Beiträge von Walter Heggendorn

    Meine Lieben,


    Ich habe mir das Film-Dokument von Bruno Monsaingeon über David Fray integral angeschaut und sehe mich gegenüber meinem letzten Statement zu einigen Ergänzungen und Korrekturen genötigt.
    Monsaingeon ist ja nicht irgendwer: Der Filmer hat wertvolles Material zu Glenn Gould bereitet und auch zu meinem Liebling, Grigory Sokolov, hat er ein hervorragendes filmisches Statement abgegeben. Ich war also im ersten Moment durchaus erstaunt, dass der feinfühlige Regisseur vermeintlich dem „extravertierten Schönling Fray auf den Leim gegangen ist“.
    Das Dokument als Ganzes überzeugt mich aber nun vollauf von den Qualitäten des begnadeten Jungstars!


    Hat man sich erstmals an die exaltierte Gestik gewöhnt, sickert durch die Folie oberflächlicher Schnöselei eine Ernsthaftigkeit hervor, die mich wahrlich ergreift: der Mann ist wirklich so! Er ist echt, seine scheinbare Affektiertheit ist nicht gespielte Show, sondern adaequater Ausdruck einer höchst expressiven Musik: Johann Sebastian Bach ohne feierliche Perücke, aber auch ohne HIPe Sprödigkeit.


    Seine Anweisungen zuhanden des hervorragend disponierten Orchesters (Kammerphilharmonie Bremen) sind nicht Musi-Wischiwaschi, wie ich in meinem ersten Beitrag (aufgrund eines oberflächlichen Eindrucks durch den Virgin-Werbetrailer) meinte monieren zu müssen: Seine Worte erweisen sich im Laufe der Werk-Erarbeitung mehr und mehr als stimmig und plausibel. Das Orchester legt denn auch nach und nach seine Zurückhaltung und Skepsis ab und lässt sich beschwingen vom jugendlichen Ungestüm eines göttlich musikalisch begabten Entertainers.


    Auch gebe ich zu, mich gerne phaszinieren zu lassen von der androgynen Schönheit dieses mit Haut und (schmachtlockigen) Haaren von der Bachschen Musik ekstatisierten Menschen, der mit traumwandlerischer technischer und mentaler Sicherheit seine Vision vom lebendigen, beschwingten Musizieren in den Saitenwald des Steinway transponiert.


    Nein, er grinst nicht affektiert in die Kamera (wie ich bei einem Lang Lang manchmal versucht bin zu vermuten): er hat einfach Freude an der Sache, und er ist in der Lage, diese Freude zu transportieren. Schon lange nicht mehr war ich nach einem Musik-Video innerlich so beglückt. Ich bin ihm und dem Filmer Monsaingeon zu Dank verpflichtet.


    Ich verstehe nun besser, weshalb der Kenner Monsaingeon sich nicht zu schade ist, ein solches Freudenbündel zu begleiten.


    Mit freunlichem Gruss aus Bern


    Walter

    Lieber Wulf


    mag sein, dass ich etwas „schwerfällig von Begriff“ bin, denn es wird mir nicht einsichtig, weshalb Du Dich zu einer Entschuldigung genötigt fühlst: Alles kowalski, mann!


    Ich verehre Herrn Bruckner nicht weniger und nicht mehr als Herrn Müller von nebenan, der im Strassendienst seine Aufgabe erfüllt (vielleicht diesen gar noch mehr).


    Aber in musikalischen Dingen ist mir der Anton aus St. Florian schon sehr wertvoll.


    Was nun den Herrn Schmidt-Kowalski betrifft, erahne ich bei ihm eine ähnliche Inspirationsquelle, wie bei Antonen`s:
    "Musik zum Lobpreis des Daseins", wobei er mE. nirgendwo in seinen schriftlichen Erläuterungen explizit einen „göttlichen“ Bezug reklamiert, dessen sich Bruckner – zeitgebunden – bekanntlich nicht scheut, (was auch mich bei ihm zuweilen unangenehm berührt, deshalb stehe der „Heilige Anton“ bitte in fettesten Anführungszeichen).


    Anton Bruckner ist nun einmal eine Referenz in Sinfonie-Sachen. Und wenn mich die Toncocktails eines S.-K. an Bruckner erinnern, möchte ich damit nicht sagen, er sei ein Epigone des St. Florianers, und seine Bemühungen seien zweitrangig. Im Gegenteil: ich bin phasziniert ob der Tatsache, dass mich das Einfühlen in die Klangwelten seiner 3. und 4. Sinfonie in ähnliche Sphären versetzt, wie wenn ich mich mit den Geschöpfen von Bruckner „vereinige“.


    Dieser Mann hat das Potential zu sinfonischer Grösse, beherrscht die Instrumentation und ist bewegt von Demut gegenüber der musikalischen Tradition, und ich habe keine Ahnung, ob er adaequat gewürdigt und gefördert wird.


    Zugegeben: Er hält die Spannung nicht durchwegs auf dem selben hohen Niveau, es gibt Abstürze ins Gefällige, Seichte, vielleicht gar Belanglose.
    Aber, Hand aufs Herz, gibt es das nicht auch bei Bruckner, wenn ich etwa an die nervigen Burschikositäten in seinen Scherzi erinnern darf...


    Ich finde einfach das Phänomen bemerkens- und bedenkenswert, dass ein Zeitgenosse die Chutzpe hat, so zu komponieren, als ob die letzten hundert Jahre im Orkus (der Atonalität) verschwunden wären... Das mE beeindruckende Resultat legitimiert ihn dazu.


    Mit liebem Gruss aus Bern


    Walter

    Ach, liebster Wulf,


    ich will „meinen" Schmidt-Kowalski doch überhaupt nicht hauen lassen, zumindest nicht in Deinem Thread, denn dort gehört sein Werk nicht hin! (gegen den Thread habe ich selbstverständlich nichts einzuwenden, wurde doch meine causa S.-K. tatsächlich indirekt durch Deinen Faden animiert).


    Devot finde ich meine Vergleichs-Inhibitation zu Bruckner nicht.
    Aber eigentlich muss ich fragen: devot wem gegenüber? Meine Bewunderung für Bruckner ist umfassend. Aber: wer auch immer es schafft (wie Schmidt-Kowalski) mich ehrlich an das Idiom Bruckners zu erinnern, hat meine volle Anerkennung.


    Gruss aus Bern, Walter

    (khmm..........es freut mich, dass sich einige mutige Schmidt-Kowalski-Bekenner zu Worte gemeldet haben, und ich mit meinem anerkennenden Votum für seine Sache nicht stantepede in die Banausen-Ecke abgeschoben wurde...............:D :stumm: )


    Dieser wahrhaftig und bekennend anachronistisch komponierende Mensch verdient es, ernst genommen zu werden.
    Sein Anliegen scheint mir echt und redlich: Er will des Menschen Seele ergötzen! Hier ein Zitat aus dem Booklet zur Dritten Sinfonie:


    „Die Idee, den Weltkrisen der Gegenwart eine Musik entgegenzustellen, die diese Probleme in negativer Form unterstreicht, lehne ich ab. Vielmehr finde ich, dass heute eine Kunst wichtig ist, die gerade angesichts dieser Probleme Aufbauendes, positive Kräfte Evozierendes in die Welt bringen sollte. Musik ist für mich klanggewordener Urstoff der Seele. Man kann sie nicht begründen, nicht erklären, aber man kann sie beschreiben: Wenn Musik eine Sprache ist, dann die des Herzens: Wenn es mir gelungen ist „zu Herzen gehende Musik“ geschrieben zu haben, dann würde das mich sehr freuen.“


    Dieses (im besten Sinne) naive Statement nehme ich dem Komponisten sehr wohl ab.


    Mein Herz hat seine Musik jedenfalls berührt: Das grossflächige Finale der Dritten etwa ist eine Musik, in der meine (was-das-auch-immer-ist-) Seele, die in diesen harten Zeiten der notwendenden Krise durchaus nach Harmonie dürstet, ungeniert und ungehemmt baumeln darf.


    Man möge doch einmal den einordnenden Verstand ausschalten und vorurteilsfrei den Umstand vergessen, dass diese Komposition erst vor 9 Jahren entstanden ist. Und man höre diese Musik weder mit gebrahmsten oder verbrucknerten, noch gar mit verwebernten Ohren, sondern (wenn denn überhaupt Kategorien bemüht werden sollen) vielleicht wie ein neu zu entdeckendes Werk eines Felix Draeseke, Richard Wetz oder Julius Röntgen: In solchen Kategorien kann sie sehr wohl bestehen, und das ist doch schon mal `was!


    Aber irgendwie ist auch der Vergleich mit den „Kleinmeistern“ der Spätromantik unangemessen.
    Man lasse diese Klänge einfach unvoreingenommen auf sich wirken: Das ist weder Romantik noch contemporäre Musik, sondern ein musikalisches Zeugnis eines ehrlich um die Harmonie der Menschheit besorgten Zeitgenossen!


    Ich meine, wer im 3. Satz der Dritten (bei 6.55 ff. in der Naxos-Aufnahme) nicht Hühnerhaut kriegt, mag sich fragen lassen, wie seriell abgebrüht (d.h. abgestumpft) er/sie wohl schon ist...


    Zugegeben, der langsame Satz der Vierten erinnert etwas an Mahlers Adagietto aus dessen "Fünfter", aber so what!
    Ich empfinde Schmidt-Kowalskis anrührendes Statement ehrlicher und weniger „süsslich“ als das gustavsche Vorbild.
    Die Frage “Darf man das“ finde ich obsolet angesichts der Tatsache, dass mir persönlich diese Musik gut tut, besser, als die plakativen Klangwerdungen mahlerschen Schielens nach Anerkennung der Salon-Damen-Welt ... (Na ja, ich gebe zu: das ist üble Polemik eines verzweifelten Musikliebhabers, dem sich die Klangwelt Mahlers einfach nicht erschliessen will :D)


    Schmidt-Kowalski ist beileibe nicht mein Lieblingskomponist, aber als gelegentliches seelenbalsamierendes Korrektiv zu Krenek, Simpson und Pettersson taugt er allemal.


    Mit freundlichem Gruss aus Bern


    Walter

    Um zu vermeiden, dass das Werk von Thomas Schmidt-Kowalski allenfalls in Wulfs neuem Kitsch-Thread verschreddert wird, sehe ich mich veranlasst, dem „Zeitgenossen“ aus Oldenburg (*1949) einen eigenen Faden zu widmen. Er verdient es!


    Für ihn möchte ich gerne eine Lanze brechen, den manchmal belächelten (aber wohl umso mehr heimlich bewunderten) Hüter der romantischen Glut.


    Sein traditionsbewusstes Schaffen bezeichnen einige Musik-Puristen als eher "kitschrandständig", wenn nicht gar etwas „geschmacklos“.
    Ich gehöre nicht zu ihnen. Im Gegenteil. Seine Musik berührt mich sehr, und ich attestiere mir - ganz unbescheiden - nicht den schlechtesten Geschmack.


    Schmidt-Kowalski komponiert konsequent im romantischen Idiom, und ich kann seinen Sinfonien viel Nährendes abgewinnen. Obwohl man sie mit dem Heiligen Anton nicht vergleichen darf, hört man doch einige verblüffend brucknernahe Strecken, die erfüllt sind von berührender Schönheit: Ich gestehe unumwunden: Das Finale aus seiner 4. Sinfonie ist eines meiner „Inselstücke“, und auch den Schlusssatz aus der Dritten mag ich sehr gerne.





    Ohne Zweifel darf man mE seiner Musik eine gewisse Sinnlichkeit attestieren, auch wenn diese manchmal die Grenze zur Süsslichkeit überschreitet.
    Die romantischen Aufschwünge mögen der Gipfel des musikalischen Anachronismus darstellen, aber andererseits ist gerade die Konsequenz, mit der sich Schmidt-Kowalski dem „Neutönerischen“ verweigert, irgendwo bewundernswert.


    Gerne und interessiert frage ich deshalb: Wie steht Ihr zur Musik von Thomas Schmidt-Kowalski?


    Mit liebem Gruss aus Bern


    Walter

    Einmal mehr ein trefflich gestaltetes Essay vom "Wiener Klang". Bewunderung!
    Den befriedigenden Eindruck den Dir das Schnyder-Werk bereitet hat, möchte ich grundsätzlich nicht schmälern: seine Musik besticht durchaus mit Verve, Schneid und Spritzigkeit, wobei eine gewisse anbiedernde Beliebigkeit und Gefälligkeit nicht von der Hand zu weisen ist.


    Ich muss gestehen, dass mich von meinem Landsmann bisher nur sein Klaviertrio (1999/2000) wirklich überzeugt hat. Aber anyway: Danke für den süffig geschriebenen Bericht.


    es grüsst aus Bern der


    Walter

    Lieber Pius,


    Du schreibst zwar ausdrücklich: "kein Vollpreis", und ich kann dieses Anliegen angesichts meines eigenen, bedrohlich crescendierenden CD-Sturms auf den Schutzwall um meinen Geldbeutel gut nachvollziehen, aber leider nicht befriedigen.

    Ich möchte Dir deshalb sehr ans Herz legen, in diese herausragende Nash-Aufnahme reinzuhören: Es gibt nichts besseres, und der Preis lohnt sich allemal.



    Ich finde jedes der eingespielten Werke exeptionell! Und die spritzige Musik wird Dir eh gefallen, mit Sicherheit!


    Mit Gruss aus Bern


    Walter


    Lieber Alfred, meine Lieben,


    die mit CDs gut bestückte Uni-Bibliothek in meiner Stadt beglückt mich immer wieder mit lohnenswerten Ausleihen: In diesem Fall mit oben angepriesener Scheibe.


    Ich höre unprätentiöses und wirklich sehr schönes, ausgesprochen klares Klavierspiel ohne jegliche Manierismen und Mätzchen, eine edle Qualität, mit welcher Badura-Skoda seit Jahrztehnten seine Einspielungen versieht. Er ist ein ganz Grosser in der Kunst des Klavierspiels!


    Bestens in Erinnerung ist mir seine fulminante Exegese des 2. Klavierkonzertes von Frank Martin vor ein paar Jahren in Zürich. Dieses expressive Konzert ist ihm persönlich gewidmet, und er hatte lange Zeit quasi ein Aufführungsmonopol darauf! (Wird es deshalb so selten gespielt?)
    Das technisch und musikalisch sauschwere Stück, eine wirklich herausragende Musik, hat der „Wiener Klassiker“ perfekt gemeistert: es ereignete sich ein nobler (aber durchaus nicht un- knackiger) typischer Frank Martin und nicht irgendein krachend-verpedalisierter „Genfersee-Prokofiew“, wie man dieses Konzert auch karikieren kann.


    Doch nun zu Schubert:
    Ich gestehe, dass ich persönlich mit dieser Aufnahme nicht so glücklich werde:


    Das liegt für mein Empfinden zum einen am Klavier:
    Der Bösendorfer klingt in meinen Ohren recht eigenartig: Ich liebe diesen Klang einfach nicht. Man mag mich kloppen: aber ich bevorzuge grundsätzlich die Klarheit des imperialen „Steinway“, und der hier gespielte bösendörfliche „Imperial“ spricht mich nicht an – aber das ist nur mein individuelles Geschmacksurteil.


    Immerhin möchte ich anmerken, dass die Aufnahmetechnik den Klang sehr natürlich und ehrlich, ohne viel Hall und Manipulation konserviert.


    Zum anderen wünschte ich mir persönlich etwas mehr Emphase bei der Ausführung der Partituren, etwas mehr Empfindung und Gefühl, vielleicht auch etwas mutigere Phrasierungen, mehr Fluss, mehr Zug, vielleicht sogar etwas mehr rechtes Pedal: „Mehr Romantik!“, fleht der Romantiker (auch bei Schubert :stumm:), der halt bei seinem Liebling, dem unvergleichlichen Grigory Sokolov (im Konzert) voll auf seine Kosten kommt: Sokolov realisiert etwa den skurrilen Wahnsinn im Andantino aus D 959 mit unvergleichlich mehr Pathos und Kraft und reitet den Flügel (Steinway) an seine Grenzen, was mir halt gefällt :D.


    Zudem irritieren mich bei Badura-Skoda einige m.E. unorganische Temposchwankungen im Mikrobereich (etwa im Schlussatz von D 959). Das Gleiche gilt auch für das Allegro vivace von D 784, wo ich eine gewisse Holprigkeit in den Triolen empfinde, ein Eindruck, der wohl auch durch das eher gemächliche, etwas wenig allegrovivacige (und gerade deshalb schwierig zu haltende) Tempo hervorgerufen wird. (Obwohl ich gestehe, dass mir das Gehetze in vielen anderen Aufnahmen dieses Satzes auch nicht behagt.)
    Diese Anmerkungen sind aber Peanuts angesichts einer kristallinen, ehrlichen Exegese, auch wenn mir halt die "fetzige Dimension" etwas fehlt.


    Wunderbar ist der langsame Satz von D 784, sehr karg und demütig zelebriert, für mich das Highlight der Produktion... wenn nur dieser ungewöhnliche Klavierklang nicht wäre..., aber andere werden es anders hören und gerade diesen schätzen, wie auch die sympathische Nüchternheit der Interpretation!


    Mag sein, dass diese Exegesen sehr authentisch sind und Zeugnis ablegen vom historisch informierten Respekt für den Lebenshintergrund des Komponisten, aber sie treffen nicht meinen persönlichen Geschmack, und ich werde die Scheibe ohne Trauer wieder in die Bibliothek zurückbringen.


    Aber natürlich ist es eigentlich fast eine Anmassung, den altmeisterlichen Paul Badura-Skoda zu beurteilen, und ich bin nur voller Hochachtung für diesen grossartigen, ehrlichen Klavierspieler: Einer der "Grossen"! Es ist ein Segen, dass er sein umfassendes Wissen immer noch in Aufnahmen einfliessen lässt. Alles in Allem hört man in der Neu-Aufnahme grosse Klavierkunst, auch wenn sie mich persönlich nicht so packt, wie dies vor Jahren beim Konzert von Frank Martin geschah (ein Ereignis, welches mir überhaupt erst den Zugang zu diesem Meister gewährt hat, der für mich seither zu den bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts zählt).


    (Täusche ich mich, oder gibt es tatsächlich noch keinen expliziten Frank Martin - Thread?!?)


    Mit Grüssen aus Bern,


    Walter

    Zitat

    Original von klingsor
    ich höre kein profil, keine leidenschaft, keine musikalität, lediglich verwalten des notentextes.


    auch meine Lieben,


    durch Waldi (toller Tip!) verdankenswerterweise auf diesen Thread aufmerksam gemacht, fühle ich mich genötigt, Klingsors vernichtendem Statement vehement zu widersprechen! (Welch ein trüber Teufel hat Dich geritten, hochverehrter Dichterfürst?)

    Ich halte die Aufnahmen der Nielsen-Sinfonien und der Orchesterwerke von Hindemith mit dem San Francisco Orchester unter Blomstedt für referenzverdächtig:
    Mit Vehemenz (und sehr wohl angemessen leidenschaftlich) wird die Textur der sperrigen Musik offengelegt. Meines Erachtens stand das Frisco-Orchester unter dem bescheidenen Herbert (ohne „von“) vor 15 Jahren als an der Spitze des „Big Five“-Rankings.


    Mit freundlichem Gruss aus Bern


    Walter

    Na dann:



    Zugegeben, ich mache es Euch nicht leicht:


    Wie der famose Komponist Catoire (dem ich schon lange ein Thread widmen möchte...), gehört auch der Maler dieses lasziven Gemäldes zu den grossen Un-Bekannten der Spätromantik.


    Ich habe diese Cover ausgewählt, weil ich primär auf diesen Georgij Lwowitsch Catoire (den „St.Petersburger-Fauré“, wie mir scheint) aufmerksam machen möchte, insbesondere auf die fulminante Aufnahme hinter dem Cover. Dieses ziert ein Gemälde, dem ich einen gewissen, verführerischen Reiz nicht absprechen möchte..., wobei ich eigentlich zugeben sollte, dass die moderate Wortwahl eigentlich eine massive Untertreibung ist:
    Mit anderen Worten: ich bin nicht nur der Musik Catoires, sondern auch dem Bild des gesuchten Malers rettungslos erlegen :untertauch:.


    Diese Edel-Scheibe gehört zu meinen Kammermusik-Entdeckungen des letzten Jahres (die nur noch durch die Dohnanyi-Aufnahme des Turina-Quartetts getoppt werden konnte...: :hello: Michael)!


    Als Hilfe kann ich anbieten den Umstand, dass im Geburtsjahr unsers Malers die New Yorker Philharmoniker gegründet wurden, und im Todesjahr unseres „painter wanted“ die Uraufführung der admirablen Oper „Venus“ (... die Verlockende auf dem Bild?) von Othmar Schoeck stattfand.


    Mit herzlichem Gruss aus Bern


    Walter

    Lieber klingender Wiener,


    welch ein beredter Essay eines Enthusiasten!
    Vielen Dank für diesen lebendigen Bericht. Ich habe die Göttliche leider noch nie live erlebt, und beneide Dich um den Eindruck, den Du in Deinem Herzen trägst, und den so einfühlsam und "gluschtig" (Lust-machend) in Worte fassen kannst. Eine feuilletonistisch virtuose Konzertkritik!
    Ich bin ein ausgesprochenerv Liebhaber von dunkel timbrierten Frauenstimmen und finde den Hype um Elina Garanca gerechtfertigt.


    Mit herzlichem Gruss aus Bern


    Walter

    Zitat

    Original von Hildebrandt
    Bei Julius Rietz schwingt sich die MGG zu Corths-Mahlerscher Größe auf:
    "Durch lebenslängliche Geldnöte, Krankheit und unglückliche Familienverhältnisse zermürbt und zum Trinker geworden..."
    :D


    Lieber Hildebrandt,


    es liegt mir wirklich fern, Deine "Grins-beSmilung" des MGG-Eintrags zu kritisieren. Im ersten Moment würde ich genau gleich reagieren. (Und Du amüsierst Dich ja über die MGG-Wortwahl, nicht über das Schicksal von Rietz).
    Nun steht der Satz aber so bitter-nackt im Forum, und mich packt der Schmerz.


    Ich möchte einfach ein Requiem singen auf ein Menschenleben, das sich wohl ehrlich und ehrenhaft der grossen Musik verschrieben hat (ich kannte bisher weder ihn, noch sein Werk), und halt eben wegen dem übermächtigen Alltagskram (scheinbar) gescheitert ist.
    Jedenfalls hat der MGG-Eintrag meine Neugier auf diesen musikschaffend(en) "Bedrohten" geweckt.


    Mit freundlichem Gruss aus Bern


    Walter

    Ich danke Dir, lieber 3B aus der anderen Bärenstadt, für die freundlichen Grüsse und die stimmigen Assoziationen.


    Ich möchte Dich einfach ermuntern, nochmals hinzuhören und Dich einzulassen in das scheinbar belanglose Gewusel: Beachs Musik hat durchaus Tiefen, insbesondere im Klavierquintett und eben vor allem in den Variationen.
    Mir erschloss sich diese scheinbar „dicke“ Musik, wie gesagt, erst nach mehrmaligem Hören, wobei ich zugeben muss, dass ich ausser den erwähnten Werken überhaupt nichts weiteres kenne, also weder über die opulente Klaviermusik noch über die vielen Lieder etwas sagen kann.


    Aus dem wohl nicht weniger winterlichen Bern grüsst


    Walter

    AMY MARCY BEACH (1867 - 1944)



    Geboren am 5. September 1867 in West Henniker, New Hampshire
    Gestorben am 27. Dezember 1944 in New York City.




    Alles, was leicht fällt, galt als verdächtig. Alles, was Gefallen bereitet, war schon fast „des Teufels“. Bestraft wurde mit Klavierverbot, gezüchtigt wurde mit Entzug der Aufmerksamkeit, wenn das hochbegabte Mädchen mit dem absoluten Gehör begeistert seine Kompositionen präsentieren wollte


    Düster lauten die Schilderungen des puritanisch geprägten Umfeldes an der Ostküste der USA, in welchem Amy Cheney aufwächst, eine exeptionelle musikalische Hochbegabung, die sich nichtsdestotrotz ihre Kompositionsfertigkeit autodidaktisch aneignet.


    Ihr Talent wird zwar nicht unterdrückt, aber doch nur sehr restriktiv gefördert, halt einfach im Rahmen des (für höhere Töchter) damals „Schicklichen“...
    Aber an eine Musikerinnen-Laufbahn ist in diesem Umfeld nicht zu denken.


    Mit 18 Jahren heiratet sie den Arzt Mr. Beach aus Boston, einen Herrn, der älter ist als ihr eigener Vater.
    Doch er scheint recht tolerant zu sein (ach, wie gnädig...) und unterstützt seine Frau im Rahmen des (für das weibliche Angehängsel eines Honorablen der Gesellschaft) „Schicklichen“...
    So lässt er etwa ihre Kompositionen (damals v.a. Lieder und Klavierwerke) drucken und erlaubt ihr einige Klavierauftritte an Wohltätigkeitsanlässen.


    Nach dem Tod des Gatten (1910) beginnt Amy Beach mit einer regen Konzerttätigkeit als erfolgreiche Pianistin. Die Reputation als versierte Konzertpianistin und die Publikation einer Fülle von (spätromantisch geprägten) Kompositionen machen sie (in der Zeit zwischen den Kriegen) zur damals berühmtesten Musikerin der USA. Sie hinterlässt über 300 Werke, welche alle im Druck erschienen: Das ist sensationell in der damaligen Zeit.


    Wie klingt Beach`s Musik?


    Nun ja, von Begeisterungsstürmen werde ich nicht hinweggefegt, wie ich es etwa beim imo vernachlässigten Werk von Franz Schmidt nicht verhindern kann.
    Die Musik ist durchwegs gut gemacht, geht angenehm ins Ohr und tut der Seele gut. Belanglos möchte ich sie nicht nennen. Ich zögere zu sagen, es fehle ihr an Biss, wenn sich Eruptionen musikalischer Art auch eher rar verteilen. (Das war wohl auch nicht „schicklich“ für eine Dame von damaliger Welt...)


    Kurz: Die Musik von Amy Beach haut mich nicht gerade vom Hocker, aber – und das ist ebenso wertvoll: sie berührt mich!
    Sie will nichts. Sie ereignet sich einfach. Das ist äusserst sympathisch.


    Es war in Musikerkreisen eine Sensation, als Mrs Beach im Jahr 1896 eine Sinfonie für grosses Orchester vorstellte, galt doch das Komponieren von Sinfonien bis anhin als wohl-gehütete Männerdomäne.


    Ich kenne zwei Aufnahmen ihrer SINFONIE e-moll op.32 "Die Gaelische":


    Neeme Järvi:



    Kenneth Schermerhorn:




    Die Naxos-Produktion mit Schermerhorn und dem Nashville Symphony Orchestra verbreitet gepflegte Langeweile bei scharfem Klang.


    Einmal mehr ist es Neeme Järvi (Chandos), der die Partitur ausdrucksgetreu mit Schwung und grosser Geste realisiert. (by the way ist auch die beigekoppelte Barber-Sinfonie imo phänomenal realisiert). Bewundernswert ist es, wie es der estnische Dirigent immer wieder schafft, accelerierende Crescendi des vollen Orchesters zu einem kulminierenden Rush aufzubauen, um das exaltierte Geschehen dann schliesslich wieder organisch in ruhigere Gefilde zurückfedern zu lassen.


    Die Gestaltung solcher „Wellen“ ist eine grosse Qualität von Järvi (vorzüglich realisiert durch das Orchester aus Detroit), die vor allem im Vierten Satz mehrmals zum Tragen kommt und diesen immer wieder aus einem potentiell dicklichen Gewusel herausrettet.


    Hier ist Schermerhorn (Naxos) einfach zu lahmarschig, zu exakt, und zu wenig grosszügig: Eine Teflon-Interpretation!


    Einmal mehr bestätigt sich mir die Überzeugung, dass die Art und Weise der Interpretation für die Rezeption einer Erstbegegnung entscheidend ist: Ich hörte diesen vierten Satz zuerst mit Schermerhorn und war überzeugt, dass ich diese Musik nie mehr über mich ergehen lassen werde: Erst mit Järvi wurde sie mir (mehr als) erträglich!


    Den Musikstil dieser Sinfonie vermag ich kaum zu beschreiben: Mein Bauch empfindet eine Mischung aus Elgar und Alfvén, gewürzt mit etwas Franck-Aroma.
    Die raschen Sätze finde ich originell und inspiriert und in jederzeit angenehm anzuhören.
    Der langsame Satz der Sinfonie allerdings langweilt mich nachhaltig (in jeder Interpretation), ich empfinde ihn als ziemlich betulich, holprig und zähflüssig komponiert.


    Ganz nebenbei: Ich habe bisweilen die ketzerische Gewohnheit, in meinem i-Tunes-Verzichnis verschiedene Sätze unterschiedlicher Komponisten zu einem „neuen“ Werk zu vereinen (gab`s da nicht einmal einen entsprechenden Thread?):
    Im Falle der Sinfonie von Amy Beach begehe ich gerne ein solches Sakrileg: ich schmeisse ihren 3. Sinfoniesatz raus und lasse (als „edlen langsamen Satz“) den an dieser Stelle ausgezeichnet passenden Ebensolchen aus der Sinfonie von Hermann Goetz (1840-1876) erklingen:
    Der Goetz`sche Sinfoniesatz ist imo ein wertvolles, weil hochemotionales Klangemälde, das sich durchaus auf der Höhe der besten Bilder von Wetz/Draeseke u ä. bewegt, wobei es allerdings den Rest seiner Sinfonie hell überstrahlt, (welchen ich deshalb, ebenso schnöde, in den virtuellen Papier-Hörschmalz-Korb verwarf...).



    Der geschätzte Mit-Eidgenosse „Goetz“ lässt sich offen(hör)bar liebend gerne von der „Ami-Amy“ umarmen: Deshalb figuriert das neugenerierte symphonische Konglomerat in meinem i-Tunes-Musikverzeichnis als:


    Beachgoetz: Gaelische Sinfonie: „Die Strandgöttin“ :D


    ...und wenn ich schon aus meinem virtuellen Musikkonserven(Näh-)körbchen plaudere:
    Nach dem 4. Satz von Amy`s Sinfonie lasse ich (alphabetisch konform) Alban Berg`s Orchesterstück Nr. 2 aus op.6 folgen, quasi als Ohrenputzer, imo überaus passend und erhellend, und deshalb sehr erträglich! ...quasi die „Berg-Göttin am Strand“, oder (evolutionär/esoterisch): „Der Berg strandet göttlich...“




    Das Label Chandos publizierte 1999 eine CD mit Kammermusik von Amy Beach:




    Das KLAVIERQUINTETT fis-moll op. 67 (1908 ) ereignet sich in ähnlicher Klangaura wie die Quintette von Brahms, Franck und Fauré. Nur scheint mir die Dynamik etwas gar eingeebnet: Es rauscht und rauscht, aber donnert wenig. Vom ersten Satz kann ich mir noch kein gültiges Bild machen: Das ist schon ein gar arg romantizierendes Gewühl mit wenig markanter Thematik, aber es kann sein, dass ich bei wiederholtem Hören die Qualitäten des Satzes erkennen werde.
    Der 2. Satz, ein Adagio, erschliesst sich unmittelbar: Das ist einfach schöne Musik! Vielleicht hätte Liszt so komponiert, wenn er sich denn vermehrt an Kammermusik herangewagt hätte.
    Der 3. Satz beginnt sehr klangvoll mit dvorakesken Gebärden, verheddert sich aber dann doch etwas in selbstgefälligen Klanggirlanden.
    Die Musik ist sehr ausschweifend und wenig strukturiert. Beim Erstkontakt hat sie mich noch gelangweilt. Erst das wiederholte Hören lässt ihre Meriten offenbar werden.


    Das eher knapp gehaltene KLAVIERTRIO a-moll op.150 (1939) beginnt verheissungsvoll mit rauschend- impressionistischen Kaskaden, die den Gabriel Fauré unter der Dusche stehen lassen.
    Aber statt sich wirklich in die flirrende Klangsinnlichkeit hinein zu steigern, versinkt die Musik mehr und mehr in belanglose, „Stars-änd-sträipige“ Salo(o)n-Klebrigkeit, der ich ungern aufsitzen mag. Kurz, ein Werk, das ich wohl nicht weiterverfolge.


    Restlos begeistert bin ich allerdings von:
    THEME AND VARIATIONS a-moll op.80 (1916) für Flöte und Streichquartett.
    Dies ist eine Instrumenten-Kombination, die ich eigentlich eher nicht so liebe, wenn nicht gar "hasse": Fauniger Flötenklang und feenhaftes Gestreichel generieren mir (im Umfeld des Fin-de siècle) oft genug bedrückende Assoziationen abgründiger, süsslich-parfumierter Boudoirs...(nichts Böses dagegen: es ist einfach eine Dimension, die ich mir noch erarbeiten muss... :D)


    Aber nichts Solches empfinde ich bei Beachs erstaunlichem Opus, im Gegenteil:
    Da entwickelt sich durchwegs eine durchsichtige, luzide Atmosphäre:
    Ohne grosse Extravaganzen, sehr moderat und in stimmigem Sinne „gepflegt“ (durchaus mit subliminaler Stringenz) spinnt die empfindsame Komponistin pastellfarbene Klangfäden (bisweilen kontrapunktisch durchwirkt, aber auch melancholisch eingefärbt), mit planvollem Strich/Stich zu einem kunstvollen (blaustichigen) Klangteppich:
    Gleichsam eine klingende „heure bleue“: Wunderbar!

    Anachronistisch zwar, zugegeben, und irgendwie auch epigonal (und frankophil?), aber was solls, mir gefällt es: Also, unbedingt anhören, finde ich!


    Das Ensemble „The Ambache“ spielt sehr klanschön und wird von der Aufnahmetechnik transparent registriert, im Gegensatz zu den Aufnahmen mit Klavier (Diana Ambache), die mir klangaesthetisch leider eher dumpf und mulmig entgegenwummern.


    Soweit meine Einführungsgedanken zur „Grand Old Lady“ der amerikanischen Musik.
    Mag jemand etwas erwidern, ausführen, ergänzen?


    Mit freundlichem Gruss aus Bern


    Walter


    (Quellen: Eigenes Empfinden, Lexikalische Einträge im Internet und Booklets der erwähnten Aufnahmen)

    Lieber Audiamus


    dem monegassischen Georgel schaue getrost in die Gorgel!
    Ich schreibe keinen Verriss über das Gebiss der Symphoniker aus der Steueroase (1 und 2 werden gespielt vom Orchestere de Monte Carlo), habe ich doch selbst die erste und die zweite Sinfonie von Enescu - hervorragende Musik - dank diesen Aufnahmen entdeckt und schätzen gelernt: Zugreifen!


    Walter aus dem bernischen (Steuer-)Orkus

    Meine Lieben,


    bitte verzeih mir, liebe Ulrica, wenn ich das Bedürfnis äussere, Dich zu umarmen, aufgrund Deiner befreiend pragmatischen Äusserungen, welche zutiefst ganzheitlicher, weiblicher Logik entspringen!

    Was hülfe es der musikalischen Welt, wenn..... alle Pianistenmänner erkennen, warum Takt xy von Beethovens Klaviersonate op.101 ein (chromatisch aufsteigendes) Zitat der Exposition selbiger Sonate ist....., und doch Schaden nehmen an ihrer Phantasie?


    Lieber Rappy, ich mache mich nicht lustig über Dich! Ich anerkenne (und kenne) das Bedürfnis, ein Werk gedanklich zu durchdringen, aber wenn mir dies (selten genug) einmal gelungen ist, hatte ich anschliessend meist keine Lust mehr, es zu spielen...


    Mit herzlichem Gruss aus Bern


    Walter

    Zitat

    Original von severina
    Auch wenn ein Puzzleteil nur blau ist und sonst gar nichts zeigt, klafft dann später im Himmel ein schwarzes Loch, wenn es als ""wenig aussagekräftig" weggeworfen wird :)
    lg Severina :hello:


    Liebe ForianerInnen,


    dieser Satz ist so was von weise! Vielen Dank, liebe Severina.


    Auch ich habe Mühe damit, wenn man einigen Threads die Tiefe oder gar die Ernsthaftigkeit abspricht, zwecks Erhaltung des unzweifelhaft hohen Niveaus.
    Wie dieses, schätze ich aber auch die tolerierte Varianz an Durchdringungsgrad. Das gibt mir persönlich die Gelegenheit, auch dann ein paar Sätze zu schreiben, wenn mir das philosophisch-vertiefte Nachdenken mal gerade zu anstrengend ist. Und so wird es vielen anderen sicher auch gehen.

    Insbesondere möchte ich ein Kränzlein winden für den „Was hört ihr gerade“- Faden: Auch wenn ich mich daran nicht beteilige: Wieviele tolle Anregungen (und geldbeutelschmälernde Aquisitionen) verdanke ich doch diesem Thread. Ich denke etwa an Guercoeur`s Beispiele oder an Davidoff`s Hinweise, und vor allem an Rolo Betman, dem an dieser Stelle ein dickes Dankeschön ausgesprochen sei für die unzweifelhaft nicht kleine Arbeit, akribisch sein bewundernswert konsequentes Hörverhalten zu dokumentieren.


    Mit freundlichem Gruss aus Bern


    Walter


    Lieber Bernhard,


    wer mich kennt, weiss, dass ich jedes Wort aus Deinem Zitat fett unterstreichen möchte.


    Woran ich mit meinen etwas provokativen Worten erinnern will, ist der Umstand, dass IMO jegliche menschliche Regung und Äusserung teil hat am Geheimnis dessen, was wir "heilig" nennen:
    Ebenso die musikalischen Emanationen der musikalisch begabten Menschen, aber nicht mehr als die handwerklichen Produkte der handwerklich begabten Menschen, usw. usf.


    Doch wollen wir vermeiden, dass die Diskussion ins Religiös-Spirituelle abdriftet.
    Klingsor hat solches sicher nicht beabsichtigt und meine Stossrichtung ist es auch nicht.


    Mit freundlichem Gruss aus Bern


    Walter

    Lieber Klingsor,


    immerhin posten wir hier in einem Musik-Forum: Wir entscheiden uns damit, wenigstens während des Schreibens unserer Beiträge, die Kunst der Musik über die anderen Künste zu stellen.
    Ich gehe aber nicht davon aus, dass Du ernsthaft an ein Ranking denkst. Dennoch kann ich nachvollziehen, dass man angesichst des „Gegenstands Musik“ ins transzendierende Grübeln kommt.


    Musik – eine göttliche Kunst?
    Um es gleich vorwegzunehmen: In meiner Beurteilung ist die Musik, die seelenergötzend aus Instrumenten und Lautsprechern quillt, nicht göttlicher als die Scheisse, die sich als Klärschlamm über die Felder ergiesst. Entweder ist NICHTS göttlich oder ALLES ist göttlich, obwohl es letztlich aufs Gleiche hinausläuft! Aber ich bin frei, meinen eigenen Betrachtungswinkel zu definieren.


    Dass man geneigt ist die Musik göttlich zu finden, göttlicher (ein unmöglicher komparativ!) als andere Künste, gründet in ihrem ungreifbaren, flüchtigen Wesen:
    Einen marmornern Michelangelo kann man betatschen, einen luftigen Gabrieli nicht, wobei: die „Quarks“, die sich wie Marmor verhalten, letztlich wohl identisch sind mit den „Yoghurts“, die sich wie Luft verhalten... Im übrigen: auch Scheisse ist Schwingung!


    Musik als klingende Zeit oder schwingender Raum oder vibrierende Raumzeit, wie auch immer: Sie ist schwer fassbar und bleibt geheimnisvoll..., und mit solchen Attributen pflegen wir Blinden das Göttliche zu charakterisieren.
    Immerhin ist der Nicht-Gegenstand „Musik“ geeignet, uns zu Gedanken über die Transzendenz anzuregen, möglicherweise tatsächlich eher und mehr, als es die bildenden Künste vermögen.
    Aber dieser Umstand macht die Musik deswegen nicht wertvoller, insbesondere wenn man bestrebt ist, wie ich, Transzendenz und Immanenz nicht auseinanderzudividieren.


    Mit herzlichem Gruss aus Bern


    Walter

    Liebe ForianerInnen,


    uiuiui, die Diskussion „brendelt“ ja heftig.
    Alfred kann ja bald ein „Buch binden“ mit den vielen Beiträgen. Aber „Badura-hin, Skoda her“, „Uchi-da“ und Uschi-dort: Alle Genannten werden „Schiff“-Bruch erleiden, wenn es um den direkten Vergleich mit dem Ausnahmepianisten GRIGORY SOKOLOV geht, der seine Programme zunehmend im Repertoirebereich von Brendel ansiedelt: Viel Mozart, viel Beethoven, viel Schubert!


    Aber welch ein nuancierter Anschlag, welch subtile Schattierungen und, vor allem, welch eine kühne dynamische Breite gerade auch in den Werken der Klassik und frühen Romantik!


    Das ist einfach unvergleichliches Klavierspiel. Die Kenner wissen das.
    Soll man es schade finden, dass er eher selten ins Studio geht? Man soll halt hingehen, wenn er auftritt! Man wird eine Sternstunde erleben.


    Post mortem (aber er möge noch ewig leben) wird man die vielen Live-Aufnahmen, die es sicherlich in vielen Radio-Archiven gibt, als Kulturgut verehren (und wohl auch vermarkten) wie letzthin diejenigen von Celibidache.


    Mit herzlichem Gruss aus Bern


    Walter

    Zitat

    Original von pbrixius
    Ich denke, dass das Bedürfnis an Klassischer Musik wieder ansteigt. Das sind gesellschaftliche Prozesse, auf die wir nur wenig Einfluss haben.


    Lieber Peter,


    das denke ich auch, und die witzige Faschings-Aktion der Staatsphilharmoniker Hamburg wird daran wohl nicht den geringsten Anteil haben.


    Aber sie ist deswegen nicht irrelevant. Sie gehorcht dem Zeitgeist. Der ist weder gut noch schlecht. Er muss sich manifestieren dürfen.


    Allerdings wird er sich wohl in Zukunft dergestalt ereignen, dass die glamouröse Oberflächlichkeit (im Laufe der Krise) in sich zusammenfallen wird.


    Darunter, so hoffe ich, wird eine neue Berührbarkeit (die überhaupt nicht neu ist) wie ein Phönix aus der Asche erstehen, und die Ernsthaftigkeit und Beständigkeit der klassischen Musik wird zu neuen Ehren kommen.


    Mit herzlichem Gruss aus Bern


    Walter

    Lieber Edwin,


    auch ich danke Dir für die wichtige Erinnerung an Henri Sauguet.


    Ich höre mir ab und zu seine 1. Sinfonie an, ebenfalls mit Almeida und dem Moskauer Symphonikern.
    Das scheint mir eine flirrende Mischung aus sperrigem Magnard und düsterem Barber zu sein (man nehme meine Bauch-Vergleiche nicht allzu wörtlich :D)


    Jedenfalls habe ich auf meinem i-Tunes hinter die Tracks notiert:
    „ Sauguet isch sau guet“ (Eidgenossen-slang: „Sauguet ist schweinisch gut“).


    Empfehlenswerte Musik ist das, insofern man das herb-flirrende (in Sauguets Fall nicht schwüle) Fin-de-siècle-Idiom mag.
    Den Hinweis auf idiomatische Querbezüge zu Koechlin möchte ich vehement unterstreichen!


    Mit herzlichem Gruss aus Bern
    Walte

    Hallo zusammen,


    der Beitrag von Johannes ist hervorragend. Ich möchte jeden Gedanken, ja jedes Wort unterstreichen.


    Ich kann ihm nichts Wesentliches mehr beifügen, ausser vielleicht den Hinweis auf Krystian Zimerman, den man aber irgendwie auch zu den „Verweigerern“ zählen muss, insofern er sich nur mit viel Skrupel zu Aufnahmen (v.a. zu deren Freigabe) durchringen kann. Mein Favorit ist und bleibt allerdings Grigory Sokolov.


    Mit freundlichem Gruss aus Bern


    Walter

    Liebe ForianerInnen,


    im Prozess meiner mühevollen Erarbeitung der Musik des 20. Jahrhunderts, habe ich mich heute masochistischerweise an Schönbergs Streichtrio op.45 (1946) gewagt und zwar in einer Interpretation durch das treffliche Wiener Steichtrio:


    Das ist doch eigentlich furchtbare Musik, oder nicht?


    Aber oh Wunder. Ich kann sie sehr wohl hören...!
    Ja, ich finde gar irgendwie Gefallen an ihr...! (Amfortas NullFetz wird mir zustimmen :D )


    Na ja, „Gefallen“ ist vielleicht das falsche Wort: ich möchte das Phänomen eher als „aesthetischen Reiz“ bezeichnen, oder als ein wohliges Erschaudern ob der unzugänglichen, krypto-romantischen Sphinxhaftigkeit dieser Klänge.


    Kann mir mal eine(r) erklären, weshalb mir diese Musik irgendwie behagt, ausgerechnet mir, dem überzeugten Verfechter der Tonalität?
    Denn eigentlich hätte sie mich doch abzuschrecken, mich, den entschiedenen Liebhaber von Schmidt, Reger, Schreker, Zemlinsky und co.

    Nein, ich kokettiere nicht mit vorgetäuschter Unkenntnis der Werke der 12-Ton-Musik, noch viel weniger brüste ich mich damit, die Kenntnis solchen Gezwölftonsels als chic und cool zu bezeichnen....


    Ich „kenne“ tatsächlich Einiges an Zwölfgetonsel, und nicht weniges davon löst bei mir irgendwie ein gesteigertes aesthetisches Empfinden aus.... Ich kann mir aber beim besten Willen nicht erklären, weshalb.


    Es gibt kein einziges Werk vom Schönberg, das mich völlig kalt lässt oder gar abschreckt. Aber ich habe keine Ahnung, weshalb mir diese Art von Musik einen gewissen Genuss verschaffen kann!

    Denn daneben gibt es ein für mich fast ungeniessbares Konvolut aus (durchaus nicht atonaler) Musik von („horribile dictu“): Mahler, Bartok, Schostakowitsch, Strawinsky, Antheil, Milhaud, Villa-Lobos, Glass uva, (sorry für den Salat von Äpfeln und Birnen), die ich nur mit Mühe ertragen kann.


    Kann es sein, dass mir (als Erz-Romantiker) geschenkt ist, intuitiv den „romantischen“ roten Faden im Idiom von Schreker-Zemlinsky-Zwölftonsky wahrzunehmen, wohingegen die Linie Wagner-Mahler-Strawinsky- etc.pp ins blaue Neo-Sowieso verdröselt....um dann vielleicht vom Jazz neu geknüpft zu werden?
    (Man haue mich nicht, ob des hinkend-kühnen Vergleichs :untertauch: )


    An diese Stelle gehört ein grosses Dankeschön an Edwin Baumgartner für seinen herausragenden Thread!


    Geht es anderen TaministInnen ähnlich mit Schönberg im Speziellen und mit der Zwölftonmusik im Allgemeinen?


    Mit herzlichem Gruss aus Bern


    Walter

    Na dann versuche ich`s halt auch mal, wenn`s mir auch sehr schwer fällt, von meinen 500 Lieblingen eine 2-prozentige Auswahl aus dem hohlen Bauch (bzw. Aermel) zu schütteln:


    Hier also meine Best-Of-Liste Januar 2009 (mehr oder weniger chronologisch):


    J. S. Bach: aus 2. Englische Suite BWV: Prélude
    Mozart: Adagio h-moll KV 540
    Schumann: Gesänge der Frühe op.133 Nr.1
    Clara Schumann: Romanze op.11 Nr.2
    Fanny Hensel: aus „Das Jahr“ : September
    Chopin: Ballade Nr.4
    Brahms: Intermezzo op.118 Nr.6
    Rachmaninoff: aus Etudes tableaux: op 39 Nr.6
    Skrjabin: Etude op.8 Nr.8
    Rosenblatt: Paganinivariationen


    Mit herzlichem Gruss aus Bern


    Walter

    Zitat


    Heute in der Welt-online gesehen:


    "Simone Young: Über ein Aufmerksamkeitsdefizit in der Stadt brauchte Simone Young noch nie zu klagen. Doch in diesem Jahr setzt sie ihrer Präsenz die (vorläufige) Krone auf: vom Turm des Michels aus will sie am 2. März Brahms Zweite Sinfonie dirigieren. Ihr Philharmonisches Staatsorchester sitzt auf die ganze Stadt verteilt vor den Pulten."


    Das finde ich zum :kotz:


    Liebe ForianerInnen,


    Na ja: Was uns ein besorgter und angewiderter Tamino mitteilt, klingt auf den ersten Horcher tatsächlich etwas bescheuert. Aber seien wir doch nicht päpstlicher als der Papst: Wenn die auf den Michel hinaufkletternde Stabführerin und die (aus dem Elfenbeinturm herabsteigenden) Staatsphilharmoniker durch diese classic-PR Übung auch nur ein Dutzend Menschen (die den Weg in die Laeisz-Halle für gewöhnlich nicht finden) berührt, und damit ein Interesse weckt für die klassische Musik, dann hat sich diese Aktion doch allemal gelohnt.
    Wer sonst soll denn künftig die himmelstrotzend-herzogdemeuronsche Elbphilharmonie füllen, wenn nicht die Neo-Classics aus der Juppie-Szene, und Brahms wird es allemal überleben! (wobei ich mir tatsächlich Gedanken machen darüber, ob es für eine solche Aktion nicht geeignetere Werke gäbe...)


    Ich erinnere mich an eine vergleichbare „Uebung“ des Jugendsinfonieorchesters des Konservatoriums Bern auf dem Thunersee:


    4 Passagierschiffe näherten sich bug-voran zu einem „4-Zack-Stern“: Das Orchester (gevierteilt) verteilt auf den 4 Schiffen, tapfer Tschaikowskis Schwanensee executierend, mutig und verzweifelt- gestikulierend (knapp) zusammengehalten durch den trefflichen Dirigenten.


    Musikalisch war das Happening verständlicherweise ein ziemliches Desaster. Aber ich kenne einige Musikschüler, für welche dieser Event der Höhepunkt ihrer musikalischen Karriere war, und es gibt viele (das Happening begleitende) Eltern musizierender Sprösslinge (meine Wenigkeit eingeschlossen), die dem damaligen Konservatoriumsdirektor durchaus dankbar sind für dieses unvergessliche "nautisch-musikalische" Erlebnis.


    Aus diesen Gründen finde ich die geplante Aktion in Hamburg nicht zum K... Ich finde sie (Michels-)Spitze!


    Ich bin der Meinung, es stünde uns gut an, jegliche Art von Promotion unserer geliebten Musik mit Wohlwollen zu betrachten: Die grosse Musik wird die scheinbare Banalisierung allemal überstehen, aber die Musiker brauchen Menschen, die sich für ihre Arbeit interessieren, und das geht oft nur über den Weg der Boulevardisierung, was nicht per se schlecht sein muss!


    Was sagt ihr dazu?


    Herzlich grüsst aus Bern


    Walter