Wie ich heute Nacht bei dem Versuch einer Beschreibung der Aufführung feststellen musste, fehlt mir dazu nicht nur Alvianos Blick für das Detail, sondern auch seine phänomenale Erinnerungsgabe, denn wähjrend der Aufführung Notizen machen wollen wir beide nicht. Außerdem verliere ich mich immer all zu schnell im Detail. Ich bitte daher um Verständnis, wenn ich die beabsichtigte kohärente Schilderung der Abläufe ihm überlasse und mich hier auf weitere Gedankensplitter in Antwort auf einige aufgeworfene Fragen beschränke.
Zunächst einmal grundsätzlich. M. E. gibt es an die Beurteilung einer Aufführung nur zwei wesentliche Fragen:
1. Gefällt mir, was ich da zu sehen und zu hören bekam oder nicht?
Anders gefragt: bin ich durch die Kunst der Darbietenden in einen besonderen Genuss der Kunst derer gekommen, die das Werk geschaffen haben und habe ich menschliches Können auf einer nicht alltäglichen Ebene erlebt, die mir selbst nicht gegeben ist?
2. Hat mich das, was ich da zu sehen und zu hören bekam, in irgendeiner Weise weiter gebracht?
Anders gefragt: hat die Aufführung meinem Verständnis des Werkes und der darin oder anlässlich davon aufgeworfenen Fragen weiter geholfen oder mir gar sinnvolle Gedanken erschlossen, die mir ohne sie nicht gekommen wären?
Beide Antworten widersprechen einander nicht zwangsläufig, aber wir erleben auch hier oft genug, dass die zweite Frage für viele gar nicht relevant ist. Dass die einen Bieito ablehnen, ist nur konsequent, auch wenn man das ziviler audrücken kann als durch Kotzmännchen. Wer also nur auf eine befriedigende Antwort auf die erste Frage Wert legt, wird an der Aufführung allenfalls die rein musikalische Dimension schätzen, die anscheinend in allen Kritiken einhellig und, wie ich finde, ungeachtet kleiner Abstriche, die fast immer unvermeidlich sind, mit sehr viel Grund gelobt wird.
Bieito hingegen scheint sich für die erste Frage überhaupt nicht zu interessieren. Wenn man ihn, was jeder bei jedem ausführenden Künstler erst einmal tun sollte, ernst nimmt, muss man ihn an der Antwort auf die zweite Frage messen, und da kann er meiner Ansicht nach erheblich punkten ohne - jedenfalls mich - vollauf zu befriedigen. Dass er aber viele konstruktive Fragen aufwirft, zum Teil auch befriedigend und fast immer - da bin ich ganz bei Mela - spannend beantwortet, lässt sich schon der bisherigen Diskussion entnehmen, die im Wesentlichen erfreulich konstruktiv verläuft. Ich jedenfalls habe Gluck noch nie so anregend erlebt.
An meinem eigenen Beispiel: Gluck war bislang für mich ein hochachtbarer, enorm kunstvoller Komponist, der mich aber nur in kleinen Teilen seines Werkes berühren konnte, weil mir seine bahnbrechende Abkehr vom rein kunstvollen Virtuosentum hin zur menschlichen Identifikation mit dem Schicksal seiner Helden zwar große Hochachtung einflößte, seine Errungenschaften mir aber von seinen Nachfolgern viel überzeugender nahe gebracht wurden. So konnte ich zum Beispiel Mozarts oder Berlioz' Bewunderung Glucks stets nachvollziehen, aber nur ausnahmsweise nachempfinden, weil sie für mich ganz wesentlich über ihn hinaus führten und mich im Gegensatz zu seinem Vorbild wirklich zu berühren vermögen. Mag sein, dass das daran liegt, dass ich zu oberflächlich höre, aber das Schicksal teile ich offenbar mit der Mehrheit, denn anders ist es nicht zu erklären, dass nur sein Meisterwerk mit den großen Hits (und kostengünstigen Inszenierungsmöglichkeiten) immer wieder gespielt wird, während seine anderen Werke bis heute eher ein Nischendasein fristen müssen.
Dass es mir diesmal anders erging als z.B. trotz hoher musikalischer Qualität der Aufführungen viele Male bei ORFEO ED EURYDICE, ist nicht nur das Verdienst Junghänels und seiner Sängerriege, sondern vor allem das Verdienst Bieitos, der einen mit der Nase und fast allen Sinnen darauf stößt, worum es in diesem Werk wirklich geht. Das nenne ich eine gelungene Entstaubung, auch wenn er in vielem kontraproduktiv arbeitet, weil er nicht umhin kann, jedes Element des Werkes in Richtung seiner persönlichen Obsessionen zu treiben und dabei den Text und die Musik grob missachtet, weil er nicht nur interpretiert, sondern sich selbst in den Vordergrund drängt. Die Negierung der Aussagekraft der Ouvertüre durch die Überlagerung mit seiner Vision, die er später nur auswalzt, ist nur der dräuende Anfang davon. Ich finde das sehr schade, denn er beweist in vielen Details, dass er seine Vorlage sehr genau studiert hat und auch angemessen zu inszenieren vermag.
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Original von Fairy Queen
Die für mich entscheidene Frage bleibt doch : inwieweit lässt sich Bietos Interpretation an der Musik verifizieren?
Ich würde nicht nur die Musik, sondern durchaus auch den Text in diese Fragestellung mit einbeziehen, denn dessen Qualität schätze ich höher und finde ich auch aktueller als Mela. Das schon von Lully (viel distanzierender) vertonte Libretto Philippe Quinaults, das Gluck in bewusster Herausforderung seines großen Vorgängers fast unverändert vertonte, ist nämlich ein Meisterwerk sui generis, und es will mir nicht einleuchten, dass man - immerhin - die Musik heute als sakrosankt betrachtet, während der Text zum beliebigen Abschuss durch wildernde Regisseure widerspruchslos freigegeben ist. Damit will ich nicht den erzkonservativen Bebilderern das Wort reden. Natürlich wollen Texte interpretiert und nachvollziehbar in die heutige Zeit projiziert werden. Wir verstehen nun einmal nicht ohne Weiteres mehr, wie revolutionär seinerzeit das Frauenbild war, das Quinault hier hinstellte, und es macht Sinn, das hohle Heldentum des Rinaldo mit allen verfügbaren Mitteln zu entlarven. Es macht aber für mich keinen Sinn, die verzweifelnde Armida, die sich nicht einmal entblödet, sich Rinaldo als Sklavin und Schutzschild anzudienen, urplötzlich zur verzweifeltn Rächern mutieren zu lassen, die dem "perfiden Rinaldo" die Weichteile zerschießt, mit denen er sie - wohlgemerkt nur in Bieitos Lesart - besiegt hat. Um die ging es nämlich entgegen Bieitos durchgegangener Fixierung nicht, schon gar nicht so vordringlich, wie er das zu verbildlichen suchte.
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Wenn ich das richtig verstehe, setzt Bieito hier auf ein Liebesverständnis, das die Geschlechterverhältnisse erst umkehrt, um sie dann am Ende wieder "ins richtige Lot" zu rücken.
Frauenmacht = sexuelle Unterwerfung der Männer, wird am Ende durch emotionale Unterwerfung durch den Mann und männliches Heldentum zerstört.
Machthungrige und liebesunfähige Femme fatale wird mehr oder weniger brutal bekehrt um dann am Ende doch mit lerren Händen dazustehen.
Nach dem Motto: selbst schuld- wer den Hass anruft und nicht auf die Liebe vertraut bzw sich nciht vertrauensvoll und ohne Vorbehalte hingeben kann, hat eben Pech gehabt.
Liebe gibt es entweder ohne Netz und doppelten Boden oder gar nicht.
Bitte verbessern, wenn ich das falsch verstanden habe, ich habe ja nur eure Beschreibungen.
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Kurz und knackig in einen Aphorismus gebracht- was will diese Auslegung von Glucks Armide uns sagen?
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Ich sehe das anders, und wiederum anders als Bieito. Hier findet kein Geschlechterkampf statt, denn den hat Armida schon in zwei Stufen gewonnen. Der eigentliche Kampf ist einer, den Armida allein mit und in sich selbst ausficht. Auch sie will lieben und geliebt werden können, aber ihr genügt es nicht, die Liebe von einem Willenlosen zu bekommen, der ihr nicht gewachsen ist. Sie spürt aber, dass nicht einmal Rinaldo ihr gewachsen ist, denn sein hohles Heldentum im Dienste der Allgemeinheit ist nur die zwanghafte Verbrämung ungezügelter Rauflust. Wie Parsifal kann er nicht erkennen, welch eine Aufgabe, aber auch welch ein Geschenk ihm da angeboten wird, in diesem Fall eine unendlich große Liebe. Wenn er von seinen Kumpanen erlöst wird, die ihre eigenen Schwächen nur überwinden können, weil der jeweils andere deren Verkörperung abtötet, dann nicht für einen höheren Zweck, sondern um sich so blindwütig und rücksichtslos wie eh und je in neue Raufereien stürzen zu können.
Armida verzweifelt also nicht etwa an Rinaldos Stärke, geschweige denn, dass sie ihm unterliegt, sondern an der Unmöglichkeit ihrer eigenen Sehnsucht, nachdem sie einmal erkannt hat, dass sie sich selbst untreu würde, wenn sie sich dem Hass anheim gäbe. Statt dessen sucht sie ihr Heil in der Zauberei, merkt aber, dass ihr eine Marionette ihrer Sehnsucht auch nicht genügt. Deshalb zerstört sie ihren Palast und ist Bieitos Schluss der eigentliche Verrat an dem Werk, und zwar in Text und Musik, das er zuvor in nicht immer befriedigender, aber doch stets faszinierender Weise erschloss.
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Gibt es die verliebte Armide und den verliebten Rinaldo, die an ihr Glück zumindest eine Zeitlang glauben?
Gluck als reiner Brutalo und drastischer Zertrümmerer von Liebesgefühlen geht m.E. an grossen Teilen seiner musilkalischen Aussage vorbei. Wie ist dieser Widerspruch gelöst? F.Q.
Weder Gluck und Quinault noch Bieito sind "drastische Zertrümmerer von Liebesgefühlen". Diese Gefühle scheitern im Grund an sich selbst, denn sie verlangen eine Unbedingtheit, zu der allenfalls Zauberinnen imstande sind (und auch da erfahren wir nie, wie lange). Was Bieito auf sehr drastische Weise inszeniert, ist die Veräußerlichung dieses Konfliktes, der naturgemäß kaum sichtbar und deshalb nur gewaltsam zu veräußerlichen ist. Dass Bieito das über weite Strecken vor allem im Mittelteil auch gelingt, macht die eigentliche Qualität seiner Inszenierung aus. Die "Übermannung" Armidas durch den - deutsch männlichen, französisch weiblichen - Hass in Form eines bisexuellen Ringens habe ich schon angesprochen, denn sie gehört für mich zum Überzeugensten des Ganzen. Eher misslungen fand ich die all zu konkrete Illustration des gemeinsamen Glückes, sei es durch die allgemeinen Kopulationsübungen oder durch die plumpe Symbolik der mit einer Schlange als überlebensgroßen Phallus suggerierten Faszination, die der glückselige Rinaldo auf ARmida ausübt. Da springt die Potenzfantasie des Regie führenden Macho doch weit kürzer als die in ihrer Subtilität weitaus wirkungsvollere Suggestionskraft Quinaults und Glucks.
Ansonsten gebe ich Ingrid und Mela in ihrem Lob auf die starken Szenen vor allem des dritten und vierten Aktes vollkommen Recht. Hier zeigt Bieito auf einmal, in der Tat vortrefflich unterstützt durch Maria Bengtsson, dass seine eigentliche Stärke eben nicht die platte Provokation, sondern die Erfassung des aussagekräftigen Details ist. Ob das nur möglich ist, weil er das in einen spektakulären Rahmen einbettet, darüber kann ich allerdings nur spekulieren.
Jacques Rideamus