aufnahme mit einer Auswahl von kleineren Orchesterwerken ist bei Marco Polo zu haben


    Besonders schön darunter die "Fantaisie sur des thèmes populaires français" op.31 für Oboe und Orchester.

    Selten aufgeführt werden die Lieder von Joseph Marx, der (gemeinsam mit Pleyel) ja auch 2007 einen wichtigen Geburtstag feiert.
    Gäbe es da nicht allerhand bis heute Unaufgearbeitetes zur Stellung des Komponisten in der NS-Zeit (wie auch andere Spätromantiker, geriet Marx in eine sicherlich nicht gewünschte Nähe zu den Machthabern), würde man Joseph Marx 2007 von offizieller Seite vielleicht mehr Aufmerksamkeit widmen.
    Dank dem englischen Label ASV und der Rührigkeit der Joseph-Marx-Gesellschaft, die das eingefädelt hat, kann man jetzt die Orchesterfassungen von 17 Liedern des Komponisten - und als Bonus den Liedzyklus Verklärtes Jahr hören



    Der Komponist, der durch seine frühen Klavierlieder bekannt wurde, zieht hier alle Register des Orchesters, sodaß man gut nachvollziehen kann, warum er gerne als "Brückenbauer zwischen Spätromantik und Impressionismus" bezeichnet wird.
    Da ich die Klavierlieder, wie sicherlich viele Musikfreunde leider nicht kenne, passiert einem dann etwas, was man nicht ohne Ironie zur Kenntnis nimmt: Beim Hören der Orchesterlieder von Joseph Marx bekommt man Lust darauf, die Werke in der Klavierfassung zu hören.
    Kennt jemand von euch beide Fassungen und welche würdet ihr dann bevorzugen ?

    Hallo Michael,
    ich verstehe nun, dass Du als aktiver Musiker und Berufsmusiker
    in Spanien mit interessanten Leuten zu tun hattest. Darum beneide ich Dich und Katalonien ist auch die Hochburg für Kunstsinn in Spanien. Ich lebe seit längerem in Las Palmas - wobei wir auch ein ganz tüchtiges Sinfonieorchester und ein schönes Auditorium haben.
    Ich war in den achziger Jahren auch schon vorübergehend in Spanien gewesen, damals wehte ein ganz frischer Wind durch die Kulturlandschaft, noch heute schwärmen etliche Leute dieser Generation von der "transición" - es war überall zu spüren, dass man nach Franco Nachholbedarf nach europäischem und spanischem Kulturgut hatte, man war links orientiert und stolz auf Rey, Constitucion und die Vielfalt in den autonomen Regionen.
    Es scheint ein bisschen, als ob die Spanier ihre 68er-Erfahrungen nur ein Jahrzehnt später hatten - und ich habe den Eindruck, als hätte es auch hier eine gewisse Ernüchterung, eine Form von "desencanto" gegeben.
    Den Klassiksender kenne ich leider nicht, ich kann ihn auf Gran Canaria nicht empfangen, hatte eine Zeit lang als Ersatz den "hilo musical" installiert, eine Musikberieselung, die sonst in Wartezimmern und Hotels beliebt war und immerhin auch Klassik bot - heute ist dank Internet ja ohnehin fast alles zu empfangen. Und damit der thread nicht völlig vom Thema abweicht, hier hier
    noch eine Empfehlung - de Falla und Rodrigo zwar, aber nicht Klaviermusik, deshalb hab ich es in einen anderen thread gegeben.
    Werde mal wieder den Corte Ingles und "Real Musica" nach Aufnahmen von Albeniz & Co durchforsten, vielleicht gibts ja doch was Neues ...
    Ganz herzlich Stentor

    Eine wunderschöne Zusammenstellung von Liedern spanischer Komponisten ist die folgende:



    Es singt Liliana Rodriguez, die sich von Raphaella Smits auf einer 8-saitigen Gitarre begleiten läßt. Diese Lieder - von Manuel de Falla (Siete Canciones populares españoles), Joaquin Rodrigo ("Tres canciones" und "Villancicos") - Villancicos sind spanische Weihnachtslieder -
    und Federico Garcia Lorca (Canciones españoles Antiguas) sind im Konzertalltag sicher sehr selten zu hören.
    Eine zauberhafte Darbietung, ich liebe die Stimme und den Ausdruck der argentinischen Sängerin.
    Wäre der thread "Volksliedbearbeitungen" nicht den schottischen, wallisischen und irischen Liedern vorbehalten, hätte es dort gut hingepasst. Eine herzliche Empfehlung für alle, die so ein crossover von Volkslied zum Kunstlied mögen - es muss ja nicht immer Haydn und Brahms sein.

    wenn ichs mir überlege gehts mir mit den Streichquartetten mit Verlaub wie anderen vielleicht mit amourösen Abenteuern - da gibts die große Liebe zu Quartetten, die einen über Jahre begleiten und kurze heftige Quartettflammen, oft je kürzer umso heftiger.
    die große Quartettliebe ist bei mir
    1.Schubert, G Dur, DV 887
    2.Mozart, A-Dur KV 464
    3.Dvorak, F-Dur, op.96


    zu den Quartettflammen zähle ich
    1.Pleyel op.2
    2.Wilhelm Kienzl op.22
    3.Haubenstock-Ramati, 1.Streichquartett (1973) - leider besitze ich die Aufnahme nicht mehr, ich erinnere mich aber an die alleatorische Notation, wobei jeder der 4 Spieler das Stück bei jeder Aufführung an einer anderen Stelle beginnt und seine Takte dominoartig immer anders abspielt. Jedes Aufführen klingt also immer etwas anders - etwa wie bei einem Kalleidoskop. Die Musik ist von einer unsagbaren Dämonie. Für jede Belehrung und Richtigstellung durch die Fachleute hier bin ich, der ich noch nie eine Geige in der Hand gehalten habe, dankbar.

    Hallo Michael,
    danke für deine Aufmerksamkeit zu meinem Beitrag -
    die Rapsodia española für Klavier und Orchester von Albeniz existiert denke ich schon als Originalkomposition (Klavierfassung 1886, Fassung für Klavier und Orchester 1887) - der Halfbeniz-Komponist Cristobal Halffter hat neben Iberia auch für die Rapsodie eine neue Fassung geschaffen - vermutlich ist er dabei von der Klavierfassung ausgegangen.
    Gäbe es eben ein bisschen mehr Hingabe der Spanier an ihre Großen, hätten wir jetzt Aufnahmen verfügbar und könnten vielleicht auch von den zumindest 232 Werken Albeniz'(Chants d'Espagne trägt die Opuszahl 232, ich weiss nicht wie weit das Opusverzeichnis reicht) mehr hören. Das traurige Dasein der Zarzuela wäre in einem anderen thread eine Erörterung wert.
    Ich bin vielleicht nicht objektiv, da ich in Spanien lebe und immer krankhaft mit der österreichischen Traditionspflege vergleiche, sehe ich
    die Dinge zu kritisch. Du hast da sicher den sachlicheren Blickwinkel und musikalisch mehr Hintergrund. Ich finde es aber schön, dass sich der thread entwickelt und nun ausgerechnet ein Deutscher (Nichtspanier jedenfalls, denn die kürzen Cristobal nicht mit Ch. ab :D) und ein Österreicher abwägen, ob in Spanien genug für Albeniz & Co getan wird. Wo sind die Spanier, die es ja angeht, in der Diskussion ? :boese2:
    Vielleicht in ihren eigenen Klassikforen, es täte ihnen gut ... :yes:
    Saludos Stentor

    ein unverständlicherweise kaum eingespieltes Albéniz-Werk ist sein Klavierkonzert "Concierto fantástico" op.78, die letzte unter seinen 3 Kompositionen für Klavier und Orchester (nach RapsodÍa cubana, op.66 und Rapsodía española op.70).
    Ich besitze eine Aufnahme aus dem Jahr 1991 mit dem Orquesta de Valencia, Enrique Pérez de Guzman ist der Solist. Diesem Interpreten, dessen Namen ich genausowenig gehört habe, wie den des Dirigenten Manuel Galduf, muss man dankbar sein, dass sie sich der Komposition angenommen haben. Bei Amazon wird dieses Concierto fantástico inzwischen für nicht minder fantastische Preise angeboten

    Dass die Komposition nicht in der Hyperion Kult-Reihe "The Romantic Piano Concerto" erschienen ist, kann nur mit dem geographischen Abseits von Albéniz Heimatland zusammenhängen, dem man allenfalls Gitarrenkonzerte zuzutrauen scheint. Wirklich schade, denn Albéniz würde sich ja auch als Kuschelklassik nicht schlecht kommerzialisieren,
    wobei er sich in der allerbesten Gesellschaft (nicht der Hörer, sondern der Komponistenzunft) befände :D


    Ich fürchte aber, dass die magere Präsenz von Albéniz Werken, abgesehen von einer Handvoll Werken, nicht so sehr mit der mangelhaften Bedeutung seines Schaffens zusammenhängt, als dem etwas nachlässigen Umgang des spanischen Musikbetriebs mit dem eigenen musikalischen Erbe. Mein permanenter Browserabsturz beim Versuch auf die Webseiten der "Fundación Albéniz" zu gelangen ist da sicher nur ein unglücklicher Zufall oder hängt mit meinem spanischen ISP zusammen :baeh01:


    Hat jemand von Euch schon etwas von einer kritischen Gesamtedition seiner zahlreichen Werke gehört ?

    Ein weniger bekanntes Ensemble auf historischen Instrumenten ist das Ensemble Trazom



    das ist eine meiner liebsten Aufnahmen, die ich sogar der Einspielung durch Patrick Cohen, Erich Höbarth und Christophe Coin vielleicht vorziehe, obwohl ich deren Haydn Trios wirklich sehr schätze. Eines der Mitglieder im Ensemble Trazom, der Cellist Stefan Fuchs, hat in Basel an der Schola Cantorum Basilienses bei Christophe Coin Barockcello studiert.
    Sie spielen etwas zügigere Tempos und wenngleich die Stimmen nicht so perfekt ausbalanciert sind, wie bei Patrick Cohen &Co, sind ihre Trios musikantischer und etwas ruppiger, was der Musik gut bekommt.

    Kennt jemand von euch die Fassung für Streichorchester von Gustav Mahler ?


    Wir wollen ja nicht, dass die Quartettmusiker arbeitslos werden :rolleyes: aber manchmal ist eine Streichorchesterfassung ganz eindrucksvoll - z.B. die von Bernstein und den Wiener Philharmonikern mit Beethovens op.131 und 135. Kein Ersatz für ein Streichquartett aber immerhin ein crimen laesae maiestatis ersten Ranges und deshalb faszinierend

    Ich habe die Haydn Quartette erstmalig in Aufnahmen des Aeolian String Quartet kennengelernt, damals noch als Vinyl-Boxen und es sind mustergültige Aufnahmen. Später habe ich sie auch von einigen anderen Quartetten gehört, bis ich auf das Quatuor Mosaique gestoßen bin - und fast vom Stuhl gefallen wäre.



    Die Sonnenquartette sind für mich unter allen von Mosaique eingespielten Haydn-Quartetten die besten.( Ich habe sie alle nach und nach gekauft, so besessen war ich davon) Nr.2, 3 und 4 wurden 1990 aufgenommen, die Nr.1,5 und 6 erst im März 1992


    Das affettuoso e sostenuto (3.Satz des ersten Quartetts) ist ganz unvergleichlich, voller nostalgischer Zwischentöne und Klangschattierungen. Ein absoluter Gipfel an Klangkultur - nicht minder das op.20/2, das einen um Worte verlegen macht. "Hautgout" ist ein Begriff, der mir in etwa das bezeichnet, was diese Musik so einzigartig macht. Ich weiss nicht, ob Haydn es so gemeint hat, vielleicht ist diese liebevolle Klangmalerei auch ein Abweg - dann stünden ja immer noch Aufnahmen auf modernen Präzisionsinstrumenten zur Verfügung um uns wieder zur Ordnung zu rufen.


    Ein weiteres Quartett mit Aufnahmen auf historischen Instrumenten
    ist "The Revolutionary Drawing Room" mit sehr ansprechenden Einspielungen von Donizettis Streichquartetten, die bis heute im Schatten seiner Opern recht unbekannt geblieben sind




    Ich kann sie bestens empfehlen, wenn man an frühromantischer Kammermusik interessiert ist - vieles an Donizettis Quartettstil erinnert an Schuberts Quartette, zumindest die aus der Zeit vor dem Rosamunden-Quartett.

    Meine erste und die mir bisher einzig bekannte Einspielung ist die von Tatjana Nikolajeva aus dem Jahr 1992.



    Da sich mein intellektuelles Verständnis für musikalische Zusammenhänge sehr in Grenzen hält, kann ich der Musik nur insoweit folgen, als sie mich emotionell anspricht. Auf dem Konzertflügel bestünde vielleicht die Gefahr, dass Bach verromantisiert wird, aber es erleichtert den Zugang für den Laien. Ich empfinde dann die Interpretation von Tatjana Nikolajeva als eine Meditation, in der die Musik selbst sprechen darf und sie tut dies auf eine Weise, die in Worten nicht beschrieben werden kann. Es scheint dann überhaupt nicht so wichtig, ob man den einzelnen Stimmen der Fugen folgen kann und ihre Veränderungen richtig analysiert. Nebenbei bemerkt - die Kunst der Fuge gehört für mich zu den Werken, die man nicht oft und nur in bestimmten, ganz besonderen Momenten hören kann. Und es sind sicherlich ganz wenige Werke, die dann eine so starke Wirkung ausüben.

    Hallo Barockbassflo,


    in der Brilliant-Box ist nur das erste Arensky-Trio, dafür auf den 4 CDs noch viel anderes. Trotzdem verlockend, wenn Du nicht gerade auf Arensky fixiert bist und selbst dann finde ich seine Klavierwerke interessanter, z.B. das Klavierkonzert op.2 und die herrliche Fantasie op.48



    Das gehört aber nicht mehr hierher :stumm: für die "obskuren" Russen, wie es auf englisch so schön heisst, gibts ja irgendwo einen eigenen
    thread