Beiträge von ben cohrs

    Nun -- leider war die Kritik nicht ganz so gnädig.
    Rezensent Heinz Zietsch fand im "Darmstädter Echo":


    "Zweifellos, das Adagio ist der Höhepunkt von Bruckners Neunter. Braucht es da noch ein komplettiertes Finale? Denn Neues kommt jetzt eigentlich nicht mehr. Vieles wirkt wie ein Patchwork zusammengestückelt. Die Radikalität des Vorangegangenen wird im ergänzten Finale ins Feierlich-Monumentale zurückgenommen zum Choral, der eine Paraphrase sein könnte auf „Christ ist erstanden“. Dieses Finale hat allenfalls zu Bruckners Kern in den vorausgegangenen Sätzen geführt. In diesem Sinne ist Bruckner wieder auferstanden."


    Man sieht -- an den alten Klischees ändern auch solche Aufführungen offenbar leider wenig. Und bei Kritikern, die eingefahrene Hörgewohnheiten haben, allemal nicht.
    :untertauch:

    Liebe Finale-Freunde:


    Da diesbezüglich Fragen aufgetaucht sind, hier noch einmal vosichtshalber zur Richtigstellung -- bei der Aufführung der Neunten mit Finale am 21. (11.00) und 22. (20.00) September im Theater Darmstadt unter Stefan Blunier erklingen die ersten drei Sätze in der kritischen Neuausgabe von mir, das Finale im revidierten Nachdruck 2008 der SPCM-Aufführungsfassung, also in der Gestalt, in der das Werk 2007 auch von Daniel Harding aufgeführt wurde.


    Ich werde zu beiden Konzerten anwesend sein. Wer möchte, kann mich nach dem Konzert jeweils am Haupteingang des Theaters treffen.

    Es müßte übrigens "Mr. Beaumont" heißen; er ist Engländer.
    Ich kann mir nicht helfen: Seine Aufführung der Seejungfrau ist so viel flirrender, wasser-artiger und feiner als die bombastische Chailly-Lesart, die es für meine Ohren oft an Subtilität vermissen läßt... Derlei Überwältigungs-Versuchen wie dem Chaillys begegne ich ohnehin immer mit äußerster Vorsicht.

    Lieber Alfred: Weingartner hat das Fragment E-Dur D 721 vervollständigt. Die Partitur ist bei Musikproduktion Höflich (musikmph.de) in der Reihe Repertoire Explorer erhältlich. Allerdings ist dies eine von Weingartner gekürzte Version. Die im Ablauf vollständige komplettierung stammt von Brian Newbould, ist aber nicht ganz so musikantisch instrumentiert. Auf CD mit Marriner und Gabriel Chmura.
    D 721 ist jedoch nicht Bestandteil des Skizzenkonvolutes mit 9 Sätzen zu Sinfonien D 615, 708 und 936.
    Von D 936 gibt es eine "Einrichtung der Skizzen" von Gülke, eine vervollständigte Instrumentierung von Newbould sowie eine Neu-Instrumentierung auf Basis Newbould unter Einbezug des Scherzos D 708a von Pierre Bartholomée.
    Bezüglich der Frage von Stabia:
    Peter Gülke hat nicht nur eine instrumentierte Version bei Peters herausgegeben, sondern auch eine Transkription der Particell-Skizzen im Rohzustand. Das Material ist somit ohne weiteres im Notenhandel verfügbar.

    Nun erwarten wir mit Spannung Beethovens Klavierkonzert d-moll (nach der Neunten Sinfonie), Cajkovskijs Cellokonzert h-moll ("Patetique reloaded") und das "Dorische Flötenkonzert" von Jean Sibelius (nach der sechsten Sinfonie) ...
    :D
    Meine Güte -- wie viele Meisterwerke es doch noch gibt, die sich von würdigen Epigonen als halbgenialische Improvisationshalde ausschlachten lassen ...
    :untertauch:

    Hi Norbert! Demnächst erscheint meine ausführliche Rezension bei Klassik Heute. Daher hier nur eine Bemerkung zu den angeblich stimmigen Tempi:
    Im von Bruckner überwachten und 2004 in der Gesamtausgabe veröffentlichten Erstdruck gibt Bruckner eine Metronomangabe für den ersten Satz von Halben = 72 für ein sehr ruhig bewegtes "Allegro molto moderato".
    In der Erstfassung ist das Haupttempo des Kopfsatzes schneller, nämlich "Allegro". Frau Young kommt auf einen Durchschnitt von etwa Halben = 56 ...
    Man höre im Vergleich die neue Einspielung unter Roger Norrington (Hänssler), der den Charakter wesentlich besser trifft ...

    Der Vorwurf war schon konkret, ich hätte Hypothesen in die Welt gesetzt anstatt Fakten. Daher mein Hinweis. Der Symposiumsbericht ist übrigens inzwischen in Druck erschienen. Im Übrigen ziehe ich mich aus dieser Diskussion zurück. Weiterhin viel Spaß.

    Ich finde übrigens, dieses Thema paßt wirklich besser in den anderen Thread.
    Wenn jemand nach dem Thema "h-moll-Messe" sucht -- tut er es dann nicht erstmal in einem Thread, der explizit darauf hinweist ...?
    :untertauch:

    Manche Leute sind hier wirklich päpstlicher als der Papst --
    :stumm:


    Ich habe meine Informationen aus der offiziellen Presse-Erklärung, die zu dem Projekt von Koopman herausgeschickt wurde. Auf mein Rückfragen hin wurde mir bestätigt, daß Herr Maul in seinem Beitrag für das kommende Bach-Jahrbuch den Vorgang detailliert beschreiben werde. Damit habe ich, denke ich, meiner journalistischen Sorgfaltspflicht Genüge getan.
    :yes:


    Der zitierte "Abstract" wurde lange VOR der Konferenz 2007 verfaßt ...
    :pfeif:


    Ich verlasse mich lieber stets auf mir vorliegende aktuelle Informationen ...
    :D


    An solchen Reaktionen merke ich immer wieder, wie wenig manche Leute offenbar an neuen Erkenntnissen interessiert sind. Warum sich eigentlich überhaupt noch die Mühe machen, solche vermitteln zu wollen? Kein Wunder, daß viele Forscher sich lieber in den Elfenbeinturm zurückziehen ...
    :untertauch:

    Inzwischen wurde der bisher unbekannte Entstehungshintergrund des Werkes nun endlich aufgedeckt. Nachfolgend informationshalber dazu ein Beitrag, den ich selbst zu diesem Thema für die Tagespresse verfaßt habe. (Achtung, Moderatoren: Ich bin der Copyrights-Inhaber und darf das. :yes:)



    ******************************
    "Zahlreiche Legenden ranken sich um Bachs h-moll-Messe. Die Frage, warum der protestantische Komponist gegen Lebensende das vollständige lateinische Mess-Ordinarium vertonte und zu welchem konkreten Anlass das Werk entstand, hat Generationen von Musikforschern beschäftigt. Bisher gab die Quellenlage darüber keinerlei Aufschluss. Erst jetzt gelang es einem deutschen Musikwissenschaftler, Licht ins Dunkel zu bringen.


    Im November 2007 fand in Belfast (Irland) der Kongress "Understanding Bach's b minor Mass" statt. Als Dr. Michael Maul vom Leipziger Bach-Archiv dort seine Forschungsergebnisse erstmals vorstellte, muss ein Raunen durch die Reihen seiner Kollegen gegangen sein: Insbesondere aufgrund bisher unbekannter Dokumente aus verschiedenen systematisch durchforschten Archiven konnte Maul die bisher unbekannten Entstehungs-Hintergründe aufklären. Seine Funde sollen nun im kommenden Bach-Jahrbuch publiziert werden, der renommiertesten Schriftenreihe der Bach-Forschung.


    Die Geschichte der h-moll Messe begann 1747, kurz nach Bachs Besuch am Hofe Friederichs des Großen in Potsdam. Zeitungen in ganz Europa berichteten davon; zum ersten und letzten Mal in seinem Leben wurde Bach zum "Weltstar". Auch der böhmische Graf Johann Adam von Questenberg wurde dadurch aufmerksam. Er gehörte einer privaten Gesellschaft adeliger Wiener Musikliebhaber an, die sich auf die Schutzheilige der Musik, die heilige Caecilia, beriefen. An ihrem Feiertag veranstaltete dieser Kreis alljährlich eine feierliche Messe. Zu diesem Anlass gab Questenburg bei Bach eine Missa Solemnis in Auftrag, die am 22. November 1749 im Wiener Stephansdom wohl unter Leitung des Domkapellmeisters Johann Edler von Reutter uraufgeführt wurde – übrigens nur wenige Tage, nachdem ein Sängerknabe namens Joseph Haydn seinen Hinauswurf aus dem Chor provoziert hatte, indem er einem Mitschüler den Zopf abschnitt.


    In Folge der sensationellen Entdeckung hat ausserdem der auch in Bremen bestens bekannte Dirigent Ton Koopman die damalige Darbietungsform der h-moll-Messe rekonstruiert. Mit seinem Ensemble Amsterdam Baroque geht er damit im Oktober auf Europa-Tournee: “Hierbei werden Bachs mehrstimmige Vertonungen des Ordinarium mit gregorianischen Gesängen ergänzt, undzwar aus dem Proprium zum Fest der heiligen Caecilia,” teilt Prof. Dr. Koopman mit. “Wir verwenden dazu Gesänge aus einem Graduale, das vor 1750 in Wien in Gebrauch war.” Die Zusammenstellung besorgte der Benediktinermönch und Gregorianik-Experte Cornelis Poederoyen. “Es ist meine feste Überzeugung, dass die enorme Wirkung von Bachs mehrstimmiger Musik durch den Kontrast mit der einstimmigen Gregrorianik noch verstärkt wird,” so Koopman. Die Tournee endet mit einem Konzert am 18. Oktober in Wien. "


    [Erstmals in: Weserkurier, Bremen, 30. 7. 2008]

    Oops, Ulli: Du kennst Zaslaw ja doch. Dann scheinen Dich seine Ausführungen zur Aufführungspraxis nicht überzeugt zu haben.
    :stumm:


    Notabene: Auch, wenn die Musik stürmt und drängt, ist sie nicht zwangsläufig "Sturm und Drang". Andererseits hatten viele Komponisten eine persönliche "Sturm und Drang" Phase. Nur -- kam Mozart da gerade hinein, oder schon wieder heraus?
    ?(

    KOPFSATZ


    Allegro molto; Alla breve-Takt.
    2 x 100 + 199 = 399 Takte.
    Halbe = 120: Gesamtdauer ca. 6:40


    2. SATZ


    Andante; 6/8-Takt.
    2 x 52 + 2 x 71 = 246 Takte.
    Achtel = 120: Gesamtdauer ca. 12:20


    3. SATZ


    Allegretto; 3/4-Takt
    Menuett 84 Takte + Trio 84 Takte + Menuett da Capo = 252 Takte
    Ganze = 80: Gesamtdauer ca. 3:10


    4. SATZ
    Allegro assai; Alla breve-Takt
    2 x 124 + 2 x 184 = 616 Takte
    Ganze = 80: Gesamtdauer ca. 7:40


    Metronomisierung der g-moll-Sinfonie von Mozarts Schüler Johann Nepomuk Hummel in seinen Klavier-Bearbeitungen der sechs letzten Sinfonien von 1823:


    1. Satz: Halbe = 108
    2. Satz: Achtel = 116
    3. Satz: Ganze = 76
    4. Satz: Halbe = 152


    Meine Vorschläge sind sozusagen "Maximal-Näherungswerte" und beziehen sich auf das "Tempo ordinario", das unter anderem laut Josef Joachim Quantz (1752) und Francesco Galeazzi (1791–6) bei zwei Schlägen pro Sekunde liegt, in diesem Fall das anfängliche Allegro molto in Halben. Hummels Metronomisierung liegt nur ganz wenig unter meinen Vorschlägen, wobei zu bemerken ist, daß das "Tempo ordinario" um 1823 bereits weitgehend "ausgespielt" hatte.


    Umfangreiche Hinweise zur Interpretation bei Mozarts Sinfonien finden sich in Neal Zaslaw, Mozart's Symphonies – Context, Performance Practice, Reception. (Clarendon Press, Oxford, 1989, als Taschenbuch 1991, ISBN 0-19-816286-3)


    Dieses Buch sei Dir, lieber Ulli, besonders empfohlen. Dann würde Dir auch klar, daß es sich bei den Wiederholungen durchaus nicht um "Optionen" (die hat erst die romantische Aesthetik und Praxis draus gemacht) sondern Vorschriften der Komponisten hat. Allen damaligen Theoretikern zufolge, die sich dazu geäußert haben, werden Wiederholungen insbesondere beim Da Capo von Menuetten nur dann nicht ausgeführt, wenn der Komponist ausdrücklich "senza repetizione" vorgegeben hat.
    :untertauch:

    Nur zur Erklärung: Ich hatte dies als neues Thema gestartet, da ich nicht wußte, daß es das Thema bereits gibt. Über die Suchfunktion war es leider unmöglich, dies vorab zu klären ....


    Lieber Johannes:
    Proportionale Tempi sind essentiell bei Sinfonien des 18. Jahrhunderts. Da es keinen Dirigenten gab, der den Takt schlug, waren die Musiker darauf angewiesen, bei Führung durch den Konzertmeister oder den Keyboarder von selbst in das richtige Tempo hineinzufinden. Es gilt hier, korrekte Proportionen unter Berücksichtigung des Metrums, der Harmonik, der Notenwerte und der Tempoangaben zu finden.


    Danke für all die Tipps!!!

    Ich muß bekennen, daß ich dieses Thema auch aus einem sehr eigennützigen Grund eröffnet habe: Ich beschäftige mich gerade sehr mit dem Stück und suche insbesondere nach einer Aufnahme, die folgende Aspekte berücksichtigt:


    a) sämtliche Wiederholungen in allen Sätzen werden ausgeführt
    b) die Temporelationen werden korrekt eingehalten
    (Halbe des Kopfsatzes = Achtel des Andante; Achtel des Andante entsprechen hemiolischen Halben des Menuetts; Ganze Takte des Menuetts entsprechen ganzen Takten des Finales)
    c) es wird auf originalnahen Instrumenten musiziert

    Mozarts g-moll Sinfonie KV 550 bildet den Mittelpunkt der Trias der drei letzten Sinfonien -- eines der beliebtesten Repertoirestücke.
    Es gibt davon zwei Fassungen; Mozart hat die ursprüngliche Holzbläserbesetzung (Flöte, 2 Oboen, 2 Fagotte) später um 2 Klarinetten erweitert.


    Was sind Eure Lieblingsaufnahmen?
    Warum gerade diese?
    Wie steht es um die Aufführungspraxis?
    Diese und alle anderen Fragen im Zusammenhang mit dem Werk dürfen hier gern diskutiert werden. Auf geht´s!

    Liebe Forianer!
    Ich werde ganz bestimmt bei der Aufführung der Neunten unter Stefan Blunier in Darmstadt am 21. 9. sein. Außerdem habe ich an dem Tag Geburtstag.


    An alle, die noch kommen möchten: Bitte gebt mir doch Bescheid oder schreibt ein pin oder e-mail an meine allseits bekannte Adresse


    bruckner9finale@web.de


    Vielleicht kann man sich auf ein Gläschen oder zum Essen irgendwo treffen?
    Das Konzert ist ja mittags um Elf ...
    Es empfiehlt sich, allmählich Karten zu besorgen; ich hörte von verschiedener Seite, daß das bereits knapp wird.
    Liebe Grüße
    Ben

    Liebe Finale-Freunde:


    Stefan Blunier, scheidender GMD in Darmstadt, war von der Aufführung der Neunten mit Finale unter Friedemann Layer so überzeugt, daß er sich nun dazu entschlossen hat, für seine Abschiedskonzerte die Neunte mit Finale ebenfalls aufs Programm zu setzen. Die Aufführungen finden statt am 21. September 2008 um 11 Uhr und am 22. September um 20 Uhr im großen Saal des Theaters.
    Ich werde sicher dort sein, denn am 21. September (ein Sonntag) habe ich Geburtstag -- und was kann man sich schöneres wünschen?

    Übrigens:
    Die Anspielung auf Ravels "Bolero" ist ein Wortspiel und verweist auf "Iberia", das ist nicht nur der Name Spaniens, sondern auch der antike Name für die Region, in der Stalin geboren wurde. Mithin ist der Marsch im Mittelteil des ersten Satzes nichts anderes als ein Portrait von Stalin, wie er über das Land hinwegfegt und dabei alles plattmacht, was sich ihm in den Weg stellt. (Ja, ich weiß: Ravel war Baske, aber der Bolero ist ein spanischer Tanz.)


    Zur "Sprachverwirrung": In der Tat finde ich es bedauerlich, daß aufgrund der unterschiedlichsten Zeichensätze es sensiblen Nutzern nicht leicht gemacht wird, Namen in ihrer originalen Schreibweise zu verwenden. Dabei wäre zu beachten, daß "Schostakowitsch" ebenso wie "Shostakovich" natürlich schon lateinisierte Formen des kyrillischen sind.


    Ich finde, der Respekt vor anderen Kulturen gebietet eigentlich die Verwendung der originalen Schreibweise. Wer da meint "ich als Deutscher verwende eine deutsche Schreibweise", möge sich bitte einmal fragen, wie er es finden würde, wenn im Ausland sein deutscher Name in eine Landes-Version "verballhornt" wird ... Beispiel: "McDonalds" heißt auf Japanisch "Makodonaldaruda" (soweit ich mich erinnere)


    Aber dies nur nebenbei...