Beiträge von Gurnemanz

    Heute mal wieder: Franz Schreker: Vier kleine Stücke für großes Orchester (Peter Ruzicka, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin)


    Vier musikalische Aphorismen (insgesamt etwas über 10 Minuten), vorstellbar als Skizzen für eine Filmmusik - zeigen, daß Schreker auch ein Meister der Miniatur war:


    Zwei heiße Empfehlungen: Die Streichquartette kenne ich in einer wunderbaren Gesamteinspielung durch das Bartholdy-Quartett (1973), das, wie ich finde, sich auf die zarten und feinen Strukturen einläßt und mein persönliches Mendelssohn-Bild so füllt, daß es mir schwerfällt, alternative Interprtetionen zu akzeptieren, so beispielsweise die des Cherubini-Quartetts, die mir gegen die Bartholdys zu kühl, fast grobkörnig daherkommen.


    Natürlich alles sehr subjektiv. Wer's überprüfen mag:



    Was die beiden Klaviertrios angeht, so bin ich sehr glücklich mit Isaac Stern (Vl), Leonard Rose (Vc) und Eugene Istomin (Kl). Ich bewundere an ihrem Spiel, daß sie die Werke anscheinend einerseits geistig durchdringen (ganz klar und schlackenlos), ohne ins Analytisch-Kühle zu verfallen, im Gegenteil: Beherzteres, glutvollere und leidenschaftlicheres Sich-Einlassen kann ich mir kaum vorstellen - das gilt für mich auch für die herrlichen Gesamteinspielungen Beethovens, Schuberts und Brahms'.


    Warum nicht einen Einstieg über diese wunderbare Einspielung: Bartóks beide Sonaten für Violine und Klavier und die Sonate für Violine solo mit Christian Tetzlaff (Violine) und Leif Ove Andsnes (Klavier) ?


    Zitat

    Original von miguel54
    Ich konnte mal bei einer Aufnahme mit einem wunderbaren Bösendorfer Imperial mitwirken - ein toller Flügel!


    Glaube ich gern - dabei bin ich weder Pianist noch Instrumentenkenner, lediglich und immerhin: Hörer, und als solcher höre ich besonders neugierig und sympathisierend hin, wenn ich z. B. auf einen Bechstein (1897) oder Blüthner (1902) - Alain Planès mit Debussy - bzw. Erard (1905) - Claire Chevallier mit Ravels Klavierkonzert für die linke Hand (Ltg.: Jos van Immerseel) - stoße: alles wunderschöne Aufnahmen, nicht nur (aber auch) wegen des Klavierklangs!


    ***


    Zurück zu Erik Satie. Da ich die Barbier-Einspielung mehr und mehr wertschätze, hier für Interessierte eine Übersicht:


    Disque : 1
    1. Quatre Ogives : Ogives N 1 2'43
    2. Quatre Ogives : Ogives N 2 2'25
    3. Quatre Ogives : Ogives N 3 2'12
    4. Quatre Ogives : Ogives N 4 2'19
    5. Trois Sarabandes : Sarabande N 1 4'29
    6. Trois Sarabandes : Sarabande N 2 4'22
    7. Trois Sarabandes : Sarabande N 3 4'22
    8. Fête Donnée Par Des Chevaliers Normands 3'06
    9. Trois Gymnopédies : Gymnopédie N 1 3'07
    10. Trois Gymnopédies : Gymnopédie N 2 2'35
    11. Trois Gymnopédies : Gymnopédie N 3 2'33
    12. Six Gnossiennes : Gnossienne N 1 2'55
    13. Six Gnossiennes : Gnossienne N 2 2'06
    14. Six Gnossiennes : Gnossienne N 3 2'19
    15. Six Gnossiennes : Gnossienne N 4 3'34
    16. Six Gnossiennes : Gnossienne N 5 3'30
    17. Six Gnossiennes : Gnossienne N 6 1'31
    18. Prélude D'Eginhard 2'09
    19. Trois Préludes Du Fils Des étoiles : La Vocation 3'58
    20. Trois Préludes Du Fils Des étoiles : L'initiation 3'29
    21. Trois Préludes Du Fils Des étoiles : L'incantation 3'54


    Disque : 2
    1. Sonnerie De La Rose-Croix : Air De L'ordre 3'19
    2. Sonnerie De La Rose-Croix : Air Du Grand Maître 4'11
    3. Sonnerie De La Rose-Croix : Air Du Grand Prieur 2'44
    4. Premier Prélude Du Nazaréen 5'23
    5. Prélude De La Porte Héroïque Du Ciel 3'59
    6. Pièces Froides : Airs à Faire Fuir 5'48
    7. Pièces Froides : Danses De Travers 5'07
    8. Petite Ouverture à Danser 1'42
    9. Je Te Veux 4'59
    (10-16 mit J. Wiener)
    10. Trois Morceaux En Forme De Poire : Manière De Commencement 3'09
    11. Trois Morceaux En Forme De Poire : Prolongation Du Même 1'05
    12. Trois Morceaux En Forme De Poire : 1 1'25
    13. Trois Morceaux En Forme De Poire : 2 3'14
    14. Trois Morceaux En Forme De Poire : 3 2'51
    15. Trois Morceaux En Forme De Poire : En Plus 2'39
    16. Trois Morceaux En Forme De Poire : Redite 1'31
    17. Poudre D'or 4'27
    18. Le Picadilly 1'43
    19. Passacaille 2'29


    Disque : 3
    1. Songe Creux 1'54
    2. Prélude En Tapisserie 2'38
    (3-4 mit J. Wiener)
    3. Aperçus Désagréables 5'08
    4. En Habit De Cheval 7'37
    5. Nouvelles Pièces Froides 6'52
    6. Deux Rêveries Nocturnes 3'44
    7. Préludes Flasques "pour Un Chien" 4'15
    8. Véritables Préludes Flasques "pour Un Chien" 3'25
    9. Descriptions Automatiques 4'24
    10. Embryons Desséchés 5'36
    11. Croquis Et Agaçeries D'un Gros Bonhomme En Bois 4'52
    12. Les Trois Valses Distinguées Du Précieux Dégouté 2'59
    13. Châpitres Tournés En Tous Sens 5'35
    14. Vieux Sequins Et Vieilles Cuirasses 3'51


    Disque : 4
    1. Menus Propos Enfantins 3'18
    2. Enfantillages Pittoresques 3'57
    3. Peccadilles Importunes 3'34
    4. Heures Séculaires Et Instantanées 3'53
    5. Sports Et Divertissements 14'16
    6. Avant-Dernières Pensées 3'58
    7. Sonatine Bureaucratique 4'17
    8. Cinq Nocturnes 13'01
    9. Premier Menuet 2'02
    (10-13 mit J. Wiener)
    10. La Belle Excentrique : Grande Ritournelle 2'14
    11. La Belle Excentrique : Marche Franco-Lunaire 1'45
    12. La Belle Excentrique : Valse Du Mystérieux Baiser Dans L'oeil 2'34
    13. La Belle Excentrique : Cancan Grand Mondain 2'01

    Zitat

    Besser könnte ich es nicht ausdrücken! Freut mich sehr, dass du ähnlich beeindruckt bist!
    Die Box enthält also auch die 4-händigen Stücke - die habe ich leider nicht ...


    Danke sehr!


    Ja, neben den genannten Werken gibt's vierhändig noch (mit Barbier/Wiener):


    Apercus desagréables
    En habit de cheval


    Mit der Aufnahmequalität, die Du auch angesprochen hast, bin ich ganz zufrieden. Und sympathisch finde ich übrigens, daß ein Bösendorfer-Flügel erklingt, wärmer und intimer als die modernen Steinways - aber vielleicht habe ich da Vorurteile...

    Gerade auf einer Entdeckungsreise durch das Klavierwerk des nicht nur schrulligen Franzosen, mit Jean-Joel Barbier (vierhändig auch mit Jean Wiener), eingespielt 1969 -1971. Faszinierende, gelegentlich verstörende Sicht auf eine skurril doppelbödige Musik!


    Gerade erst erworben aufgrund eines heißen Tips hier im Forum.


    Liebe Forianer,


    die Besprechungen dieses Threads habe ich mit großem Interesse gelesen, da auch mich die Musik Saties auf eine merkwürdige Art in ihren Bann zieht, und das schon seit Jahrzehnten, immer wieder mal. Dem Hinweis auf Jean-Joel Barbier bin ich gern gefolgt, habe mir die 4-CD-Box besorgt (bei Amazon gerade sehr günstig) - und hab's nicht bereut!


    Gerade die berühmten "Gymnopédies" und "Gnossiennes", oft genug als reine Stimmungsmusik eingesetzt, oder im Fernsehen als Hintergrund, wenn über eine Kunstausstellung berichtet wird, überzeugen in der harschen, fast störrischen Art, wie Barbier sie vorführt - keineswegs "meditativ", eher in einer merkwürdig verstellten Art melancholisch, introvertiert, oder in versonnener Heiterkeit? - es fällt mir schwer, meine Eindrücke zu beschreiben, vielleicht kommt eine Ahnung durch...


    In meiner Sammlung habe ich eine Einspielung mit France Clidat auf 3 CDs; da bietet sich ein Vergleich an. Die "Gymnopédies" hier: nett, angenehm, unterhaltsam.


    Aufschlußreich der Vergleich mit Barbier bei der "Sonatine bureaucratique", einem dreisätigen Werk mit insgesamt etwas über 4 Minuten.
    Clidat: Ein harmloses Werkchen, das sich anhört wie eine halbwegs begabte Schülerarbeit (1917 komponiert, Satie war da schon 51!).
    Barbier: Eine trotzige Stümperarbeit, wobei sich der Komponist ganz genau darüber klar zu sein scheint, was er da tut, mit beißendem Witz, nur scheinbar einfach, mit gespielter Naivität.


    Beeindruckend bei Barbier finde ich auch die vierhändigen Stücke, gemeinsam mit Jean Wiener (geb. 1896, laut Textheft einer der frühesten "Satisten"; Satie habe ihn sehr geschätzt), so etwa die "Trois morceaux en forme de poire" (Drei Stücke in Birnenform) und "La belle exentrique".


    So viel zu meinen ersten Höreindrücken, vielen Dank für den guten Tip, miguel54! Erik Satie mit Jean-Joel Barbier, das ist eine faszinierende Entdeckungsreise!

    Liebe Forianer,


    Allan Pettersson ist ein Komponist, dessen Werke mich jetzt schon seit Jahren faszinieren; ein einziges Mal, vor ca. 4 Jahren, konnte ich eine seiner Symphonien im Konzertsaal erleben: die Siebte mit Peter Ruzicka und, ich glaube, dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart.


    Wenn von ihm mal die Rede ist, wird gern das Bekenntnis des Komponisten zitiert, sein Werk sei " mein eigenes Leben, das gesegnete, das verfluchte".


    Ich finde es lohnenswert, den gesamten Text, in dem dies geäußert ist, in diesem Forum vorzustellen. Der Stil verrät m. E. etwas über den seiner Musik:



    Allan Pettersson: Identifikation mit dem Unansehnlichen


    Bruder,


    in aller Eile dieser Brief, vielleicht ein kleiner Unfall im Kulturgeschehen. Als ich Anfang der fünfziger Jahre in Paris saß und mich mit religiöser Leidenschaft in Anton Weberns Musik vertiefte, ahnte ich noch nicht, daß es bald von Webernschen Chromosomen nur so wimmeln würde. Es dürfte nun reichen mit Anton und dem grenzenlosen Schönbergschen Läusekönig. Es reicht nun auch mit Arnold. Und dann die Auflösung des Krawallgesetzes, ja, der Pornowall wurde gesprengt. Ein nacktes, Cello spielendes Frauenzimmer in einer Plastiktüte in Malmö. (Warum nicht ohne Plastiktüte?) Und das, während sich die halbe Erdbevölkerung windet zwischen Hunger und Elend.


    Die Entwicklung verläuft nicht in den für heilig erklärten, opportunen Festivals der IGNM [Internationale Gesellschaft für Neue Musik], sie geht durch die Volksseele. Die Reaktion des gewöhnlichen, anonymen Menschen gegen Snobismus und Fachidiotentum ist gesund und berechtigt. Die Radikalität der Gegenwart ist keine wirkliche, weil sie sich aus einer verarmten, sterilen Situation herleitet. Sie ist einzig und allein kompromittierend, und das, was sie kompromittiert, ist die verzweifelte Gebärde des müden Liebhabers – eine boshafte Grimasse.


    Die Elektronik kann nur ein Ersatz für eine normale Entwicklung sein, die sich in einer Problemstellung befindet. Aber dieses Problem wird nicht dadurch gelöst, daß Snobs und Fachidioten erkämpfte Mittel für bankrott erklären. Es ist der Snob, der von den Menschen und der Musik unserer Zeit spricht. Der Mensch unserer Zeit ist ein kleines Kind, das irgendwo auf dieser Welt verhungert, gerade jetzt, und die Musik unserer Zeit ist das Weinen des Kindes in einer Messe für Aasgeier. Dahin hat es der erwachsene, der verwachsene Mensch aus Fleisch und Blut kommen lassen. Man achtet zu sehr auf Äußerlichkeiten, die sogenannte Kulturdebatte, anstatt sich im Innern, der sogenannten Seele, zu vervollkommnen. Dies ist vielleicht eine Frage auf Leben und Tod – für jeden. Das Gewissen meldet eine Wahrnehmung darüber, daß ein Engel den Menschen gestreift hat. Aber an Engeln fummelt man nicht herum. Es bedarf im Kulturkörper einer erneuten geistigen Fortentwicklung. Es beginnt zu stinken. Der Mensch verfault. Er hat keinen Glauben. Was ist es? Wenn Du mit der Hand einen Vogel fängst und ihm die Flügel herausreißt, so liegt eine kleine Kreatur in Deiner Hand. Das ist dann eine Tatsache. Spürst Du aber den Herzschlag des kleinen Vogels und läßt ihn fliegen, damit er sein ewig unveränderliches, aber ständig neues Lied singt, so schenkt Dir das einen Glauben. Den Glauben des Kindes, des Irren, der nicht zählt. Die künstlerische Identifikation ist ein Selbstopfer. Die Identifikation mit dem Kleinen, Unansehnli-chen, Anonymen, mit dem ewig Unveränderlichen aber ständig Neuen, Frischen. Darin wird das Leben für den Menschen bewahrt.


    Die Urne mit der Asche ist nicht nur Sache des Menschen. Kolophonium vom Bogen eines musizierenden Gottes.


    Das Werk, an dem ich arbeite, ist mein eigenes Leben, das gesegnete, das verfluchte: Um den Gesang wiederzufinden, den die Seele einst gesungen hat. [Hervorhebung von mir] Er entstand bei den kleinen Menschen, die nicht an sich glaubten, die wie Hunde behandelt wurden, Weiße wie Schwarze, für die das Leben nur eine verfluchte Verpflichtung zum Tod war. Trotzdem aber hatten sie Mitgefühl mit den anderen, eine Kraft des Verlangens erfüllte sie mit einem Glauben – und da brach der Gesang heraus, inbrünstig, flehend ... bis die Welt sie bat, die Schnauze zu halten.


    Der Gesang wurde von dem verwachsenen Snob gestohlen, schwoll an ins Banale, entlud sich in krächzenden Salti mortali – ein Schrei, eine Speerspitze im Ohr ... und das Pokerface der Gegenwart starrt dich an in Haß.


    Wann kommt der Engel, der der Seele den Gesang zurückgibt, so einfach und klar, daß ein Kind aufhört zu weinen?


    Aus: Nutida musik 12 (1968/69), Nr. 2, S. 55-56, Übersetzung von Anne Mendelin, Allan-Pettersson-Jahrbuch 1990, S. 14-15

    Liebe Forianer, dies ist mein erster Beitrag.


    Den "Pierrot Lunaire" habe ich vor über 30 Jahren kennengelernt in einer Aufnahme, die mich bis heute so fasziniert und packt, daß ich - trotz einiger Versuche - es nicht schaffe, Alternativfassungen zu akzeptieren: Keine "paßt" mir.
    Ich meine eine Aufnahme von 1961 mit Pierre Boulez und der Sopranistin Helga Pilarczyk. Sie rezitiert absolut klar, mit einem feinen Akzent, der das Groteske und Schrille herausstreicht - in aller Schärfe immer klar und prägnant - und lyrisch und parodistisch daherkommt, ohne daß sich das beißt - so mein Eindruck.
    Es würde mich interessieren, ob ein Forianer die Aufnahme kennt, und wenn ja, mit welcher Hörerfahrung.


    Es grüßt Gurnemanz


    PS: Wollte gerade ein Coverbild der Cover einfügen; das klappt (noch) nicht, daher die Angaben: Adès 202912: Boulez dirigé Schoenberg, die CD enthält neben dem "Pierrot" noch die Serenade op. 24.