Beiträge von brunello


    Lieber Dreamhunter,
    auch mir hat dieser "Nebensatz" des Prinzen Orlofsky ungemein gefallen - im Gegensatz zu vielen anderen Besuchen, wie ich Pausengesprächen nach dem 2. Akt entnehmen konnte. Deinem BRAVA zu diesem Extempore schließe ich mich aus tiefster Überzeugung und vollinhaltlich an.


    Michael 2

    Ich teile eure Meinung zur musikalischen Qualität des Konzertes.



    ABER


    Ich wollte das Konzert im Fernsehen sehen und den Radioton dazu hören. Geht leider nicht, weil der ORF dramatisch asynkron sendet. Bei einer angeblichen Direktübertragung in Ö1 und ORF2 hört man im Radio bereits die ersten Takte der Musik - und im Fernsehen haben die Musiker ihre Instrumente noch nicht einmal angesetzt. Für wie dumm halten die Verantwortlichen eigentlich ihre Kunden ?


    ein glückliches und gesundes Neues Jahr wünscht allen Taminos und Paminas


    Michael 2

    Lieber Joschi,
    zunächst einmal ganz herzlichen Dank für die Mühe der Aufbereitung zu mitternächtlicher Stunde.


    Und jetzt ein paar Gedanken von mir zum Ergebnis der Umfrage, das mich insgesamt wenig glücklich macht - ich hätte mir bei gleichen Namen eine andere Werigkeit erhofft.


    - ganz subjektiv: unter den 30 Spitzendamen finde ich eine, die ich nie im Leben nominiert hätte, und zwei oder drei, die ich für gute Sängerinnen aber dennoch als zu hoch bewertet erachte (nein, an A.N. denke ich dabei nicht :baeh01:).
    -mir fällt auf, dass unter den 30 Spitzendamen nur knapp 1/3 aktive Sängerinnen sind (und in zumindet bei zwei oder drei von ihnen wird jede Menge Geld für p.r. vernichtet).
    - da sich über Geschmack ja terefflich streiten lässt, halte ich mich mit naheliegend boshaften Kommentaren zurück - aber Edwin hat in der gebotenen Kürze (auch aus meiner Sicht) sehr viel Wahres gesagt :yes::yes::yes:
    - ich vermisse einige großartige Sängerinnen, die auf Platte/CD kaum vertreten sind/waren und deshalb offenbar nicht bekannt sind (ich denke da nicht nur - um nur ein Beispiel zu nennen - an Rysanek).


    Für ein künftiges Voting spreche ich mich ganz stark für Trennung zwischen aktiv und "historisch"/nicht mehr aktiv und allenfalls auch eine eigene Kategorie Nachwuchskünstler aus. Und vielleicht sollte man auch über eine Differenzierung nach Stimmlagen nachdenken.



    einen schönen Jahreswechsel wünscht
    Michael 2


    PS: Ich bin am Gesamtergebnis interessiert.

    Zur Frage der Bühnentauglichkeit von "Damnation de Faust" kann ich aus zweimaliger Praxis mit einem eindeutigen JA antworten. 1992 gab es bei den Bregenzer Festspielen eine Produktion in der Regie von Harry Kupfer (Vladimir Fedoseyev; Beatrice Uria-Monzon - Marguerite, David Kuebler - Faust, Philippe Rouillon - Mephistopheles) und Ende April habe ich die Produktion der Semperoper in Dresden (Regie: Keith Warner) gesehen (Marc Albrecht; Sophie Koch, Vinson Cole, Kristinn Sigmundsson). So verschieden und von der Idee ganz anders die beiden Regisseure das Stück gedeutet haben - Kupfer stellte die Szene quasi in ein Puppenhaus; Warner setzte die dramatische Legende an den Rand der Apotheose -, so gültig sehe ich beide Inszenierungen. Beide Regisseure sehen das Werk nicht aus realistischer Sicht sondern als Traum des Faust - und diese Interpretation erachte ich als überaus werkgetreu. Ich hätte gerne erlebt, wie etwa Giorgio Strehler dieses Werk auf die Bühne gebracht hätte.


    Und jetzt widerspreche ich mir schon wieder selbst, denn "Damnation de Faust" ist - wie "Romeo et Juliette" - selbstverständlich auch ein Opus für den Konzertsaal. In Wien hatte ich vor vielen Jahren eine konzertante Aufführung unter der Leitung von SergeBaudo mit Felicity Palmer, Alain Vanzo (!!!) und Jean-Philippe Lafont gehört - und dieser Abend hat sich in meine Erinnerung fest eingeprägt. Ich denke, dass die grossen Chorszenen sehr deutlich darauf hindeuten, dass Berlioz (obwohl er immer von einem Bühnenwerk sprach) doch an ein - durchaus dramatisch gestaltetes - Oratorium gedacht hat. Ich sehe da eine gewisse Parallele zu Mahlers 8. Symphonie (die ich, ich gestehe, gerne szenisch erleben würde), von der Mahler-Forscher immer wieder behaupten, dass sie eine Art "Generalprobe" für eine Oper war.


    Meine Sammlung enthält zwei Aufnahmen von "La damnation de Faust", die ich beide mit ruhigem Gewissen weiterempfehlen kann.


    Dirigent: Jean Fournet
    Faust - Guy Fouché
    Mephistopheles - Michel Roux
    Marguerite - Regine Cresoin
    Amsterdam, 23.3.1963
    BellaVoce BLV 107.202


    Dirigent: Georges Pretre
    Faust - Nicolai Gedda
    Mephistopheles - Roger Soyer
    Marguerite - Marilyn Horne
    Rom, 11.1.1969
    Opera d´Oro OPD-1290



    Michael 2

    Über die Pflasterung des Weges zur Hölle ist ja schon gesprochen worden. Aber da ich im Himmel keine guten FreundInnen treffen werde, bleiben nur die guten Vorsätze - die ich (soferne sie im privatesten Bereich liegen) sicher nur bedingt einhalte.


    Meinen Vorsatz, weniger wild CDs zu kaufen, werde ich (wahrscheinlich) spätestens im Februar in Paris brechen, wenn ich mich auf die Suche nach "originalen" (also eher historischen) Aufnahmen von französischen Opern und natürlich Offenbach mache.
    Meinen Vorsatz, neue und junge SängerInnen für mich zu entdecken, werde ich hoffentlich umsetzen können. Und auch den, für mich neue Werke zu hören.
    Auch erfüllbar wird der Vorsatz sein, die spärlichen Urlaubstage mit Kulturgenüssen zu verbinden (und wer mich kennt, weiss, dass zu den Kulturgenüssen neben der Musik natürlich auch die Erfahrungen mit Küche und Keller zählen).


    Mögen alle unsere guten Vorsätze erreichar sein.


    Michael 2


    PS für Rosenkavalier und Elisabeth:
    Wenn ihr für unsere Queen noch Hilfe bei Wagner benötigt, bin ich mit von der Partie (nicht bei Teil 1 und 3 aus dem Ring, die sind auch nicht so ganz meine Sache); mit Strauss fange ich auch nicht hnsinnig viel an.

    Da sich das Jahr unweigerlich dem Ende nähert und ich nicht glaube, noch einen neuen Star für mich zu entdecken, kommt jetzt auch mein verzweifelter Versuch einer Reihung (und die Anmerkungen dazu bitte nur dort beachten, wo sie auch ernst gemeint sind).


    Platz 1: Kathleen FERRIER (darf ich ihr mindestens 100 Punkte geben :D)
    Platz 2: Leonie RYSANEK
    Platz 3: Elisabeth KULMAN (eine hochbegabte junge Sängerin - Mezzo - mit viel Potential für die Zukunft; mein persönlicher Tipp: anhören und beobachten !)
    Platz 4: Astrid VARNAY
    Platz 5: Lotte LEHMANN
    Platz 6: Bernarda BOBRO (auch sie ist wie Kulman eine Entdeckung des seinerzeitigen Direktors der Volksoper - und jetzt Direktor in Luzern - Mentha und wäre ein Gewinn für viele Opernhäuser)
    Platz 7: Marilyn HORNE
    Platz 8: Reri GRIST
    Platz 9: Regine CRESPIN
    Platz 10: Mady MESPLE
    Platz 11: Jeanette PILOU
    Platz 12: Adrineh SIMONIAN (Anmerkung siehe Platz 6)


    Ich habe 2007 ein paar (sehr) gute junge Sängerinnen gehört, aber vor dem Aufstieg in die "Top 12" möchte ich sie noch länger beobachten. Und da ich ja nicht nur Mezzo und Alt auf meiner Liste haben möchte, konnte ich etwa Mingardo oder Prina nicht mehr aufnehmen.


    liebe Grüße aus Wien
    Michael 2

    Zitat

    Original von Knusperhexe
    [
    Wo gibt's denn überhaupt noch stockkonservative Neuinszenierungen??????? Snöff! Snief! Selbst an der Met greift's ja schon um sich - die Alfred'sche Krake.


    Die "Martha" in der Wiener Volksoper hatte im Herbst 1973 Premiere (das ist ja noch nicht so wahnsinnig lange her) - und da rieselte der Staub schon am Premierenaend (und bis heute ist - natürlich - nicht abgestaubt worden). :D :D


    Michael 2

    Ich habe mich selbst beschenkt (und jpc hat noch vor Weihnachten geliefert) - meine Kathleen Ferrier Sammlung hat Zuwachs bekommen.


    Johann Sebastian Bach: h-Moll Messe (Suzanne Danco, Kathleen Ferrier, Peter Pears, Bruce Boyd, Norman Walker; BBC Chorus, Boyd Neel Orchestra; Dirigent: George Enescu)
    ARIADNE 5000-2


    Kathleen Ferrier - Broadcast & Live Recordings
    ANDROMEDA ANDRCD 5107


    Isobel Baillie & Kathleen Ferrier - To Music (Klavier: Gerald Moore)
    APR 5544


    Diese drei werde ich in den nächsten Tagen genießen.


    Frohe Fest- und Feiertage allen Taminos und Paminas
    Michael 2

    In den ORF Nachrichten wurde soeben gemeldet, dass Oscar Peterson gestern verstorben ist.


    Peterson war einer der wichtigsten Jazzpianisten, der sowohl solo wie auch mit seinem Trio weltweit Triumphe feiern konnte. Mit seinem Trio war er unter anderem auch Begleiter von Ella Fitzgerald. Nach einem Schlaganfall trat er in den letzten Jahren nur mehr sporadisch auf und war im Spiel auch gehandicapt.


    Ich habe ihn einige Male am Podium erlebt, und es war jedes Mal eine Ereignis. Die Jazzwelt hat einen ihrer bedeutendsten Künstler verloren.


    Michael 2

    Ich war vergangene Woche im "Boris" und kann deine Ausführungen nahezu volständig unterschreiben. Ich fand die Aufführung nicht so langatmig, aber der "Boris" ist nun einmal eine Monsteroper. Ich gebe ja zu, ich fange mit den slawischen Opern nicht so wahnsinnig viel an (mein Herz hängt doch eher an den Italienern und Franzosen, an Mozart und im Barock).


    Auch mir ist aufgefallen, dass der Stehplatz (Galerie) nur sehr scwach besucht war und auch die Sitzplätze nich voll waren. Das spricht nicht wirklich für uns Wiener, denn so oft steht das Werk ja nicht am Spielplan. Offensichtlich kann man das Publikum auch in Wien nur mehr mit Weltstars zu Raritäten locken. Und dann entgehen solche Leistungen, wie die von Elisabeth Kulman den Opernfreunden.


    Mich stört die eher karg ausgestattete Bühne nicht wirklich. Einerseits wäre der Prunk des legendären Karajan Boris in Salzburg (ich kenne nur die Bilder davon) ein Widerspruch zur Musik der Originalfassung, die wir ja in er aktuellen Inszenierung hören und die kantiger und weniger gescönt klingt als die übliche Fassung. Und ausserdem bin ich der Meinung, dass zu Zeiten des echten Boris auch weniger Gold aber dafür mehr Armut in Russland zu finden war.


    Michael 2

    Ich gebe zwei grundverschiedenen Aufführungen die Krone gemeinsam:


    "Il Giustiono" von Giovanni Legrenzi bei den Schwetzinger Festspielen, weil es eine großartige Produktion (Sänger, Musiker, Regie) einer ausgegrabenen Oper war und "Idomeneo" in Luzern, weil Olivier Tambosi ein stimmiges Regiekonzept erstellt und umgesetzt hat und Christiane Boesiger eine sehr gute Elettra war.


    Michael 2

    Die folgende Geschichte soll zum Nachdenken anregen, wie unsere heutige Gesellschaft mit dem Wunder von Bethlehem umgehen würde.


    Was, wenn Weihnachten nicht vor 2007 Jahren, sondern heute stattgefunden hätte...


    Wahrscheinliche Zeitungsschlagzeile:
    Säugling in Stall gefunden - Polizei und Jugendamt ermitteln
    Schreiner aus Nazareth und unmündige Mutter vorläufig festgenommen



    BETHLEHEM, JUDÄA - In den frühen Morgenstunden wurden die Behörden von einem besorgten Bürger alarmiert. Er hatte eine junge Familie entdeckt, die in einem Stall haust. Bei Ankunft fanden die Beamten des Sozialdienstes, die durch Polizeibeamte unterstützt wurden, einen Säugling, der von seiner erst 14-jährigen Mutter, einer gewissen Maria H. aus Nazareth, in Stoffstreifen gewickelt in eine Futterkrippe gelegt worden war.


    Bei der Festnahme von Mutter und Kind versuchte ein Mann, der später als Joseph H., ebenfalls aus Nazareth identifiziert wurde, die Sozialarbeiter abzuhalten. Joseph, unterstützt von anwesenden Hirten, sowie drei unidentifizierten Ausländern, wollte die Mitnahme des Kindes
    unterbinden, wurde aber von der Polizei daran gehindert.


    Festgenommen wurden auch die drei Ausländer, die sich als "weise Männer" eines östlichen Landes bezeichneten. Sowohl das Innenministerium als auch der Zoll sind auf der Suche nach Hinweisen über die Herkunft dieser drei Männer, die sich anscheinend illegal im Land aufhalten. Ein Sprecher der Polizei teilte mit, dass sie keinerlei Identifikation bei sich trugen, aber in Besitz von Gold, sowie einigen möglicherweise verbotenen Substanzen waren. Sie widersetzten sich der Festnahme und behaupteten, Gott habe ihnen aufgetragen, sofort nach Hause zu gehen und jeden Kontakt mit offiziellen Stellen zu vermeiden. Die mitgeführten Chemikalien wurden zur weiteren Untersuchung in das Kriminallabor geschickt.


    Der Aufenthaltsort des Säuglings wird bis auf weiteres nicht bekanntgegeben. Eine schnelle Klärung des ganzen Falls scheint sehr
    zweifelhaft. Auf Rückfragen teilte eine Mitarbeiterin des Sozialamts mit: Der Vater ist mittleren Alters und die Mutter ist definitiv noch nicht volljährig. Wir prüfen gerade mit den Behörden in Nazareth, in welcher
    Beziehung die beiden zueinander stehen."


    Maria ist im Kreiskrankenhaus in Bethlehem zu medizinischen und psychiatrischen Untersuchungen. Sie kann mit einer Anklage wegen
    Fahrlässigkeit rechnen. Ihr geistiger Zustand wird deshalb näher unter die Lupe genommen, weil sie behauptet, sie wäre noch Jungfrau und der Säugling stamme von Gott.


    In einer offiziellen Mitteilung des Leiters der Psychiatrie steht: "Mir steht nicht zu, den Leuten zu sagen, was sie glauben sollen, aber wenn dieser Glaube dazu führt, dass - wie in diesem Fall - ein Neugeborenes
    gefährdet wird, muss man diese Leute als gefährlich einstufen. Die Tatsache, dass Drogen, die vermutlich von den anwesenden Ausländern verteilt wurden, vor Ort waren, trägt nicht dazu bei, Vertrauen zu erwecken. Ich bin mir jedoch sicher, dass alle Beteiligten mit der nötigen
    Behandlung in ein paar Jahren wieder normale Mitglieder unserer Gesellschaft werden können."


    Zu guter Letzt erreicht uns noch diese Info: Die anwesenden Hirten
    behaupteten steif und fest, dass ein großer Mann in einem weißen
    Nachthemd mit Flügeln (!) auf dem Rücken ihnen befohlen hätte, den Stall aufzusuchen und das Neugeborene zu seinem Geburtstag hoch leben zu lassen. Dazu meinte ein Sprecher der Drogenfahndung: "Das ist so ziemlich die dümmste Ausrede eines vollgekifften Junkies, die ich je gehört habe."

    Lange hat es „Hoffmanns Erzählungen“ an der Volksoper nicht mehr im Repertoire gegeben. Die letzte Inszenierung stammte aus dem Jahr 1976 und stand bis 1990 am Spielplan. In der Titelpartie hörte man aus dem Ensemble unter anderem Adolf Dallapozza und als Gäste sangen Größen wie Nicolai Gedda oder Alfredo Kraus.
    Offenbachs Meisterwerk galt die gestrige Premiere im Haus am Währinger Gürtel. Während nahezu überall auf der Welt Oper in Originalsprache gegeben wird, entschied sich die Direktion für eine deutschsprachige Produktion (was einen Verfechter der Originalsprache, wie ich es bin, doch schmerzt), nicht unbedingt zum Vorteil des Abends. Denn so konnte auch jener Teil des Publikums, der das Werk nicht ganz genau kennt, mitverfolgen, dass im Vorspiel zwar von Punsch und anderen Getränken gesungen wird, auf der Bühne aber von Studentenbräuchen nichts zu sehen war (wäre in einer überdimensionierten Theatergarderobe, die den ganzen Abend den Rahmen für ein beinahe Einheitsbühnenbild gab, auch nicht ganz logisch) oder Hoffmann auch nicht mit Olympia tanzt und auch sonst in weiten Teilen am Inhalt vorbei inszeniert worden ist. Dabei hat Regisseur Peer Boysen, der auch für Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnet, eine farbenprächtige Ausstattung geschaffen, die den richtigen Rahmen für die alkoholschwangeren Träume des Titelhelden geben könnte. Und auch sonst gibt es eine Reihe von Ideen, die jede für sich Sinn machen würden – wenn etwa Stella als permanentes alter ego der Muse Niklaus auf der Bühne zu sehen ist, wenn die szenischen Rahmen der drei Frauenakte auf einer minimalisierten von Wänden umgebenen Drehbühne im Bühnenhintergrund geprägt sind, wenn Hoffmanns Gegenspieler auf offener Bühne Kleidung und damit Persönlichkeit wechseln, und noch manches mehr – allein, es bleibt ein fader Nachgeschmack zurück. Ich habe den Eindruck, dass Boysen die Probenzeit zu kurz geworden ist.
    Und die musikalische Seite ? Die Volksoper hat sich für eine Mischvariante der Choudens-Ausgabe von 1907 und der Oeser-Fassung von 1979 entschieden und um ein paar akustische Spielereien ergänzt. Die Frauen werden, wie zumeist, von unterschiedlichen Sängerinnen interpretiert, die vier Bösewichter werden wie üblich von einer Person gesungen, ebenso wie die Charaktertenöre.
    In der Titelpartie debütiert Sergej Khomov an der Volksoper. In der Darstellung von der Regie als langweilige Person gezeichnet, verfügt er über einen helltimbrierten Tenor so wie einst viele französische Tenöre (etwa Raoul Jobin oder Georges Thill) oder auch Alfredo Kraus und könnte daher ein guter Hoffmann sein, dürfte er in der Originalsprache singen. Seine Widersacher Lindorf, Coppelius, Mirakel und Dapertutto werden von Jochen Schmeckenbacher mehr als nur anständig interpretiert, aber auch bei ihnen dürfte die Regie kantiger und individueller sein. Daniela Fally sieht als Olympia eher wie ein Zombie aus, entzieht sich als schwer indisponiert (warum wurde sie eigentlich nicht angesagt ?!) aber der Kritik; Kristiane Kaiser singt und spielt die Antonia ziemlich rollengerecht; Adrineh Simonian ist eine vor allem stimmlich sehr gute Giulietta und wäre in einer anderen Regie wahrscheinlich als Gesamtfigur noch viel besser. Karl-Michael Ebner (Andreas, Cochenille, Franz, Pitichinaccio) ist vor allem als Franz auch eine herrliche Charakterstudie; Wolfgang Gratschmaier zeigt als Nathanael und Spalanzani einmal mehr seine Stärken (ich hätte dennoch, oder gerade deshalb, die Rollen von Ebner und Gratschmaier umgekehrt besetzt). Eva Maria Riedl bleibt als Muse und Niklaus stimmlich blass und sollte als Figur doch androgyner sein. Jelena Bodrazic (Stimme der Mutter, gibt es dafür niemand im Ensemble ?), Einar Th. Gudmundsson (Luther, Crespel) und Daniel Schmutzhard (Hermann, Schlemihl) ergänzen das Ensemble.
    Der (wie häufig sehr gute) Chor singt aus Logen, auf der Oberbühne und nicht immer im Blickfeld; das Orchester zeigt sich (diesmal vor allem in den Solostellen der Holzbläser) durchaus ambitioniert. Dirigiert hat der Chefdirigent des Hauses Leopold Hager.
    In den Schlussbeifall mischten sich vereinzelte Buhs für den Dirigenten und deutlich vernehmbares Missfallen für den Regisseur und Ausstatter.

    Zitat

    Original von Armin Diedrich
    Noch ein Spezialtip in Sachen Siepi: es gibt mit ihm eine Anthologie von Cole Porter-Songs (Myto etc.) Die Sachen sind brilliant gesungen und von einem Charme, daß im Vergleich dazu sogar der ausgezeichnete Hampson wie kalter Kaffee wirkt... Er brachte derlei sogar mal bei einem Liederabend in Salzburg, von dem meines Wissens auch ein Mitschnitt vorliegt.



    Beiden Aussagen (Qualität von Siepi und Vergleich mit Hampson) braucht NICHTS hinzugefügt zu werden.


    Ich habe Siepi an der Wiener Staatsoper mehrmals als Don Giovanni, in der Forza, im Don Carlo, im Barbiere und auch als Gurnemanz erleben können - und seine Abende waren nahezu immer absolute Spitzenleistungen (und das zu einer Zeit, in der sich an der Staatsoper die Größen hrer zeit noch beinahe das Bühnentürl gegenseitig geöffnet haben - sder eine kam, der andre ging). Dass er auf (legalen) Tonträgern nicht so häufig vertreten ist, liegt vermutlich daran, dass bei Siepi Persönlichkeit, Bühnenpräsenz und Stimme zu einer absoluten Einheit verwoben waren. Bei Plattenaufnahmen ist da doch ein wesentlicher Teil nicht übertragbar.


    Michael 2

    Ich habe mir wieder einmal die Aufnahme mit Keith Jarret aus dem Regal genommen, den Staub abgeblasen und in den CD-Player gelegt. Und ich gestehe, ich kann mit dieser Einspielung noch immer nicht wahnsinig viel anfangen (ich besitze sie seit einigen Jahen, habe sie aber nicht wirklich oft gehört). Wobei ich nicht wirklich beschreiben kann, ob eher das Klangbild ode die Art es Spielens für mein Unbehagen mehr verantwortlich sind.
    Jarrett spielt, weiter oben ist es schon einmal gesagt worden, auf einem zweimanualigen Cembalo, das 1988 in Japan (ich zitiere jetzt das - wenig aussagekräftige - Beiheft) "im deutsch/italienischen Stil gebaut" wurde. Wohl ist der Klang transparent, aber mir fehlt (sehr subjektiv) doch das Klangvolumen.
    Und das Spiel von Keith Jarret, der ja eigentlich im Jazz beheimatet ist ? Ich würde es als analytisch bezeichnen, wobei er manchmal in die Gefahr des "Buchstabierens" gerät. Das ist ganz sicher keine romantisierende Interpretation, sondern viel mehr ein kopforientiertes Herangehen an die Musik. Für mich wäre es interessant, Jarret mit den Goldberg Variationen am Flügel zu hören (und da würde ich - bei aller Liebe zu Bösendorfer - doch einen Steinway vorziehen), um einen direkten Vergleich anstellen zu können.


    Michael 2



    Bei aller Hoch- und Wertschätzung für Warren, aber als Figaro - da stimme ich mit Christian voll überein - fallen mir auch andre, soll bedeuten für meine Ohren besere Sänger ein.


    lG Michael 2


    Ich besitze diese Aufnahme seit längerer Zeit (allerdings von einem anderen Label) und kann sie nur wärmstens empfehlen; sie ist (beinahe) jeden Preis wert. Ich war ursprünglich etwas skeptisch, wie Tucker den Lyonel singen würde, aber nun bin ich davon begeistert. Und über de los Angeles als Martha braucht man kein Wort verlieren - einfach Spitze.
    Was mir an diesem Mitschnitt ganz besonders gefällt ist das Orchester. Im Dirigat von Nino Verchi zeigt sich wesentlich deutlicher als in den mir bekannten deutschsprachigen Aufnahmen Flotow´s Nähe zu Offenbach.
    Ich gebe eine Kaufempfehlung ab.


    Michael 2



    PS: In Wien wird "Martha" ab 26. Dezember an der Volksoper wieder gespielt; den Lyonel singt Herbert Lippert.


    Weihnachten naht - aber das ist (LEIDER !!!!!!!!!!) ein absolut unerfüllbarer Wunsch. Ich leide mit dir (trotz Cerquetti).


    Michael 2

    Zitat

    Original von Carola
    Hallo Michael


    Petzoldt bespricht in der Tat alle geistlichen Kantaten Bachs, auch die sechs, aus denen das Weihnachtsoratorium besteht. Es handelt sich um einen theologischen Kommentar. Im Bachkantatenforum habe ich die beiden bisher erschienenen Bände kurz vorgestellt, hier


    Mit Gruß von Carola


    Hallo Carola,


    ist es denkmöglich, dass es zwei Martin Petzold gibt und beide beschäftigen sich mit Bach ? Der, den ich meine, ist Tenor (Mitglied der Oper in Leipzig und gefragter Konzertsänger) und beschäftigt sich "nebenbei" theoretisch mit Bach. Ich erinnere mich an ein Zusammensitzen nach einem Konzert in Bologna (Messias in der Fassung von Mozart) mit den Solisten, bei dem er die Bedeutung des Sächsischen für die Melodik in der Matthäus Passion erklärt hat (und originales sächsisch und heutiges deutsch vorgesungen hat). Ich habe auch das Cover des Buches im Bach-Museum anders in Erinnerung.
    Jetzt ist mein Forscherdrang geweckt und ich begebe mich ernsthaft auf die Suche.


    Grüße aus Wien


    Michael 2

    Es gibt ein Buch von Martin Petzold - selbst ein begnadeter Bach-Sänger (Tenor) - über das Kantatenwerk. Ich habe es im Bach-Museum in Leipzig vergangene Weihnachten kurz durchgeblättert, konnte es aber nicht kaufen ("im Augenblick nicht lagernd"). Du hast mich jetzt aber daran erinnert und ich werde das Internet befragen, ob ich es irgendwo finde.
    Ich erinnere mich nicht mehr, ob alle Kantaten beschrieben sind (dann wäre zumindest die "Basis" für das Weihnachtsoratorium nachvollziehbar), glaube mich aber zu erinnern, dass Petzold wissenschaftlich an die Sache herangeht. Das Buch dürfte also mehr als nur eine Hilfe zu Bach sein.


    Michael 2

    Zitat

    Original von Elisabeth
    Lieber Michael,


    ich höre auch zu - IMO musikalische eine interessante Aufführung. Mich würde aber interessieren, was Dir am Wotan (stimmlich) fehlt?


    LG, Elisabeth




    Ich schwöre alle heiligen Mein- und sonstig falschen Eide :D: zum Zeitpunkt meines Beitrages habe ich nicht einmal geahnt, dass der 3. Akt einen anderen Wotan erleben wird.
    Deine Frage dürfte sich durch die Entwicklung des Abends von selbst beantwortet haben.
    Eigentlich schade, dass der neue Ring mit so einer Panne beginnt. Ich hätte diesem Prestigeprojekt mehr Erfolg gegönnt.


    Michael 2

    Ich höre gerade die Übertragung im Radio Ö1.
    Spontan würde ich sagen, dass die Aufführung durchaus in Ordnung ist. Botha hat mich angenehm überrascht, dafür könnte ich mir einen stimmstärkeren Wotan vorstellen. Und auch Welser-Möst, der nicht gerade zu meinen Lieblingsirigenten zählt, ist eindeutig als Plus der Aufführung zu werten.
    Aber es ist ja erst die Mitte des zweiten Aktes. Warten wir ab, was wir in den nächsten zwei Stunden noch hören werden.


    Michael 2

    Es war Zufall und nicht Planung, dass die gestrige Premiere von „La Traviata“ am Landestheater Linz mit dem Welt-Aidstag zusammen fiel. Und doch, schon diese zufällige Parallele beweist die zeitlose Gültigkeit des Stückes. Violetta Valery, die pariser Edelkurtisane, leidet an Schwindsucht und man geht wohl nicht ganz fehl in der Annahme, dass ihre Krankheit heute eine andere Diagnose ergäbe.
    Olivier Tambosi, der Regisseur der Neuproduktion, umschifft die Gefahr einer derart plakativen Lösung gekonnt. Wohl hebt er die Zeitlosigkeit des Dramas – perfekt unterstütz durch das Bühnenbild von Bengt Gomér und die Kostüme von Inge Medert – hervor und vermeidet jeden schwülstigen Historismus und dennoch zeigt er nicht Modernität um der Moderne wegen. Seine Violetta steht im Mittelpunkt des öffentlichen Lebens, bildet gemeinsam mit ihrer Freundin Annina, Gaston, dem Baron Douphol und nicht zuletzt Alfredo einen Teil der Seitenblickegesellschaft (für Nichtösterreicher: „Seitenblicke“ ist eine tägliche Gesellschaftskolumne im heimischen TV, in der die Schönen und Reichen des Landes in Dauerpräsenz stehen), die, damit sie unter sich bleiben kann, von Security bewacht und beschützt wird. Die Dekadenz dieser Gesellschaft zeigt sich am deutlichsten, wenn einer der Partyteilnehmer im ersten Bild seine Füße in Nobelchampgner badet. Gleichzeitig will man aber gesehen werden, was durch die Glaskuben, in denen die meisten Szenen spielen und die auf einer Drehbühne immer neue und andere Spielorte ermöglichen, verdeutlicht wird. Der Kontrast, dass Violetta schlussendlich in einem einfachen Stahlrohrbett stirbt, könnte größer kaum sein.
    Das große Plus von Tambosi ist, dass er den Text wörtlich nimmt. So wörtlich, dass die Sterbeszene von den selben Masken begleitet wird, die zuvor auf den Straßen ausgelassen den Karneval feiern. Doktor Grenvil wie auch Alfred und sein Vater haben die Zeit nicht mehr, ihre Verkleidung zu wechseln und in Anzügen zu erscheinen.
    Dieses Konzept geht auf, wenn die SängerInnen entsprechende Persönlichkeiten und bereit sind, sich auf die positiv unkonventionellen Ideen einzulassen. Das trifft vor allem einmal auf Christiane Boesiger zu, die ihr Rollendebut als Violetta gab. Sie pendelt beständig zwischen Partyrausch und Todesahnung und wirkt irgendwie selbst verwundert, dass sie bei Alfredo ernsthaft Liebe spürt. Und doch, ihren Pelz behält sie auch in der Einsamkeit des Landlebens und bis zu ihrem Tod. Mehr als Zufall ist es, dass so einen Pelz auch Flora auf ihrem Fest im dritten Bild trägt. Der Zerrissenheit der Person gibt Boesiger auch ein stimmliches Äquivalent. Himmlisch lyrische Phrasen wechseln mit dramatischen Ausbrüchen, die bewusst eingesetzt am Rande des Schöngesanges liegen (ich bin nicht ganz sicher, ob die Alternativbesetzung da mithalten wird). Der von ihr geliebte Alfredo ist der noch junge Iurie Ciobanu, der in Linz schon in „Lucia“ mit Boesiger und Tambosi gearbeitet hat. Er stößt eher durch Zufall und aus Interesse an Violetta in diese Gesellschaft, die nicht die seine ist. Und so reagiert er gekränkt und wütend gleichzeitig, wenn er Violetta am Fest wieder gemeinsam mit dem Baron trifft. Seine erste, spontane Reaktion ist nicht gesellschaftskonform; sie wird es erst, wenn er den Baron zum Duell fordert. Stimmlich entspricht er den Anforderungen eines Stadttheaters voll, zumal er auch erfolgreich die Cabaletta singt. Eine wahrhaftige Vaterfigur und starke Bühnenpersönlichkeit ist Klaus-Dieter Lerche als Giorgio Germont, der mit seinem (echten) Bart an Bilder von Verdi erinnert. Ihm merkt man die seiner Herkunft entsprechende Ablehnung der Spaßgesellschaft noch deutlicher an. Ein Totalausstieg im zweiten Bild, der vom Dirigenten nur mühsam wieder ausgeglichen werden konnte, drückt jedoch seine vokale Leistung. Teils mehr als rollendeckend besetzt sind die kleinen Partien, aus denen Karen Robertson als Annina und Tijana Grujic (auch optisch) herausragen. Sehr gut auch Chor und Statisterie.
    Dennis Russell Davies, Chef des Bruckner Orchesters, stand am Pult der Premiere und hatte am Gesamterfolg nicht unwesentlichen Anteil.


    Wer eine unkonventionelle und gleichzeitig bis ins Detail stimmige "Traviata" sehen möchte, sollte den Weg nach Linz nicht scheuen.


    Michael 2

    Zitat

    Original von Fairy Queen
    Ich bin gespannt auf die weitere Arbeit, es wird vier Aufführungen zwischen dem 3 und 9.2. 2008 geben.





    Cara Fairy Queen,


    da ich ja vom 2.2. bis 10.2. in Paris bin, ginge sich vielleicht ein kleiner (?) Ausflug zu Offenbach aus. Lasse mich bitte bei Glegenheit nähere Daten wissen (wann und wo), damit ich deine Termine und die von E.K. im "Orpheus" vielleicht koordinieren kann.


    Liebe Grüße aus Wien
    Michael 2

    Carissima Fairy !
    Wir könnten wahrscheinlich stundenlang über die Thematik und die Hintergründe im Rosenkavalier diskutieren. Irgendwann würden wir sicher zu einem Kompromiss kommen.


    Fürs Erste wage ich einen kleinen Widerspruch. Ich glaube nicht, dass Octavian die Marschallin verachtet. Ganz im Gegenteil - ich bin überzeugt, dass dieser Bub (ich schätze ihn auf etwa 16 jahre jung) in die ältere Frau wirklich verliebt ist (wie du ja weißt, bin ich aus Wien - wie auch der Textdichter Hoffmannstal - und Freud hat da natürlich hineingespielt), aber nirgendwo sehe ich, dass er sie wirklich heiraten möchte. Die silberne Rose ist für mich nicht das Zeichen einer angestrebten Ehe, sondern einfach ein Liebesdienst, ein Freundschaftsbeweis - so wie auch ich ab und zu einer lieben Frau Rosen schenke. Und die Marschallin auf der anderen Seite (ich sehe sie Mitte 30, maximal 40 Jahre alt) ist nicht wirklich eine Ehebrecherin. Sie fühlt sich von den Begehrlichkeiten des jungen Mannes geschmeichelt und auch angezogen, aber ich vermute, dass sie in ihm auch eine Art Sohn sieht. Ich gestehe - ich war glaube ich 20 Jahre jung und habe mich in eine etwa doppelt so alte Frau wahnsinnig verliebt. Wir hatten ein Jahr lang eine wunderbare Fernbeziehung (mit horrenden Telefonrechnungen), aber an eine Bindung haben wir beide nie gedacht - und das war vor .. Jahren, als es noch andere Moralvorstellungen gab). Und so ähnlich sehe ich auch das Verhältnis zwischen Marschallin und Octavian. Eine ähnliche Situation übrigens, wie zwischen Gräfin und Cherubino in Mozart´s Figaro (jetzt, wo ich diese Zeile schreibe, fält mir diese Parallele erstmals auf).


    ein Gruß aus Wien
    Michael 2

    Zitat

    Original von Siegfried


    ...oder unsere Ulrica?
    :hello:


    @ Paul
    lKasarova habe ich mehrmals gehört, aber Horne hat/hatte schon noch mehr Tiefe und auch mehr Volumen bis in die tiefsten Lagen. Was aber nicht bedeutet, dass ich Kasarova gering schätze - ganz im Gegenteil.


    @ Siegfried
    Bitte kläre einen Unwissenden auf. Wer ist "unsere Ulrica" ?????


    LG Michael 2

    Ich denke, dass Elina Garanca eine der wesentlichen noch jungen Sängerinnen ihres faches ist. Wie vielen jungen Künstlern droht aber auch ihr die Gefahr, dass von ihr zu schnell zu viel verlangt wird Ich hoffe, dass sie die Kraft hat, ab und zu auch "nein" sagen zu können. In Kenntnis ihrer Agentur und ihrer Plattenfirma bin ich mir da aber nicht ganz so sicher.


    Die Vergleiche mit Berganza, Simionato und Co scheinen mir aber mehr als hinkend, steht Garanca doch (hoffentlich) noch am Beginn einer Karriere und die legendären Aufnahmen von Berganza oder Simionato stammen doch aus späteren Zeiten (life-Aufnahmen in bedeutenden Partien aus frühen Jahren sind mir nicht bewußt). Ob ihre Carmen noch zu früh war, werden wir alle erst in der Zukunft merken, wenn sie diese Rolle an größeren Häusern als Riga singen wird. Wie Severina bin ich schon auf den Auftritt an der Staatsoper gespannt (würde aber eine andere Besetzung als Micaela und Don Jose - wenn es ihn bis dahin noch gibt - vorziehen, damit die aufführung ernsthaft bleibt und nicht zum medienspektakel degradiert wird). In einem Gespräch im ORF hat sie letztes Wochenende (glaubwürdig) gesagt, dass sie die Rolle in Riga eigentlich in aller Stille ausprobieren wollte, um fernab vom Opernrummel zu erkennen, ob sie dafür schon reif ist.


    @ Fairy Queen
    Ich würde Garnca auch nicht mit Bartoli und schon gar nicht mit Prina vergleichen wollen. Bartoli, die ich als Sängerin zwischen barock und Mozart sehr schätze, hat doch eine kleinere Stimme und ich kann sie mir als Carmen, Eboli, ... nicht wirklich vorstellen. Bei der Malibran CD zeigen sich ihre stimmlichen Grenzen doch teils sehr deutlich.
    Und Sonia Prina hat mit der erkennbaren Entwicklung von Garncia in meinen Ohren wenig gemeinsam. Seit Horne habe ich keine Sängerin gehört, die so schön in die Tiefe gehen kann und dabei wahrhaftigen Wohlklang verströmt (ja - ich weiß, das war jetzt schwülstig).


    Michael 2


    ein kurzer Nachsatz
    Ich jammere (und andere klagen mit mir) über den Kommerz und die Vermarktung. Und das sind die Auswirkungen
    Ich habe am Samstag im Wiener Musikverein eine ganz ausgezeichneten Liederabend (veranstaltet gemeinsam mit der Wiener Staatsoper) gehört, bei dem eine junge Sängerin ein überaus anspruchsvolles Programm in hoher Qualität gesungen hat. Es gab keine Vorankündigung in der Tagespresse (bloß in der Vorschau der Staatsoper und des Musikvereins) - daher wenige Zuhörer - und keine einzige Kritik. Das ist das traurige Ergebnis von Nicht-Kommerz.

    Ich gehe jetzt einen großen Schritt zurück und greife zu einer meiner ältesten LP´s. Es muss etwa 1967 oder 1968 gewesen sein (ich war jedenfalls noch Schüler und ein Gutteil meines Taschengeldes ist in diese Plattenkassette investiert worden), als ich mir diese Aufnahme gekauft habe - und damals war sie schon nicht mehr aktuell.


    Jennifer VYVYAN (soprano)
    Norma PROCTER (contralto)
    George MARAN (tenor)
    Owen BRANNIGAN (bass)
    The London Philharmonic Choir
    The London Philharmonic Orchestra
    Sir Adrian BOULT


    Es ist ein sonderbares Hörgefüh, wenn diese 3 Platten auf dem Plattenspieler liegen und sich mit 33 Umdrehungen bewegen. Nicht etwa das Knacken und sonstige Nebengeräusche verursachen ein ungewohntes Gefühl, es ist die Art des Musizierens. Sir Adrian Boult lässt das Orchester, den Chor und die Solisten wohl in der englischen Oratorientradition spielen und singen, die uns doch etwas fremd ist (trotz der Romantizismen, die wir auch von Richter kennen). Und nicht nur, weil sich unsere Hörgewohnheiten deutlich geändert haben.
    Die Aufnahme ist breit dirigiert, das Orchester spielt wahrhaftig nicht kammermusikalisch oder transparent, die Sänger verfügen teils über (zu ?) große Stimmen, ... Und dennoch, es ist für mich jedes Mal ein Erlebnis, diese Aufnahme zu hören. Ich stelle die Behauptung in den Raum, dass diese Einspielung "echter" klingt, als viele der "Originalklangaufnahmen" der heutigen Zeit (wenn wir einmal den objektiven Klang der Instrumente um 1950 - um diese Zeit dürfte die Aufnahme entstanden sein, denaues Datum kenne ich nicht - aus den Betrachtungen ausklammern).
    Ich weiss nicht, wie lange ich diese Platten noch spielen kann (die Zeit dafür ist ja enden wollend), aber die Kasette hat einen Ehrenplatz in meinem Schrank (und vielleicht wird die Aufnahme doch noch einmal auf CD gepreßt).


    Michael 2