Beiträge von brunello

    Wie die legendären Schwammerln nach einem Sommerregen, schießen in vielen Orten Österreichs mehr oder weniger – künstlerisch wie kommerziell – erfolgreiche Sommerfestspiele aus dem Boden. Was in Zeiten bestenfalls gleichbleibender Subventionen der öffentlichen Hand bedeutet, dass entweder neue Festspiele nichts bekommen oder bestehende entsprechend weniger. Was in der Praxis dazu führt, dass die Eintrittspreise auch bei nicht vergleichbaren Leistungen den Kartenpreisen bedeutender Kultureinrichtungen nahe kommen (für eine Generalprobenkarte verlangte man bei einem Musical in Ostösterreich beispielsweise € 10,00; um diesen Preis bekomme ich bereits – zugegeben schlechte – Karten in der Wiener Statsoper).
    Ein Festspielort, der bereits einige Jahre überstanden hat, somit über gewisse Tradition verfügt und von den Einheimischen begeistert mitgetragen wird, ist die Burgarena Reinsberg. Für die Nichtösterreicher – Reinsberg ist ein kleiner Ort im niederösterreichischen Alpenvorland, etwa 140 km von Wien entfernt (und rd. 30 km ins Landesinnere von der Abfahrt Ybbs der Autobahn A1). Was unter dem Übergriff „Mozart in Reinsberg“ – ich erinnere mich an eine durchaus hörens- und sehenswerte „Zauberflöte“ vor ein paar Jahren – begann, hat dieses Korsett in der Zwischenzeit gesprengt und man zeigt auch Werke anderer Komponisten. Heuer steht „Fidelio“ auf dem Programm, für das kommende Jahr ist „Hänsel und Gretel“ angekündigt.
    Künstlerischer Leiter in Reinsberg ist Martin Haselböck. Für die aktuelle Produktion hat er eine Fassung gewählt, die Passagen der „Urfassung“ 1805 früher Umarbeitungen enthält und mit der gängigen Fassung von 1814 verbindet. Das mag für Musikhistoriker vielleicht Sinn machen, ergibt aber in Summe eher ein Pasticcio als eine zusammenhängende Opernaufführung. Denn Beethoven´s Kompositionsstil hat sich in den 10 Jahren zwischen der Premiere von „Leonore“ (uraufgeführt am 20. November 1805) und jener von „Fidelio“ (uraufgeführt am 23. Mai 1814) natürlich verändert und in Verbindung mit dem gekürzten und partiell veränderten Libretto ergibt sich doch eine Entwicklung vom Singspielhaften hin zum musikalischen Drama. Diesen Knoten zu lösen, ist nicht wirklich gelungen. Hört man in Marzellina´s Arie („Oh wär´ ich schon mit dir vereint“), die hier übrigens als Nummer 1 vor dem Duett mit Jaquino („Jetzt, Schätzchen, jetzt sind wir alleine“) gegeben wird, noch ungewohnte Phrasierungen, erklingt vor dem Quartett („Mir ist so wunderbar“) plötzlich ein Terzett Marzelline-Jaquino-Rocco. Einen ungewohnten musikalischen Einschub gibt es auch vor „Oh namenlose Freude“ oder am Beginn des großen Finales. Dafür fehlen (ähnlich manchen Einspielungen) weite gesprochene Textteile und auch auf die „Leonore III“ wird – das aber ist begründbar – verzichtet.
    Das alles ist für „normale“ Besucher – und einen Großteil der Besucher bilden Einheimische, vor allem Freunde und Verwandte der Chorsängerinnen, und Autobusgruppen – vermutlich von geringer Bedeutung, für den Opernfreund aber verwirrend.
    Michael Sturminger inszeniert diesen „Fidelio“ zeitlos-modern. Die Personenführung ist unauffällig; vielleicht könnte das Liebesgeplänkel zwischen Fidelio und Marzelline etwas weniger aufdringlich erfolgen; ein paar Ungereimtheiten (Fidelio betritt während der Ouverture in Frauenkleidern die Bühne und wird vor den Augen des Publikums zum Mann; einen Teil der Kleidung entsorgt sie in einem Mistkübel, das Kostüm hängt sie zur Wäsche, die Marzelline später bügeln wird und dieses Kostüm hängt Marzelline dann prompt auf eine Kliderpuppe; die abgeschnittenen langen Haare werden später von Marzelline gefunden, die sie wie einen Talisman in ihr Zimmer nimmt) sind schnell vergessen. Dazu passen die Fantasieuniformen (Kostüme: Birgit Hutter) von Fidelio, Rocco, Pizarro und den Soldaten, die jede Armee der Welt symbolisieren könnten; störender ist da schon die Kleidung der Gefangenen, die wohl in keinem Gefängnis der Welt in abgetragenen Anzügen zum Hofspaziergang geführt werden. Praktikabel auch die Szene und das Bühnenbild von Stefan Hinterhofer; der erste Akt spielt wohl vor der Gefängnismauer im Hof, beim Kerkerbild kamen vermutlich nicht nur mir spontan die Bilder von Guantanamo in Erinnerung; leider verschenkt ist die befreiende Wirkung im Finale – nicht nur, weil der Auftritt durch ein Tor im Bühnenhintergrund erfolgt (das auch sonst für Auftritte und Abgänge genutzt wird), sondern vor allem weil der Jubel mit einem kleinen Chor auch sehr zurückhaltend klingt.
    Dass „Fidelio“ eine schwer zu besetzende Oper ist, davon wissen auch große Opernhäuser ein (trauriges) Lied zu singen. Vor alle die Rollen der Leonore und des Florestan stellen an die Interpreten höchste stimmliche Ansprüche. Die können an einem Ort wie Reinsberg natürlich nur mit Abstrichen erfüllt werden (und die ursprünglich als Leonore angesetzte Heidi Brunner hat kurz vor Probenbeginn die Rolle auch abgegeben). Mit Claudia Iten konnte für die Titelpartie eine Interpretin gewonnen werden, die sich in bedeutenden Rollen an mittleren Häusern schon bewährt hat. Sie ist burschikos genug, um glaubhaft den jungen Mann Fidelio zu verkörpern und bringt die stimmlichen Mittel mit, die Freilichtbühne ohne Mikro oder Verstärker mit der erforderlichen Stimmfülle zu beschallen. Letzteres gilt mit Einschränkungen auch für ihren Florestan, der von Ronald Samm wenig ausgehungert verkörpert wird. Wenngleich das Programmheft ihn als Otello, Siegmund oder Don Jose nennt, bin ich mir nicht sicher, ob er wirklich dieses Fach singen sollte. Diese bedenken stützen sich zwar nur auf das gestern Gehörte, ich glaube aber dennoch, dass er im weniger heldischen Bereich besser aufgehoben wäre. Wolfgang Bankl ist ein mehr als guter Rocco, dem stimmlich die Schwärze der Stimme fehlt und der vom Typ einen idealen Beamten und (liebenden Vater) gibt. Wäre ich für die Besetzung verantwortlich, ich hätte einen anderen Rocco genommen und mit Bankl dafür einen idealen Pizarro auf die Bühne stellen können. Denn für diesen ist Tomasz Konieczny definitiv noch mindestens eine Nummer zu klein. Es ist vermutlich seine Jugend, die für mangelnde Persönlichkeit und auch stimmliche Unausgereiftheit verantwortlich ist. Und man muss auf der anderen Seite dankbar dafür sein, dass junge Menschen abseits vom großen Trubel die Möglichkeit geboten wird, Erfahrungen zu sammeln und in Rollen zu wachsen. Das eben Gesagte gilt Wort für Wort auch für Thomas Unbedingt in der Rolle des Don Fernando.
    Wahrhaft festspielwürdige Leistungen boten uneingeschränkt Alexander Kaimbacher als Jaquino und vor allem Bernarda Bobro in der Rolle der Marzelline. Sowohl von der Darstellung als auch vokal ist dieses Paar eine ideale Besetzungen, das den Vergleich mit prominenten Vertretern dieser Rolle nicht zu scheuen braucht. Beide würde ich gerne in diesen Partien in ersten Häusern erleben wollen.
    Unter der aufmerksamen Leitung von Martin Haselböck spielt die Wiener Akademie auf Originalinstrumenten. Und was in einem Konzertsaal durchaus werkgetreu und interessant zu klingen vermag (der in dieser Zusammensetzung im Wiener Musikverein gespielte Zyklus beweist es), kann unter den Bedingungen eines Freilichtabends zum gegenteiligen Effekt führen. Vor allem dann, wenn – so wie bei der gestrigen Aufführung – wenige Stunden vor dem Auftritt ein Gewitterregen niedergeht und sich die Luftfeuchtigkeit jenseits von 90% bewegt. Da muss man dann über manche Pannen hinweghören und hoffen, dass für die geplante CD – für die gestern mitgeschnitten worden ist - auch andere Abende verwendet werden (zumal das Zirpen von Grillen die Aufnahme des zweiten Aktes wohl kaum verwendbar macht).


    Michael 2

    ich verstehe nicht, warum in den Listen der großen Tenöre Gedda und Bergonzi nur unterrepräsentiert vertreten sind, die doch beide hervoragende Stilisten waren. Bergonzi war durch lange Jahre hindurch wahrscheinlich DER Verdi-Tenor überhaupt und Gedda war im deutschen, italienischen, französischen und slawischem Fach firm.
    Aber warum hat noch niemand an Richard Tucker gedacht ? Ich gebe schon zu, seine Stimme war zweifellos nicht nach aller Geschmack. Aber Qualität - nachhörbar vor allem bei auch bei Mitschnitten von Aufführungen - kann ihm wohl niemand absprechen.


    Michael 2

    „Wagner ? Nie gehört. Jedenfalls nicht so: Tannhäuser, Wiener Fassung. Mit 2 Orchester, 12 Hörnern und Glocken.“ Viel klotziger als mit jenem Transparent, das quer über eine der Straßen im Zentrum gespannt ist, kann man eine Opernproduktion wohl nicht bewerben. Ob damit allerdings ein nicht opernaffines Publikum angesprochen werden kann, möchte ich bezweifeln (und die Premiere war wahrlich nicht ausverkauft). Und ich bin auch nicht sicher, ob es eine gute Idee der Verantwortlichen war, die Opernpremiere der Sommerfestspiele Baden-Baden zeitgleich mit der Eröffnungspremiere in Bayreuth über die Bühne des Festspielhauses gehen zu lassen.
    Damit aber auch schon genug der grundsätzlichen Anmerkungen. Und es soll gleich zu Beginn gesagt werden – die gestrige Premiere des „Tannhäuser“ ist durchaus als erfolgreich zu bewerten. Und das lag gleichermaßen – die Reihenfolge ist spontan und nicht wertend - an klug gewählten Solisten, einem exzellent einstudierten Chor, einer sinnvoll im Hintergrund bleibenden Regie und nicht zuletzt einem einfühlsamen Dirigat.
    Regisseur Nikolaus Lenhoff stellt „Tannhäuser“ in eine fiktive Welt und fernab aller Realitäten. Raimund Bauer hat dazu ein Bühnenbild gebaut, das diese andere, nicht reale Welt noch unterstreicht und die Szene in die Unendlichkeit des Alls entführt. Eine scheinbar nicht enden wollende Spirale steht im Zentrum der sonst leeren und nur durch wenige Versatzstücke wechselnden Bühne, die den handelnden Figuren für Auftritte und Abgänge dient und eine zweite, überhöhte Spielebene ermöglicht. Im dritten Akt ist die Unterseite dieser Spirale dann nicht mehr glatt sondern durchbrochen. In diesem Raum ist der Venusberg kein Bordell, gibt es keine historisierende Wartburg, fehlt auch die Halle. Und dennoch, Lehnhoff zeigt eine Symbolik, die ohne diese scheinbare Realitäten auskommt und auch den Nichtwagnerianern unter den Zusehern und Zuhörern das Stück verständlich macht. Da steht Venus zunächst mit Reifrock und hochgesteckter Frisur auf der Bühne, weit und breit keine ausufernde Erotik, um erst als Tannhäuser unmissverständlich den Weg in die „normale“ Welt sucht, Kleidung und Haarpracht Stück um Stück abzulegen bis sie zuletzt im eng anliegenden dunklen Kleid tatsächlich einer Liebesgöttin gleicht; entsprechend drapiert bilden die abgelegten Kleidungsstücke dann auch unmissverständlich ein Liebesnest. Auf das – Spermen symbolisierende – Ballett rund um sie hätte allerdings liebend gerne verzichten können. Die Ritterschar ist bei ihm ein aalglatter, die Gralsritter des Parsifal vorwegnehmender Männerbund, dem Tannhäuser mit seinen scheinbar krausen Ideen diametral entgegen steht. Dies zeigt optisch auch die Kleidung (Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer) – einheitlich die Minnesänger, farblich abgehoben Tannhäuser. Dieser ist bei Lehnhoff quasi ein Ur-Ur-Ahn der 68er-Generation, der aus den traditionellen Bahnen ausbricht, gleichsam in einer Kommune Selbsterfahrungen sammelt und dann am Weg durch die Institutionen seine Illusionen verliert. Elisabeth, Tochter aus gutem Haus, fühlt sich von diesem Freigeist gleichermaßen angezogen und desillusioniert; dennoch ist sie es, die ihn gegenüber den Tradionalisten und Konventionisten verteidigt.
    Die Umsetzung gelingt ideal im zweiten und dritten Akt. Sind es vor allem im zweiten Akt die Chormassen, die ein bühnenfüllendes Bild stellen, das einen würdigen Rahmen für die goldgewandeten Wettkämpfer – unnötig der Regieeinfall, die Sänger im Stil von „Deutschland sucht den Superstar“ in ein Mikro singen zu lassen – abgibt. Ganz konträr zu diesen Massen ist dann im dritten Akt die Einsamkeit und Trauer von Wolfram und Elisabeth, die – allein auf der Bühne – durch ihre Persönlichkeiten wirken.
    Wie so viele Sänger der Titelpartie benötigt auch Robert Gambill als Tannhäuser beinahe den ganzen ersten Akt, bis er sich frei gesungen hat. Dann aber singt und spielt er den Tannhäuser nahezu perfekt, wird gleichsam Eins mit der Rolle und beweist, dass er einer der gefragtesten Vertreter seines Faches ist. Im Werben um Elisabeth singt er sich in Erinnerung an seine Erlebnisse in eine volle Ekstase und erkennt zu spät, was er damit und dadurch anrichtet; seine Romerzählung mischt gleichzeitig Selbstmitleid mit Selbstherrlichkeit. Roman Trekel ist sein Gegenpart Wolfram von Eschenbach. Mit wohltönendem Bariton singt er den wesentlichen Repräsentanten des Establishments, dem jedes Verständnis für Nonkonformismus fehlt und der schon durch sein Äußeres die Zugehörigkeit zur dominierenden Gesellschaft zeigt. Nicht nur durch sein kultiviertes Singen wird er zu einer der zentralen Persönlichkeiten des Abends. Dazu gehört auch Stephen Milling, der den Herrmann, Landgraf von Thüringen, verkörpert und der die Tradition der nordischen Bässe fortsetzt. Er verfügt über keinen wirklich „schwarzen“ Bass, aber über jenes profunde Volumen, das für die wesentlichen Partien erforderlich ist. Persönlichkeit und Autorität sind die Kennzeichen dieses Landgrafen, der diese Charaktermerkmale auch stimmlich auszudrücken weiß. Und auch die übrigen Minnesänger Marcel Reijans (Walther von der Vogelweide), Tom Fox (Biterolf), Florian Hoffmann (Heinrich der Schreiber) und Andreas Hörl (Reimar von Zweter) erfüllen ihre Aufgaben mehr als anständig. Katherina Müller singt einen überzeugenden Hirtenknaben.
    Die beiden weiblichen Gegenspielerinnen könnten unterschiedlicher nicht sein. Waltraud Meier, umjubelt ua. als Kundry und Isolde aber auch Sieglinde singt die Venus. Und ich gestehe, sie war für mich die Enttäuschung des Abends. Natürlich ist sie ein großartige Künstlerin, die ihre Erfahrung zielgerichtet einzusetzen weiß, aber von einer optimalen Venus erwarte ich mir (sehr subjektiv gesprochen) doch eine wärmere und berührendere Stimme und mehr feminine Ausstrahlung. Ganz anders die Elisabeth der Camilla Nylund. Sie spielt nicht die unschuldige Jungfrau, sie IST das liebende und verletzte Wesen. Ich habe die Hallenarie schon von größeren Stimmen gehört, selten aber ein innigeres und gleichzeitig leidenschaftlicheres Gebet. Allein ihretwegen lohnt die Reise nach Baden-Baden.
    Mir bisher unbekannt war der Philharmonia Chor Wien. Wer auch immer diesen Klangkörper bildet (ua. sangen einige Mitglieder des Chores der Wiener Volksoper mit), dieses Ensemble war – einstudiert von Walter Zeh – eine der Stützen der Produktion und wurde vom Publikum auch berechtigt gefeiert.
    Da das Festspielhaus über kein eigenes Orchester verfügt, werden für die einzelnen Produktionen immer andere Orchester engagiert. Im Falle des „Tannhäuser“ ist das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin. Wenn man bedenkt, dass es sich um eine Koproduktion mit der Nederlandse Oper Amsterdam handelt und in Baden-Baden lediglich drei Aufführungen stattfinden, frage ich mich schon, warum nicht das in Amsterdam spielende Orchester mitverpflichtet worden ist. Es wird Gründe geben. Bedingt durch einen akustisch nicht optimalen Platz bedurfte es einiger Zeit Gewöhnung an den Orchesterklang (die Probleme im Blech am Ende des ersten Aktes waren aber unüberhörbar), der mir aber vor allem bei den dunklen Streichern mit fortschreitendem Abend zunehmend Freude bereitete.
    War Philippe Jordan, neuer Stern am Dirigentenhimmel, für die Wahl der Fassung verantwortlich ? Ein paar einführende Worte zu den unterschiedlichen Fassungen von „Tannhäuser“ – und vor allem worin diese Unterschiede liegen - im Programmheft wäre für Viele im Publikum hilfreich gewesen. So aber gab es das große Rätseln, ob manch ungewohnte Phrase aus der Interpretation oder der Notierung resultierte. Der Beifall, den Jordan schon beim Betreten des Orchestergrabens zum zweiten und dritten Akt entgegennehmen konnte, war jedenfalls ehrlich und berechtigt.


    Michael 2

    cd EMI 1958



    Es war eine meiner ersten selbstgekauften Schallplatten - ich habe sie zahllose Male gespielt und mit größtmöglichem Vergnügen gehört. Und dann kam die Aufnahme als CD auf den Markt - und die besitze ich natürlich auch.
    Für mich - und nicht nur für mich - ist dieser im August 1958 eingespielte "L´elisir d´amore" immer noch DIE Referenzaufnahme.


    Dirigent: Tullio Serafin, Chor und Orchester der Mailänder Scala - 5
    Adina - Rosanna Carteri - 4,5
    Nemorino - Luigi Alva - 5
    Dulcamara - Giuseppe Taddei - 5
    Belcore - Rolando Panerai - 5
    Gianetta - Angela Vercelli - 4


    Wertung: 28,5/6 = 4,75



    Michael 2

    Welcher Festivaltourist oder auch „normale“ Opernfreund kennt Zvolen ? Ich bin vermutlich nicht der Einzige, dem diese historische Kleinstadt ziemlich genau in der Mitte der Slowakei nicht einmal vom Namen her ein Begriff war. Nie wäre ich jemals auf die Idee gekommen, in diesen auch mir bisher Ort zu einer Opernaufführung zu fahren. Und doch findet auf der Burg von Zvolen seit einigen Jahren jährlich ein von der Staatsoper in Banska Bystrica organisiertes Festival statt. Heuer standen unter anderem „La Traviata“, „La Boheme“ und die slowakische Erstaufführung von Giuseppe Verdi´s „I Masnaderi“ (alle in der Originalsprache) auf dem Programm. Und diese 1847 in London auf Schillers „Räubern“ basierende Oper war der Grund für meinen Kurzaufenthalt in der Slowakei.


    Rund um die Komposition der Oper beschäftigte sich Verdi auch mit „Macbetto“ und hatte auch schon erste Gedanken zu „Il Corsaro“ zu Papier gebracht. Kein Wunder also, wenn einzelne Passagen von „I Masnaderi“ an „Il Corsaro“ erinnern.


    Da nur eine einzige Aufführung am 26. Juni vorgesehen war, spielte man die Oper natürlich konzertant; eine szenische Produktion hätte auch jeden finanziellen Rahmen gesprengt. Und da der Hof der Burg auch akustisch nicht schlechter klingt, als viele Säle (wenn man die Übungsflüge zu einem nahe gelegenen Militärflugplatz überhört), bietet sich an einem schönen Sommerabend eine annähernd ideale Freiluftaufführung an.


    Allein das Wetter hatte mit den Besuchern kein Mitleid – ein heftiges Gewitter war schon am Nachmittag niedergegangen und dunkle Wolken ließen für den Abend nichts Gutes erahnen – und so wurde die Aufführung kurzerhand in das Theater von Zvolen verlegt. Dort war es wenigstens weniger schwül und auch die Polstersitze waren bequemer als die Holzbänke im Burghof gewesen wären.


    Chor, Orchester, den Dirigenten und einen Solisten stellte die Staatsoper von Banska Bystrica; für die anderen Solopartien konnte ein internationales Ensemble gewonnen werden. Den Carlo sang der spanische Tenor Ignacio Encinas, der leider unüberhörbar indisponiert war und somit in den höheren Lagen mit stimmlichen Problemen zu kämpfen hatte. Sein Bruder Francesco wurde mit mächtigem Bariton von Marco Chingari (Opernfreunden unter anderem von Auftritten in Essen und Berlin bekannt) verkörpert, der trotz der fehlenden Szene der Figur allein durch die stimmliche Präsenz die notwendigen Ecken und Kanten verlieh. Als Amalia stand Chiara Taigi, auch sie kann in ihrem Lebenslauf auf diverse Engagements in Deutschland verweisen, zwischen diesen beiden Männern. Die durchaus anspruchsvolle Partie, die Cavatina im ersten Akt beispielsweise ist voll mit Trillern gespickt und erinnert entfernt an manche der großen Sopranarien Bellinis, meistert mehr als anständig. Die für mich beste Leistung bot der spanische Bass Felipe Bou in der Rolle des Massimiliano, der Vater von Francesco und Carlo. Hier wächst ein schwarzer Bass heran, der für die Ensembles vieler Opernhäuser ein Gewinn wäre und dessen Weiterentwicklung ich sicher beobachten werde. Die kleinen Tenorpartien des Arminio und Rolla wurden mit Peter Schneider, der einen seiner Einsätze so verhaute, dass die Szene neu begonnen wurde, mit einem Hausmitglied besetzt. Als Gast aus Österreich konnte Stefan Tanzer in der Rolle des Moser mit großvolumiger Stimme punkten.
    Suboptimal klang der Chor, der vor allem in der Phrasierung viele Wünsche nicht erfüllen konnte. Und Ähnliches gilt für das Orchester, dessen Solocellistin nach dem Vorspiel zum ersten Akt jedoch berechtigt bejubelt wurde. Die eine oder andere kommunikative Pane zwischen den einzelnen Klangkörpern und den Solisten hätte vielleicht vermieden werden können, hätte Marian Vach ab und zu weniger tief in die Partitur und dafür mehr auf die Mitwirkenden geblickt.
    Trotz aller kritischen Anmerkungen würde ich den Abend aber in Summe als durchaus gelungen bezeichnen.


    Michael2


    Elektra hat sie nur für den Film und für Böhm gesungen, aber nie auf der Bühne. Dafür war sie auch eine sehr gute Salome und Elisabeth in Tannhäuser; auch im Lohengrin hat sie beide Rollen gesungen - zunächst Elsa und in späteren Jahren dann die Ortrud.


    lG aus Wien
    Michael2

    Ich habe "I Masnadieri" noch nie gesehen oder gehört und nutze die Gelegenheit, nächste Woche in Zvolen (ein kleiner Ort in der Slowakei mit einer schönen Burg, in deren Hof - bei Schlechtwetter im Festsaal - jedes Jahr Ende Juni ein kleines Festival abgehalten wird) eine konzerteante Auführung zu erleben, bei der ein Freund von mir mitsingt. Zur Einstimmung höre ich:


    Massimiliano - Ruggiero RAIMONDI
    Carlo - Carlo BERGONZI
    Francesco - Piero CAPPUCCILLI
    Amalia - Montserrat CABALLÉ
    Arminio - John SANDOR
    Moser - Maurizio MAZZIERI
    Rolla - William ELVIN
    New Philharmonia Orchestra
    Ambrosian Singers
    Dirigent: Lamberto GARDELLI


    Ich bin nicht der wirkliche Fan von Raimondi - er ist mir für einen "echten" Bass nicht schwarz genug - und noch weniger von Caballé (jedenfalls nicht in diesem Fach, da wäre mir Price schon lieber), aber Bergonzi und Cappuccilli lohnen den Kauf auf alle Fälle - und zwar unabhängig vom Kaufgrund.


    viele Grüße aus dem sommerlichen Wien
    Michael2



    Das ist eindeutig meine Lieblingsaufnahme von "Don Giovanni"; kein Wunder also, wenn ich die Punkte etwas anders vergebe


    Giuseppe Taddei - 5 (statt 4)
    Luigi Alva - 4+ (statt 3)
    Elisabeth Schwarzkopf - 4 (statt 5; aber ich mag sie nicht wirklich)


    viele Grüße
    Michael 2



    Und noch ein Voting für diesen Orpheus.
    Bei aller Wertschätzung manch anderer Sängerin gegenüber - für mich ist Kathleen Ferrier als Orpheus niemals erreicht (und schon gar nicht übertroffen) worden.


    Michael 2

    Knapp sechs Monate ist es her, dass Olivier Tambosi am Landestheater Linz sehr erfolgreich "La Traviata" inszeniert hat. Die folgenden Aufführungen waren schnell ausverkauft und auch für den letzten Abend am vergangenen Sonntag, 8. Juni, war das haus bis auf den letzten Platz gefüllt.
    Die Produktion hat seit der Premiere noch an Tiefe und Intensität gewonnen; wohl auch deshalb, weil das - durchwegs junge - Ensemble auf einander eingespielt ist. So kommen auch viele Ideen des Regisseurs nunmehr noch deutlicher über den Bühnenrand und weisen diese beliebte Oper weit weg vom häufig erlebten Herz-Schmerz-Theater. Nie habe ich etwa bisher gehört und erlebt, wie nahe das Finale des ersten Bildes den großen Wahnsinnsszenen der Opernliteratur kommt. Und wenn Violetta in einem einfachen, an ein Spitalsbett mahnendes, Stahlrohrbett stirbt und die pariser Gesellschaft in den Kostümen des Karnevals abseits stehend dieses einsame Sterben beaobachtet, zeigt sich die tiefe Kluft zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Sein und Schein ein letztes Mal.
    Christiane Boesiger singt und spielt diese Traviata bis zum Äußersten mit bombiger Höhe und sensiblen Lyrismen; sie ist in diesem Konzept eine ideale Verkörperung einer Frau, die zwischen ihrer Liebe zu Alfredo und ihrer Vergangenheit hin und her gerissen wird und dies in Stimme und Spiel überzeugend belegt. Diesen Alfred singt mehr als anständig und mit der (aus gutem Grund) häufig gestrichenen Cabaletta der junge und gut aussehende Iurie Ciobanu; wie seine Violetta auch er schon in der Premiere dabei. Zu jung für den Padre Germont ist Alik Abdukayumov, der in diese Partie erst hineinwachsen und lernen muss, dass Lautstärke für diese Partie nicht ausreichend ist. Warten wir ab, welche Entwicklung der an sich sympathische Sänger nehmen wird.
    Aus den Ensemblesängern und kleineren Partien ragt die Flora der Tijana Grujic heraus, deren Namen Opernfreunde sich merken sollten.
    Alexander Drcar stand am Dirigentenpult un war Garant dafür, dass Tempo und Emotionen im Gleichgewicht blieben und das Bruckner Orchester Linz stimmungsvoll musizieren konnte.
    Jubel und Beifall vor allem auch am Ende der Vorstellung. Schade, dass es von diesem intensiven Abend kein Video gibt.


    Viele Grüße aus Wien
    Michael 2

    An fünf Abenden stand im Mai die vielleicht bedeutendste Commedia der gesamten Opernliteratur, nämlich Giuseppe Verdi´s „Falstaff“ am Spielplan der Wiener Staatsoper. Premiere der Inszenierung von Marco Arturo Marelli war am 19. Oktober 2003, der gestrige und letzte Abend der Mai-Serie war die 30. Aufführung dieser Produktion.
    Nicht zuletzt im Hinblick auf drei Rollendebüts (von denen dann eines krankheitshalber entfiel) wurde geprobt und dennoch merkte ich in den drei von mir besuchten Aufführungen (18., 21. und 30. Mai) das Zusammenwachsen des Ensembles, was gleichzeitig aber auch zunehmende Individualität im Spiel bedeutet. Es unterstreicht die Intelligenz der SängerInnen, dass eigene Ideen sich problemlos in ein bestehendes Konzept einbringen lassen, wenn die Partner mitmachen.
    Ambrogio Maestri ist ein stimmgewaltiger Falstaff, der die Komik der Rolle vokal wie darstellerisch bis an die Grenzen zur Outrage auslebt, ohne aber in die Schmiere abzugleiten. Wenn ein erstes Haus heute dieses Werk spielt, muss wohl jedes Besetzungsbüro und jede Intendanz an diesen in jeder Weise gewichtigen Künstler denken, nach dessen Hinterfragung des Ehrbegriffes das Publikum gestern spontan applaudierte. Wie er, zeigen auch seine beiden Diener Bardolfo (annähernd ideal besetzt mit Herwig Pecoraro, der schon in der Premierenserie dabei war) und Pistola (überaus gelungenes Rollendebüt von Janusz Monarcha, den ich nie für einen derartigen Komiker gehalten hätte), dass „Falstaff“ einerseits Musik auf höchstem Niveau bietet und gleichzeitig mit Augenzwinkern die Commedia dell Arte zitiert. Den Ford gibt Boaz Daniel eifersüchtig und hinterhältig gleichzeitig in Spiel und Stimme; Benedikt Kobel ist ein fieser Dr. Cajus, Saimir Pirgu ist als Fenton nicht nur Nanettas Liebhaber (mehr als rollendeckend die für Laura Tatulescu kurzfristig eingesprungene und dann die ganze Serie singende Ileana Tonca) sondern auch der Schwarm weiblicher Besucher aller Altersstufen. Ildiko Raimondi singt die Alice Ford mehr als anständig und bringt die Rolle auch darstellerisch glaubwürdig über die Rampe; diese beiden Ausagen gelten für mich auch für die Meg Page der Nadia Krasteva. Neu in dieser Inszenierung ist die Mrs. Quickly der Elisabeth Kulman, die die Konkurrenz großer Stimmen der Vergangenheit ehrenvoll besteht, spätestens mit ihrem „Reverenza“ das Publikum für sich einnimmt und eine hintergründig intrigierende Dame der Gesellschaft mit voller und prächtiger Stimme gibt.
    Dirigent der Serie war Marco Armiliato, der die schwierige Partitur mit den gebotenen Feinheiten zum klingen brachte.
    Zusammenfassung: eine insgesamt durchaus sehens- und vor allem auch hörenswerte Aufführungsserie, die einmal mehr die Qualitäten der Wiener Staatsoper unter Beweis stellte (und für mich die Frage aufwirft, warum Menschen eine (Stehplatz)karte kaufen und nach 20 Minuten das Haus dann verlassen).


    Michael 2


    Vielleicht habe ich mich schlecht ausgedrückt - ich meinte den GESANGSSTIL !


    Die Beschreibung von Corellis Faust durch GiselherHH finde ich übrigens herrlich :yes:


    Michael 2


    Ich schließe mich - mit kleinen Einschränkungen - der Feenkönigin gerne an.
    Ich kenne die Sutherland-Corelli Aufnahme, nicht jedoch die zweitgenannte Produktion. Dennoch habe ich das Gefühl, dass de los Angeles und Peerce eher dem französischen Stil entsprechen, bei den beiden Bässen entscheidet doch wohl die persönliche Vorliebe.


    viele Grüße aus Wien
    Michael 2

    Zitat

    Original von Isis
    Elisabeth, danke für den Hinweis. Der Thread war eher kurz - ER hat sich glaub ich mehr verdient. Ich hoffe die Forianer verzeihen mir, dass ich diesen aussergewöhnlichen Sänger/Menschen nochmal genannt habe, er war wirklich unglaublich (Felipe II - du hast so recht, sein Posa sucht immer noch seinesgleichen). Meine Erinnerung leuchtet vor allem bei Ezio (Attila), Iago (Otello), Carlo Gerard (Andrea Chenier) und Renato (Ballo).


    :jubel:


    LG
    Isis


    Und natürlich darf sein Rigoletto nicht vergessen werden (in dieser Rolle hörte ich ihn erstmals 1971 in Mailand) !


    Michael 2

    Meine Medaillen ergehen an:


    GOLD - Anton DERMOTA
    SILBER - Leopold SIMONEAU
    Bronze - Peter SCHREIER


    Ich gebe zu, dass für die Goldene eine gehörige Portion Lokalpatriotismus (weniger freundlich als Chauvinismus bezeichenbar) den Ausschlag gegeben hat. Schließlich war Dermota durch jahre hindurch "der" Tamino der Wiener Staatsoper.


    Außerhalb des Wettbewerbes würde ich auch Luigi ALVA einen Ehrenplatz geben, von ihm gibt es aber nach meinem Wissensstand keine Aufnahme (auch nicht als Mitschnitt)


    Michael 2

    Zitat

    Original von rita
    @Peter
    Unsere Dalida war immer Marijana Liposec.


    Rita


    Ich habe Marijana Lipovsek in der Produktion der Bregenzer Festspiele erlebt (der - zu Unrecht - beinahe vergessene Carlo Cossutta war als Ersatz für den ursprünglich geplanten Wladimir Atlantow ein sehr guter Samson) und war von der Erotik der Stimme begeistert (bei aller Vorliebe für rubenshafte Frauen hat sie mir als Figur aber weniger gut gefallen). Von dieser Produktion gibt es auch eine CD (wenn sie noch im Handel ist), die ich mit ruhigem Gewissen zum Kauf empfehlen kann.


    Aus der Generation der jüngeren Sängerinnen wünsche ich mir optisch wie akkustisch in ein paar Jahren die an der Wiener Staatsoper singende Elisabeth Kulman als Dalila (die übrigens gestern im Wiener Konzerthaus einen hervorragenden Liederabend mit Liedern von Gustav Mahler mit ungewöhnlicher Begleitung - Violine, Cello, Kontrabass, Akordeon - gesungen hat; war von den Wienern jemand dabei ?), deren Ausstrahlung und Timbre meine Vorstellungen dieser Rolle annähernd ideal erfüllt.


    viele Grüße aus Wien
    Michael 2

    @ knusperhexe
    Was bedeutet eigentlich WERKTREU ?
    Ich bin fest davon überzeugt, dass beispielsweise Verdi oder Wagner mit den heutigen bühnentechnischen Möglichkeiten andere Regieanweisungen (Hinweise ?, Tipps ?) gegeben hätten. Ganz abgesehen davon, dass bei zB. Verdi die Zensur manche Ideen schon zu seiner Zeit verhindert hat und Wagner oft mit Symbolen gearbeitet hat.
    Ein Transfer oder eine Interpretation sind schon aus diesen Gründen nicht per se gegen die Idee gerichtet - aber nicht immer und unbedingt gut gelungen.


    zum eigentlichen Thema "Operninszenierungen, die uns fehlen"
    An den drei wesentlichen Häusern in Wien (Staatsoper, Volksoper, Theater an der Wien) fehlen mir zahllose Werke/Inszenierungen.
    - in der Staatsoper zB die komplette Grande Opera
    - in derVolksoper zB die französische und spanische Operette
    - im Theater an der Wien die "kleine" italienische Oper zwischen Barock und Verdi


    Michael 2

    Sollte ich vielleicht doch öfter nach München fahren :yes: ? Der Spielplan ist definitiv, die Besetzung zumindest teilweise interessanter als in der Wiener Staatsoper (zumindest subjektiv für mich). Aber Bachler (in Wien nannte er sich noch Klaus mit Vornamen) hat schon in seiner Zeit vor dem Burgtheater - zunächst Festwochen im Theater an der Wien und dann Volksoper - gezeigt, dass er ausgetretenen Pfaden gerne ausweicht.


    Michael 2


    PS und um es deutlich und klar zu sagen:
    Ich würde mir Bachler als Direktor der Volksoper wieder wünschen. Das direktorale Trio mit ihm, dem designierten Direktor der Staatsoper und dem aktuellen Direktor im Theater an der Wien wäre eine interessante und fruchtbare Kombination. Aber Weihnachtswünsche werden nicht immer erfüllt und an das Christkind glaube ich als Agnostiker auch nicht.

    Knapp eineinhalb Autostunden von Wien entfernt hat sich im mittleren Burgenland – auf Grund der bevorzugten Traubensorte unter Weinfreunden auch als „Blaufränkischland“ bekannt – ein kleines Festival entwickelt, das heuer zum vierten Mal stattfand und über einen Kreis von Eingeweihten hinaus Beachtung finden sollte. Unter dem Titel „Mazal Tov“ fanden im Zeitraum 30. April bis 4. Mai eine Reihe von durchaus qualitativen Konzerten und Veranstaltungen (Lesungen, Ausstellung, Buchpräsentation mit Diskussion, Gesprächsrunden) statt. Die Organisatoren mit der Organistin Ulrike Theresia Wegele (künstlerische Leitung) an der Spitze, zeigten auch keine Scheu das Publikum mit Erst- und Uraufführungen zu konfrontieren.


    Dem durchaus inhaltlich zu verstehenden Motto entsprechend und auch in mahnender Erinnerung an 1938 und die Zeit danach, galt der Programmschwerpunkt Werken jüdischer Komponisten und Literaten (oder solchen, in deren Kompositionen direkte Beziehungen zum jüdischen Themen nachweisbar sind).
    So erklangen im Eröffnungskonzert am 30. April in der Pfarrkirche Deutschkreuz unter anderem Musik von Felix Mendelssohn („Ach Gott, vom Himmel sieh darein“ für Frauenchor und Klavier sowie zwei Stücke für Orgel solo), Carl Goldmark (Klavierquintett Nr.2, cis-Moll op.54) oder die österreichische Erstaufführung des „Organ prelude in a-minor“ des 1938 in die USA emigrierten Eric Zeisl neben Texten von Joseph Roth. Ausführende waren neben lokalen Gruppen Ulrike Theresia Wegele (Orgel und Klavier), Herbert Kefer (Viola), Eszter Haffner (Violine) und das Altenberg Trio auf der musikalischen Seite und die Schauspielerin Andrea Eckert.
    Am 1. Mai am Nachmittag demonstrierte der Oberkantor des Wiener Tempels Shmuel Barzilai, von Zoltan Neumark am Klavier begleitet, die hohe Kunst des Kantorengesangs. Auch hier ergänzte Andrea Eckert den musikalischen Teil des Programms mit Texten jüdischer AutorInnen. Am Abend zeigte das Altenberg Trio seine Qualitäten mit Werken von Felix Mendelssohn (Klaviertrio c-Moll, op. 66), Ernest Bloch (Three Nocturnes) und Dimitri Schostakowitsch (Klaviertrio Nr.2 in e-Moll, op.67). Beide Veranstaltungen fanden im Schloss Lackenbach statt.
    Die Pfarrkirche in Horitschon war der Schauplatz des Abendkonzertes am 2. Mai (dieser und den beiden nächsten Veranstaltungen konnte ich auch beiwohnen). Unter dem Titel „Shalom“ musizierten wiederum Ulrike Theresia Wegele und Herbert Kefer; dazu gesellten sich Manfred Radner (Marimbaphon, Schlagzeug), Claus-Christian Schuster (Klavier), der Liedkreis Horitschon und als Gesangssolistin Ana Hauf (Alt). Das durchaus anspruchsvolle Programm begann wieder mit Orgelwerken von Felix Mendelssohn (Allegro B-Dur, Thema mit Variationen und Fuge d-Moll op.37/3), von Joseph Joachim erklang „Hebräische Melodien op.9 für Viola und Klavier, von Werken von Fritz Kreisler (Rondino über ein Thema von Beethoven) und Leonard Bernstein (Auszüge aus „West Side Story“) gab es nicht uninteressante Bearbeitungen für Viola und Marimbaphon - schade, dass das Programmheft den Namen des Bearbeiters verschweigt. Anna Hauf schließlich sang bewegt „4 deutsche Volkslieder“ von Arnold Schönberg und „2 Gesänge für Alt, Viola und Klavier op.91“ von Johannes Brahms. Höhepunkt dieses Konzertes war für mich die Uraufführung der Kantate „SCHALOM“ für gemischten 4stimmigen Chor, Orgel und Schlagwerk von Franz Zebinger in Anwesenheit des Komponisten. Der erste Satz ist ein langes Orgelsolo, dem im zweiten Satz ein Duett/Duell von Schlagzeug und Orgel folgt; erst im dritten Satz kommt der (gut einstudierte) Chor zu Wort, um die Friedensbotschaft zu singen. Das Publikum jubelte – nicht nur nach der Uraufführung – berechtigt.
    Den künstlerischen Höhepunkt des Festivals sollte das Orchesterkonzert am Abend des 3.Mai im Liszt Zentrum in Raiding mit der Capella Istropolitana unter der Leitung von Volker Schmidt-Gertenbach und Elisabeth Kulman als Gesangssolistin bilden. Am Beginn dieses Konzertes stand die „Konzertante Fantasie für Viola und Streichorchester“ von Ivan Eröd, die von Herbert Kefer in Anwesenheit des Komponisten einfühlsam auf seiner Guadagnini (eine Leihgabe der Oesterreichischen Nationalbank) gespielt wurde. Nach der Pause stand das „Streichquartett Nr.8, c-Moll op.110“ in der Fassung für Streichorchester von Dimitri Schostakowitsch am Programm. Auch bei diesem Stück bewiesen die Musiker der Capella Istropolitana, die ja als „Hausorchester“ eines billigen CD-Labels bei vielen Musikfreunden in der Wertigkeit nicht sehr hoch angesiedelt ist, dass sie besser als ihr Ruf sind. Im Mittelpunkt dieses Konzertes stand aber die Interpretation er „7 Lieder für Mezzosopran und Orchester“ von Gustav Mahler im Arrangement von Gerhard Muthspiel durch Elisabeth Kulman. Muthspiel (im Brotberuf als Kontrabassist im Orchester der Volksoper tätig – und auch den Jazzfreunden unter uns vermutlich nicht ganz unbekannt) bearbeitet die originalen Melodien mit viel Gefühl und mit hörbarer Affinität zum Komponisten. Elisabeth Kulman singt diese Lieder mit Herz, Ausdruck und Gefühl. Das klug ausgewählte Programm, kurzfristig änderte sie die angekündigte Reihenfolge, endet mit „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ – nicht nur ich habe an diesem Abend und mit der Interpretation dieses Liedes eine Sternstunde für Mahler erlebt. Das begeisterte Publikum erklatschte sich sogar eine Zugabe.
    Den Abschluss bildete heute zu Mittag wieder im Schloss Lackenbach (in dessen Nähe sich ein ehemaliger jüdischer Friedhof befindet) ein Klesmer Konzert des Ensemble Klesmer Wien. Die sechs Musiker (zwei Violinen, Bass, Akkordeon, Klarinette und Schlagwerk) boten einen Querschnitt durch die traditionelle Musik der Ostjuden und setzten den Gegenpol zum Konzert des Oberkantors. In diesen oft volksliedhaften Tänzen und Liedern vereinigen sich Freude und Leid dieses in der Geschichte immer wieder vertriebenen und gemordeten Volkes. Schade, dass der legendäre Funke von der Bühne ins eher an so genannter klassischer Musik orientierten Publikum nicht übersprang. Leon Pollak und seine Musiker hätten es verdient.


    Die Wahrscheinlichkeit, dass ich das Festival "Weinklang" im nächsten Jahr wieder besuche (inhaltlicher Schwerpunkt werden die Jahresregenten sein), ist groß.


    Michael 2

    Wer von den in Ostösterreich wohnenden Mitgliedern heute noch nichts vor hat und/oder schnell entschlossen ist, sollte bei Interesse an Musik des Judentums einen Sonntagsausflug ins mittlere Burgenland unternehmen. Zum Abschluss des Festivals "Weinklang" (über die von mir besuchten Konzerte gibt es am Abend einen kurzen Bericht) gibt es im Schloss Lackenbach ein Klezmer Konzert.
    Beginn 12.00 Uhr, Karten gibt es noch.


    Michael 2

    Wäre ich nicht ein Opernnarr, hätte ich die Internetseite dieser Produktion nicht angeklickt. Und was ist das Ergebnis - ich prüfe meinen Kalender (Ergebnis: es gibt freie Termine, an denen es eine Aufführung in der Station gibt), meinen Kontostand (Ergebnis: fragt lieber nicht), die Flugpläne zwischen Wien und Berlin (Ergebnis: sollte möglich sein), Hotelverzeichnisse (Ergebnis: billig sind die Zimmer ja nicht).
    Meinen Geisteszustand habe ich noch nicht geprüft (vermutetes Ergebnis: komplett verrückt !!)


    Michael 2

    Zitat

    Original von Fairy Queen
    Wo gibt es die Perlenfischer auf der Bühne???????
    Ich bin ein ganz grosser Fan dieser Oper und der von Dir genannten Aufnahme und habe sie noch nie irgendwo auf dem Spielplan entdeckt.


    F.Q.


    Der Frage schließe ich mich an - und eine Reise zum Spielort würde ich bei interessanter (das ist nicht gleichbedeutend mit prominent !) Besetzung und einer Produktion in der Originalsprache auch antreten.
    Gesehen habe ich die Perlenfischer vor ewigen Zeiten in Klagenfurt und (nicht ganz so lange zurück) in Wien in der Volksoper. Und ich würde sie gerne wieder einmal sehen.


    Grüße aus Wien
    Michael 2

    Durch Zufall gestern gesehen und - nicht zuletzt wegen der Besetzung - sofort gekauft. Jetzt höre ich


    Georg Friedrich Händel - IL TRIONFO DEL TEMPO E DEL DISINGANNO
    Oratorium in zwei Teilen, HWV 46a
    Libretto von Benedetto Pamphili


    Bellezza - Natalie Dessay
    Piacere - Ann Hallenberg
    Disinganno - Sonia Prina
    Tempo - Pavol Breslik
    Le Concert d´Astrée
    Cembalo, Orgel - Emanuelle Haim
    Dirigentin - Emanuelle Haim


    Virgin Classics, 2007


    Uraufgeführt 1707 in Rom hat dieses Oratorium eine wechselvolle Geschichte erlebt und wurde auch mehrmals überarbeitet. In der Urauführung soll Corelli das die Schlussarie der Bellezza begleitende Violinsolo gespielt zu haben. Einzelne Teile des Werkes finden sich auch in anderen Kompositionen Händels als Bearbeitung wieder.
    Der erste Eindruck der Aufnahme ist für mich etwas zwiespältig. Die Orchestrierung ist mir (sehr subjektiv) etwas zu "dünn" - was bei knapp 40 MusikerInnen möglicherweise aber eine Frage der Aufnahmetechnik ist. Und für meine Begriffe könnte auch etwas "wärmer" gespielt werden. Dieser schlanke und kühle Orchesterklang ergibt aber eine ideale Ergänzung zu Natalie Dessay und Ann Hallenberg. Dessay ist in meinen Ohren (Feenkönigin verzeihe mir) keine ideale Barocksängerin in der Stilistik; die Koloraturen sitzen perfekt, aber sie singt nicht wirklich Händel. Und auch Frau Hallenbergs Timbre ist mir etwas zu hell. Was ich nie gedacht hätte ist, dass Pavol Breslik die stimmliche Geschmeidigkeit für die virtuosen Verzierungen bringt. Und da ich (das ist glaube ich nicht ganz unbekannt) vollvolumige tiefe Damenstimmen bevorzuge, ist Sonia Prina für mich natürlich eine Idealbesetzung.
    Emanuelle Haim dirigiert werkgetreu und spielt die Cembalo- und Orgelsoli und auch im Continuo, also ganz in der barocken Tradition.
    Zusammengefasst: Hörenswert mit Abstrichen

    @ Preise:


    In Paris (Palais Garnier) bin ich kürzlich um € 130,00 auf eínem der Mittelloge in Wien vergleichbaren Platz in der 2. Reihe gesessen (war allerdings die Wiederaufnahme einer Produktion), um € 60,00 in einer Seitenloge im Rang ebenfalls in der 2. Reihe (nicht rasend gut gesehen) und um € 20,00 in einer Parterreloge (2. Reihe, aber nicht schlechter als die Karte um € 60,00). Mit Glück kann man in Paris billigere Karten bekommen als in Wien (und die Sicht ist in der Opera Bastille auch auf den billigen Plätzen deutlich besser !). Auch Berlin (erlebt in der Lindenoper und der Komischen Oper im letzten Herbst) zahlte ich zuletzt weniger als in der STOP.


    viele Grüße
    Michael 2

    Zitat

    Original von oper337
    ... die Wiener lieben immer schon eine "schöne Leich",


    das hat ja auch das Begräbnis der letzten österreichischen Kaiserin Zita, am 1.4.1989, bewiesen.


    Das soll uns eine andere Republik nachmachen, ein Kaiserinbegräbnis, mit den Statuten des spanischen Hofzerimionells, in der Kapuzinergruft und vorher Requiem (Mozart) im Stephansdom, mit der alten Kaiserhymne von Haydn und der ungarischen Krönungshymne.


    Ob wir darauf wirklich stolz sein sollen ? Mir hat es bei diesem anachronistischen Spektakel jedenfalls den Magen umgedreht.



    Michael 2 (ein überzeugter Verfechter der Repubublik Österreich)

    Zitat

    Original von Alviano
    Auch die Volksoper in Wien plant Straus "lustige Nibelungen" (wie schon Kaiserslautern), dazu u. a. "Ariadne" (Strauss) und "Fra Diavolo" (Auber).


    Die Volksoper bietet in der kommenden Spielzeit darüber hinaus auch noch "Der Vetter aus Dingsda" (Regie Olivier Tambosi), "Tosca" (Regie Alfred Kirchner) und Kreneks "Kehraus um St. Stephan" (Coproduktion mit den Bregenzer Festspielen) als neue Produktionen an. Ob "Ariadne" und "Tosca" - beide in legendären Produktionen an der Wiener Staatsoper - entsprechend musiziert/gesungen werden können (gut, in er Ariadne ist immerhin Daniela Fally als Zerbinetta angesetzt), werden wir erleben und für Tambosi hätte ich mir ein interessanteres Werk gewünscht. Und wenn ich schon beim Wünschen bin - weniger Auftritte des Herrn Direktor auf der Bühne.


    Einen extrem hochinteressanten Spielplan bietet allerdings das Theater an der Wien (http://www.theater-wien.at) mit einer hörens- und sehenswerten Mischung aus szenischen und konzertanten Aufführungen. Ich fürchte, dass ein Gutteil meines (für Wien bestimmten) Kulturbudgets hier landen wird.


    Michael 2

    Zitat

    Original von oper337
    Ich bin lieber ein Staubi, als ein FKK Anhänger einer Maskenball - Inszenierung!



    Ich habe den zitierten Maskenball nicht gesehen und maße mir daher nicht an, einen Kommentar dazu zu schreiben.
    Unabhängig ob staubi oder modern - eine Inszenierung muss in sich stimmig sein - und wenn es einen vollen Bogen macht, kann das auch durchaus unkonventionell sein. Aber wesentlich ist, dass es eine in sich konsistente Interpretation ergibt.
    Und gerade bei Maskenball (wie auch bei Rigoletto) darf nicht vergesen werden, dass die Zensur im Gegensatz zum originalen Libretto ein anderes Stück verlangt hat und ein Abweichen vom Original (welchem ???) daher nicht per se des Bösen ist.


    Michael 2