Anner Bijlsma: Es muss einen überkommen, es muss einfach passieren.
Der am 17. Februar 1934 in Den Haag geborene niederländische Cellist Anner Bijlsma (Bylsma) starb 85jährig am 25. Juli 2019 in Amsterdam.
An erster Stelle Mensch, Humanist, Musiker, Lehrer. An zweiter Stelle, aber zuerst und prominent wahrgenommen: Cellist. Das Cello war seine Stimme, mit der er seine Lebensphilosophie kommunizierte - dieser stille, bescheidene, bedächtige, humorvolle Mann, dieser reflektierte Vertreter einer Musikergeneration, aus der die historisch informierte Praxis des Musizierens hervorging. Wer ein wenig dieser einzigartigen Persönlichkeit nachspüren möchte, der lese das Interview „Zu Besuch bei Anner Bijlsma“, das Bijlsma Ende 2017 für Stefan Siegert und das VAN Magazin gegeben hat (Suchbegriffe: van siegert bijlsma oder: Facebook -> VAN Magazin). Der in der Überschrift wiedergegebene Satz entstammt diesem Interview, das eine Vielzahl von ausführlichen Zitaten enthält und schon deshalb lesenswert ist: die Weisheit eines ganzen Musikerlebens.
Verstummt war sein Cello krankheitsbedingt schon 2005, aber das hinderte ihn nicht daran, weitere neun Jahre seine Meisterkurse zu geben. Ich trauere um den Verlust dieses großartigen Menschen, der in seinen Aufnahmen weiterleben wird. Aus deren Vielzahl sticht für mich seine letzte Aufnahme der Bach-Suiten heraus, die er 1992 für Sony Vivarte auf dem Stradivari-Cello „Servais“ (1701, Collection of the Smithsonian Institution) im Kammermusiksaal der American Academy of Arts & Letters, New York City, aufgenommen hat: Man höre sich nur einmal in das Präludium der ersten Suite ein: Es gibt keine Routine, keinen Akademismus, fernab von allem Dogmatischen fühlt er diese Musik in wechselnden, dramatisch sich aufbauenden Tempi, bis er abrupt wieder das Eingangstempo einschlägt und den Satz so auslaufen lässt. Das ist eine hochspannende Gestaltung, wie ich sie sonst nirgends gehört habe.


Hier trage ich natürlich Eulen nach Athen, wenn ich auf Kocsis' Einspielung der Bartók-Konzerte unter Iván Fischer hinweise. Aber die teilweise "gnadenlose" Perkussivität, die Kocsis hier entwickelt, muss man gehört haben. Und er entwickelt mit dieser "harten" Spielweise eben durchaus einen wesentlichen Aspekt von Bartóks Musik, der nicht von allen so ausgespielt wird, schafft aber zugleich eine ausgewogene Sicht, indem er den lyrischen Grundton dieser Musik niemals vernachlässigt.
Eine Offenbarung war jedoch meine erste Begegnung mit Kocsis als Dirigent. Noch keine dieser Aufnahmen hat mich bisher enttäuscht. Besonders hervorheben möchte ich seinen Bartók mit der Ungarischen Nationalphilharmonie für seine (gefühlte) Authentizität und seine für meine Ohren vollkommene Ausführung!