Beiträge von Fantasio

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    Original von Fairy Queen: Da die Figuren auch im Deutschen andere Namen haben und die gesamte Übersetzung singbar ist, gehe ich davon aus, dass das Stück in deutsch irgendwann mal aufgeführt wurde. Ob es da wohl Tondokumente gibt?


    Offenbar nie auf Tonträger veröffentlicht, aber wohl als Rundfunkaufnahme vorhanden:


    Aufnahme: 18.7.1986, live, konz., Hamm, Maximilian-Park
    Dirigent: Joshard Daus
    Westfälisches Symphonieorchester
    Ensemble des Maximilianparks Hamm
    Dialog-Regie: Gerhard Wolf


    Rollen und Sänger
    Frau Birnenweich: Scot Weir
    Frau Butterschmalz: Ulf Kemklies
    Frau Zunder: Andreas Mitschke
    Gemüseverkäuferin: Andrea Reuter
    Kleiderverkäufer: Barbara Stolzenberg
    Kommissar: Udo Krekow
    Krüstchen: Renate Pribert-Zimny
    Pimpenelle: Christiane Hampe
    Raflafla: Jörg-Hannes Kuhn
    Sprecher: Gerhard Wolf
    Waffenhändlerin: Ulrike Stallmeister


    --



    BTW: Die Angaben zur hier mehrfach erwähnten franz. Rosenthal-Aufnahme (EMI):


    Aufnahme: 1982, Studio
    Spieldauer: 52'45
    Dirigent: Manuel Rosenthal
    Orchestre Philharmonique de Monte Carlo
    Ensemble Vocal Jean Laforge
    Chorleitung: Jean Laforge
    Product Code: EMI CD: 7 49361 2, EMI LP: 1731743


    Rollen und Sänger
    Ciboulette: Mady Mesplé
    Croûte-au-Pot: Léonard Pezzino
    Gemüseverkäuferin: Olympe Demaine
    Kleiderverkäufer: Marcel Quillevére
    Kommissar: Jean-Marie Frémeau
    Madame Beurrefondue: Jean-Philippe Lafont
    Madame Madou: Michel Trempont
    Madame Poiretapée: Michel Hamel
    Raflafla: Charles Burles
    Waffelverkäuferin: Monique Pouradier-Duteil



    Gruß
    Fantasio

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    Original von Fairy Queen: gehe ich davon aus, dass das Stück in deutsch irgendwann mal aufgeführt wurde.


    beispielsweise:
    Kaitheater, Wien 1862
    Deutsche Oper, Berlin 1977


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    Original von Fairy Queen: Ob es da wohl Tondokumente gibt?


    Rideamus hat ja wohl eine (deutschsprachige??) Aufnahme des ORTF.
    Vive Offenbach, Manuel Rosenthal. EMI 1731743 (franz.)


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    Original von Fairy Queen: Unser Regisseur hat einige Rollen umbesetzt. Die Gemüsehändlerin ist nun ein Gemûsehandler sprich ein Tenor und die männliche Hauptrolle wird von enem Mezzo als Hosenrolle gesungen(das sei Tradition)
    Die drei Marktweiber sind eher singende Schauspieler, weil es da vor allem auf das Spiel ankomme (Transvestierollen-von Männern gespielt, auch das sei Tradition ?( wahrcheinlich auch wegen der Komik)). Ich selbst bin als eine Marchande des Habits vorgesehen-also eine Modistin, was ich ganz hervorragend passend finde, und dabei einen Hut tragen darf :]
    Ausserdem gibt es noch eine Marchande des Plaisir (sie verkauft Waffeln und Bonbons.....), die auch aus dem Ensemble besetzt wird und natürlich Ciboulette, den Commisaire und Raflafla , die mit Musik-Theaterprofis besetzt sind.


    Heinzelmann macht darüber in seiner deutschen Fassung (Bote & Bock) folgende Angaben:


    --


    Personen:


    1. Mme. Poiretapée - Frau Birnenweich, Inhaberin eines Gemüse- und Fischstandes
    2. Mme. Madou - Frau Zunder, Fischhändlerin
    3. Mme. Buerrefondue - Frau Butterschmalz, Gemüsehändlerin
    4. Raflafla, Tambourmajor der Garde
    5. Ein Marktkommissar
    6. Ciboulette - Pimpernelle, eine junge Früchtehändlerin
    7. Croûte-au-pot - Krüstchen, ein junger Koch
    8. Ein getragener Kleiderhändler
    8. Eine grüne Gemüsehändlerin
    9. Eine heiße Waffelhändlerin


    Nach dem Besetzungszettel der Uraufführung vom 3.3.1858 nahm Offenbach aus personaltechnischen Gründen die folgende Besetzung vor:


    Die Partien 1 - 3: Tenöre bzw. hohe Baritone
    4: Tenor buffo
    5: Baß
    6: Sopran
    7: Hosenrolle (Mezzosopran)
    8 - 10: Frauenstimmen


    Aus späteren Aufzeichnungen des Komponisten ist bekannt, daß er selbst die Besetzungen nach Möglichkeiten des Theaters variierte. Alternativbesetzung:
    1 - 3: Sopran - Mezzosopran - Alt
    4 - 6: wie oben
    7: Lyrischer Tenor
    8 - 10: beliebig


    Ein kleiner Chor (Händler und Kunden), im Original nur im Finale Nr. 8, kann auch in der Introduktion Nr. 1 eingesetzt werden. Der Chor kann auch ganz wegfallen.


    Ort der Handlung sind die Pariser Markthallen zur Zeit Ludwig XV. Verschiedene Stände mit Obst, Gemüse, Fischen, alten Kleidern usw. Körbe, rechts und links je ein großer Bottich mit Wasser.


    Das Stück kann auch im Dialekt des Aufführungsortes gespielt werden, Ort der Handlung muß dabei freilich Paris bleiben.



    Orchesterbesetzung:


    Original:
    2 (Picc.), 1, 2, 1 - 2,2,1,0 - Pk., Schl. - Streicher


    Kammerbesetzung:
    1 (Picc.), 0,1,1,- 1,1,0, 0 - Klavier - Pk. (Schl.) - Streichquintett


    --


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    Original von Fairy Queen: Ich bin gespannt auf die weitere Arbeit, es wird vier Aufführungen zwischen dem 3 und 9.2. 2008 geben.


    Viel Erfolg!
    Fantasio

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    Original von Rideamus: den verlogenen Bettler des "aveugle par axidans" (Blind durch Umfall) zu charakterisieren


    "Aveugue par axidans" ergibt ebenfalls keinen Sinn, klar. Auch hier (wie bei 'Haveugle' auf Patachons Schild) zunächst der direkte Hinweis auf den Bildungsstand des Trägers und anschließend das Wortspiel. Wenn wir uns einig sind, dass 'axidans' für 'accidents' steht, also Unfälle, so fällt die Bedeutung von Verkehrsunfälle (oder auch Arbeitsunfälle) sicher weg, da zur Begründung ein einziger genügen würde. Folglich ergibt nur das Verständnis von 'Schicksalsschläge' Sinn; insofern erscheint mir 'Umfall' als rein orthographisches Missverständnis zu unpräzise. Vielleicht könnte die Formulierung lauten: "Blind durch Malörs"?


    Das passt auch insofern gut zur Figur, als Giraffier ständig andere für seine persönliche Situation verantwortlich macht, stets muss ausgerechnet _ihm_ alles schiefgehen ...


    Überträgt man dieses Verständnis auf Patachons "Haveugle de nessance" und lässt hier nur die Bedeutung von 'naissance' gelten, so könnte dieses 'Blind von Geburt' möglicherweise formuliert werden als "Blinnt von Endbindung"?


    Nicht so schön finde ich, dass beide den selben (Orthografie-) Defekt haben und somit das gleiche Bildungsniveau. Effektvoller ist es zumeist, bei der Typisierung die Kontraste zu suchen. Daher halte ich es für begrüßenswert, wenn nur Giraffier Rechtschreibfehler macht (was bei einem so schwierigen Fremdwort auch glaubhaft ist), während Patachon korrekt schreibt. Somit favorisiere ich letztlich für sein Schild die Aufschrift "Blind von Entbindung".


    Was meinst du dazu?


    Jan

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    Original von Rideamus: Vorab: eigentlich sollen im Opern- und Operettenführer keine Diskussionen geführt werden


    Hm, das bestätigt nur meine Auffassung, dass die technischen Möglichkeiten (der Forumssoftware?) an dieser Stelle dringend einer Erweiterung bedürfen. Opern- und Operettenführer sollten als Wiki strukturiert und natürlich ständig durch jeden Beteiligten veränderbar (und Schritt für Schritt "Rückgängig-korrigierbar") sein, so dass notwendige (zwangsläufig oft sehr detaillierte und somit spezielle) Diskussionen zum Beitrag parallel im Hintergrund geführt werden können, während der zunächst allgemein sichtbare Artikel im Vordergrund dem jeweils aktuellen Kenntnisstand entspricht (inklusive der gemeinschaftlich akzeptierten Korrekturen und Ergänzungen).


    Erst dann werden die überwältigenden Vorteile der (gemeinsam von allen Interessierten) dynamisch erweiterbaren Online-Publikation gegenüber einer statischen Print-Ausgaben nutzbar.


    Von daher halte ich es für bedenkenswert, falls eine solche Umsetzung hier im Forum nicht realisiert werden kann, mit den Einträgen (gern auch zusätzlich oder zumindest zunächst mal) in die Wikipedia umzuziehen, so dass tatsächlich gebrauchsfähige Nachschlagewerke enstehen können.


    Vielleicht kann diese Überlegung mal ein Mod oder Admin kommentieren?



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    Original von Rideamus: den Hinweis auf die Chronologie und PEPITO als möglicherweise als die erste AUFGEFÜHRTE Operette finde ich sehr wertvoll. Wie ist der gestützt?


    (Quellenangaben zitiert nach: "Bibliotheca Offenbachiana" ("eine systematisch-chronologische Bibliographie"), bearbeitet von Thomas Scipperges, Christoph Dohr, Kerstin Rüllke, Köln 1998, S. 115 f.)


    4. "Pépito" (A. 604) Opéra-comique (ein Akt), Battu & Jules Moinaux [Pseudonym von Joseph-Désiré Moineaux], Variétés, 8. Oktober 1853. Deutscher Titel: Das Mädchen von Elizondo (Wiener Fassung in zwei Akten).


    4.1. Artikel und Aufsätze:
    Josef Heinzelmann in: Piper 1991, S. 487-489.


    4.2 Zeitgenössische Aufführungsberichte:


    [B. P.]
    - Pariser Briefe. Pepito, Operette von J. Offenbach [Théatre des Variétés], in: Niederrheinische Musik-Zeitung, Nr. 24, Köln 1853, S. 189-190.
    - Teatri e notizie diverse. Parigi. Notizie diverse [Pépito, Opéra-Comique], in: L'italia musicale, Mailand 1853, S. 357.
    - Neue und neueinstudierte Opern, in: Neue Zeitschrift für Musik, Bd. 51, Leipzig 1859, S. 155. u. S. 183


    [A.G.]
    - Correspondenz. Braunschweig [Frl. Eggling in Offenbachs "Mädchen von Elizondo"], in: Monatsschrift für Theater und Musik, Wien 1859, S. 597-598.
    - Neue und neueinstudierte Opern, in: Neue Zeitschrift für Musik, Leipzig 1859, S. 111.
    - Wiener Wochenblatt. Rückblick auf Theater und Concert-Leistungen [Carltheater], in: Monatsschrift für Theater und Musik, Wien 1859, S. 10-12.
    - Otto Gumbrecht
    Berliner Musikbericht. Offenbach's Mädchen von Elizondo, in: Monatsschrift für Theater und Musik, Wien 1860, S. 6-9.
    - Gustav Engel
    Berliner Briefe (1.). Offenbach's "Mädchen von Elizondo" (20. Dezember 1859), in: Niederrheinische Musik-Zeitung, Köln 1860, Nr. 1, S. 5-7.
    - A. Soubies
    Une premiere par jour. Causeries sur le théâtre, Paris 1888, S. 240-241.


    Womöglich muss man aber in dieser Betrachtung auch "L'Alcôve" (No. 2, A. 532) berücksichtigen, eine Opéra-comique in einem Akt (Libretto: de Forges, Adolphe du Leuven & Eugène Roche), die (lt. "Bibliotheca Offenbachiana") am 24.04.1847 im Salle de la Tour-d'Auvergne uraufgeführt wurde und am 09.01.1849 unter dem Titel "Marielle" (später auch: "Sergeant und Commandant") am Kölner Theater herauskam. -
    Tja, demnach wäre die Erfindung der Operette in deutsch-französischer (selbstverständlich vor allem jüdischer) Personalunion erfolgt und diese in Kooperation zwischen Paris und Köln erstmalig der Welt präsentiert worden? Warum sagt mir das keiner?! ;-)


    Allerdings erfolgt auf www.jacques-offenbach.de folgende Aussage: "»Pépito« war das erste Werk Offenbachs, welches an einem professionellen Theater szenisch uraufgeführt wurde. [ Michael Laricchia ]".


    Entscheide du, bitte. Oder wer sich sonst berufen fühlt. ;-) Ich schließe mich dann an.



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    Original von Rideamus: worauf beruht Deine Aussage, LE TRÉSOR A MATHURIN sei identisch mit dem vier Jahre später uraufgeführten LE MARIAGE AUX LANTERNES?


    - www.jacques-offenbach.de
    - www.jacques-offenbach.de
    - www.klassika.info
    - nach P. Walter Jacob: "Offenbach", Hamburg 1997, S. 65


    - Christoph Dohr [Hrg.]: "Bibliotheca Offenbachiana" (s.o.), S. 115 u. S. 125:


    3. Le Trésor à Mathurin (A. 623)
    Opéra-comique (ein Akt), Léon Battu, Salle Herz, Mai 1853


    30. Le Mariage aux laternes (A. 593)
    Opérette (ein Akt), Carré & Battu, Bouffes-Parisiens, 10. Oktober 1857. Deutsche Titel: Die Hochzeit bei den Laternen, Die Verlobung bei Laternenschein, englischer Titel: Treasure Trove [wahrscheinlich identisch mit Le Trésor à Mathurin]



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    Original von Rideamus: Wenigstens braucht man im Falle des Schilds des Blinden keinen Reim oder Rhythmus zu berücksichtigen. Man sollte aber die Mechanik des Wortspiels nachvollziehen können.


    Wie gesagt, dieser (nur phonetisch auffällige) Witz wird sich allein durch das Schild kaum hergestellt haben. Im Zensurlibretto fehlt diese Angabe (und jeder Hinweis auf Schilder), so dass ich annehme ihre Einführung basiert auf einem (späteren) Regie-Einfall bzw. der Initiative der Darsteller. Vermutlich wird der Un-Sinn der Aufschrift bühnenwirksam zusätzlich verstärkt worden sein, ohne dass sich dies aus der uns vorliegenden 2. Auflage des Klavierauszugs zwingend ergibt. Alles andere wäre wohl unverständlich. Jedenfalls könnte (und müsste) man auf das Schild verzichten (bzw. auf ein entsprechendes Wortspiel); "Blind aus Nötigung" hat für mich nicht nur keinen Witz, sondern ist dem Sinn nach gar nicht (von mir) zu begreifen, sorry. :-)


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    Original von Rideamus: Nur: wie bringt man das alles auf ein kurzes Schild, das möglichst noch einen Lacher hevor rufen soll? Vielleicht wäre "Blind aus Notdurft" da doch die wirkungsvollere Übersetzung gewesen.


    100pro! Wobei "Blind vor Wut" (also ohne Wortspiel) auch infrage käme, da diese umgangssprachliche Wendung als Sachinformation keinerlei Wert hat - sich also (wie beabsichtigt) als Schein-Begründung zu erkennen gibt, obwohl die Aussage eigentlich plausibel klingt.


    Zitat

    Original von Rideamus: Vollkommen zutreffend finde ich Deinen Hinweis auf das "necessiteux" im Text, bei dem Du allerdings das zusätzloiche Wortspiel "un faux nez" (eine falsche Nase) übersiehst, das ebenfalls als Hinweis auf die falsche Brille = Blindheit verstanden werden kann.


    Super! Danke, danach habe ich gesucht!


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    Original von Rideamus: Es ist doch schon erstaunlich, wie viel Überlegung und Witz in so wenigen Zeilen stecken kann.


    Ur-Komödianten auf der Bühne, was braucht es da an Denke?! ;-)


    Fantasio

    Hier noch ein paar weitere ergänzende Anmerkungen zu Rideamus' dankenswerter Arbeit:


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    Original von Rideamus: Das Eröffnungsprogramm bestand aus einem Prolog, einer zweiten Operette von Edouard Plouvier („Une nuit blanche“), einer Pantomime und Offenbachs erster eigener musikalischer "Bouffonnerie" (Posse), eben „Les Deux Aveugles“.


    Die Opéra-comique (ein Akt) „Une nuit blanche“ ("Die Hochzeitsnacht" - deutsche Bearbeitung von Tomasz Dabrowski und Dirk Schortemeier, WDR-Musikfest 4.6.2006 Bad Ems; früher auch herausgebracht als "Die schlaflose Nacht" und "Der Schmuggler") war der erste Streich dieses Abends - komponiert von Offenbach. Von Edouard Plouvier stammt das Libretto. Thema ist "die Hochzeitsnacht einer Schmugglerbraut, mit Zöllner-Eifersucht" (P. Walter Jacob).


    Der Prolog "Entrez mesdames, messieurs" ("Cabaret" ;-), für den Offenbach nach Darstellung von Jacob dreimal den Autor wechselte, stammte schließlich hauptsächlich von dem jungen Ludovic Halévy - Sohn des Theaterautors Léon Halévy und Neffe des Komponisten Fromental Halévy, der später, oft gemeinsam mit Henri Meilhac, etliche der Libretti zu Offenbachs größten Erfolgen (wie auch Bizets "Carmen") beisteuerte. (Sein Offenbach-Debüt erschien unter dem Pseudonym "Jules Méry & Jules Servières".) In der anschließenden Pantomime verarbeitete Offenbach übrigens Motive Rossinis, welcher die Eröffnung der "Bouffes" als Ehrengast adelte.


    „Les Deux Aveugles“ vom 5. Juli 1855 war aber nicht nur aus diesem Grund nicht Offenbachs erste Bouffonnerie. Zehn Tage früher, am 26. Juni in den "Folies-Nouvelles", hatte bereits sein "Musikalischer Kannibalismus in 1 Akt" Premiere: "Oyayaye ou la Reine des Îles" (herausgebracht - lt. Zensurlibretto - unter dem Titel "Racle-à-mort et Oyayaye ou Contrebasse et Anthropophagie"). Derartige Wort- und Sinnspiele sollten von nun an zum festen Bestandteil des Werks werden, man denke nur an Ba-Ta-Clan (1855) oder Vert-Vert (1869). Das Libretto zu "Oyayaye" stammte ebenfalls (wie das der "Aveugles") von Jules Moinaux.


    Außerdem wurden Stücke wie das später unter dem Titel "Mariage aux Lanternes" (1857) sehr erfolgreiche "Le Trésor à Mathurin" (Salle Herz, Mai 1853) und "Pépito" (Variétés, Oktober 1853) an Offenbachs eigenem Theater "nur" erneut herausgebracht. Berücksichtigt man, dass die "Hochzeit bei der Laterne" konzertant aufgeführt wurde, so müsste wohl die einaktige Opéra-comique "Pépito" als erste Operette überhaupt gelten.



    Zitat

    Original von Rideamus: Vorspiel des Miniorchesters


    Diese Ouvertüre existierte ursprünglich nicht. Wer sie wann hinzugefügt hat kann ich nicht sagen. Aber noch in der zweiten Auflage des Klavierauszugs (ca. 1860) kommt sie nicht vor.



    Zitat

    Original von Rideamus: „Haveugle de nessance“ (Blind aus Nötigung)


    Ich bin nicht sicher. Wie gesagt, es wird schludrig gesprochen und _geschrieben_ - denn "nessance" taucht wohl ausschließlich auf einem Schild auf, das Patachon sich umgehängt hat. Die phonetische Nähe zu "naissance" (Geburt) und "nuisance" (Ärgernis) scheint mir offensichtlich, so dass ich eher glaube, "Blind seit Geburt / Blind vor Wut" ist / sind gemeint. - Hm, allerdings frage ich mich schon, wie derartiger Witz zu verstehen ist, wenn das komplett intellektuell wahrgenommen werden muss.


    Gegen "Nötigung" spricht nach meiner Ansicht aber auch, dass im Gesangs- wie Sprechtext (ausschließlich) "nécessiteux" (bedürftig) verwendet wird:


    "N'est point-z un faux nécessiteux
    N'est point-z un faux né ... un faux né ...
    N'est point-z un faux né, un faux nécessiteux"


    Sieht man die doppelte Verneinung ("Ist nicht nicht ...") im Zusammenhang mit dem offenkundigen Wortspiel "un faux né ... un faux né ... un faux nécessiteux" ("...eine geborene Fälschung ... ein falscher Bettler (Bedürftiger)"), so wird die beabsichtigte Aussage ins Gegenteil verkehrt und die Figur verrät bereits, dass der dargestellte Blinde ein Betrüger ist - allerdings auf einer Metaebene, die Teil des Spiels des Komödianten mit dem Publikum ist und seine Figur eben nicht beschädigt/verrät. Freud'sche Versprecher also.


    Zu „Aveugle par axidans“ (Blind durch Umfall)
    ggf. später mehr.



    Fantasio

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    Original von Rideamus: Schade, dass Du nicht intendanrt werden willst. Dein INHALTLICHES Konzept hätte mich nämlich nicht weniger interessiert als Dein konzeptionelles.


    Um ehrlich zu sein: Ich hab es probiert. Aber erstens regt die Aufzählung von Stücken nicht meine Fantasie an ... das wäre nur dann der Fall, wenn man in diesem Zusammenhang unmittelbar über Inszenierungsideen reden würde. Außerdem hast du einen derart weiten Rahmen gesteckt, was ich begrüße!, dass ich mich selbst aber da in der Summe für absolut inkompetent halte. Was mich direkt anspricht ist deine spannende Definition eines "leichten Musiktheaters":


    Zitat

    Original von Rideamus:
    - durchweg Stücke, in denen Gesang UND Sprache, gelegentlich auch der Tanz, wichtig sind;
    - Nachträglich mit Rezitativen versehene Kompositionen werden in der Originalfassung mit Dialogen gespielt;
    - Es werden also nicht nur HEITERE Stücke gespielt.


    Ich würde, wegen der großen Bedeutung der Dialogtexte, eben nur noch den Aspekt der Muttersprache hinzufügen, eigentlich sogar eine Tendenz zur Umgangssprache festschreiben.


    Damit ist das, was wir hier und gewöhnlich überall "Operette" nennen klar umrissen und der historische "Begriff" zudem sinnvoll erweitert, so dass die Abgrenzung tatsächlich Programm ist. :-)


    Zitat

    Original von Rideamus: Du weißt doch, das Amt verdirbt den Sinn für Ironie.


    Ich glaube den Sinn für Ironie kann man genauso gut verderben oder erlernen wie Rhythmusgefühl. Aber deshalb sagt man ja mit seiner Sprache eben so viel, vor allem nonverbal ;-)


    Fantasio

    Ooops, plötzlich so förmlich, lieber (künftiger) Kultursenator? Es tut mir leid, ich vergesse manchmal die Zeit, hatte vorhin grad' den Kalender von 2009 aufgeschlagen. :-) Denn das ist doch wohl klar: So viel Lärm um Nichts wird nicht unbemerkt bleiben!


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    Original von Rideamus: Vorab darf ich betonen, dass ich keineswegs zum Kultursenator berufen wurde.


    Offenheit gegen Offenheit: Ich möchte den Posten eines Intendanten auch nicht geschenkt haben! Wenn du also ein Amt ohne Kompetenzen ausübst, so erinnere ich daran, dass ich dafür bekannt bin den Schlüssel zu besitzen, ohne ihn jemals zu benützen. Hoppla! Wenn du auf eine Realität aus bist zu der dir die realen Mittel fehlen, so lass dich von mir in ein Fantasiereich locken, wo Träume noch Wunder tun!


    Zitat

    Original von Rideamus: immer schwerer, qualifizierte Sänger, von Stars ganz zu schweigen, für Darbietungen in deutscher Übersetzung zu gewinnen


    Man verwechsele nicht etwa "qualifiziert" mit "verkäuflich". Ein Volkstheater braucht keine Stage-Hopper, deren womöglich größte Kunst darin besteht, ihre vorgestaltete Partie in den ganz gleichen Inszenierungen auf verschiedenen Bühnen präzise abliefern zu können - sondern Sänger-Darsteller, die miteinander ein Stück erarbeiten (sich gemeinsam erringen) können und wollen. Stars eignen sich dafür wohl eher nicht (und kämen uns darüber hinaus teuer zu stehen ;-) ... denn auch mit den für sie eingesetzten Mitteln müssen schließlich die eigenen Künstler gebunden werden).


    Zitat

    Original von Rideamus: [...] das unter anderem bedeutet, dass Sie überwiegend mit sängerischen Nachwuchskräften aus deutschsprachigen Ländern werden arbeiten müssen


    Nachwuchskräfte wie Hortense Schneider, als sie 1855 Jacques Offenbach vorgestellt wurde? Oder Werner Enders, als er 1955 zu Walter Felsenstein kam :-) Tja, damit wird man leben müssen, aus der Mitte eines guten Ensembles entwickeln sich ganz eigene Publikumslieblinge.


    Zitat

    Original von Rideamus: Hier kann ich nicht umhin, Ihnen in voller Gänze zuzustimmen [...] - bitte ich um Verständnis, dass alternative Pläne vorerst noch als vertrauliche Interna behandelt werden müssen. Gehen Sie aber ruhig einmal davon aus, dass eine sogenannte Volksbühne des Musiktheaters unseren Plänen zumindest vom inhaltlichen Konzept her nicht nachhaltig im Wege stehen muss. [...] Vorbehaltlich der Zustimmung der zuständigen Gremien halte ich diese Bedingung jedoch für grundsätzlich verhandelbar.


    Danke für die riesigen schillernden Sprech-bla-bla-blasen!


    Zitat

    Original von Rideamus: Unter der Voraussetzung, dass Sie unter diesen Bedingungen das benötigte hochqualifizierte Ensemble zusammenbekommen


    Zusammenhalten und gemeinsam entwickeln, das ist das Geheimnis eines Ensembles. Dieser Weg ist ziemlich sicher mit Enttäuschungen verbunden, schafft aber auch _darüber_ Verbundenheit mit dem Publikum. Denn es ist am Werden beteiligt.


    Zitat

    Original von Rideamus: Allerdings steht dies unter der unbedingten Voraussetzung einer Einhaltung aller bestehenden Verträge bei gegebener Akzeptanz herrschender kameralistischer Kalkulationsprinzipien.


    Ein so großer Narr bin ich nicht, über diesen Punkt spotten zu können.


    Zitat

    Original von Rideamus: Allein die Beauftragung und Durchführung der Übersetzung sowie die Neueinstudierung aller im Repertoire befindlichen Werke ist geeignet, eine Schließung des Hauses für eine ganze Saison zu erzwingen ... Darüber, dass Premieren nur noch in deutscher Sprache einstudiert werden, ließe sich grundsätzlich reden


    Danke für den Hinweis, davon sprach ich. Aber morgen ist heute gestern gewesen. Ergründen wir erst einmal die Möglichkeiten, das Unmögliche lösen wir gleich danach!


    Zitat

    Original von Rideamus: Uraufführungen von einem Terminprinzip abhängig zu machen ist jedoch ähnlich unsinnig wie alljährlich eine mustergültige Opernaufnahme einzufordern.


    Wollen wir mal all die Werke aus dem Kanon streichen, die zur Premiere (fast) fertiggestellt waren? :-)


    Übrigens geht das so: Textliche Neufassungen sind kein Problem, man bietet dem/den Autor(en) 3-4% der Einnahmen der Abendkasse. Das kostet also erst einmal gar nichts oder wenig plus einen Vorschuss, der anschließend verrechnet wird.


    Urschöpfungen haben ja drei Entwicklungsstadien: 1. Schreiben, 2.Inszenieren, 3. Aufführen des Werks. Zunächst ruft man 1. einen Wettbewerb aus, dessen Preis in 2.+3. besteht. - Wobei die Projektentscheidung zwischen Intendant, Regisseur, Dramaturg und MD gemeinsam mit den Autoren fällt ... während diese noch bei der 2. Hauptprobe in der Nähe des Regiepults sitzen. Nach der 6. oder 8. Aufführung sitzen alle noch einmal mit den Solisten zusammen. Schließlich lässt man sich die Teams erst einmal auf der "Kleinen" Bühne finden und austoben, um sie mit den dort gesammelten Erfahrungen an ein abendfüllendes Stück zu lassen.


    Natürlich wäre es schön, für dies alles ein paar Euro auf Tasche zu haben. Aber auch das ist kein Problem, nicht mal in Berlin: Zunächst werden alle Beteiligten am Bankenschacher persönlich zur Kasse gebeten. Das bringt zwar keine 6 Mrd. zurück (braucht man auch gar nicht, damit ließen sich ja sogar zusätzlich die komplette Wissenschaft und die Bildung der Stadt plus sämtliche Kliniken über Jahre finanzieren), aber die gegenwärtig stattfindenden - _noch_ zukünftigen - Skandale würden erheblich unspektakulärer ausfallen, wenn das Verursacherprinzip funktionierte und die Verantwortlichen wüssten, dass sie mit ihrem privaten Vermögen für ihr gesellschaftliches Unvermögen einstehen werden müssen.


    Wenn das nicht reicht, bitte ich um den Auftrag, anlässlich des nächsten Staatsakts die Festveranstaltung vorzubereiten. Wenn beispielsweise die Deutschen nach ihrem Sieg auf Tulipan (naja, Afghanistan wäre schöner gewesen, aber solche Wunder bringe nicht einmal ich im Traum zustande!) international geehrt und in den Weltsicherheitsrat gewählt werden, und alle aktuellen Großkopfigen zur Feier in der Staatsoper versammelt sind, dann werde ich das Ding endlich der Regierung schenken und die Welt wird Beifall klatschen! Dieses Projekt nenne ich "Sieben Trillionen auf einen Streich", denn dadurch werden die finanziellen Probleme der Lindenoper gelöst, der Deutschen Oper, der Komischen Oper und zusätzlich der Opernstiftung, natürlich auch die sämtlicher freier Bühnen und Projekte in der Stadt, nicht zu vergessen die des Großen Schauspielhauses wie des Metropol-Theaters und ... Hm, irgendwas stimmt mit meinem Zeitgefühl nicht, sorry.


    Viel Spaß trotz alledem beim Ausrechnen des Intendanten! Ich muss zur Prinzessin, d.h. an die Gartentür!


    Fantasio

    Zitat

    Original von Rideamus eine „kleines“ Haus, das sich, etwa nach dem Vorbild des ursprünglichen Konzepts der Komischen Oper, ganz dem sogenannt leichten Musiktheater widmet.


    Gute Absicht, lieber Kultursenator - aber die vorgestellte Ausschreibung entspricht _nicht_ dem "ursprünglichen Konzept der Komischen Oper". Und nicht allein deshalb nicht ;-), weil es für diese essenziell war, ausschließlich deutschsprachige Aufführugen zu veranstalten. Aber bleiben wir nur mal dabei: Texteinblendungen sind m.E. generell unpassend für eine Volksoper (was Felsensteins Intention nach meiner Überzeugung eher beschreiben dürfte), zumal du ja davon ausgehst, dass ständig ein internationales Publikum in relevanter Größe potenziell erreichbar ist. Doch wozu? - hervorragende muttersprachliche Inszenierungen können Touristen auch zu Hause sehen. Ein derartiges Anspruchsdenken erscheint mir zu elitär für eine "kleine" Bühne, die sich gegenüber einem oder mehreren Großen Opernhäusern profilieren soll.


    Was du als Voraussetzung umreißt entspricht nach meiner Meinung eher der Situation von Berlin Mitte der Neunziger (Metropol) oder im heutigen Dresden (Staatsoperette) ... Wenn Kollo/Steiner sich damals mit einem solchen Denkansatz zu Wort gemeldet hätten! Jetzt ist das Ensemble weg, das Haus verkauft ... und vor allem das Publikum (auch das nachgewachsene, noch nie erreichte!) sitzt zehn Jahre später noch immer auf der Straße. Falls also deine politische Vorgabe eine "Volksbühne des Musiktheaters" meint, so bin ich dabei, darüber mal ernsthaft zu reden.


    Jedenfalls sehe ich grundlegenden Klärungsbedarf in folgenden Punkten, bevor die eigentliche Vertragsverhandlung eröffnet (und ein entsprechendes Angebot durch mich unterbreitet) werden kann:


    1. Planungssicherheit für den Vertragszeitraum muss gegeben sein - die bereitgestellten Mittel werden bei Vertragsabschluss im (detailliert ausgehandelten und) aufgelisteten Umfang garantiet. Darin enthalten sind die Einnahmen aus dem Kartenverkauf in vorveranschlagter Höhe - sollten diese geringer ausfallen, so kommt das im Endergebis einer Streichung der Subvention gleich, werden sie übertroffen, einer Erhöhung.


    2. Um die gewünschte Profilierung zu erreichen wird ein festes Ensemble (Solisten, Ballett, Chor, Orchester) gesichert. Neue Verträge sind ebenfalls über drei Spielzeiten (mit Verlängerungsoption) abzuschließen. Zusätzlich werden gesondert Mittel bereitgestellt, um einzelne, namhafte Gäste zu verpflichten.


    3. Generell finden ausschließlich deutschsprachige Aufführungen statt. Unverändert anzustreben sind aber die von dir umrissenen Grenzen des Repertoires. Zunächst einmal werde ich - so nicht bereits vorhanden - zeitgemäße deutschsprachige Textbücher in Auftrag geben. (BTW: Wie sieht es in diesem Zusammenhang mit deinem verfügbaren Zeitvolumen aus, wärest du ggf. selbst bereit, mit einer eigenen Arbeit zum Erfolg beizutragen?) Außerdem strebe ich an, in jeder Spielzeit eine Uraufführung auf der Großen Bühne herauszubringen und zwei bis drei auf der Kleinen Bühne. Die Bereitstellung der dafür verfügbaren finanziellen Mittel ist Bestandteil des Vertrages.


    4. Der Umbau von Teilen des Foyers zu einer Nebenspielstätte wird kurzfristig realisiert. Dauerhafte Publikumsbindung wird sowohl über die Große Bühne (1000 Plätze, ausgewiesene "Große" Erfolgsstücke - Inszenierung, musikalischer Leitung wie Besetzung erfahren, Schwerpunkt: Bedienung Erwartungshaltung; Stichwort "Tradition";) als auch über die Kleine Bühne (300 Plätze, unbekannte oder neue Einakter bzw. angemessen "verschlankte" Literatur, "Work in Progress"; Stichwort "experimentell";) erreicht.


    Entspricht dies deinem politischen Ziel wie finanzhaushaltlichen Möglichkeiten?


    Dann ruf bitte gleich zurück, um uns kurzfristtg zum Mittagessen zu verabreden.


    Nochmals meine herzlichsten Glückwünsche zur Wahl!


    Fantasio

    Es lebe die Melodie! - da hab ich eine Frage an die Donizetti-Spezialisten, welche im weitesten Sinne zum Thema passt. Leider kenne ich seinen "Belisario" nicht, aber es würde mich nicht wundern, wenn er hier zitiert worden sein sollte.


    Wie gesagt, nur eine Vermutung - inspiriert vom Libretto. (Und dem Wissen um Offenbachs später mehrfach benutzte Technik.)


    Ist ein derartiger Bezug auszuschließen oder zu bestätigen?


    Danke!
    Fantasio

    Hallo Rideamus,


    danke für dein freundliches Willkommen und den Link.
    Den Thread finde ich sehr interessant!


    Aber mein Thema ist ja nicht die Definition von Operette, sondern der Sinn einer Aufspaltung des Musiktheaters in E und U.


    Zitat

    Original von Rideamus
    Die begrifflichen Trennungen gibt es nun einmal, und nicht NUR aus der Sicht des Marketing - ebenso wie Gattungsnamen wie buffa, Spieloper, opéra comique etc.


    Wie du selbst sagst, abschätzige Duldung. Der Begriff Operette ist eben heute nicht nur - und noch nicht einmal zuerst - musiktheoretisch besetzt. Und für das schnelle Auffinden von thematisch zusammengehörigen Artikeln gibt es geeignetere Möglichkeiten, als alles einzeln zu sortieren.


    Das ist ja alles auch nicht sooo wichtig, dann ist das eben so geordnet. Ich finde es nur bedauerlich, wenn die alltäglichen Möglichkeiten zum Abbau von Vorurteilen nicht genutzt werden - Miteinander ist einfach mehr als Nebenher. :-)


    Zitat

    Original von Rideamus
    Zu LES DEUX AVEUGLES: eigentlich ist das kleine Stück alles was Du abfragst, aber da es zugleich auch als die erste offizielle Operette überhaupt gilt, wäre es unsinnig, sie nicht in den Operettenführer einzustellen.


    Klar doch, danke dafür! Ich dachte, dass Ba-Ta-Clan als die erste Operette (im heutigen Sinne) gilt? Dies wäre wohl auch gerechtfertigt(er).


    Fantasio

    Hallo miteinander,


    das Engagement meiner Vorposter zur Eröffnung dieses Forums ist sicher gut gemeint, aber ich halte die Ablage von Beiträgen zum Musiktheater in verschiedenen Schubladen eher für problematisch. Zur Abgrenzung von den anderen Foren würde es doch genügen, den Bereich mit den Schwerpunkten musikalische Bühnenwerke und inszenierte Bühnenaufführungen insgesamt "Opernforum" zu nennen; synonym gebraucht für alle Werke des Musiktheaters. Dem hier ausdrücklich formulierten Ziel, der Ehrenrettung der Operette, würde dies jedenfalls eher dienen als die ewige Fortschreibung einer Spaltung in E- und U-Kunst.


    Eigentlich ist das von mir aus alles.


    Wem diese Position nicht einleuchtend erscheint, der möge einmal zu begründen versuchen, worin sich Mozarts "Zaiberflöte" und Offenbachs "Orphée" formal voneinander unterscheiden. Die "Zauberflöte" zeichnet hinsichtlich des Figurenensembles sogar eine vermeintlich typische Operettenspezialität aus, nämlich die Kontrastierung durch ein komisches und ein ernstes Paar, die sich am Ende jeweils kriegen. Dagegen gibt es im "Orpheus" nur eine Travestie der ernsten Paare Orpheus-Eurydike sowie Jupiter-Juno, allerdings auch nur (je nachdem, welche Fassung man zählt) innerhalb der ersten beiden Akte (von 4). Nebenbei gesagt berührt dies nach meiner Überzeugung das Grundproblem zeitgenössischer Aufführungen solcher Meister wie Offenbach: Etliche dieser Werke sind nicht komisch, natürlich auch nicht tragisch ... sondern grotesk. Deshalb muss jeder Versuch, seinen Witz zu "aktualisieren", kleinlich enden: der Spaß entsteht aus der Vorführung von Ignoranz menschlicher Tragik, das ist nicht lustig, sondern macht lächerlich. Aber nur wer über die Darstellung unserer prätentiösen Banalität lachen kann, dem verschafft solch ein Theater auch Lust. Daher macht es wenig Sinn, die Figuren auf vordergründige Effekte hin zu arrangieren; insbesondere Orpheus und Eurydike haben ein ernstes, ewiglich modernes Beziehungsproblem, das bei aller hinreißenden Schlagfertigkeit die Dimension der Einsamkeit und Verlorenheit benötigt, um bedeutsam zu werden. Der Ausgangspunkt für diese Sicht ist Eurydikes Todeslied - hier wird das Bewusstsein des Verlustes hinter der Maskerade sichtbar.


    Es ließe sich viel mehr dazu sagen, aber das führt in diesem Zusammenhang hier doch zu weit. Zurück zum Thema, dem Sinn einer Unterscheidung von Oper ("Zauberflöte") und Operette ("Orphée"). Derartige Etikettierungen kommen vom Marketing: man versucht aus einem Produkt einen Markenartikel zu machen. Das hat beispielsweise bei der Operette ja auch vierzig, fünfzig Jahre lang super funktioniert - - Doch nach Einführung einer neuen Marke durch eine andere, stärkere Marktmacht ist sie hoffnungslos entwertet worden, was die betroffenen Artikel gleichfalls wertlos gemacht zu haben scheint. (Die Filmoperette gehört ja ebenfalls zu den Verlierern der deutsch/österreichisch/französisch-amerikanischen Markenschlacht) Aber aus künstlerischer Sicht ist das alles mehr oder weniger Blödsinn. Für die Operette schrieben die begabtesten und erfolgreichsten Autoren, nehmen wir nur Offenbach und Halévy/Meilhac sowie Richard Strauss und Hugo v. Hoffmannsthal. Beide Teams haben für die Oper geschrieben; nicht zuletzt Halévy/Meilhac für (den von Offenbach geförderten) Bizet.


    BTW: Inwiefern wäre "Carmen" unehrlicher als "Das Land des Lächelns"?


    Was soll also die Operette als Genre kennzeichnen? Die vielbeschworene Satire jedenfalls nicht - es sei denn, man versteht (um beim Beispiel zu bleiben) "Dein ist mein ganzes Herz" ironisch. ;-) Typisch für Operetten-Aufführungen ist schon eher, dass sie (meist) in Landessprache erfolgen. Ein etwas fragwürdiges Kriterium, oder? Wenn formal etwas neu hinzu gekommen ist mit dem Begriff Operette, dann doch der Tanz. Offenbach ist berühmt für seine Melodien, aber die Rhythmik ... Dennoch, auch dieses Element taugt nach meiner Überzeugung nicht wirklich zur Abgrenzung. Zwar ließen sich so "Zauberflöte" und "Orphée" unterscheiden, aber wer würde den "Tannhäuser" als Operette bezeichnen wollen? Oder der "Rosenkavalier", diese "Komödie für Musik": Hier spielte Strauss ja selbst mit den Etiketten, insofern er das Stück an der Semperoper als Komische Oper herausbrachte und anschließend (angepasst) als Filmoperette. Die Premiere des Stummfilms [sic!] fand übrigens ebenfalls im Königlichen Opernhaus Dresden statt, wo Strauss das (Begleit-) Orchester zur Filmhandlung dirigierte. (Mit dieser Inszenierung wollte er anschließend auf Amerika-Tournee gehen ...)


    Okay, ich breche hier mal ab. Meine Aussage steht ja bereits am Anfang.


    Übrigens, Schubladen: Wohinein gehört eigentlich "Les deux Aveugles"? Komische Oper? Operette? Offenbachiade? Buffonesker Einakter?


    Vergesst die Schachteln, es geht ums Musiktheater!


    Fantasio

    Verehrte Klassik-Kenner,


    erinnert eine kleine Melodie an ein bestimmtes Stück?


    Offenbach hat ja gern (und raffiniert) zitiert. In "Les deux Aveugles" nun gibt es im Part von Giraffier offenbar einen Textbezug zum historischen Belisar, einem griechischen Feldherrn unter Justinian, der 562 zu Unrecht vom Kaiser der Verschwörung beschuldigt, dessen Vermögen konfisziert und als blinder Bettler vor die (Palast-) Tür gesetzt wurde.


    Hier die Textpassage:


    --


    Giraffier.
    Ah ! c’est comme ça ... tu abuses de ton cuivre. je
    vais chanter ma romance Bélisario.
    (Air lent et lugubre)
    Justinien ce monstre odieux
    Après m’être couvert de gloire
    [...]
    Il m’a dépouillé de mes yeux
    Plaignez-moi je n’y peux plus voire. (bis.)
    [...]
    Je demand’ mon pain à présent
    N’ayant plus un sou sur la terre
    Jetez une obole en passant
    Dans le casque de Bélisaire.


    --


    Soweit, so gut. Aber sollte Offenbach in diesem Fall die Parodie völlig seinem Librettisten (Moinaux) überlassen haben? Von Donizetti beispielsweise gibt es ja eine Oper "Belisario". Leider kenne ich die nicht. Aber vielleicht fällt jemand zu der Melodie etwas ein?


    Hier die Notation:



    Hier das Duett "Justinien ..." komplett zur genauen Ansicht.



    Außer Bélisaire und Justinien tauchen noch andere Personennamen im Stück auf, nämlich: Pedro, Babelle und Bartholo.



    Danke für die Aufmerksamkeit!
    Fantasio

    Zitat

    Original von Fairy Queen
    Wenn ja¨wâre ich serh dankbar für einen kurzen Bericht und evtl Aufnahme-Empfehlungen, so vorhanden.


    Hi Fairy Queen,
    ich schicke dir mal zwei Links: Das Libretto Edition Keck Mesdames de la Halle sowie eine Wertung und Empfehlungen auf www.jacques-offenbach.de (dort Bühnenwerke auswählen und dann Buchstabe M).


    Der Titel ist korrekt "Mesdames de la Halle", sorry.


    Eine deutschsprachige Fassung von Josef Heinzelmann (erschienen bei Bote & Bock) liegt mir vor. Josef Heinzelmann hat auch eine eigene Seite.


    Glückwunsch zu dem Angebot!
    Fantasio ;-)