Beiträge von Hildebrandt

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    Original von Alviano
    - und Komponisten, die z. B. das Pech hatten, auf dem Altar der Reinheit des Blutes geopfert zu werden, die Musik gemacht haben, die einem absolut kranken Volksempfinden als "entartet" galt, auch heute noch unrehabilitiert bleiben müssten.


    Lieber Alviano,


    wollen wir das nicht lieber wieder ein bisschen tiefer hängen und nicht gleich die NS-Dämmerung beschwören?


    Aber im Prinzip gebe ich Dir völlig Recht.
    Lassen wir doch einmal nur die Quote entscheiden, was in den Opern- und Konzerthäusern geschieht. Dann werden die Verfechter der finaziell zensurierten Spielpläne bald einsehen, dass ihnen die ewigen Hansi-Hinterseer-Abende und Oktoberfeste auch nicht gefallen. Etwas anderes wird es aber nicht mehr geben, weil man damit nicht so viel Geld in die Kasse bekommt.


    In Deutschland haben Bund, Länder und Gemeinden den Auftrag der Kulturförderung. Allein dafür sollte man täglich mindestens dreimal dankbar sein, auch wenn es da genug zu bemängeln gäbe.


    Was passiert, wenn man nur noch den kommerziellen Erfolg zum Maßstab macht, sollten sich alle die vor Augen führen, die eine Absetzung einer missliebigen Inszenierung fordern.
    Lässt sich das nicht aushalten angesichts der Vielfalt und der künstlerischen Möglichkeiten, die mit unserem System – wenigstens halbwegs – garantiert werden?


    Und außerdem: Was da ausgegeben wird bzw. als Subvention vielleicht auch mal zum Fenster rausfliegt, hat im Vergleich zu anderen diskussionswürdigen Ausgaben wirklich Erdnusscharakter.

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    Original von miguel54
    Auf der hier vorgstellten CD sind die Zupfgeräte übrigens durchaus in Deinem Sinne eingestzt, lieber Berhard! :hello:


    Wobei das nun wieder Spielereien sind, die höchst eindrucksvoll das Können der Interpreten vermitteln, aber nun auch so ganz und gar keinen historischen Hintergrund haben. :D
    Dass Bernhard nicht von der Laute lassen will, kann man verstehen, es klingt ja auch schön.
    Aber gerade in Weimar und Köthen hat sich Bach um Tasten gekümmert, nicht ums Gezupfe.

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    Original von Ulli
    Komisch nur, daß es von Mozart keine Kompositionen für dieses Instrument gibt, wenn er doch ein solches angeblich besaß...


    Gerade bei den Klavierkonzerten soll es zum Einsatz gekommen sein, wobei Mozart selbst erheblich von dem abgewichen sein muss, was sich im Notentext findet.
    Und das "angeblich" kann man begraben. Er hat. Und es war der "über alles geliebte Flügel".


    Zitat

    Vielleicht kannst Du aus dem Buch einen kurzen Hinweis zur Beweisführung geben?


    Es werden zahlreiche Quellen zitiert, die keinen Zweifel am Vorhandensein und dem Zweck des Pedals zulassen. Halbwegs ordentlich beschrieben wird es sogar in einem Brief Leopold Mozarts an seine Tochter Maria Anna vom 12. 3. 1785: „...deines Bruders Fortepiano Flügel ist wenigstens 12 mahl, sei dem ich hier bin, aus dem Hause ins Theater oder in ein andres Haus getragen worden. Er hat ein grosses Forte piano pedale machen lassen, das unterm flügel steht und um 3 spann länger und erstaunlich schwer ist...“
    Dagegen hatte der Mozart-Flügel keine Pedale zur Aufhebung der Dämpfung oder einer anderen Mechanikbeeinflussung besessen. Für die Dämpferhebung gab es einen Handhebel links auf dem Stimmstock. Später sind wohl Kniehebel eingebaut worden, allerdings vermutlich erst nach Mozarts Tod.

    Zitat

    Original von Ulli
    Zwischen dem von Mozart verwendeten Pedalklavier und dem "Schumann'schen" Pedalflügel besteht ein deutlicher Unterschied.


    Während das von Mozart verwendete lediglich Pedale zur Steuerung der Dynamik hatte ...


    Das widerspricht deutlich den Ergebnissen, die man in
    "Mozarts Hammerflügel"
    von Angermüller & Huber (eds.), Mozarteum Salzburg, 2000
    findet.


    Danach besaß Mozarts Flügel sehr wohl ein eigenständiges, 'tonerzeugendes' Pedal. Die Beweisführung ist schlüssig und lässt anderslautende Spekulationen eigentlich nicht mehr zu.

    Zitat

    Original von zatopek
    Kennt jemand die Aufnahmen von Lindberg ?


    Die untere CD kann ich wärmstens empfehlen.
    Lindberg spielt souverän, wirkt aber immer ein bisschen distanziert oder vorsichtig, was hier vielleicht auch an der alten Dame liegt, die er in den Armen hält.
    Aber allein die Rauwolf-Laute ist das Geld schon wert: 400 years and still going strong. :D


    Die andere Aufnahem kenne ich leider nicht.

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    Original von rappy
    Ich glaube der Vergleich mit Bach hinkt, Strenge ist nicht gleich Strenge. Bei Bach ist zwar die Form streng konstruiert, die Harmonik hält sich aber im Wesentlichen an die Satzregeln der Zeit und ist für den Hörer relativ gut erfassbar.
    Denke ich jedenfalls.


    Bachs Harmonik ist für seine Zeit ziemlich revolutionär. Schönberg betrachtete Bach ja auch nicht als kontrapunktisches Vorbild, sondern als unerreichten Harmoniker.

    Zitat

    Original von zatopek
    Was hältst du von der anderen, ebenfalls schon gelesenen These, ihm sei das Veröffentlichen sogar verboten worden; klingt für mich noch etwas mehr nach "Räuberpistole".


    Das klingt nicht ganz so unwahrscheinlich. Solche 'Exklusivverträge' hat es hin und wieder gegeben.


    Zitat

    Das wird doch aber nicht alles sein ??


    Schon alle Cardin-CDs bestellt? :D


    Die hier ist auch sehr empfehlenswert:

    Die bekommt man gebraucht für kanpp 70, neu dagegen für 17,50 €. :no:

    Zitat

    Original von miguel54
    Aber was die Vorstellung einzelner CDs angeht, möchte ich Hildebrandt den Vortritt lassen


    Man ruft mich?
    Ich höre und gehorche. :D


    Vielleicht noch eine Bemerkung zum Thema "Gesamtaufnahme" bei Weiss:
    Das dürfte eine aussichtslose Unternehmung sein, denn bisher sind noch nicht einmal alle Manuskripte gesichtet, die bekannt sind.
    Die Herausgabe der Noten stottert so vor sich hin, und wir werden den Abschluss der Gesamtausgabe wohl kaum erleben.


    Alle Noten sind nur in Abschriften überliefert, und jede bessere Bibliothek Europas darf sich rühmen, ein Exemplar mit Weiss'schen Lautenkompositionen zu besitzen. Nur ist jedes mindestens etwas anders, und so wird ein Vergleichen und Sortieren zur Jahrhundertaufgabe.


    Die umfangreichsten Quellen liegen in London und Warschau, aber auch in Paris, Brüssel und sonstwo. Die schon von Bernd empfohlene Seite slweiss.de enthält unter dem Punkt "Auswahl MS" die derzeit bekannten Quellen und nennt die jeweiligen Inhalte. Schaut Euch das einmal an, und der Umfang der Arbeit wird Euch schnell deutlich werden.


    Nebenbei:

    Zitat

    Seine Werke sollten seine eigene Virtuosität herausstellen, und so behielt er sie für sich, wie später noch viel mehr Paganini und auch Mozart mit seinen Klavierkonzerten.


    Das halte ich für ein typisches Märchen aus dem 19. Jahrhundert. Weissens Kompositionen kursierten schon zu seinen Lebzeiten. Vermutlich wird er die horrenden Ausgaben für den Druck gescheut haben. Und außerdem schrieb er in Tabulatur, was damals schon eine Transkription in 'normale' Notenschrift nötig gemacht hätte, denn die Kenntnis des Tabulaturspiels war im Schwinden – ebenso wie die Beliebtheit der Laute überhaupt langsam abnahm.


    Eine wunderschöne CD ist diese hier:

    Hopkinson Smith hat nicht nur eine Weiss-Aufnahme gemacht, nur ist diese hier derzeit die einzige auf dem Markt. Es gibt ein oder zwei ältere, z. T. nur als LP herausgekommen, die ich noch bemerkenswerter finde.


    Wer mehr oder möglichst viel von Weiss in einer wirklich herausragenden Interpretation hören möchte, ist leider im Moment noch übler dran. Die Gesamtaufnahme des Londoner Manuskripts auf 12 CDs durch Michel Cardin gibt es nur noch in vertreuten Einzelstücken zu überhöhten Preisen bei den üblichen Verdächtigen.

    Eine Chance hat man aber, wenn man sich auf die Seite michelcardin.com begibt. Dort kann man eine ganze Reihe Ausschnitte hören und vor allem die CDs direkt beim 'Erzeuger' bestellen.
    Neben dem wunderbar ausbalanciertem Spiel Cardins sind auch die verwendeten Instrumente bemerkenswert, auf die er in den hervorragend gemachten Booklets einzeln eingeht.


    Daneben liegen noch viele andere ausgezeichnete Einspielungen vor, die jetzt aber endlich Miguel präsentiert. :D


    Und zum Schluss meinen Dank an Bernd: Es war wirklich Zeit, Weiss in den Adelsstand des Threadinhabers zu erheben. :jubel:

    Bei Julius Rietz schwingt sich die MGG zu Courths-Mahlerscher Größe auf:
    "Durch lebenslängliche Geldnöte, Krankheit und unglückliche Familienverhältnisse zermürbt und zum Trinker geworden..."
    :D


    Vermutlich sind das dieselben Aufnahmen, die es auch einzeln gibt. Jedenfalls entsprechen die Besetzungen einander vollkommen.
    Mit der Matthäuspassion hatte ich meine Schwierigkeiten und habe sie lange nicht mehr gehört, glaube aber, dass das mit Textverständlichkeit und eventuellen Akzentproblemen zu tun hatte. Die MP ist – glaube ich – auch die älteste Aufnahme von allen hier zusammengespannten, später wird es wesentlich besser mit dem Deutsch der Interpreten. Jedenfalls halte ich sie allesamt für hervorragend.
    Und für knappe 5 Euro pro CD kann man da wirklich nicht viel falsch machen.

    Kommen wir doch noch einmal zu den Cembalisten zurück, die hat Glockenton ja oben schon eingeführt. Außerdem kenne ich von denen einige Einspielungen, kann also ein bisschen vergleichen.


    Man kann sich aus einigen Quellen ein recht gutes und umfassendes Bild machen. Z. B. ist die generelle Spielweise mit Sicherheit kein Legato im klassisch-romatischen Sinn gewesen, allerdings auch kein abgehacktes Staccato, bei dem keine Note ihren Nachbarn kennt. Letzteres kam in älteren hip-Einspielungen – aber auch da schon als Extrem – hin und wieder vor.
    Mit aller Vorsicht: Es geht darum, die Noten so voneinander abzusetzen, dass jede ihr eigenes Gewicht behält, aber auch im Zusammenhang zu hören bleibt.
    Das ist kein Legato, aber noch weiter vom Staccato entfernt und entspricht wirklich am besten der überlieferten Bezeichnung des „ordentlichen Fortgehens“. Wo gebunden gespielt werden soll, stehen Bögen drüber.
    Wie das in der Praxis aussieht, hat unser Cellist weiter oben eindrücklich beschrieben.
    Und wie der Barockbogen ein solches Spiel fördert, fast fordert, so zwingen die alten Fingersätze den Tastendompteur zu dieser Spielweise: Erst spät (D. Scarlatti) kommt der Daumen als gleichberechtigter Finger auf die Tasten, der Daumenuntersatz ist eine kleine Revolution. Nun versuche man einmal, einen legatissimo-Lauf ohne Daumenuntersatz hinzubekommen – viel Vergnügen!
    Ein anderes Kapitel wäre der stumme Wechsel, der ebenfalls erst später Mode wird, um eben ein reibungsloses Legato zu erreichen. Verzichte ich auf Daumen und stummen Wechsel, komme ich zwangsläufig zu völlig anderen Phrasierungen, als sie später üblich und dann eben auch auf ältere Kompositionen angewandt wurden.
    Seltsamerweise ist das Thema ‚Fingersatz’ derzeit nicht mehr modern, und ich weiß nicht, ob man nicht ein paar der neueren Tastenlöwen verdächtigen sollte, dass sie auf dem Cembalo den Daumen fleißig benutzen, obwohl er eigentlich noch gar nicht vorhanden ist. :D
    Ähnliches gilt übrigens für das Pedalspiel auf der Orgel: Den Wechsel Spitze-Absatz gibt es im Barock nicht, dafür war die Tastatur auch gar nicht ausgelegt, gespielt wird nur mit der Spitze. Und auch hier ist der stumme Wechsel eine spätere Angelegenheit.


    Agogik und Rubato sind sicher auch Geschmackssache, aber wenn es überhand nimmt und das Metrum beständig ins Taumeln kommt, Pausen gedehnt, Phrasen beschleunigt werden, gerät auch der moderne Klavierlehrer in gerechten Zorn – mir fällt hier Miguels beinahe verzweifelte Suche nach einem ‚Italienischen Konzert’ ohne überdehnte Pause zu Anfang ein.
    Der oben schon genannte ‚Grundpuls’ muss das Maß bleiben, und wenn ich ihn beibehalte, bekomme ich nahezu automatisch den ‚Groove’ (falls ich nicht Valium-abhängig bin).
    Den wiederum darf man nicht mit dem ‚Tänzerischen’ verwechseln. ‚Ansteckende Rhythmen’, schön und gut, aber nicht jede Kirchensonate muss gleich zum Tanzvergnügen auffordern. Trotzdem war das eine Zeit lang auch eine der wichtigen Maximen, die auch völlig ungeeigneten Sätzen übergestülpt wurde.


    Und dann haben wir noch das Tempo an sich. So sehr ich Rousset oder Staier auch bewundere, es gibt Momente, da neigen sie zur Übertreibung und geben uns Affen ordentlich Zucker. Bei Sempé halte ich es manchmal schon für reine Akrobatik.
    Sicher heißt es über Bachs Spiel, dass er das Tempo für gewöhnlich recht rasch nahm (oder so ähnlich), aber nicht, dass er fortgesetzt am Rande des Schlaganfalls entlang spielte. Oft verliert ein Satz durch übersteigertes Tempo nämlich eher an Gewicht, als es der virtuose Eindruck wieder wettmachen könnte.


    Ein gut geeignetes Stück zur Überprüfung der ganzen hier zusammengeplauderten Aspekte ist für mich übrigens BWV 903, die Chromatische Fantasie & Fuge.
    Da ist in der Fantasie jede Pause exaktestens notiert, und jedes Notenfähnchen hat seinen Sinn (nicht nur den, dass der Takt auch aufgeht). Wenn es deklamatorisch werden soll, dann steht da auch „Recitativo“.
    Wird die Fuge zu schnell gespielt, verliert sie ganz schnell an Wucht und Nachdruck, zwei Charakteristika, die durch das Thema eigentlich vorgegeben sind. Sie ist auch im gemesseneren Tempo schwierig genug, man muss sie nicht als quasi-prä-Liszt exekutieren, um damit Eindruck zu machen.


    Aus alldem ergibt sich ja schon, wer mein Favorit sein müsste, wer am ehesten alle diese Kriterien erfüllt und dabei doch nie mechanistisch spielt, technisch keine Schwierigkeiten kennt, dass aber dem Publikum nicht andauernd auf die Nase binden muss und wessen kleine Marmorbüste ich hier bisweilen liebevoll abstaube:
    Scott Ross


    So, jetzt weiß auch Pius, wessen CDs er sich kaufen muss. :D


    Das erst einmal dazu.

    Buxtehude auf seiner eigenen Orgel:



    Bine Bryndorf mit der ersten Folge der Orgelwerke, gespielt auf der Orgel in der Marienkirche von Elsinore, wo Buxtehude 1660-1668 selbst Organist war.


    Allerdings ist der Klangkörper hinter der historischen Fassade 1995 von Marcussen möglichst stilgerecht neu gebaut worden und klingt trotz der nur 30 Register fantastisch.


    Bryndorf spielt in derselben Liga wie z. B. Foccroulle, manchmal vielleicht etwas lebhafter und zupackender.


    :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:

    Lieber Bernd!
    Damit kann ich jetzt schon viel mehr anfangen.
    Der Reihe nach:


    Zitat

    Original von Zwielicht
    Ich fände es interessant, wenn die im Forum schreibenden Kenner und Anhänger der historischen Aufführungspraxis darüber diskutieren würden, warum trotz der u.a. von Hildebrandt immer wieder nachgewiesenen Existenz von HIP schon lange, lange vor 1960 in vielen Postings explizit und implizit ständig von der Sattelzeit um 1960 ausgegangen wird und daraus recht weitgehende Schlüsse gezogen werden.


    Warum so oft die Zeit um 1960 für den HIP-Anfang gehalten wird, liegt vielleicht an der da einsetzenden breiteren Wirksamkeit über Rundfunk und Schallplatte – obwohl Leonhardt seine erste Einspielung der Kunst der Fuge auf Cembalo 1953 auf Schallplatte herausgebracht hat (klingt für uns heute sehr ungewöhnlich :D), und die Konzerte und Sendungen mit der Capella Coloniensis auch schon lange durchaus beliebt waren.
    Kurz und gut: Warum die 60er-Jahre für die Zeit des Aufbruchs gehalten werden, kann ich nur vermuten. Aber vielleicht wissen andere da weiter.




    Zitat

    ... Und wenn man diese Diskussionen beobachtet, ist es z.B. auffällig, dass gewisse User, die sonst kaum ein Blatt vor den Mund nehmen , ihre Abneigungen gegen bestimmte, sehr repräsentative Vertreter von HIP zwar kurz benennen (z.B. Gardiner, Herreweghe, Jacobs, wenn ich mich recht erinnere), die Gründe ihrer Abneigung aber im Dunkeln belassen ...


    Da kann ich nur für mich antworten, aber ich bin keine Fraktion.
    Über Gardiner streite ich mich gerne, da habe ich einiges auszusetzen. Allerdings kommt mir der Mensch mit Bach nicht mehr ins CD-Schubfach, von daher kenne ich auch nicht außerordentlich viel von ihm. Sagen wir mal so: Ich finde ihn als Dirigenten von Werken des 19. Jahrhunderts sehr viel kompetenter als bei seinen Barockeinspielungen.
    Ob wir jetzt hier Gardiner als Einzelposten diskutieren müssen? Außerdem wäre ich dann gezwungen, ihn mir wieder anzuhören...


    Bei Herreweghe liegt es wohl eher an mir, dass der Funke nicht überspringt. Mir kommt das häufig zu glatt und zu kalt vor. Das Collegium Vocale Gent ist ohne ihn sehr viel hörenswerter, finde ich.
    Jacobs hat für mich Höhen und Tiefen. Da kommt es immer auf die einzelne Einspielung an.
    Es gibt aber außerdem noch eine ganze Menge HIP-ler, an denen ich rummäkeln könnte... :D :stumm:


    Zitat

    - während als positiv befundene Aufnahmen oft so erfreulich wortreich bejubelt werden, dass man kaum umhinkommt, sie sich selbst zu kaufen.


    Es ist doch eigentlich ein guter Rezensentenusus, Gutes zu bejubeln und Schlechtes totzuschweigen. :pfeif:


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    Aktuelles Beispiel: die Reaktion auf die negative Rezension der Beyer-Incogniti-Einspielung der Bach'schen Violinkonzerte durch Herrn van Veen. Dieser wurde von Dir wörtlich als offenbar "ziemlich verknöcherter" HIPer bezeichnet, was zumindest die Existenz einer verknöcherten und einer unverknöcherten HIP-Fraktion nahelegt. Da würde man doch gerne mehr wissen!


    Miguel hat das ja ein bisschen weiter ausgeführt. Was für mich untrennbar mit HIP zusammengehört ist die Bereitschaft, sich als Interpret und auch als Hörer ständig in Frage zu stellen und sich nicht auf lieb gewordenen Gewohnheiten auszuruhen – auch wenn die Gewohnheiten einst von Leonhardt, Brüggen oder sonst einem Säulenheiligen gelehrt wurden. Im Gegensatz zu einigen ihrer Jünger sind selbst diese inzwischen alten Herren immer noch viel beweglicher in ihren Ansichten und haben ihren Wissensdrang noch nicht der Routine geopfert. Es gibt allerdings auch Gegenbeispiele.


    Zitat

    Ich esse gar keine Chips.


    Dann eben mit dem Gläschen Romanée-Conti in der Hand. :D


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    Und die Steinway-Hypothese und ähnliche Sprüche habe ich nie gebracht.


    Ich weiß, ich wollte auch nur ein bisschen abschreckend wirken. :D


    Zitat

    wo sind die Defizite, die Probleme, vielleicht sogar die Fehlentwicklungen? Ansatzweise ist ja einiges angesprochen worden, sehr interessant, wie z.B. Basso continuo oder Agogik vs. Nähmaschine. Aber ist das alles? Eine sachliche, aber kontroverse (!) Diskussion (natürlich keine Schlammschlacht) unter HIP-Kennern würde mich interessieren.


    Mich auch, aber eigentlich ist das ein schönes Thema für einen Kongress mit einem ganzen Haufen hochkompetenter Spezialisten, theoretischen wie praktischen. Für eine wirklich wasserdichte Argumentation auf Detailebene fehlen uns hier oft die Kenntnisse. Ich z. B. kann ein bisschen was zu Tasteninstrumentenfragen und zu musikhistorischen Themen allgemein beitragen, aber bei den Streichern bin ich schon froh, wenn ich weiß, wie sie gestimmt sind. Und ständig einen Barockgeiger anrufen, um hier mitzudiskutieren?
    Bleiben wir lieber auf unserem kleingewirkten Teppich und betrachten voller Freude die authentischen Mottenlöcher darin.


    Schöne Grüße


    Hildebrandt :hello:

    Lieber Bernd!


    Zitat

    Original von Zwielicht
    Außerdem müsst Ihr Euch wirklich einmal einigen, ob man über die Geschichte von HIP bis zu den 60er Jahren ganze Bücher schreiben kann und HIP eigentlich schon immer existiert hat - oder ob's eben doch erst in den 60ern anfängt.


    Wer muss sich mit wem worüber einigen? Beschäftigt man sich mit der Aufführungspraxis als solcher ein bisschen, fällt diese Aufforderung flach.


    Zitat

    Viel interessanter als die wirklich obsoleten HIP vs. Non-HIP-Diskussionen finde ich nämlich die Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen HIP-Fraktionen, auch wenn sie hier gerne ein wenig zugekleistert werden.


    Da schimmert aber die Unterstellung durch, HIP-ler müssten, auch wenn sie einander hassen, zusammenhalten gegen die Dauervibratofront. Klingt ja doch nach Verschwörung, mit Harnoncourt und Leonhardt im Templermantel voran. :D
    Aber ich lerne gerne: Welche HIP-Fraktionen kennst Du denn so?
    Wenn Du das ein bisschen näher spezifizieren könntest, wird es sicher niemand mehr zukleistern.


    Zitat

    ...Aber wenn ich auch mal einen Vergleich wagen darf: Niemand kommt darauf, die Museen zu leeren und die Werke mit aller Gewalt wieder in ihre ursprünglichen (sakralen, zeremoniellen etc.) Kontexte zu überführen, um sie tatsächlich "historisch" zu sehen.


    Bis hierhin kann man ihn vielleicht wagen, aber problematisch wird es schon mit einer Palestrina-Messe im Hochamt, womöglich noch im Petersdom.


    Zitat

    Das hat natürlich auch mit der praktischen Undurchführbarkeit eines solchen Vorhabens zu tun.


    Und hier sollte man ihn aufgeben, weil man es nicht einmal mehr mit Äpfel und Birnen zu tun hat.


    Zitat

    Man merkt aber schon an den seit Jahrzehnten ähnlichen defensiven Argumentationsstrategien, wie sehr diese Glaubenskriege von beiden Seiten eingeübt worden sind.


    Ein bisschen Ritual muss halt sein. :D
    Aber wenn Du ehrlich bist, wirst Du zugeben müssen, dass die wenigstens hier noch nicht stattgefunden haben. Außerdem gibt es sicher nicht nur einen Unterschied zwischen ‚Überzeugung’ und ‚Glaubenskrieg’.


    Zitat

    Wobei die HIP'ler ja inzwischen eher in der Offensive sind...


    Ja was denn nun? :D


    Zitat

    ... und auch nicht gerade zimperlich vorgehen: man zwinge mich nicht, aus dem Forum und anderen Quellen die zahlreichen Belegstellen rauszusuchen, in denen HIP unter- oder überschwellig mit einer ethischen oder moralischen Komponente verbunden wird.


    Dann zwingt man auch andere nicht, dasselbe unter dem Vorzeichen der ‚konventionellen’ Aufführungspraxis zu tun. Das liefe wohl auf ein Unentschieden hinaus.


    Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht, worauf Du mit alldem hinauswillst. Ein bisschen liest es sich so, als ob Du gerne wieder mal die Gladiatoren in der Arena hättest und mit den Füßen auf dem Tisch und der Hand in der Chipstüte Blut fließen sehen möchtest. Das glaube ich Dir aber auch nicht, also drück Dich doch bitte ein bisschen verständlicher aus.
    Wenn am Ende so ein bisschen – nur ansatzweise – so etwas wie eine klitzekleine (wir kennen unsere Grenzen :yes:) Bestandsaufnahme der historischen Aufführungspraxis dabei herauskommt, ohne dass die eigentlich ebenso unvermeidliche wie – pardon – dämliche Bemerkung fällt „Beethoven hätte bestimmt viel lieber auf einem Steinway gespielt“, dann haben wir doch schon mal was Neues hier erreicht.


    Können wir nun zum Thema zurückkehren?


    In diesem Sinne
    Hildebrandt :hello:

    Nur kurz zum Tempo:


    es gibt eine recht ausführliche Arbeit zu dem Thema. Leider weiß ich Autor und Titel nicht auswendig, reiche das aber demnächst nach.


    Danach bewegen sich die heutigen hip-Tempi etwa im Rahmen dessen, was auch damals üblich war. Wobei es natürlich auch zu jenen Zeiten schnellere und langsamere Zeitgenossen gab.


    Nachdem Glockenton hier schon eine gewaltige Vorlage – vor allem zum Aspekt der Klangrede – geliefert hat, lassen sich ein paar Nachbarthemen ergänzen.


    Da ist einmal die Klangfarbe, bedingt natürlich durch die Verwendung entsprechender Instrumente bei angemessener Spielweise. Aber als Ergebnis bekommt man zusätzlich eine andere Balance sowohl im Ensemble als auch im Solo. Klangfarben in der Alten Musik speisen sich aus Obertonsprektren, die sehr viel umfangreicher sind als bei späteren Instrumenten – auch bei gleicher Benennung.
    Wenn man sagt, dass die Klangfarben damals das waren, was heute die Dynamik ist, geht man nicht ganz falsch (auch wenn's natürlich ein bisschen hinkt).


    Eine zweite Sache, die noch gar nicht richtig bis in die letzten hip-Winkel vorgedrungen ist, betrifft den Generalbass. Selbst heute wird oft noch ein dreistimmiges Geklingel exekutiert, das ja nicht die Oberstimmen übersteigen darf – und das von Viadana bis CPE Bach.
    Einmal wird der B. c. wesentlich stabiler und bestiimmender für den Klang gewesen sein, als viele sich das denken.
    Und zum anderen gibt es in der Musikhistorie kaum etwas differenzierteres als die Handhabung des B. c. – von 1580 bis 1780 und von Neapel bis St. Petersburg.
    Haben wir nach dem musikalischen Barock das Primat der Oberstimme, beherrscht bis in die Mitte des 18. Jhs. (und auch ein bisschen darüber hinaus) der Bass und der darauf aufbauende mehrstimmige Continuo-Satz das Feld.


    Es gäbe noch eine ganze Reihe weiterer Themen, über die man sich Gedanken machen könnte – Ensemblestärken, Verzierungstechniken, Affektenlehre etc. –, aber das schreibt jetzt wieder mal jemand anderes.

    So, meine Schreibtischanlage ist wieder vollständig. :D


    Frau Frisch mit Herrn Rameau:



    auf einem Original-Hemsch von 1751.


    Das Instrument klingt wunderbar, Frau Frisch spielt exzellent, nur die Theatralik und Spannung von Christie oder Pinnock in seiner neuen Aufnahme erreicht sie nicht ganz.


    Drei
    :jubel: :jubel: :jubel:
    müssen genügen.

    Zitat

    Original von audiamus
    Hausdurchsuchung, angeordnet vom Wachtmeister von Aachen?


    :D


    Für Andersgläubige:
    Elisabeth besucht die Jungfrau Maria
    aus dem Marienleben, einem Tafelbildzyklus, dessen Maler namentlich nicht bekannt ist und der deshalb mit dem Not(nagel)namen "Meister von Aachen" auskommen muss.
    Näheres im Dommuseum zu Aachen.


    Jetzt (!) ist Audiamus dran.