Beiträge von Thomas Knöchel

    Innerhalb meines pastoralen Portfolios (Antonini, Goodman, Hogwood, Järvi, Karajan 60er und 80er, Kegel, Norrington LCP (!), Toscanini, Wand NDR (!) und Zinman ist mir diese hier

    Evgeny Mravinsky, Leningader Philharmoniker, 1982


    mit Abstand die liebste. Nicht weil er einen wie auch immer ‚guten‘ oder gar ‚perfekten‘ Beethoven spielt (das kann ich eh nicht beurteilen), sondern weil mich die Klangfarben, die Mravinsky generiert, immer wieder aufs Neue begeistern.
    Eine Aufnahme aus 1982 mit einem schlanken (und trotzdem vollen), sehr klaren und transparenten Klangbild sowie gradlinig vibratolos gespielt (erinnert mich vom Klang bisserl an Norringtons Stuttgart-Sound). (Speziell) die Flöte, Oboe, Klarinette und Fagott offenbaren durch die transparente Technik ihre hinreißenden Klangfarben. In den langsamen Sätzen zeigt sich auch der so wunderbare, silbern funkelnde und so oft betörende „russische“ Klang. Toll. Kein Detail geht verloren, wie bei so vielen anderen Aufnahmen ( zB die im letzten Drittel des zweiten Satzes so traumhaftgespielten nach oben kaskadierenden Fagotte und Klarinetten).
    Eine echte Gute-Laune-Aufnahme.

    Ich denke, der Mechanismus, der hier abläuft bzw abgelaufen
    ist, ist der gleiche wie er auch in der Wirtschaft im jedem klassischen Produktlebenszyklus
    zu finden ist: Ein Produkt kommt auf den Markt, ist – da neu – erfolgreich. Es
    weckt dann bei der Konkurrenz Begehrlichkeiten, weitere Produkte mit den
    gleichen Features überschwemmen den Markt und es wird abgesahnt und Geld verdient.
    Dann kommen neue – oft branchenfremde - Firmen mit Produkten, die dem ursprünglichen
    nur noch ähnlich sind und die die Kern-Benefits dieser besonders herausstellen
    wollen. Und es wird – meist üblich – kräftig übers Ziel hinausgeschossen und alle
    Möglichkeiten werden ausgelotet. Der Markt ist groß, unersättlich, willig und dadurch
    ergiebig. Alle wollen was vom Kuchen haben. Irgendwann gibt’s dann einen Relaunch
    des ursprünglichen Produkts, dieses zeigt dann quasi noch mal die Messlatte auf – meist
    zum angepassten Preis - und nach und nach relativiert sich der gesamte Markt, bis man –
    auf einem anderen Qualitäts- und Preis-Level – quasi wieder beim „Ursprungsprodukt“
    angelangt ist.


    Genauso läuft/ lief es auch in unserem Fall ab: Ein paar
    Musikspezialisten (Harnoncourt, Hogwood, Gardiner uvm…) bringen ein
    revolutionär neues Produkt auf den Markt – nämlich (zB) eine Beethoven-Sinfonie
    in HIP-Manier. Die Hörer und die Szene sind begeistert und stürzen sich auf das
    neue ungeheuerliche Produkt. Mit der Zeit erscheinen weitere vergleichbare
    Einspielungen auf dem Markt; alle in leicht unterschiedlicher Auffassung und Sichtweise,
    aber alle mit dem Anspruch, dem Original noch n Stück näher zu sein. Die Szene
    spielt irgendwann verrückt und es drücken immer neue, bis dato völlig unbekannte Musiker
    (Orchester und Dirigenten) auf den Markt; viele sind vielleicht gerade aus diesem
    Marktsog heraus erst gegründet worden und bieten ihre musikalische Sichtweise –
    die meist immer radikaler wurde (reduzierte Klangkörper, extreme Tempi, ,
    fremdartige Stimmung, maniriertes Musizieren) dar … oft bis hin zur (je nach
    persönlichem standing) Unkenntlichkeit oder Persiflage des Werkes.


    Parallel dazu setzt eine Art Back-to-the-Roots-Bewegung ein … klassisch moderne Orchester
    machen sich die Erkenntnisse der Pioniere zunutze und produzieren Einspielungen, die beide
    Welten zu vereinen versuchen(Norrington als erstes genannt). Inzwischen spielen wieder
    sehr viele altehrwürdige klassische Orchester - erst die kleineren, dann zunehmend auch
    die etablierten Großen - ihren Beethoven, wie sie ihn vor 20 oder 30 Jahren gespielt haben.
    Klassisch, aber halt mit dem „neuen“ Wissen im Hinterkopf. Entstaubt, weniger verzopft und
    irgendwie „frischer“. Gut, ein Thielemann geht dann doch gleich zwei Schritte zurück und
    frönt einem ganz anderen Ideal.


    Ich denke, in weiteren sagen wir mal 20 Jahren hat sich die HIP-Bewegung selber entbehrlich
    gemacht und es wird kaum noch neue Ensembles und Einspielungen dieser Art geben. Wenn,
    dann loten sie weitere Epochen aus – in Sachen Beethoven (um beim Beispiel zu bleiben)
    wird wohl nichts „neues“ kommen. Moderne Orchester werden hier wieder das Sagen haben.
    Wie in meinem Produktzyklus-Beispiel oben wird man auch hier wieder zum „Ursprünglichen“
    zurückkehren – auf einem anderen Niveau. Davon bin ich fest überzeugt.


    Interessant ist m. E. auch, dass alle Einspielung der HIP-Pioniere schon gut oder knapp dreißig
    Jahre auf dem Buckel haben und – auch wenn es diese Orchester teilweise noch geben mag –
    man im Laufe der Jahre keine neuen Einspielungen zu hören bekam. Es waren „Eintagsfliegen“
    (ist gar nicht abwertend gemeint), die zur richtigen Zeit das richtige getan haben. Moderne
    Orchester bemühen sich alle paar Jahre um einen neuen Zyklus. Schade, dass man von Ensembles
    wie der Academy of Ancient Music, den London Classical Players, den English Baroque Soloists,
    The English Concert oder – mein großer Favorite – der Hanover Band heute nichts mehr Aktuelles
    hören kann. Hätten sie heute noch was (neues, aktuelles) zu sagen? Spannende Frage…


    Die vielleicht spannendste aller Fragen für mich ist:
    Waren sie – langfristig gedacht - vielleicht nur eine (notwendige) Episode?


    Edit: Ich wurde seinerzeit mit Aufnahmen von Hogwood, Norrington, Gardiner und Pinnock „klassisch“
    sozialisiert. Viele der bis dato erhältlichen Aufnahmen waren mir – obwohl ich ja gar keine Ahnung hatte –
    zu betulich und zu maniriert. Die Frischzellenkur der HIP-Päpste wirkte wie ein Türaufschlagen auf
    mich – als Purist war mir sofort klar, das klingt ja alles viel „lebensechter“ und „näher an der Sache“.
    Passender einfach (Mozart war damals noch mein musikalischer Hausgott). Das hat mich begeistert und
    so bin ich, bis heute was klassische Musik angeht, hiervon geprägt. Auch wenn ich natürlich mittlerweile
    (zu 100% Dank Tamino übrigens) auch Herren wie Böhm und Karajan sehr viel abgewinnen kann – sie
    sogar momentan vielleicht sogar ganz oben anstelle – so freue ich mich immer wieder, wenn ein HIP-
    orientiertes Orchester eine neue Einspielung vorlegt. Von „besser“ oder „näher dran“ oder einer Wertung
    überhaupt rede ich dann allerdings nicht mehr. Ich genieße beide Pole.

    Hallo Tastadur,


    Dank Dir für Deine hochinteressanten Hintergrundbericht. Als Nichtmusiker hört man ja von der Problematik recht wenig. :)



    Hallo Wolfgang,


    ich hab mir nun in den vergangenen Wochen und Monaten eine Unzahl an CDs gekauft oder augeliehen, bei denen es mir um die in diesem Thread geschilderte Thematik geht. Und ich kam und komme aus dem Staunen nicht mehr heraus….


    Russisches
    Was mir durch die Namen Svetlanov, Mravinsky, Kondrashin und auch Rozhdestvendsky auf der einen, Namen wie Staatsorchester der USSR, Großes Radio & TV-Sinfonieorchester, Akademisches Sinfonieorchester der USSR, Orchester des Kulturministeriums der USSR, Leningrader und Moskauer Philharmoniker, Orchester des Bolshoi-Theaters Moskau aus den Jahren 1960-1980/85 so alles auf den Plattenteller gekommen ist, ist von ihrer Klangwirkung in der Tat unbeschreiblich. Am augenfälligsten ist der „Effekt“ tatsächlich bei russischem Programm, das wie gemacht für dies Orchester scheint. Vor allem die Bläser, die ja letztendlich die Klangwirkung erzielen, klingen signifikant anders als heute und der Musik und ihren Eigenheiten mehr gerecht werdend (Soweit ich mal gelesen hab, sind die russischen Versionen von Oboe, Klarinette und Horn an uralte historische Vorbilder (zB das Hirtenhorn aus der Region Vladimir, oder das Goozli) angelehnt, deren typischer Klang zwar weiterentwickelt, aber doch weitgehend beibehalten wurde).
    Allzu Bekanntes wie die Rachmaninov’schen Sinfonien und sinfonischen Dichtungen, eine Sheherazade,
    Prokofievs „Klassische“ Erste (!), Stravinskys Balette profitieren ungeheuer von den klanglichen Gegebenheiten (die aber zugegebenermaßen nicht immer ein Luxusklangbild bieten)und nicht zuletzt „braucht“ die typisch russische Musik Borodins, Glazunovs, Balakierevs, Arenskys usw geradezu diesen Klang. Auch Tschaikovsky unter Mravinsky oder noch mehr unter Svetlanov hört sich einfach spannender und authentischer an. Auch Shostakovichs Musiksprache schreit förmlich nach diesem Klang.
    Auch wenn „unterm Strich“ zB die Rachmaninov-Einspielungen unter Ashkenazy in der Gesamtbeurteilung (Interpretation UND Klang) die zeitgemäßeren und vielleicht auch „besseren“ sind, so kommen sie doch, was die Stimmung angeht, nie und nimmer an die alten USSR-Aufnahmen ran. Es fehlt schlichtweg was.


    Selbst Beethoven oder Wagner – oder wie kürzlich erst erstanden – Mravinskis Alpensinfonie erklingen hier in einem herrlich „anderem“ Licht. Auch wenn dies sicher nicht Aufnahmen sind, die im Kontext der ganz „Großen“ mithalten können.


    Leider gibt es diesen Klang nicht mehr....



    Böhmisches/ Tschechisches
    Mindestens genau so augen- bzw ohrenfällig sind die „alten“ Aufnahmen mit den Vaclavs Smetacek, Talich, Neumann sowie Karel Ancerl und den Tschechischen Philharmonikern oder dem Sinfonieorchester Prag. Musik aus Böhmen und Mähren mag ich gar nicht mehr mit anderen Orchestern hören. Da die Musik der Meister Dvorak, Smetana, Janacek, Novak, Ryba, Suk uvm – wenn auch vielleicht nicht unbedingt gewollt – typisches Lokalkolorit in ihrer Musik pflegen, bedarf es fast dieses alten Klanges der genannten Orchester. Am deutlichsten wird dies mE an Dvoraks Sechster unter Smetacek, Dvoraks Neunter unter Ancerl, Dvoraks Sinf Dichtungen unter Talich. Die Liste ließe sich endlos weiterführen. Janaceks Sinfonietta oder Taras Bulba gibt es sicher in zwingenderen Aufnahmen, aber in keiner kommt das mährische „Gschmäckle“ so rüber wie bei Ancerl. Die genannte Auflistung ist natürlich vollkommen unvollständig. Ich (ich!) brauche keine Aufnahmen mehr aus Cleveland, aus London oder von mir aus Hollywood, soviel sicher berechtigte Meriten diese auch haben.
    Auch wie die Tschechischen Philharmoniker der 1960er bis 1980er Jahre zB Mozarts Bläserkonzerte (Smetacek!), Beethovens Violinkonzert (Konwitschny), Stravinsky, Tschaikovsky, R. Strauß oder selbst Lalo (mit Ida Haendel!) zum Klingen brachten, lässt aufhorchen. Das macht einfach Spaß und Laune. Fast hätte ich die höchst faszinierenden Einspielungen der Sinfonien Gustav Mahlers vergessen. Vaclav Neumann und Karel Ancerl haben hier großartiges geschaffen und auf ihre Art klangfarbige Maßstäbe gesetzt.


    Solch einen Klang gibt es - leider, leider - auch hier nicht mehr. Die heutigenTschechischen Orchester können hier nicht mehr ansatzweise mithalten.



    Frankreich
    In den vergangenen Monaten konnte ich mein Repertoire auch Dank Tamino auf Debussy, Ravel, Franck, Chausson, Ibert und all die anderen Franzosen ausweiten. Gekauft hab ich mir dann die (preiswert erhältlichen) Sammelboxen von Martinon und seinem Orchestre de Paris sowie (via unserer Stadtbibliothek) das nahezu vollständige (französische) Portfolio von Ernest Ansermet (dessen Orch de la Suisse Romande ich mal zu den französisch geprägten Orchestern zähle). Auch Michel Plassons Einspielungen mit dem Toulouser Orchester ist mittlerweile reich vertreten. Auch hier zeigt sich ein völlig anderer Orchesterklang als die weiter oben genannten Russen oder Tschechen. Allerdings kann ich diesen Klang nicht so in Worte fassen. Aber im Vergleich mit internationalen Spitzenaufnahmen hört man, dass es hier irgendwie „französischer“ (was immer das auch sein mag - aber bei dieser Musik hab ich eher Gusto auf einen Pastis als auf einen Wodka oder Becherovka :P ) klingt. Der Klang wird der Musik und ihrer Sprache erheblich gerechter.



    Skandinavien/ England usw
    Hier konnte ich, obwohl ich auch Musik aus diesen Ländern sehr gern höre, noch keine orchesterklanglichen Unterscheide ausmachen. Vielleicht liegt es an der Tatsache, dass ich kaum ältere (und eben noch nicht international geprägte) Einspielungen habe. Aus Barbirollis oder Sanderlings Gustav-Mahler-Einspielungen aus den 19060er und 1907er Jahren mit den BBC-Orchestern kann ich keinen „speziellen“ Klang heraushören. Gibt es diesen? Was macht ihn aus?


    Ein typischer „nordischer“, sprich skandinavischer Orchester-Klang ist mir auch noch nicht aufgefallen. Die Aufnahmen, die ich besitze sind alles jüngeren Datums und somit vermutlich mit international angelegten Orchestern eingespielt.Auch wenn sich die Werke mit dem Sinfonieorchester Lathi unter Osmo Vanska schon bisserl anders anhören. Aber das sind ja auch jüngere Aufnahmen.



    Rumänien/ Armenien
    Eine Besonderheit ist sicher die Musik George Enescus, die es ja in einer Reihe hochkarätiger Aufnahmen gibt. Man denke nur an die Rumänischen Rhapsodien unter Dorati, Rozhdestvensky oder Ormandy. Aber, was das orchestrale Kolorit angeht, sind die Einspielungen der Sinfonien, der Suiten und der Rhapsodien mit der Philharmonia Moldava unter Alexandru Lascae aus Mitte der 90er Jahre was Besonderes. Nun ist die Philharmonia Moldava sicher kein Spitzenorchester und man hat alles schon „geschmeidiger“ und prägnanter gehört. Aber die Stimmung, die dieses Orchester in dieser Musik verbreitet, ist schon klasse; das Tempogefühl des Dirigenten vermutlich „authentischer“. Es gehört einfach zu dieser Musik. Einen Tick besser schafft das noch das Radio- und TV-Orchester Rumänien unter dem großen Constantin Silvestri aus den 1960er Jahren.
    Auch das Armenische Philharmonische Orchester unter der Leitung von Loris Tjeknavorian ist sicher kein Eliteorchester und in gewisser Weise vielleicht entbehrlich, aber auch sie vermögen es, der Musik Aram Katchaturians ein gewisses Kolorit aufzudrücken, der dieser Musik und der lokalen Stimmung sehr gut tut. Auch die Sinfonien Kabalewskis können sie gut in Szene setzen.



    Wie gesagt, ausmachen konnte ich noch keinen typischen englischen, skandinavischen, spanischen (auch wenn das Kastillische Sinfonieorchester Leon oder das Symphonieorchester Asturien die Werke Rodrigos würdig und ausgesprochend passend und farbig in Szene setzen können (Naxos Spanish Classics)), und vor allem keinen typisch „deutschen“ (?!) oder gar italienischen Orchesterklang. Hier wär ich über ein paar Informationen der Fachleute hier sehr dankbar.


    Grüße aus dem sommerlich-heißen München
    Thomas

    Eine Pretiose der besonderen Art fand ich kürzlich für 1 Euro auf einem Münchner Flohmarkt:


    Eine Alpensinfonie“ mit dem Leningrad Philharmonikern unter Evgeny Mravinsky. Eine Melodiya/ Olympia- Aufnahme der Serie "The Mravinsky Legacy" von 1962. Eine Abbildung kann ich leider nicht finden.


    Faszinierend. Gar nicht mal so der Hochdruck-Mravinsky, den man sonst kennt. Er nimmt sich für die Erklimmung gut 54 Minuten Zeit – das sind immerhin 10 Minuten mehr als Solti braucht (nur Zdenek Kosler braucht noch ne Minute länger). Mravinsky besteigt hier nicht die Alpen, sondern er durchquert den ganzen Ural in seiner vollen Breite. Mächtige Stellen mit herrlichem russischem Blech wechseln sich mit unglaublich zarten und innigen Dahinschlender-Passagen und Orientierungsphasen ab. Ab und an verirrt sich Mravinsky im Gestrüpp und muss erst wieder nach dem Weg suchen (da macht sich das sehr gemächliche Tempo halt doch bemerkbar), aber alles in Allem kann man diese herrliche Wanderung richtig genießen.


    Die Aufnahme kann ihr Aufnahmedatum 1962 nicht ganz verleugnen, auch wenn es sich unterm Strich besser anhört als man vermuten lässt. Klar fehlt das für dieses Werk so notwendige Fundament der tiefen Töne und klar sind manche Diskant-Passagen ein bischen allzu grell (nicht interpretatorisch, sondern aufnahmetechnisch), aber alles in allem ist es eine herrliche UdSSR-Aufnahme dieses Klassikers.


    Als „Zugabe“ gibt’s noch den Trauermarsch aus der Götterdämmerung, der uns zeigt, wie man den Ring in der UdSSR 1978 so gesehen haben mag.


    Um diesen Ort ranken sich die Sagen der Gründung der Stadt Prag (literarisch u.a. von Grillparzer in "Libussa" verarbeitet). In diese Sagenzeit gehört auch der Barde Lumir, dessen Harfenklänge das Werk eröffnen. Historisch verbürgt ist, daß im 11. Jahrhundert dort ein König auf der Festung residierte. Heute ist von der Festung nichts mehr zu sehen; dort befindet sich nun u.a. eine Kirche mit Friedhof, auf dem berühmte tschechische Persönlichkeiten ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Bei meinem Prag-Besuch habe ich auch diesen Friedhof besucht und nach einiger Suche die Gräber von Smetana und Dvorak gefunden.


    Viele Grüße,
    Pius.


    Just for information: Neben den bereits genannte Großen Antonin Dvorak und Bedrich Smetana liegen unter (vielen) anderen auch


    der Komponist Zdenek Fibich, die Dirigenten Karel Ancerl, Vaclav Smetacek, Raphael Kubelik, Zdenek Chalabala, Franticek Stupka sowie der Konzertmeister Bruno Belcic.


    Ein wahrlich magischer Ort, wie ich erst kürzlich während meines Prag-Besuches feststellen konnte. Ein Besuch ist absolut empfehlenswert.

    Der Auflistung von Norbert vom Mai 2005 …

    Gut, dann habe ich -quasi als Einstieg- auch einmal eine Frage bzw. ein Anliegen:
    Rafael Kubelik hat "Mein Vaterland" mindestens viermal für die Schallplatte bzw. CD eingespielt: Zu Anfang der Stereoära mit den Wiener Philharmonikern (Decca), 1971 mit dem Boston Symphony Prchestra (Deutsche Grammophon), 1984 mit dem Symphonieorchester des Bayer. Rdfs. (Orfeo) und 1990 mit der Tschechischen Philharmonie Prag (Supraphon).


    … möchte ich gern noch eine dazugeben, die ich kürzlich aus den USA (für 10 $) erhalten hab:

    Raphael Kubelik und das Chicago Symphony Orchestra.
    Monoaufnahme von 1952. Mercury Living Presence.


    Ein zwar recht gut zu durchhörendes, aber dennoch der Technik der Zeit geschuldetes Klangbild (nicht sehr verfärbungsarm). Ansonsten typischer CSO-Sound. Kubelik als 36jähriger in seiner Sturm-und-Drang-Zeit. Kein must-have, aber eine feine Zugabe zu meinem vorhandenen Portfolio.

    Ich versuchs mal mit meinen Worten. Ich denke, eine klangtechnisch gute Aufnahme versucht die Parameter Klangfülle – Klangfarbe - Transparenz – Detailreichtum – Räumlichkeit – Prägnanz – „Luft“ – Atmosphäre – „Natürlichkeit“ adäquat unter einen Hut zu bekommen. Das gleicht aber sicher meist der Quadratur eines Kreises, da sich einige dieser Parameter unter Umständen bisserl gegenüberstehen. Schiere Klangfülle muss vielleicht mit mangelnder Transparenz erkauft werden, Räumlichkeit mit Prägnanz, satte Klangfarben und Natürlichkeit können vielleicht auch schwer unter einen Hut zu bekommen sein. Vielleicht!


    Ganz gut lässt sich dies m E an den Sinfonien Gustav Mahlers (die hab ich halt gut im Ohr) festmachen, die ja allesamt ziemlich unterschiedliche klangliche Präferenzen haben: Soltis Einspielungen sind voller Klangfülle, weißen aber recht wenig Räumlichkeit auf. Chaillys Aufnahmen strotzen vor Klangfarben, haben aber bisweilen durch die starke Verwendung von Stützmikrophonen dasselbe „Problem“. Sonderlich "natürlich" klingen die m E nicht. Inbals Denon Aufnahmen sind ein Wunder an Räumlichkeit, was aber mit einer Einschränkung in Sachen Detailreichtum, Prägnanz, Klangfarbe und Natürlichkeit erkauft wird. Bernsteins DG-Aufnahmen klingen recht natürlich; man spürt förmlich die Luft, die über allem liegt. Aber mir kommen die Klangfarben bisweilen recht „verweißlicht“ vor. Ältere Aufnahmen unterliegen zusätzlich schlicht technischen Gegebenheiten. Mitropoulos‘ Achte ist (für die Zeit!) ein Wunderwerk an Transparenz und Durchhörbarkeit, man muss aber systembedingt bei Parametern wie Klangfarbe und Räumlichkeit Abstriche machen. Das ließe sich alles sicher weiter fortsetzten…


    Alle Aufnahmen sind aber irgendwie „gut“ hörbar und damit „gut“ und ich wollte auf keine der entsprechenden Vorzüge verzichten. Das macht ja auch die "Persönlichkeit" einer jeden Aufnahme aus. Wäre Soltis Mahler der gleiche (im standing), wenn er mit dem Klangbild sagen wir mal Inbals eingespielt worden wäre?


    Das „Absolute“ würde sich vermutlich eh nicht manifestieren lassen, auch wenn heutige Aufnahmen dem vielleicht immer näher kommen. Zusätzlich werden an Kammermusik-Aufnahmen sicher andere Ansprüche gestellt wie bei Klavierwerken, Konzerten oder Oper. Da kommen schon die unterschiedlichen persönlichen Dispositionen und auch das entsprechende Equipment zum Tragen. Insofern ist mein Versuch auch nur ein sehr persönlicher, man darf es gern auch anders sehen.


    Eine interessante Frage ist z. B. auch, inwiefern die Eigenheiten der jeweiligen Klangqualität einer Aufnahmen in die Bewertung einer Interpretation (!) Einfluss haben.

    Hallo Wolfgang, Hallo Accuphan,


    das mit dem Shostakovich ist klar ein Fehler; hab mich da im Eifer den Gefechtes vertan. Spaß beiseite, ich wollte nur mal gucken, ob Ihr aufpasst 8)
    Wolfgang, klar hab ich die Roshdestvensky-Einspielung auch und absolut betrachtet ist diese sicher die „bessere“ Aufnahme. Daran wollte ich mit meiner Nominierung auch keinen Zweifel hegen. Bei der Nennung meiner Fünf hatte ich mich an Alfreds Hinweis gehalten:


    „Zitat: …Wenn ich hier "vorbildlich schreibe, dann meine ich Aufnahmen die sowohl in Interpretation, als auch in tontechnischer Hinsicht "beachtenswert" sind - Es geht hier jedoch nicht um "die Besten" Aufnahmen - sondern um sehr gute - wir sind hier nicht bei einer Olympiade… Zitat Ende“.


    Und auch seine hierin enthaltene Forderung „…die sowohl in Interpretation, als auch in tontechnischer Hinsicht "beachtenswert" sind…“ bezieht sich – so wie ich das verstanden hab - aufs Naxos-Portfolio. Und innerhalb diesen finde ich (ich!) die genannte Carmen-Suite eine ausgesprochen gelungene Aufnahme. Gerade die Transparenz dieser Aufnahme macht sie (für mich!) so spannend. Innerhalb des Naxos-Portfolios ist sie sicher ganz weit oben angesiedelt. Und ganz sicher gibt’s selbst für die „beste“ Naxos-CD noch eine bessere „draußen“. Meine Meinung, sorry; man muss sie ja nicht teilen. Wär auch nicht zielführend bei der Fülle der guten Naxos-Aufnahmen.


    Also, ich bin ganz bei Dir in Sachen standing Roshdestvensky/ Kuchar. Ich denke nicht, dass wir uns deshalb in die Haare kriegen werden. :hello:


    Beste Grüße aus dem heute sonnig-warmen München
    Thomas

    Oh, bei NAXOS gibt’s tatsächlich ne Menge echter Pretiosen. Bei mir liegen ziemlich oft im Player:


    Jules Massenet „Orchestersuiten“ (2 CDs) – relativ unbekannte Musik (nicht mal in Tamino genannt) – herrliche Landschaftsbilder. Echte Empfehlung.
    Scènes pittoresques - Scènes napolitaines - Scènes de féerie - Scènes Alsaciennes - Scènes hongroises - Scènes dramatiques - Hérodiade - Suite 1.


    Gabriel Faure „Requiem“ – eine unglaublich ätherische Aufnahme mit einer traumhaften Lisa Beckley (Sopran).


    Chang Chen und Zhanhao He „The Butterfly Lovers“ – genialische Kombination fernöstlicher und westlicher Musiktraditionen.
    Ein Meisterwerk in einer blitzsauberen Einspielung.


    Stellvertretend für die gesamte Serie“ Spanish Classics“ (Asturisches Sinfonieorchester/M Valdés und Sinfonieorchester Kastillien und Leon/ MB Darman) –
    Das Oeuvre von Rodrigo in launigen Einspielungen – das Klavierkonzert ganz oben auf.


    Dmitri Shostakovich „Carmen Suite“ – unglaublich transparente Interpretation dieses wundervollen Stücks.


    Jan Jakub Ryba „Böhmische Weihnachtsmesse“ – herrliche Interpretation dieses böhmischen Klassikers (bzw Barockers) – gefällt mir fast noch n Tick besser als Smetaceks Einspielung.

    Interessanterweise nutze ich längere Autofahrten, um mir für mich schwer zu fassendes Musikmaterial „gefügig“ zu machen. Das funktioniert wunderbar. Ich erinnere mich noch, wie ich vor so 2 Jahren mit dem Auto nach Hamburg unterwegs war und auf der Hinfahrt fünf oder sechs mal hintereinander Mahlers 6. lief. Fakt ist ja, dass man im Auto kaum richtig konzentriert hören kann und diese (weil man immer wieder abgelenkt ist) immer nur zur Häflte mitkriegt , aber so nach dem Prinzip „steter Tropfen“ finden sich dann irgendwann die Melodiestränge im Hirn zu dem gewollten Ganzen. Auf der Rückfahrt war dann Mahlers 5. dran.


    Manchmal, bei ruhigen und entspannenden Nachtfahrten, liegt dann auch mal eine CD mit zusammengeschnittenen Andante- und Adagio-Sätzen von Mozart oder Dvorak im Player. Aber meist höre ich im Auto auf Kurzstrecke eh nur Nachrichten-Sender.

    Lieber Wolfram,


    auch Dir Danke für Deinen input. Mit „überbordendem Orchesterklang“ meine ich aber nicht zwingend „fetzig“ – mir geht’s da eher um die schiere Klangwirkung. Es darf da schon eher elegisch zugehen.


    Deine Anregungen nehm ich natürlich auch gern auf und ich bin sicher, dass mich da die MSB gut bedienen kann (ich hab ja schon öfter mal postuliert, dass die extrem gut sortiert sind). Ich muss mich halt erst mal an den schütteren Klang der kleineren Ensembles gewöhnen.


    Beste Grüße
    Thomas

    Der hört Bach-Kantaten sowie Quartette von Beethoven und Haydn und die kannst Du Dir dann noch die Ewigkeit lang anhören... :D


    Hast Du dir nie mal ein Beethoven-Quartett oder Brahms-Trio angehört?
    Ich habe ja selber blinde Flecken, aber ich werde nie verstehen, wie jemand deren Sinfonien schätzen kann, ihre Kammermusik aber völlig oder weitgehend ignoriert. Oder Dvorak. Seine letzten beiden Quartette und das spätere Klavierquintett ziehe ich allen seinen Sinfonien vor.


    Hallo Johannes,
    leider werden wir erst dereinst im Nirwana erfahren, was der gute Herr da oben wirklich hört :)


    Ich gesteh auch reumütig, dass meine Ignoranz gegenüber der Kammermusik meinem bescheidenen Geist geschuldet sein mag. Ich mags gerne grob, ich mags deftig und ich mags ausladend (zumindest was die Musik angeht). Spaß beiseite, ich hab natürlich schon das eine oder andere mal in Quartette oder Trios oder so reingehört (ich hab ja durchaus einige solche von Mozart oder Beethoven zuhause), aber es hat sich bislang nie der zündende Funke eingestellt. Klingt für mich alles irgendwie wie ‚Qualle in Aspik' :stumm: Keine Ahnung, woran das liegen mag. Vielleicht bin ich durch (überbordenden) Orchesterklang tatsächlich bisserl versaut. Aber – wie gesagt – ich hab ja noch ein paar Jährchen vor mir und so bleibt mit dann u.U. ein weites, jungfräuliches Betätigungsfeld.


    Mit den (letzten) Dvorak-Quartetten hast mir aber jetzt schon bisserl den Mund wässrig gemacht und ich verspreche, mich baldmöglichst darum „zu kümmern“. Neugierig bin ich ja schon. Und bei der schon erwähnten Stadtbücherei fallen mir immer wieder die Einspielungen des Panocha-Quartetts in die Hände. Ein Zeichen?


    Herzlichst
    Thomas
    aus dem gerade ziemlich gewittrigen München

    In meinem Regal stehen etwa 800 CDs mit klassischer Musik (+ ca 200 Pop- und Rockmusik, aber meist aus früheren Zeiten). Dazu noch ca 200 CDs aus der Stadtbücherei auf den iPod überspielt. Heute höre ich zu 98% klassische Musik.


    Mein Focus ist seit Jahren ist eindeutig auf symphonische Musik (Instrumentalkonzerte, Sinfonien, Symphonisches allgemein) gerichtet – Musik von gut 150 Komponisten tummelt sich da in meinem Portfolio. Um es noch weiter einzugrenzen ... genau genommen sogar nur die Zeitspanne Klassik bis Spätromantik. Hier finde ich (dank der Stadtbibliothek, die das ohne ein finanzielles Desaster ermöglicht) immer wieder spannende Sachen. Nicht nur (für mich) neue Komponisten , sondern auch lohnende Einspielungen aus bekanntem Repertoir (wie weiland vieles mit den (alten) Tschechischen Philhamonikern (Talich, Ancerl, Smetacek, Neumann), den Orchestern aus der UdSSR (Svetlanov, Rozhdestvensky, Kondashin …), Ansermet mit Französichem …). Hier gibt’s so unendlich viel zu entdecken. Vieles, was nach mehrmaligem Hören Bestand hat, wird dann als CD erworben.


    Auf der Strecke geblieben sind deshalb seit Jahren die Bereiche Barockmusik, Oper und Klavier, und auch die im vergangenen Jahr zart erblühte Pflanze zeitgenössische Musik ist mangels Pflege (und echtem Interesse) wieder eingegangen.


    Vollkommen unterbelichtet ist bei mir (immer noch – und da wird sich vermutlich auch nicht so schnell was dran ändern) das weite Feld der Kammermusik. Hier hab ich (bis auf ein paar uralte Einspielungen wie das Forellenquartett und die Rossinischen Streichersonaten) überhaupt keine Berührung und keinen Zugang.


    Aber so hab ich mir ja für die Zukunft noch einiges aufgespart. Vielleicht kommt mit der Altersweisheit der Zugang zu Neuem. Und wenn ich dereinst den Löffel abgebe, ohne die Beethoven‘schen Streichquartette oder Brahms’schen Klaviertrios gehört zu haben … hm, macht nix. Der liebe Gott hört eh nur Mahler und Bruckner und wird mir sicher verzeihen :pfeif:

    Seinem weichen Violinton bin ich seit einiger Zeit verfallen ... diese Einspielungen stehen bei mit derzeit hoch im Kurs und sind eine unbedingte Empfehlung wert:




    Oh je ... wer (richtig) lesen kann, ist doch irgendwie im Vorteil :pfeif:


    Hallo Uwe,


    Dank Dir für die Aufklärung meines Lapsus'. Emil T... war für mich sofort gleichbedeutend mit Emil Tabakov. Tchakarov kenn ich überhaupt nicht.
    Also: Kommando zurück ... mein Statement bleibt bestehen, aber ich ersetze Tabakov durch Tchakarov. Eine Schmälerung der Qualitäten der Einspielung ists ja gottlob nicht.


    Herzliche Grüße
    Thomas

    Bruckner im Gewande Tchaikovskis …


    Eine ausgesprochen interessante Interpretation fand ich in


    Emil Tabakovs Einspielung der Vierten Bruckner.


    Tabakov ist mir ja spätestens seit meinem Hineinhören in seine Gustav-Mahler-CDs in äußerst positiver Erinnerung.


    Hier nun ist eine Aufnahme der Vierten mit den Leningrader Philharmonikern aus 1977 zu hören.
    Unüberhörbar in bestes russisches Klanggewand getaucht und (somit) nah an Tchaikovsky angelehnt. Tabakov lässt sich recht viel Zeit die Sätze zu entwickeln (19:03 – 14:27 – 10:05 – 20:25) – allerdings hab ich keinen Hinweis auf die verwendete Version (ich selber hab die Unterschiede auch nicht so auf dem Schirm). Ein majestätisches Klangbild, sowohl was das Orchesterspiel als auch die Klangtechnik angeht. Schmetterndes Blech, sinnliches Holz und sonore Streicher lassen Bruckner neu erleben. Obs eine (im absoluten Sinne) konkurrenzfähige Interpretation ist, weiß ich nicht, Laune macht sie jedoch.


    Das Gute: für Lau unter abruckner.com (Downloadofthemonth) downzuloaden.

    Mehr der Vollständigkeit halber, da noch nicht genannt und ich das Werk, obwohl mehrfach vorhanden, zu wenig „kenne“:


    Josef Suk unter Franz Konwitschny und den Tschechischen Philharmonikern aus 1962

    Josef Suks Ton macht einfach süchtig; die der Tschechischen
    Philharmoniker eh. Eine wunderbare, weiche, klangliche ausgezeichnete und
    zeitlich recht ausladende Einspielung (24:52 – 11:29 – 9:44). Ich bin mir jetzt
    nicht sicher ob das noch Beethoven ist, aber es hört sich wunderbar an.
    Als Dreingabe gibt’s noch die beiden Romanzen mit Suk und Semtacek (1970).
    Und alles für n Appel und n Ei am Marketplace. Unbedingte Kaufempfehlung.

    Hallo Wolfgang,


    das mit den Download-Möglichkeiten letztes Jahr hab ich gar nicht mitbekommen... Schade.
    Ich hab mir die beiden Einspielungen gekauft, da Svetlanov (auch Dank Deiner Ausführungen hier) bei mir zur Zeit (unter anderen) hoch im Kurs steht und ich auf seinen Zugang höllisch gespannt bin. Ob er aber - da die Aufnahmen ja eher aus seiner Spätzeit stammen - die ungeheure Wucht von Rachmaninov 2, der Sheherazade oder gar dem Sacre beigbehalten hat, blaub ich aber fast mal nicht. Interessant ist, dass die beiden CDs im Marketplace von AMA-USA verlockend preiswert zu haben waren. Mal gucken, vielleicht schieb ich ja andere nach....

    Die Münchner Abendzeitung, ein Boulevardblatt mit ambitioniertem Feuilleton-Teil, hat gestern folgenden Bericht gestellt. Recht erhellend, wie ich finde:


    Der Egomane geht.


    "Bei Bruckner und Richard Strauss ist er der Beste. Auch bei Brahms,
    wenn er sich nicht gerade fahrig in Einzelheiten verliert. Sein
    pathetischer Beethoven ist aus der Zeit gefallen, wirkt aber dennoch in
    sich stimmig. Instrumentalsolisten und Sänger trägt er wie auf Händen.


    Christian Thielemann ist einer der aufregendsten Dirigenten unserer
    Zeit. Er lässt niemanden gleichgültig und spaltet Konzertgänger in
    entschiedene Anhänger und wütende Verächter. Sein Repertoire ist auch
    längst nicht so beschränkt, wie seine Gegner glauben: Richtig aufregend
    wurde es, wenn er Tschaikowskys „Pathétique”, Schönbergs „Pelleas” oder
    „Verklärte Nacht”, Schreker oder zuletzt Mahler dirigierte.


    Dass er München verlässt, um Musikchef der Dresdner Staatskapelle und
    Oper zu werden, ist künstlerisch ein Verlust. Allerdings hat er hier
    nicht nur dirigiert: Er war auch städtischer Generalmusikdirektor mit
    Letztverantwortung über die Münchner Philharmoniker. In dieser Rolle war
    Thielemann eine Katastrophe.


    Weil er Brahms, Bruckner, Beethoven und Richard Strauss für sich
    vorbehielt, wurde es zunehmend schwer, angesehene Gastdirigenten zu
    finden. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ist hier
    mittlerweile viel besser aufgestellt, weil Mariss Jansons von seinen
    Musikern nicht bedingungslose Gefolgschaft fordert, sondern jenen
    Freiraum gewährt, den ein Orchester zur künstlerischen Weiterentwicklung
    braucht.


    Thielemann riss alles an sich, übernahm aber andererseits auch keine
    Verantwortung im mühevollen Tagesgeschäft. Er verirrte sich auf
    Seitenpfaden wie szenischen Opern mit dem Orchester in Baden-Baden, die
    vor allem seiner Karriereplanung dienten. Auf Reisen mit den
    Philharmonikern hatte er wenig Lust, obwohl gerade dieses Orchester
    Gastspiele braucht, um wieder die internationale Reputation zu erlangen,
    die seiner Qualität entspricht.


    Auch in die für die Zukunft der Musikstadt München entscheidende
    Konzertsaal-Frage mischte sich Thielemann kaum ein. Er hat es versäumt,
    den Verantwortlichen im Rathaus Zunder zu geben und die fälligen
    Verbesserungen der Gasteig-Akustik einzufordern. Er allein hätte die
    nötige Unabhängigkeit dazu bessesen, aber es war ihm in seiner Egomanie
    letztlich gleichgültig. Und so halten viele Stadträte und potenzielle
    OB-Kandidaten die Gasteig-Akustik nach wie vor für ein bürgerliches
    Luxusproblem.


    Der länger schwelende Machtkampf zwischen den Musikern und dem
    Dirigenten führte im Juni 2009 zum Bruch, als der Stadtrat auf Betreiben
    des Orchesters eine Vertragsverlängerung zu Thielemanns Bedingungen
    ablehnte. Es ist allerdings ungewiss, ob der es nicht absichtlich zum
    Eklat kommen ließ, weil ihn die von Fabio Luisi plötzlich im Stich
    gelassene Staatskapelle Dresden lockte. Es ist bezeichnend für
    Thielemanns seltsamen Stil, dass er erst nach dem Bruch mit dem
    Orchester allerlei philharmonische Missstände anprangerte, deren
    Beseitigung eigentlich seine Pflicht als Generalmusikdirektor gewesen
    wäre.


    Im nächsten Jahr sind die Philharmoniker ohne Chefdirigent. Dann
    folgen drei Jahre unter Lorin Maazel. Wenn dann der Werbespruch vom
    „Orchester der Stadt” endlich mit Leben erfüllt und nicht jeder Wunsch
    nach Erneuerung mit dem selbstgefälligen Hinweis auf hohe
    Abonnentenzahlen abgebürstet wird, war die Thielemann-Krise nicht
    vergebens.


    Hinterher wurden vor den Gasteig-Türen Autogrammkarten verteilt, den
    Sterbebildchen einer oberbayerischen Beerdigung nicht unähnlich. Dabei
    endete Thielemanns letztes Programm in schmetterndem C-Dur: Als Zugabe
    gab es die „Meistersinger“-Ouvertüre, aufgebretzelt mit ein paar mehr
    Trompeten als nötig, trotz sattem Klang durchsichtig und natürlich
    zuletzt bombastisch abgebremst, wie der scheidende Generalmusikdirektor
    es nun einmal liebt.


    Da kam im sonst zurückhaltenden Gasteig noch Jubelstimmung auf. Im
    Hauptprogramm dirigierte Thielemann Musik des Impressionismus. Die
    Riesenbesetzung mit16 ersten Geigen erzeugte beim „Nachmittag eines
    Faun“ eine seidige Weichheit, die zwar nicht jedermann mit französischer
    Musik verbinden würde, aber trotzdem zwingend wirkte, weil dem
    Flötisten und den übrigen Bläser-Solisten Luft zum Atmen blieb. In „La
    Mer“ steuerte der Dirigent allerdings etwas zu selbstverständlich auf
    die Fortissimo-Steigerungen zu, „La Valse“ tanzte rhythmisch ein wenig
    zu derb auf dem Weltuntergangs-Parkett.


    In den von Thielemann geliebten Burgunderklang wurde auch Mozarts
    Klavierkonzert KV 488 konserviert, ohne das dramatische Barrique-Note
    der Musik zu unterschlagen. Dem Solisten Radu Lupu war dies jedoch noch
    nicht altmodisch genug. Er ließ sich überhaupt nicht auf die vom
    Orchester ausgehende Innenspannung ein und ließ die Musik behaglich vor
    sich hinplätschern. Der Rumäne kann Schuberts oder Brahms’
    Einsamkeitsmonologe ganz wunderbar mit Melancholie erfüllen, aber er ist
    kein Teamspieler, weshalb sich sein Auftritt in erlesener Langeweile
    erfüllte."

    Nicht mal ein halbes Jahr nach meiner ersten Auflistung
    haben sich – analog zu William BA - meine Vorlieben (Dank Tamino!) teils signifikant verändert (man gestatte mir auch die Darlegung der "Gründe"):


    Mahler 2, 3, 4 bleiben auf jeden Fall bestehen … vielleicht verschiebet sich vielleicht die Vorliebe bei den Dirigenten.


    Bruckner no 7 bleibt ebenfalls bestehen. Derzeit no 1ist die Einspielung unter Gennady Rozhdestvensky und dem Staatsorchester der UdSSR. Ein russischer Bruckner, der die Kraft des Werkes auf eine für mich erfrischend „archaische“ Art darlegt.


    Rachmaninov no 2 unter Evgeny Svetlanov und dem Orchester des Bolschoi-Theaters Moskau. Irrsinnig, wie er es vermag, speziell die Streicher im Adagio immer weiter in den Wahnsinn hinauf zu schrauben. Gänsehautmusik. Hinreisende und faszinierend „andere“ Bläserklänge.


    Shostakovich no 5 unter Rozhdestvensky und dem Orchester des Kulturministeriums der UdSSR. „Sowjetische“ Sinfonik at its very best.


    Sibelius no 5 unter Hv Karajan (1965). Sensationell die klare und pointierte Aufdröselung der Melodiestränge. (Gleich dahinter übrigens eine Einspielung des (für mich!)recht ungekannten Gaetano Delogu und den tschechischen Philharmonikern aus 1980).


    Prokofiev no 1 classical unter Evgeny Svetanov und dem Staatsorchester der UdSSR. Ich höre eine vollkommen neue Sinfonie (was aber auch teils der recht halligenTontechnik geschuldet ist).Toll. Alternativ - im französichem Gewand - Lorin Maazel und dem Orchestre den National der France).


    Dvorak no 6 unter Vaclav Smetacek. Böhmische Klangkultur at its best. Wer die “alten” tschechischen Philharmoniker und ihren sensationellen Bläserklang in Reinkultur erleben möchte, dem kann ich diese Aufnahme nur ans Herz legen.


    Dvorak no 8 unter Mariss Jansons und seinen Osloer Philharmonikern. Toll, wie Jansons dem urböhmischen Stück einen nordischen Stempel aufdrückt, dass man meint, Mr Grieg himself hätte das Stück komponiert. Es passt tatsächlich - Extraklasse!


    Bereits Mitte der 80 kaufte ich mir diese Marriner-Platte, die lange meine einzige war, da für mich in den Folgejahren für einen Neukauf nur eine HIP-Einspielung in Frage kam. Diese gabs aber damals nicht, insofern war ich damit zufrieden.








    Erst kürzlich wurde ich im Rahmen meiner Karl-Böhm-Schwärmerei auf diese CD aufmerksam. Noch vor ein paar Jahre für mich undenkbar erfahre ich hier zwar einen leicht „antiquierten“ Mozart, der absolute Laune macht und in gewisser Weise auch heute noch als ein Maß-der Dinge gelten kann.







    Als ich mich in jüngster Zeit in alte tschechische Aufnahmen verliebte, fiel mit u.a. Diese aus 1949 mit Vaclav Talich in die Hände, die, wenngleich klanglich nicht auf der Höhe der Zeit, absolut und mit großem Genuss zu hören ist. Auf eine andere Art als Böhm auch irgendwie recht „betulich“, aber mit einer Grandezza, die einmalig ist. Fabelhaftes Spiel der tschechischen Philharmoniker. Große Empfehlung.






    Absolut von den Socken haute mich dann diese Einspielung unter Vaclav Smetacek und den Tschechischen Philhamonikern der losfetzt, als ginge es darum, der heutigen Konkurrenz rechtzeitig klarzumachen was Sache ist. Die Klangqualität ist absolut zeitgemäß. Oftmals recht großzügiger Umgang in der Melodieführung und vermutlich nicht immer sklavisch an den Noten festhaltend wird hier ein ausgesprochen launiger und kurzweiliger Mozart gespielt. Mittlerweise meine klare Nr 1. Und die alten tschechischen Bläser hatten halt einfach was….

    Abbado und die Berliner waren/ sind in der Tat eine Klasse für sich - der Finalschluß war phänomenal. Frau von Otter war sicherlich der bessere Part gestern abend; ein Vergleich mit den genannten Größen ist zwar gegeben, aber sicher nicht allumfassend "zulässig". Jonas sang das was er kann, nämlich Oper; und das war für diese Partie erheblich zu wenig (oder besser gesagt: zuviel!). Schade, so bleibt ihm die Goldene Zitrone als absolute Fehlbesetzung. Und das ist meine Meinung und nicht allgemeinverbindlich.