Beiträge von miguel54

    Zitat

    Original von ben cohrs
    Schade, daß noch niemand von Euch auf die Einspielung mit dem new Queen´s Hall Orchestra unter Roy Goodman gestoßen ist. Leider ist diese Carlton Produktion vergriffen (das Label gibt es nicht mehr); sie soll aber auf dem neuen Label Organic Classics des Orchesters wiederveröffentlicht werden. Im Moment gibt es sie nur gebraucht bei Amazon.


    Ich konnte nach längerem Warten ein bezahlbares Exemplar ergattern - diese CD ist der Hammer, die Dynamik sehr weit und vorbildlich, spielerisch toll. Uneingeschränkt empfehlenswert!


    Die Fehlzuschreibungen sind einerseits ein Symptom dafür, daß man anderen Komponisten (deren Werk man häufig nur unzureichend kennt) bestimmte Werke und Qualitäten nicht zutraut, andererseits ein Zeichen, daß diese eben auch gut schreiben konnten.


    Eine Diskussion von Motivationen für Fehlzuschreibungen wäre sicher auch interessant. Die "Gier" nach Werken von anerkannten Meistern spielt sicher eine große Rolle. Oder die romantische Verklärung nach einem frühen Tod, wie bei Pergolesi oder Mozart.


    Ein Grund ist sicher die übertriebene Platzierung einiger Komponisten auf den höchsten Podesten, während man die große Menge undifferenziert vernächlässigt hat und viele der möglichen Kandidaten überhaupt nicht kennt. Ich vertrete immer die These, daß man die Besonderheit (ich sage bewußt nicht: Größe) eines Bach, Beethoven oder Mozart nur sehen kann, wenn man all das sieht, was ihre Zeitgenossen hervorgebracht haben. Gerade Mozart hat sich viele Inspirationen bei seinen Kollegen geholt, und meistens etwas Interessanteres daraus gemacht, aber deswegen muß man seine Quellen nicht abqualifizieren. Und die Werke werden ja nicht schlechter, nur weil sie doch nicht von einem der (meistens von der Nachwelt) so betitelten "Großmeister" sind - dann waren die "Kleinmeister" eben doch etwas "größer" ... Vergleiche mit Ausnahmeerscheinungen wie den drei genannten führen zwangsläufig zu Ungerechtigkeiten. Ich denke, man sollte erst mal versuchen, jeden Komponisten mit seinen eigenen Meriten zu sehen. Die zitierten "Schubladen" halte ich für überholt - die Verflechtungen und Einflüsse sind weit differenzierter als es sich die Musikhistoriker dachten, die sie erfunden haben.

    Zitat

    Original von van Rossum
    Genau, all das habe ich schon gemacht: CDs gerippt, auf Festplatte archiviert, in Multimediaplayer gespeist. Jetzt muss ich nur noch die Folientaschen für die CDs haben. Das amerikanische Modell (welches im Preis akzeptabel ist) habe ich inzwischen gefunden: http://www.jazzloft.com
    Aber gibts sowas auch in Deutschland, oder zumindest in Europa zu kaufen?


    Gruß,
    Tobias


    Vielleicht gibt es hier was Passendes ...

    Zitat

    Original von Seicento
    Was spielen denn die französischen oder französisch-sprachigen Musiker selber?
    Hier der Versuch einer kleinen Statistik:
    Hat jemand mehr Beispiele ? bzw.: Hat das was zu bedeuten ?


    Der Prophet gilt ja bekanntlich wenig bis nichts im eigenen Land. Viele deutsche Komponisten wurden auch zuerst von Belgiern oder Niederländern oder Franzosen eingespielt ...


    Ein Beispiel sind die Werke Wilhelm Friedemann Bachs: Die ersten CDs in den 1980er Jahren waren von Guy Penson, dem Ricercar Consort und Christophe Rousset.


    Die vorrangigen Vivaldi-Interpreten in den 1980er Jahren waren Engländer.
    Usw. usf. ...

    Zitat

    Original von Schwitzgebel
    Wer weiß, welches Ensemble im Film mit dem B-Dur-Sextett zu hören ist, d.h. welche Einspielung also als Filmmusik verwendet wurde.


    In der IMDB steht:

    Zitat

    "Streichsextett No. 1" (uncredited)
    Music by Johannes Brahms
    Conducted by Serge Baudo

    Tja, aus genau solchen Überlegungen heraus habe ich seinerzeit für ein eigenes Forum für Musik der sog. Vorklassik oder Frühklassik plädiert - sie hat es verdient, vor diesem schwarzen Loch der Musikgeschichte bewahrt zu werden!


    Ich bin kein großer Freund von Violinkonzerten, aber die von Johann Gottlieb Graun haben mich in jeder Hinsicht positiv überrascht, keine nur selbstverliebte Virtuosität, sondern neue, frische Einfälle:


    Zitat

    Original von Glockenton
    Aber was ist jetzt mit dem Dresdner Stil gemeint (a la Heinichen)?
    Und ich dachte immer, man müsste sich für diese Musik eher dem Leipziger Stil annähern....


    Ähnlich wie bei der h-moll Messe hat Bach hier, was die Instrumentierung angeht, bis auf die Hörner so ziemlich das verwertet, was er auch in Dresden gehabt hätte. 1734 hat er diese 6 Kantaten erstmal zusammengestellt, was Hermann Max im Zusammenhang mit den Bemühungen um einen sächsischen Kapellmeistertitel sieht - die Vorlagen stammten ja zum überwiegenden Teil aus den "Dramma per musica" überschriebenen Festmusiken für Angehörige des sächsischen Herrscherhauses. Die Chöre sind wesentlich einfacher komponiert als man das von ihm gewohnt ist, wie eine Demonstration, daß er das auch konnte. Die Konfrontation mit der Musik des neuen Kapellmeisters Hasse in Dresden hatte diese Tendenzen sicher bestärkt. Heinichen hatte ja schon eingängiger als Bach geschrieben, Hasse erst recht ...
    "Leipziger Stil" wäre in diesem Fall Bachs Annäherung an Dresdner musikalische Moden unter möglichster Beibehaltung seiner eigenen Präferenzen.

    Natürlich kann eine Anlage nie so klingen wie Live-Musik - die Schallerzeugung im Raum ist ja schon mal grundverschieden.
    Der Einfluß des Raums bei der Wiedergabe muß noch erwähnt werden - die beste Anlage nutzt nichts in einem schlecht klingenden Raum. Und da die Räumlichkeit bei der Aufnahme nicht ausgeschaltet werden kann, überlagern sich dann zwei - da fangen die Probleme schon an.
    Ich finde man fährt am besten, wenn man das Hören im Konzert und zuhause als zwei völlig verschiedene Phänomene angeht.

    Zitat

    Original von Gerhard
    Die Diskussion um die richtige Aufführungspraxis wird eigentlich nur von Dogmatikern geführt, egal ob auf der Seite der Hörer oder der Musiker.


    Also was ich von dieser Diskussion so mitbekomme, wurde bisher kaum von Dogmatikern geführt - mir wurde noch keiner vorgestellt. Unter den Musikern kenne ich keinen, die machen es einfach so, wie es sie überzeugt, aber deswegen sind die bestimmt keine Dogmatiker.


    Zitat

    Man kann versuchen, sich dem Original so gut wie möglich anzunähern, doch das wird nichts daran ändern, dass wir nicht nur längst andere Hör-Gewohnheiten haben, sondern auch den Zeitgeist des Barock kaum noch nachvollziehen können.


    Das heißt aber nicht automatisch, daß unser Zeitgeist der unhinterfragt bessere ist - bzw. die Frage nach dem historischen Klangbild gehört eben zu unserem Zeitgeist, aus der Erfahrung wenig befriedigender Ergebnisse bei Ignorieren der historischen Gegebenheiten.
    Ich kenne keinen Musiker der HIP-Szene, der so naiv wäre, zu denken, es könne so klingen wie damals - darum ging es auch nie. Die Ursprünge liegen in der Neugier auf den anderen Klang, um der Musik auf diesem Weg vielleicht etwas näher zu kommen als unter Ignorieren des historischen Klangbilds. Um nicht mehr und nicht weniger geht es.
    Die Dogmatiker sind meiner Meinung nach die Erfindung von Hörern, die HIP nicht überzeugt, bzw. sie nicht mögen. Was man nicht mag, hört man nicht an, basta. So einfach kann das sein. Über den Sinn von HIP an sich zu diskutieren ist überflüssig, da sie längst ein wesentlicher Teil unserer Musikpraxis geworden ist. Über Details kann man sinnvoll nur mit Leuten diskutieren, die sie grundsätzlich wertschätzen, denke ich.

    Zitat von Ulli

    ... und Mario Martinoli. Über die Vollständigkeit des Krausschen Klavierwerks auf dieser [einer] CD kann man streiten - Die Darbietung von Mario Martinoli beispielsweise wartet zu den o.g. Klaviersolowerken zusätzlich noch mit fünf Choralvorspielen VB 197 auf, die natürlich originär nicht für das Clavier gedacht waren.


    Wo ist denn die Einspielung von Martinoli erschienen? Gibts ein zu verlinkendes Coverbild? :hello:

    Zitat

    Original von Seicento
    Oder ist die größere Popularität der Pariser Quartette eher das Ergebnis eines besseren Marketings ?


    Fragt sich nur, ob Marketing zu Telemanns oder zu heutigen Zeiten ... schon damals waren sie wegen der bekannten Namen auf der Subskriptionsliste (incl. eines Monsieur Bach de Leipzig) berühmt, ihr Komponist als der Deutsche, der den französischen Stil beherrschte. Diese Berühmtheit hält bis in die heutige Zeit, gefördert durch die seltsame Vorliebe für vom Komponisten zusammengestellte oder gar gedruckte komplette Sammlungen, voraussetzend, der habe seine besten Stücke darin versammelt.
    Es gibt sicher, je nach Geschmack, aber auch sicher nach objektiveren Kriterien, andere Quartette oder Quintette, die den Parisern ebenbürtig sind, z.B. diese hier (sind allerdings trotz des CD-Titels nicht alle mit Flöte, aber alles erstklassige Stücke):



    Die CD der Freiburger finde ich auch sehr schön - in der umfangreichen Kammermusik Telemanns finden sich viele Schätze. Schlechtes oder mittelmäßiges hat er wirklich nicht hinterlassen.


    Zitat

    Original von miguel54
    Paul Horn hat diese Stücke 1981 im Rahmen der Stuttgarter Bach-Ausgaben der Hänssler Edition veröffentlicht.


    Ergänzung: Das war die zweite Auflage - zuerst erschien diese Ausgabe 1960 - das erklärt, warum Horn die Erkenntnisse Schleunings über die Autorschafts Hässlers an den Stücken in diesem Manuskript noch nicht kennen konnte.

    Zitat

    Original von Harald Kral
    In den sechziger Jahren begann Jobim, Samba und Jazz zu mixen und so den damals neuen Musikstil Bossa Nova mit zu begründen.


    Lieber Harald, danke für diese Erinnerung. Ich werde mir ein paar seiner Aufnahmen zu Gemüte führen ...


    Daß die Entstehung der Bossa Nova etwas mit Jazz zu tun hat, ist allerdings ein Mythos, der von den Stan Getz Fans erfunden wurde. Die Bossa Nova entstand Mitte der 1950er Jahre aus der Samba Cançao, einem rhythmisch leichteren Stil der Samba, weniger perkussiv, mit anspruchsvolleren Texten und komplexerer Harmonik: der studierte Architekt Jobim hatte auch klassisches Klavier gelernt - vieles von seinen Akkordfolgen, so hat Clare Fischer mal erzählt, ist reiner Chopin ... Auch der Gitarrist Luiz Bonfa war klassisch ausgebildet. Die beiden und João Gilberto und der Textdichter Vinicius des Morães waren der erste Kern, Sergio Mendes, Paulo Moura, Edison Machado u.a. gehören auch dazu. Der Stil war auf den ersten Aufnahmen Gilbertos vor 1960 bereits voll ausgeprägt - siehe diese offenbar gestrichene CD "The Legendary João Gilberto"



    und kommt bequem ohne großen Jazzeinfluß aus, der erst für den US-Markt hinzukam, vor allem durch Charlie Byrd und Stan Getz, die aber beide von Bossa Nova erst mal keine Ahnung hatten. Byrd kam durch seine begleiter Keter Betts und Buddy Deppenschmidt auf den Trichter, die auf einer Brasilien-Tournee Platten kauften und mit lokalen Musikern spielten, und er brachte Getz drauf. Besser machten es Herbie Mann und Cannonball Adderley, die gleich mit Brasilianern ins Studio gingen:



    .. und das Jahre vor Stan Getz!

    Zitat

    Original von miguel54


    Nachtrag zu diesem Werk aus Friedemanns Hallenser Zeit: Es gilt inzwischen als sicher, daß es als Kantate zur Feier des Geburtstags Friedrichs des Großen im Januar 1758 entstand.


    Nachtrag:
    Der Titel der Kantate lautet richtig O Himmel, schone - damit konnte jemand wohl nichts anfangen und hat die Frau ergänzt und den Vokal angepasst.

    Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Jpc hat diese hervorragende Einspielung des Bachschen Weihnachtsoratoriums für 6,99!



    Der Empfehlung kann ich mich anschließen - diese Aufnahme erklingt jedes Jahr zu Weihnachten in diesem Haus. Christoph Prégardien ist der beste Evangelist, den ich je gehört habe (damals beim ersten Erscheinen der Aufnahme übrigens auch im Konzert mit dieser Formation).

    @ Frank Georg Bechyna:
    Rauchfleischs erstes Buch habe ich gelesen, aber so ganz kann ich ihm nicht folgen. Wie heißt denn das zweite Buch? Und wo wurden die Prozeßakten Schumann-Wieck publiziert? Ich weiß, das ist hier fast off topic, aber hier wird allgemein über Genie und Wahnsinn diskutiert ...


    Inzwischen wissen wir doch viel mehr als damals über Schumanns letzte Jahre.
    Vieles was damals normal war, finden wir heute übertrieben, alkoholische Getränke waren üblich, weil das Trinkwasser oft hygienisch bedenklich war etc. - und künstlerisch begabte sind damals wie heute immer ein wenig oder mehr zum Außenseitertum verdammt.


    Da gibt es ein sehr lesenswertes Buch von Ernst Kris und Otto Kurz: Die Legende vom Künstler (Frankfurt 1980, edition suhrkamp NF 34) - da geht es aus psychoanalytischer Sicht hauptsächlich um bildende Künstler, aber vieles lässt sich übertragen, wie durch gezielte Verzerrung in der Biografik ein Bild geschaffen wird, das bestimmten Interessen dient.
    Oder Franz Roh: Der verkannte Künstler (Köln 1993) - da geht es auch um Musiker, das Phänomen des Verkennens, was mit einer verzeichnenden Biografik viel zu tun hat. Da gibt es ein Beethoven-Kapitel, daß ich nachher in der Badewanne nochmal lesen werde.

    Zitat

    Original von wiesengrund
    Ja, und??


    Was soll diese Medizinierung eigentlich bringen? ...


    Die Frage habe ich mir auch schon gestellt, was das eigentlich soll, wie auch die Diskussion, daß Wilhelm Friedemann Bach sturzbetrunken über den Vorplatz der Moritzburg gefallen sein soll u.ä. ... Vater Bach hat ja auch nicht schlecht gegessen, getrunken und Tabakspeife geraucht, wenn ich mir die Abrechnungen vom Orgelgutachten mit Silbermann in Naumburg ansehe, und über Händel ist da auch etliches überliefert.


    Ja und?? Irgendwo alles auch Auswüchse einer Art Voyeurismus und Sensationsgier. Mir ist die Musik auch wichtiger als all das, obwohl ich auf einer sachlichen Ebene gerne Informationen darüber habe. Im Grunde liegt das Problem darin, das alle diese Komponisten von der Nationalheldenbiographik des späten 19. Jahrhunderts auf einen Sockel gelüpft wurden (wozu auch Dokumente verfälscht oder beseitigt wurden), der von ihnen eine Perfektion in der Lebensführung verlangt, von der sie nichts wußten und die ihnen auch herzlich egal war. Das Problem ist unser idealisiertes Bild und unsere Erwartungshaltung, nicht das Leben oder die gesundheitlichen Probleme dieser Musiker.
    Aber heute regen sich die Fans und Presse ja auch über Amy Winehouse's Exzesse auf ... (aus der Klassik fällt mir gerade niemand ein) ...

    Das Asperger-Syndrom erfreut sich in den letzten Jahren zunehmender Beliebtheit - auch bei dem Jazzpianisten Thelonious Monk, dem man posthum eine schleichend zunehmende bipolare Störung andiagnostizierte, wird in der Folge der Diskussion einer brandneu erschienenen Biografie eine Asperger-Symptomatik diskutiert. Syndrome sind nach meinem Verständnis allerdings doch Symptomkomplexe, haben damit beschreibenden Charakter und damit eher begrenzten Erklärungswert. Bei Syndromen, die sozusagen "in Mode" sind, bin ich immer etwas skeptisch ...


    Die Annahme einer Bleivergiftung scheint doch bei Beethoven ziemlich viel zu erklären. Die psychischen Begleiterscheinungen physischer Einflüsse wie Vergiftungen in niedrigen Dosen stehen doch erst am Anfang ihrer Erforschung - und wenn man die sehr individuellen Ausprägungen psychischer Leiden wie der Auswirkungen von Schadstoffen berücksichtigt, wird es sehr schwierig, mit handfesten diagnostischen Kategorien zu argumentieren, bei der Verzerrung durch ungenaue oder tendenziöse Beschreibungen von Zeitgenossen erst recht. Was psychisch als "normal" akzeptiert wird, ist ohnehin Konvention - mit unterschiedlichen Modellen der Psyche kommt man da zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen.

    Zitat

    Original von enkidu2
    Meine einzige CD mit den Ouvertüren war bislang jene mit Musica Antiqua Köln:



    Leider bei der Archiv Produktion ohne Ouvertüre Nr. 5.


    Die fehlende Ouvertüre hat Goebel aus Spielzeitgründen auf dieser CD untergebracht:



    Wie ist denn die Spielzeit der CD bei Brilliant Classics? Das kann ich mir nicht vorstellen, daß die alle auf eine CD passen ...

    Zitat

    Original von ThomasBernhard
    Na solch eine Aussage gegen die vorliegende Einspielung der Fragmente zu Felde zu führen bietet Stoff für einen netten kleinen Musik-Kriminalfall.


    ... der auch als Krimi geschrieben wurde!


    [jpc]342666352X[/jpc]