Beiträge von Walter Heggendorn


    Lieber Alex,


    ich verstehe (fast) nur Bahnhof.


    Es wäre hilfreich für mich, wenn Du, ach! ab und an Deine (zugegebenermassen) virtuosen, über-wolkigen Gedankenflüge hinunterbrechen würdest auf die profane Ebene vernebelter Spurensuche von geistig unbedarfteren Zeitgenossen: Oh, ich würde gewiss etwas aufatmen!


    Ich ahne, dass das, was Du sagen willst, irgendwie ja schon richtig ist, und ich neige dazu, Uebereinstimung zu mimen.
    Aber es ist Arbeit! Harte Arbeit!:D


    Soll mir dieses hart erarbeitete Ahnen halt einfach zugemutet werden? Ist Einsicht sonst nicht zu erlangen? Forderst Du Eigenarbeit, erwartest Du didaktische Prüfung, intendierst Du dialektische Erziehung?
    Ach was rege ich mich an: letztlich hat es doch der gute Wulf auf den Punkt gebracht:


    Musik ist Musik ist Musik.


    Diese Zeilen mögen selbstverständlich weder Dich, werter Graf, noch Deinen genüsslichen barocken Schreibstil kritisieren, sondern ich möchte nur einfach Albus`Statement wieder Gehör verschaffen:


    Albus hat die Musik als „Ordnungsmacht“ definiert. Das kann ich irgendwie nachvollziehen, das finde ich interessant, sehr interessant sogar!
    Wohlwissend, dass damit nicht die „kosmische Polizei“ gemeint ist. :D


    Ebenso freundlich aus dem Profanen grüsst der olle
    aus Bern,

    Walter

    Lieber Lullist,


    ich bin hocherfreut über Deine Berichterstattung zu Deinem neuen, sehr ambitionierten Projekt.


    Mit ebenso viel Freude nehme ich den optimistischen Tonfall Deiner Schilderung zur Kenntnis. Denn ich kann mich durchaus zurückerinnern an Deine (zu recht) melancholischen Töne angsichts des damals gescheiterten Vorgänger-Projekts im Frühjahr, als Du (verständlicherweise) gleich das ganze Studium in Frage stellen wolltest.


    Die neue Sache scheint gut anzulaufen, was ich Dir (den ich im Forum als hochkompetenten Barock-Spezialisten kennenlernen durfte) von Herzen gönnen will.


    Die Welt braucht unkonventionelle Menschen! Mehr denn je!
    Wenn das, was Du ins Rollen gebracht hast, ein Selbstläufer wird: Was willst Du mehr!

    Du trifftst ein Bedürfnis der Zeit:
    Die Sehnsucht nach dem überschwänglichen, herzerheiternden und scheinbar „nutzlosen“ Farbenspiel, als Korrektiv zur „sachgezwängten“ Grau-Aura des abgehalfterten Bankmäusetums (dessen meist redliches, aber oft einäugiges, Bemühen ich mit diesen Worten selbstverständlich nicht undifferenziert und kollektiv in Abrede stellen will).


    Lieber Gruss aus Bern von


    Walter

    Liebe Taminen,


    ich bedanke mich für die vielen feinfühligen Beiträge und bin froh, dass die Diskussion nicht auf eine Kuhmarkt-Taxierung hinausläuft,
    im Sinne von: Dieser Musiker ist „hässlich“ und hat es dennoch geschafft, jene Musikerin ist „schön“ und hat dennoch keinen Erfolg...


    Natürlich ist es fast unmöglich in diesem Zusammenhang keine Namen zu nennen, aber man möge weiterhin die Namensnennungen mit gebotener Zurückhaltung handhaben.


    Ich bin mir bewusst, dass eine Stellungnahme zum zweiten Teil meiner Frage recht heikel ist:


    Zitat

    Original von Walter Heggendorn
    ... oder sind begabte MusikerInnen gerade dank ihren Begabten-Genen auch aussehensmässig auf der harmonischeren Seite?


    Mag sein, dass eine solche Vermutung Gefahr läuft, in den stinkenden Dunstkreis von „Zucht“ und „Auswahl“ und ähnlichen Schrott abzugleiten, was selbstverständlich von mir nicht intendiert ist.

    Ich stelle einfach mal die plumpe und plakative („Bild“-taugliche) Beobachtung in den Raum, dass mir an der Musikhochschule die attraktiveren Menschen begegnet sind als an der Theologischen Fakultät :D.


    Um jedem Missverständins und jedem Protest zuvorzukommen: Ich bin durchaus in der Lage, innere Schönheit wahrzunehmen und zu würdigen, und ich stelle sie selbstverständlich über alle Äusserlichkeiten!


    Ein eher unsympathisches (weil suffisant abwertendes) Schmankerl in Sachen Klavier-Beau`s ist ein relativ aktueller Artikel in der „Welt“:


    http://www.welt.de/kultur/arti…n-Goetter-am-Klavier.html


    Mit liebem Gruss aus Bern


    Walter

    Zitat

    Original von GalloNero
    Ich kann nicht beurteilen, ob es sich um eine herausragende künstlerische Leistung handelt, mich hat die Musik aber sofort ergriffen.


    Lieber Gallo Nero,


    danke für Deine Verstärkung: Dein Ergriffensein scheint mir von edlerer Qualität zu sein als das blosse intellektuelle Bewusstsein über eine adaequate Realisierung des Notentextes. Wobei: Wenn beides zusammenkommt, hüpfen alle Sterne!


    Mit liebem Gruss aus Bern


    Walter

    Liebe Taminen,


    ich gebe zu: Das Faden-Thema ist etwas gar boulvardesk. Aber in Zeiten von Glitter und Gloria mag es ja noch hingehen:


    Im Rahmen der Diskussion über den „Neuen (Klavier-) Stern“ David Fray, drängt sich mir die Feststellung auf, dass der schöne neue Musikhimmel wimmelt von Klavier-Beau`s und Geigen-Missen :D.
    Ich stelle fest, dass allen von der Musikproduktion promoteten Jungstars eine gewisse (publikumswirksame) Ansehnlichkeit zu eigen ist.
    Das ist sicher grundsätzlich nicht beklagenswert. Aber es stellen sich mir folgende Fragen:

    Haben weniger ebenmässig ausgestattete MusikerInnen weniger Chancen auf dem Markt, oder sind begabte MusikerInnen gerade dank ihren Begabten-Genen auch aussehensmässig auf der harmonischeren Seite?


    Provokante Frage: Hätte eine Clara Haskil (welche innere und äussere Altersschönheit!) heutzutage „markttechnisch“ noch eine Chance?


    Man betrachte das „Gala“-Thema als Auflockerung innerhalb der Dichte fachlicher Seriosität in diesem Forum, aber man möge es nicht allzu reisserisch, sondern ebenso seriös behandeln.


    Mit liebem Gruss aus dem glitzernden Bern


    Walter

    Meine Lieben,


    ich hatte persönlich auch eine HIP-Phase und beschäftigte mich verantwortungsbewusst mit der klanglichen Vielfalt der historisch informierten Aufnahmen.
    Es blieb aber meistens beim intellektuellen Ergötzen.


    Ob Fray die HIP-en Erkenntnisse rezipiert hat ist mir so ziemlich egal, wenn mir das Klangresultat Freude macht. Letztlich zählt für mich der Unterhaltungswert einer Aufnahme und nicht die (vermeintliche) historische Korrektheit. Was mir aus dem Clip mit Fray entgegenklingt, unterhält mich, erfreut mich, belebt mich. Der Steinway klingt kernig und feurig: ich persönlich liebe das.


    Ich mag sogar Stadtfeld mit seinem (im Vergleich zu Fray) eher etwas hölzernen Bach: Er hat mich live mit BWV 1052 schon vor 4 Jahren (Am Interlaken Festival) überzeugt.
    Ich muss allerdings sagitt recht geben: Fray scheint auch mir ein anderes Kaliber zu sein.


    Es grüsst der Berner


    Walter

    Liebe KlavierliebhaberInnen,


    Ich habe mir den Clip mit David Fray angeschaut:


    Ich bin irritiert: Da gibt es tatsächlich „lang-längliche“ Madonnen-Blicke in Richtung linker Himmelsecke, die mich degoutieren.


    Da gibt es tatsächlich ungemein „dekoratives“ Haarsträhnen-aus-den-Augen-Wischen.


    Und da gibt es zwischendurch nichtssagendes Musi-Musi-Wischi-Waschi-Palaver eines vermeintlichen Wichtigtuers.

    Aber immerhin stammt der Clip von Bruno Monsaingeon (Filme über Gould/Sokolov uva),
    das heisst, von einen Regisseur/Musiker, dem man meines Erachtens einen guten Geschmack attestieren muss und den ich über alles schätze,


    Der dandyhafte Affekt von David Fray scheint mir echt zu sein (man mag es mögen, oder nicht), und das musikalische Resultat ist mehr als zufriedenstellend. Seine Gebärden und Grimassen mögen irritieren, sind mir aber auf den zweiten Blick nicht mehr so unsympathisch: ich kann sie nachvollziehen im Duktus des musikalischen Prozesses.


    Ach, es ist halt so eine Sache mit dem Erdenfall der „Sternchens“:
    Fray ist sicher ein agiler Pianist: Er hat flinke Finger, einen souveränen Gestus, sieht gut aus und erinnert mit seinen (imo echten/nicht kopierten) Gebärden durchaus an Glenn Gould, bietet die nötige Portion Extravertiertheit und wird (ein ziemliches Handicap!) konfrontiert mit der Kamera eines Bruno Monsaingeon! Wer soll da gelassen und natürlich bleiben können!?


    Ich masse mir kein Urteil an über die Qualität der Aufnahme (ich kenne nur diesen Clip und nicht die ganze CD), aber ich gebe zu, dass mir die clevere Agilität von Fray (unter Berücksichtigung der unsäglichen Künstlichkeitsaura durch Kamera und Mikrophon) Lust macht, die Aktivitäten des Pianisten weiterzuverfolgen.


    Mit liebem Gruss aus Bern


    Walter

    Lieber Michael


    Vielen Dank für die Aufklärung und den berechtigten Einspruch.
    Ich gebe zu, so genau nicht im Bild gewesen zu sein über die Aufgaben eines/r Opernhaus-KorrepetitorIn. Ob Stress oder "nur" Herausforderung: Anspruchsvoll im höchsten Masse scheint mir die Begleitung einer Oper vom Klavier aus allemal zu sein.


    So viel ich weiss, gibt es in der Schweiz Korrepetitoren und Assistenten.
    Inwiefern sich deren Aufgaben ergänzen oder überschneiden, oder ob die Begriffe gar austauschbar sind, entzieht sich meiner Kenntnis.


    In jedem Fall sind Deine Ausführungen natürlich "näher am Leben". Ich fiebere mit!


    Es tut mir leid, dass die "Kampfmassnahmen" fortgesetzt werden müssen.
    Ich hoffe doch sehr, im Sinne der Stärkung des Musikerstandes!
    (Wenn ich da an meine drei Kinder in Ausbildung denke...)


    Es grüsst Dich aus Bern


    Walter

    Hallo Theophilius,


    Deine Reaktion beweist, dass Du meinen Einwurf nicht als Zurechtweisung missverstanden hast. Als Solche war er nicht gemeint, sondern als Aufruf, die verantwortungsvolle Aufgabe und die immense Arbeit des Korrepetitors/der Korrepetitorin gebührend zu würdigen.
    Wenn der Streik auch dazu beiträgt, umso besser!


    Ich habe den Eindruck, dass auch im Rahmen der Musikhochschulen die immense Arbeit der Korrepetition, etwa die Begleitung von Auditionen und Prüfungen, recht wenig gewürdigt wird. Aber eben: es ist halt "nur ein Knochenjob" und keine Kunst...Von wegen!!!


    Es grüsst Dich aus Bern der


    Walter

    Lieber Audiamus


    Du startest einen spannenden Thread. Danke.


    Ob das Engagement von Kurt Masur den Mauerfall beschleunigt hat?
    Ob der Pianist Miguel Angel Estrella mit seiner "Musique Espérance" den Weltfrieden gefördert hat?
    Ob die Pianistin Hélène Grimaud der Sache der Wölfe gedient hat?


    Immerhin spricht man von diesen „Fällen“.
    Die Projekte haben/hatten eine gewisse Relevanz im gesellschaftlichen Diskurs.
    (Zugegeben: Grimaud ist in diesem Zusammenhang ein Grenzfall... :D)


    Ab einem gewissen Bekanntheitsgrad wird ein Künstler nolensvolens zu einer öffentlichen Person. Und wenn sich zum Beispiel eine (neben der musikalischen auch) intellektuelle Kapazität wie Barenboim für den israelisch-palästinensischen Dialog verwendet, so hat dieser Akt sinnvolle, weltweite Ausstrahlung.


    Problematisch wird es dann, wenn ein Künstler seine gesellschaftliches Engagement ausnützt zur eigenen Gewinnmaximierung, aber dazu fällt mir glücklicherweise kein Beispiel ein: die meisten grossen MusikerInnen, sind „gross“ weil sie auch integer sind.


    Mit liebem Gruss aus Bern


    Walter

    Lieber Theophilius


    Ich bin mir ziemlich unsicher, ob ich Dir zustimmen soll, dass der Orchesterstreik zur Genussoptimierung des Korrepetitors/der Korrepetitorin beiträgt.


    Ohne Zweifel ist es so, dass von den KorrepetitiorInnen ein hohes Mass an Flexibilität gefordert ist, und es ist davon auszugehen, dass die meisten von ihnen dieses auch souverän einlösen.
    (Zu Recht adelst Du ja den Grazer "Studienleiter").


    In den Probe-Räumen der Opernhäuser sind PianistInnen höchster Güte am Werk, ... und ich möchte eigentlich so hochspezialisierte „Ausserirdische“ wie Pollini oder Zimerman nicht in einer Korrepetitionssituation erleben... (Ich kann mich selbstverständlich täuschen, und die Genannten würden auch diese Aufgabe souverän meistern).


    Allein; es liegt naturgemäss nicht im Aufgabenbereich der Korrepetition (und sie sind den diesbezüglichen Stress nicht gewohnt), in Echtzeit im Rampenlicht zu stehen (sitzen).

    Deshalb ziehe ich (auch als Nicht-Hut-Träger virtuell ) meinen „Hut“ ob der gemeisterten Herausforderung, in dieser Ausnahmesituation vor Hunderten von „Schaulustigen“ (und streikbedingt Genervten!) das Orchester zu ersetzen!
    Ein Genuss wird das „Ko–nicht-mehr repetieren-sondern-Realisieren“ wohl eher nicht sein, sondern ein Riesen-Stress! Umso grösser meine Hochachtung vor dieser Leistung.


    Zur „Streikwelle“ möchte ich noch anmerken, dass den Orchestermusikern meine volle Sympathie und Unterstützung gilt:
    Die Pflege und Erhaltung des musikalischen Kulturgutes muss eine edle Staatsaufgabe sein, welche einen adaequat besoldeten Beamtenstatus gerechtfertigt.


    Mit liebem Gruss aus Bern


    Walter

    Lieber Peter,


    völlig d`accord. Ich fand es schade, dass das Werk nicht zum Fliegen kam.
    Soviel ich weiss, war es sehr wohl stimmig eingebettet in in einen grösseren Rahmen.


    Wenn ich von "Projekt verständlicherweise abgelehnt" spreche, meine ich durchaus: "Aus Unkenntnis" und in der Vortstellung eines "reinen Spektakels". Aber ich bin über die näheren Umstände, wie schon gesagt, nicht im Bild. (Wobei sich tatsächlich die Frage stellen lässt, wie sinnvoll es ist, die Aktion über dicht besiedeltem Gebiet durchzuführen).
    Aber ich befinde mich nun wirklich im OT. Sorry.


    Mit lieben Grüssen aus Bern


    Walter

    Lieber Peter,


    vorab vielen Dank für Deinen Willkommensgruss zu so früher Stunde!


    Ich kann Deine Argumentation nachvollziehen und stimme ihr zu. Ich persönlich bin einfach nicht gleichermassen in der Lage, so konzis zu formulieren und verbleibe dann lieber im Allgemeinen.


    Ich bin selbstverständlich auch nicht einverstanden mit der polemischen Art und Weise von Holgers Rundumschlag gegen alles „Neutönerische“ , und gerade seine Verbalinjurien gegenüber Henzes Idiom scheinen auch mir Ausdruck allzu subjektiver Unsachlichkeit zu sein.


    Was ich an seinem Verdruss nachvollziehen kann, ist der Umstand – wenn ich es richtig interpretiere – dass es ihm nicht gelingen will, der Art und Weise wie z.B. Henze die Klänge organisiert einen Gewinn (im Sinne von nährendem Genuss) abzuringen.


    Dass dieser gewinn/genussbringende Effekt nicht alleiniger „Sinn und Zweck“ der Kunst ist, ist mir persönlich sehr wohl klar.
    Ob es Holger klar ist, mag er selbst beantworten.
    Denn was auch ich dezidiert nicht akzeptieren kann, ist der Umstand, dass man aus einem subjektiven Empfinden heraus ein allgemeine Gültigkeit postuliert.


    Bei meiner eigenen Beschäftigung mit der Musik/Kunst, geht es auch mir persönlich selbstverständlich nicht primär um die Genese von „Schönheit“ oder gar „Lebenshilfe“ !


    Aber ich habe keine Hemmung zuzugeben, dass ich mir nach der Arbeit mit Pettersson, Krenek, Wellesz und co. (ganz heimlich) auch mal eine Sinfonie von Schmidt-Kowalsky zu Gemüte führe. :untertauch:
    Einem solchen anachronistischen Produkt würde ich den Kunstrang sicherlich auch nicht absprechen wollen.


    Ebenso unseriös ist es, unserer berüchtigten Helikopteraktion aus subjektiven Gründen nicht den Kunstrang zuzugestehen.
    Wenn wir uns allein des Umstandes bewusst werden, wie lange wir jetzt schon darüber diskutieren!
    Wenn das nicht Sinn und Zweck der Kunst ist!


    (N.B. als Anektote: Stockhausens Helikopterquartett sollte vor einigen Jahren anlässlich einer Biennale in Bern aufgeführt werden. Das Happening kam leider nicht zu Stande: Ich kenne die genauen Gründe nicht, aber man munkelt, das „Schweizerische Pentagon“, welches direkt neben dem Areal der Hochschule für Musik steht, habe (verständlicherweise) sein Veto eingereicht: Man kann ja nie wissen, wie gefährlich so ein „Fliegendes Streichquartett“ ist... :D)


    Ich grüsse Dich herzlich aus Bern


    Walter

    Danke, Audiamus, für die wichtige Ergänzung.


    A propos Rachmaninov - See Villa - Ashkenazy:
    So viel ich weiss, wohnt der grosse kleine Vladimir genau vis-a-vis von Rachmaninovs ehemaligem Domizil: 5 km Luftlinie über eine Zunge des Vierwaldstädtersees:


    Kein Wunder, ist Ashkenazy ein solch trefflicher Sachwalter von Rachs Oeuvre :D!


    Walter grüsst Dich aus Bern

    Meine Lieben


    Na ja: Ob Hinze oder Kunze: Irgendwie verstehe ich den Verdruss von HolgerB durchaus, auch wenn ich die Empfindung habe, dass "le ton qui fait la musique" seiner Argumentationen vielleicht manchmal etwas zu exklusiv ist.


    "Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters" hat ein Wissender gesagt (dessen Name mir gerade nicht präsent ist). Entsprechend kann man formulieren: Die Musik entsteht im Ohr des Hörenden:


    Ich habe mich in den letzten Monaten (als ehemaliger Atonalitätsverächter) intensiv mit den Sinfonien von Krenek, Hartmann, Pettersson, Simpson, Sessions usw. auseinander gesetzt, und habe feststellen dürfen, dass mein Toleranzspektrum sich befreiend ausweitet!
    Gib der Moderne eine Chance, Holger!


    Beste Grüsse aus Bern von
    Walter

    Lieber Christian,


    na ja: Die Virtuosität ist eh nicht mehr so mein Ding.
    Wie schon angedeutet, halte ich mich eher an die lyrischen Bilder.


    Was ich noch gerne mitteilen wollte, ist meine Beobachtung, dass der Choral: "Jesu meine Freude", in der Bach`schen Einrichtung in d-moll, trefflich den Charakter der Coda vorwegnimmt.


    Das ist natürlich sehr subjektiv empfunden und einfach so eine Assozation, die sich mir immer öffnet, wenn die edle Coda des Variationen-Zyklus aufleuchtet.

    Auch wenn ich persönlich transreligiös empfinde, bleibt mir der Fundus der (Bach-)Choräle (abgesehen von den meist bemühenden Texten) ein nährendes Füllhorn tröstlicher Stimmungen.


    Ich weiss nicht, ob es stimmt: Aber ich kann mir vorstellen, dass Rachmaninov auch die lutherischen Choräle kannte und schätzte (von den russisch-orthodoxen natürlich ganz zu schweigen).


    Einen guten Abend wünscht der Berner
    Walter

    Lieber Christian,


    Ja unbedingt: Die Kern-Scheibe ist ein Muss für Rach-Liebhaber! ... und die Kern ist ja wirklich allerliebst :untertauch:


    Mit den Lieblingen habe ich es ebenso: Die wechseln nach Lust und Laune.

    Aber ich danke Dir, dass Du mir die Lust an diesem Zyklus wieder geweckt hast.


    Ich war heute sogar am Klavier damit, auch wenn das virtuose Räderwerk gar nicht mehr rattert;(.



    rachmanine Grüsse aus Bern vom


    Walter

    Meine lieben Rachmaninen,


    Um den Rachmaninov-Corelli Faden weiterzuspinnen, habe ich mir meine diesbezügliche Aufnahme mit der russischen Pianistin Olga Kern angehört: Ich bin fast restlos begeistert! Hier ereignet sich ein kraftvolles und gleichzeitig intelligentes Klavierspiel auf höchstem Niveau:



    Ich habe die „Van-Cliburn-Preisträgerin“ Olga Kern nur ein einziges Mal live erleben können:
    Das war vor 3 Jahren im Konzerthaus Casino Bern, mit Chopins erstem Klavierkonzert, wobei ich gestehen muss, dass ich von ihrem knappen Outfit ebenso angetan war...., wie von ihrem „kernigen“ Klavierspiel.


    Sie macht ihrem Namen auch in Rachmaninovs Variationenzyklus alle Ehre:
    Ich höre in ihrer Aufnahme tatsächlich JEDEN Ton! Auch in den heftigsten Akkordkaskaden gibt es wenig Pedal und viel „kernige“ Agilität in den Fingern: Das ist absolut beeindruckend!


    Nicht von ungefähr gewann sie 2001 den illustren Van Cliburn Wettbewerb.
    (Ex aequo mit Stanislav Joudenich, von dem ich gestehen muss, bis anhin keine Kenntnis genommen zu haben: Ein sehr (zu?) sensibler Pianist, den ich nur von den „youtube“-Schnipseln vom erwähnten Wettbewerb her kenne, und der offenbar kaum ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit getreten ist - Eigenartige Karrieren gibt es!).


    Da scheint mir Olga Kern schon wesentlich robuster zu sein, und somit ist sie als Rachmaninov-Interpretin geradezu prädestiniert: Man höre sie bitte auf youtube mit einem grossartigen „Rach 3“ an:

    http://de.youtube.com/watch?v=fILR2XLeP7s&feature=related


    (N.B. Dennoch ist auch die „Kernige“ Performence nur „halb so geil“, wie die Version vom Klaviergott Grigory Sokolov, von dem auf youtube ebenfalls ein „Rach 3“ zu geniessen ist: Exeptionell! Umwerfend! Himmlisch! Das allerbeste Klavierspiel!


    http://de.youtube.com/watch?v=kwp_pP09WPk&feature=related


    Doch zurück zu den Corelli-Variationen: Was mich ganz besonders befriedigt, ist der Umstand, dass Olga Kern der Text akribisch genau umsetzt.


    Damit meine ich weniger die Selbstverständlichkeit, dass alle Notenpunkte klanglich realisiert werden, als den Umstand, dass auch die (bei Rachmaninov immer sehr detaillierte, exakte und logische) dynamische Notation - also die Staccati, Portati, Sforzzati usw. penibel partiturgetreu realisiert wird.


    Als illlustrierende Anektote zu diesem Sachverhalt, schildere ich gerne meine Beobachtung anlässlich eines Rachmaninov-Meisterkurses von Lazar Berman vor Jahren in Bern:

    Es hat mich (als Hörer) damals eher peinlich berührt, dass der russische Altmeister eine bemitleidenswerte Kursteilnehmerin gleichsam „zur Schnecke“ gemacht hat, weil sie die dynamischen Zeichen von Rachmaninov zu wenig akribisch beachtete:

    Ungeduldig geworden, wuchtete er urplötzlich seine Leibesfülle (vom Klavierstuhl am zweiten Piano) hinauf in die Vertikale, und krächzte in unnachahmlichem Russendeutsch irgend etwas im „phonetischen Bereich“ von:


    „Maaine liiiebe Maadaaam: des is ne guuut: Rachmaaaaninov hat dyyynamische Seichen gaaans geeeeenau notirttt!“


    Dabei ging es „nur“ um die "harmlose" erste Variation ..., welche Olga Kern (wenn auch „lazarbermanmässig rachmaninovdynamokonform“) meines Erachtens definitiv zu schnell realisiert, was denn auch mein einziger Einwand gegen diese bewundernswerte Aufnahme ist.


    Anyway: Die arme gemassregelte Kursteilnehmerin durfte in den weiteren Sessions nicht mehr mitspielen...,und ich hoffe sehr, dass die Probandin den Ausbruch des alten Cholerikers nicht allzu tragisch genommen hat (auch wenn er recht hatte!).


    Mich persönlich traf Bermans Ausruf bis ins Knochenmark: Ich pflegte bis anhin die Werke von Rachmaninov (soweit sie mir technisch zugänglich waren) recht frei zu interpretieren, und realisierte erst aufgrund dieses Ereignisses, dass Sergej („Der Hochverehrte“) wirklich so penibel genaue, dynamische Markierungen setzt.
    Diese gilt es rigoros zu beachten, gerade auch „zum Behufe“ der Vermeidung der "Salonifizierung"seiner Musik.


    Die Kernige Olga liefert meines Erachtens eine sehr empfehlenswerte Klangwerdung, welche (notabene auf einem sehr edlen Steinway) mikrophonmässig optimal eingefangen ist.


    Ich muss allerdings gestehen, dass ich mir die anderen Werke auf dieser CD („Transkriptionen“) noch nicht angehört habe:
    Meine Rezeptionskapazität ist einfach zu beschränkt: Deshalb höre ich mir lieber EIN Stück zehnmal an, als dass ich mich von 10 Stücken verhackstückeln lasse... :D


    Aber ich zweife eigentlich nicht daran, dass auch diese rachmaninovschen Bearbeitungen von Olga Kern hochwertig realisiert werden.


    Schade, dass die Pianistin so selten in Europa auftritt. Die USA haben sie offenbar vercliburnt/vereinnahmt. Nun ja, auch Amerika braucht (russische) Herzenswärme: Mehr denn je!


    Mit liebem Gruss aus Bern


    Walter

    Hallo liebe Stimme,


    das ist ein ganz hervorragender Beitrag, dem es kaum etwas beizufügen gibt.
    Uneingeschränkte Uebereinstimmung und Anerkennung!


    Zu den 10 "Unverzichtbaren Weiblichen" möchte ich zwei Werke beifügen:


    Amy Beach: Sinfonie e-moll, op.32
    Grete von Zieritz: Concertino 1982


    Mit freundlichem Gruss aus Bern


    Walter

    Lieber Christian,


    Ja, den Artikel in Piano-News habe ich auch gelesen.


    Rachmaninovs schweizer Anwesen ist mit einer grossen Mauer umgeben und wirkt ziemlich abweisend..., umso mehr Gänsehaut kriegt der Rach-Jünger..., der sich vorstellt, wie Väterchen Sergej hier vor Jahren an seiner 3. Sinfonie kritzelte...


    Mir sind eigentlich die lyrischen Abteilungen nah am Herz: Also etwa 4 und 8.
    Umwerfend finde ich die Coda: Welche Dichte auf nur 17 Takten!


    Ich grüsse Dich herzlich


    Walter

    Hallo Christian,


    danke für das Wachküssen des Threads dank der jungen Olga Schep.


    Die Corelli-Variationen liebe ich innig. Die Stücke sind konzentrierter und der Zyklus ist als Ganzes übersichtlicher und zwingender als die Chopin-Variationen.


    Die Pletnev Aufnahme kenne ich gut und schätze es sehr, dass sie auf Rachmaninovs historischem Steinway in Hertenstein am Vierwaldstättersee eingespielt wurde. (Ich habe die „Villa Senar“ einst einmal besucht, sie aber leider nur von aussen bewundern können: Eine grosszügige Flachdach-Villa im Bauhausstil).


    Die Olga Kern-Scheibe steckt noch ungehört im Regal...
    Ich darf aber ganz zögerlich und unbescheiden darauf hinweisen, dass ich den Zyklus einst selber spielte.

    Ich nehme mir beim Vortrag jeweils die Freiheit, in den Ablauf der Variationen einige Bach-Sarabanden (aus tonartlich passenden Suiten) einzuflechten: Auf den ersten Blick („Hör“) ein Sakrileg auf beide Seiten hin: WAS? Bach kombiniert mit Rachmaninov?!? Das geht doch nicht...!
    Doch das geht: Und das copyright für diese Chuzpe liegt bei mir!:boese2:


    Man möge sich überraschen lassen, wie sich diese beiden stilistisch so scheinbar divergierenden Idiome gegenseitig befruchten! Rachmaninov war mit Sicherheit ein grosser Verehrer von Bach (Zudem ist das Corelli-Thema ja auch eine Barock-Sarabande)


    Na ja, vielleicht schaffe ich es ja wieder einmal ans Klavier mit den Sachen.



    Zur Scheps Haltung am Klavier bei Rachmaninov bzw. Schubert:
    Das Virtuosenfutter „Wanderer-Fantasie“ ist eigentlich (im Gegensatz zu einigen sperrigen Sonatensätzen) nicht gegen das Klavier geschrieben, auch wenn es darin durchaus gewisse Sprödigkeiten und "Unverdaulichkeiten" gibt.


    Möglich, dass die russische Pianistin naturgemäss zu Rachmaninov eine grössere Affinität besitzt als zu Schubert und sich deshalb freier fühlte.
    Vielleicht ist die berüchtigte Fantasie für sie ja auch nur ein pflichtgemäss einstudiertes Wettbewerbsstück...


    Aber der „Corelli“ ist halt schon ein tolles Stück Klaviermusik, und da hat es der olle Franzl schon schwer mit seinem Wanderer-Brocken...


    Vivat Sergej!


    meint mit lieben Grüssen aus Bern der


    Walter

    Meine Lieben


    Na ja: Wie ein Meisterwerk enden sollte, möge nicht unsere Sorge sein.
    Ich verstehe aber den Wunsch von Barezzi, die „Oper“ möge doch auch so tragisch enden, wie sie beginnt...

    Ich habe dieses Konzert übrigens schon zwei mal mit Maria Joao Pires live erleben dürfen: Erinnerungswürdige Highligts meiner Konzertbesuche. Sie spielt „ihren“ Mozart immer sehr kernig und relativ gross/bzw.laut, was mir ausserordentlich gut gefällt.


    Ich besitze die tolle DVD eines „Europakonzerts 2003“ mit Pires/Boulez und den Berlinern (und wundere mich, dass die Pires auch hier, und immer öfter, auf Yamaha spielt... der meines Erachtens eher ein Jazz-Piano ist: Ob die Pires ihrem verehrten Richter nacheifert...?)



    Mit liebem Gruss aus Bern


    Walter

    Liebe Schmidt-LiebhaberInnen,


    die 2. Sinfonie von Franz Schmidt ist ein grosser Wurf, ein Ereignis! Jedenfalls in meinen Ohren.


    Wie beim gleichzahligen Werk des Hamburgers Johannes, hat auch die zweite Sinfonie des Wieners Franz einen gewissen pastoralen Charakter, auch wenn dieser sich in grossflächigeren und zerklüfteteren Landschaften formt, als die brahmssche Skulptur, welche geprägt ist von der sanfteren Tektonik kärntnerischer Hügel (Brahms schrieb seine Zweite in Pörtschach).


    Der Vergleich mag etwas gar plump sein: Aber mir erscheint Franz Schmidts zweite Sinfonie in Es-Dur ( komponiert: 1911-13, Uraufführung: Wien 1913) wie eine Vermählung von Brahms` Zweiter mit Bruckners Zweiter, getraut von Oberpriester Zemlinsky... :D


    Diese (im Sinne seriöser Musikwissenschaft wohl ziemlich peinliche) Allusion mag man bitte dem Laien verzeihen: aber so ist nun halt einmal mein unreflektierter Eindruck.


    Ich gebe zu: Man empfindet angesichts des suggestiven Klanggewabers im Spannungsbereich zwischen den Idiomen von Brahms und Bruckner durchaus auch manchmal eine gewisse Richard Strauss-Nähe.
    Aber während sich Strauss wohl in klebrigen Girlanden „jugendlichen Stils“ verheddern würde, destilliert Franz Schmidt seine Themen zu klar abgrenzbaren, akribisch( kontrapunktisch) elaborierten Kristallketten, und lässt diese glitzern in klarer orchestraler Beleuchtung, fern von “neonröhrenhafter“ straussenscher Glühwürmchen-Aura.


    Der 2. Satz ist ein edles, 20-minütiges Variationengebilde von suggestiver Kraft, und für die „palestrinischen“ Fugato-Emanationen im 3. Satz gibt es überhaupt keine adaequaten Worte: Einfach himmlisch, dieses kontrapunktische Festival!

    Das ist herzbewegend gute Musik, und um solche zu propagieren, habe ich mich entschlossen (trotz massivem gesundheitlichem Handicap) dem Forum Tamino wieder beizutreten!


    Zugegeben: ich bin ein ergebener (und deshalb vielleicht etwas gar unkritischer) Fan von Schmidt Franzens Musik.


    Seine musikalischen Ergebnisse - seien es die Sinfonien, sei es die Kammermusik, oder das grossartige Oratorium „Das Buch der sieben Siegel“ - berühren mein Herz (und auch meinen Kopf!) bei jedem Hördurchgang tiefer und essenzieller.
    Ich kann nicht erklären, weshalb. Und will es eigentlich auch nicht. Ich bin einfach dankbar (und möchte werben) dafür.


    Warum erklingt diese grosse Musik so selten im Konzertsaal?

    Sie ereignet sich meines Erachtens auf dem gleichen Level, wie der Klangkosmos eines Gustav Mahler (der mich aber nach wie vor leider relativ kalt lässt), und es besteht eine massive qualitative Differenz zu den bemühend artifiziellen Ergebnissen eines Richard Strauss, dessen musikalisches Bedeutsamkeitsgewölle die Rezeption der Fin-de-Siecle-Musik total usurpiert hat.


    Ich halte mich übrigens mit Überzeugung an die sehr anhörliche (wenn auch etwas bläserlastige) „Järvisierung“ der schmidtschen Partitur durch das fulminante Orchester aus Obama-town (Chicago).


    Selbstredend interessieren mich Eure Erfahrungen mit den Schmidt-Sinfonien brennend.


    Mit liebem Gruss aus Bern


    Walter

    Danke, liebe Ulrica, für die notwendige Ergänzung und Korrektur meines Beitrages.
    Ich bin selbstverständlich einverstanden mit jedem Wort von Dir.


    Ich habe wohl tatsächlich Unsinn geschrieben und ärgere mich schrecklich über mich.
    Ich werde für mich die Konsequenzen ziehen müssen und mich in Zukunft aus jeglicher Diskussion heraushalten, um nicht andauernd in Fettnäpfchen zu treten.

    Um zu Diskutieren braucht es klare Positionen, und solche einzunehmen ist mir nicht gegeben, oder ich tue es dann in solch ungeschickter Weise wie in meinem verunglückten Beitrag (mit dem ich selbstvertändlich – das mögest Du mir zugute halten – niemanden verunglimpft habe).


    Ich bitte Euch alle, auf mein Posting nicht mehr zu reagieren (Ulrica hat alles gesagt):
    Ich befinde mich momentan in einem kritischen gesundheitlichen Zustand, der keine zusätzliche Aufregung mehr erträgt. Man erlaube mir diese persönliche Bemerkung und komme meiner Bitte nach. Danke.


    Mit liebem Gruss
    Walter

    Lieber Jacques Rideamus


    Es ist ja völlig klar, dass solche gefühlten Mutmassungen in keinster Weise generalisieren dürfen und wollen. Ich will beileibe ja auch gar nicht behaupten, dass die entsprechenden Berufsgruppen nicht gerne Kultur konsumieren würden, ich habe allenfalls meine Zweifel, ob man/frau vom Schreibtisch aus überhaupt in der Lage ist, eine visionäre Kulturpolitik zu gestalten, im Sinne eines notwendigen Paradigmawechsels.


    Aufhänger für meinen Beitrag ist aber tatsächlich ein oft gehörtes Klagelied von Berner Kulturschaffenden: „Wir sind halt eine Beamtenstadt, da kann man nicht ein grösseres Engagement erwarten von der Bevölkerung“. (Vielleicht ist es ja nur ein gängiges Vorurteil. Jedenfalls ist anzufügen, dass die aktuelle rot-grüne Stadtregierung kulturell sehr engagiert ist und das kulturelle Angebot für so eine kleine Stadt riesig ist. Aber Stadt und Bund sind bekanntlich zwei verschiedene Schuhe)


    Mit liebem Gruss aus Bern, der langjährige Beamte :D und Ver-


    -walter

    Liebe ForianerInnen


    Ich verfolge die Diskussion mit Interesse. Ich kann natürlich zu den deutschen Verhältnissen nicht Stellung nehmen. Was die eidgenössischen betrifft, habe ich auch nicht wirklich eine grosse Ahnung. Ich möchte einfach eine Beobachtung festhalten:

    Das Sinfonieorchester in Bern erfreut sich eines hohen Niveaus: Es kann sich (durch Dutoit, Kitajenko und Boreyko veredelt) im schweizerischen Vergleich absolut hören lassen:
    Im Klartext: Es steht auf gleichem Niveau wie Tonhalle Zürich, Orchestre de la suisse romande und Basler Sinfonieorchester.
    Aber: Im Berner Konzerthaus sitzen im schweizerischen Vergleich leider die wenigsten ZuhörerInnen (wenn auch immer noch erstaunlich viele).
    Weshalb wohl?

    Bern ist die Bundesstadt, d.h. die Verwaltungsstadt der Schweiz, eine Beamtenstadt eben. (Eine sehr liebenswürdige allemal!)
    Die Verwalter, sprich die Beamten, würden zwar durchaus einen Teil der sogenannten kulturtragenden Bevölkerungsschicht repräsentieren, sind aber möglicherweise den musischen Disziplinen tendenziell weniger zugetan, als die zürcherischen, baslerischen, und genfer Geschäftsleute, Industriellen und traditionell kulturbeflissenen RepräsentantInnen, deshalb werden die dortigen Konzertsääle besser frequentiert.


    Ich folgere mal frisch und unbekümmert von der Leber weg:
    Der Charakter eines Verwalters/einer Beamtin ist möglicherweise dem Wesen der kreativen Ungeordnetheit weniger kompatibel.
    Deshalb kann ich mir vorstellen, dass musisch begabte Menschen wohl eher seltener zum Beamtenstatus greifen. (mit löblichen Ausnahmen natürlich).
    Es liegt mir fern, irgendwelche generalisierenden Beurteilungen vorzunehmen. Jeder Mensch und jeder Beruf hat meinen vollen Respekt. Man erlaube mir einfach folgende Spekulationen im Zusammenhang mit dem Threadthema:


    Es sind wohl vorwiegend Menschen mit (respektablem) ordnendem Verwaltergeist, welche die Schulpläne gestalten...
    Es sind wohl vorwiegend Menschen mit (respektablem) Sinn für ökonomische Zusammenhänge, welche die Schulpläne gestalten...
    Es sind wohl vorwiegend Menschen, welche den Topos der (respektablen) Effizienz über denjenigen der chaotischen Kreativität setzen, welche die musisch unterdotierten Schulpläne gestalten... Ob es die kreativen Chaoten besser könnten, ist eine andere Frage.


    Das möge um Himmels Willen nicht als undifferenzierte Beamtenschelte missverstanden werden: Das alles sind engagierte Menschen, welche das Staatsgefüge koordinieren, und wir müssen ihnen dankbar sein, für ihr Besorgtsein darum, dass überhaupt noch etwas funktioniert.


    Aber ich kann mir dennoch vorstellen, dass in einer Verwaltungsstadt das Konzerthaus tendenziell schlechter besucht ist.


    Vielleicht war deshalb das Berner Konzerthaus nur halb gefüllt, als letzthin die bezaubernde Anu Tali dirigierte... und, das wäre ein positiver Effekt gewesen, es hätten noch einige Schulklassen im Saal Platz gefunden, um zu erleben, welch seelenbewegende Sache die Musik ist.


    Und dafür möchte ich plädieren: Für mehr schulkompatible Erlebnisräume im musikalischen Bereich (Probenbesuche/Werkstattbesuche/Projekte zusammen mit den kulturellen Institutionen usw.)



    Mit lieben Grüssen aus Bern


    Walter

    Nicht unerwähnt lassen will ich die (auch von meinen Vor-postern empfehlend erwähnte) Sinfonische Dichtung "chant funebre", ein Klagegesang von epischer Tiefe!


    Auch kammermusikalisch hat Magnard Bedeutendes geleistet:
    Mein Favorit ist das Klaviertrio op.18
    in einer Aufnahme bei Accord (200102) mit Christoph Keller (Klavier) Adelina Oprean (Violine), Thomas Demenga (Violoncello)


    Magnard wurde von Debussy links überholt und in den Strassengraben geworfen.
    Es ist Zeit, dass wir ihn pflegen.


    Mit liebem Gruss aus Bern vom


    Walter

    Liebe Schmidt-Begeisterte


    Seit Kurzem komme ich in den Genuss einer Aufnahme von Franz Schmidts Klavierkonzert, welche jegliches, in der Grande/Luisi Aufnahme subjektiv moniertes Defizit, erfüllt:



    Konzert für Klavier (linke Hand) und Orchester Es-Dur (1934)
    Chaconne cis-moll für Orchester (1931)


    Karl-Andreas Kolly
    Wiener Jeunesse Orchester
    Herbert Böck


    Pan classics 510 081
    1995
    (Musikverlag Pan AG
    Schaffhauserstrasse 280
    CH-8057 Zürich)


    Die Aufnahme wird zwar weder von jpc noch von amazon geführt, ist aber in ausgewählten CD-Geschäften erhältlich, ebenso bei der Schmidt-Gesellschaft in Wien, oder beim Pianisten persönlich.




    Karl-Andreas Kolly, der Solist dieser Einspielung, ist ein beachtenswerter, schweizerischer Tastenvirtuose (Professor an der Musikhochschule Zürich-Winterthur), der u.a. das Skrjabin-Klavierkonzert in souveräner Manier und in kongenialer Partnerschaft mit dem leider verstorbenen Armin Jordan vorgelegt hat.


    Das Orchester dieser erfreulichen Schmidt-Aufnahme ist die „Wiener Jeunesse“ unter Herbert Böck, ein Ensemble aus AbsolventInnen der Wiener Musikhochschulen, welches mit unvergleichlich mehr Herzblut an die wertvolle Schmidt-Sache heran geht als die Kombination Luisi/MDR.


    Kolly scheint mir, zu recht, den langsamen Satz als meditatives Zentrum des Konzerts zu empfinden und gedeiht ihm sorgfältigste Pflege an:
    Obwohl das Tempo sogar etwas schneller genommen wird als bei Grande/Luisi, wirkt der meditative Satz bei Kolly bedeutend ausgeglichener als bei Grande.


    Die langen, mono-tönigen (nicht monotonen) Tongirlanden werden durch Kolly nicht so unsensibel buchstabiert, wie durch Grande, der mit dieser bemerkenswert bescheidenen, unvirtuosen Textur irgendwie wenig anfangen kann, obwohl seine Interpretation alles andere als schlecht ist: sie trifft einfach, für mein Empfinden, die Aussage des Satzes nicht optimal.


    Die Anlage des Mittelsatztes ist „simpel“ und entsprechend schwierig: Ton wird an Ton gereiht, es passiert scheinbar wenig, aber bei Kolly ist der Duktus agogisch gefühlssicher differenziert und im piano-Bereich dynamisch reich schattiert.


    Ich möchte allen sensiblen LiebhaberInnen der romantischen Musik diesen Satz ans Herz legen: Das ist Musik, die ist Musik, die ist Musik. Es geschieht fast nichts, es fliesst einfach, so wie das Leben fliesst.


    Diese Musik ist von solcher Innigkeit, dass mir andauernd die Haare zu Berge stehen (und Karl Andreas Kolly und die „Wiener Jugend“ unter Böck leisten Berührendes: Sie generieren ein Klangmelos, das bei mir quasi als himmelaufragendes Haar-Gel wirkt... :D)


    Die Ecksätze sind zu recht sinfonisch empfunden und in jeder Hinsicht souverän gemeistert, sowohl durch den virtuosen Kolly, wie auch durch das engagierte „Jugendorchester“ aus Schmidt Franzens (und des gleichnamigen Alfredens) Heimatstadt, die mir leider (shame on me) noch unbekannt ist...


    Ein Geschenk, diese Aufnahme!


    Mit liebem Gruss aus Bern vom


    Walter

    Lieber Davidoff


    Danke für die gewohnt übersichtlich dargestellte Sinfonik von Magnard.


    Ich kann persönlich mit der spätromantischen französischen Orchestermusik eher wenig anfangen.


    Ausnahmen sind: die Sinfonie von Chausson und die vier Sinfonien von Magnard.


    Dessen hoch interessante 16 Sinfoniesätze aber vermitteln (zumindest mir) keinen einheitlichen Eindruck. Stilistisch sind Anklänge von grossen Spannbreite auszumachen.


    Magnards Musik ist gut gemacht, nie langweilig, wenn auch zuweilen sehr dicht und komplex.
    Durch seine geschickte Assimilierung der verschiedensten Ausdrucksstile aus dem reichen Fundus der spätromantischen Idiomatik, ist die Musik absolut nie monoton, aber gerade deswegen relativ anstrengend:


    Mal klingt die Sache nach „si belle jus“, dann wieder nach „d`veau Jacques“... :D

    Es gibt Stellen, die mich an „s`cri à bien“ erinneren oder an „raque main en oeuf“... :D


    Ich empfinde Momente, die einerseits vom frühen „Arnaud bellemontagne“ inspiriert scheinen, andererseits kennt Magnard auch seinen altehrwürdigen „Chaude Anne se bas tien Baque“... :D


    Dann klingt die Sache wieder nach „Mas laire“ oder auch nach „chose taque aux viques“... :D


    Am ehesten empfinde ich eine gewisse Nähe zu „elle garre“ und allenfalls zu „bruque naire“... :D


    Ein virtuoses Potpourri quer durch die Musikgeschichte wird mir geboten, ohne je ein Zitat zu verwenden oder gar ein Plagiat zu begehen. Entdeckenswert!


    Empfehlenswert sind die Aufnahmen mit Plasson und Toulouse, mit denen ich zufrieden bin, wobei ich keine anderen kenne.


    Mit liebem Gruss aus Bern vom


    Walter