Meine lieben Rachmaninen,
Um den Rachmaninov-Corelli Faden weiterzuspinnen, habe ich mir meine diesbezügliche Aufnahme mit der russischen Pianistin Olga Kern angehört: Ich bin fast restlos begeistert! Hier ereignet sich ein kraftvolles und gleichzeitig intelligentes Klavierspiel auf höchstem Niveau:

Ich habe die „Van-Cliburn-Preisträgerin“ Olga Kern nur ein einziges Mal live erleben können:
Das war vor 3 Jahren im Konzerthaus Casino Bern, mit Chopins erstem Klavierkonzert, wobei ich gestehen muss, dass ich von ihrem knappen Outfit ebenso angetan war...., wie von ihrem „kernigen“ Klavierspiel.
Sie macht ihrem Namen auch in Rachmaninovs Variationenzyklus alle Ehre:
Ich höre in ihrer Aufnahme tatsächlich JEDEN Ton! Auch in den heftigsten Akkordkaskaden gibt es wenig Pedal und viel „kernige“ Agilität in den Fingern: Das ist absolut beeindruckend!
Nicht von ungefähr gewann sie 2001 den illustren Van Cliburn Wettbewerb.
(Ex aequo mit Stanislav Joudenich, von dem ich gestehen muss, bis anhin keine Kenntnis genommen zu haben: Ein sehr (zu?) sensibler Pianist, den ich nur von den „youtube“-Schnipseln vom erwähnten Wettbewerb her kenne, und der offenbar kaum ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit getreten ist - Eigenartige Karrieren gibt es!).
Da scheint mir Olga Kern schon wesentlich robuster zu sein, und somit ist sie als Rachmaninov-Interpretin geradezu prädestiniert: Man höre sie bitte auf youtube mit einem grossartigen „Rach 3“ an:
http://de.youtube.com/watch?v=fILR2XLeP7s&feature=related
(N.B. Dennoch ist auch die „Kernige“ Performence nur „halb so geil“, wie die Version vom Klaviergott Grigory Sokolov, von dem auf youtube ebenfalls ein „Rach 3“ zu geniessen ist: Exeptionell! Umwerfend! Himmlisch! Das allerbeste Klavierspiel!
http://de.youtube.com/watch?v=kwp_pP09WPk&feature=related
Doch zurück zu den Corelli-Variationen: Was mich ganz besonders befriedigt, ist der Umstand, dass Olga Kern der Text akribisch genau umsetzt.
Damit meine ich weniger die Selbstverständlichkeit, dass alle Notenpunkte klanglich realisiert werden, als den Umstand, dass auch die (bei Rachmaninov immer sehr detaillierte, exakte und logische) dynamische Notation - also die Staccati, Portati, Sforzzati usw. penibel partiturgetreu realisiert wird.
Als illlustrierende Anektote zu diesem Sachverhalt, schildere ich gerne meine Beobachtung anlässlich eines Rachmaninov-Meisterkurses von Lazar Berman vor Jahren in Bern:
Es hat mich (als Hörer) damals eher peinlich berührt, dass der russische Altmeister eine bemitleidenswerte Kursteilnehmerin gleichsam „zur Schnecke“ gemacht hat, weil sie die dynamischen Zeichen von Rachmaninov zu wenig akribisch beachtete:
Ungeduldig geworden, wuchtete er urplötzlich seine Leibesfülle (vom Klavierstuhl am zweiten Piano) hinauf in die Vertikale, und krächzte in unnachahmlichem Russendeutsch irgend etwas im „phonetischen Bereich“ von:
„Maaine liiiebe Maadaaam: des is ne guuut: Rachmaaaaninov hat dyyynamische Seichen gaaans geeeeenau notirttt!“
Dabei ging es „nur“ um die "harmlose" erste Variation ..., welche Olga Kern (wenn auch „lazarbermanmässig rachmaninovdynamokonform“) meines Erachtens definitiv zu schnell realisiert, was denn auch mein einziger Einwand gegen diese bewundernswerte Aufnahme ist.
Anyway: Die arme gemassregelte Kursteilnehmerin durfte in den weiteren Sessions nicht mehr mitspielen...,und ich hoffe sehr, dass die Probandin den Ausbruch des alten Cholerikers nicht allzu tragisch genommen hat (auch wenn er recht hatte!).
Mich persönlich traf Bermans Ausruf bis ins Knochenmark: Ich pflegte bis anhin die Werke von Rachmaninov (soweit sie mir technisch zugänglich waren) recht frei zu interpretieren, und realisierte erst aufgrund dieses Ereignisses, dass Sergej („Der Hochverehrte“) wirklich so penibel genaue, dynamische Markierungen setzt.
Diese gilt es rigoros zu beachten, gerade auch „zum Behufe“ der Vermeidung der "Salonifizierung"seiner Musik.
Die Kernige Olga liefert meines Erachtens eine sehr empfehlenswerte Klangwerdung, welche (notabene auf einem sehr edlen Steinway) mikrophonmässig optimal eingefangen ist.
Ich muss allerdings gestehen, dass ich mir die anderen Werke auf dieser CD („Transkriptionen“) noch nicht angehört habe:
Meine Rezeptionskapazität ist einfach zu beschränkt: Deshalb höre ich mir lieber EIN Stück zehnmal an, als dass ich mich von 10 Stücken verhackstückeln lasse... 
Aber ich zweife eigentlich nicht daran, dass auch diese rachmaninovschen Bearbeitungen von Olga Kern hochwertig realisiert werden.
Schade, dass die Pianistin so selten in Europa auftritt. Die USA haben sie offenbar vercliburnt/vereinnahmt. Nun ja, auch Amerika braucht (russische) Herzenswärme: Mehr denn je!
Mit liebem Gruss aus Bern
Walter